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In der Schilderung, wie Steller Bering trifft, ist unschwer ein Zitat des Kupferstichs von Albrecht Dürer zu erkennen:
Nicht nur hat die Dürersche Bildfigur, ebenso wie Bering, den Kopf zum Zeichen melancholischen Tiefsinns
in die eine Hand gestützt und hält in der anderen Hand einen Zirkel (Zeichen der traditionell dem Saturn und seinen Planetenkindern zugeordneten Meßkünste Geometrie und Astronomie); auch finden sich die Flügel der Melencolia, Zeichen geistig-seelischen Aufschwungs, als Tätowierung auf Berings Hand wieder. Ferner sitzt Dürers Bildfigur ebenso wie Bering zwar nicht in, wohl aber unmittelbar neben einem fensterlosen Gebäude. Und obwohl Sebalds Erzähler keine Landschafts beschreibung liefert, scheint die von Dürer gestaltete Hintergrundlandschaft mit dem offenen Meer und den weißen Küstengebirgen besonders gut zur Vorstellung von Bering an der Ostküste von Kamtschatka und im Begriff, nach Alaska aufzubrechen, zu passen. Auch die Beschreibung von Berings Aufschauen zeigt deutliche Affinitäten zu Dürers Bild. Ebenso wie Dürers Stich die wachen, ernsten Augen und damit die Nachdenklichkeit der dunkelgesichtigen Melencolia betont, hebt auch Sebalds Beschreibung den Blick hervor, mit dem Bering Steller ansieht. Die Langsamkeit, mit der Bering die Augen aufmacht, weist zudem auf die typisch melancholische Eigenschaft der Trägheit (acedia) hin. Schließlich erinnert auch der Vergleich von Berings Trauer mit einem schwarzen Mantel an das schwere Kleid der Melencolia, das sie ungeachtet ihrer Flügel am Erdboden festzuhalten scheint.
[Nach der Natur S. 48 ff]
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