Manche Nebelflecken löset keine Auge auf





Zitate







Nach der Natur
  • S. 3
  • S. 5, 33
  • S. 6
  • S. 10ff
  • S. 20 f.
  • S. 29
  • S. 29 ff.
  • S. 35
  • S. 36
  • S. 40
  • S. 48
  • S. 52 f.
  • S. 68
  • S. 69
  • S. 70
  • S. 72
  • S. 80
  • S. 89
  • S. 91
  • S. 96

Schwindel.Gefühle.
  • S. 3
  • S. 7ff
  • S. 11ff
  • S. 14ff
  • S. 17
  • S. 17f
  • S. 21f
  • S. 29ff
  • S. 33
  • S. 161
  • S. 163ff
  • S. 168ff
  • S. 168ff
  • S. 178ff
  • S. 179f
  • S. 186ff
  • S. 291

Die Ringe des Saturn
  • S. 3
  • S. 9
  • S. 9
  • S. 9
  • S. 21
  • S. 32
  • S. 206
  • S. 207
  • S. 208
  • S. 217
  • S. 226
  • S. 228
  • S. 264
  • S. 268
  • S. 321ff
  • S. 338f
  • S. 339f

Die Ausgewanderten
  • S. 5
  • S. 39
  • S. 57
  • S. 95
  • S. 262

Austerlitz
  • S. 54 f.
  • S. 95
  • S. 254
  • S. 341ff
  • S. 380f
  • S. 396f

Campo Santo
  • S. 12
  • S. 40
  • S. 140
  • S. 169
  • S. 182
  • S. 235
  • S. 237

Unerzählt
  • S. 17
  • S. 67

Über das Land und das Wasser
  • S. 47
  • S. 48
  • S. 52
  • S. 52
  • S. 65
  • S. 65
  • S. 66
  • S. 67
  • S. 67




H.G. Adler: Theresienstadt 1941-1945: das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. 1955 S.159ff
Nichts interessierte die SS in einem Lager mehr, als daß die gemeldete Anzahl der Gefangenen genau stimmte. Am Tage nach Edelsteins Verhaftung brachte der TB vom 10. November 1943 den Befehl zu einer „Volkszählung" mit vielen Anweisungen. Es lag nicht im Sinne Burgers, es einfach und vernünftig wie bei früheren Zählungen zu machen. Er ordnete eine Zählung innerhalb der Quartiere an in der Nacht vom 10. zum 11. und eine zweite unter freiem Himmel im Bohusevicer Kessel für den 11. November. Für die Nacht wurde von 23 bis 5 Uhr strengste Ausgehsperre verhängt, von der nur die Zähler und einige ausdrücklich genannte Funktionäre befreit waren. Während der Zählung durfte in den Häusern Licht gebrannt werden; umständliche Bogen wurden ausgefüllt. Die Anweisungen und Erklärungen für sie füllten viele Seiten. Nicht viele Gefangene schliefen in dieser unruhigen Nacht, zumal die meisten dem nächsten Morgen mit bangen Gefühlen entgegensahen.
Zur Zählung unter freiem Himmel hatte jung und alt anzutreten. Küchen und Bäckerei mußten ihren Betrieb einstellen. Ausnahmen bildeten nur das unerläßlich nötige Personal für Kesselhäuser, Wasserwerk, Elektrizitätswerk usw. und Schwerkranke, die, soweit sie nicht in Krankenhäusern und „Heimen" waren, dorthin geschafft werden mußten, wo ein eingeschränkter Ärzte- und Schwesterndienst aufrechterhalten wurde. Nach einem in allen Einzelheiten festgelegten Plan trat man in den Höfen zwischen 5-30 und 9.30 Uhr an; je eine halbe Stunde später wurde abmarschiert. Wegen der Nervosität der HausäItesten und anderer Funktionäre wurde jedoch schon früher angetreten, was zur Pein des schweren Tages nicht wenig beitrug. Jeder bekam etwas Brot, Margarine, Leberpastete und Zucker als Tagesration, denn es wurde nicht gekocht. Besorgnisse wurden laut, namentlich ältere Leute glaubten nicht mehr an eine Rückkehr; es sah nach einer Auflösung des Lagers aus. Manche bepackten sich mit Habseligkeiten, Decken, Eßgeschirr und Wäsche- Greise waren so behangen, daß sie sich fast nicht mehr bewegen konnten, und nur schwer ließen sie sich ein wenig beruhigen und überreden, nicht so viel mitzuschleppen, sie würden abends wieder in ihren Stuben sein. Man glaubte das nicht und fast schien der Tag die Befürchtungen zu bestätigen. Nach stundenlangem Warten zog man los. Zur Ordnung des Abmarsches und zur Aufstellung auf dem feuchten Felde jenseits der Festungsmauern waren Angehörige der verschiedenen Sicherheitsformationen unter dem Kommando des berüchtigten Mandler bestellt, der sich auch diesmal, wie früher bei den Verschickungen aus dem "Protektorat" unrühmlich auszeichnete. Seine Leute waren an hohen weißen Papierturbanen kenntlich, in denen sie, komisch genug, wie Köche aussahen. Auf dem Wege zählten sie wiederholt die vorüberströmenden Menschen reihen und postierten sie auf dem Felde, wo an numerierten Holztafeln kenntliche Plätze eine gruppenweise Zählung erleichtern sollten. Niemand durfte seinen Platz verlassen. Seitwärts wurde eine Gruppe mit mindestens hundert Tragbahren aufgestellt. Das Feld war mit Gendarmen umstellt, die ihre Gewehre in Anschlag gegen den Menschenhaufen halten mußten.
Es war ein unfreundlicher Novembertag, kühl, feucht und nebelig. Nach vielen Stunden trafen endlich SS-Männer auf Motorrädern ein, gingen die Reihen ab, zählten und verzählten sich und begannen von neuem - sie haben gewiß nicht den richtigen „Stand" errechnet. Es war nicht wie bei einem Zählappell im Konzentrationslager, bei dem die einzelnen Gruppen die nachher überprüfte Zahl selbst meldeten. Hier zählte nur die verärgerte SS. Bald hagelte es Ohrfeigen, wenn jemand nicht ordentlich in der Reihe stand. Manche mußten sich selber ohrfeigen. Nach etwa zwei Stunden zog die SS um 17 Uhr ab, doch es folgte kein Befehl und keine Erlaubnis zur Heimkehr. Man blieb weiter stehen und durfte nicht austreten, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Es wurde kälter, es begann zu regnen, Greise und Kinder froren und wurden naß bis auf die Haut. Bald war es dunkel, und weitere Stunden vergingen. Die Menge wurde immer erregter und von arger Angst ergriffen. Viele hielten es nicht aus und brachen zusammen. Außer von Mensch zu Mensch gab es keine Hilfe. Nachdem man etwa fünfzehn Stunden gestanden hatte, wurde endlich um 20.30 Uhr aufgebrchen, doch wußte niemand ob man eigentlich nach Hause dürfe, denn angesagt wurde nichts, und Mandler mit seinen Gesellen war verschwunden. Niemand leitete die Rückkehr, die Menschen gerieten in Panik und drängten in einem wüsten Durcheinander in der Richtung zum einzigen Ausgang aus diesem Kessel. Das Rückfluten von über 30000 Menschen dauerte mehrere Stunden und wurde nur ein wenig von einigen vernünftigen GW-Männern an der ganz verstopften Ausgangsstelle gezügelt, um ärgstes Unheil su verhüten. Um 11 Uhr nachts erst war die Rückkehr in die Stadt halbwegs beendet, aber viele ältere und kranke Menschen waren zurüdtgebliebcn, weil sie nicht mehr gehen konnten. Sie hatten sich im Dunkel in die halbfertigen „Südbaracken" geschlichen, wo sie hilflos lagen und auch einschliefen. Die ganze Nacht über mußte man sie bergen; die Männer mit den Tragbahren, die den Tag und den Abend über untätig zuschauen mußten, hatten viel zu tun. So endete der einzige Ausflug aus dem „Ghetto", der für Zehntausende der einzige Ausgang aus der Festung während der Lagerjahre blieb.
Schwere Erkältungen, Lungenentzündungen und andere Krankheiten waren die Folgen des bösen Tages. Manche starben gleich oder bald nach der Zählung. Das Lager geriet für mehrere Tage durcheinander; man war übermüdet, die Betriebe gestört, die Küchen funktionierten schlecht, und die Brotzuteilung kam erst nach vielen Tagen wieder in Ordnung, ratenweise wurden die zustehenden Mengen ersetzt. Die Zählung aber war mißlungen. Man ordnete für die Tage vom 19. bis zum 24. November 1943 eine weitere an, die alphabetisch vor sich ging. Die Bettlägerigen wurden aufgesucht, die übrigen mußten in Gruppen antreten und wurden nach ungefähr zweistündiger Wartezeit an die Schalter der „Bank" geführt, die ihre normale Arbeit unterbrechen mußte, und hier wurde unter Kontrolle der Personalausweise von jüdischen Funktionären und SS-Männern gezählt. Nach dieser Zählung errechnete man für den 30. November 1943 40145 Gefangene.
....
Die „Verschönerung", zu deren hauptverantwortlichem jüdischen Organisator Murmelstein bestellt wurde, bestand in vielen Maßnahmen für eine gefällige Veränderung des Stadtbildes, soweit man das Lager einer Kommission zeigen wollte. Man scheute keine Mühe, kein Geld, keine Arbeitskräfte, keine Anspornungen und Belohnungen, um dieses Werk zu vollbringen. Alle Straßen wurden hergerichtet, gewalzt und gesäubert. Bisher war der Stadtplatz den Gefangenen versperrt und abgezäunt; bis Dezember 1943 standen hier, die Zelte der „K-Produktion". Nun wurde der Zaun entfernt, der Boden gepflügt, ein prächtiger Rasen mit Wegen angelegt, und 1200 Rosenstöcke wurden gepflanzt. Gegenüber dem „Kaffeehaus" errichtete man einen hölzernen Musikpavillon, der an einen Kurort erinnern sollte. Bänke aus Beton mit hölzernen Sitzflächen und Lehnen wurden auf dem Platz, in den übrigen Parkanlagen und an anderen Stellen angebracht, auch auf der Bastei hinter A II, die bisher nur Kinder und einige Bevorzugte hatten betreten dürfen, wie auch auf dem vorher unzugänglichen Dachgarten von E VII. Die garstigen Zäune an verschiedenen Stellen der Stadt wurden beseitigt und blieben bloß längs der zivilen Durchfahrtsstraße teilweise erhalten. Trotzdem konnte man nicht leichter fliehen, denn die wenigen Ausgänge aus der Festung waren gut bewacht. In einer kleinen Parkanlage, neben E VI und E VII, richtete man einen Spielplatz für Kinder ein und baute aus Holz und Glas, damals in ganz Deutschland eine unerschwingliche Kostbarkeit, einen Pavillon als Kleinkinderhort. Dieser „Kinderpavillon" wurde außen mit Tierbildern verziert und mit einer Küche, mit Brausen, Liegebettchen und anderen funkelnagelneuen Geräten ausgestattet. Hinter dem Pavillon gab es den lustigsten Vergnügungspark mit einem Sandhaufen, Planschbecken, Karussell und anderen schönen Dingen, Im Turnsaal des alten Schulgebäudes L 417 richtete man eine Kinderkrippe mit neuen Möbeln, Spielzeug und einer Rutschbahn ein. Bemalte hölzerne Wegweiser mit Blumenbehaltern und heiteren geschnitzten Darstellungen, die das Ziel bildhaft ausdrückten, wurden auf den Straßen aufgestellt. Die Aufschriften wiesen zur Bank, Post, Bibliothek, Feuerwehr, zum Kaffeehaus, Bad, Park, Kinderspielplatz usw. Fast alle Gebäude sahen mit ihrem schadhaften Mauerverpuzz und verblaßter Malerei schäbig aus; nun mußte alles ausgebessert und gestrichen werden. Diese Arbeiten wurden auch in den verwahrlosten Höfen durchgeführt. Durch die „Assanierung" im Jahre 1942 waren die Mauern zwischen den Höfen der Zivilhäuser zum Teil verschwunden, oder man hatte rohe Durchlässe mit der Spitzhacke geschlagen, so daß die Höfe einen kläglichen Anblick boten. Nun galt es, diese groben Arbeiten fein nachzuziehen, große freie Plätze zu schaffen. Mauern abzureißen oder wieder aufzurichten und ordentlich zu verputzen. Jeder Block kam an die Reihe. Eine Baracke neben B V wurde als „Speisehalle" hergerichtet, wo man sein Essen ordentlich auf Tellern serviert erhalten sollte. Die Ausgabestellen der Küchen wurden ausgebessert. Kurzum, es gab keinen Winkel, den man vergessen hätte.
Man versäumte auch nicht, die Inneneinrichtung aller Häuser zu überholen, zumindest soweit sie für eine Besichtigung vorgesehen waren, also vor allem die Unterkünfte der „Prominenten", der leitenden Funktionäre, der Dänen und Holländer, und keine Mühe wurde gescheut, besonders das Krankenhaus E VI und das „Siechenheim" L 504 zu verbessern. Es entbehrt nicht der Komik, daß man in Häusern, die zwar nicht besucht werden sollten, an denen aber die Kommission vorbeikommen würde, die zu ebener Erde gelegenen Räume herrichtete. Gänge und Stuben wurden einfach, doch geschmackvoll ausgemalt oder geweißt. Einfache, für den Anblick jedoch erfreuliche Möbel wurden aufgestellt, und richtige Wohnräume für Familien angelegt. Man begnügte sich nicht mit einem neuen Bettentyp, sondern fügte auch Kasten, Kästchen, Regale, Tische und Sessel hinzu. Hatte man Betten bis jetzt bloß aus ungehobelten Latten zusammengenagelt, so mußte jetzt alles ordentliche Tischlerarbeit sein. An die Wände hängte man Bilder, die meist aus Wohnungen Prager Juden geraubt waren, auf die Tische stellte man Vasen mit Blumen, während noch im Jahre zuvor Pflücken streng verboten war und bestraft wurde, bunt gemalte Lampenschirme wurden angebracht, an die Fenster kamen Vorhänge» die Fensterbretter wurden mi[ Blumentöpfen geschmückt. Bisher hingen Kleider an Nageln oder einfachen Behelfen» jetzt mußte alles von Fenstern» Wanden und Türen entweder m Koffer oder hinter Vorhängen versdiwmdcn.
Viele Kommissionen besahen die Fortschritte und befahlen weitere Verbesserungen oder Änderungen. Bisher hatte sich niemand darum gekümmert, wie die Menschen untergebracht waren und wie für ihre primitivsten Bedürfnisse gesorgt war. Nun wurde man von einer durch und durch verlogenen Fürsorge sozusagen überfallen. Viele Leute wurden umquartiert. Die Abtransporte im Mai 1944 hatten lediglich den Zweck, den Ort schöner und wohnlicher zu gestalten. Dennoch fand Mildner, der auf Müllers Befehl das Lager um den 13. Juni herum inspizierte, es ist zwar „überfüllt", doch besichtigungsfähig. Die Bewohner vieler Häuser wurden ausgetauscht, und Familien einzeln oder zu zweit in einem Räume untergebracht. Zwischenwände aus Holz und Isolierplatten wurden aufgerichtet, um individuelle Wohnstuben vorzutäuschen. Mit lächerlichem Luxus wurde die „Bank" ausgestattet, wo man dem „Direktor" einen großen Schreibtisch und eine lederne Klubsessele garnitur aufstellte. Alle „Geschäftsräume" wurden überholt, die Auslagen geputzt und mit Dekorationen versehen, womit der Phantasie der in Theresiensudt gefangenen Künstler sich ein weites Feld eröffnete. Die Firmenschilder wurden bunt gestrichen. Besonders sorgfältig wurde die Post in L 414 ausgestattet, damit die Ausgabestelle für Pakete eindrucksvoll amtieren konnte, „Jugendheime" wurden tadellos hergerichtet, so daß alles freundlich aussah. Eine Villa am Anfang der „Südstraße" (Straße zur Leichenhalle, zu den „Südbaracken", zum Krematorium und weiter nach Bohusovice), aber noch innerhalb der Festung, bisher vom deutschen Leiter der „Landwirtschaft" bewohnt, wurde als Erholungsheim für tuberkulöse Kinder aufgemacht - es sah mustergültig aus.
Die Kanzleien der Leitung in B V wurden mit hübschen, im Lager gebauten Möbeln eingerichtet. Ein öffentliches Preisausschreiben sollte Namen für einige Plätze finden, für die man keine oder nur die alten militärischen Bezeichnungen hatte. Die Jury war mit dem am 9. April 1944 veröffentlichten Ergebnis nicht zufrieden, verteilte aber doch, wie vorgesehen, drei Preise und fünf Trostpreise. Nun hieß das Dach von E VII „Egerplatz", die Bastei hinter A II stolz „Südberg", auf dem Sportplätze und Spazierwege angelegt wurden. Der Betrieb im „Zentralbad" wurde klaglos geregelt und eine ursprünglich für die Paketausgabe gebaute Baracke als Garderobe ausgestattet. Die Bibliothek übersiedelte aus engen Räumen in L 304 ins Haus des ehemaligen Kino „Orel" 5 L 514, wo sie reichlich Platz erhielt. Den halbdunklen Kinosaal hatte man bis jetzt für alte Menschen als Elendsquartier verwendet, wo noch der alte Kronleuchter hing, die weiße Projektionsfläche starrte, die dunkelblaue Malerei mit überlebensgroßen Figuren schreckte, und Reste der numerierten Bankreihen zurückgeblieben waren. Jetzt schuf man hier einen lichten Theater- und Konzertsaal, der vor allem der „Jugendfürsorge" diente. Damit war, neben dem großen Rathaussaal, der shon im Jahre zuvor für Konzerte verwendet wurde, eine weitere repräsentative Stätte geschaffen.
...
Schließlich traf der so lange erwartete Besuch an einem Tage ein, dem das Wetter günstig war. Die Kommission bestand aus zwei Dänen und einem Schweizer, Dr. Rössel, einem Funktionär des IRK, der mit den Dünen vor dem Besuch keinen Kontakt gehabt hatte. Aus Dänemark kamen Prants Hvass, Chef der politischen Abteilung des Außenministeriums, und Oberarzt Juel Henningsen als Beauftragter des Dänischen RK. vom Gesundheitsamt des Innenministeriums. Von der SS beteiligten sich Standartenführer Dr. Rudolf Weinmann, der Befehlshaber der Sipo und des SD im „Protektorat", Günther aus Prag und sein Bruder, Sturmbannführer Rolf Günther, Möhs, ein Kriminalrat Renner von der Sipo in Kopenhagen (dieser SS-Qffizier sprach dänisch und blieb stets in der Nähe von Hvass), Hans Günthers Stellvertreter Günel, Rahm und Bergel. Bis auf den uniformierten Rahm gingen alle SS-Männer in Zivil. Das Auswärtige Amt war durch Legationsrat von Thadden, das Deutsche RK. durch den sich passiv verhaltenden Dr. Heidenkampf vertreten. Als einziger Jude ging Eppstein mit, der allein, aber stets im Beisein der deutschen Begleiter, mit den Gälten sprechen durfte. Doch wurden die Ausländer nicht gehindert, Gefangenen aus Dänemark oder jüdischen Funktionären Fragen zu stellen, wahrend man umgekehrt den Lagerinsassen das Reden mit den Besuchern verboten hatte.
...
Theresienstadt als Hollywood der SS-Opfer! Den Abschluß des Filmes bildete ein gemütliches Abendbrot; um den gedeckten Tisch versammelten sich Großeltern, Eltern und zwei Kinder, Mitte September 1944 war dies Werk des organisierten Wahnsinns beendet. Die verdientesten Mitarbeiter wurden von der SS mit Geschenken und Vergünstigungen großzügig belohnt und einige Wochen darauf mit Ausnahme von Spier, in die Gaskammer geschickt. Im März 1945 wurde der Film sogar noch mit jüdischer Musik im Lager synchronisiert, als bereits der größte Teil der Mitwirkenden tot, der Rest in Elendslagern über Deutschland hin verstreut oder in dem verfallenden Theresiensiadt war.
Die „Verschönerung" hatte ihren Dienst getan - das Ende der Tragödie stand bevor. Der Film dürfte sich erhalten haben, das Drehbuch und andere Materialien liegen vor. Auswärtigen Besuchern wurde das Machwerk im Frühjahr 1945 vorgeführt. Einen Ausschnitt bot eine deutsche Film wochenschau im Herbst 1944. Man sah eine Kaffeehausszene und hörte gedämpfte Musik, dann wechselte das Bild: Schießen, Angriff, verschmutzte Soldaten, Granatenexplosionen ... Dazu ließ sich der Ansager ungefähr so vernehmen: „Während in Theresienstadt Juden bei Kaffee und Kuchen sitzen und tanzen, tragen unsere Soldaten alle Lasten eines furchtbaren Krieges, Not und Entbehrungen, um die Heimat zu verteidigen. In Prag haben sich einige Ausschnitte und illegale Aufnahmen tschechischer Kameramänner erhalten, die ihre Bildstreifen wohl zeigten, doch nicht aus den Händen geben wollten. Größere Teile sind nach Israel gelangt.
...

[Austerlitz S. 341 ff]



Peter André Alt: Franz Kafka
Am Sonnabend, dem 6. September 1913 bricht Kafka in Begleitung von Otto Pick nach Wien auf. Um Felice Ruhe zum Nachdenken zu verschaffen, schlägt er ihr vor, während seiner Reise auf die Fortsetzung der Korrespondenz zu verzichten. Im Zug leidet er, wie schon bei der Osterfahrt nach Berlin, unter Picks selbstverliebtem Gerede über den Literaturbetrieb. "Ziemlicher Widerwillen", vermerkt das Tagebuch. "Er tyrannisiert mich, indem er behauptet, ich tyrannisiere ihn". In Wien möchte Kafka mitr seinem Vorgesetzten Eugen Pfohl und dem Anstaltsdirektor Robert Marschner am Internationalen Kongreß für Rettungswesen, Unfallverhütung und Hygiene teilnehmen; danach ist vage eine Weilerreise nach Norditalien geplant, auf der ihn Pick begleiten soll, was aber angesichts der offenkundigen Dissonanzen während der Bahnfahrt nicht mehr ernsthaft in Erwägung gezogen wird.
Kafka nimmt Quartier im Hotel Matschaker Hof an der Seilergasse; sein Zimmer liegt, nur durch einen Flur getrennt, unmittelbar neben dem Picks. Abends trifft er Lise Weltsch, Felix' Schwester...
Lise Weltsch weicht Kafka, den sie erotisch anziehend findet, in den folgenden beiden Tagen nicht von der Seite. Sie reiht sich in die Serie der Schwesiernfiguren ein, die in Kafkas Leben ihre eigene Rolle spielen. Von ihnen geht zwar ein sexuelles Versprechen aus, das vom Flair des Vertrauten bestimmt scheint, doch besitzen sie für ihn Bedeutung vor allem als Helferinnen, die auch dann, wenn sie selbst leiden, den Boden unter den Füßen nicht verlieren.
v.l.n.r: Kafka, Ehrenstein, Pick, Weltsch
Am Nachmittag des 7. September trifft Kafka gemeinsam mit Pick den Wiener Schriftsteller Albert Ehrenstein, der fünf Monate zuvor im Berliner Tagblatt die Betrachtung als "merkwürdig feines Buch eines genialen Dichters" gepriesen hatte. Das Werk Ehrensteins, der als Lyriker gern in der Rolle des Erotomanen auftrat, hat Kafka, ähnlich wie Max Brod, wenig geschätzt. Abends unternimmt er mit ihm, Pick und Lise Weltsch einen Praterbesuch. ... Erneut leidet Kafka unter Picks aufgedrehter Geschwätzigkeit; auch zu dem persönlich liebenswürdigen Ehrenstein kann er kein vertrautes Verhältnis entwickeln, weil ihm dessen schriftstellerisches Selbstverständnis und die spannungsarm-routinierte Diktion seiner Texte innerlich fremd bleiben: Mit seinen Gedichten weiß ich nicht viel anzufangen.
[Schwindel.Gefühle. S. 163ff]

In den Frühstunden des 14. September 1913 fährt Kafka mit der Bahn allein nach Triest, wo er lediglich den Abend und die Nacht verbringt. Von dort setzt er am folgenden Tag mit dem Dampfer bei stürmischem Wetter nach Venedig über; ...
In der Lagunenstadt nimmt er sich ein Zimmer im Hotel Sandwirth, das von einem Österreicher geführt wird. Es liegt an jener Stelle der Riva degli Schiavoni, die das Becken von San Marco säumt. Vom Fenster kann Kafka die schönste Promenade Venedigs überschauen und auf das nicht weit entfernte Hotel Danieli blicken, in dem achtzig Jahre zuvor George Sand und Alfred de Musset logiert hatten. Als er am Morgen des 16. September vom Bett aus den klaren venezianischen Himmel sieht, scheint er plötzlich davon überzeugt, daß es mit Felice keine gemeinsame Zukunft geben werde. Die Sprache der Liebesbriefe ist verstummt und wird nie wieder so zu hören sein wie während des zurückliegenden Winters, als die Imagination sie steuerte: "Wir müssen Abschied nehmen."
Venedig ist für Kafka eine Stadt ohne Schrift. Verabredungsgemäß verzichtet er darauf, weitere Briefe an Felice zu schreiben, führt aber auch kein Tagebuch. Trotz seines elenden Zustands beginnt jetzt der morbide Zauber der Kanäle, Brücken und Gassen auf ihn zu wirken. Den Reizen Venedigs, so bemerkt er gegenüber Max Brod, könne man sich auch im Stadium tiefer Niedergeschlagenheit kaum entziehen: "Wie es schön ist und wie man es bei uns unterschätzt!" Einzig der Anblick der Hochzeilsreisenden erregt in ihm Ekel und Widerwillen; "Entsetzen" erfaßt ihn bei der Vorstellung, er müsse mit Felice denselben Ritualen eines formellen Glücks gehorchen. Nach drei venezianischen Tagen, in denen er sich ohne klares Bewußtsein dem pulsierenden Rhythmus der zu dieser Jahreszeit besonders dichten Besucherströme eingefugt hat, fährt Kafka mit dem Zug nach Verona. Erneut agiert er in der Rolle des Beobachters, wenn er sich unter die Gäste eines (aus Anlaß des Nationalfeiertags am 20. September veranstalteten) Volksfestes mischt und den Feiernden beim Tanzen zusieht. Am Nachmittag besucht er das Kino und kann angesichts der rührenden Filmhandlung seine Tränen nicht zurückhalten. Auf dem Programm stand vermutlich das Melodram Poveri Bimbi, die Geschichte zweier Kinder, die, von ihren Eltern getrennt, einen "traurigen Leidensweg" durchlaufen; im Foyer des Kinos spielte man zur Unterstützung des sentimentalen Effekts Caruso-Arien vom Grammophon ab. "Das Genießen menschlicher Beziehungen", so vermerkt Kafka mit Blick auf seine Beobachterrolle frostig, "ist mir gegeben, ihr Erleben nicht".
Von Verona reist er nach Desenzano am Gardasee, von dort mir dem Dampfer nach Riva, wo er sich am 22. September im luxuriösen Sanatorium des Dr. von Hartungen einmietet. Es handelt sich um ein prominentes Haus für Wasserkuren, dessen ausgedehnte Anlage am See bereits Heinrich und Thomas Mann, Rudolf Steiner und Otto Brod als Gäste besucht hatten. Im Gegensatz zum ersten Aufenthalt von 1909 vermittelt sich Kafka jetzt, nur vier Jahre später, ein Bild gesteigerter Unrast: in Riva wetteifern inzwischen 14 Hotels um die Touristen, die aus aller Welt anreisen.
In den folgenden Tagen zwingt er sich jedoch dazu, seinen Hang zur Einsamkeit zu zügeln. Er beteiligt sich an der Konversation der Sanatoriumsgäste, verbringt den Abend im Gemeinschaftszimmer und läßt sich durch eine junge, sehr reiche, sehr elegante Russin "die Karten legen (am letzten Ende ganz nichtssagend)". Während der Mahlzeiten sitzt er mit einer "kleinen, italienisch aussehenden Schweizerin" und einem pensionierten K.u.K.-Offizier amTisch.
[Schwindel.Gefühle. S. 168ff]

Es handelt sich um den 66ährigen Generalmajor Ludwig von Koch aus Neusiedl in Ungarn, der seit wenigen Monaten das Leben eines Pensionärs fuhrt. Er leidet unter einer schweren Neurasthenie, die er auf Anraten der Ärzte durch Bäderkuren zu bekämpfen sucht, ohne dabei jedoch nennenswerte Erfolge zu erzielen. Sem Name wäre normalerweise vergessen wie der jedes anderen Patienten, der neben Kafka im September 1913 im Hartungschen Sanatorium logierte. Aber am Morgen des 3. Oktober 1913 nimmt sich Koch in seinem Zimmer mit einem Revolver durch einen Kopfschuß das Leben; der Vorfall wird in der Örtlichen Presse publik, eine polizeiliche Untersuchung scheint unvermeidlich, die Hotelleilung sucht besorgt die Wogen zu glätten. Es ist merkwürdig, daß Kaika über dieses dramatische Ereignis niemals ein Wort berichtet hat. Womöglich vermied er es, die Angelegenheit gegenüber den Prager Freunden zu erwähnen, weil sich im Schatten dieses Selbstmords eine Geschichte mit ganz anderer Dramaturgie entwickelte: die Liebesbeziehung zu seiner Schweizer Tischnachbarin.
[Schwindel.Gefühle. S. 178ff]

...die Liebesbeziehung zu seiner Schweizer Tischnachbarin.
Wir wissen wenig über die junge Frau, mit der Kafka seit den ersten Oktobertagen ein vertrautes [wenngleich nicht intimes) Verhältnis verband. Aus Gründen der Diskretion benutzt er im Tagebuch nur die Initialen «G.W». Die Schweizerin ist 18 Jahre alt - «ein halbes Kind - und nach Kafkas knappen Charakteristiken märchengläubig, naiv unbefangen-schwärmerisch. Sämtliche Versuche, ihre Identität zu ermitteln, sind gescheitert. Sogar mir Hilfe von Fälschungen wurde versucht, der großen Unbekannten in Kafkas Leben einen vollständigen Namen, eine Biographie und ein Gesicht zu schenken. Daß G.W. ihre Rolle als Rätselfigur behauptet hat, bestätigt freilich seine eigene Schlüssigkeit. In Kafkas literarische Existenz paßt sie sich fugenlos ein, weil sie wie die Helden der späteren Romane auf die Initialen beschränkt bleibt. Die Schweizer Geliebte entstammt einem Zwischenreich aus Leben und Literatur, das sich nicht eindeutig vermessen laßt: wer weiß, wo hier die Erfahrung endet und die Imagination beginnt?
[Schwindel.Gefühle. S. 179f]



Honoré des Balzac: ColoneI Chabert
des gémissements poussés par le monde des cadavres au milieu duquel je gisais. Et quoique la mémoire de ces moments soit bien ténébreuse, quoique mes Souvenirs soient bien confus, malgré les impressions de souffrances encore plus profondes que je devais éprouver et qui ont brouillé mes idées, il y a des nuits où je crois encore entendre ces soupirs étouffes.
[Austerlitz S. 396f]



Vincenzo Bellini: I Puritani (1. Akt 3. Szene)
GIORGIO e VALTON
Senza occaso questa aurora
mai null’ombra o duol vi dia:
santa in voi la fiamma sia,
pace ognor v’allieti il cor...
Ciel, benedici a tanto amor.
ELVIRA
Oh...Contento!
Ah! mio Arturo!
Or son tua!
ARTURO
Ah!...mio bene!
Ah! Elvira mia
sì, mia tu sei!
ELVIRA e ARTURO
Cielo, arridi a’ voti miei,
benedici a tanto amor.
CORO Cielo, arridi a’ voti miei
benedici a tanto amor.
[Campo Santo S.235]



Walter Benjamin: Der Saturnring oder Etwas vom Eisenbahnbau
Das Passagenwerk (Bd. 2 S. 1350)
[Die Ringes des Saturn S.3]



Bibel: 1. Mose 41
17: Mir träumte, ich stand am Ufer des Nils
[Nach der Natur S.96]
Klagelieder 3
6: He has made me dwell in darkness as those who have been long dead
[Austerlitz S. 95]
Psalm 139
9-10: Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten
[Nach der Natur S. 35]



Hartmut Böhme: ALBRECHT DÜRERS TRAUMGESICHT VON 1525
Hingerichtet ist Müntzer, verbannt die drei Maler aus der Stadt Nürnberg, Barthel und Sebald Beham, die Brüder, und Georg Pencz aus Dürers Werkstatt. Dem Maler Jörg Ratgreb sollen sie gevierteilt haben und dem Tilman Riemenschneider die Hände verstümmelt. Die Hände der Kunst. ...
Er erinnert sich, daß in seinem Freundeskreis schon zur Zeit, als er die Apokalypse-Holzschnitte schuf, um die Jahrhundertwende, über die astrologischen Berechnungen des Justus Schoffler und Jakob Pflaum aus Ulm heftig disputiert wurde. Eine Große Konjunktion von Planeten im Zeichen der Fische kündigte für das Jahr 1524 bedrohliche Veränderungen an. In den letzten Jahren hatten solche Schriften unübersehbar zugenommen. Und die Prognostica lauteten zunehmend dahin, daß eine Sintflut zu erwarten sei.
Und seine ganze Hoffnung fuhr dahin und er sah die Apokalypse sich vollenden. Auch er hatte geglaubt, daß die böse Konjunktion auf die gewaltsame Unterdrückung der neuen Lehre Luthers deute. Oder auf Krieg. Vor zwei Jahren war hier in Nürnberg die "Practica über die grossen und mannigfeltigen Coniunction der Planeten" von Leonard Rynman erschienen. Noch gut hat er den Titelholzschnitt vor Augen: ein über den ganzen Himmel erstreckter Fisch trägt die Planeten auf seinem Körper und, seltsam, eine kleine liegende Saturn-Figur. Aus einer Leibesöffnung des Fisches schießt ein ungeheurer Wassersturz auf eine Landschaft, Gebäude und Kirchen wegreißend. Dann aber – und seine Erinnerung zögert ein wenig – noch etwas: links und rechts des Wassersturzes, in anderem Größenmaß, zwei Figurengruppen, ja, links ein bewaffneter Bauernhaufen, Saturnkinder, am Stelzfuß zu erkennen, mit Fahne, hinten ziehen Kriegstrommler und -pfeifer über den Hügel, entgegen der Gruppe rechts: Kaiser, Papst, Bischof, Kaufleute. Die Sintflut-Konjunktion – sie hatte Rynman schon als Zeichen des Bauernkrieges gedeutet. Der wirklich ein Jahr später losbrach. Der Aufruhr der Elenden. In allen Gegenden diese Kriegszüge der klagenden, fordernden Bauern gegen ihre Herren, Aufruhr gegen das Recht, das für die Bauern schreiend Unrecht hieß, Aufbegehren aber auch in Namen des Herren und des Evangeliums, Ruf nach Glauben ins eins mit Ruf nach Befreiung von Tyrannei – Die Bauern-Sintflut?
[Nach der Natur S. 29 ff]



Brockhaus Enzyklopädie
Die Ringe des Saturn bestehen aus Eiskristallen und vermutlich meteoritischen Staubteilchen, die den Planeten in dessen Äquatorebene in kreisförmigen Bahnen umlaufen. Wahrscheinlich handelt es sich um die Bruchstücke eines früheren Mondes, der, dem Planeten zu nahe, von dessen Gezeitenwirkung zerstört wurde (-» Roch'sche Grenze).
[Die Ringe des Saturn S. 9]
Vermerk: Abwandlung aus Brockhaus Enzyklopädie (1973) Original: „Die Angaben über die Dicke des Ringes (Einzahl!) schwanken (15 bis 200 km); er besteht aus Eiskristallen...“. Original: „( - Roche’sche Grenze)“.



Thomas Browne
HYDRIOTAPHIA
Urne-Buriall.
OR,
A Brief Discourse of the Se-
pulchrall Urnes Lately Found in
N O R F O L K.
The Epistel to Reader
But who knows the fate of his bones, or how often he is to be buried?
[Die Ringe des Saturn S.21]

The Garaden of the Cyrus, Kap. V a. E.
But the Quincunx of Heaven runs low, and 'tis time to close the five ports of knowledge; We are unwilling to spin out our awaking thoughts into the phantasmes of sleep, which often continueth præcogitations; making Cables of Cobwebbes and Wildernesses of handsome Groves. Beside Hippocrates hath spoke so little and the Oneirocriticall Masters, have left such frigid Interpretations from plants, that there is little encouragement to dream of Paradise it self. Nor will the sweetest delight of Gardens afford much comfort in sleep; wherein the dulnesse of that sense shakes hands with delectable odours;
[Die Ringe des Saturn S. 32]

MUSÆUM CLAUSUM,
O R,
Bibliotheca Abscondita:
Containing
Some remarkable Books, Antiquities, Pictures and Rarities of several kinds, scarce or never seen by any man now living.
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SIR,
WITH many thanks I return that noble Catalogue of Books, Rarities and Singularities of Art and Nature, which you were pleased to communicate unto me. There are many Collections of this kind in Europe. And, besides the printed accounts of the Musæum Aldrovandi, Calceolarianum, Moscardi, Wormianum; the Casa Abbellita at Loretto, and Threasor of S. Dennis, the Repository of the Duke of Tuscany, that of the Duke of Saxony, and that noble one of the Emperour at Vienna, and many more are of singular note. Of what in this kind I have by me I shall make no repetition, and you having already had a view thereof, I am bold to present you with the List of a Collection, which I may justly say you have not seen before.
The Title is, as above,

Musæum Clausum, or Bibliotheca Abscondita: containing some remarkable Books, Antiquities, Pictures and Rarities of several kinds, scarce or never seen by any man now living.
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I. Rare and generally unknown Books.
A Poem of Ovidius Naso, written in the Getick Language, during his exile at Tomos, found wrapt up in Wax at Sabaria, on the Frontiers of Hungary, where there remains a tradition that he died, in his return towards Rome from Tomos, either after his pardon or the death of Augustus.
...
3. An Ancient British herbal, or description of divers Plants of this Island, observed by that famous Physician Scribonius Largus, whhen he attended the Emperour Claudius in his Expedition into Britany.
...
8. A Fragment of Pythæas that ancient Traveller of Marseille; which we suspect not to be spurious, because, in the description of the Northern Countries, we find that passage of Pythæas mentioned by Strabo, that all the Air beyond Thule is thick, condensed and gellied, looking just like Sea Lungs.
9. A Sub Marine Herbal, describing the several Vegetables found on the Rocks, Hills, Valleys, Meadows at the bottom of the Sea, with many sorts of Alga, Fucus, Quercus, Polygonum, Gramens and others not yet described.
...
King Solomon de Umbris Idæarum, which Chicus Asculanus, in his Comment upon Johannes de Sacrobosco, would make us believe he saw in the Library of the Duke of Bavaria.
...
20. A Collection of Hebrew Epistles, which passed between the two learned Women of our age Maria Molinea of Sedan, and Maria Schurman of Utrecht.
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2. Rarities in Pictures.
...
3. Large Submarine Pieces, well delineating the bottom of the Mediterranean Sea, the Prerie or large Sea-meadow upon the Coast of Provence, the Coral Fishing, the gathering of Sponges, the Mountains, Valleys and Desarts, the Subterraneous Vents and Passages at the bottom of that Sea
...
6. A delineation of the great Fair of Almachara in Arabia, which, to avoid the great heat of the Sun, is kept in the Night, and by the light of the Moon.
7. A Snow Piece, of Land and Trees covered with Snow and Ice, and Mountains of Ice floating in the Sea, with Bears, Seals, Foxes, and variety of rare Fowls upon them.
8. An Ice Piece describing the notable Battel between the Jaziges and the Romans, fought upon the frozen Danubius, the Romans settling one foot upon their Targets to hinder them from slipping, their fighting with the Jaziges when they were fallen, and their advantages therein by their art in volutation and rolling contention or wrastling, according to the description of Dion.
...
18. Some Pieces delineating singular inhumanities in Tortures. The Scaphismus of the Persians. The living truncation of the Turks. The hanging Sport at the Feasts of the Thracians. The exact method of flaying men alive, beginning between the Shoulders,
...
22. A large Picture describing the Siege of Vienna by solyman the Magnificent, and at the same time the Siege of Florence by the Emperour Charles the Fifth and Pope Clemen the Seventh, with this Subscription
...
26. A fair English Lady drawn Al Negro, or in the Æthiopian hue excelling the original White and Red Beauty, with this Subscription: Sed quandam volo nocte Nigriorem.
...
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3. Antiquities and Rarities of several sorts.
... 4. Some handsome Engraveries and Medals, of Justinus and Justinianus, found in the custody of a Bannyan in the remote parts of India, conjectured to have been left there by Friers mentioned in Procopius, who travelled those parts in the reign of Justinianus, and brought back into Europe the discovery of Silk and Silk Worms.
...
15. Spirits and Salt of Sargasso made in the Western Ocean covered with that Vegetable; excellent against the Scurvy.
16. An extract of Cachunde or Liberans that famous and highly magnified Composition in the East Indies against Melancholy.
...
18. A transcendent Perfume made of the richest Odorates of both the Indies, kept in a Box made of the Muschie Stone of Niarienburg, with this Inscription,21. A neat Crucifix made out of the cross Bone of a Frogs Head. ...
25. A Glass of Spirits made of Æthereal Salt, Hermetically sealed up, kept continually in Quick-silver; of so volatile a nature that it will scarce endure the Light, and therefore onely to be shown in Winter, or by the light of a Carbuncle, or Bononian Stone.
He who knows where all this Treasure now is, is a great Apollo. I'm sure I am not He. However, I am, Sir, Yours, &c.

[Die Ringe des Saturn S. 321ff.]



Adalbert von Chamisso
Reise um die Welt (siehe
) S. 139
Unendliche Flüge von Wasservögeln, die niedrig über dem
Wasserspiegel schwebten, glichen von fern niedrigen
schwimmenden Inseln. Zahlreiche Walfische spielten um
unser Schiff und spritzten in allen Richtungen des Ge-
sichtskreises hohe Wasserstrahlen in die Luft.
Diese Walfische rufen mir ins Gedächtnis, was ich einst
von einem genialen Naturforscher ins Gespräch werfen
hörte. Der nächste Schritt, der getan werden muß, der viel
näher liegt und viel weiter führen wird als die Dampf-
maschine mit dem Dampfschiffe, diesem ersten warm-
blütigen Tiere, das aus den Händen der Menschen hervor-
gegangen ist — der nächste Schritt ist, den Walfisch zu
zähmen. Worin liegt denn die Aufgabe? Ihn das Unter-
tauchen verlernen zu lassen? Habt ihr je einen Flug wil-
der Gänse ziehen sehen; und ein altes Weib gesehen, mit
einer Gerte in der zitternden Hand ein halb Tausend dieser
Hochsegler der Lüfte auf einem Brachfeld treiben und
regieren? Ihr habt es gesehen und euch über das Wunder
nicht entsetzt; was stutzt ihr denn bei dem Vorschlag, den
Walfisch zu zähmen? Erzieht Junge in einem Fjord, zieht
ihnen einen von Schwimmblasen getragenen Stachelgurt
unter die Brustflossen, stellt Versuche an. Wahrlich, beide
Meere zu vereinigen und die Entfernung zwischen Archan-
gelsk und St. Peter und Paul auf acht bis vierzehn Tage
Zeit zu verringern, ist wohl des Versuchens wert. — Ob
übrigens der Walfisch ziehen oder tragen soll, ob und wie
man ihn anspannt oder belastet, wie man ihn zäumt oder
sonst regiert und wer der Kornak des Wasserelefanten
sein soll, das alles findet sich von selbst.
[Nach der Natur S. 52 f.]



Joseph Conrad, an Marguerite Poradowska:
Il faut surtout pardonner à ces âmes malheureuses qui ont élu de faire le pèlerinage à pied, qui côtoient le rivage et regardent sans comprendre l'horreur de la lutte et le profond désespoir des vaincus.

[Die Ringe des Saturn S. 9]



Dante: Inferno, Canto II
Or va, che un sol volere è d'ambedue:
tu duca, tu signore e tu maestro.
Così gli dissi; e poi che mosso fue,
entrai per lo cammino alto es silvestro.
[Nach der Natur S. 6]




Dante: Göttliche Kommödie 3. Gesang
...sah eine Fahne,
Die wirbelnd so behend vorüberrannte,
Daß jede Ruhe sie mir zu verschmähn schien,
Und ein so großer Zug des Volkes folgte
Ihr nach, daß nimermehr geglaubt ich hätte,
Daß ihrer schon der Tod so viel' entseelet.
[Campo Santo S. 169]




Albrecht Dürer: Melancolia I

In der Schilderung, wie Steller Bering trifft, ist unschwer ein Zitat des Kupferstichs von Albrecht Dürer zu erkennen:
Nicht nur hat die Dürersche Bildfigur, ebenso wie Bering, den Kopf zum Zeichen melancholischen Tiefsinns in die eine Hand gestützt und hält in der anderen Hand einen Zirkel (Zeichen der traditionell dem Saturn und seinen Planetenkindern zugeordneten Meßkünste Geometrie und Astronomie); auch finden sich die Flügel der Melencolia, Zeichen geistig-seelischen Aufschwungs, als Tätowierung auf Berings Hand wieder. Ferner sitzt Dürers Bildfigur ebenso wie Bering zwar nicht in, wohl aber unmittelbar neben einem fensterlosen Gebäude. Und obwohl Sebalds Erzähler keine Landschafts beschreibung liefert, scheint die von Dürer gestaltete Hintergrundlandschaft mit dem offenen Meer und den weißen Küstengebirgen besonders gut zur Vorstellung von Bering an der Ostküste von Kamtschatka und im Begriff, nach Alaska aufzubrechen, zu passen.
Auch die Beschreibung von Berings Aufschauen zeigt deutliche Affinitäten zu Dürers Bild. Ebenso wie Dürers Stich die wachen, ernsten Augen und damit die Nachdenklichkeit der dunkelgesichtigen Melencolia betont, hebt auch Sebalds Beschreibung den Blick hervor, mit dem Bering Steller ansieht. Die Langsamkeit, mit der Bering die Augen aufmacht, weist zudem auf die typisch melancholische Eigenschaft der Trägheit (acedia) hin. Schließlich erinnert auch der Vergleich von Berings Trauer mit einem schwarzen Mantel an das schwere Kleid der Melencolia, das sie ungeachtet ihrer Flügel am Erdboden festzuhalten scheint.
[Nach der Natur S. 48 ff]









Albert Ehrenstein: Der Selbstmörder
Ihr freut euch des Schiffs?
Verekelt mit Segeln den See.
Ich will tiefer zur Tiefe. Stürzen, schmelzen, erblinden zu Eis.
[Schwindel.Gefühle. S. 165f]



Gustave Flaubert: Brief an Luise Colet 1857
Was mir als das Höchste in der Kunst erscheint (und als das Schwierigste), ist nicht Lachen oder Weinen hervorzurufen, nicht einmal jemanden in Brunst oder in Wut zu versetzen, sondern auf dieselbe Art wie die Natur zu wirken, das heißt zum Träumen zu bringen. Die sehr schönen Werke haben diese Eigenschaft. Sie sind von gelassen heiterem Äußeren und unverständlich. Was ihr Verhalten betrifft, so sind sie reglos wie Felsen, tosend wie der Ozean, voll von Keimen, von Blattwerk und Gemurmel wie die Wälder, traurig wie die Wüste, blau wie der Himmel. Homer, Rabelais, Michelangelo, Shakespeare, Goethe erscheinen mir mitleidslos. Sie haben keinen Boden, sie sind unendlich, vielgestaltig. Durch kleine Öffnungen erkennt man Abgründe; tief unten liegen Finsternis und Schwindelgefühle. Und doch schwebt etwas einzigartig Sanftes über allem! Es ist der Glanz des Lichtes, des Lächens und der Sonne, und das Ganze ist voller Ruhe! und voller Kraft ... [Schwindel.Gefühle. S. 3]



Paul Fleming: An den Abendstern, daß er ihn balde zu ihr bringen wolle
Geh' auf doch, geh' doch auf, du hellester der Sterne!
Der Klytemnestern Sohn, der müde sieht nach dir,
komm, Ruhfreund, lös' ihn ab. Diana scheint dir für,
daß ihr Volk seinen Gang von deinem Laufen lerne.

Trit, Hesperus, trit auf und stelle dich ins Ferne.
Die mir um deine Zeit gerufen hat zu ihr,
steht vor dem Fenster schon und wündschet sehr nach mir.
Komm, führe mich zu ihr, bei der ich bin so gerne.

Der sinkend' Abend fleucht, die dunkle Nacht fährt aus.
Der finstre Schatten schleicht um Thetis blindes Haus,
die müde Welt schläft, ein, die muntern Lüfte wachen.

Wo bleibst du? Ja, du kömmst. So leite mich denn hin.
Ich werde nicht eh' froh, als bis ich bei ihr bin,
die auch die Traurigkeit selbselbst kan frölich machen.
[Nach der Natur S. 69]



Corey Ford: Where the Sea Breaks Its Back
S. 188ff
That winter Steller earned his keep by teaching at a school for cossack and native children. He was penniless; his salary from the Academy had been withheld, under the belief that all the members of Bering's expedition had perished, and in his straitened circumstances he could no longer afford his slushiv Lepekhin. Young Thoma pleaded to be allowed to work for him without wages, but Steller was too proud to consider thr offer. "No, Thoma, I have no right to accept such a sacrificc. You have given me your comradeship and that is enough."
In the spring he embraced the loyal cossack and bade him farewell, and left Bolsheretsk alone. For a year he traveled through upper Kamchatka, collecting botanical specimens and making field notes, working at odd Jobs to support himself and living on salmon and wild berries. The region was inhabited by fierce savages called Olyntorts, who were waging a sort of guerrilla war with the Russian provincial government, but Steller was hospitably received and spent part of the winter with them.
His crusading spirit had not been lost, and he was still enraged at the callous exploitation of the natives by civic authorities. On his return to Bolsheretsk in 1744, he accused Mid shipman Kmetevski, the ranking naval authority, of mistreating and abusing the Kamchadals, and addressed a complaint to the Imperial Senate in St. Petersburg. Kmetevski revenged himself by informing the Senate in turn that Steller had liberated some natives who were conspiring to rebel against thr Russians. The Senate, remembering the previous uprising of the Kamchadals and Koryaks at the time of Bering's expedition, was disturbed by this grave accusation of treason, and a courier was dispatched to bring Steller to Irkutsk for trial.
Meantime Steller had sailed from Bolsheretsk on the annual supply ship, arriving at Okhotsk in late August. He made his way north through Siberia, wintered in Yakutsk, and the following May set out for Irkutsk. The Senate's charges against him were waiting there, but Vice Governor Lange, after hearing Steller's story, acquitted him unconditionally and forwarded a full exoneration to St. Petersburg. The governor's dispatch was delayed by local officials, and did not reach the Senate until August of 1746.
Steller had traveled as far as the northern outpost of Solikamsk, and was busy investigating the flora of the Ural Mountains, when the Courier from the Senate arrived with orders to place him under arrest and bring him back to Irkutsk at once. Steller was outraged that a member of the Academy should be apprehended like a common thief, and protested heatedly that he had already been exonerated by Vice Governor Lange. The Courier had his instructions, and gave him twenty-four hours to get ready. He worked without sleep to organize his botanical collection and arrange for it to be forwarded to the Academy, and wrote his plaintive Pro Memoria, a last will and testament. Perhaps he had a premonition that he would not live long. In the morning he left with his guard to retrace the hundreds of miles back through Siberia, fuming with indignation at his ignominious treatment.
Cold weather was setting in, the rivers were frozen, and they stopped at Tara to prepare for winter travel. There another Senate Courier caught up with Steller, and delivered an official dispatch explaining apologetically that the delayed exoneration had finally arrived, and freeing him to return to St. Petersburg by any route he desired. He hired post-horses and a sledge, and left immediately for Tobolsk.
Steller had always been a moderate drinker, but his arrest and subsequent reprieve had been a severe emotional strain, and he sought relief in vodka. At Tobolsk he spent three weeks celebrating his release, indulging to such a degree that he contracted a violent fever. His companions urged him to remain in Tobolsk until he regained his health, but Steller was determined to return to St. Petersburg and justify himself, and he refused to listen. Early in November he crawled into his sledge and ordered the Tatar driver to hurry south. He was burning with fever, and plied himself with vodka during the journey until he feil into a drunken stupor. They halted for food at a roadside hostel, but the driver could not arouse his sodden passenger, and left him in the sied in subzero weather while he tarried indoors over his meal. By the time they reached Tyumen, 170 miles away, Steller was dying.
[Nach der Natur S. 64f]

S. 182
Two naval surgeons, who happened to be stopping in Tyumen, worked in vain to save him. Like Bering, his will to live was gone. He was convinced by now that his career had been a failure, and all his work as a naturalist had come to nothing. He had hoped that his discoveries in America would bring him world recognition, but the manuscripts written on Bering Island, which he had forwarded to St. Petersburg, had not even been acknowledged. The only result of the expedition had been to open the Aleutians to the ruthless fur-hunters, the promyshleniki, who would plunder the islands until the last sea otter herds were obliterated and the Aleut race was reduced to a few beggared remnants of a once gentle and contented people.
[Nach der Natur S. 64f]

S. 187
In the spring following the return of the St. Peter, the first shipload of adventurers sailed from Kamchatka to Bering Island, returning with a cargo of sixteen hundred sea Otters, two thousand fur seals, and two thousand blue Arctic foxes. Their success started a wild stampede to Alaska, greater than the Klondike gold rush which followed a Century and a half later.
[Nach der Natur S. 67]

S. 182f
He died on November 12, 1746, at the age of thirty-seven, disillusioned and without friends. Since he was of the Lutheran faith, the Russian Orthodox clergy refused to perform the funeral service. The only Protestant minister in all Siberia was the house-chaplain of Vice Governor Lange in Irkutsk; he hastened to Tyumen over the snow-packed trail, and "wrapped his own red mantle about Steller's body and arranged for the burial." The local clergymen would not allow a Lutheran to be interred in the Russian cemetery, and Steller's remains were placed in a shallow trench, hacked out of the frozen ground, on a bluff above the Tura River. That night some vandals dug up his corpse, stole the red cloak, and left him naked in the snow for the dogs to devour. Sympathetic natives reinterred him after several days, and placed a heavy stone on the grave. [Nach der Natur S. 68]



Madam Fouquet: Les remèdes charitables. (Jean Ressayre Paris 1687 souvent réédité)
... pour guérir à peu de frais toute forme de maux tant internes qu'externes, invéterez, & qui ont passé jusques à présent pour incurables, experimentez par la même dame : et augmentez de la méthode que l'on pratique à l'Hôtel des Invalides pour guérir les soldats de la vérole
[Austerlitz S. 380f]



Johann Wolfgang von Goethe: Wanderers Nachtlied, 1780
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde,
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
[Unerzählt S. 67]

Goethe: Marienbader Elegie, 1823
Strophe 6
Ist denn die Welt nicht übrig? Felsenwände,
Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?
Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände,
Zieht sich's nicht hin am Fluss durch Busch und Matten?

Und wölbt sich nicht das überweltlich Große,
Gestaltenreiche, bald Gestaltenlose?

[Über das Land und das Wasser S. 66] Siehe auch Gesamtext sowie

Goethe: Briefwechsel mit seiner Frau, Band 1
1792 4. Goethe
Adieu, lieber Engel, ich bin ganz Dein.
[Über das Land und das Wasser S. 67]



Albrecht von Haller: Über den Ursprung des Übels / 1. Buch 1734: Fußnote:
Diese ganze Aussicht ist nach der Natur beschrieben.
[Nach der Natur S. 3]



Hazzi: Lehrbuch des Seidenbaus 1826

[Die Ringe des Saturn S. 343]



Johann Peter Hebel: Der schlaue Pilgrim, "Schatzkästlein des rheinsichen Hausfreundes"
Wenn ich wiederkomme, so will ich Euch eine heilige Muschel mitbringen ab dem Meeresstrand von Askalon, oder eine Rose von Jericho.
[Die Ausgewanderten S. 57]



Ernst Herbeck: Gedichte
Die Zukunft.
Die Zukunft ist ein Wegweiser die Zukunft muss das besser wissen. ohne Zukunft gibt es leider kein Leben. In der Zukunft liegt der Tod uns zu Füssen.
[Nach der Natur S. 72]



Friedrich Hölderlin: Brot und Wein
... night ...
The astonishing one, a stranger to all things human,
Mournful and brilliant, shines over the mountain tops.
(original:
... Nacht ...
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen
Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.
Sebald:
Night, the
astonishing, the stranger to all that is human, over the
mountain-tops mournful and gleaming draws on.)
[Die Ringe des Saturn S.206]

Elegie
Darum irr' ich umher, und wohl, wie die Schatten, so muß ich
Leben und sinnlos dünkt lange das Übrige mir.
Danken möcht' ich, aber wofür? verzehret das Lezte
Selbst die Erinnerung nicht?
[Die Ausgewanderten S. 5]

Gesänge, Griechenland

Wie Efeu nemlich hänget
Astlos der Reegen herunter.
Schöner aber
Blühn Reisenden die Wege, wem
Aus Lebensliebe, messend immerhin,
Die Füße gehorchen, im Freien, wo das Land wechselt wie Korn.
Avignon waldig über den Gotthardt
Tastet das Ross
, Lorbeeren
Rauschen um Virgilius und daß
Die Sonne nicht
Unmännlich suchet das Grab. Moosrosen
Wachsen
Auf den Alpen.

[Nach der Natur S. 91]

Hymnen und Fragmente, Patmos
For when I heard that one of the near islands was Patmos, I greatly desired there to be lodged, and there to approach the dark grotto.

[Die Ringe des Saturn S. 217]



Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief
... ein Schwimmkäfer, der auf dem Spiegel dieses Wassers von einem dunklen Ufer zum andern rudert,
wenn diese Zusammensetzung von Nichtigkeiten mich mit einer solchen Gegenwart des Unendlichen durchschauert, von den Wurzeln der Haare bis ins Mark der Fersen ...
[Die Ringe des Saturn S. 228]



Jean Paul: Vorschule der Ästhetik
... manche Nebelflecken löset kein Auge auf ...
[Die Ausgewanderten S.39]

Jean Paul: Dr. Katzenbergers Badereise
[Schwindel.Gefühle. S. 161]



Jean Paul: Flegeljahre (Nr. 7 Violenstein a.E.)
Gefühle, sagt' er, sind Sterne, die bloß bei hellem Himmel leiten, aber die Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner führt, wenn jene auch verborgen sind und nicht mehr leuchten.
[Unerzählt S. 17] [Über das Land und das Wasser S. 52]



Franz Kafka: Der Proceß
...Reiseanzügen, mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen, ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte ...
[Austerlitz S. 254]

In der Strafkolonie
»Dieser Apparat«, sagte er und faßte eine Kurbelstange,
auf die er sich stützte, »ist eine Erfindung unseres früheren Kommandanten.
[Campo Santo S. 140]

Der Jäger Gracchus
Zwei Knaben saßen auf der Quaimauer und spielten Würfel. Ein Mann las eine Zeitung auf den Stufen eines Denkmals im Schatten des säbelschwingenden Helden. Ein Mädchen am Brunnen füllte Wasser in ihre Bütte. Ein Obstverkäufer lag neben seiner Ware und blickte auf den See hinaus. In der Tiefe einer Kneipe sah man durch die leeren Tür- und Fensterlöcher zwei Männer beim Wein. Der Wirt saß vorn an einem Tisch und schlummerte. Eine Barke schwebte leise, als werde sie über dem Wasser getragen, in den kleinen Hafen. Ein Mann in blauem Kittel stieg ans Land und zog die Seile durch die Ringe. Zwei andere Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen hinter dem Bootsmann eine Bahre, auf der unter einem großen blumengemusterten, gefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag.
Auf dem Quai kümmerte sich niemand um die Ankömmlinge, selbst als sie die Bahre niederstellten, um auf den Bootsführer zu warten, der noch an den Seilen arbeitete, trat niemand heran, niemand richtete eine Frage an sie, niemand sah sie genauer an.
Der Führer wurde noch ein wenig aufgehalten durch eine Frau, die, ein Kind an der Brust, mit aufgelösten Haaren sich jetzt auf Deck zeigte. Dann kam er, wies auf ein gelbliches, zweistöckiges Haus, das sich links nahe beim Wasser geradlinig erhob, die Träger nahmen die Last auf und trugen sie durch das niedrige, aber von schlanken Säulen gebildete Tor. Ein kleiner Junge öffnete ein Fenster, bemerkte noch gerade, wie der Trupp im Haus verschwand, und schloß wieder eilig das Fenster. Auch das Tor wurde nun geschlossen, es war aus schwarzem Eichenholz sorgfältig gefügt. Ein Taubenschwarm, der bisher den Glockenturm umflogen hatte, ließ sich jetzt vor dem Hause nieder. Als werde im Hause ihre Nahrung aufbewahrt, sammelten sich die Tauben vor dem Tor. Eine flog bis zum ersten Stock auf und pickte an die Fensterscheibe. Es waren hellfarbige wohlgepflegte, lebhafte Tiere. In großem Schwung warf ihnen die Frau aus der Barke Körner hin, die sammelten sie auf und flogen dann zu der Frau hinüber.
Ein Mann im Zylinderhut mit Trauerband kam eines der schmalen, stark abfallenden Gäßchen, die zum Hafen führten, herab. Er blickte aufmerksam umher, alles bekümmerte ihn, der Anblick von Unrat in einem Winkel ließ ihn das Gesicht verzerren. Auf den Stufen des Denkmals lagen Obstschalen, er schob sie im Vorbeigehen mit seinem Stock hinunter. An der Stubentür klopfte er an, gleichzeitig nahm er den Zylinderhut in seine schwarzbehandschuhte Rechte. Gleich wurde geöffnet, wohl fünfzig kleine Knaben bildeten ein Spalier im langen Flurgang und verbeugten sich.
Der Bootsführer kam die Treppe herab, begrüßte den Herrn, führte ihn hinauf, im ersten Stockwerk umging er mit ihm den von leicht gebauten, zierlichen Loggien umgebenen Hof und beide traten, während die Knaben in respektvoller Entfernung nachdrängten, in einen kühlen, großen Raum an der Hinterseite des Hauses, dem gegenüber kein Haus mehr, sondern nur eine kahle, grauschwarze Felsenwand zu sehen war. Die Träger waren damit beschäftigt, zu Häupten der Bahre einige lange Kerzen aufzustellen und anzuzünden, aber Licht entstand dadurch nicht, es wurden förmlich nur die früher ruhenden Schatten aufgescheucht und flackerten über die Wände. Von der Bahre war das Tuch zurückgeschlagen. Es lag dort ein Mann mit wild durcheinandergewachsenem Haar und Bart, gebräunter Haut, etwa einem Jäger gleichend. Er lag bewegungslos, scheinbar atemlos mit geschlossenen Augen da, trotzdem deutete nur die Umgebung an, daß es vielleicht ein Toter war.
Der Herr trat zur Bahre, legte eine Hand dem Daliegenden auf die Stirn, kniete dann nieder und betete. Der Bootsführer winkte den Trägern, das Zimmer zu verlassen, sie gingen hinaus, vertrieben die Knaben, die sich draußen angesammelt hatten, und schlossen die Tür. Dem Herrn schien aber auch diese Stille noch nicht zu genügen, er sah den Bootsführer an, dieser verstand und ging durch eine Seitentür ins Nebenzimmer. Sofort schlug der Mann auf der Bahre die Augen auf, wandte schmerzlich lächelnd das Gesicht dem Herrn zu und sagte: »Wer bist du?« - Der Herr erhob sich ohne weiteres Staunen aus seiner knienden Stellung und antwortete: »Der Bürgermeister von Riva.«
Der Mann auf der Bahre nickte, zeigte mit schwach ausgestrecktem Arm auf einen Sessel und sagte, nachdem der Bürgermeister seiner Einladung gefolgt war: »Ich wußte es ja, Herr Bürgermeister, aber im ersten Augenblick habe ich immer alles vergessen, alles geht mir in der Runde und es ist besser, ich frage, auch wenn ich alles weiß. Auch Sie wissen wahrscheinlich, daß ich der Jäger Gracchus bin.«
»Gewiß«, sagte der Bürgermeister. »Sie wurden mir heute in der Nacht angekündigt. Wir schliefen längst. Da rief gegen Mitternacht meine Frau: ›Salvatore‹, - so heiße ich - ›sieh die Taube am Fenster!‹ Es war wirklich eine Taube, aber groß wie ein Hahn. Sie flog zu meinem Ohr und sagte: ›Morgen kommt der tote Jäger Gracchus, empfange ihn im Namen der Stadt.‹«
Der Jäger nickte und zog die Zungenspitze zwischen den Lippen durch: »Ja, die Tauben fliegen vor mir her. Glauben Sie aber, Herr Bürgermeister, daß ich in Riva bleiben soll?«
»Das kann ich noch nicht sagen«, antwortete der Bürgermeister. »Sind Sie tot?«
»Ja«, sagte der Jäger, »wie Sie sehen. - Vor vielen Jahren, es müssen aber ungemein viel Jahre sein, stürzte ich im Schwarzwald - das ist in Deutschland - von einem Felsen, als ich eine Gemse verfolgte. Seitdem bin ich tot.«
»Aber Sie leben doch auch«, sagte der Bürgermeister.
»Gewissermaßen«, sagte der Jäger, »gewissermaßen lebe ich auch. Mein Todeskahn verfehlte die Fahrt, eine falsche Drehung des Steuers, ein Augenblick der Unaufmerksamkeit des Führers, eine Ablenkung durch meine wunderschöne Heimat, ich weiß nicht, was es war, nur das weiß ich, daß ich auf der Erde blieb und daß mein Kahn seither die irdischen Gewässer befährt. So reise ich, der nur in seinen Bergen leben wollte, nach meinem Tode durch alle Länder der Erde.«
»Und Sie haben keinen Teil am Jenseits?« fragte der Bürgermeister mit gerunzelter Stirne.
»Ich bin«, antwortete der Jäger, »immer auf der großen Treppe, die hinaufführt. Auf dieser unendlich weiten Freitreppe treibe ich mich herum, bald oben, bald unten, bald rechts, bald links, immer in Bewegung. Aus dem Jäger ist ein Schmetterling geworden. Lachen Sie nicht.«
»Ich lache nicht«, verwahrte sich der Bürgermeister.
»Sehr einsichtig«, sagte der Jäger. »Immer bin ich in Bewegung. Nehme ich aber den größten Aufschwung und leuchtet mir schon oben das Tor, erwache ich auf meinem alten, in irgendeinem irdischen Gewässer öde steckenden Kahn. Der Grundfehler meines einstmaligen Sterbens umgrinst mich in meiner Kajüte. Julia, die Frau des Bootsführers, klopft und bringt mir zu meiner Bahre das Morgengetränk des Landes, dessen Küste wir gerade befahren, Ich liege auf einer Holzpritsche, habe - es ist kein Vergnügen, mich zu betrachten - ein schmutziges Totenhemd an, Haar und Bart, grau und schwarz, geht unentwirrbar durcheinander, meine Beine sind mit einem großen, seidenen, blumengemusterten, langgefransten Frauentuch bedeckt. Zu meinen Häupten steht eine Kirchenkerze und leuchtet mir. An der Wand mir gegenüber ist ein kleines Bild, ein Buschmann offenbar, der mit einem Speer nach mir zielt und hinter einem großartig bemalten Schild sich möglichst deckt. Man begegnet auf Schiffen manchen dummen Darstellungen, diese ist aber eine der dümmsten. Sonst ist mein Holzkäfig ganz leer. Durch eine Luke der Seitenwand kommt die warme Luft der südlichen Nacht, und ich höre das Wasser an die alte Barke schlagen.
Hier liege ich seit damals, als ich, noch lebendiger Jäger Gracchus, zu Hause im Schwarzwald eine Gemse verfolgte und abstürzte. Alles ging der Ordnung nach. Ich verfolgte, stürzte ab, verblutete in einer Schlucht, war tot und diese Barke sollte mich ins Jenseits tragen. Ich erinnere mich noch, wie fröhlich ich mich hier auf der Pritsche ausstreckte zum erstenmal. Niemals haben die Berge solchen Gesang von mir gehört wie diese vier damals noch dämmerigen Wände.
Ich hatte gern gelebt und war gern gestorben, glücklich warf ich, ehe ich den Bord betrat, das Lumpenpack der Büchse, der Tasche, des Jagdgewehrs vor mir hinunter, das ich immer stolz getragen hatte, und in das Totenhemd schlüpfte ich wie ein Mädchen ins Hochzeitskleid. Hier lag ich und wartete. Dann geschah das Unglück.«
»Ein schlimmes Schicksal«, sagte der Bürgermeister mit abwehrend erhobener Hand. »Und Sie tragen gar keine Schuld daran?«
»Keine«, sagte der Jäger, »ich war Jäger, ist das etwa eine Schuld? Aufgestellt war ich als Jäger im Schwarzwald, wo es damals noch Wölfe gab. Ich lauerte auf, schoß, traf, zog das Fell ab, ist das eine Schuld? Meine Arbeit wurde gesegnet. ›Der große Jäger vom Schwarzwald‹ hieß ich. Ist das eine Schuld?«
»Ich bin nicht berufen, das zu entscheiden«, sagte der Bürgermeister, »doch scheint auch mir keine Schuld darin zu liegen. Aber wer trägt denn die Schuld?«
»Der Bootsmann«, sagte der Jäger. »Niemand wird lesen, was ich hier schreibe, niemand wird kommen, mir zu helfen; wäre als Aufgabe gesetzt mir zu helfen, so blieben alle Türen aller Häuser geschlossen, alle Fenster geschlossen, alle liegen in den Betten, die Decken über den Kopf geschlagen, eine nächtliche Herberge die ganze Erde. Das hat guten Sinn, denn niemand weiß von mir, und wüßte er von mir, so wüßte er meinen Aufenthalt nicht, und wüßte er meinen Aufenthalt, so wüßte er mich dort nicht festzuhalten, so wüßte er nicht, wie mir zu helfen. Der Gedanke, mir helfen zu wollen, ist eine Krankheit und muß im Bett geheilt werden.
Das weiß ich und schreie also nicht, um Hilfe herbeizurufen, selbst wenn ich in Augenblicken - unbeherrscht wie ich bin, zum Beispiel gerade jetzt - sehr stark daran denke. Aber es genügt wohl zum Austreiben solcher Gedanken, wenn ich umherblicke und mir vergegenwärtige, wo ich bin und - das darf ich wohl behaupten - seit Jahrhunderten wohne.«
»Außerordentlich«, sagte der Bürgermeister, »außerordentlich. - Und nun gedenken Sie bei uns in Riva zu bleiben?«
»Ich gedenke nicht«, sagte der Jäger lächelnd und legte, um den Spott gutzumachen, die Hand auf das Knie des Bürgermeisters. »Ich bin hier, mehr weiß ich nicht, mehr kann ich nicht tun. Mein Kahn ist ohne Steuer, er fährt mit dem Wind, der in den untersten Regionen des Todes bläst.«
[Schwindel.Gefühle. S. 186ff]



Friedrich Gottlieb Klopstock: Oden Band 1
Die Welten


Gross ist der Herr! und jede seiner Thaten,
Die wir kennen, ist gross!
Ozean der Welten, Sterne sind Tropfen des Ozeans!
Wir kennen dich nicht!

Wo beginn ich, und ach! wo end' ich
Des Ewigen Preis?
Welcher Donner giebt mir Stimme?
Gedanken welcher Engel?

Wer leitet mich hinauf
Zu den ewigen Hügeln?
Ich versink', ich versinke, geh unter
In deiner Welten Ozean!

Wie schön, und wie hehr war diese Sternennacht,
Eh ich des grossen Gedankens Flug,
Eh ich es wagte, mich zu fragen:
Welche Thaten thäte dort oben der Herliche?

Mich, den Thoren! den Staub!
Ich fürchtet', als ich zu fragen begann,
Dass kommen würde, was gekommen ist.
Ich unterliege dem grossen Gedanken!

Weniger kühn, hast, o Pilot,
Du gleiches Schicksal.
Trüb' an dem fernen Olymp
Sammeln sich Sturmwolken.
Jetzo ruht noch das Meer fürchterlich still.
Doch der Pilot weiss,
Welcher Sturm dort herdroht!
Und die eherne Brust bebt ihm,

Er stürzt an dem Maste
Bleich die Segel herab.
Ach! nun kräuselt sich
Das Meer, und der Sturm ist da!

Donnernder rauscht der Ozean als du, schwarzer Olymp!
Krachend stürzet der Mast!
Lautheulend zuckt der Sturm!
Singt Todtengesang!

Der Pilot kennet ihn. Immer steigender hebst, Woge, du dich!
Ach die letzte, letzte bist du! Das Schif geht unter!
Und den Todtengesang heult dumpf fort
Auf dem grossen, immer offenem Grabe der Sturm!

[Nach der Natur S. 36]






[Die Ringe des Saturn S. 339f ]



Gerhard Koepf: Innerfern
Koepf: "Innerfern ist ein von mir gebildeter Neologismus in Analogie zu "Außerfern" (Land jenseits des Fernpasses in Tirol; Fern von Firn: Schnee) und zugleich der Titel meines 1983 bei S. Fischer erschienenen Romans.
In aller Bescheidenheit sei noch angemerkt, dass Sebald und meine Wenigkeit in Nachbarorten geboren wurden und uns nicht nur gekannt, sondern uns auch besucht und Briefe gewechselt haben. So ist es auch zu Späßchen und Nonsens gekommen: vgl. Bader Köpf
". Im Intro auf dieser website sei das Zitat "Innerfern" Unsinn.
Bekannt ist Sebalds Abneigung gegen die Gruppe 47. Im korsischen Gebirgswald erinnert Sebald einen fiktiven heimischen Wald und eine scheinbar beglaubigte Wanderung mit dem Großvater als Kindheitserinnerung, die ihn zu einem literarisch-fiktiven Ort Innerfern führt, wo sich eine gedächtnislose Schriftstellergruppe formiert, gegen die er seine Erinnerungsprosa schreibt.
[Campo Santo S. 40]


Nikolaus Lenau: Drei Zigeuner
Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch die sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fidel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,
Blicket nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Zymbal am Baum hing,
Über die Saiten ein Windhauch lief,
Über sein Herze ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken
Aber sie boten trotzig und frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt
Wenn uns das Leben umnachtet,

Wie man's verraucht, verschläft, vergeigt
Wie man es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Musst ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern dunkelbraun,
Nach den schwarzlockigen Haaren.
[Campo Santo S. 182]



J.M.R. Lenz: Catharina von Siena
Sei ruhig Herz! - ich denk', ich will hier schlafen,
Hier schlummern wenigstens. Der stille Abend
Deckt meine überspannten müden Sinne
Mit seinem Mantel zu

[Die Ringe des Saturn S. 264]



Gotthold Ephraim Lessing: Der junge Gelehrte 11. Auftr.
Gift und Galle
möchte ich speien, so toll bin ich! Für meinen guten Willen mich eine Betrügerin zu heißen?
[Über das Land und das Wasser]



Clément
Marot: Languir me fais (recueil : L'Adolescence clémentine)

Languir me fais sans t'avoir offensée :
Plus ne m'écris, plus de moi ne t'enquiers.
Mais nonobstant autre Dame ne quiers :
Plutôt mourir que changer ma pensée.
Je ne dis pas t'amour être effacée,
Mais je me plains de l'ennui que j'acquiers,
Et loin de toi humblement te requiers
Que loin de moi, de moi ne sois fâchée.
[Die Ringe des Saturn S. 268]



John Milton:
Good and evil we know in the field of this world grow up together almost inseparably.
[Die Ringe des Saturn S. 9]

Hinweis: Zitat nicht aus Paradise Lost (Versepos), sondern aus Essay The Areopagitica. Dieses wendet sich gegen die 1643 erlassene Licensing Order, de facto Zensur. Das zitierte Motto unter der Überschrift „On the importance of even wrong ideas“. Dort: „It was from out the rind of one apple tasted that the knowledge of good and evil, as two twins cleaving together, leaped forth into the world“. Tatsächlich Anspielung auf das erste Buch von “Paradise Lost”: „Of Mans First Disobedience, and the Fruit / Of that Forbidden Tree, whose mortal tast / Brought Death into the World, and all our woe” Falsche Zuordnung des Zitats durch Sebald wie Fortsetzung des eigentlichen Textes in den “Areopagitica“ Hinweise auf den Sündenfall. Ambivalenz des Wissens (durch Sündenfall erlangt) und der dadurch hervorgerufenen Veränderungen der Welt zentrales Thema des Werks



Claudio Monteverdi: L'Arianna
Lasciate mi morir
Lasciate mi morire,
De che volete voi
che vi conforte
De che volete voi
in così dura sorte,
in così gran martire,
Lasciatemi morire,
lasciatemi morire.
(Klagegesang der Ariadne)
[Campo Santo S. 12]



Thomas Müntzer: Prager Manifest
Sie teilen auch nicht das gute Wort Gottes, das in allen auserwählten Menschen lebt, den Herzen mit, wie eine Mutter ihrem Kinde Milch gibt, sondern sie machen es den Leuten in der Weise Bileams. Sie haben (zwar) den armen Buchstaben im Maul, aber das Herz ist wohl über hunderttausend Meilen davon entfernt.
[Nach der Natur S. 29]



Novalis: Fragmente Die Enzklopädie 1326
Die Natur ist eine versteinerte Zauberstadt
[Über das Land und das Wasser S. 65]



Paracelsus: Septem Defensiones
... so Christus spricht: ›perscrutamini scripturas‹ (dt: Durchforscht die Schriften!), warumb wolt ich nicht auch sagen darvon: ›perscrutamini naturas rerum‹ (dt: Erforscht die Natur!)? ... die geschrift wird erforschet durch ire buchstaben, die natur aber durch lant zu lant: als oft ein lant, als oft ein blat. also ist codex naturae, also muß man ire bleter umbkeren.
[Nach der Natur S.40]



Phrygischer Mysterienkult
Taurus draconem genuit et draco taurum
[Nach der Natur S. 89]
(lat. der Stier zeugt die Schlange und die Schlange den Stier - mit dieser Formel wird die Wiedergeburt des Sabazios (Beherrscher des Mondes) beschrieben)



Joseph Roth: Juden auf Wanderschafte in "Romane, Erzählungen, Aufsätze" 1964, S. 559-615 hier S. 595
Sebald zitiert Josef Roth (in seinem Essay "Ein Kaddisch für Österreich - Über Josef Roth" (in Unheimliche Heimat S.104ff) dort so: Die affektive Beziehung, die der Schriftsteller Roth zu diesem von ihm entworfenen und, gemessen an der Realpolitik, hoffnungslos anachronistischen Modell eines ökumenischen Reichs unterhält, ist vergleichbar derjenigen, die Herrn Frohmann aus Drohobycz verbindet mit dem von ihm aus Fichtenholz, Pappmache und Goldfarbe getreu nach den Angaben der Bibel hergestellten Tempel Salomonis. Herr Frohmann, der mit seinem Kunstwerk von einem Ghetto zum ändern fährt und gelegentlich sogar bis Berlin kommt, versteht sich als Hüter der Tradition. Er behauptet, sieben Jahre an diesem Miniaturtempelchen, von dem man »jeden Vorhang, jeden Vorhof, jede kleinste Turmzacke, jedes heilige Gerät« sieht, gebaut zu haben, und Joseph Roth, der die Geschichte von Herrn Frohmann erzählt, glaubt es ihm, denn »einen Tempel wiederaufzubauen«, so sagt er, »das erfordert ebensoviel Zeit wie Liebe«
[Die Ausgewanderten S. 262]



Friedrich Rückert: Brahmanische Erzählungen 1839, III Nr. 38
In diesem Augenblick war in der Mutter Schooß
Statt eines Sohnes ihm erzeugt ein Doppelsproß
Ormusd und Ahriman; Ormusd aus Andachtglut
Ensprungen. Ahriman erzeugt aus Zweifelmut. [Nach der Natur S. 80]
[Über das Land und das Wasser S. 52]



Joachim von Sandrart: Teutsche Academie der edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste
I. Teil - Nürnberg 1675

Matthaeus Grünewald, sonst Matthäus von Aschaffenburg genant, dörf unter allen edlen Zeichen- und Mahlkunst keinem weichen oder etwas nachgeben, sondern er ist in der Warheit den fürtreflichsten und bästen, wo nicht mehrer, doch gleich zu schätzen. Es ist aber zu bedauern, daß dieser ausbündige Mann dermaßen mit seinen Werken in Vergessenheit gerathen, daß ich nicht einen Menschen mehr bey Leben weiß, der von seinem Thun nur eine geringe Schrift oder mündliche Nachricht geben könte; damit jedoch seine Würdigkeit an den Tag gebracht werde, will ich mit besonderem Fleiß, soviel mir bewußt, anziehen, ohne welches ich glaube, daß dieses schöne Gedächtnis in wenig Jahren ganz völlig erlöschen würde. Es sind bereits 50. Jahr verflossen, daß ein sehr alter aber kunstreicher Mahler zu Frankfurt, Namens Philipp Uffenbach, gelebet, der vormals ein Lehrjung des berühmten Teutschen Mahlers Grimers gewesen; dieser Grimer hat bey ermeldtem Matthaeus von Aschaffenburg gelernet und alles, was er von ihme können zusammen tragen, fleißig aufgehoben, absonderlich hat er nach seines Lehrmeisters Tod von desselben Wittib allerhand herrliche Handrisse, meistens mit schwarzer Kreid und theils fast Lebens-Größe gezeichnet, bekommen, welche alle nach dieses Grimers Ableiben obgedachter Philipp Uffenbach, als ein nachsinnlicher berühmter Mann, an sich gebracht. Damals gienge ich unweit seiner Behausung zu Frankfurt in die Schul und wartete ihm offtmals auf, da er mir dann, wann er in gutem humor ware, diese in ein Buch zusammen gesamlete edle Handrisse des Matthaeus von Aschaffenburg, als dessen Ort er fleißig nachstudirte, gezeigt und derselben löbliche Qualitäten und Wolstand entdecket. Dieses ganze Buch ist nach gedachten Uffenbachs Tod von seiner Wittfrauen dem berühmten Kunstlieber, Herrn Abraham Schelkens zu Frankfurt, theur verkauft und von demselben, neben vielen anderen herrlichen Kunststücken von den bästen alten und modernen Gemählden, raren Büchern und Kupferstichen, die viel zu lang zu erzehlen fallen würden, in sein berühmt Kunst-Cabinet, zu ewiger Gedächtnis dieser ruhmwürdigen Hand, und allen Kunstliebenden süßer Vergnügung, gestellet worden, wohin ich also den günstigen Leser will gewiesen haben.

Dieser fürtrefliche Künstler hat zur Zeit Albrecht Dürers ungefehr Anno 1505. gelebet, welches an dem Altar von der Himmelfahrt Mariae in der Prediger Closter zu Frankfurt von Albrecht Dürer gefärtiget, abzunehmen, als andessen vier Flügel von außenher, wann der Altar zugeschlossen wird, dieser Matthaeus vom Aschaffenburg mit liecht in grau und schwarz dieser Bilder gemahlt; auf einem ist S. Lorenz mit dem Rost, auf den andern eine S. Elisabeth, auf dem dritten ein S. Stephan, und auf dem vierdten ein ander Bild, so mir entfallen, sehr zierlich gestellet, wie es noch allda zu Frankfurt zu sehen. Absonderlich aber ist sehr preiswürdig die von ihme mit Wasserfarben gebildete Verklärung Christi auf dem Berg Thabor, als worinnen zuvorderst eine verwunderlich schöne Wolke, darinnen Moyses und Elias erscheinen, samt denen auf der Erde knienden Aposteln, von Invention, Colorit und allen Zierlichkeiten so fürtreflich gebildet, daß es selzsamkeit halber von nichts übertroffen wird, ja es ist in Manier und Eigenschaft unvergleichlich, und eine Mutter aller Gratien.

Ferner waren von dieser edlen Hand zu Maynz in dem Domm auf der linken Seiten des Chors, in drey unterschiedlichen Capellen, drey Altar-Blätter, jedes mit zweyen Flügeln in- und auswendig gemahlt gewesen, deren erstes war unsere liebe Frau mit dem Christkindlein in der Wolke, unten zur Erden warten viele Heiligen in sonderbarer Zierlichkeit auf, als S. Catharina, S. Barbara, Caecilia, Elisabetha, Apollonia und Ursula, alle dermaßen adelich, naturlich, holdselich und correct gezeichnet, auch so wol coloriert, daß sie mehr im Himmel als auf Erden zu seyn scheinen. Auf ein anderes Blat war gebildet ein blinder Einsidler, der mit seinem Leitbuben, über den zugefrornen Rheinstrom gehend, auf dem Eiß von zween Mördern überfallen, und zu todt geschlagen wird, und auf seinem schreyenden Knaben ligt, an affecten und Ausbildung mit verwunderlich natürlichen wahren Gedanken gleichsam überhäuft anzusehen; das dritte Blat war etwas imperfecter, als vorige zwey und sind sie zusammen Anno 1631. oder 32. in damaligem wilden Krieg weggenommen, und in einem Schiff nach Schweden versandt worden, aber neben vielen andern dergleichen Kunststücken durch Schiffbruch in dem Meer zu Grund gegangen. Es soll auch noch ein Altar-Blat in Eysenach von dieser Hand sein, und darinnen ein verwunderlicher S. Antonio, worinnen die Gespenster hinter den Fenstern gar artig ausgebildet seyn sollen; Ferner haben Ihre Fürstl. Durchl. Herzog Wilhelm in Bayern hochseligsten Andenkens, als vernünftiger Urteiler und Liebhaber der edlen Kunst ein klein Crucifix mit unserer lieben Frauen und S. Johann, samt einer niderknienden und andächtig-betenden Maria Magdalena, so fleißig gemahlt von dieser Hand gehabt, auch sehr geliebt, ohne daß sie gewußt, von wem es sey; selbiges ist, wegen des verwunderlichen Christus am Creutz, so ganz abhenkend auf den Füßen ruhet, sehr seltsam, daß es das wahre Leben nicht anderst thun könte; und gewiß ueber alle Crucifix natürlich wahr und eigentlich ist, wann ihm mit vernünftiger Gedult lang nachgesonnen wird, solches ist deswegen halb-Bogen groß, auf gnädigen Befehl hochgedachten Herzogs, Anno 1605. von Raphael Sadler in Kupfer gestochen worden, und erfreute sich hernachmalen Ihre Churfürstl. Durchl. Maximilian seligster Gedächtnis höchlich, da ich des Meisters Namen geoffenbaret.

Wiederum gehet in Holzschnitt aus die Offenbarung des heiligen Johannes, ist aber übel zu bekommen, und solle auch von dieser Hand seyn; gleichfalls ist zu meiner Zeit in Rom ein heiliger Johannes mit zusammengeschlagnen Händen, das Angesicht über sich, ob er Christus am Creutz anschauete, gewesen, überaus andächtig und beweglich, in Lebens-Größe, mit herrlicher gratia, so aestimirt, und auch hoch für Albert Dürers Arbeit geschätzt worden; da ich aber, von wem es wäre, erkandt, und den Unterschied der Manier gezeigt, habe ich gleich hinterher mit Oelfarbe (womit ich eben damals des Papsts Contrafät machte) dessen Namen also setzen müssen: Matthaeus Grünwald Alemann fecit. Und das ist es nun, was von dieses fürtrefflichen Teutschen Kunst-Stücken mir bewußt, außer daß er sich meistens zu Maynz aufgehalten und ein eingezogenes melancholisches Leben geführt, und übel verheuratet gewesen; wo und wann er gestorben, ist mir unbekandt, halte doch dafür, daß es um An. 1510. geschehen [Nach der Natur S. 10ff]



Friedrich Schiller: Wallensteins Tod
5. Aufzug 11. Auftritt
Octavio Piccolomini tritt herein mit Gefolge. Deveroux und Macdonald kommen zugleich aus dem Hintergrunde mit Hellebardierern. Wallensteins Leichnam wird in einem roten Teppich hinten über die Szene getragen.
[Über das Land und das Wasser S. 68]



Gerhard Schulz: Romatik
Aus dem historischen Denken der Aufklärung entstand jedoch noch ein anderer, bedeutsamer Dualismus hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur: Wohl war das Universum ewig wie der Schnee auf den Alpen, aber daß die Natur gleichzeitig eine Geschichte hatte, ließ sich mehr und mehr erkennen, je genauer und empirischer man sie studierte. Goethe hatte mit verschiedenen seiner Studien zu dieser Erkenntnis beigetragen, und Novalis ließ seinen Bergmann im Ofterdingen wie einen Geologen in die Erde einfahren, damit er ihre Vergangenheit entdecke. Die Ruinen im Walde in Bildern von Caspar David Friedrich tragen sogar die Dimension einer bestimmten geschichtlichen Zeit als Zeichen des unwiderruflich Vergangenen in die Natur hinein: Geschichte als Fortschreiten.
[Nach der Natur S. 5]



William Shakespeare: Ein Wintermärchen (Übers. Benda, Leipzig 1825) 4. Akt 4. Szene
Schleier, weiß wie frischer Schnee;
Kreppflor, schwärzer als die Kräh';
Handschuh
, gleich dem Blumenrasen,
duftend wie Gesicht und Nasen
Original:
Lawn as white as driven snow;
Cyprus black as e'er was crow;
Gloves as sweet as Damask roses;
Masks for faces and for noses;
[Schwindel.Gefühle. S. 291]
(vgl. auch Forum Einträge Nr. 79 bis 81!)

Hamlet 4. Akt 5. Szene
They say the owl was a baker's
daughter.
Lord, we know what we are, but know not
what we may be. God be at your table!
[Über das Land und das Wasser S. 49]

King Lear 4. Akt 6. Szene
Wie graunvoll
Und schwindelnd ists, so tief hinabzuschaun!
Die Krähn und Dohlen, die die Mitt umflattern,
Sehn kaum wie Käfer aus - halbwegs hinab
Hängt einer, Fenchel sammelnd - schrecklich Handwerk!
Mich dünkt, er scheint nicht größer als sein Kopf.
Die Fischer, die am Strand entlanggehn, scheinen
Wie Mäuse

[Die Ringe des Saturn S. 207]

King Lear 4. Akt 7. Szene
They say his banished son is with the Earl of Kent in Germany

[Die Ringe des Saturn S. 226]

King Lear 5. Akt 3. Szene
Lend me a looking glass.
If that her breath will mist or stain the stone,
Why, then she lives.

[Die Ringe des Saturn S. 208]



Henri Stendhal: Bekenntnisse eines Ichmenschen
Aus Dankbarkeit brachte der Pfarrer mir bei, daß Donna Frau hieß, cattiva schlecht, und daß ich fragen mußte: Quante sono miglia di quà a Ivrea? um zu erfahren, wieviel Meilen es noch bis Ivrea seien. Das war der Anfang meines Italienisch.
Der Anblick der vielen gefallenen Pferde und der übrigen Trümmer der Armee zwischen Bard und Ivrea machte mir solchen Eindruck, daß ich keine deutliche Erinnerung mehr daran habe. Zum erstenmal hatte ich jenen Eindruck, den ich seitdem so oft empfunden habe: mich zwischen den Kolonnen einer Armee Napoleons zu befinden. Der Eindruck des Augenblicks verschlang alles, genau wie die Erinnerung an den ersten Abend, wo Madame Jules (Gaulthier) mich als Geliebten behandelte. Meine Erinnerung ist nur ein bei diesem Anlaß gedichteter Roman.
Ich sehe noch den ersten Blick auf Ivrea auf dreiviertel Stunden Entfernung. Es war links im Hintergrunde von Bergen überragt, vielleicht jenem Rezegon di Lek, den ich später so bewundert habe. Es war zwar nicht schwer, von den verängstigten Einwohnern einen Quartierzettel zu kriegen, wohl aber, ihn gegen die Trupps von drei bis vier plündernden Soldaten zu verteidigen. Mir ist, als hätte ich zum Säbel gegriffen, um unsere Haustür zu verteidigen, die Jäger zu Pferde ins Biwak fortschleppen wollten.
Am Abend hatte ich einen unvergeßlichen Eindruck. Ich ging ins Theater, gegen den Willen des Kapitäns, der mein kindisches Wesen und meine Fechtkunst wohl richtig einschätzte und daher gewiß fürchtete, ich möchte an einer Straßenecke erstochen werden. Uniform trug ich nicht, und das war wohl das Schlimmste inmitten der Kolonnen einer Armee.
Kurz, ich ging ins Theater. Gegeben wurde Cimarosas » Matrimonio segreto«; der Darstellerin der Karoline fehlte ein Vorderzahn. Das ist alles, was mir von einem göttlichen Glück geblieben ist. Sofort verschwanden meine beiden Großtaten, der Übergang über den Sankt Bernhard und die Feuertaufe. Das alles schien mir roh und gemein. Ich empfand eine Begeisterung wie bei der Kirche von Rolle, aber weit reiner und lebhafter. Bei Rousseau hat mich die Pedanterie der Julie von Etange stets geärgert; bei Cimarosa war alles göttlich. In den Pausen meiner Freude sagte ich mir: »Und nun bist du einem rohen Handwerk verfallen, statt dein Leben der Musik zu weihen!«
Ich antwortete mir ohne Groll: »Ich muß leben. Ich will die Welt sehen und ein tapfrer Soldat werden. Nach ein bis zwei Jahren kehre ich zur Musik, meiner einzigen Liebe, zurück.«
Ich fühlte neues Leben; all meine Enttäuschung über Paris war verschwunden. Nun sah ich deutlich, wo das Glück war. Der Abend in Ivrea löschte in mir auch die Erinnerung an das Dauphiné für immer aus. Ohne den Anblick der schönen Berge am Morgen bei der Ankunft wäre sie vielleicht nicht auf ewig tot gewesen. In Italien leben und solche Musik hören, ward der Ausgangspunkt aller meiner Gedanken.
Am nächsten Morgen, als ich mit dem Kapitän neben unseren Pferden einherging, war ich so kindisch, von meinem Glück zu sprechen. Er antwortete mir mit groben Witzen über die lockeren Sitten der Schauspielerinnen. Das Wort Schauspielerin war mir heilig, sowohl wegen der Erinnerung an Fräulein Kably wie vor allem wegen der Karoline (im » Matrimonio segreto«). Ich glaube, wir veruneinigten uns ernstlich und ich hegte Duellgedanken. Ich begreife meinen Wahnsinn nicht; es war wie meine Herausforderung des trefflichen Joinville (jetzt Baron und Militärintendant in Paris). Ich konnte meinen Säbel nicht wagrecht halten.
[Schwindel.Gefühle. S. 11ff]

Vom Ende Mai bis zum Oktober oder November 1800, wo ich Leutnant bei den sechsten Dragonern wurde, fand ich fünf bis sechs Monate himmlischen, vollkommnen Glücks. Man kann den Teil des Himmels in der Nähe der Sonne nicht deutlich erkennen. Aus dem gleichen Grunde fiele es mir schwer, meine Liebe zu Angela Pietragrua zu beschreiben. Wie soll man soviel Torheiten vernünftig darstellen oder auch nur verständlich machen? Ich fange schon an, Schreibfehler zu machen, wie es mir in den großen Ekstasen der Leidenschaft geschieht, und doch liegt das alles um sechsunddreißig Jahre zurück! Verzeih mir, geneigter Leser! Oder, wenn du über dreißig Jahre alt bist oder mit dreißig Jahren eine prosaische Seele hast, klappe dies Buch zu!

Wird man es mir glauben? Dieser himmlischen, leidenschaftlichen Liebe, die mich ganz der Erde entrückte und mich in die himmlischsten,

köstlichsten, erwünschtesten Träume versetzte, wurde erst im September 1811 der sogenannte Lohn zuteil! Elf Jahre, wo nicht der Treue, so doch einer Art von Beständigkeit. Die Frau, die ich liebte und bei der ich Gegenliebe zu finden glaubte, hatte noch andre Liebhaber[R1], aber sie würde mich bei gleichem Range vorziehen, sagte ich mir.

Ich bin eine Viertelstunde ausgegangen, bevor ich weiter schreibe. Wie soll ich jene Zeit vernünftig darstellen und dabei meinem Gegenstand gerecht werden? Ich will ja nicht sagen, was die Dinge waren -- das entdecke ich wohl erst jetzt im Jahre 1836, aber wenn ich das schreibe, was sie für mich im Jahre 1800 waren, so würfe der Leser das Buch fort. Was soll ich tun? Welchen Entschluß fassen?

Ist der Leser je wahnsinnig verliebt gewesen? Hat er je das Glück gehabt, mit der Frau, die er im Leben am meisten geliebt hat, eine Nacht zu verbringen? Doch ich fühle, ich werde lächerlich oder vielmehr unglaubwürdig. Meine Hand versagt mir den Dienst. Ich bin wie ein Maler, der nicht mehr den Mut hat, ein Stück seines Gemäldes zu vollenden. Um das Ganze nicht zu verderben, skizziert er das, was er nicht malen kann. Man verdirbt so holde Erinnerungen, wenn man sie erzählt.

[F1: Angela Pietragrua, geb. Borrone, damals dreiundzwanzig Jahre alt, war zu jener Zeit die Geliebte des Kriegskommissars Louis Joinville]
[Schwindel.Gefühle. S. 14ff]

um sie zu fühlen, bedürfte es einer Gräfin Simonetta ... [Fußnote: So nennt Beyle seit 1813 Angela Pietragrua, vielleicht in Erinnerung an den gemeinsamen Ausflug nach dem Echo der Simonetta]
[Schwindel.Gefühle. S. 17]

Stendhal: Mein Übergang über den Sankt Bernhard im Mai 1800 (1836)
Vorbemerkung des Übersetzers: Man steht im Beginn des Feldzugs in Italien von 1800. Napoleon wirft seine Armee über die Alpen, sieht sie aber unerwartet durch die kleine, hartnäckig verteidigte Bergfeste Bard in ihrem flotten Vordringen aufgehalten. Der General Lannes hat zwar durch eine Umgehung die Hauptmassen seiner Infanterie am 22. Mai bis Ivrea in die Lombardei vorgeschoben, mit der Artillerie und den Trains bleibt er jedoch in der Talenge vor Bard stecken. Bonaparte hatte den Großen Sankt Bernhard am 20. Mai überschritten und traf hierauf vor Bard persönlich seine Anordnungen. Die durch dieses unbedeutende Fort verursachte Hemmung seines rasch nötigen Vorgehens war ihm höchst unangenehm und nicht ohne Gefahr. Wer sich einigermaßen mit der Geschichte des interessanten Feldzuges von Marengo beschäftigt hat, weiß, daß Bonaparte die offiziellen Berichte über die Ereignisse bis zum 14. Juni eigenhändig korrigiert und absichtlich verschleiert hat. Vor Bard hat er sich persönlich nicht lange aufgehalten, er traf bereits am 26. Mai in Ivrea ein. Auch Stendhal hat der Beschießung Bards wahrscheinlich nur einen Tag beigewohnt, selbstverständlich als tatenloser Zuschauer. In der Skizze, die er dem Manuskript seiner Schilderung beigefügt hat, ist der Standort genau bezeichnet, von wo aus er dem Artilleriekampfe zusah. Es ist der nämliche Punkt, an dem auch Bonaparte beobachtet hatte. Erst am 1. Juni gelang es dann der Division Chabran, die Kapitulation der Feste zu erzwingen.
Stendhal, dem ein sehr schlechtes Gedächtnis eigentümlich war, hat späterhin geglaubt, Bonaparte vor Bard gesehen zu haben, es ist indessen nicht wahrscheinlich.
***
Ich habe nicht die geringste Erinnerung mehr an meine Reise nach Dijon oder an die Reserve-Armee; das Übermaß der Freude hat alles verschlungen.
Ich habe keine Idee mehr von meiner Ankunft in Dijon, ebensowenig von der in Genf.
Burelvillers beantwortete meine Fragen und instruierte mich, wie man aufsitzen muß; wir machten unseren Marsch gemeinsam und hatten die gleichen Quartiere bis zur Porta Nuova in Mailand, zur Casa d'Adda.
Ich war ganz und gar trunken, toll vor Glück und Freude. Es begann für mich ein Zeitraum voller Begeisterung und vollkommenen Glückes. Meine Freude, mein Entzücken verminderte sich erst ein wenig, als ich Dragoner im sechsten Regiment wurde, aber nur wenig.
Augenscheinlich gefiel ich also Herrn Burelvillers und er gab sich Mühe, mich über allerlei Dinge zu instruieren; er war für mich von Genf bis Mailand während eines Marsches von vier oder fünf Milien täglich eine Art ausgezeichneter militärischer Erzieher, wie für einen jungen Fürsten. Unser Leben war eine angenehme Unterhaltung, unterbrochen von seltsamen Ereignissen und nicht ohne einige kleine Gefahren; folglich war das entfernteste Erscheinen von Langerweile unmöglich.
Ich wagte nicht, diesem achtundzwanzigjährigen oder dreißigjährigen Weltmanne meine Träumereien zu offenbaren oder von Literatur zu sprechen; er schien mir das Gegenteil von Gemütsbewegung zu besitzen.
Martigny, glaube ich, am Fuße des Großen Sankt Bernhard ist für mich mit einer Erinnerung an den schönen General Marmont verknüpft.
Ich muß einen hohen Genuß beim Hinaufreiten über den Sankt Bernhard gehabt haben, aber meiner Treu, ohne die Vorsicht des Kapitäns Burelvillers, die mir oft übertrieben und lächerlich erschien, hätte ich vielleicht nach dem ersten Schritt das Genick gebrochen.
Die Natur hat mir köstliche Nerven und die sensible Haut einer Frau verliehen. Ich konnte – ein paar Monate später – meinen Säbel nicht zwei Stunden lang in der Faust halten, ohne die Hand voller Blasen zu haben. Auf dem Sankt Bernhard war ich physisch wie ein junges Mädchen von vierzehn Jahren; ich war siebzehn Jahr und drei Monate alt, aber der verwöhnte Sohn eines Grandseigneurs konnte nicht weichlicher erzogen worden sein.
Zum Beispiel steht mir der Abstieg klar vor Augen. Aber ich will nicht verhehlen, daß ich fünf oder sechs Jahre darnach einen Stich gesehen habe, der sehr ähnlich war; und meine Erinnerung ist nichts weiter als jener Stich. Es ist auch gefährlich, Stiche von Gemälden, die man auf seinen Reisen sieht, zu kaufen. Bald bildet der Stich die alleinige Erinnerung und zerstört das wirkliche Andenken. So ist es mir mit der Sixtinischen Madonna in Dresden ergangen. Der schöne Stich von Müller hat sie mir zerstört, während ich noch genau die schlechten Pastelle von Raffael Mengs aus der gleichen Galerie vor mir sehe, von denen ich nirgends Stiche gesehen habe.
Wir glaubten die Armee uns ungefähr vierzig Milien voraus. Plötzlich sahen wir uns durch das Fort Bard aufgehalten. Ich sehe noch, wie wir eine halbe Milie von der Feste entfernt, links der Landstraße biwakierten. Hier vermengt sich meine Geschichtskenntnis mit der Erinnerung. Wahrscheinlich wurden wir zwei oder drei Tage vor Bard aufgehalten.
War der erste Konsul mit uns? Oder ist das alles die Erinnerung an Gelesenes, was ich da in meinem Kopfe finde?
Ich glaube, ich lag an jenem Abend bei einem Pfarrer im Quartier, dem die zwanzig bis dreißigtausend Mann, die vor dem Kapitän Burelvillers und seinem Schüler durchmarschiert waren, bereits übel mitgespielt hatten. Der egoistische und bösartige Kapitän fluchte. Es scheint mir, daß der Pfarrer mein Mitleid erregte; ich sprach lateinisch zu ihm, um seine Angst zu beschwichtigen.
Der dankbare Pfarrer belehrte mich über ›Donna‹ und ›cattiva‹ und dass man Quanti sono miglia di qua a Ivera? sagen müsse, wenn man wissen wolle, wieviel Milien es von hier bis Ivrea weit sei.
Ich war über die Menge toter Pferde und anderer Überbleibsel der Armee derartig betroffen, daß sich mir von Bard bis Ivrea keine besondere Erinnerung eingeprägt hat. Es war das erste Mal, daß ich eine gewisse Empfindung hatte, die sich seitdem so oft wiederholt hat: die, mich zwischen den Marschkolonnen einer Armee Napoleons zu befinden. Der augenblickliche Eindruck verschlang alles ganz genau so ist mir die Erinnerung an den ersten Abend, wo mich Jules als Geliebten behandelte. Mein Gedächtnis ist nichts als ein bei dieser Gelegenheit gedichteter Roman.
Noch sehe ich den ersten Anblick von Ivrea, wie ich ihn dreiviertel Milie vor der Stadt wahrnahm: halbrechts vor mir, zur Linken in einiger Entfernung Berge.
Am Abend hatte ich ein inneres Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ich ging, dem Kapitän zum Trotz, ins Theater. Man gab Cimarosas »Matrimonio Segreto«. Der Schauspielerin, die die Carolina sang, fehlte ein Vorderzahn. So wenig bleibt von einem göttlichen Glücke übrig!
Mit einem Schlage waren meine beiden großen Taten: der Übergang über den Sankt Bernhard und meine Feuertaufe dahin. Sie erschienen mir gewöhnlich und klein. Ich empfand etwas Ähnliches wie kürzlich in der Kapelle oberhalb Rolle, aber viel reiner und lebhafter. Die Pedanterie der Julie d'Etanges ärgerte mich an Rousseau. Dafür war an Cimarosa alles göttlich.
Mein Leben begann von neuem und meine ganze Pariser Hoffnungslosigkeit war auf immer begraben. In Italien leben und solche Musik hören wurde die Grundlage aller meiner Gedanken.
Am anderen Morgen, als wir neben unseren Pferden hinmarschierten, war ich so einfältig, mit dem sechs Fuß langen Kapitän von meinem Glück zu sprechen. Er antwortete mir mit gemeinen Scherzen über die leichten Sitten der Schauspielerinnen. Mir war das Wort »Schauspielerin« wert und heilig, und erst recht an jenem Morgen, wo ich in die Carolina der »Heimlichen Ehe« verliebt war. Wahrscheinlich wurden wir ernstlich uneinig, ich hatte gar Duellgedanken.
[Schwindel.Gefühle. S. 7ff]



Stendhal: Tagebuch der Reise nach Italien 1811
16. September.
Nur mein Herz ist italienisch. Hätte ich 1800 in der Gesellschaft verkehrt wie jetzt, so hätte ich italienisches Wesen angenommen. Der gesunde Menschenverstand hat bei mir lange in Ungnade gestanden, und wie ich gestehen muß, auch ich bei ihm. Hätte ich die Italiener gut gekannt, so ständen gesunder Verstand und Scharfsinn bei mir in hohen Ehren und wären mir nicht Wechselbegriffe von Kälte und Gefühlsschwäche.
Geschrieben am 20. September.
Am 18. hatte ich ein dreiviertelstündiges Stelldichein mit ihr. Am Tage vorher machten wir zusammen einen Spaziergang von anderthalb Stunden. Ich hatte einen Anfall von zärtlicher Schwermut; daran erkannte ich die Liebe. Wenn ich dies nicht aufzeichne, vergesse ich alles. Aber wenn ich mein Gefühl beschreibe, tut es mir weh. Ich merke so recht, daß reines Gefühl keine Erinnerung hinterläßt.
Ich war nahe daran, gerührt zu werden. Ich ging durch die Straßen und wußte nicht, was ich tun sollte. Ich sollte sie erst am Abend bei ihrer Mutter wiedersehen. Ich hatte Tränen in den Augen, und das Herz war mir schwer.
Ich sah sie nur ganz kurz. Herr Turchotti war bei ihr. Sie ging aus, um etwas zu besorgen. Ich ging fort, um mir einen Platz auf der Post zu bestellen. Wie groß war mein Kummer, als ich zu der guten Frau Borrone zurückkehrte und Angelina nicht mehr antraf. Schließlich fand ich sie auf dem Domplatz. Wir sahen uns den Kometen an. Er war prächtig und sehr deutlich zu sehen. Auch ihre Liebe war sehr deutlich. Sie schien gerührt. Ich, der den ganzen Tag so traurig gewesen war, ärgerte mich nun, nicht meine ganze Schwermut zeigen zu können.
Am 19. September trafen wir uns um elf auf dem Domplatz und fuhren nach der Simonetta. Ein Echo bei der Villa Simonetta vor den Toren von Mailand. Näheres in der »Reise in Italien«, S. 59. Ich glaube, ich liebe sie wirklich, und sie liebt mich auch. Vielleicht wird sie Sonnabend die Meine, vor meiner Abreise. Ich finde sie sehr unvorsichtig. Man darf nicht vergessen, daß ein Fehltritt in diesem Lande des Gefühls ganz andre Folgen hat als in Paris, der Hochburg von Eitelkeit. Aber ich verderbe meine Liebe, indem ich davon rede.
20. September.
Morgen um Mitternacht fahre ich nach Bologna. Heute vormittag regnet es. Mein Glück ist düster und, wie mir scheint, italienisch, weitab von der Leichtlebigkeit des Sanguinikers.
21. September 1811.
Heute abend reise ich ab. Ich habe sie erwartet. Ich sagte mir: »Es hat mich gepackt.« Und ich glaube tatsächlich, das ist die Liebe, aber im Kampfe mit einem starken Charakter. Ich hoffe, die Trennung wird mich etwas genesen lassen. Sie sollte kommen und kam nicht. Wäre sie gefallsüchtig und nichts weiter? Gestern erfuhr ich eine halbe Gunst. Als ich abends heimkehrte, hatte ich trübe, schmerzende Augen und war lange dem Weinen nahe. I was, I believe, in love. Ich war, glaube ich, verliebt.
Am 21. September um halb zwölf Uhr habe ich endlich den so lange ersehnten Sieg davongetragen.
Nichts fehlt zu meinem Glück als das, was das Glück eines Gecken ausmacht, daß es kein Sieg war. Ich glaube, der reinste Genuß kann erst mit der völligen Vertrautheit kommen. Das erstemal ist es ein Sieg; erst in den drei folgenden Malen kommt es zur Vertrautheit. Dann kommt das vollkommene Glück, wenn man mit einer Frau von Geist und großem Charakter zu tun hat und man sie liebt.
Dieser Sieg war nicht leicht. Um dreiviertel zehn Uhr ging ich in die kleine Kirche an der Ecke der Via dei M(eravigli). Ich konnte es nicht zehn Uhr schlagen hören. Um fünf Minuten nach zehn (nach meiner Uhr) ging ich an ihrem Haus vorbei: kein Zeichen. Um zwanzig Minuten nach zehn ging ich wieder vorbei; da erfolgte das Zeichen. Nach einem sehr ernsten Seelenkampfe, bei dem ich den Unglücklichen, ja den Verzweifelten spielte, ward sie um halb zwölf Uhr die Meine. Ich reise am 22. September um halb zwölf Uhr nachts von Mailand ab.
[Schwindel.Gefühle. S. 17]



Stendhal:Tagebuch aus Italien (1801)
5. Vendémiaire
Drei Stunden jenseits Tortona sah ich das berühmte Schlachtfeld von Marengo. Man sieht ein paar abgeschlagene Bäume und viele Menschen- und Tierknochen. Die Schlacht fand vor fünfzehneinhalb Monaten statt
[Schwindel.Gefühle. S. 21]

Stendhal: Über die Liebe (Anhang: 2. Der Salzburger Zweig)
Ich habe die so malerischen Salzwerke von Hallein im Sommer 18** in Gesellschaft von Frau Gherardi besucht. Eigentlich hatten wir der unerträglichen Glut, unter der wir in Bologna litten, entrinnen und auf dem Sankt-Gotthard frische Luft schnappen wollen. In drei Nächten waren wir durch das verpestete Sumpfland von Mantua und über den köstlichen Gardasee gekommen und über Riva, Bozen nach Innsbruck gelangt.

Frau Gherardi fand jene Berge so reizend, daß wir, die wir zu einem Ausflug aufgebrochen waren, schließlich eine richtige Reise unternahmen. ...Entlang den Ufern des Inns und dann der Salzach kamen wir bis nach Salzburg. Die entzückende Frische jenseits der Alpen, an ihrer Nordseite, der Das war eine Entdeckung, die Frau Gherardi machte. Ich bemerkte, daß sich der Offizier sichtlich in die reizende Italienerin verliebte, der der Gedanke, in ein Bergwerk einfahren und binnen kurzem fünfhundert Fuß unter der Erde sein zu sollen, ein tolles Vergnügen bereitete. ... Was mich besonders verwunderte, das war die Nuance von Narrheit, die sich im Hirne des Offiziers rastlos mehrte. Unaufhörlich entdeckte er an jenem Weibe meinen Augen unmerkbare Vorzüge. Seine Worte schilderten die Frau, die er zu lieben begann, in immer mehr idealisierender Weise. Ich sagte mir: »Die Ghita ist offenbar nur der Angelpunkt aller der entzückten Schwärmereien des armen Deutschen.« Einmal unterfing er sich, die Hand der Frau Gherardi zu streicheln, die durch eine kleine Narbe – sie hatte als kleines Mädchen die Blattern gehabt – in sehr störender Weise entstellt und dazu recht braun verbrannt war.

»Wie erklären sich meine Beobachtungen?« fragte ich mich. »Wo finde ich ein Gleichnis, das mir meine Gedanken klarer macht?«

In diesem Augenblick spielte Frau Gherardi mit dem hübschen kristallbedeckten Zweig, den ihr eben ein Bergmann gegeben hatte. Es war prächtiger Sonnenschein, – wir hatten den 3. August, – und die kleinen Salzkristalle funkelten so schön wie die herrlichsten Brillanten im Lichtmeer eines Ballsaales. Der bayrische Offizier, dem ein noch wunderbarer glitzernder Zweig zuteil geworden war, bat Frau Gherardi, die Zweige zu tauschen. Sie willigte ein. Als er ihren Zweig bekommen hatte, drückte er ihn mit einer so spaßigen Geste an sein Herz, daß alle Italiener nicht umhin konnten, zu lachen. In seiner Verwirrung richtete der Offizier an Frau Gherardi die überschwenglichsten und einfältigsten Komplimente. Da ich ihn unter meinen Schutz genommen hatte, bemühte ich mich, das Törichte dieser Schmeicheleien zu beschönigen. Ich sagte zu der Ghita: »Der Eindruck, den auf diesen jungen Mann da der Adel Ihres italienischen Gesichts macht und Ihre Augen, wie er ähnliche nie gesehen hat, diese Wirkung gleicht ganz und gar derjenigen, die Kristallbildung auf den kleinen Buchenzweig da in Ihrer Hand ausgeübt hat, der so hübsch aussieht. Die Salzkristalle haben die schwarzen Ästchen des Zweiges mit so vielen und so hellfunkelnden Diamanten überzogen, daß man nur an ganz wenigen Stellen den Zweig so sehen kann, wie er wirklich ist.«

»Gut! Was wollen Sie daraus schließen?« fragte Frau Gherardi.

»Daß der Zweig da ein treues Ebenbild der Ghita ist, so wie sie in der Phantasie des jungen Offiziers da erscheint.«

»Damit wollen Sie sagen, mein Herr, daß Sie einen ebenso großen Unterschied bemerkt haben zwischen der Ghita, die ich in Wirklichkeit bin, und jener, die der liebenswürdige junge Offizier da in mir sieht, wie zwischen einem kleinen verdorrten Buchenast und diesem hübschen Brillantenzweig, den mir einer der Bergleute gegeben hat.«

»Gnädige Frau, der junge Offizier entdeckt an Ihnen Eigenschaften, die wir, Ihre alten Freunde, niemals wahrgenommen haben. Beispielsweise sind wir nicht imstande, ein Antlitz voll zärtlicher Güte und voll Mitleid zu bemerken. Da jener junge Mann ein Deutscher ist, so ist in seinen Augen die Haupteigenschaft einer Frau die Güte, – und flugs nimmt er in Ihren Zügen den Ausdruck der Güte wahr. Wäre er Engländer, so sähe er an Ihnen die Hoheit und das lady like einer Herzogin. Und wär' er ich, so sähe er Sie so wie ich, dem – zu meinem Unglück – seit langem keine größere Verführerin vorgekommen ist.«

»Famos, ich verstehe,« meinte Ghita, »im Augenblick, wo man anfängt sich mit einer Frau zu beschäftigen, sieht man sie nicht mehr so, wie sie wirklich ist, sondern so, wie man sie haben möchte. Sie vergleichen die lieblichen Illusionen, die das beginnende Interesse schafft, mit diesen hübschen Kristallen, die den winterdürren Buchenzweig überdecken. Und sehr trefflich bemerken Sie, daß jene Illusionen nur in den Augen des verliebten jungen Mannes vorhanden sind.«

»So ist es,« fuhr ich fort, »darum erscheinen die Reden Verliebter vernünftigen Leuten so lächerlich, die das Wunder der Kristallbildung nicht begreifen.«

»Aha. Das nennen Sie also Kristallbildung!« sagte Ghita. »Wohlan, bilden Sie um mich Kristalle!«
...
Das Wort »Kristallbildung« ward unter uns Mode, und es nahm die Phantasie der schönen Ghita so in Anspruch, daß sie es auf alles anwandte. Wieder in Bologna, richtete sie bei jedem Liebesabenteuer, das in ihrer Loge bekrittelt wurde, das Wort an mich. »Dieser Zug spricht für oder gegen unsre Theorien,« pflegte sie zu mir zu sagen. Das Wort Kristallbildung, das wir so oft gebrauchten, erinnerte uns immer an unsre nette Reise. Nie in meinem Leben habe ich die rührende, einsame Schönheit der Gestade des Gardasees so tief empfunden. Wir verbrachten in der Barke köstliche Abende, trotz der schwülen Hitze. Wir verlebten Stunden, die man nimmer vergißt: leuchtende Jugendtage.

Ich hielt mein Pferd nach und nach mehr ab von dem der Frau Gherardi. Die drei Miglien, die uns von Bologna trennten, ritten wir, ohne ein einziges Wort zu reden, indem wir die Tugend, Diskretion genannt, übten.
[Schwindel.Gefühle. S. 29ff]

Stendhal: Selbstverfasste Nachrufe
Qui giace
Arrigo Beyle, Milanese
Visse, scrisse, amò
Se n'andiede di anni...
Nel...
[Hier ruht Heinrich Beyle aus Mailand. Er lebte, schrieb, liebte. Er verschied mit ... Jahren im Jahre ...]
Er liebte Cimarosa, Shakespeare, Mozart, Correggio. Leidenschaftlich liebte er V., M., A., Ange, M., C. [Fußnote: Virginie Kably, Melanie Guilbert, Alexandrine Daru, Angelina Pietragrua, Mathilde Dembowska, Clementine Curial.]
und obwohl nichts weniger als schön, wurde er von vier bis fünf dieser Frauen sehr geliebt.
Er hatte nur vor einem Manne Respekt: Napoleon.
[Schwindel.Gefühle. S. 33]



Lawrence Sterne: Tristram Shandy
Onkel Toby (Uncle Toby), Protagonist und Onkel Tristrams
[Über das Land und das Wasser S. 47]



Chidiock Tichborne: Elegy
My prime of youth is but a frost of cares,
My feast of joy is but a dish of pain,
My crop of corn is but a field of tares,
And all my good is but vain hope of gain:
The day is past, and yet I saw no sun,
And now I live, and now my life is done.
[Die Ausgewanderten S. 95]



Giuseppe Verdi: Nabucco
Teure Heimat, wann seh ich dich wieder
[Campo Santo S. 237]



Vergil: I. Ekloge
et iam summa procul villarum culmina fumant
maioresque cadunt altis des montibus umbrae
[Nach der Natur S. 70]



Stephen Watts: Fragment:
And so I long for snow to sweep across the low heights of London ...
... London a lichen mapped on mild clays and its rough circle without purpose
[Austerlitz S. 54f.]



W. K. Zülch: Der historische Grünewald S. 131
Da wo von Straßburg die große Heerstraße
zur burgundischen Pforte, dem Zug
der Vogesen nach Süden folgend,
den aus dem Gebweiler Quertal

in die Rheinebene tretenden Lauchbach kreuzt,
liegt
- nur heute abseits - das Dorf Isenheim
S. 132
Epilepsie
und die seit 1490 verheerend
auftretenden
Lustseuchen - Syphilis, Franzosenkrankheit - in den Heilbereich St. Antonii aufgenommen. ... Art der Heilbehandlung. Der in das Spital aufgenommene Kranke - er trägt die eigenartige Bezeichnung "Gottes Märtyrer" - wurde
zuerst zum Altar und der Reliquie St. Antonii geführt in Erwartung einer Wundertat. Trat die nicht ein, so folgte die Behandlung mit einem Elexier ( Saint Vinage), das jedes Jahr am Auferstehungstag im Mutterkloster durch Begießen der Gebeine des St. Antonius mit Wein gewonnen wurde.
...
Überall waren die Boten der Antoniterklöster anzutreffen, die, von den Päpsten privilegiert und von den Fürsten gefördert, mit reichstem Ablaß ausgestattet, die Gnadenmittel des Klosters, Heilgetränke und Heilsalben, Andachtsbilder und Glöckchen vertrieben. Kein Orden verfügte über einen so organisierten und privilegierten Bettelbetrieb wie die Antoniter.
S. 133
von den 12 Antoniterherren in Isenheim 8 damals unter einem Lektor "Philosphie" studierten!
[Nach der Natur S. 20 f.]