. W.G. Sebald: Marienbader Elegie









Lyrik:
Sebald auf Prosaerkundungsreise in Böhmen, Marienbad und Eger
Subjekte: Ich/Du und Austerlitz/de Verneuil
Objekte: Goethe, Kafka, Alain Robbe-Grillet und Resnais
Zitate: Novalis versteinerte Zauberstadt, Lessing Gift und Galle, Goethe Ist denn die Welt, Ich bin ganz Dein, Kafka Belzer Rabbi, Dr. K, Robbe-Grillet Letztes Jahr in Marienbad , Schiller den durchbohrten Leib

Prosa:
Austerlitz kehrt mit Marie zurück ins Jahr und Zimmer 38 in Marienbad. Wohnung 1938 wie Kafka 1916 im Balmoral. Marie sieht - wie die Winterkönigin das Böhmische - das Baltische Meer. Austerlitz schläft nie besser ein, als in der ersten gemeinsamen Nacht im Palace Hotel. Schumanns Kinderszenen und dessen Wahnsinnigwerden warnen Austerlitz, der versucht, Marie seine Verstörung zu erklären.

Kafka mit Felice Bauer (zwei Mal ver- und entlobt) für 10 Tage im Juli 1916 in Marienbad, wo er dem


Belzer Rabbi
begegnet.


Viel zu große Portion Kaiserfleisch

Tagebuch: Kafkas Fleischscheu wird unvermittelt Fleischgier - Kafka macht sich über eine alte harte Hauswurst mit Zettel her.
Landarzt: der Knecht greift sich das Dienstmädchen, schlägt sein Gesicht in ihre Wange, dass ein kräftiger Abdruck der Zahnreihen bleibt.
Prozeß: K. fährt gierig über das Gesicht des Fräulein Bürstner hin, deren fleischleere Bluse er vorher bestaunt. Leni spannt vor K. ihr feines Häutchen zwischen Mittel- und Ringfinger auf.
Strafkolonie: ins Fleisch des Verurteilten wird die Wahrheit geritzt, gestichelt, gebohrt (in lieblich ausgezierter Schmuckschrift).

Belz, eine chassidische Bewegung innerhalb des orthodoxen Judentums, gegründet in Belz, einer galizischen Kleinstadt. Der dritte Rebbe dieser Tradition ist Yissachar Dov Rokeach I. (1854 - 1926).

L'année dernière à Marienbad (Letztes Jahr in Marienbad), ist da im Grand Hotel der Mann der Frau begegnet oder nicht? Die Frau erinnert sich nicht oder gibt es vor. Ein Spieler spielt ein Spiel, das er immer gewinnt und entpuppt sich als ihr Ehemann. Der Mann und die Frau verlassen gemeinsam das Hotel.

Wallenstein, Feldherr auf habsburgischer Seite im 30jährigen Krieg, führt eigenmächtig geheime Friedensverhandlungen. Ein Wiener Geheimgericht verurteilt ihn wegen Verrats, der Kaiser erklärt ihn für abgsetzt. Drei seiner Generäle, von Aldringen, Gallas und Piccolomini sollen den abgesetzten Generalissimus - tot oder lebendig - ausliefern.
Wallenstein erfährt Dezember 1633 in Pilsen von seiner Absetzung, zieht sich nach Eger zurück. Dort lädt Stadtkommandant Gordon, in das Mordkomplott eingeweiht, Wallensteins engste Vertraute (Ilow, Trcka, Kinsky und Neumann) am 25. Februar zu einem Festbankett in den Speisesaal der Burg, wo Soldaten unter dem Kommando Geraldins und Deveroux' diese ermorden. Wallenstein hält sich zu dieser Zeit im Haus des Stadtkommandanten auf, wo ihn am später am Abend die gleiche Gruppe irischer bzw. schottischer Offiziere des Regiments Walter Butler mit einer Partisane (Lanze) ermorden.












Das vorvergangene Jahr
(Über das Land und das Wasser S. 65)
(Austerlitz S. 294ff
)

Es ging eine geraume Zeit
über eine niedrige Hochebene.
Das Auge schweifte sehr weit in die Ferne,
vornehme Reisewagen flogen an uns vorbei
und im Rückspiegel tauchte immer wieder
dieser Kradfahrer auf mit dem Gewehr
über der Schulter.

Dann eilte der Weg in Kreisen
hinab und drunten im Kessel
erschien plötzlich Marienbad,
eine versteinerte Zauberstadt.
Fichten standen schwarz bis unter
die äußersten Häuser, es wuchs
in den Gärten sibirischer Kerbel,
acht Fuß hohes gigantisches
Schweinekraut. Flinter reglosen
gelben Fassaden altdeutsche Möbel,
Hutschachteln, Pianoloklänge,
ein wenig Gift und Galle.
Es war, als fahre man
in ein altes Theater hinein.

Im Hotel ließen wir ein Feuer anschüren,
obwohl es mitten im Sommer war.
Durch einen regendunklen Vordergrund
schauten wir später, in unsere schweren
schottischen Schlafröcke gewickelt,
durch die offenen Fenster hinaus
in ein dämmerndes Jenseits.
Ist denn die Welt nicht übrig,
so fragtest du, ein grün Gelände
zieht sich s nicht hin am Fluß
durch Busch und Matten? Die Ernte,
reift sie nicht? Schwebt
über den Felsenwänden
der heilige Schatten
nicht mehr? Ist dies,
was dort heraufkommt,
die graue Farbe der Nacht?


Ich war von Marie de Verneuil, mit der ich seit meiner Pariser Zeit korrespondierte, eingeladen worden, sie zu begleiten auf einer Reise nach Böhmen, wo sie für ihre baugeschichtlichen Studien zur Entwicklung der europäischen Kurbäder verschiedene Nachforschungen und, wie ich heut glaube sagen zu dürfen, sagte Austerlitz, den Versuch anstellen wollte, mich aus meiner Vereinzelung zu befreien. Sie hatte alles auf das beste in die Wege geleitet. Ihr Vetter, Frédéric Félix, der Attaché war an der Prager französischen Botschaft, hatte uns eine enorme Tatra-Limousine an den Flughafen geschickt, mit der wir dann direkt nach Marienbad chauffiert worden sind. Zwei oder drei Stunden saßen wir in dem tief gepolsterten Fond des Wagens, während es westwärts dahinging durch das leere Land auf einer über weite Strecken schnurgeraden Chaussee, einmal in Wellentäler hinunter, dann wieder auf ausgedehnte Hochebenen hinauf, über die man in die äußerste Ferne sehen konnte, bis dorthin, sagte Marie, wo Böhmen angrenzt an das Baltische Meer. Manchmal fuhren wir an niedrigen, von blauen Waldungen überwachsenen Höhenzügen entlang, die wie ein Sägeblatt scharf sich abzeichneten vor dem gleichmäßig grauen Himmel. Es gab so gut wie keinen Verkehr. Nur selten kam uns irgendein kleiner Personenwagen entgegen oder überholten wir einen der die langen Steigungen hinaufkriechenden, dichte Qualmwolken hinter sich herziehenden Laster. Immer aber in gleichmäßigem Abstand folgten uns, seit wir das Gelände des Prager Flughafens verlassen hatten, zwei uniformierte Motorradfahrer. Sie trugen lederne Sturzhelme und schwarze Schutzbrillen zu ihrer Montur, und die Läufe ihrer Karabiner ragten ihnen schräg über die rechte Schulter. Mir waren die beiden unerbetenen Begleiter sehr unheimlich, sagte Austerlitz, vor allem wenn wir über einen der Wellenkämme hinweg bergab fuhren und sie für eine gewisse Zeit aus der rückwärtigen Sicht verschwanden, um gleich darauf, um so drohender gegen das Licht umrissen, wieder zu erscheinen. Marie, die nicht so leicht einzuschüchtern war, lachte nur und sagte, es handle sich bei den beiden Schattenreitern offenbar um die in der ČSSR eigens für Besucher aus Frankreich aufgebotene Ehrenkavalkade. Als wir uns Marienbad näherten über eine zwischen waldigen Hügeln immer weiter abwärts führende Straße war es finster geworden, und ich entsinne mich, so sagte Austerlitz, gestreift worden zu sein von einer leichten Beunruhigung, wie wir unter den dicht bis an die Häuser heranstehenden Tannen herauskamen und lautlos hineinglitten in den nur von ein paar Laternen spärlich beleuchteten Ort. Der Wagen hielt vor dem Palace Hotel. Marie redete noch einiges mit dem Chauffeur, während er unsere Sachen auslud, und dann betraten wir auch schon das durch eine Reihe hoher Wandspiegel gewissermaßen verdoppelte Foyer, das so verlassen und still war, daß man meinen konnte, es sei längst nach Mitternacht. Es brauchte eine geraume Zeit, bis der Empfangsportier, der in einer engen Loge an einem Stehpult stand, von seiner Lektüre aufblickte, um sich den späten Gästen zuzuwenden mit einem kaum hörbar gemurmelten Dobrý večer. Dieser ungemein magere Mann, an dem einem als erstes auffiel, wie sich, trotzdem er nicht mehr als vierzig sein konnte, seine Stirne gegen die Nasenwurzel fächerförmig in Falten legte, erledigte mit der größten Langsamkeit, beinahe so als bewegte er sich in einer dichteren Atmosphäre, ohne ein weiteres Wort die notwendigen Formalitäten, verlangte unsere Visa zu sehen, blätterte in den Pässen und in seinem Register herum, machte mit einer kraxligen Schrift einen längeren Eintrag in ein kariertes Schulheft, ließ uns einen Fragebogen ausfüllen, kramte in einer Schublade nach dem Schlüssel und brachte schließlich durch das Läuten einer Klingel einen krummen Dienstmann herbei, der einen mausgrauen, ihm bis zu den Knien reichenden Nylonkittel trug und, nicht anders als der Empfangschef des Hauses, geschlagen war von einer seine Glieder lähmenden krankhaften Müdigkeit. Als er vor uns her mit unseren zwei leichten Gepäckstücken in die dritte Etage hinaufstieg - der Paternoster, auf den Marie mich gleich beim Betreten der Halle aufmerksam gemacht hatte, war offenbar die längste Zeit schon außer Betrieb -, kam er zuletzt, wie ein Alpinist, der sich über einen schwierigen Grat dem Gipfel nähert, kaum noch voran und mußte mehrmals ausruhen, wobei wir gleichfalls warteten, ein paar Stufen unter ihm. Wir begegneten auf dem Weg nach oben keiner lebenden Seele bis auf einen zweiten Hausdiener, der, in die gleiche graue Bluse gekleidet wie sein Kollege und wie vielleicht, so dachte ich mir, sagte Austerlitz, alle Angestellten der unter staatlicher Führung stehenden Badehotels, mit vornübergesunkenem Kopf schlafend auf einem Stuhl auf dem obersten Treppenabsatz saß, neben sich, auf dem Fußboden, ein Blechtablett mit zerbrochenem Glas. Das Zimmer, das für uns aufgesperrt wurde, hatte die Nummer 38 - ein großer, geradezu salonartiger Raum. Die Wände waren mit einer burgunderfarbenen, an manchen Stellen stark verschossenen Brokattapete überzogen. Auch die Portieren und das Bett, das in einem Alkoven stand und auf dem die weißen Kopfpolster sonderbar steil in die Höhe ragten, stammten aus einer vergangenen Zeit. Marie fing gleich an, sich einzurichten, sperrte sämtliche Kästen auf, ging in das Badezimmer, drehte probeweise an den Wasserhähnen und der riesigen altertümlichen Brause und schaute sich überall ge-nauestens um. Es sei seltsam, meinte sie schließlich, sie habe den Eindruck, daß der Schreibsekretär, obgleich alles sonst durchaus seine Ordnung habe, seit Jahren nicht abgestaubt worden sei. Was für eine Erklärung, fragte sie mich, sagte Austerlitz, hat wohl dieses bemerkenswerte Phänomen? Ist der Schreibtisch vielleicht der Platz der Gespenster? Was ich ihr darauf erwiderte, weiß ich nicht mehr, sagte Austerlitz, erinnere mich jedoch, daß wir spät am Abend miteinander noch ein paar Stunden an dem offenen Fenster gesessen sind und daß Marie mir vielerlei erzählte aus der Geschichte des Bades ...

Tags darauf saßen wir im Kaffeehaus
unter einem Seerosenbild. Vielleicht
sind es aber auch Flamingos gewesen.
Erinnerst du dich an den Ober?
An sein weißes, gestutztes Haupthaar,
an den Gehrock aus der Zeit
der Jahrhundertwende, die taftene Masche?
An die Art, wie er mit den Fingerspitzen
mehrmals die linke Schläfe berührte?
Weißt du noch, die cubanischen Cigaretten,
die er mir brachte? Kerzengerade
stieg der feine blaue Rauch in die Luft.
Ganz ohne Zweifel, ein gutes Zeichen.
Und wirklich war es draußen
heller geworden. Reduzierte Adelige
raschelten in ihren Staubmänteln
auf dem Weg ins Refektorium.

am späteren Nachmittag, als wir in der dämmrigen Kavárna zur Stadt Moskau unter einem wenigstens vier Quadratmeter großen rosaroten Seerosenbild saßen. Wir hatten, erinnere ich mich, sagte Austerlitz, ein Eis bestellt, beziehungsweise, wie es sich zeigte, ein eisähnliches Konfekt, eine gipserne, nach Kartoffelstärke schmeckende Masse, deren hervorstechendste Eigenschaft es war, daß sie sogar nach Ablauf von mehr als einer Stunde nicht zerging. Außer uns waren in der Stadt Moskau nur zwei alte Herren, die Schach spielten an einem der hinteren Tische. Auch der Ober, der, die Hände auf dem Rücken, gedankenverloren durch die verrauchten Netzvorhänge hinausblickte auf den von sibirischem Riesenkerbel überwachsenen Schuttplatz auf der anderen Seite der Gasse, stand schon in fortgeschrittenem Alter. Sein weißes Haar und der Schnurrbart waren sorgfältig gestutzt, und man konnte ihn sich, trotzdem auch er einen dieser mausgrauen Kittel trug, leicht vorstellen in einem tiefschwarzen, tadellos sitzenden Frack, mit einer samtenen Masche über der steifen, in überirdischer Reinheit leuchtenden Hemdbrust und blitzenden Lackschuhen, in denen die Lampenlichter einer großen Hotelhalle sich spiegelten. Als er Marie einmal auf einem Tellerchen eine flache Vierzigerschachtel kubanischer Zigaretten brachte, die verziert war mit einem schönen Palmenmotiv, und ihr dann in formvollendeter Art das Feuer reichte, konnte ich sehen, daß sie ihn sehr bewunderte. Der kubanische Rauch hing in blauen Schlieren zwischen uns in der Luft ...

Der Belzer Rabbi ging, ein Plastik-
becherchen in der Hand, zum Brunnen.



Auf der Promenade ließ sich
ein Hochzeitspaar photographieren.
Überall auf dem geschorenen
Rasen lagen arkebusierte
leidende Herzen herum.
Bei der Rückkehr ins Hotel
sahen wir Dr. K. halbverdeckt
hinter einer roten Fahne
an einem Balkontischchen sitzen,
beschäftigt mit einer für ihn
viel zu großen Portion Kaiserfleisch






Aus Kafkas Brief an Max Brod (Briefkopf: Marienbad, Schloß Balmoral und Osborne, Mitte Juli 1916)
„Lieber Max, danke für die Benachrichtigung, sie traf mich an einem Kopfschmerzentag, wie ich ihn wenigstens hier gar nicht mehr erwartet hätte. Trotzdem lief ich gleich nach dem Essen hin.

Auf dem Rückweg treffen wir zwei andere Juden, die mir schon früher aufgefallen sind, sie gehn wie Verliebte neben einander, schauen einander freundlich an und lächeln der eine die Hand in der tief hinabgezogenen Hintertasche, der andere städtischer. Fest Arm in Arm.
Wir wollen, um uns vor dem Regen zu schützen, in den Flur des Hotels treten, da springt L. zurück und zur Seite. Der Rabbi kommt. Niemand darf sich vor ihm aufhalten, vor ihm muß immer alles frei sein, es ist nicht leicht, dies immer einzuhalten, da er sich oft überraschend wendet und es nicht leicht ist, im Gedränge schnell genug auszuweichen. (Noch schlimmer soll es im Zimmer sein, da ist das Gedränge so groß, daß es den Rabbi selbst in Gefahr bringt. Letzthin soll er geschrien haben: »Ihr seid Chassidim? Ihr seid Mörder.«) Diese Sitte macht alles sehr feierlich, der Rabbi trägt förmlich (ohne zu führen, denn rechts und links von ihm sind ja Leute) die Verantwortung für die Schritte aller. Und immer wieder ordnet sich die Gruppe neu, um ihm freie Blickrichtung zu geben.

Er ist mittelgroß und recht umfangreich, aber nicht schlecht beweglich. Langer weißer Bart, außergewöhnlich lange Schläfenlocken (die er auch an andern liebt; wer lange Locken hat, für den ist er schon gut gestimmt; er lobt die Schönheit zweier Kinder, die der Vater an den Händen führt, er kann aber mit der Schönheit nur die Locken meinen). Ein Auge ist blind und starr. Der Mund ist schief gezogen, es sieht gleichzeitig ironisch und freundlich aus. Er trägt einen seidenen Kaftan, der vorn offen ist; einen starken Gurt um den Leib; eine hohe Pelzmütze, die ihn äußerlich am meisten hervorhebt. Weiße Strümpfe und, wie L. sagt, weiße Hosen.


Belzer Rabbi Yissachar Rokeach

Es gehn etwa 10 Juden hinter und neben ihm. Einer trägt den Silberstock und den Sessel, auf den sich der Rabbi vielleicht wird setzen wollen, einer trägt das Tuch, mit dem er den Stuhl abtrocknen wird, einer trägt das Glas, aus dem der Rabbi trinken wird, einer (Schlesinger, ein reicher Jude aus Preßburg) trägt eine Flasche mit dem Wasser der Rudolfsquelle ..."
Eintrag Franz Kafkas in die Kurliste:
wohnhaft im „Schloß Balmoral“ 1916 (Felice Bauer als Helene Bauer)



Das Spiel mit den Zündhölzern
sollte dann alles entscheiden.
Glänzend dehnte sich die Fläche
des Parketts. Ringsum die Spiegel
bilder, die Gäste, bewegungslos,
und zwischen ihnen du
in deiner Federboa. Waren wir
uns nicht schon einmal begegnet?
In einem Taxuslabyrinth?
Auf einer Bühne? Perspektivischer
Prospekt, gestutzte Hecken,
Kugelbäumchen, Balustraden,
im Hintergrund das Schloß?



Du solltest sagen, ich
bin ganz dein, nichts
als bloß diese Worte,
und hast sie auch gesagt,
seltsamerweise dich
jedoch um keinen Zoll
gerührt.







Auf der Heimfahrt Phantasien
von einem tödlichen Unfall.
Unbedeutende Waldungen
und Berge ziehen sich
im Lande herum.
Hinter uns taucht
wieder der Kradfahrer auf.
In Eger sind die Straßen
menschenleer. Nur eine Frau
seh ich Kohlen in ein Kellerloch
schaufeln. Ein ödes Haus,
die Eiseskälte hier,
die Gänge und Gemächer,
die Flucht aus dem Alkoven,
das blinde Fensterglas,
das Blitzen einer Lanze,
kaum hörbar der Entsetzensschrei.
Und am Ende des Aufzugs
tragen sie den durchbohrten
Leib in einem rothen Teppich
quer über die Szene.

















Drei Mal, 1821, 1822 und 1823, war Johann Wolfgang von Goethe in dem damals noch im Aufbau befindlichen Kurort Marienbad in Westböhmen, besucht Tanz- und Spielabende – und unternimmt mit Familie von Levetzow ausgedehnte Spaziergänge. Ulrike von Lewetzow, 1804 in Leipzig geboren, verkehrt mit ihrer Mutter Amalie, die sich von ihrem Vater getrennt und dessen Vetter geheiratet hat (einen schneidigen Dragoner in englischen Diensten, der alles verspielt und 1815 in der Schlacht von Waterloo fällt), im Kreise des Grafen Franz Klebelsberg-Thumburg, den die Mutter später heiratet. Er - Hofkammerpräsident - baut 1821 das damals schönste Palais im aufstrebenden Marienbad, und dort treffen sie Goethe. Der Dichter ist hier ständiger Gast, 17 Mal besucht der das Königreich Böhmen. In Marien-, Karls- und Franzensbad verbringt er insgesamt über drei Jahre seines Lebens. Nicht nur zur Kur kommt er hierher, Goethe widmet sich naturwissenschaftlichen Studien, trifft sich mit böhmischen Intellektuellen der Zeit, beginnt ein tschechisch-deutsches Wörterbuch und verfolgt mit Interesse die tschechische Wiedergeburtsbewegung; er wird Ehrenmitglied des 1818 gegründeten böhmischen Nationalmuseums, dem er einen Teil seiner Mineraliensammlung stiftet.
Der Dichterfürst wirft ein Auge auf die damals erst 17-jährige Ulrike. Ein Jahr später trifft er sie erneut in Marienbad – fühlt sich durch den Kontakt mit der 18-jährigen „temporär verjüngt“. Er steigert sich in seine Liebe hinein, verfasst zahlreiche Gedichte an bzw. über Ulrike. Die Liebe des alten Geheimrats zur jungen Dame ist Thema der Kursaison, sorgt in Anbetracht des Altersunterschiedes für Skandal.

Im folgenden Jahr - er wohnt im "Zlatý hrozen" (Zur Goldenen Traube, heute Museum) - hält er schriftlich um Ulrikes Hand an. Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Goethes Dienstherr, ist dem liebestrunkenen 74-jährigen behilflich, verspricht Ulrikes Mutter Amalie eine herrschaftliche Wohnung in Weimar, Ulrike selbst 10.000 Taler jährlich.
Mutter Lewetzow gibt zu verstehen, dass ihr dies nicht ganz recht sei, da ein etwas grosser Altersunterschied bestehe. Mutter und die drei Töchtern reisen ab nach Karlsbad. Goethe nach. Am 28. August feiert er zusammen mit Ulrike und Familie im Gasthaus "Zum Schimmel" in Loket (Elbogen) seinen 74. Geburtstag. Als er sich an jenem Tag von Ulrike von Lewetzow mit Kuss verabschiedet, ist es das letzte Mal, dass sie sich sehen.
Amalie von Lewetzow zieht mit den Töchtern auf das Anwesen des Grafen Klebelsberg in Trebivlice in Nordböhmen. Ulrike stirbt dort - ledig - 1899 mit 95 Jahren.
"Keine Liebe war das nicht. Ich habe den Herrn Geheimrat nur einmal geküsst und das war zum Abschied, als wir uns das letzte Mal sahen."

Und 15 Jahre später trifft Chopin Marie - und auch dessen Heiratsantrag wird abgelehrt




Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören.
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.


Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,
Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen


Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt.
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.




Marienbader Elegie
(Über das Land und das Wasser S. 79ff)


Ich kann mir vorstellen
wie er durch die Flucht
der drei nach Südwesten
hinausgehenden Zimmer
geschritten ist im zimt-
braunen Rock in Gedanken
mit mancherlei Dingen
beschäftigt zum Beispiel
mit dem Plan einer
Wolkenlehre den er
lange schon hegt aber
auch ein wenig zerfahren
& wankelsinnig aufgrund
seiner Leidenschaft für
Ulrike deretwegen er nun
zum dritten Mal an diesen
neuaufstrebenden Ort
gekommen ist. Er schaut

aus dem Fenster auf die
in gleichmäßigem Abstand
gesetzten Kugelbäumchen
rings um den Platz vor
dem Kebelsbergschen Palais,
sieht einen Gärtner der einen

Karren bergan schiebt, ein
Amselpaar auf dem Rasen.
Die Nacht über hat er schlecht
geschlafen in seinem engen
Bett, wie ein Käfer kam
er sich vor oder sonst

ein seltsames Tier, bis
draußen der Tag seine
Flügel regte & er sich
erheben durfte zur
Fortsetzung seines Werks.
Jetzt freilich möchte er
am liebsten sich wieder
niederlegen aber gleich
wird man zur Tafel rufen.
Einen Hecht vielleicht
könnte es geben, dann
Schnitzelfleisch & zuletzt
eine Waldbeerengrütze.
Auf das Kochen verstehen
sich ja die Böhmen: die
Buchteln zum Morgenkaffee
waren ganz vorzüglich &
das allgeliebte Wesen schien
wieder so sanft & zart
gewoben, so sehr ihm
zugetan, daß er vor
Hoffnungslust beinah
verging, das Herz
im Hals klopfen spürte.
Auf diese Weise geht
es denn dahin. Er
blickt ihr lang in
die Augen & dreht
sein fein gesticktes
Serviettenetui einmal
links & einmal rechts
herum. Als die Mutter
seinen Antrag um
die Hand der Tochter
zögernd bescheidet
reist er umdüstert
nach dem letzten grausam
süßen Kuß durch das
Gebirge fort & schreibt
noch in der Kutsche
die berühmte drei &
zwanzigstrophige Elegie
von der es in Anlehnung an
seine eigenen Worte heißt
sie sei einer stürmischen
Bewegung der Gefühle
entsprungen & die reifste
Schöpfung seines Alters.
in seiner schönsten
Schrift kopiert &
eigenhändig mit
einem Deckel aus
rotem Maroquin &
einem Seidenband
Mir aber wollte es
nicht recht gefallen
dies herrliche Geflecht
verschlungener Minnen,
welches der Dichter
bei der Heimkunft
gebunden hat. Ein
Faksimile davon habe
ich heute morgen
gesehen im Museum
von Marienbad nebst
ein paar anderen Sachen
die mir viel näher
gingen & unter denen
eine Dochtschere gewesen
ist & ein Siegellacksatz,
ein Ablegeschälchen aus
Papiermache & eine Feder-
zeichnung Ulrikes auf Papp-
karton, darstellend, etwas
unsicher in der Perspektive,
den nordböhmischen Ort
Trebívlice in dem sie bis
zu ihrem Tode unvermählt
lebte. Außerdem ein china-
gelbes Tulpenbaumblatt
aus ihrem Herbarium quer
über die dünnen Adern mit
dunkler Tinte beschriftet,
sowie ein trauriger Rest
schwarzer Spitzen, die
krajky heißen auf tschechisch
mit einem schönen Wort,
eine Art Halsband oder
Kravatte & zwei Manschetten,
Pulswärmern ähnlich &
so eng, daß das Gelenk
ihrer Hand nicht viel
stärker gewesen sein kann
als das eines kleinen
Kindes. Und dann ist
da noch ein Stahlstich
der das Fräulein von
Levetzow zeigt an
ihrem Lebensabend.
Der sie damals umwarb
liegt jetzt schon lang
unter dem Boden & sie
steht in einem schweren
grauen Taffetkleid bei
einem Büchertisch mit
einer schrecklichen Stopsel-
lockenfrisur & einem ge-
spenstisch weißen Gesicht.

Marienbad, 14. VIll. 99






"Das Klebelsberg-Palais, sagte er, ist schon eine Provokation. Hundert Zimmer auf drei Stockwerken, eine Prachtsfassade, fünfzig Meter breit. Kann das gutgehen? Exzellenz, wenn etwas gutgehen muss, geht es gut, sagte sie streng belehrend. Eigentlich in seinem Ton. Goethe staunte. Und fragte, wenn sie so rede, wen er da reden höre. Mich, sagte sie. Aber so wie er über Gewittertote und Seneca alles von einem Kriminalrat in Eger habe, so habe sie alles, was Marienbad angehe, von ihrem zukünftigen Stiefvater, dem Grafen Klebelsberg, und ihrem Großvater, dem Baron Broesigke. Die beiden sollte der Geheimrat abends einmal reden hören. Marienbad, die grünste Einöde Europas, an der Europas Reichste immer vorbeigefahren sind, nach Karlsbad. Die werden jetzt Halt machen in Marienbad. Klebelsberg, im Hauptberuf immerhin österreichischer Finanzminister, und ihr Großvater Broesigke seien Rechner. Der Großvater habe hier mitgebaut. Der sei übrigens, und das sage sie nur, dass Goethe wisse, auch in ihrer Familie komme Höheres als Älteres vor, der Vater ihrer Mutter sei ein Patenkind des großen Preußenkönigs Friedrich."

Walser: Ein liebender Mann



Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf einem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.

Kafka: Die Verwandlung















Siehe zu den Marienbader Elegien im Lexikon
Siehe zu Chopin in Marienbad