Aufzeichungen aus Korsika (1)
Zur Natur- & Menschenkunde
(Erste Fassung - "Wandernde Schatten" S. 128ff)


128:


3.IX.1995
Gestern abend von Norwich zum Londoner Flughafen Gatwick.
Gegen Mitternacht in Gatwick.
Kurz nach sieben Uhr steige ich als letzter in die Masichine nach Calvi.



Ich bin dann so ziemlich in einem Stück die kurvenreiche Küstenstraße bis nach Piana hinuntergefahren ...

S. 130






... seltsamen, unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg erbauten & kaum in einem Führer verzeichneten Hotel, in dem ich die nächsten vierzehn Tage zubringen will





S. 137




7. IX. 1995
Besuch vorgestern auf dem am Ortsrand gelegenen Friedhof von Piana, auf dem die Toten, wie es scheint, nach ihrer Clanzugehörigkeit begraben werden...
Eine gute Stunde lang gehe ich zwischen den Gräbern herum, finde hier ein Geburts oder Todesdatum, das auf meinen eigenen Lebenslauf paßt ...
Bruder oder Vetter des letztgenannten Joseph Casanova beispielsweise ist, wie eine Gedenktafel an einem Haus in Piana erinnert, gestorben für Frankreich am 25. November 1944 in Flossenbrück [gemeint Flossenbürg] in Deutschland - Jean Casanova, Martyr de la Résistance. Im übrigen ist der Friedhof von Piana eingerichtet wie die meisten Friedhöfe in Frankreich. An den Grabstätten, die sich in unordentlichen Reihen quer über einen staubigen Abhang hinstrecken, läßt die Hierarchie des zivilen Lebens sich ablesen. Neben ein paar kleinen, mit Giebeln versehenen Totenhäusern, in denen die Bessersituierten ihr Unterkommen finden, gibt es sarkophagartige Kästen, die je nach dem Stand der Verstorbenen aus poliertem Granit oder aus Betonsteinen gebaut sind. Bei den Gräbern der geringeren Bürger liegt die Steinplatte direkt auf dem Boden...

S. 141


Gestern bin ich auf einer Wanderung, die mich aus einem Tal über zirka zehn Kilometer stetig in die Höhe führte, in ein Dorf gekommen, von dem aus es nirgends weiterging...

S. 142






Ortu (Orto) ... bestand aus zehn bis fünfzehn mehrstöckigen Steinverließen, die sich eine Grundfläche von höchstens tausend Quadratmetern teilten & von denen die meisten nur nach zwei Seiten kleine Fenster hatten.
Auch die kleine Gastwirtschaft war geschlossen, möglicherweise schon seit Jahren. Also setzte ich mich eine zeitlang in die kühle, dämmrige Kirche.



Ehe ich Ortu verließ, schaute ich von einer steinumrandeten Ausbuchtung der Straße zurück auf die finsteren Hauser, auf die hinter ihnen weit in den Himmel hinauf ragenden Kegel des Monte Sant’Eliseo & hinab in die gut vierhundert Meter tiefe Schlucht, auf deren Grund der Fiume Grosso rauschte, so gedämpft als rauschte es nur in meinem eigenen Ohr.


S.148


12. IX. 1995
In seinem korsischen Reisetagebuch beschreibt Flaubert einen Besuch in der Casa Bonaparte an der Place Letizia, Ecke rue St. Charles in Ajaccio.
Es war eine Stunde vor Torschluß, als ich die Maison Bonaparte betrat. Hinter einem hohen rechtwinklig gebauten Schalter saß ... siehe "Napoleon"


S. 152


Nach dem Morgenkaffee Fahrt ins Gebirge hinein über Eviza, Calacuccia & die Spelunca nach Corte. Die Wälder von Aitone & des Valdo-Viello sind von Wolken verhangen...
Ich halte auf einer Brücke, steige aus & beuge mich über die steinerne Brüstung. Nicht einmal erahnen kann man das Dickicht der Erlen, das dort drunten den Fluß entlang wächst. Umso lauter das Tosen, das aus dem Abgrund heraufdringt. Überall strömt das Wasser bergab, Sturzbäche schießen quer über die Fahrbahn, reißen Schollen & gelbe Lehmbrocken mit sich. Was für ein Reisen muß das gewesen sein in früherer Zeit, mit einem Saumpferd am Zügel auf unbefestigtem Pfad an solchen Talseiten hin, wenn es mir jetzt, nach einer knappen Fahrstunde schon scheint als sei ich seit einer Ewigkeit unterwegs. In Eviza mache ich Rast im Cafe des Sports... siehe Campo Santo

S.153


Später, in Corte ...auf dem Weg in die Altstadt hinauf, komme ich an der Heiligkreuzkapelle vorbei.



Ich gehe weiter bergauf vorbei an den von Ludwig XVI gebauten, längst aufgelas-
S. 154
senen Kasernen, in die in ein paar Jahren das korsische Nationalmuseum einziehen soll.







S.154


15.IX.95
Durch das Golotal abwärts über Ponte Leccia nach Morosaglia im Castagniccia. Links & rechtrs, kilometerweit, verkohltes Holz.

[Hinweis: Castagniccia Hügellandschaft zwischen dem Golo im Norden und Tavignano Süden. Castagniccia auch korsische Bezeichnung für den „Kastanien-Selve“ (charakteristische Edelkastanie, Castanea sativa). Diese Esskastanie bedeckt eine Fläche von etwa 15.000 ha.(gefördert von den Genuesen, um Hungersnöte zu lindern) im C.
Die zahlreichen Klöster im C. sind Versammlungsort der Freiheitskämpfer und Zentrum des Widerstandes. Pasquale Paoli ist in Morosaglia geboren: Revolutionär und Widerstandskämpfer des 18. Jahrhunderts.
Höchste Erhebung: Monte San Petrone mit 1767 m]



Morosaglia, die Wiege der Paoli, wo ich halt machte am Mittag, wird im Michelin beschrieben als ein Dörfchen von seltener Schönheit. In Wirklichkeit freilich ist es zur Hälfte ausgestorben.



... habe ich mich ausgeruht, bis die Paoli-Gedenkstätte ihr Tor aufmachte um halb drei.

S. 157


S. Petrone



Trotz des unsicheren Wetters & der Kreuzschmerzen die mich seit Mitte der Woche plagten, habe ich am letzten Tag meines kors. Auf. von der Col du Prato aus den in meinem Führer angegebenen & mit 3 Std. veranschl. Weg auf den M. San Petrone gemacht. Gebraucht habe ich für die an sich unbeschwerliche, nicht allzu steile Strecke insges. 7 Stunden. 4 Std. hinauf & drei Stunden herunter.



Zu Aufzeichungen aus Korsika (2)




zurück