Napoleon und alles Napoleonische taucht in fast allen meinen Büchern auf, als historisches Paradigma, das etwas mit der Europa-Idee zu tun hat, die damals erstmals auf brachiale Weise durchexerziert wurde. Was mich daran wiederum interessiert, ist die Tatsache, dass man in Deutschland dann rund 130 Jahre später dasselbe noch einmal versucht hat, mit noch brachialeren Methoden, diese Idee einer deutschen Hegemonie, die sich von Wilhelm II. bis in die Jahre 1939/40/41 zieht. Schauen Sie sich doch die Europakarte von 1941/42 an: Da ist sozusagen alles Deutschland, mit Satelliten.











Joséphine de Beauharnais

Marie-Louise von Habsburg, mit Thronfolger



Regelmäßig etwa alle fünf Jahre taucht eine neue Theorie zu seinem Tode auf. Hier die von 2007:
"Ich will seziert werden", flüstert Napoleon kurz vor seinem Tod seinem Leibarzt ins Ohr. Ein Tag nach seinem Tod obduziert der Arzt Francesco Antonmarchi den Leichnam, diagnostiziert Magenkrebs als Todesursache. Für ein internationales Team aus Wissenschaftlern steht fest: Er wurde definitiv nicht vergiftet. Zwar seien in Haarproben Napoleons Spuren von Arsen nachgewiesen worden. Die gefundenen Mengen hätten aber nicht ausgereicht, um ihn zu töten. Napoleon atmete das Gift ein – die Wandfarbe in seinem Krankenzimmer verströmte es. Für die Forscher kann es nur eins gewesen sein, das ihn tötete: Magenkrebs – so wie es Antonmarchi vor 186 Jahren aufzeichnete.
Wie die Memoiren des Kammerdieners Louis Marchand hervorgeht, siecht der Verbannte während seiner letzten Jahre auf St. Helana dahin. Er klagt über starke Magenschmerzen, hat Fieber und schwitzt nachts so stark, dass er mehrmals das Nachthemd wechseln muss. Zudem erbricht er eine übelriechende schwarze Flüssigkeit. Im letzten halben Jahr verliert er über 10 kg Kilo Gewicht.
Napoleons Magenkrebs ist die Folge einer Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori, die durch Ernährung begünstigt wird. Der Essensplan Napoleons beinhaltete fast nur salzreiche und gebratene Speisen, dafür aber kaum Obst und Gemüse.


Napoléon Boanparte



geboren 1821 Ajaccio/Korsika, gestorben 1769 St. Helena.
Der zweite Sohn von Carlo Buonaparte und Letizia Ramolino, die gemeinsam 13 Kinder haben und dem korsischen Kleinadel angehören, ist durch seine guten Mathematikkenntnisse für die Artillerie prädestiniert. Er liest viel (Goethes Leiden des jungen Werther gleich mehrfach) und schreibt. Er wechselt zwischen Frankreich und Korsika hin und her, wird Offizier. Bei der Eroberung von Toulon ist sein Plan erfolgreich, der Aufstieg beginnt.

In Paris heiratet Napoleon 1796 Joséphine de Beauharnais, die deutlich ältere Witwe des hingerichteten Alexandre de Beauharnais und ehemalige Geliebte von Barras, zwei Tage später übernimmt er den Oberbefehl über die Italienarmee, besiegt König Viktor Amadeus III. von Sardinien und die Österreicher. Seine Soldaten bejubeln den Feldherrn, die Einwohner Mailands bereiten Bonaparte als Befreier begeisterten Empfang.
Damit sein Ruhmn nicht verblasst, drängt Napoleon auf die Eroberung Ägyptens, was gelingt, aber die Ziele der Expedition, Neuordnung Ägyptens, sind nicht durchzusetzen, Napoleon verlässt sein Expeditionstruppen, auf dem Rückweg feiern ihn die Bürger als Volkshelden und setzen Hoffnung auf ihn zur Wiederherstellung des Friedens und Überwindung des abgewirtschafteten, korrupten Direktoriums.

Straatsstreich, mit 30 Erster Konsul, bald selbstgekrönter Kaiser. Napoleon führt Reformen durch, die weit über seine Zeit hinaus Bestand haben ein, etwa Zentralisierung der Verwaltung, Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, Sanierung der Staatsfinanzen, Währungsreform, Gründung der Banque de France, Code civil (Code Napoléon), Ehrenlegion.
Außenpolitisch beendet Napoleon den zweiten Koalitionskrieg siegreich, zieht gleich Hannibal über die Alpen und besiegt Österreich, schließt Frieden auch mit Russland und Großbritannien, zieht sich vom nordamerikanischen Kontinent zurück. Der Frieden dauert nicht lange, Großbritannien erklärt den Krieg, Bonaparte verhängt die Kontinentalsparre, wird König von Italien. Zar Alexander I. geht 1805 ein Bündnis mit Großbritannien, Österreich, Schweden und Neapel ein, die gestärkten deutschen Länder Bayern, Württemberg und Baden treten auf Seiten Napoleons in den Krieg ein. Napoleon schlägt Österreich und nimmt Wien kampflos.
In der Schlacht bei Austerlitz besiegt Napoleon 1805 die Russen und Österreicher, zum Dank für ihre Unterstützung werden Bayern und Württemberg zu Königreichen.

Mit seiner Familie betreibt Napoleon gezielt Heiratspolitik, setzt sie als Herrscher der abhängigen Staaten ein. In Deutschland gründet er 1806 den Rheinbund, Franz II. legt die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches nieder, 1808 gehören fast alle deutschen Staaten - außer Österreich und Preußen - dazu. Umfangreiche Zentralisierung des Staatswesens nach französischem Vorbild geht mit der Einführung der Prinzipien der Französischen Revolution, wie allgemeine Grundrechte, aber auch mit der Reform des Agrar-, Bildungs-, Wirtschafts-, Steuer- und Finanzwesens einher. Die Bevölkerung empfindet die Neuerungen aber als rigoros, von außen aufgezwungen.
Die Beziehungen zwischen Frankreich und Preußen verschlechtern sich. Nachdem Friedrich Wilhelm III. von Preußen mit Zar Alexander I. von Russland ein Geheimbündnis geschlossen hat, fordert er ultimativ, die Truppen hinter den Rhein zurückzuziehen. Bonaparte schlägt die Preußen bei bei Jena und Auerstedt, marschiert in Berlin ein.

Dann wendet er sich gegen Russland, siegt vorerst, Preußen wird fast halbiert, ganz Kontinentaleuropa ist nun unter direkter oder indirekter Kontrolle Napoleons. Im Inneren wird der Korse immer despotischer, in Spanien setzt er Bruder Joseph als König ein, der folgende Kleinkrieg bleibt ein ungelöstes Problem.
Napoleon kämpft gegen Österreich, lässt sich von Joséphine scheiden, heiratet 1810 Marie-Louise von Habsburg, die älteste Tochter des österreichischen Kaisers Franz I. Mit der größte Armee, die es in Europa bis dahin gegeben hat - 450.000 Mann - marschiert Napoleon mit den Verbündeten gegen Russland, vor Moskau kommt es zur Schlacht, unglaubliche Opferzahlen, nach dem Einzug in Moskau brennt die Stadt ab.
Nur 18.000 napoleonische Soldaten kehren im Dezember 1812 über die Memel zurück. Napoleon lässt seine Truppen im Stich, flieht nach Paris (um eine neue Armee aufzustellen).

In Deutschland beginnen die Befeiungskriege. Mit einer nur schlecht ausgebildeten Armee erleidet Napoleon 1813 die endgültige Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig, 1814 nehmen seine alliierten Gegner Paris ein, er verliert jegliche Unterstützung, selbst enger Getreuer, dankt ab, Elba wird ihm als Wohnsitz zugewiesen, 1815 kehrt er für 100 Tage nach Frankreich zurück, die Soldaten laufen zu ihm über. Österreich, Russland, Großbritannien und Preußen erneuern auf dem Wiener Kongress ihre Allianz.
1815 greift Napoleon die Alliierten bei Waterloo an, wird geschlagen und nach St. Helena im Südatlantik verbannt, wo er nach 6 Jahren Exil stirbt.



Napoléon Bonaparte



(Logis in einem Landhaus S. 29ff)

Güte und Gerechtigkeit sind die Leitsterne der paternalistisch geordneten Gesellschaft, deren Selbstverständnis nichts besser illustriert als die zahlreichen Variationen der Genreszene, in welcher der regierende Fürst unerkannt sich unter sein Volk begibt. Auch der

Johann Peter Hebel
der Kalendermacher

hat sie uns einige Male vorgeführt, mit dem größten Nachdruck vielleicht in der auf 1809 datierten Geschichte, die davon handelt, daß Napoleon nicht verabsäumte, seine lang anstehende Schuld zu begleichen bei der Obstfrau von Brienne. Damit der Leser die Sache richtig einschätzen kann, erinnert der Hausfreund bloß die Stationen, die Napoleon seit seiner Zöglingszeit auf der Kriegsschule von Brienne absolvierte. »Napoleon«, schreibt er, »wird in kurzer Zeit General, und erobert Italien. Napoleon geht nach Ägypten, wo einst die Kinder Israel das Zieglerhandwerk trieben, und liefert ein Treffen bei Nazareth, wo vor 1800 Jahren die hochgelobte Jungfrau wohnte. Napoleon kehrt mitten durch ein Meer voller feindlicher Schiffe nach Frankreich und Paris zurück, und wird erster Konsul. Napoleon stellt in seinem unglücklich gewordenen Vaterlande die Ruhe und Ordnung wieder her, und wird französischer Kaiser.« Und ein paar Zeilen nach der Rekapitulierung dieser meteoritenhaften Laufbahn sehen wir dann den Kaiser, incognito wie einen jener legendären Gerechten, die die Welt im Gleichgewicht halten, durch eine enge Tür in das Zimmer treten, in dem die Obstfrau gerade ihr sparsames Nachtessen bereitet. Eintausendzweihundert Franken Kapital und Zins läßt er seiner Gläubigerin auf den Tisch zählen, damit fürderhin für sie gesorgt ist und für ihre Kinder, von denen man jetzt beinahe sagen möchte, sie seien die seinen.

Hat schon das Eintreten des Kaisers bei der Obstfrau in der Abendstunde einen Abglanz von Mariä Verkündigung, dann ist vollends die Beschreibung der staunenswerten Aszendenz des Kaisers versetzt mit biblischen Assoziationen. Vom Exil der Kinder Israels ist die Rede, vom heiligen Land und der hochgelobten Jungfrau, und, was wohl am wichtigsten ist, von der Wiederkehr eines jungen Helden, der Frieden und eine neue Ordnung bringt, über ein Meer voller feindlicher Schiffe. Die messianische Berufung ist unverkennbar und hat offenbar einen höheren Rang als der Legitimitätsanspruch der alten Herrscherhäuser, mit denen Napoleon bekanntlich nicht viel Federlesens machte. Eine Weile zumindest waren also auch Hebels politische Hoffnungen auf den Franzosenkaiser gerichtet. Damit war er unter den fortschrittsgesinnten Konservativen seiner Zeit nicht allein. Die von Napoleon geschlagenen Schlachten erschienen zunächst, auch in Deutschland, in einem anderen Licht als das grauenvolle Blutbad der Revolution. Sie waren nicht behaftet mit dem Stigma des Bürgerkriegs und der irrationalen Gewalt, sondern quasi überstrahlt von einer höheren Vernunft und dienten, so wollte man meinen, der Ausbreitung des Gleichheitsgedankens und der Toleranz.

Nicht ganz ohne Ironie allerdings berichtet der Kalendermacher, daß beim Aufruf zum Sanhedrin in Paris manch einer unter der französischen Judenschaft glaubte, der Kaiser wollte sie »wieder bringen in ihre alte Heimat an dem großen Berg Libanon, an dem Bach Ägypti und am Meer«, Hebels eigener Optimismus schwindet umso mehr, je länger die napoleonischen Kriege sich hinziehen. In einem kleinen Stück, das im Kalender von 1811 keinen Platz fand, kalkuliert der Hausfreund, der ja ein guter Rechner ist, bereits nüchtern, wieviele hunderttausend Mann und zigtausend Pferde Napoleon alljährlich ausgehoben hat und wieviel hundert Millionen die Aufstellung und Ausrüstung seiner Heere fortwährend verschlingt. In einem anderen, gleichfalls nicht in den Kalender aufgenommenen Stück exemplifiziert er den Wahnwitz der Kriegsführung an dem, was es braucht für ein einziges der meistens zu einem frühen Untergang in einer Seeschlacht bestimmten Schiffe: »1000 starke Eichen, also daß man sagen kann ein ganzer Wald; ferner 200 000 Pfund Eisen. Zu den Segeln sind erforderlich 6500 Ellen Tuch; das Tauwerk und die Seile haben ein Gewicht von 164 000 Pfund, und wenn sie mit Teer überzogen sind, wie es sein muß, so wägen sie 200 000 Pfund. Das ganze Schiff hat ein Gewicht von 5 Millionen Pfund oder 50 000 Zentnern, ohne die Mannschaft und Lebensmittel, ohne das Pulver und Blei.« Dem an gute Haushaltung gewohnten Kalendermacher stehen, wenn er sich eine solche Verschwendung vor Augen führt, die Haare zu Berg.

Im Jahrgang 1814, als das Blatt sich endgültig gewendet hat, faßt er unter der Überschrift "Weltbegebenheiten" sein Entsetzen vor der sinnlosen Zerstörung in einen Bericht über den Brand von Moskau, der damals größten Stadt der Welt. »Vier Innenstädte und dreißig Vorstädte mit sämtlichen Häusern, Palästen, Kirchen, Kapellen, Wirtschaften, Kaufläden, Fabriken, Schulen und Kanzleien gingen im Feuer auf. Vierhunderttausend Einwohner zählte vormals die Stadt und hatte einen Umfang von 12 Stunden«, schreibt der Hausfreund und fährt fort: »Wer auf einer Anhöhe stand, so weit das Auge reichen mochte, war nichts zu sehen als Himmel und Moskau. Hernachmals nichts als Himmel und Flammen. Denn kaum waren die Franzosen eingerückt, so wurde von den Russen selbst an allen Ecken und Enden angezündet. Ein anhaltender Wind trug die Flammen schnell in alle Quartiere der Stadt. In drei Tagen lag der größte Teil derselben in Schutt und Asche, und wer seitdem vorüberging, sah nichts mehr als Himmel und Elend.«

In der Fortsetzung seines Berichts über die epochalen Weltbegebenheiten ruft Hebel den Lesern seines Kalenders auch den am 6. Mai 1813 aus Berlin ergangenen Befehl ins Gedächtnis, nach dem, bei ungünstigem Ausgang der Völkerschlacht, alle Männer bis zum sechzigsten Jahr sich bewaffnen, alle Frauen, Kinder und obrigkeitlichen Personen, Wundärzte, Posthalter usw. sich dem Feind entziehen, und sämtliches Vieh und alle Vorräte weggeschafft werden sollten. »Alle Früchte auf dem Feld, alle Schiffe und Brücken, alle Dörfer und Mühlen sollten verbrannt, alle Brunnen verschüttet werden, damit nirgends der Feind einen Aufenthalt oder Vorschub (finde). Noch nie«, schreibt der Hausfreund, »ist eine solche schauerliche Maßregel zur Zerstörung des eigenen Landes ergriffen worden.«
Wir heutigen können etwas ahnen von dem Entsetzen, das den Kalendermacher überfiel, als er in diesen schon offenen Schlund der Geschichte hinabschaute, wenn wir uns daran erinnern, daß im Ausgang der zwanziger Jahre die deutsche Wehrmacht unter der Federführung des Obristen Stülpnagel einen Plan zu einem Revanchekrieg gegen die Franzosen ausarbeitete, der, wie Karl-Heinz Janßen in einem Bericht über die von dem Hamburger Historiker Carl Dirks im amerikanischen Zentralarchiv zutage gebrachten Akten schreibt, in einer seltenen Mischung von kriegsrevolutionärer Romantik à la 1813 und illusionslosem Realismus vorsah, daß der Erzfeind durch Provokation nach Deutschland gelockt, dort in endlose Partisanenkämpfe verwickelt und zuletzt durch eine Strategie der verbrannten Erde niedergezwungen werden sollte.

Eigene Zerstörungskarten, schreibt Janßen, wurden für diesen Zweck für das gesamte Reichsgebiet angelegt, auf die man sich 1945, während der letzten selbstmörderischen Wochen des Krieges dann wieder besann. Möglicherweise ahnte Hebel um 1812/13, daß mit dem Fall Napoleons und der Erhebung der Deutschen eine abschüssige Bahn begann, auf der man nicht leicht würde einhalten können, und daß die Geschichte, wie sie von da ab sich anließ, im Grunde nichts als das Martyrologium der Menschheit sei. Jedenfalls kann ich mir denken, daß es dem Kalendermacher nicht recht wohl gewesen ist, als er im Januar 1814 ein gut sechsseitiges patriotisches Mahnwort erließ, in welchem er, der doch immer aus einiger Reserve die Dinge betrachtete, die martialisch-pathetischen Töne anschlägt, die damals allgemein in Schwang gekommen sind. »Sieh«, heißt es da, »so steht auf, und ist schon aufgestanden, ja bewaffnet ganz Deutschland vom Meer bis ans Gebirge. Alle edlen Stämme deutschen Bluts, der Preuße, der Sachse, die Hessen, die Franken, die Bayern, die Schwaben, was am langen Rhein und an der weit entfernten Donau deutsch spricht und ist, alles ist ein Mann, ein Mut, ein Bund und ein Schwur: Deutschland soll frei sein von der Fremden Joch und Schimpf!« Vom Schutz der Heimat und der Wiedergeburt der Nation spricht Hebel an dieser Stelle weiter, von fünf Millionen Flinten, Äxten, Spießen und Sensen, die sich in Deutschland erheben werden, von den Würfeln des Schicksals, von Blutweihe und heiliger Stätte und fordert den Vetter, an den diese Epistel gerichtet ist, den Bruder, Landsmann und deutschen Sturmgenossen auf, in die Reihe der Vaterlandsverteidiger zu treten und so unter das Heil Gottes. Die Register, die hier von Hebel gezogen werden, sind diejenigen der nationalchauvinistischen Rhetorik, deren immer lautere Resonanz im Laufe der folgenden hundert Jahre die deutsche Gesellschaft so weit in die Irre getrieben hat, daß sie unter der Anführung eines anderen vom unbedingten Willen zur Macht besessenen Diktators das napoleonische Experiment der Neuordnung Europas zu wiederholen versuchte.


Jean Dutourd

von der französischen Akademie hat 1996 eine politisch bewußt inkorrekte, den Standpunkt eines unreformierten Royalisten vertretende Schrift über die Ära 1789 - 1815 vorgelegt. Sie trägt den Titel Le feldmaréchal von Bonaparte und geht von der These aus, daß in dem monarchisch geordneten Europa vor 1789, in dem die regierenden Häuser ausnahmslos durch Familien- und Verwandtschaftsbande miteinander liiert waren, kriegerische Auseinandersetzungen sich in der Regel in bestimmten Grenzen zu halten hatten, und daß in ihnen zwar territoriale oder sonstige konkrete Vorteile verfolgt wurden, nie jedoch eine große abstrakte Idee. Erst mit der Erfindung des revolutionären Patriotismus sei die Geschichte in einen immer geschwinder sich drehenden Strudel geraten. Darum, schreibt Dutourd, wäre es gescheiter gewesen, die Besatzung der Bastille hätte an jenem unseligen 14. Juli das Feuer auf die Aufständischen eröffnet und dadurch von vornherein die Verwandlung eines braven und arbeitsamen Volks in eine Nation von Wilden, wie sie sich in der Revolutionszeit vollzog, unterbunden und in der Folge den Aufstieg des korsischen Parvenüs verhindert.

Dieser, sagt Dutourd, habe zwar alles gehabt, was den Prototyp des erfolgreichen Usurpators ausmacht - den Ehrgeiz, das Genie, die Willenskraft, die Lüsternheit, die Ruhm- und Ordnungssucht und einen völligen Mangel an Sensibilität -, aber um wirklich Kaiser des Okzidents zu werden, »il lui fallait tomber dans une société éclatée«. Das in dieser Zeit von 1789 bis 1815 vergossene Blut habe nicht nur die Natur der Franzosen selbst und das Antlitz ihres Landes verwandelt, schreibt Dutourd, sondern aus seinem Rauch sei auch das neue und furchterregende Deutschland hervorgegangen. Kein einziger Philosoph wäre in dem früheren unschuldigen Germanien je auf den Gedanken gekommen, Allemagne réveille-toi! zu rufen, meint Dutourd. »Pour la tirer de sa léthargie, il ne fallait pas moins que les canons de Lempereur des Français. Cette Allemagne qui est devenue si formidable au XXe siecle, c ’est bien nous, hélas! qui l'avons faite, qui l'avons tiré du néant«






(Die Ringe des Saturn S. 274)

Als ich endlich anlangte in Orford, bin ich als erstes auf das Dach des Burgfrieds gestiegen, von dem aus man über die niedrigen Ziegelhäuser des Orts, über die grünen Gärten und blassen Marschfelder schauen kann bis hinab zu dem nord- und südwärts im Dunst der Ferne sich verlierenden Ufer des Meers. Die Festung von Orford ist 1165 fertiggestellt worden und blieb jahrhundertelang das wichtigste Bollwerk gegen die hier ständig drohenden Invasionen. Erst als Napoleon sich mit dem Gedanken trug, die britischen Inseln zu erobern - seine kühnsten Ingenieure planten bekanntlich einen Tunnel unter dem Ärmelkanal und träumten von einer Armada von Ballonen - wurden neue Verteidigungsmaßnahmen getroffen mit der Erbauung mächtiger Rundforts am Strand ...








(Campo Santo S. 7ff)

Im September vergangenen Jahres, während eines zweiwöchigen Ferienaufenthalts auf der Insel Korsika, bin ich einmal mit einem blauen Linienbus die Westküste hinab nach Ajaccio gefahren, um mich in dieser Stadt, von der ich nichts wußte, außer daß der Kaiser Napoleon in ihr auf die Welt gekommen ist, ein wenig umzusehen. Es war ein schöner, strahlender Tag, die Zweige der Palmen auf der Place Maréchal-Foch bewegten sich leicht in einer vom Meer hereinkommenden Brise, im Hafen lag wie ein großer Eisberg ein schneeweißes Kreuzfahrerschiff, und ich wanderte in dem Gefühl, daß ich frei sei und ledig, in den Gassen herum, betrat hier und da einen der dunklen, stollenartigen Hauseingänge, las mit einer gewissen Andacht die Namen der fremden Bewohner auf den blechernen Briefkästen und versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an mein Lebensende mit nichts beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Weil aber keiner von uns wirklich still nur für sich sein kann und wir alle immer etwas mehr oder weniger Sinnvolles Vorhaben müssen, wurde das in mir aufgetauchte Wunschbild von ein paar letzten, an keinerlei Verpflichtung gebundenen Jahren bald schon verdrängt von dem Bedürfnis, den Nachmittag irgendwie auszufüllen, und also fand ich mich, kaum daß ich wußte, wie, in der Eingangshalle des Musée Fesch mit Notizbuch und Bleistift und einem Billett in der Hand.

Vor dem Verlassen des Museums bin ich noch in das Souterrain hinuntergegangen, wo eine Sammlung napoleonischer Memorabilien und Devotionalien ausgestellt ist. Es gibt dort mit Napoleonköpfen und Initialen verzierte Brieföffner, Petschafte, Federmesser, Tabaks- und Schnupftabaksdosen, Miniaturen der gesamten Verwandtschaft und der Mehrzahl der Nachgeborenen, Schattenrisse und Biskuitmedaillons, ein mit einer ägyptischen Szene bemaltes Straußenei, bunte Fayenceteller, Porzellantassen, Gipsbüsten, Alabasterfiguren, eine Bronze von Bonaparte zuoberst auf einem Dromedar und, unter einem beinahe mannshohen Glassturz, einen frackartigen, mit roten Bordüren und zwölf Messingknöpfen versehenen, von den Motten abgefressenen Uniformrock - l’habit d’un colonel des Chasseurs de la Garde, que porta Napoléon ler.

Außerdem sind zu sehen zahlreiche aus Speckstein und Elfenbein geschnittene Skulpturen des Kaisers, die ihn zeigen in den bekannten Posen und die, von zirka zehn Zentimeter angefangen, immer winziger werden, bis fast nichts mehr zu sehen ist als ein blindes Fleckchen Weiß, der erlöschende Fluchtpunkt vielleicht der Menschheitsgeschichte. Eine dieser diminutiven Figuren stellt den abgedankten Napoleon dar sur le rocher de l'île de Sainte-Helène. Er sitzt, kaum mehr als erbsengroß, in Mantel und Dreispitz rittlings auf einem Sesselchen, das plaziert ist auf dem Gipfel eines tatsächlich von der Insel des Exils stammenden Tuffsteinbrockens, und blickt mit gefurchter Braue hinaus in die Ferne.

Wohl ist es ihm dort, mitten im öden Atlantik, gewiß nicht gewesen, und er wird sie vermißt haben, die Aufregung seines vergangenen Lebens, zumal selbst auf die wenigen Getreuen, die ihn in seiner Einsamkeit noch umgaben, anscheinend kein rechter Verlaß gewesen ist.
So zumindest konnte man das schließen aus einem am Tag meines Besuchs im
Musée Fesch im Gorse-Matin erschienenen Artikel, in dem ein gewisser Professor René Maury behauptete, eine in den Laboratorien des FBI durchgeführte Untersuchung einiger Haupthaare des Kaisers habe zweifelsfrei ergeben, que Napoléon a lentement été empoisonné à l’arsenic à Sainte-Hélène, entre 1817 et 1821, par l’un de ses compagnons d’exil, le comte de Montholon, sur l'instigation de sa femme Albine que etait devenue la maîtresse de l'empereur et s’est trouvée enceinte de lui. Ich weiß nicht recht, was man von solchen Geschichten halten soll.

Der Napoleonmythos hat ja die erstaunlichsten, stets auf unumstößliche Tatsachen sich berufenden Geschichten hervorgebracht. So erzählt Kafka beispielsweise, daß er am 11. November 1911 auf einer Conférence zum Thema La Légende de Napoléon im Rudolphinum gewesen sei und daß dort ein gewisser Richepin, ein starker Fünfziger mit Taille und einer steif herumwirbelnden und zugleich fest an den Schädel geklebten Daudetfrisur, unter anderem behauptet habe, das Grab Napoleons sei früher jedes Jahr einmal geöffnet worden, damit die vorbeidefilierenden Invaliden den einbalsamierten Kaiser anschauen konnten. Da aber sein Gesicht schon ziemlich aufgedunsen und grünlich gewesen sei, habe man später den Brauch des alljährlichen Graböffnens abgeschafft. Richepin selbst, so Kafka, sah den toten Kaiser aber noch auf dem Arm seines Großonkels, der in Afrika gedient hatte und für den der Kommandant das Grab eigens aufmachen ließ. Im übrigen sei die Conférence, so heißt es in der Eintragung Kafkas weiter, zum Abschluß gebracht worden mit dem Schwur des Vortragenden, daß noch in tausend Jahren jedes Stäubchen seines Leichnams, falls es Bewußtsein hätte, bereit sein würde, dem Ruf Napoleons zu folgen.

Nachdem ich das Museum des Kardinals Fesch verlassen hatte, saß ich eine Zeitlang auf einer steinernen Bank auf der Place Letizia, die eigentlich nur ein kleiner, zwischen hohen Häusern gelegener Baumgarten ist, wo Eukalyptus und Oleander, Fächerpalmen und Lorbeer und Myrten eine Oase bilden inmitten der Stadt. Der Garten ist durch ein eisernes Gitter getrennt von der Gasse, auf deren anderer Seite die geweißelte Front der Casa Bonaparte emporragt. Die Fahne der Republik hing über dem Tor, durch das in einem ziemlich stetigen Strom die Besucher aus und ein gingen. Holländer und Deutsche, Belgier und Franzosen, Österreicher und Italiener und einmal eine ganze Gruppe sehr vornehmer alter Japaner. Die meisten von ihnen hatten sich wieder verlaufen, und der Nachmittag neigte sich bereits seinem Ende zu, als ich endlich das Haus betrat. Die dämmrige Vorhalle war verlassen. Auch der Platz an der Kasse schien leer. Erst als ich unmittelbar vor dem Tresen stand und gerade meine Hand ausstreckte nach einer der dort ausgestellten Ansichtskarten, sah ich, daß hinter dem Tresen in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel eine jüngere Frau saß, ja, beinahe hätte man sagen können, lag.

Man mußte förmlich über den Tresenrand zu ihr hinunterschauen, und dieses Hinunterschauen auf die wahrscheinlich nur vom vielen Stehen ausruhende und vielleicht ein wenig eingeschlummerte Kassiererin der Casa Bonaparte war einer jener seltsam zerdehnten Augenblicke, an die man sich Jahre später noch manchmal erinnert. Als die Kassiererin sich erhob, zeigte es sich, daß sie eine Dame war von sehr stattlichem Format. Man konnte sie sich vorstellen auf einer Opernbühne, wie sie, erschöpft vom Drama ihres Lebens, lasciate mi morir oder sonst eine letzte Arie singt. Weit eigenartiger aber als das Divamäßige ihrer Erscheinung war ihre erst auf den zweiten Blick deutlich werdende, dann freilich umso verblüffendere Ähnlichkeit mir dem Franzosenkaiser, in dessen Geburtshaus sie als Türhüterin amtierte.
Sie hatte dasselbe rundliche Gesicht, dieselben großen, stark hervortretenden Augen, dasselbe in spitz zulaufenden Fransen ihr in die Stirn fallende falbe Haar. Als sie mir mein Eintrittsbillett aushändigte und merkte, daß ich meine Augen nicht von ihr abwenden konnte, lächelte sie mich nachsichtig an und sagte mit einer geradezu verführerischen Stimme, der Rundgang durch das Haus beginne im zweiten Stock. Ich stieg die schwarze Marmortreppe hinauf und war nicht wenig verwundert, als mich an ihrem oberen Absatz eine weitere Dame empfing, die anscheinend gleichfalls der napoleonischen Linie entstammte beziehungsweise irgendwie mich erinnerte an


Massena oder Mack

oder sonst einen jener legendären französischen Feldherren, wahrscheinlich weil ich mir diese von jeher als ein Geschlecht von zwergenhaften Heroen vorgestellt hatte.
Die Dame nämlich, die mich oben an der Treppe erwartete, war von auffallender untersetzter Statur, ein Erscheinungsbild, das noch akzentuiert wurde durch ihren kurzen Hals und sehr kurze, kaum bis zu den Hüften ihr reichende Arme. Überdies trug sie die Farben der Trikolore, einen blauen Rock, eine weiße Bluse und einen roten, die Mitte ihres Leibes umspannenden Gürtel, dessen mächtige, messingglänzende Schnalle etwas ausgesprochen Militärisches an sich hatte. Als ich die obersten Stufen erreicht hatte, trat die Marschallin mit einer Halbwendung beiseite und sagte:
Bonjour Monsieur, auch sie mit einem leicht ironischen Lächeln, mit dem sie mir, wie ich meinte, bedeutete, daß sie weit mehr wisse, als ich jemals erahnen vermöchte. Einigermaßen konsterniert von der mir unerklärlichen Begegnung mit diesen beiden diskreten Botschafterinnen aus der Vergangenheit, wanderte ich eine Weile planlos in den Zimmern herum, ging in den ersten Stock hinunter und kam wieder in den zweiten herauf. Erst nach und nach reimten sich mir die Einrichtungsgegenstände und Ausstellungsstücke zusammen.

Insgesamt war alles noch so, wie Flaubert es in seinem korsischen Reisetagebuch beschrieben hatte: eher bescheidene Räume, ausgestattet im Geschmack der Republik, ein paar Lüster und Spiegel aus Venezianer Glas, inzwischen fleckig geworden und blind; sanftes Halbdunkel, denn wie damals, als Flaubert hier gewesen war, standen jetzt zwar die Flügel der hohen Fenster weit offen, doch die dunkelgrünen Jalousieläden hatte man zugemacht. In weißen Leiterstreifen lag das Sonnenlicht auf dem Eichenparkett. Es war, als sei seither keine Stunde vergangen. Von den von Flaubert erwähnten Dingen fehlte bloß der kaiserliche Umhang mit den goldenen Bienen, den er seinerzeit aus dem Chiaroscuro hervorleuchten sah. Still lagen in den Vitrinen Familiendokumente, ausgefertigt in schön geschwungenen Buchstaben, die beiden Jagdflinten Carlo Bonapartes, ein paar Pistolen und ein Florett.
An den Wänden hingen Kameen und andere Miniaturen, eine Reihe kolorierter Stahlstiche der Schlachten von Friedland, Marengo und Austerlitz sowie, in einem schweren mit Blattgold belegten Rahmen, ein Stammbaum der Familie Bonaparte, vor dem ich zuletzt stehenblieb. Gegen einen himmelblauen Hintergrund ragte aus brauner Erde eine riesige Eiche empor, an deren Ästen und Zweigen weiße, aus Papier ausgeschnittene und mit den Namen und Lebensdaten sämtlicher Mitglieder des kaiserlichen Hauses und der späteren Napoleoniden beschriftete Wölkchen hingen. Alle waren sie hier versammelt, der König von Neapel, der König von Rom und der König von Westphalen, Marianne Elisa, Maria Annunciata und Marie Pauline, das frohsinnigste und schönste der sieben Geschwister, der arme Herzog von Reichsstadt, der Vogelforscher und Ichthyologe Charles Lucien, Plon-Plon, der Sohn von Jeröme und Mathilde Letizia, seine Tochter, der dritte Napoleon, der mit dem gezwirbelten Schnurrbart, die Bonapartes von Baltimore und viele andere mehr.

Ohne daß ich es gemerkt hätte, war die Marschallin Ney, veranlaßt vielleicht von meiner spürbaren Ergriffenheit vor diesem genealogischen Kunstwerk, neben mich getreten und sagte, in ehrfürchtigem Flüsterton, diese création unique sei gegen Ende des letzten Jahrhunderts angefertigt worden von der Tochter eines Notars und großen Napoleonverehrers in Corte. Die mit einigen Faltern verzierten Blätter und Blütenstände am unteren Bildrand, sagte die Marschallin, seien echte getrocknete Pflanzen aus dem maquis, Steinrosen, Myrten und Rosmarin, und der dunkle, gewundene Stamm, der sich reliefartig von dem blauen Grund abhob, sei geflochten aus dem eigenen Haar des Mädchens, das, sei es aus Liebe zum Kaiser, sei es aus Liebe zu ihrem Vater, endlose Stunden über ihrer Arbeit zugebracht haben müsse.

Ich nickte andächtig zu dieser Erklärung und blieb eine ganze Zeitlang noch stehen, eh ich mich abwandte und aus dem Zimmer ging, hinab in den ersten Stock, in dem die Familie Bonaparte seit ihrer Ankunft in Ajaccio gewohnt hatte. Carlo Bonaparte, der Vater Napoleons, der Sekretär Pasquale Paolis gewesen war, hatte sich nach den von den Patrioten in ihrem ungleichen Kampf mit den französischen Truppen erlittenen Niederlage von Corte sicherheitshalber in die Küstenstadt begeben. Zusammen mit Letizia, die zu jener Zeit mit Napoleon schwanger war, zog er durch die wüsten Berge und Schluchten des inneren Landes, und ich denke mir, daß die beiden winzigen Personen auf ihren Mauleseln inmitten des überwältigenden Panoramas oder allein in finsterer Nacht bei einem Lagerfeuerchen sitzend, ausgeschaut haben müssen wie Maria und Joseph auf einer der vielen überlieferten Darstellungen der Flucht nach Ägypten. Jedenfalls erklärt diese dramatische Reise, wenn es denn etwas auf sich hat mit der Theorie von der pränatalen Erfahrung, manches am Charakter des späteren Kaisers, nicht zuletzt die Tatsache, daß er alles stets mit einer gewissen Überstürzung erledigte, beispielsweise bereits das Geschäft seiner eigenen Geburt, bei der er sich dermaßen nach vorn drängte, daß Letizia nicht mehr das Kindbett erreichte und ihn auf einem Sofa im sogenannten gelben Zimmer auf die Welt bringen mußte.

Eingedenk möglicherweise dieser denkwürdigen, den Beginn seiner Laufbahn markierenden Umstände hat Napoleon später eine aus Elfenbein geschnitzte Weihnachtskrippe von ziemlich zweifelhaftem Geschmack, die heute noch in der Casa Bonaparte zu sehen ist, seiner verehrten Mama zum Geschenk gemacht. Freilich hatten weder Letizia noch Carlo während der siebziger und achtziger Jahre, als man an das neue Regime sich akkomodierte, geträumt, daß die Kinder, die mit ihnen tagtäglich um den Eßtisch saßen, einmal aufsteigen sollten in den Rang von Königen und Königinnen und daß ausgerechnet der händelsüchtigste von ihnen, der in den Gassen des Quartiers ständig in Streitereien verwickelte Ribulione, einmal die Krone eines riesigen, fast über ganz Europa sich ausdehnenden Reiches tragen würde.

Aber was wissen wir schon im voraus vom Verlauf der Geschichte, der sich entwickelt nach irgendeinem, von keiner Logik zu entschlüsselnden Gesetz, bewegt und in seiner Richtung verändert oft im entscheidenden Moment von unwägbaren Winzigkeiten, durch einen kaum spürbaren Luftzug, durch ein zur Erde sinkendes Blatt oder durch einen von einem Auge zum anderen quer durch eine Menschenversammlung gehenden Blick. Nicht einmal in der Rückschau können wir erkennen, wie es wirklich vordem gewesen und zu diesem oder jenem Weltereignis gekommen ist. Die genaueste Wissenschaft von der Vergangenheit reicht kaum näher an die von keiner Vorstellungskraft zu erfassende Wahrheit heran als, beispielsweise, eine so aberwitzige Behauptung wie die, die mir einmal vorgetragen wurde von einem in der belgischen Hauptstadt lebenden, seit Jahrzehnten mit der Napoleonforschung befaßten Dilettanten namens Alfonse Huyghens, der zufolge sämtliche von dem Franzosenkaiser in den europäischen Ländern und Reichen bewirkten Umwälzungen auf nichts anderes zurückzuführen waren als auf dessen Farbenblindheit, die ihn Rot nicht unterscheiden ließ von Grün. Je mehr das Blut floß auf dem Schlachtfeld, so sagte der belgische Napoleonforscher zu mir, desto frischer schien ihm das Gras zu sprießen.



Zur Casa Bonaparte siehe auch





"Unerzählt"







es heißt

daß Napoleon
farbenblind war
& Blut für ihn
so grün wie
Gras



FOR YEARS NOW S. 9






It is said

Napoleon was
colourblind
& could not
tell red
from green


Tess Jaray












(Schwindel.Gefühle S. 7ff.)

Mitte Mai des Jahres 1800 zog Napoleon mit 36 000 Mann über den Großen St. Bernhard, ein Unternehmen, das bis zu diesem Zeitpunkt für so gut wie ausgeschlossen gegolten hatte. Fast vierzehn Tage lang bewegte sich ein unabsehbarer Zug von Menschen, Tieren und Material von Martigny aus über Orsières durch das Tal von Entremont und sodann in endlos scheinenden Serpentinen hinauf auf die zweieinhalbtausend Meter über dem Spiegel des Meeres liegende Höhe des Passes, wobei die schweren Kanonenrohre von der Truppe in ausgehöhlten Baumstämmen teils über den Schnee und das Eis, teils über die bereits aperen Felsplatten geschleift werden mußten.

Den ganzen Sommer über hatte ihn die auf die Schlacht von Marengo folgende allgemeine Euphorie wie auf Schwingen getragen; mit der größten Faszination hatte er in den Intelligenzblättern die fortlaufenden Berichte von der oberitalienischen Kampagne gelesen; Freilichtaufführungen, Bälle und Illuminationen hatte es gegeben, und als der Tag gekommen war, an dem er erstmals die Uniform anlegen durfte, war es ihm, als sei sein Leben endgültig eingeordnet in ein vollendetes oder doch der Vollendung zustrebendes System, in dem Schönheit und Schrecken in einer exakten Relation zueinander standen.
So hält Beyle, von Tortone her kommend, in den frühen Morgenstunden des 27. September 1801 auf dem weiten und stillen Gefild - einzig die aufsteigenden Lerchen sind zu hören - , auf dem am 25. Prairial des Vorjahres, vor genau fünfzehn Monaten und fünfzehn Tagen, wie er vermerkt, die


Schlacht von Marengo

stattgefunden hatte. Die entscheidende Wendung dieser Schlacht, herbeigeführt von der furiosen Reiterattacke


Kellermanns

stattgefunden die, als alles bereits verloren schien, die österreichische Hauptmacht im Licht der niedergehenden Sonne von der Seite her aufriß, war ihm aus zahllosen Erzählvarianten vertraut, und auch er selbst hatte sie sich verschiedentlich und in vielerlei Farben aus gemalt. Nun aber überblickte er die Ebene, sah vereinzelte tote Bäume aufragen, und er sah die weithin verstreuten, zum Teil schon völlig gebleichten und vom Tau der Nacht glänzenden Gebeine der vielleicht 16000 Männer und 4000 Pferde, die hier um ihr Leben gekommen waren. Die Differenz zwischen den Bildern der Schlacht, die er in seinem Kopf trug, und dem, was er als Beweis dessen, daß die Schlacht sich wahrhaftig ereignet hatte, nun vor sich ausgebreitet sah, diese Differenz verursachte ihm ein noch niemals zuvor gespürtes, schwindelartiges Gefühl der Irritation.

Möglicherweise machte aus diesem Grund die Gedenksäule, die man auf dem Schlachtfeld errichtet hatte, einen, wie er schreibt, äußerst mesquinen Eindruck auf ihn. Sie entsprach in ihrer Schäbigkeit weder seiner Vorstellung von der Turbulenz der Schlacht von Marengo noch dem riesigen Leichenfeld, auf welchem er sich nunmehr befand, mit sich allein wie ein Untergehender.



Jedenfalls muß dieser Vater von

eigentlich Frederick Austerlitz
Fred Astaire

also aus dieser Ecke gekommen sein, sonst weiß ich nicht viel über ihn. Das habe ich zufällig mal am Radio gehört, so wie es in dem Text dann Austerlitz zugeschrieben wird. Hat mich sehr verblüfft. Der Name Austerlitz hat für mich immer eine Resonanz gehabt, denn ich hatte an der Schule einen Geschichtslehrer, der napoleonfanatisch war und der diese sämtlichen Napoleon-Geschichten - ähnlich wie es auch in diesem Buch dann paraphrasiert wird für Austerlitz - , diese Napoleon-Sachen, also z. B. die Rückkunft von Elba und so weiter, uns vorgespielt hat, sozusagen; und eines seiner Paradestücke war die Beschreibung der Schlacht von Austerlitz. Und das Wort hat mir immer besonders gut gefallen, hatte so etwas kunterbunt Historisches an sich, und das Napoleonische und dieser napoleonische Versuch der Neuordnung Europas ist ja dann etwas, was sich herunter zieht bis in die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und insofern hat mich das immer fasziniert, das ist für mich ein Paradigma des historischen Ablaufs, und Austerlitz ist wiederum ein Paradigma davon. Und den Namen habe ich eben schon lange im Kopf, und der hat sich dann diesen Lebensgeschichten zugeordnet, sozusagen, die ich da beschreiben wollte.

Die Gare d’Austerlitz und das ganze Viertel da draußen auf dem linken Ufer. Wenn man ein Stückchen hinuntergeht, kommt man erst am Jardin des Plantes vorbei, und dann ist gleich um die Ecke - es ist ein sehr geschichtsträchtiges Viertel -, da ist diese ... dieses Riesenkrankenhaus, die Salpetriere, und dann danach ist die Gare d’Austerlitz, und dann danach ist heute diese neue wahnwitzige Nationalbibliothek; das ist alles sehr, sehr geschichtsträchtig. Und sehr seltsam eben auch für jeden, der Paris besucht und in diesen subterranen Metrozügen herumfährt, ist dieses Gefühl, daß man von einer historischen Station zur anderen fährt: Sebastopol, Stalingrad, Austerlitz, Jena, Wagram, nicht? Man kommt durch die ganze Geschichte hindurch, und das hat etwas äußerst Gespenstisches an sich für mein Empfinden, nicht?, weil man ja sozusagen, also ...

es gibt bestimmte Leute, die nicht gern mit der Metro fahren, weil man also ja doch leicht Platzangst kriegt, und an bestimmten Tagen, wenn es in den Metroschächten besonders irgendwie klaustrophobisch ist, dann hat man ja tatsächlich das Gefühl, daß diese Metroreisenden irgendwie die Abgeschiedenen sind, die dort unten weiterleben müssen, auf diesen Zügen hin und her fahren. Also die ganzen Gefallenen, die ganzen Zugrundegerichteten, all diese Leute sind immer noch da drunten in der Unterwelt. Und das ist die Geschichte und das ist der Raster der Geschichte, der sich darauf gelegt hat. Ein anderer Aspekt dessen ist es natürlich, daß die Franzosen auf diese Phase ihrer Geschichte, obgleich sie viel Unglück in die Welt gebracht hat, natürlich nach wie vor stolz sein können; daß sie diese Idee der gloire durch die Überwindung der deutschen Faschisten am Leben erhalten konnten und daß sie nach wie vor ein Geschichtsbewußtsein haben, mit dem sie leben können, nicht? Also Sie können in Deutschland ja keinen Boulevard Stalingrad sich vorstellen oder, was weiß ich, nicht einmal ein Platz der


Völkerschlacht bei Leipzig

läßt sich denken. Das heißt, die Deutschen haben sich aufgrund dessen, was sie angerichtet haben, aus ihrer eigenen Geschichte verbannt und können und dürfen nicht mehr zurückschauen. Und das ist etwas, was das Bewußtsein der Deutschen nach wie vor einfärbt, auf eine Weise, die sie selbst nicht gerne wahrhaben können und wollen.



(Austerlitz S. 100ff.)

Was meine eigene Geschichte betrifft, so hatte ich, wie gesagt, bis zu jenem Apriltag des Jahres 1949, an dem Penrith-Smith mir den von ihm beschriebenen Zettel überreichte, den Namen Austerlitz noch nie gehört. Ich konnte mir nicht denken, wie er zu buchstabieren sei, und habe das seltsame, wie mir schien, einer geheimen Losung gleichende Wort drei- oder viermal silbenweise gelesen, ehe ich aufschaute und sagte: excuse me, Sir, but what does it mean?, worauf Penrith-Smith mir erwiderte: I think you will find it is a small place in Moravia, site of a famous battle, you know. Und wahrhaftig ist dann im Verlauf des nächsten Schuljahres von dem mährischen Dorf Austerlitz auf das ausführlichste die Rede gewesen. In dem Lehrplan für die vorletzte Klasse war nämlich europäische Geschichte vorgesehen, die allgemein als ein komplizierter und nicht ungefährlicher Gegenstand galt, weshalb man sich auch in der Regel auf die mit einer englischen Großtat abschließende Zeit von 1789 bis 1814 beschränkte. Der Lehrer, der uns diese, wie er oft betonte, zugleich glorreiche und schreckensvolle Epoche nahebringen sollte, war ein gewisser André Hilary, der seinen Posten in Stower Grange nach der Entlassung aus dem Heeresdienst eben erst angetreten hatte und, wie es sich bald zeigte, mit der Napoleonischen Ara bis in das einzelnste vertraut war. André Hilary hatte am Oriel College studiert, war aber von kleinauf umgeben gewesen von einer in seiner Familie mehrere Generationen zurückgehenden Napoleonbegeisterung. Auf den Vornamen André, so sagte er mir einmal, sagte Austerlitz, habe sein Vater ihn taufen lassen in Erinnerung an den


Marschall Masséna, der Herzog von Rivoli

Tatsächlich konnte Hilary die Bahn, die der von ihm so genannte korsische Komet über den Himmel gezogen hatte, von ihrem Anbeginn bis zu ihrem Erlöschen im Südatlantischen Ozean mit sämtlichen der von ihr durchquerten Konstellationen und von ihr illuminierten Ereignisse und Personen an je dem beliebigen Punkt der Aszendenz oder des Niedergangs ohne die geringste Vorbereitung sich vergegenwärtigen, nicht anders, als sei er selber dabeigewesen. Die Kindheit des Kaisers in Ajaccio, die Lehrzeit in der Militärakademie von Brienne, die Belagerung von Toulon, die Strapazen der ägyptischen Expedition, die Rückkehr über ein Meer voller feindlicher Schiffe, die Überquerung des Großen St. Bernhard, die Schlachten von Marengo, von Jena und Auerstedt, von Eylau und Friedland, von Wagram, Leipzig und Waterloo, das alles beschwor Hilary auf das lebendigste vor uns herauf, teils indem er erzählte - wobei er aus dem Erzählen oft in dramatische Schilderungen und aus diesen in eine Art Theater spiel überging mit verteilten Rollen, zwischen denen er mit erstaunlicher Virtuosität hin- und herwechselte -, teils indem er die Schachzüge Napoleons und seiner Gegner mit der kalten Intelligenz eines unparteiischen Strategen untersuchte, die gesamte Szenerie jener Jahre aus der Höhe überblickend, mit dem Auge des Adlers, wie er einmal nicht ohne Stolz angemerkt hat. Den meisten von uns haben sich die von Hilary gehaltenen Geschichtsstunden nicht zuletzt deshalb tief eingeprägt, sagte Austerlitz, weil er des öfteren, wahrscheinlich wegen eines Bandscheibenleidens, an dem er laborierte, auf dem Rücken am Fußboden liegend seinen Stoff uns vortrug, was wir in keiner Weise als komisch empfanden, denn Hilary sprach gerade dann mit besonderer Deutlichkeit und Autorität. Hilarys Glanzstück ist zweifellos die Schlacht von Austerlitz gewesen. Weit ausholend beschrieb er uns das Terrain, die


Chaussee, die von Brünn ostwärts nach Olmütz

führt, das mährische Hügelland zu ihrer Linken, die Pratzener Anhöhen zur Rechten, den seltsamen Kegelberg, der die altgedienten unter den dem Gelände lagen, den Lauf des Goldbachs und die Teiche und Seen im Süden, das Feldlager der Franzosen und das der neunzigtausend Alliierten, das sich über neun Meilen erstreckte. Um sieben Uhr morgens, so Hilary, sagte Austerlitz, seien die Spitzen der höchsten Erhebungen aus dem Nebel aufgetaucht wie Inseln aus einem Meer, und während sich nach und nach die Helligkeit über den Kuppen vermehrte, habe der milchige Dunst drunten in den Tälern zusehends sich verdichtet. Gleich einer langsamen Lawine seien die russischen und österreichischen Truppen von den Bergseiten heruntergekommen und bald, in zunehmender Unsicherheit über das Ziel ihrer Bewegung, an den Abhängen und in den Wiesengründen herumgeirrt, während die Franzosen in einem einzigen Ansturm die halb schon verlassenen Ausgangspositionen auf den Pratzener Höhen gewannen, von wo sie dann dem Feind in den Rücken fielen. Hilary malte uns ein Bild aus von der Anordnung der Regimenter in ihren weißen und roten, grünen und blauen Uniformen, die sich im Verlauf der Schlacht zu immer neuen Mustern vermischten wie die Glaskristalle in einem Kaleidoskop. Wiederholt hörten wir die Namen Kolowrat und Bragation, Kutusow, Berna dotte, Miloradovich, Soult, Murat, Vandamme und Kellermann, sahen die schwarzen Rauchschwaden über den Geschützen hängen, die Kanonenkugeln hinwegsausen über die Köpfe der Kämpfenden, das Aufblinken der Bajonette, als die ersten Sonnenstrahlen den Nebel durchdrangen; vernahmen wahrhaftig, wie wir glaubten, das Aufeinanderkrachen der schweren Reiterei und spürten als eine Schwäche im eigenen Leib das Insichzusammensinken ganzer Reihen unter den an ihnen auflaufenden Wogen der Gegner.

Hilary habe Stunden über den 2. Dezember 1805 reden können, sei aber demungeachtet der Auffassung gewesen, daß er in seinen Darstellungen alles viel zu sehr verkürze, denn sollte man wirklich, so habe er mehrfach gesagt, in irgendeiner gar nicht denkbaren systematischen Form, berichten, was an so einem Tag geschehen war, wer genau wo und wie zugrunde ging oder mit dem Leben davonkam, oder auch nur wie es auf dem Schlachtfeld aussah bei Einbruch der Nacht, wie die Verwundeten und die Sterbenden schrien und stöhnten, so brauchte es dazu eine endlose Zeit. Zuletzt bleibe einem nie etwas anderes übrig, als das, wovon man nichts wisse, zusammenzufassen in dem lachhaften Satz »Die Schlacht wogte hin und her« oder einer ähnlich hilf- und nutzlosen Äußerung. Wir alle, auch diejenigen, die meinen, selbst auf das Geringfügigste geachtet zu haben, behelfen uns nur mit Versatzstücken, die von anderen schon oft genug auf der Bühne herumgeschoben worden sind. Wir versuchen, die Wirklichkeit wiederzugeben, aber je angestrengter wir es versuchen, desto mehr drängt sich uns das auf, was auf dem historischen Theater von jeher zu sehen war: der gefallene Trommler, der Infanterist, der gerade einen anderen niedersticht, das brechende Auge eines Pferdes,


der unverwundbare Kaiser, umgeben von seinen Generalen

mitten in dem erstarrten Kampfgewühl. Unsere Beschäftigung mit der Geschichte, so habe Hilarys These gelautet, sei eine Beschäftigung mit immer schon vorgefertigten, in das Innere unserer Köpfe gravierten Bildern, auf die wir andauernd starrten, während die Wahrheit irgendwoanders, in einem von keinem Menschen noch entdeckten Abseits liegt. Auch mir, setzte Austerlitz hinzu, ist von der Dreikaiserschlacht, trotz der zahlreichen Beschreibungen, die ich von ihr gelesen habe, nur das Bild vom Untergang der Alliierten in Erinnerung geblieben.

Jeder Versuch, den Ablauf des sogenannten Kampfgeschehens zu begreifen, geht unweigerlich über in diese eine Szene, in welcher die Scharen der russischen und österreichischen Soldaten zu Fuß und zu Pferde auf den gefrorenen Satschener Weiher fliehen. Ich sehe die Kanonenkugeln eine Ewigkeit lang Stillstehen in der Luft, sehe andere einschlagen in das Eis, sehe die Unglücklichen mit hochgerissenen Armen von den kippenden Schollen gleiten, und sehe sie, seltsamerweise, nicht mit meinen eigenen Augen, sondern mit denen des kurzsichtigen


Marschalls Davout

der mit seinen Regimentern in einem Gewaltmarsch von Wien heraufgekommen ist und der mit seiner hinten am Kopf mit zwei Bendeln festgebundenen Brille mitten in dieser Schlacht ausschaut wie einer der ersten Automobilisten oder Aviateure.







Mit diesen Dingen leben wir, es ist also nicht illusorisch, sich auch über die weiter außen gelegenen Kreise Gedanken zu machen. Wenn man zum Beispiel in den letzten Monaten erlebt hat, daß in England unter den grauenhaftesten Umständen


Hekatomben von Rindern

- ich glaube, es sind jetzt drei Millionen Tiere - hingerichtet wurden, weil es hieß, daß der Markt nicht mit Rindern fertig werden kann, die von einer irgendwann einmal relativ harmlosen Krankheit infiziert waren, dann kann man sehen, wie diese Dinge fortwährend unser Leben bestimmen. Ich sehe die von den Deutschen angerichtete Katastrophe, grauenvoll wie sie war, durchaus nicht als ein Unikum an - sie hat sich mit einer gewissen Folgerichtigkeit herausentwickelt aus der europäischen Geschichte und sich dann, aus diesem Grunde auch, hineingefressen in die europäische Geschichte. Deshalb sind die Spuren dieser Katastrophe in ganz Europa ablesbar, ob sie nun im Norden von Schottland sind oder auf Korsika oder auf Korfu. Was dahinterstand, war der von der Machtpolitik spätestens seit Napoleon immer wieder verfolgte Traum, aus diesem sehr unordentlichen Kontinent Europa etwas viel Ordentlicheres, Geregeltes, Durchorganisiertes, Machtvolles zu machen. Und es ist natürlich eine besonders bizarre Ironie der Geschichte, daß die Deutschen, die jahrhundertelang, seit dem Dreißigjährigen Krieg zumindest, die zurückgebliebene Nation in Europa waren, dann Ende des 19. Jahrhunderts diese Machtträume sich angeeignet haben und im Verfolg dieser Machtträume in all diese Gassen gekommen sind, in die eigentlich niemand hineinwollte.



Nachtrag:


Marie-Louise von Österreich

1791 bis 1847, erste Tochter des österreichischen Kaisers Franz II., der sich durch ihre Ehe mit Napoleon Festigung der politischen Verhältnisse zu Frankreich erhofft, Napoleon hingegen die Legitimation seines Kaiserreichs. 11. März 1810 Ferntrauung, Leidtragende ist Marie-Louise, die Napoleon seit Jahren verabscheut und eine Puppe besitzt, an der sie ihren Zorn über den Antichristen abreagiert, und außerdem ist sie in Erzherzog Franz von Modena-Este verliebt.
Sie fügt sich aber ins Schicksal, der Adel empfindet die Heirat als nationale Demütigung, Frankreich steht ihr stets ablehnend gegenüber, trauert Joséphine, der Glücksbringerin des Kaiserreiches, nach, woran auch die Geburt eines Erben nichts ändern kann und als Napoleon Marie Louise mit der Aushebung der immer jünger werdenden Soldaten für den Russlandfeldzug beauftragt, werden diese als Marie-Louisen bezeichnet, die Ablehnung des Volkes erreicht neue Höhepunkte.
Nach der Abdankung Napoleons 1814 flieht Marie-Louise mit ihrem Sohn nach Wien, wo sie die Bevölkerung mit großem Jubel empfängt.
Mit Verbannung ihres Gemahls auf eine verlorene Atlantikinsel trauert sie weniger ihrem treulosen Gemahl als den Wonnen des Ehebetts nach. Der Hof erinnert sich an einen schneidigen Offizier, dem man in dieser Angelegenheit Wunderdinge nachsagt:


Adam Albert von Neipperg

Er heißt - aufgrund seines verlorenen Auges, das er mit einer Augenklappe bedeckt - der blinde Amor. Adam Albert gefällt und man erzählt sich, dass nach dieser Begegnung Marie-Louise einige Tage in einer Sänfte getragen werden muss.
Seit Juli 1814 begleitet der potente Graf die vormalige Kaiserin von Frankreich und Gattin Napoleon Bonapartes auf all ihren Reisen, vertritt auf dem Wiener Kongress die Interessen dieser Fürstin und des von ihr regierten Herzogtums Parma, 1815 wird er zu ihrem Oberstallmeister sowie Oberkommandanten der Truppen von Parma ernannt. Marie-Louise gebiert ihm drei weitere Kinder, 1821 heirateten sie in morganatischer Ehe, Adam Albert stirbt 1829.
Um ihre Kinder kümmert sie sich nicht, sie gibt sie in die Obhut anderer, ihr dritte Ehe schließt Marie-Luise 1834 mit Graf Charles-René de Bombelles.



(Über das Lnd und das Wasser S. 14)



Falbfarbenes Gras Ende Septembers
auf dem Schlachtfeld von Waterloo
über dem Blut verlorener Marie-Luisen
des Empereurs Bonaparte
per Bus zu erreichen

















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