Uwe Schütte




Schüler Sebalds und profunder Kenner von Leben und Werk seines zur Unzeit verstorbenen Doktorvaters - von ihm stammt die erste Sebald-Monographie.



In packender Sprache geschrieben, fern von germanistischem Fach-Chinenisch - das auch Sebald verhasst war - behandelt Uwe Schütte kompakt und dennoch umfassend Werk und Leben. Das Buch bietet die vollständige Analyse der Werke W. G. Sebalds und liefert viele biografische Informationen.

Spät, aber nicht zu spät, legt er uns auch

vor und bringt Licht in einen unbeleuchteten Winkel von Sebalds Werk.
Wie das Elementargedicht "Nach der Natur" noch immer ein Schattendasein führt, so ist Sebalds Lyrik bis zu den "Figurationen", erschienen 2014 bei Edition Isele, ein großer weißer Fleck auf der Weltkarte der Literatur gewesen, den Sebalds famulus nun in alle Himmelsrichtungen durchkreuzt. Von seiner Expedition, die ihm Frau und Sohn im Sommer 2013 zugestanden haben, bringt uns Schütte unveröffentlichte Schätze sowie wunderbare und neugierig machende Funde mit ...

Taking a closer look at the poems, which I had so far only considered to be appendixes to the prose texts, I discovered that they have considerable merits independent of the prose books.

Versäumt

wie Kafkas Aufsatz
über Goethes entsetzliches
Wesen




Kongeniale Ergänzung von Schüttes Sebald-Monografie ist dieses 2014 erschienene 600-Seiten-Werk, auf das alle Sebaldianer gewartet haben: Eine Würdigung der pathografischen Literaturkritik, die, worauf Schütte sowohl in seinem trefflichen Essay zu Sebalds "Negern" wie auch anderswo immer wieder hinweist, überzeugte Sebaldianer als unliebsamen Aspekt ausblenden. Und deswegen mit Sebalds Texten genau das passierte, was er immer an der Germanistik beanstandet hat. ... Immer wieder taucht in Sebalds Werk Inkommensurables auf, das gelegentlich auch für Verwunderung oder Irritation sorgt ... Und dies mit einer Unbeirrbarkeit, die von fast schon provozierender Insistenz ist.
All diese Punkte holt Schütte hervor, erläutert sie, wägt ab und kommt - getragen von einem breiten Wissen und umfänglichen Recherchen - zu neuen, überzeugenden Ergebnissen. Beispielhaft im hervorragend - von jedermann - gut lesbaren Stil geschrieben, bringt er Offenbarungen und Erkenntnisse zu Sebalds literturkritischem Werk, das ebenso lesenswert ist - auch das zeigt das Buch, wie sein literarisches.

Die Grundfragen unseres Daseins, dessen unzählige Facetten Sebald mit seinem Gesamtkunstwerk so faszinierend darstellt, bringt er in seinem Essay zum Scomber scombrus auf den Punkt:
Wahrscheinlich sind die Zusammenhänge zwischen dem Leben und Sterben der Menschen und Makrelen weitaus komplizierter, als wir erahnen (Campo Santo S. 212).
Schütte resümiert in "Interventionen.":
Die Frage bleibt offen. Denn irgendwann kann auch die Kunst nicht mehr weiterhelfen. Und wir uns sowieso nicht. ...
Vielleicht ist das ohnehin besser so. Finis.

Im Mittelpunkt steht Sebalds Literaturkritik, von der streitbaren Magisterarbeit über Sternheim bis zum polemischen Essay zum Versagen der deutschen Literatur vor dem Luftkrieg. All das wird zur intellektuellen Biografie des aus dem bayerischen Voralpenkaff ins provinzielle East Anglia entlaufenen nobelpreisverdächtigten Querdenkers ...
Schütte hat das Ziel erreicht, das er im PS und Bibliografischen Hinweis darlegt und sich setzt:
Die weitgefächerte essayistische Kehrseite der erzählerischen Literatur in ihrem ganzen Umfang, in ihrer ganzen Bedeutung kenntlich zu machen, hat sich diese ausgedehnte Studie zum Ziel gesetzt. Damit nicht nur die eigentliche Grundlage der literarischen Prosa erkennbar wird, sondern ebenso als notwendige und schon so lange überfällige und nun hiermit vorliegende Intervention zum Verständnis der intellektuellen Biografie und zur Konturierung des schriftstellerischen Profils von W. G. Sebald.

Schütte breitet das größtenteils kaum bekannte Fundament aus, auf dem das Werk Sebalds ruht, des wohl anerkanntesten und zugleich umstrittensten deutschen Schriftstellers des späten 20. Jahrhunderts, und bietet erstmals einen so tiefschürfenden wie umfassenden Überblick über die Literaturkritik Sebalds, in den er unzählige unveröffentlichte Archivdokumente einbezieht und uns die intellektuelle Biografie eines aus der bayerisch-alemannischen in die ost-anglikanische Provinz entlaufenen Germanisten-Genies aufzeigt: Max, der im kritischen Widerspruch zu seiner Wissenschaft selbst zum Schriftsteller wird.

Wieder ein echter "Schütte".
Sebaldianer, die Sekundärliteratur interessiert, kennen das: Die überwiegende Mehrheit dort dreht sich immer um dieselben Schlagwörter Trauma, Holocaust, Intermedialität, Erinnerung, Melancholie.
Uwe Schütte interveniert, legt den Schwerpunkt auf die Entstehungsgesichte der Texte Sebalds und rückt seine Entwicklung zum literarischen Autor in neues Licht. Als Herausgeber versammelt er Autoren, die auch Leser jenseits eingeweihter Germanistenkreise fesseln. Da ist Sven Meyer ("Konzidizenzpoetik"), Schütte selbst (zur Szenenreihe über Kant ), Peter Schmucker (zu Chateaubriand - den Betreiber der Website freut Anm. 13 auf S. 147! ), Kay Wolfinger (zu Sebalds Allgäuer wahrer Heimat), Christoph Steker (zu Sebalds Pflanzen - siehe auch hier ), Ulrich Dronske (Spiegelungen Döblins in Die Ausgewanderten) usw. usw ...
Für des Englischen Mächtige versammelt Schütte - er selbst lehrt seit vielen Jahren im Brexitland - eine Reihe von Beiträgen internationaler Gelehrter.
Den Band schließen persönliche Erinnerungen an Sebald.
Exemplarisch: KayWolfinger hat sich umgehört im Allgäu und Leute getroffen, die unseren Autor "Sebe" nennen, hat in Schülerzeitungsbeiträgen geforscht und erste Anzeichen entdeckt für sein Unwohlsein darüber, in Deutschland zu leben.

Florian Radvan:
Zurück zum Lehrer W.G. Sebald. In einen seiner Prosatexte hat er das Idealbild des Pädagogen eingeschrieben, nämlich in Paul Bereyter aus den vier langen Erzählungen in Die Ausgewanderten. Wie Bereyter war Sebald ein zurückhaltender, aber ungemein charismatischer und einflussreich Unterrichtender, „halb der Klasse, halb dem Draußen zugewandt“.

Ralf Jeutter:
Sebald was a unique man, the type one meets only once or twice in a lifetime, a man whose every action speaks of something expressing the whole of the man. Ironically, being so obsessed with the passing of time and death, Sebald himself had a timeless and unchanging quality to him. Once he turned grey 'overnight, literally', as he liked to say, he was always old. His heavy South German accent could have suggested that he had just left the Allgäu and arrived in England, if it wouldn't have been for the flawless and elegant English he spoke, always measured, thoughtful, unhurried. For reasons I could not explain he always reminded me of an old, barnacled barge, which had been, at some point, hurled out of deep water.





Mit dem Bulldozer durch die Literaturgeschichte
W. G. Sebald als Literaturkritiker und Germanist
von Uwe Schütte



Für nicht wenige Literaturkundige, zumal im angloamerikanischen Bereich, besteht kaum ein Zweifel: W.G. Sebald wird als einer der wichtigsten, womöglich sogar als der bedeutendste Schriftsteller deutscher Sprache im späten 20. Jahrhundert in die Literaturgeschichte eingehen. Das mag nun eintreffen oder auch nicht. Ein deutlicher Indikator dafür ist, neben den zahlreichen Epigonen, sein Status als literarischer Referenz- und Vergleichspunkt. Das also, was einmal Kafka und später oftmals Thomas Bernhard war. Heute gilt Sebald als Maß, an dem Autoren gemessen werden. Und zwar sowohl weltweit als auch unabhängig davon, ob der betreffende Autor Sebald überhaupt gelesen hat.
Hinzu kommt der erstaunlich große Leserkreis außerhalb der professionellen Zirkel von Literaturinteressierten. Darunter wiederum finden sich nicht wenige, die von einer nachgerade fanatischen Anhängerschaft ergriffen sind, wie man das bislang nur von den kollektiv dechiffrierenden Adepten Arno Schmidts kannte. Trifft man als jemand, der wie ich mit Sebald persönlich bekannt war, auf solche Sebald-Gefolgsleute, kommt man sich geradezu wie einer der Apostel vor, um den sich wissbegierige Frühchristen ehrfürchtig scharen.
Der stets bescheidene Meister selbst wäre darüber sicherlich mehr als erstaunt gewesen, denn sein Geschreibsel - wie Sebald seine Texte gerne abwertete - war ihm zunächst vor allem Flucht aus dem geistesabstumpfenden Universitätsalltag. Worum es ihm stets ging - sowohl im literaturkritischen wie literarischen Modus - war anzuschreiben gegen eine deutsche Nachkriegsliteratur, die ihm in vielfacher Hinsicht suspekt und ungenügend erschien. An den deutschen Autoren, die grob gesprochen ins Umfeld der Gruppe 47 gehören, hat er sich sein ganzes intellektuelles Leben lang abgearbeitet. Dass er es dann tatsächlich schaffte, die teils auch tief verachteten Schriftsteller sogar zu überflügeln mit seinen eigenen Büchern, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. Er wollte es immer nur anders, besser machen.



Dass der Schriftsteller Sebald im eigentlichen Hauptberuf Germanist war, stellte nie ein Geheimnis dar. Als solchen wahrgenommen hat ihn die germanistische Fachwissenschaft viele Jahre lang freilich kaum. Der mit 22 Jahren nach England entlaufene Auslandsgermanist vermochte sich aus peripherer Position in Deutschland kaum Gehör zu verschaffen. Deswegen wählte er Provokation wie Konfrontation als Weg: Exemplarisch zu beobachten war das, als 1992 seine Polemik gegen Alfred Andersch hohe Wellen schlug. Ende der Neunziger folgte die von ihm initiierte, weitreichende Debatte über Luftkrieg und Literatur, welche nicht ohne Folgen blieb für unser Verständnis der von Sebald beharrlich monierten Versäumnisse der Nachkriegsliteratur. Die erst posthum erfolgte Publikation seiner Streitschrift gegen den Holocaust-Überlebenden Jurek Becker wiederum erstaunte nicht nur jene, die den Verfasser von Austerlitz und Die Ausgewanderten für ihre Zwecke als Holocaust-Autor zu vereinnahmen suchten.
Erst in letzter Zeit begann man ernsthaft, Sebalds literarische Texte in Verbindung mit den literaturkritischen Schriften zu lesen. Das repräsentiert immerhin einen Schritt in die richtige Richtung. Der eigentliche Erkenntnisfortschritt steht aber noch aus: Nämlich vollends anzuerkennen, dass Sebald sein ganzes Leben lang und in erster Linie ein passionierter Verfasser literaturkritischer Schriften war, weshalb die literarischen Texte vor diesem Hintergrund eher als Sekundärwerk erscheinen, in dem er Erkenntnisse umsetzte und Fragestellungen exponierte, die ihn schon seit Jahrzehnten in seinen akademischen Qualifikationsarbeiten wie essayistischen Publikationen umgetrieben hatten.



So erweist sich die von 1970 bis 1973 entstandene Doktorarbeit über Alfred Döblin als wahre Fundgrube dafür, wie man es als Schriftsteller - nach Meinung des Nachwuchsgermanisten - gerade nicht machen sollte. Am prominentesten zeigt sich das in der Darstellung von überbordender Gewalt. Döblin schildert fürchterliche Grausamkeiten im Detail, weil er hoffte, dadurch eine abschreckende Wirkung auszuüben; Sebald aber erachtete dies für höchst verwerflich, weil eine solche Strategie auf die Dauer abstumpft und letztendlich der Glorifizierung von Gewalt - wenn auch unwillentlich - Vorschub liefert. Folglich zog er den Umkehrschluss, dass ein maßloser Gewaltexzess wie der Holocaust eben nicht direkt, sondern nur im Hintergrund, als Anspielung oder in Andeutung, literarisch behandelt werden kann. Sebalds vielgerühmte „tangentielle“ Weise, über das Grauen des 20. Jahrhunderts zu schreiben, hat seine Wurzeln hier und nirgendwo anders.



In seiner bis Ende der 1960er-Jahre mehrfach überarbeiteten Magisterarbeit über den deutsch-jüdischen Dramatiker Carl Sternheim wiederum findet sich jenes provokative Modell, das direkt bis zu den Polemiken gegen Andersch, Becker et. al. reicht, nämlich starrsinnig gegen die vorherrschende Lehrmeinung anzukämpfen (und dies stets besonders vehement, wenn es sich um jüdischstämmige Autoren handelt): Sternheim war für Sebald nicht der progressive Kritiker der wilhelminischen Gesellschaft, als welcher er weiland galt, sondern ein gescheiterer Opportunist, der sich dem chauvinistisch-antisemitischen Zeitgeist anpasste. Döblin wiederum erschien ihm wegen seiner Bekehrung zum Christentum als Verräter am revolutionären Geist des Judentums und aufgrund der gewaltverherrlichenden Texte als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Jurek Becker nun attestiert Sebald ein aus der Verfolgung resultierendes „Erinnerungsembargo“, das die Person Becker zwar als traumatisiertes Opfer des Faschismus ausweist, den Autor Becker aber bei der literarischen (Erinnerungs-)Arbeit behindert. In seinem Getto-Roman Jakob der Lügner vermochte er, aus Sebalds Sichtweise, folglich nur Holocaust-Kitsch zu produzieren. Andersch schließlich taugt nicht zur Identifikationsfigur, da er sich aufgrund seiner moralischen wie politischen Vergehen im Dritten Reich als kompromittierter Heuchler und eitler Karrierist entpuppte. Ähnlich verhält es sich für Sebald last not least bei solch führenden Autoren im Umfeld der Gruppe 47 wie Günter Grass, Günter Eich oder Hans Werner Richter, die aufgrund ähnlicher Kompromittiertheit am aufklärerischen Anspruch versagen, den Sebald an die Nachkriegsliteratur herantrug, nämlich den Nachgeborenen und Unbeteiligten ein wahrhaftiges Bild des im Nationalsozialismus Geschehenen zu liefern.

Literaturwissenschaft hat Sebald angesichts solch dezidiert einseitiger Positionen nie betrieben. Nicht nur in den beiden Qualifikationsarbeiten haut er mit dem Hammer der Polemik stets feste druff, er unterschlägt oder verdreht Zitate und erfindet - wo nötig - auch mal eine Fußnote etc. Grundsätzlich kennt er nur zwei Zugänge zur Literatur: entweder radikal antagonistisch oder extrem empathisch, affektgeladene Ablehnung oder totale Identifikation. Insofern fährt er - Walter Benjamins Der destruktive Charakter lässt hier grüßen - wie ein Bulldozer durch die Literaturgeschichte, um die falschen Idole der Germanistik aus dem Weg zu räumen und Platz für Neues zu schaffen, das aus dem Kanon verbannt ist: die lyrischen Notate des schizophrenen Anstaltspatienten Ernst Herbeck etwa (dem er dann ein literarisches Denkmal setzte in Schwindel. Gefühle.) oder der écriture brut des Autodidakten und Multitalents Herbert Achternbusch.



Gegen seine Disziplin hegte Sebald fast nur Vorurteile und teilte lebenslang pauschale Verdammungen aus. Das beginnt schon als Doktorand, indem er ab den frühen 1970er-Jahren für das Journal of European Studies, die akademische Hauszeitschrift der University of East Anglia, mehrere Dutzend Besprechungen von germanistischen Fachpublikationen verfasste, die allesamt und ausnahmslos als Totalverrisse ausfielen. Die betroffenen Germanisten dienten offenkundig als Prügelknaben, an denen er seine ausgeprägte Abneigung gegen die Disziplin abreagierte, der er zugleich unbedingt angehören wollte. Offenkundig hatte Sebald sich Handkes Princetoner „Schriftstellerbeschimpfung“ der Gruppe 47 zum Vorbild genommen für seine Gcrmanistenschelte, ohne die kaum eine seiner literaturkritischen Schriften auskommt.
Sebalds freischärlerisches Gebaren löste - neben erbittertem Widerspruch und berechtigten Richtigstellungen - zugleich nicht selten bis zu Begeisterung reichende Zustimmung aus. In den 1990er-Jahren erreichten ihn wiederholt zustimmende Zuschriften von teils durchaus prominenten Fachvertretern, die sich allerdings öffentlich nicht in gleicher Weise äußerten. Es waren also keineswegs nur querulantische Privat- sondern vielmehr Minderheitenmeinungen, die Sebald aussprach, welche ansonsten im Feld der Literarurwissenschaft nicht unbedingt zu hören waren.
Sebalds Verfahren einer gegen den Strich der Germanistik gebürsteten Literaturkritik verfolgte insofern eine kritisch-kriegerische Dialektik, nämlich zu einem asymmetrischen Kampf herauszufordern, bei dessen erster Konfrontation der Angreifer zwar zunächst eine Niederlage in Kauf nehmen muss, der angerichtete Tumult aber für so viel Selbstwiderspruch sorgt als auch Selbstentblößung unter den Gralshütern hervorruft, dass letztendlich aufgrund der über Fachkreise hinausreichenden Publicity sich weitere Kombattanten hinzugesellen und die Attacke dergestalt eine Eigendynamik gewinnt, die auf lange Frist jenen falschen Konsens zerstört, den Sebald ausgezogen war zu bekämpfen.



Mustergültig beobachten lässt sich das Aufgehen dieser Partisanen-Strategie am Beispiel der Affäre Andersch. Nach anfänglicher Verurteilung Sebalds zum Buhmann setzte ein Umdenkprozess ein, in dessen Verlauf u.a. vorherige Anhänger Anderschs auf die Gegenseite überliefen, dessen Familie zu Behauptungen fragwürdigen Wahrheitsgehaltes griff, ein führender bundesrepublikanischer Intellektueller sich zu Schutzbehauptungen verstieg, die seit Jahrzehnten nachweisbar falsch waren, vor allem aber durch Recherchen unabhängiger Dritter immer mehr biografisches Beweismaterial ans Licht kam, das die Sebaldsche Pauschalerledigung der linksliberalen Ikone zugleich konturierte und differenzierte, insgesamt aber nachträglich konfirmierte. (Eine ähnliche Einflussgeschichte ließe sich natürlich auch für die von ihm entfesselte Debatte um Luftkrieg und Literatur skizzieren.)
Selbstredend sind es seine querköpfigen Interventionen in das unkritische Affirmationsgeschäft der Germanistik, welche im deutschsprachigen Raum jenen ungebremsten Aufstieg zum Weltruhm behindern, den Sebald in der anglophonen Welt (und weit über sie hinaus) längst schon absolviert hat. Nicht zuletzt jedoch dank der enthusiastischen Aufnahme Sebalds unter dem gegenwärtigen germanistischen Nachwuchs werden die bestehenden Widerstände, etwa von Seiten einflussreicher Bestsellerautoren oder mächtiger Feuilletonisten, seine Aszendenz zum Literaturstar auch im deutschsprachigen Raum auf Dauer nicht aufhalten können.
Unbestreitbar jedoch existiert eine fast irreduzible Inkohärenz zwischen den gegensätzlichen Seiten Sebalds, die sich spiegelt in der teils verklärenden, teils ächtenden Rezeption sowie im Nebeneinander von Repräsentanz und Außenseitertum. Sebald lässt sich einfach nicht in ein Schema F einpassen. Einerseits das feinfühlige Eingedenken, andererseits das wütende Polemisieren. Oder die geradezu messianische Stilisierung zum unverhofften Wiederhersteller der deutsch-jüdischen Kultursymbiose durch Bücher wie Die Ausgewanderten und Austerlitz, während zugleich einem rassisch Verfolgten des Faschismus die Fähigkeit abgesprochen wird, über den Holocaust auf angemessene Weise zu schreiben. Und mehr noch, in potenziell revisionistischer Manier, wird von Sebald das Augenmerk gerichtet auf die durch alliierte Bombardierung erzeugten Feuerstürme in den deutschen Städten, in denen die Zivilbevölkerung erst massenhaft aufgrund von Sauerstoffmangel erstickte und die Körper dann durch die ungeheure Hitze verkohlt bzw. eingeäschert wurden. (Dass es sich um ein - zumal ebenfalls industriell erzeugtes - Parallelphänomen zu den Vorgängen in den Konzentrationslagern handelt, braucht dabei ja nicht erst explizit ausgesprochen zu werden.)



Angesichts der gespannten Haltung von Sebald zur verabscheuten deutschen Nachkriegsliteratur ist es kaum erstaunlich, dass ein Großteil seiner literaturkritischen Arbeit solchen Autoren gewidmet war, die man zur österreichischen bzw. alemannischen Literatur rechnen kann. Dabei galt sein Augenmerk insbesondere Generationsgenossen, die wie er aus der Provinz stammten und einen sozial unterprivilegierten Hintergrund hatten, kurz gesagt also den Autoren der Grazer Gruppe und der Anti-Heimatliteratur. Versammelt wurden die Resultate dieser Auseinandersetzung mit Schriftstellern aus der österreichischen Peripherie in zwei Essaybänden, die 1985 bzw. 1991 erschienen. Neben Aufsätzen, die für die meisten Sebald-Leser durchaus verzichtbar sind, finden sich dort einige Essays, in denen Sebald die Grenze zwischen essayistischer und poetischer Schreibweise überschreitet. So etwa in dem wunderbaren Text über Gerhard Roths Romanwerk Landläufiger Tod, den gewagten Hypothesen zu Stifters Sexualität oder den bestechenden Überlegungen zum Messianismus in Peter Handkes Wiederholung.
Was sich hier vorbereitet, findet dann seine endgültige Vollendung im 1998 erschienenen Essayband Logis in einem Landhaus, wo Sebald so wie niemand sonst über Schriftsteller schreibt, nämlich als empfindsamer Kollege, der Geistesverwandten wie Christian Friedrich Hebbel, Gottfried Keller und Robert Walser über Raum und Zeit hinweg die Hand brüderlich auf die Schulter legt, in Logis in einem Landhaus findet die poetische Literaturkritik Sebalds in einer Weise zu sich, die den Band - entgegen der vorherrschenden Kategorisierung - zu einem Teil des literarischen Werks macht. Was vorgeprägt war in den biografischen Vignetten, die in Ringe des Saturn eingestreut zu finden sind, tritt in den Schriftstellerporträts des Essaybandes in sein Recht: Eine Form poetischer Literaturkritik, die in Literatur umkippt. Und als sanfter Erforscher unglückseliger Lebensläufe gibt Sebald eine ungleich bessere Figur ab als in der Rolle des wütenden Anklägers und Richters. Liebesdienst, Ehrerweisung, Selbsterkundung und Plädoyer im Sinne einer „rettenden Kritik“ (Benjamin) sind die Texte des Essaybandes, in dem er seinen poetischen Tribut zollt „an die vorangegangenen Kollegen in Form einiger ausgedehnter und sonst keinen besonderen Anspruch erhebenden Marginalien.“

Quelle: Volltext 4/2014 Wien 2014



Daß Sealsfield die Sklavenhaltung im Prinzip für eine gute Sache hielt,
ist unumstritten.
Er wußte zur Unerstützung dieser Ansicht,
mit der er in der Schweiz oft helles Entsetzen hervorrief,
eine ganze Reihe guter humanitärer und wirtschaftlicher Gründe anzuführen,
wie etwa den,
daß die Neger,
aufgrund ihres hohen Marktpreises,
sich im allgemeinen größerer Rücksichtnahme durch ihre Brotherren
erfreuten als weiße Tagelöhner



Des Meisters widerborstige Seiten
oder
Sebalds Neger


Gegen den Berufsstand, dem er selbst angehörte, verfügte W.G. Sebald über ein höchst gesundes Maß an Misstrauen. Die Germanistik als Zunft - wenngleich nie die Philologie als Disziplin an sich - schmähte und attackierte er bei zahlreichen Gelegenheiten. Und dies von Anfang an. Bereits in seiner 1969 veröffentlichten Magisterarbeit über den Wilhelminischen Dramatiker Carl Sternheim*, den er einer Radikalkritik unterzog, monierte er: Andauernd werde die Bedeutung Sternheims bekräftigt, ohne daß man sich je kritisch mit ihm auseinandersetzte. Das scheint mir symptomatisch für die deutsche Literaturkritik, die stets bereit ist, einen vom Hitlerregime diskreditierten Autor zu rehabilitieren, wahrscheinlich, weil sie von dem untergründigen Gefühl verfolgt wird, daß ihre eigene Rehabilitation noch nicht zur Genüge vollzogen sei.

Damit legte Sebald den Finger auf einen wunden Punkt: Die braune Erblast der Talarträger der Nachkriegszeit zwang sie zu einem unkritischen Blick auf alle Autoren, die Repressalien der Nazis ausgesetzt waren. Dass eine oder zwei Professorengenerationen später eine weitgehend linksliberal erneuerte Germanistenschaft sich dann ebenso unkritisch gegenüber (vermeintlichen) Opfern der Nazizeit verhielt, hat Sebald 1993 zum Kernpunkt seiner Polemik gegen Alfred Andersch* gemacht, der ihm als ein exemplarischer Fall erschien: 1943, auf dem Höhepunkt des Holocausts, hatte er seine jüdische Frau samt Tochter verlassen, um eine Schriftstellerkarriere im Nazi-Staat machen zu können. Doch das schien niemand zu interessieren oder zu stören.

Über dreißig Jahre hinweg, in denen Sebald ein hauptberuflicher Literaturwissenschaftler war, hat er sich sein Misstrauen gegen die Verhältnisse in der akademischen Germanistik wie im feuilletonistischen Literaturbetrieb erhalten. Wie berechtigt diese Vorbehalte waren, zeigte sich, als Sebald im Jahre 1990 am Bachmann-Wettbewerb teilnahm. Vorgetragen hatte er die semi-authentische Paul Bereyter-Geschichte aus Die Ausgewanderten. Mit leeren Händen kehrte Sebald nach Norwich zurück. Wie Daniel Kehlmann* in einer kleinen Polemik zu Recht hervorhob, war das eine veritable Blamage für den Literaturbetrieb, denn die hochkarätige Jury ehrte Birgit Vanderbeke mit dem Hauptpreis und sprach die restlichen fünf Auszeichnungen solchen heute schon mehr oder weniger vergessenen Autoren wie Franz Hodjak, Ludwig Roman Fleischer, Cornelia Manikowsky oder Pieke Biermann zu.


Peter von Matt und Hellmeuth Karasek

Signifikant ist die causa aber vor allem deshalb, weil sich anhand der Zusammensetzung der damaligen Jury exemplarisch die personellen Verflechtungen des deutschsprachigen Literaturbetriebs nachzeichnen lassen. Mit zwei der Jurymitglieder, Hellmuth Karasek und Peter von Matt, war Sebald bereits bekannt, denn er hatte, im Kontext des von ihm entfachten Skandals um Sternheim, mit den beiden Kritikern im Februar 1971 an einer Diskussion im Schweizer Rundfunk teilgenommen, wo er seine kritischen Vorbehalte an Sternheim verteidigte.

'Nachwuchsschriftsteller' aus England

Neunzehn Jahre, nachdem sich die drei Germanisten erstmals in einem Zürcher Rundfunkstudio begegnet sind, sitzen dann der etablierte Kritiker aus Hamburg und der Züricher Professor zu Gericht über den 'Nachwuchsschriftsteller' aus England. Ihr Urteil fällt deutlich aus: Während von Matt den Text von Sebald konsequent befürwortet, votiert Karasek konsistent gegen ihn.
Wenige Monate später sitzt Karasek dann in der Unterhaltungssendung "Das literarische Quartett"*und sagt über Die Ausgewanderten: "Ich habe ganz, ganz selten bei der Lektüre wirklich so innegehalten wie bei diesem Buch und gedacht, ich bin sehr dankbar, dass ich das lesen musste. Ich habe ein Stück bedeutende Literatur entdeckt."

Wen könnte es angesichts solcher Perfidien, Kurswechsel und literaturkritischer Offenbarungseide erstaunen, dass Sebald darauf Wert legte, seine skeptische Distanz zum deutschen Literaturbetrieb zu erhalten. Es ist daher von umso größerer Ironie, dass ausgerechnet ein solch dezidierter Kritiker der deutschen Literaturkritik zu ihrem Liebling avancieren sollte. An Vergleichen mit literarischen Größen mangelte es nie in den Rezensionen und Essays, insbesondere wenn sie aus dem angloamerikanischen Raum kamen. Es finden sich da inter alia Referenzen auf Nabokov, Naipaul, Eco, Borges, Calvino, Bernhard, Kafka, Poe, Proust und andere mehr.

Unisono also eine Aufnahme in die exklusive Riege der größten Autoren der Gegenwart. An den Universitäten hat es etwas gedauert, bis man ihn kanonisierte, aber seit einigen Jahren ist Sebald aus den Seminaren in Deutschland, England und den Vereinigten Staaten nicht mehr wegzudenken. Allerdings lief Sebalds Siegeszug in der Literaturwissenschaft vor allem über die Wahrnehmung als 'Holocaust-Autor' ab; ein Label, gegen das er sich immer verwehrt hat. Der einflussreiche US-Kritiker Richard Eder etwa hatte Sebald in seiner einen Monat vor dessen Tod in der New York Times Book Review erschienenen Austerlitz-Rezension gar an der Seite von Primo Levi zum "prime speaker of the holocaust" erhoben.

Im anglophonen Raum gilt er insofern als Verkörperung der Wunschfigur des 'guten Deutschen' und die Briten hielten sich natürlich zugute, dass sein Talent auf ihrer Insel herangereift war, wenngleich sie nie verstanden, warum er sich - anders als Conrad oder Nabokov - so beharrlich weigerte, seine Bücher in ihrer Sprache zu schreiben. In Deutschland wiederum sahen nicht wenige in ihm eine Art Messias aus dem Allgäu, der durch seine Bücher, insbesondere Austerlitz, die deutschjüdische kulturelle Symbiose wiederherstellte in Form einer Art literarischer Restitution der von den Nazis begangenen Verbrechen.

Aber damit dergleichen Stilisierung funktioniert, muss natürlich alles exorziert werden, was nicht ins hehre Bild des Gutmenschen und Holocaust-Autoren passt - Aussetzer, Aberrationen, Fehlleistungen, die das Porträt des Literaturhelden Sebald nur unnötig stören. Und das gilt im Großen wie im Kleinen. Also nicht nur die Interventionen wie die Andersch-Polemik oder die kontroversen Thesen zu Luftkrieg und Literatur, sondern auch Textstellen oder Motive, in denen sich der störrische Eigensinn Sebalds dokumentiert.

Schwarzer Holocaust-Kitsch

Dergleichen nämlich gibt es viele, und einige von ihnen sind zwangsläufig zum Gegenstand der Diskussion von Literaturwissenschaftlern wie Kritikern geworden. Ein paar Beispiele dafür: die Analogisierung von Heringsfang und Holocaust unter dem Vorzeichen gnadenloser Ausrottung, die geschmacklose Verknüpfung der brutalen belgischen Kolonialpolitik im 19. Jahrhundert mit einer überdurchschnittlichen Frequenz körperlicher Behinderungen unter Belgiern in der Gegenwart oder die als schwarzer Holocaust-Kitsch geschmähte Verbindung der Ramschgegenstände in einem Theresienstädter Trödelladen mit dem Schicksal der Insassen des Konzentrationslagers.



Es ist von bitterer Ironie, dass mit Sebalds Texten genau das passierte, was er immer an der Germanistik beanstandet hat, nämlich die Ausblendung unliebsamer Aspekte, weil es mehr darum geht ein (vor-)bestimmtes Bild zu befestigen als einen Text wirklich kritisch zu lesen. Immer wieder taucht in Sebalds Werk Inkommensurables auf, das gelegentlich auch für Verwunderung oder Irritation sorgt. Exemplarisch dafür ist ein Punkt, der bisher bewusst umgangen wurde. Vielleicht, weil sich darin die Problematik der Verklärung Sebalds zum Philosemiten in quasi inverser Form zeigt. Was ich meine, sind Sebalds 'Neger'. Menschen schwarzafrikanischer Herkunft mit diesem verpönten Begriff zu bezeichnen, gehört seit den siebziger Jahren zweifellos zu den zentralen Geboten politischer Korrektheit*. Sebald aber verwendet ihn durchgängig in seinem literarischen Werk. Und dies mit einer Unbeirrbarkeit, die von fast schon provozierender Insistenz ist.

In Schwindel. Gefühle. beschreibt der Erzähler gegen Ende, wie er nach dem Besuch der National Gallery gen Liverpool Street Station geht, als er an den Eingang jener geisterhaften, immer menschenleeren U-Bahn-Station gelangt, die offenkundig eines der vielen Portale in die Unterwelt darstellt, die es in Sebalds Werk gibt. Unsicher, ob er die Station betreten soll, blickt der Erzähler in die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war. Nicht nur der anstößige Begriff fällt hier, auffällig ist auch die über die Todesfarbe schwarz vermittelte Assoziation der Afro-Londonerin als Wächterin des Eingangs zum Totenreich.



Dieselbe Assoziation taucht nochmals in anderer Konstellation im nachgelassenen Campo Santo-Material auf. Am Ende einer bewegenden Passage erinnert sich Sebald an den Tod seines Großvaters und setzt seine Trauerlast in Relation zu der Begegnung mit den irgendwie undeutlichen und unpassenden Wesen, die nichts anderes sind als die Gespenster der Toten, und die etwas eigenartig Abwartendes und Lauerndes an sich haben und auf ihren Gesichtern den Ausdruck tragen eines uns gramen Geschlechts. Es ist noch nicht lange her, da stand vor mir in der Kassenschlange eines Supermarkts ein sehr dunkelhäutiger, tatsächlich fast kohlrabenschwarzer Mensch. Wahrscheinlich gestern erst zum Studium nach Norwich gekommen aus Zaire oder Uganda, dachte ich mir und vergaß ihn bis, gegen Abend desselben Tags, die drei Töchter eines unserer Freunde an der Haustür klopften und die Nachricht brachten, daß ihr Vater vor Morgen an einem schweren Herzschlag gestorben sei.

Sebalds Allegorisierung des afrikanischen Studenten zum Todesboten, so konstatiert die Literaturwissenschaftlerin Anne Fuchs, kippt "unfreiwillig ins Rassencliché vom 'schwarzen Mann'". Wie ein solches Klischee zu bewerten ist oder in den Zusammenhang passt, wird nicht weiter kommentiert, sondern - so insinuiert auch die Relegierung der Beobachtung in eine Fußnote - eher als Aussetzer bewertet. Sebald geht aber nicht nur am Beginn und Ende seines Werks bemerkenswert unbekümmert mit dem Thema um. In der Ambros Adelwarth-Geschichte aus Die Ausgewanderten kommt der 'Neger'-Begriff an gleich zwei Stellen vor: Zunächst im Zusammenhang mit den Kindheitserinnerungen des Erzählers an die US-Besatzer im Allgäu, deren lockere Lebenseinstellung den spießigen Normen der Deutschen völlig konträr lief:
Die Weiber gingen in Hosen herum und warfen ihre lippenstiftverschmierten Zigarettenkippen einfach auf die Straße, die Männer hatten die Füße auf dem Tisch, die Kinder ließen die Fahrräder in der Nacht im Garten liegen, und was man von den Negern halten sollte, das wußte sowieso kein Mensch.

Natürlich spricht eminente Sympathie aus dieser Beschreibung, und der Schlussbogen über die afroamerikanischen GIs ahmt mit offensichtlich ironischem Gestus die Bemerkungen nach, die seinerzeit unter den Sonthofenern umgingen. Auch ein anderer Punkt ist hier zu bedenken: Dass ein wesentliches Element von Sebalds Poetik die Bewahrung eines überholten Sprachbestands darstellt - was er in Interviews sowohl mit seiner Emigration ins fremdsprachige Ausland und seiner Aversion gegen das moderne Deutsch begründete -, ist oftmals positiv hervorgehoben worden. In diesem Fall wird der Leser geradezu darauf gestoßen, dass der Begriff nicht abwertend gemeint ist, sondern eine positive Umpolung erfährt.
Noch eindeutiger ist die Sympathie für die von 'Weißen' in chauvinistischer Weise abgewerteten 'Schwarzen' zu Beginn von Austerlitz. Dort beschreibt der Erzähler das während der Kolonialzeit errichtete Bahnhofsgebäude von Antwerpen. Auf einem der Erkertürme thront als verharmlosendes Sinnbild imperialistischer Ausbeutung ein mit Grünspan überzogener Negerknabe, der mit seinem Dromedar als ein Denkmal der afrikanischen Tier- und Eingeborenenwelt hoch droben seit einem Jahrhundert allein gegen den flandrischen Himmel steht. Es ist dies eine Einsamkeit, in der sich selbstredend auch die soziale Isolation migrantischer Gruppen in den europäischen Gesellschaften spiegelt.

Doch zurück zur Adelwarth-Geschichte. Rund 50 Seiten später befinden wir uns im Jahr 1984; ein Zeitpunkt, an dem das N-Wort längst ein verpönter Begriff ist: Der Erzähler fliegt nach Amerika, um nach Ithaca, New York State, zu gelangen, wo das Sanatorium steht, in dem Cosmo und Ambros Adelwarth ihr trauriges Ende fanden. In einem Straßenkreuzer fährt er auf dem Highway, die angesichts der menschenleeren Gegend bizarre Geschwindigkeitsbegrenzung streng einhaltend, dabei nahezu im Gleichschritt mit einem Auto auf der Nachbarspur: Ich befand mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herz geschlossen hatten.

Erneut eine dezidiert sympathische Schilderung, in der das tabuisierte Wort aber umso mehr irritiert. Warum also verwendet es Sebald? Eines zumindest ist sicher: Ein Rassist war er auf keinen Fall. Auch leichtherzige Naivität in xenophobischen Angelegenheiten wird man ihm kaum bescheinigen. Doch gerade dies rückt die Frage, warum er in seinen literarischen Texten so insistent von 'Negern' spricht und nur ein einziges Mal auf das kommensurablere 'Afrikaner' ausweicht. (Übrigens benutzt er im literarischen Werk auch durchgehend den Begriff 'Zigeuner' anstelle von 'Sinti und Roma'.)

Aversion gegen Diskurszwänge

Eine definitive Erklärung habe ich nicht anzubieten. Dafür aber ein paar Konjekturen: Vielleicht hatte es mit seiner Aversion gegen die gerade an britischen Universitäten aufgenötigten Diskurszwänge politischer Korrektheit zu tun, die etwa vorschreiben wollen, im Seminar nicht den Begriff 'brainstorming' zu benutzen, weil dieser an Epilepsie leidende 'StudentInnen' diskriminieren könnte, weshalb die Metapher 'thought shower' vorzuziehen sei. Von 'Afroeuropäern' zu sprechen, wie man dies vereinzelt in literarischen Texten insbesondere österreichischer Autoren findet, war jedenfalls keine Sache Sebalds.
Erklärtermaßen ging es Sebald darum, seinen Lesern bewusst Stolpersteine in den Lesefluss zu legen, etwa durch ellenlange Listen, einmontierte Fotos oder aus der Mode gekommene Wörter, um sie für den literarischen Charakter seiner Texte zu sensibilisieren. Ein solcher Effekt lässt sich aber auch durch die Verwendung verpönter Bezeichnungen erreichen. Indem man über die 'Neger' stolpert, wird einem im Übrigen auch in Erinnerung gerufen, dass durch political correctness das Problem sozialer Integration und das Fehlen einer Chancengleichheit für Minderheiten ja nur sprachlich entsorgt, aber nicht politisch gelöst wird.
Auf den kulturhistorischen Umstand, dass die Entstehung der das N-Wort enthaltenden Texte Sebalds koinzidiert mit der in der afroamerikanischen Populärkultur als subversive Strategie benutzten Selbstbezeichnung nigger durch Musikgruppen wie Public Enemy und insbesondere den Gangsta-Rappern N.W.A. (Niggaz With Attitude) sei hier nur in Parenthese verwiesen, da er diese Entwicklung kaum wahrgenommen haben dürfte. Zumindest unterstreicht dies, dass sich in den achtziger Jahren unter den 'Schwarzen' ein Bewusstsein für die Übertünchung sozialer Exklusionen durch politisch korrekte Sprachformen herausgebildet hatte.

In ähnlicher Weise mag man auch die auffällige Verbindung schwarzhäutiger Personen mit dem Tod bei Sebald verstehen: Es erinnert uns daran, dass trotz aller tolerant-antirassistischen Einstellungen ein wohl anthropologisch verankerter Rest bleibt, der in Menschen mit schwarzer Hautfarbe das 'Andere' unserer 'weißen' Gemeinschaften erkennt, sodass in der Begegnung mit ihnen ein kurzer, von unserer Ratio sogleich unterdrückter 'Schrecken' entstehen mag, der vielleicht umkodiert als Erinnerung an den Tod an die Oberfläche tritt.
Die Schriften des heute nahezu vergessenen Paläoanthropologen Rudolf Bilz, in denen es häufig um evolutionspsychologische Fragen der Herkunft und des Umgangs mit Angstregungen geht, die aus dem Kontakt mit Normabweichlern entstehen, hat Sebald in seinen literaturkritischen Schriften wiederholt zitiert. Das kulturanthropologische Phänomen einer diskriminierenden Markierung von Minderheiten und Außenseitern beschäftigte ihn nachdrücklich: Eines der Bücher, die er mir ausdrücklich zur Lektüre empfahl, war Christian Enzensbergers Größerer Versuch über den Schmutz. Darin geht es an zentraler Stelle um die Konstruktion schwarzer Hautfarbe als Insignium eines sozialen Makels, den der Betroffene schlichtweg nicht abzuwaschen vermag.

Sebalds 'Neger' gehören im Übrigen in eine ganze Reihe politischer Inkorrektheiten, die sich Sebald in Texten wie Interviews geleistet hat - etwa wenn er in Austerlitz den unter Hitler erfolgten faschistischen 'Aufbruch' der Deutschen dem biblischen Auszug der Juden unter Moses analogisierte oder in seinem letzten Interview die These vertrat, er sehe den Holocaust "durchaus nicht als ein Unikum an" - offensichtlich, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Welt und der Umgang der Menschen untereinander doch komkomplexer ist, als sich jene ausmalen, die immer genau wissen, was richtig oder was falsch ist. Und daher wollen, dass wir nach ihrer Pfeife tanzen.

Peter von Matt gab dem Filmemacher Thomas Honickel nach dem Tod des Schriftstellers auf die Interview-Frage "Was hätten Sie von Sebald noch erwartet?" zur Antwort: "Das kann ich nicht sagen, aber er war einer, dem man eigentlich alles zutraute, weil man wusste ja nie genau, was kommen würde."
Solche Unberechenbarkeit ist ein Teil des Sebald’schen Eigensinns, der der deutschen Literatur neue Perspektiven eröffnete und ein Werk schuf, dessen aufklärerischer Impuls nur dann ganz erfasst wird, wenn man die Texte ernst nimmt mit allen herausfordernden Widersprüchen und inkommensurablen Kanten.

Quelle:         







Dr. Uwe Schütte
Seit 1999 Reader in German an der Aston-University Birmingham, gilt sein Forschungsinteresse hauptsächlich österreichischer und deutscher Gegenwartsliteratur mit besonderem Forschungsschwerpunkt in den Bereichen Kulturanthropologie, extremistischer Ästhetik und Populärkultur. Verfasser von mehr als 10 Monografien und vieler wisschenschaftlicher Studien. Er arbeitet an einem Essayband über extremistische Schreibweisen in der österr. Literatur des 20. Jhts. und einer Kulturgeschichte der Band "Kraftwerk", zu der Schütte im Januar 2015 eine internationale Konferenz organisierte.
Daneben veröffentlicht er eine Vielzahl von Essays und Buchkritiken in deutschen Zeitungen und Zeitschriften.
1997 hat er bei W. G. Sebald promoviert.



Daniel Kehlmann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Okt. 2005:



Der Betriebsschaden
Kafka hat nicht in Klagenfurt gelesen, Thomas Mann hat es nicht getan, auch Joseph Roth nicht. Der Ernstfall, einen Autor von weltliterarischem Rang ganz ohne Stützung durch eine schon etablierte Wertordnung beurteilen und sich selbst danach an diesem Urteil messen lassen zu müssen, blieb der Jury Jahr für Jahr erspart. Außer eben im Jahr 1990: Mann, Kafka und Roth waren nicht in Klagenfurt, Sebald aber schon. Eine Herausforderung, vor der der Literaturbetrieb auf ganzer Linie versagte.
Im Jahr 1990 nämlich nahm der größte deutsche Schriftsteller dieser Jahre, W. G. Sebald, allerdings noch unbekannt, am Bewerb teil. Er bekam keinen Preis.
Ludwig Roman Fleischer aus Wien, Preisträger, las einen Text mit dem Titel "Rakontimer". Pieke Biermann, Preisträgerin, las den Text "Das Gesetz des Auges". Der Text der Preisträgerin Ingeborg Harms, betitelt "Auf den breiten Nacken einer Sumpfschildkröte". Gegen sie alle und einige andere unterlag Sebald, wie übrigens auch der junge Reinhard Jirgl, in einer Stichwahl nach der anderen.
Nun, und warum nicht? Was beweist schon späterer Ruhm? Vielleicht las Sebald einen mißratenen Text, und die Niederlage geschah ihm ganz recht! Allerdings nicht. Sebald las die Geschichte des Lehrers Paul Bereyter, also die zweite Erzählung des Buches "Die Ausgewanderten", das ihm wenig später Weltruhm und die Bewunderung von Lesern wie J. M. Coetzee, Joseph Brodsky, Charles Simic und Gabriel García Márquez eintragen sollte. "Is literary greatness still possible?" fragte Susan Sontag in einem viel zitierten Artikel. "One of the few answers available to English-speaking readers is the work of W. G. Sebald."
Ja, merkte denn wirklich niemand, daß Deutschlands größter Schriftsteller hier einen seiner besten Texte vortrug? Man kann nicht rekonstruieren, ob Sebald auch Fürsprecher hatte; die Diskussion der Jury (Hellmuth Karasek, Nils Jensen, Andreas Isenschmid, Volker Hage, Heinz Schwarzinger, Marlis Gerhardt, Peter von Matt, Helga Schubert, Peter Demetz, Werner Liersch und Carl Corino) über Sebald ist nicht aufbewahrt.
Und so reiste der Autor des subtilsten und sprachmächtigsten Buchs über die Schrecken deutscher Vergangenheit und die Unmöglichkeit, als Vertriebener wieder zurückzufinden, preislos und geschlagen heim nach Norwich. Wer hätte geahnt, daß wenig später die große Welt in Gestalt der "New York Times" und mehrerer Nobelpreisträger eingreifen und alles durcheinanderbringen würde?
Und die deutschen Medien? "Die Urteile waren fair", schrieb Sabine Neubert in der "Zeit". Ein gewisser Heimo Schwilk rügte im "Rheinischen Merkur" besonders den Professor aus England: "Ganz im Gegensatz zu dem zehn Jahre jüngeren Österreicher Ludwig Roman Fleischer fand der in Großbritannien lebende poeta doctus nicht zu einem angemessenen Ton, um den stillen Schrecken eines nationalsozialistischen Berufsverbots heraufzubeschwören."



Wikipedia zu "Neger"
Der Ausdruck Neger (von französisch nègre, spanisch negro, lateinisch niger „schwarz“) ist eine im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache eingeführte Bezeichnung für Menschen dunkler Hautfarbe. Der aktuelle Duden weist darauf hin, dass die Bezeichnung im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend gelte und deshalb meist vermieden werde; er verweist auf Farbige oder Schwarze als Alternativen. Für in Deutschland lebende Menschen dunkler Hautfarbe wurde die Bezeichnung Afrodeutsche vorgeschlagen, die 2006 auch in den Duden aufgenommen wurde.
Das Wort Neger fand zunächst nur begrenzt Verwendung; mit dem Aufkommen der eng mit der Geschichte von Kolonialismus, Sklaverei und Rassentrennung verbundenen Rassentheorien und der (seit langem überholten) Vorstellung einer „negriden Rasse“ bürgerte es sich ab dem 18. Jahrhundert in der Umgangs-, Literatur- und der Wissenschaftssprache ein. Neger gilt heute allgemein als Schimpfwort, als abwertende Bezeichnung für ethnische Gruppen (Ethnophaulismus); einige Kritiker halten das Vermeiden des Wortes für übertriebene politische Korrektheit oder Moralismus.


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