Annäherung an ein literarisches Werk in sich
immer schon die Gefahr birgt, daß der Versuch unternommen wird,
das jeweilige Objekt in eine direkt-kausale Abhängigkeit zu
seinen soziologischen oder psychologischen Gegebenheiten zu stellen,
wodurch Analyse, Beschreibung und Bewertung einen tendenziösen,
der Literaturkritik nicht mehr adäquaten Charakter annehmen.



Carl Sternheim



Opfer der Wilhelminischen Ära
Sebalds erster Skandal

Für Uwe Schütte ist die Lizenziatsarbeit vom Juli 1966 Zu Carl Sternheim: Kritischer Versuch einer Orientierung über einen umstrittenen Autor Sebalds Gesellenstück.
Ist die in Manchester zweijährig überarbeitete Magisterarbeit und das in S. Gallen vollendete und 1969 bei Kohlhammer erschienene Buch Carl Sternheim. Kritiker oder Opfer der Wilhelminischen Ära dann das Meisterwerk? Uwe Schütte zeigt uns in seinen "Interventionen" an zwei zentralen Komplexionen, nämlich der
- Pathografie als Interpretationsbasis und der
- Kritik an der etablierten Germanistik
auf, dass es sich in der Tat um ein solches handelt.



Sebalds Methode ist nicht textimmanente Interpretation, sondern er zieht soziologische, psychologische und biografische Kritierien zur Zerlegung des Autors heran, weil das Werk Sternheims ohne Berücksichtigung der hinter ihm stehenden Zeitrealität und der persönlichen psycho-soziologischen Problematik des Autors einfach nicht verstanden werden kann. Es ist eben das Schicksal der minderen Autoren, daß sie sich ganz erst aus ihrer Biographie heraus erklären lassen.

Pathografie
Da Sternheim Jude ist, unterstellt Sebald ihm Assimilationszwang und die von ihm hervorgerufenen, sich ständig perpetuierenden Angst- und Unsicherheitsgefühle, schizoide Züge, infantile Schemata, eine ausgeprägte orale Fixierung, pathologische Ich-Bezogenheit, Anklänge von Paranoia, sexuelle Aberrationen wie den Voyeurismus, der sich in seinen Werken derart häufig und aufdringlich bemerkbar macht, daß es schlechthin unverständlich bleibt, wie diese Qualität von der Kritik bisher übersehen werden konnte.



Wenn man mit solchen Darstellungen in einer Frequenz konfrontiert wird, wie bei Sternheim, dann entsteht der Verdacht, daß es sich hier weniger um ein Mittel der indirekten Charakteristik als um eine Form des Ausdrucks handelt, der für den seelischen Haushalt des Autors selbst vonnöten ist.
Die Vergewaltigung eines Mannes durch die Frau ist eine überaus typische Projektion für einen oral Fixierten.
Aus der Addition der Symptome - Angst und Unsicherheit auf Grund eines Gefühls der Ausgeschlossenheit, Versuch einer Selbstbestätigung durch primitive Überheblichkeit und Eigenlob, stereotype Anschuldigung anderer Individuen und Gruppen, kontinuierliches Umschlagen rationalistischer Denkmechanismen in rationalistische Ergebnisse - ergibt sich eindeutig das Syndrom einer Neurose mit bereits schizoidem Charakter, deren strukturelle Identität mit den Mustern der spätbürgerlichen Ideologie auffallen muß.
Schließt sich die aus dem Assimilationszwang resultierende, gesellschaftsbedingte Neurose jedoch an eine bereits ihrerseits pathologische orale Fixierung, so ist die Möglichkeit einer rationalen Sublimierung des emotionalen Konflikts kaum mehr gegeben, denn jede Komponente intensiviert nun die Bedürfnisse und Wirkungsweisen der anderen: verursacht die orale Fixierung immer schon eine Überidentifikation mit dem weiblichen Prinzip, dann wird diese Tendenz durch einen quasi verspäteten assimilationsbedingten Ödipus-Komplex - der jüdische Vater als das Hassenswerte gegenüber der deutschenMutter - noch verstärkt und perpetuiert. Daß darüber hinaus die spätbourgeoise Gesellschaft, an die Sternheim sich anzugleichen versucht, als Ganze an einer Art Meta-Ödipus-Komplex laboriert, indem sie die Repression der patriarchalischen Staatsform in der Fiktion einer irrational-mütterlichen Urvergangenheit und in der nicht weniger irrationalen Vorstellung einer panerotisierten Zukunft kompensiert, intensiviert die pathologischen Elemente in Sternheims Charakter in einem Maße, daß diese als die dominierende Agentur seiner Ich-Struktur bezeichnet werden müssen.
Nicht an einer Stelle seines Werkes findet sich ein Hinweis, daß Sternheim seine eigene Problematik realisiert hätte. Er war ihr ausgeliefert wie nur je ein tragischer Held, über dessen Schicksal das Unfaßbare waltet.




Sternheim macht sich, führt Uwe Schütte aus, in Sebalds Augen nicht nur literarischer Verbrechen schuldig, sondern auch eines moralischen Vergehens, nämlich des Versäumnisses einer künstlerischen Transzendierung seiner Zeit bzw. seiner Lebensumstände durch eine dialektische Auseinandersetzung mit ihnen. Dies misslang, weil der pathologische Zeitgeist mit solcher Ausschließlichkeit von seinem Dasein Besitz ergriffen hat, daß dessen ethisch-ästhetische Bewältigung seine persönliche Leistungskraft übersteigt.

Germanistik-Kritik
Für Sebald wurde die Germanistik in der spätbürgerlichen Zeit endgültig formiert und ist ein vom unseligen Zeitgeist deformiertes Produkt der Wilhelminischen Ara.
... kamen die Gelehrten zu einer beträchtlichen Hausmacht, die sich von der Gartenlaube bis in die Ordinariate erstreckte
Wenn das Werk Sternheims gemeinhin gekennzeichnet zu sein scheint durch seine Frontstellung gegen die bürgerliche Moral der Wilhelminischen Ara, so befinden sich hierzu in eklatantem W iderspruch die immer wieder - während des Autors gesamter Schaffensperiode - durchbrechenden Tendenzen zu einem neuromantischen, in sich hohlen Ästhetizismus, der nicht selten in eindeutigsten Kitsch umschlägt und sich in allen Genres von Sternheims Produktion bemerkbar macht.
Auf Grund der verschiedenen Unstimmigkeiten in den Dramen Sternheims ist es der Literaturkritik nie recht gelungen, eine Definition zu finden, die genau erfaßte, um was für ein Phänomen es sich hier handelt.
... Literaturkritik, der es darum geht, durch die Propagierung der Mär vom hohen Stellenwert Sternheims dem Autor eine Ehrenloge in der deutschen Literaturgeschichte einzurichten:
Ein Gerücht hat sich verfestigt, und ein Irrtum hat sich als neue Erkenntnis etabliert. Verantwortlich zu machen ist hierfür das Versagen einer Literaturkritik, die über keinerlei begriffliche Grundlagen außerhalb des herrschenden Systems verfügt, ja scheinbar noch nicht einmal über eine ihr selbst bewußte ästhetische Empfindlichkeit des kritisierenden Subjekts. Statt dessen hypostasiert diese Kritik, die nicht fähig ist, die einem Werk eingeschriebenen Widersprüchlichkeiten zu erklären, die Antinomien und nennt sie der Einfachheit halber einen gelungenen Ausdruck der Antinomien der Gesellschaft.




Der Fall Sternheim, resümert Schütte, wie ihn Sebald exponiert, ist insofern in mehrfacher Hinsicht ein zweiseitiger: der eines Schriftstellers, der in den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit so befangen ist, dass er doppelt scheitert, nämlich literarisch (indem er ein defizitäres Werk hinterlässt) und biografisch (indem er psychisch erkrankt).
Gescheitert aber ist ebenso die Germanistik als Fachwissenschaft: Die im Zuge der Renaissance Sternheims entstandenen Schriften sind die Fehlleistungen eines Kollektivs; diese weist hin auf die Bedingtheiten der deutschen Literaturwissenschaft und hält zu einer Überprüfung ihrer Prinzipen an.

Und im Nachwort schreibt Sebald:
Der schlechte ideologische Bodensatz der spätbürgerlichen deutschen Literatur bedürfte dringend einer Analyse, und das für Sternheim entworfene Modell wäre, mutatis mutandis, auf viele jener Elemente anzuwenden, die im Kontext einer ansonsten lauteren und stimmigen Literatur sich als erratische Stücke eines unreflektierten Bösen ausnehmen. All diese Bezüge auszuziehen, war in dieser Arbeit nicht möglich, dazu ist unser Papier zu klein. Wir bitten daher die Leser, sie, so wie sie hier sind, auf einen etwas großen Tisch zu applizieren und dann das eigene Hauslineal an dieselben anzulegen.



Ein Sturm der Entrüstung im Blätterwald, einschließlich Radio-Interviews, Pressekampagnen, Essays, Gegendarstellungen, usw. usw. brach los. Er hält bis heute an - etwa Jungschriftsteller Fridolin Schley hat sich geschickt ins Spiel gebracht mit einer Apologie Sternheims und Verurteilung Sebalds, die übrigens ganz im Stile von eben demselben gehalten ist!
Wer das alles hervorragend, detailreich und spannend aufbereitet studieren will, sei auf Uwe Schüttes "Interventionen" verwiesen! Erschütternd etwa, wie er die Wendehälse Emrich und Hans Schwerte (enttarnt als ehemaliger SS-Hauptsturmführer Hans Schneider) entlarvt ...

All das bestätigt, bei dem oft weit übers Ziel hinausschießenden Furor Sebalds dennoch seine Diagnose der Germanistik (und von Schriftstellern mit "Schandflecken" im Nachkreigsdeutschland) bis heute:

Andauernd wird die Bedeutung Sternheims bekräftigt, ohne daß man sich je kritisch mit ihm auseinandersetzte. Das scheint mir symptomatisch für die deutsche Literaturkritik, die stets bereit ist, einen vom Hitlerregime diskreditierten Autor zu rehabilitieren, wahrscheinlich, weil sie von dem untergründigen Gefühl verfolgt wird, daß ihre eigene Rehabilitation noch nicht zur Genüge vollzogen sei.

Und wenn wir wieder im Parkett sitzen und genießen, wie Schauspieler sich an Sternheims Texten abmühen, haben wir Sebalds Opfertheorie im Hinterkopf und beim Pausengespräch parat ...




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