Zeugnisse aus W.


Im November 1987, nachdem ich die ausgehenden Sommermonate mit meinen verschiedenen Arbeiten beschäftigt in Verona, die Oktoberwochen aber, weil ich den Winter nicht mehr erwarten konnte, in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel verbracht hatte, faßte ich eines Nachmittags, als der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvolle Weise aus einer grauen Schneewolke auftauchte, den Entschluß, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine gewisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war.




Sie war damals höchstens fünfundzwanzig, und alles an ihr dünkte mich von ausnehmender Schönheit. Sie war groß gewachsen, hatte ein weites, offenes Gesicht mit wassergrauen Augen und eine Menge flachsfarbenes Haar wie ein Haflingerpferdchen. In jeder Hinsicht unterschied sie sich von der Weiberschaft von W., die ausnahmslos fast aus kleinen, dunklen, dünnzopfigen und bösen Bäuerinnen und Mägden bestand.

Rosi Blenk, Bäuerin

Sie ging mit Sebald in die Volksschule, wusste nichts davon, dass er Schriftsteller wurde und fast den Nobelpreis bekommen hätte.
Rosi Blenks letzter Satz bezieht sich auf Sebalds Charakteristik der Allgäuerinnen ...









Wie meine Nachfragen ergeben hatten, lebte von den Seelos allein noch der Lukas in W. Das Seeloshaus war aufgegeben worden, und der Lukas bewohnte das kleinere Nachbarhaus, in dem früher die Babett, die Bina und die Mathild gewirtschaftet hatten. Etwa zehn Tage war ich bereits in W. gewesen, als ich mich endlich entschloß, hinüberzugehen und den Lukas aufzusuchen. Er hatte mich, wie er mir gleich sagte, mehrfach aus dem Engelwirt herauskommen sehen, aber nicht gewußt, wo er mich hintun sollte. Wenn er es sich jetzt recht überlege, sei es natürlich nicht das Kind gewesen, an das ich ihn erinnert habe, sondern der Großvater, der denselben Gang gehabt habe wie ich und beim Herauskommen aus einer Haustür gerade so wie ich zuerst stehengeblieben sei, um nach dem Wetter zu schauen. Ich glaubte zu spüren, daß mein Besuch den Lukas freute, denn er war, nachdem er bis in sein fünfzigstes Jahr in einer Bauspenglerei gearbeitet hatte, aufgrund einer ihn allmählich verkrüppelnden Arthritis vorzeitig in den sogenannten Ruhestand getreten und verbrachte nun die Tage daheim auf dem Sofa, während seine Frau weiterhin den Schreibwarenladen des alten Specht führte. Nie, so sagte er bald, hätte er es geglaubt, wie lang die Tage, die Zeit und das Leben einem werden könnten, wenn man auf das Abstellgleis geschoben sei. Zudem bedrückte es ihn, daß er, abgesehen von der in Norddeutschland mit einem Industriellen verheirateten Regina, der einzige übriggebliebene Ambroser war.
Ihm wäre es, sagte der Lukas, jetzt, da er den ganzen Tag auf diesem Sofa liege oder höchstens mit nutzlosen kleinen Arbeiten im Haus herum verbringe, geradezu unbegreiflich, daß er einmal ein guter Torwart gewesen sei und daß er, der immer öfter von schweren Depressionen geplagt werde, im Dorf seinerzeit den Hanswursten gemacht habe, ja daß er, wie ich mich vielleicht erinnerte, jahrelang bei der Fasnacht das Ehrenamt des Fasnachtskaspers innegehabt habe, weil nirgends ein Nachfolger aufzutreiben gewesen sei, der ihm hätte das Wasser reichen können. In der Rückschau auf diese glorreiche Zeit kam Bewegung in die gichtigen Hände des Lukas, wenn er vormachte, wie er die große Fasnachtsschere ausgefahren hatte, wozu, wie er sagte, eine Kraft und Balancekunst sondergleichen gehörten, oder wie er den Weibern mit der Pritsche von hinten her gerade dann unter den Rock gefahren war, wenn sie es sich am wenigsten versahen. Während sie nämlich bei versperrten Türen im oberen Stock sich sicher wähnten und bei den Fenstern hinaushingen, wenn der Fasnachtszug vorbeikam, sei er hinten über die Tenne oder über ein Spalier eingestiegen und habe ihnen die Schrecken eingejagt, auf die sie, obwohl sie es nie zugaben, aus waren.

... und beim Heimgehen blieben wir immer stehen vor der Auslage des Feinkostgeschäfts Turra oder vor derjenigen der Südfrüchtehalle Einsiedler, in der ein tiefgrünes, luftdurchsprudeltes Forellenaquarium der Hauptanziehungspunkt war. Einmal, wir waren lang schon vor der Einsiedlerschen Halle gestanden, aus deren schattigem Inneren an diesem Septembermittag eine wohltuende Kühle herausstrich, ist der alte Einsiedler auf der Schwelle erschienen und hat uns beiden je eine Kaiserbirne geschenkt, ein wahres Wunder nicht bloß in Anbetracht dieser prachtvollen Raritäten, sondern hauptsächlich in Anbetracht der weithin bekannten cholerischen Veranlagung des Einsiedler, der nichts so sehr haßte wie das Bedienen der ihm verbliebenen spärlichen Kundschaft.



Dr. Martha Egger-Feichtinger, Fachärztin für Allgemeinmedizin

Sebald-Kennerin und Fan. Sie versteht, warum er Mitte der 60er Jahre die Heimat verließ. Auch sie ist für eine Weile aus ihrem Dorf weggezogen, bis sie es vermisste: die Sprache, die Mentalität. Als sie W. G. Sebald persönlich erlebt, weiß sie: das ist einfach ein Allgäuer, auf und ab.
Seit 30 Jahren praktiziert die gebürtige Wertacherin am Ort.
Als dritte Bürgermeisterin hatte sie die spontane Idee zum "Sebald-Weg"











Eberhard Jehle, Bürgermeister

Er ist nicht aufgewachsen in Wertach, hat sich eingelesen und eine Sebald-Straße geschaffen - obwohl die Gebrüder Kramer, die den "Weißlacker" in Wertach erfunden haben, noch berühmter sind ...









Dr. Jürgen Kaeser, Biochemiker

Als Naturwissenschaftler fühlt sich Sebalds lebenslanger enger Freund seit Kindertagen (Klassenkameraden seit Sonthofen bis zum Abitur) mit seinem Plan des Klassenzimmers verewigt und „vom Windhauch der Weltliteratur lediglich gestreift“.
Über viele Jahre hinweg schreibt W.G. Sebald an ihn Briefe, in denen er über Streiks in England, einen Kaplan, der wie ein Affe mit den Ohren wackelt, den Prager Kellner mit den O-Haxen, polnische Nähmaschinen, die den Himmel zunähen, abgasfreie Hundewagen oder das Sauerkrautimperium philosophiert.





The opening of the Sebald exhibition drew people from his past. Juergen Kaeser arrived from Sebald's Bavarian hometown of Sonthofen. They were schoolfriends in the class of Paul Bereyter (real name Armin Mueller), described in The Emigrants, and played table tennis, skied, swam and shared literature.
"He introduced me to Herzmanovsky-Orlando and said he would 'shake the marrow from my bones'," said Kaeser. The Kaesers were a refuge for Sebald who did not get on with his father Georg. He was a prisoner-of-war in France when Sebald was born and remained so until 1947.
He therefore spoke of his sister and himself having to "become accustomed to their father", in a lecture for the opening of the Literaturhaus in Stuttgart in November 2001, his last public appearance. (The Literaturhaus maintains a Sebald exhibition, making a trip to Baden-Württemberg doubly worthwhile.) Kaeser stressed that Sebald senior had never been a Nazi and in the 1950s campaigned for the left-wing Social Democrats.
As we wandered among the exhibits, Kaeser became intrigued by an alphabetical list of episodes in The Emigrants display. Under L, oddly, was Manchester; under M, Marie.
"This must be the Marie de Verneuil with whom Jacques Austerlitz went to Bad Marienbad," I said.
"Yes," Kaeser confirmed.
"Is the episode autobiographical? Did Sebald have an affair?"
"Yes," said Kaeser. "She was called Marie France and was in our circle of friends when we were 16 or 17. Nothing happened then. Later she was divorced, heard Max was in the Bibliothèque Nationale in Paris and came looking for him."
"Did Ute know?" I asked, referring to Sebald's widow.
"Yes," said Kaeser. "When Max died, Ute rang Marie with the news."
"So they were friends?"
"No. They were not friends."

Rick Jones "Standpoint" November 2008

Kommentar Richard Sheppard: "Cheap journalism, Richard. I had thought better of someone who had artistic leanings and I am deeply saddened. Who is served by such "revelations"? You know not what you do."







Indem ich in diese Grube hinabstarrte, auf ihren, wie es mir schien, immer weiter versinkenden Grund, auf den glattgrauen Steinboden, das Abflußgitter in seiner Mitte und den Blechkübel, der daneben stand, hob sich aus der Untiefe das Bild unseres Waschhauses in W. empor und zugleich, hervorgerufen von dem eisernen Haken, der an einem Strick von der Decke hing, das der Metzgerei, an der ich immer vorbeimußte auf dem Weg in die Schule und wo man am Mittag oft den Benedikt sah in einem Gummischurz, wie er die Kacheln abspritzte mit einem dicken Schlauch. Genau kann niemand erklären, was in uns geschieht, wenn die Türe aufgerissen wird, hinter der die Schrecken der Kindheit verborgen sind.



Dieter Kraus, Kulturamtsleiter

Sohn von "Benedikt" in "Austerlitz", aufgewachsen in Wertach, seit Anfang der 80er Jahre Leiter der Tourist-Info.
"Il ritorno in patria" hat er mindestens fünfmal gelesen.









Im oberen Stock hatte der einbeinige Pächter Sallaba, der nach dem Krieg in W. aufgetaucht war, mit seiner schönen, den Ort ganz offensichtlich verabscheuenden Frau eine Wohnung. Sallaba besaß eine große Anzahl eleganter Anzüge und Krawatten mit Einstecknadeln. Es war aber weniger seine für W. wirklich außergewöhnliche Garderobe als seine Einbeinigkeit und die erstaunliche Geschwindigkeit und Virtuosität, mit der er sich auf seinen Krücken fortbewegte, die ihm in meinen Augen den Anstrich des Weltmännischen gab. Es hieß von Sallaba, er sei Rheinländer, eine Bezeichnung, die mir lange Zeit rätselhaft geblieben ist und die ich für eine Charaktereigenschaft gehalten habe.

In derselben Nacht, es war so um eins oder zwei, zerstörte der einbeinige Engelwirt Sallaba die gesamte Einrichtung der Gaststube. Als ich am Morgen in die Schule ging, lag überall auf dem Boden knöcheltief zerbrochenes Glas. Es war ein einziges Bild der Verheerung. Sogar die neue drehbare Glasvitrine für die Waldbaur-Schokolade, die mich aufgrund ihrer Drehbarkeit an den Tabernakel in der Kirche erinnerte, war vom Schanktisch gerissen und quer durch die Stube geschleudert worden. Draußen auf dem Gang sah es nicht viel besser aus. Auf der Kellerstiege saß die Frau Sallaba und weinte sich die Augen aus. Überall standen die Türen sperrangelweit offen, auch die enorme, wie für einen Banktresor gebaute Tür des Eishauses, aus dem die für den Sommer übereinandergelagerten Eisstangen blau herausschimmerten.

Sophie Willer, Geschäftsfrau

Ihre Eisenhandlung ist schräg gegenüber von Sebalds Geburtshaus, kannte und schätzte die Familie Egelhofer-Sebald, mochte den Dichter als kleinen Bub.











Zitate:
Schwindel.Gefühle S. 195, 221f, 238ff, 268, 272
Austerlitz S. 37
Die Ausgwanderten S. 48ff

Audio-Dokumente: Deutschlandradio 25.7.2012
















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