Marie de Verneuil
(AUS 195f, 294ff, 368ff, CS 179, LW 65 ff)

Roxane Duran
Im Hotel ließen wir ein Feuer anschüren,
obwohl es mitten im Sommer war.
Durch einen regendunklen Vordergrund
schauten wir später, in unsere schweren
schottischen Schlafröcke gewickelt,
durch die offenen Fenster hinaus
in ein dämmerndes Jenseits.
Ist denn die Welt nicht übrig,
so fragtest du, ein grün Gelände
zieht sich's nicht hin am Fluß
durch Busch und Matten? Die Ernte,
reift sie nicht? Schwebt
über den Felsenwänden
der heilige Schatten
nicht mehr? Ist dies,
was dort heraufkommt,
die graue Farbe der Nacht?

Tags darauf saßen wir im Kaffeehaus
unter einem Seerosenbild. Vielleicht
sind es aber auch Flamingos gewesen.
Erinnerst du dich an den Ober?
An sein weißes, gestutztes Haupthaar,
an den Gehrock aus der Zeit
der Jahrhundertwende, die taftene Masche?
An die Art, wie er mit den Fingerspitzen
mehrmals die linke Schläfe berührte?
Weißt du noch, die cubanischen Cigaretten,
die er mir brachte? Kerzengerade
stieg der feine blaue Rauch in die Luft.
Ganz ohne Zweifel, ein gutes Zeichen.
Und wirklich war es draußen
heller geworden. Reduzierte Adelige
raschelten in ihren Staubmänteln
auf dem Weg ins Refektorium.






Der Belzer Rabbi ging, ein Plastik-
becherchen in der Hand, zum Brunnen.
Auf der Promenade ließ sich
ein Hochzeitspaar photographieren.
Überall auf dem geschorenen Rasen
lagen arkebusierte
leidende Herzen herum.
Bei der Rückkehr ins Hotel
sahen wir Dr. K. halbverdeckt
hinter einer roten Fahne
an einem Balkontischchen sitzen,
beschäftigt mit einer für ihn
viel zu großen Portion
Kaiserfleisch.

Das Spiel mit den Zündhölzern
sollte dann alles entscheiden.
Glänzend dehnte sich die Fläche
des Parketts. Ringsum die Spiegel-
bilder, die Gäste, bewegungslos,
und zwischen ihnen du
in deiner Federboa. Waren wir
uns nicht schon einmal begegnet?
In einem Taxuslabyrinth?
Auf einer Bühne? Perspektivischer
Prospekt, gestutzte Hecken,
Kugelbäumchen, Balustraden,
im Hintergrund das Schloß?
Du solltest sagen, ich
bin ganz dein, nichts
als bloß diese Worte,
und hast sie auch gesagt,
seltsamerweise dich
jedoch um keinen Zoll
gerührt.










As we wandered among the exhibits, Kaeser became intrigued by an alphabetical list of episodes in The Emigrants display. Under L, oddly, was Manchester; under M, Marie.
"This must be the Marie de Verneuil with whom Jacques Austerlitz went to Bad Marienbad," I said.
"Yes," Kaeser confirmed.
"Is the episode autobiographical? Did Sebald have an affair?"
"Yes," said Kaeser. "She was called Marie France and was in our circle of friends when we were 16 or 17. Nothing happened then. Later she was divorced, heard Max was in the Bibliothèque Nationale in Paris and came looking for him."
"Did Ute know?" I asked, referring to Sebald's widow.
"Yes," said Kaeser. "When Max died, Ute rang Marie with the news."
"So they were friends?"
"No. They were not friends."

Rick Jones



Roxane Duran


Austerlitz-Film
Marie de Verneuil
Rick Jones
Verschlungene Minnen






So berichtet unsere Presse ("Leipziger Neueste Nachrichten") über den Einmarsch der Deutschen im Sudentenland:


Karlsbad:


Die Papiermühle in der Charente übrigens verweist auf den 3. Teil von Balzacs Roman "Illusions perdues": "Les Souffrances de l'inventeur". Lucien Chardons Freund bzw. Schwager David Séchard entwickelt ein neues, kostengünstiges Verfahren zur Papierherstellung, das er aber, ausspioniert und in finanzielle Schwierigkeiten gebracht, an die betrügerischen Brüder Cointet übergeben muss, die es in ihrer Papiermühle anwenden.

Im Gegensatz zu Blazacs Roman ist Funktion der Brüder, bedrucktes Altpapier in saubere, unbeschriebene Bögen zu verwandeln. Sie sind damit Vertreter des Vergessens.

Alles, was Marie mir fortan bedeutete, sagte Austerlitz, war in dieser Papiermühlengeschichte, in der sie mir, ohne von sich selber zu reden, ihr Seelenleben offenbarte, bereits beschlossen gewesen.

Die Beziehung Austerlitz’ zu Marie de Verneuil scheitert ebenso wie Goethes Versuch, sich Ulrike von Levetzow zu nähern und das Bemühen Kafkas, seine Verlobung mit Felice Bauer zu retten; selbst in Laubes Reisenovelle bleiben einige freilich weniger seriöse Versuche von Annäherungen erfolglos. Die weitere Entwicklung der Beziehung zwischen den Hauptfiguren des Films "Letztes Jahr in Marienbad" bleibt ungeachtet ihres abschließenden gemeinsamen Weggangs aus dem Hotel offen ...