Christians Mini-Kosmos
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Patricia Holland Moritz

Ich wohne in den Kaßbergen. Und Ihr?
Kennt Ihr Renate Holland-Moritz?
Ich habe nichts von ihr gelesen.

Umso besser kenne ich Patricia Holland Moritz, die auf ihren Buchcovern den nervenden Bindestrich weglässt, um nicht mit erstgenannter Holländerin verwechselt zu werden.
Geboren 1967 in einer Stadt mit 3 Os und 2 Bindestrichen (Gorl-Morgs-Stod). Wenn man googelt, findet man Patricia H. M. seit neuestem in Wiki, und woanders, und da steht meist als Geburtsort Chemnitz, was falsch ist, weil es 1953 bis 1990 diese Stadt nicht gab.

Erste und einzige DJ weiblichen Geschlechts in ihrer Geburtsstadt.

"Ich lebte in einem Land, in dem ich nicht die gleichen schönen Sachen machen konnte wie meine Cousins und Cousinen im Westen, die etwa so alt waren wie ich und beispielsweise als Au-pair nach Kanada gingen. Karl-Marx-Stadt erlebte ich weniger cool als Berlin, wo meine Freunde und ich beinahe jedes dritte Wochenende hinuhren, um etwas zu erleben. Und wir haben viel kopiert - in Frisur und Kleidung, Musikgeschmack. Wir konnten ja ARD und ZDF sehen und Bayern 3 hören. Wir wollten immer ein bisschen anders sein.
Wir versuchten irgendwann, uns unsere kleine Welt schön zu machen. Wir haben im Klub ,Kasch‘ im Flemming-Gebiet und im ,Markersdorfer Würfel' im Heckert-Gebiet nur Motown-Platten aufgelegt, die wir uns alle aus dem Westen schicken ließen. Mancher Soul-Liebhaber brachte gleich seine eigenen Platten mit, die wir dann spielten“.
Eine schöne Subkultur habe sie da in dieser komplett unterschätzten, "aber eben auch eher hässlichen Stadt" entwickelt.
Buchhändlerin in Leipzig, Speditionskauffrau in Paris, Kaltmamsell in Irish Pubs, Krimiautorin, Ghostwriter für einen Gottesmann, der friedlch revoltiert.

Sie brachte etwas mit, um in den Kaßbergen leben zu können, es hier auszuhalten, hier zu sterben, ohne vorher verrückt geworden zu sein.



psychologisch tiefsinnige Betrachtung, wie ein Mensch zum Täter wird, zugleich ein Stück deutsch-deutscher Wissenschaftshistorie. Der Krimi handelt von den Eberswalder Knabenmorden, die Hagedorn 1969 und 1971 begeht. Aufgrund des unermüdlichen Einsatzes des Gerichtspsychiaters Hans Szewczyk (1923-1994), dem medizinischen Direktor der Nervenklinik an der Charité Berlin, der Täterprofile in die Ermittlung einführt und die Voraussetzung für die heutige Prävention und Technik des Profilings schuf, findet die Kripo den Täter. Dabei muss der Forensiker sich gegen das dogmatische System der DDR durchsetzen, dessen Ideologie (Bürger als sozialistische Persönlichkeit) die individuelle Erstellung eines Täterprofils unter Berücksichtigung der sozialen Herkunft des Täters geradezu verbietet. Dementsprechend behindert der Staat die Mitarbeit von Szewczyk immer wieder.
Holland Moritz schildert professionell die Taten und politischen Verwicklungen. In Mini-Details lässt sie die Atmosphäre der DDR aufleben und Figuren lebendig werden, mit all deren ideologischen, wissenschaftlichen und menschlichen Grenzen: Geschichte der Täter- und Tatortanalysen in den DDR-70ern.

Und nun:

Kaßbergen

Im Mauerbauen waren sie gut. Genetisch war der Mensch ein Maurer, schien es.
Kaum konnte er zählen und handeln, setzte er Gewonnenes in Steine um, die er aufeinandertiirmte, gebrannten Kalk mit gemahlenen Ziegeln und vulkanischen Aschen verkittete und über sich selbst hinauswachsen ließ. Hinzu kam sein Streben, das ihm auch der sonntägliche Kirchgang mit den Zehn Geboten nicht austreiben konnte, und vor den Todsünden scheute er schon gar nicht zurück.
Der Mensch lebte die Gier des Höher, Schneller, Weiter, und er strebte beim Mauerbau das Höchste an. Das ganze Land war ein einziger Festungsbau.
Der eine grenzte sich vom anderen ab, während der Dritte den Sturm darauf probte. Burgen mit Gräben wurden gebaut und ummauert und geschliffen, um dann wieder alles von vorn zu beginnen.


Tief ergreifend und erschütternd die Schilderungen der Pogrome der Kaßbergener gegen ihr Mitbewohner, Schändung und Vernichtung der Synagoge und Ermordung verdienter Chemnitzer Bürger.


Protagonisten:

Ich-Erzählerin: Ulrike Umlauf * 1969, wohnt Rudolf-Harlaß-Straße 64 (heute Barbarossastraße)

Ich wünschte manchmal,
ich könnte meine Wände sprengen
und meinen Nachbarn dann Blumen schenken
als Torst für die kaputtgegangne Vase.






Vater: Dieter Umlauf, * etwa 1950, heiratet - nach Trennung von der Mutter - Brigitte Kempe, und heißt dann Dieter Kempe








Großeltern väterlichseits: angeblich 1969 (vor Geburt der Icherzählerin) bei Verkehrsunfall tödlich verunglückt (wahrscheinlich Suizid)








Urgoßvater väterlichseits: Kurt Umlauf. Bürgermeister von Chemnitz. Klarname Kurt Berthel (1897 - 1960). Kommunist. Leidet unter der Umbenennung 1953 von Chemnitz. Sohn Klaus und Frau Karola nach WK 2 Suizid







Mutter: Rosemarie Uhlig, "deine Mutter", (sieht der Schauspielerin Reanate Blume ähnlich) erlebt als Kind das Bombardement auf Chemnitz im Luftschutzbunker. Sieht zu, wie der Vater zwei schwer verletzte Pferde erschießt. Sekretärin in einem Textilbetrieb, verh. Umlauf







Großvater mütterlichseits: Emil Uhlig, genannt "Häuptling". Polizist in Kleinolbersdorf, Teilnahme WK 1, unter Adolf parteitreu, stirbt, als er nach einem Traum sich aus dem "Gefängnis" abseilen will, beim Absturz.








Großmutter mütterlichseits: Elli, genannt "Minister", gelernte Näherin.
2 ihrer Brüder im WK 1 gefallen (Albert zu Kriegsanfang, Otto in Kriegsgefangenschaft)




Urgroßvater mütterlichseits: Strumpfwirker











Sonstige

Abel, Rosa Ehefrau des Kaufmanns Hermann Abel. Sie leben zunächst in Dessau, Ehrenfriedersdorf und Annaberg, wo ihre fünf Kinder geboren sind: Max (* 1889), Erna (* 1890), Ludwig (* 1895), Alfred (* 1900) und Hannah (* 1901). 1903 zieht die Familie nach Chemnitz. 1940 müssen Rosa und Hannah Abel in das „Judenhaus“ Apollostraße 18 ziehen. 1942 deportieren und ermorden die Nazis Hannah Abel, Rosa Abel weisen sie in das Jüdische Altersheim am Antonplatz 15 ein, bevor sie sie 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportieren, wo sie 1944 an Hunger und Krankheit stirbt.




Georgius Agricola latinisiert aus Georg Bauer, 1494 - 1555, Arzt, Apotheker und Wissenschaftler, der als „Vater der Mineralogie“ und Begründer der modernen Geologie und Bergbaukunde gilt. Als herausragender Renaissance-Gelehrter und Humanist zeichnet er sich außerdem durch besondere Leistungen in Pädagogik, Medizin, Metrologie, Philosophie und Geschichte aus.
1531 Stadtarzt in Chemnitz, wo er viermal das Bürgermeisteramt innehat. Zudem im Staatsdienst sächsischer Hofhistoriograph. 2 Mal verheiratet, mindestens 6 Kinder. Erste Frau stirbt 1540. 2 Jahre später heiratet er im Alter von 48 die 30 Jahre jüngere Tochter Anna von Ulrich Schütz d. J., ehemaliger Besitzer der Saigerhütte Chemnitz, die damals reichste Chemnitzer Familie. 1555, mit 61, Tod in Chemnitz. Nach der Reformation in Sachsen verweigert die Stadt dem katholischen Agricola die Beerdigung auf Chemnitzer Flur, daraufhin in der Schlosskirche von Zeitz begraben.


Baselitz, Georg * 1938 Deutschbaselitz, eigentlich Hans-Georg Kern. Maler, Bildhauer und Grafiker. International bekannt ab den 1970ern mit figurativen, expressiven Gemälden. Malt seine Motive auf dem Kopf, was Werke unverkennbar macht.
Baselitz’ künstlerische Einflüsse ergeben sich aus einer Vielzahl von Inspirationen, wie Illustrationen der Sowjetzeit, manieristische Druckgrafiken und afrikanische Skulpturen. Zerstörung und Leid des Zweiten Weltkrieges beeinflussen den Künstler nachhaltig. „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen. Ich war gezwungen, alles in Frage zu stellen, musste erneut ‚naiv‘ sein, neu anfangen.“


Becher, Johannes R. 1891 - 1958, Dichter, SED-Politiker, Minister für Kultur, verfasst DDR-Nationalhymne
Sohn eines jähzornigen Juristen beim OLG München. 1910 mit um 7 Jahre älteren Jugendliebe Doppelsuizidversuch, sie stirbt, er unzurechnungsfähig, staflos. Morphiumsüchtig, homosexuell. 1918 Suizid jüngerer Bruder, 1921 Scheidung, Kommunist, 12 Jahre Exil, Aufstieg DDR
Bobrowski: "... er ist der größte, gewiss; nämlich der größte tote Dichter bei Lebzeiten, einer den niemand hörte und las -, aber er lebte und schrieb."
Kastanienstraße in Heinrich-Beck-Straße umbenannt, ab 1964 Johannes R. Becher-, ab 1990 wieder Heinrich-Beck-Straße



Beck, Heinrich 1854 - 1933, Jurist, Chemnitzer Oberbürgermeister 1896 - 1907, die Stadt erlebt bedeutenden Aufschwung: Bau des Neuen Rathauses, des König-Albert-Museums und des Opernhauses. Kastanienstraße in Heinrich-Beck-Straße umbenannt, ab 1964 Johannes R. Becher, ab 1990 wieder alter Namen.
1914 faktisch die Stellung eines Ministerpräsidenten.





Brühl, Georg „Schorsch“ 1931 - 2009, alias Johann „Schong“ Müller-Rabenstein
Museologe, Kunstwissenschaftler, Publizist und Kunstsammler, der vielseitige Kunstsammlungen (Bildende Kunst, Kunsthandwerk, Asiatika) anlegt. Prägt das künstlerisch-kulturelle Leben in Karl-Marx-Stadt vor der Wende entscheidend mit: 1972 bis 1978 Sekretär der Galerie Oben, Zusammenarbeit mit Schauspielhaus. Schreibt zur Kunst des Impressionismus und Expressionismus, lehrt an der örtlichen Volkshochschule. 1990 Gründung eines Kuratoriums zum Erhalt der Villa Esche. Nach der Wende wird jahrelange Tätigkeit als IM „Peter“ für das MfS bekannt.
2009 schreibt Jens Kassner:
Ich war in den frühen 90ern 2 Jahre zur Aufarbeitung seiner Bibliothek und Grafiksammlung bei ihm beschäftigt, habe ihn also ganz gut kennengelernt. Seine Persönlichkeit knapp zu charakterisieren, ist kaum möglich, zu schillernd und facettenreich ist sie - Kunstsammler mit sicherem Instinkt, Stasi-Berichteschreiber, Querkopf und Egozentriker, Quartalssäufer und bekennender Schwuler … Und vieles mehr. Genialität und Peinlichkeit lagen bei ihm immer dicht beeinander. Im Endeffekt war er schließlich eine tragische Figur. Die letzten Jahre soll er wohl sehr krank gewesen sein, ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Ein Teil der Sammlung ist zwar nun im Schloss Lichtenwalde dauerhaft zu sehen. Doch es wäre auch viel eher eine größere Präsentation machbar gewesen. In Chemnitz und Zwickau ist es wegen der Stasi-Vergangenheit gescheitert, in Lichtenstein aber wegen Brühls Fähigkeit, auch wohlmeinende Freunde vor den Kopf zu stoßen. Solange ich Kontakt zu ihm hatte, wollte er nie offen über die IM-Tätigkeit reden, behautete immer nur, damit niemandem geschadet zu haben. Das dürfte so nicht ganz stimmen. Immerhin hat er persönlichen Nutzen aus der Zwangsenteignung mancher ausreisewilliger Sammlerkollegen gezogen.
Auch seine Rolle als Kunstkenner ist zweideutig. Die Publikationen waren zumeist ein Gemeinschaftswerk vieler Beteiligter, denn sein Fachwissen blieb doch häufig genug an der Oberfläche. Allerdings hatte er ein untrügliches Gespür für Trends. In den 50gern und 60gern, als Jugendstil in der DDR als bürgerlich-dekadent verpönt war, konnte er eine beachtliche Sammlung mit Kunsthandwerk dieser Periode aufbauen. Dass er sie freiwillig dem Köpeniker Museum übereignet hat, stimmt nicht ganz. Das war eher ein Ausweg, um der Stasi ein Druckmittel weniger zu bieten. Es reichte ja schon, schwul zu sein, um erpresst werden zu können. Als Jugendstil dann zu teuer wurde, konzentrierte er sich auf Art déco, später auf Ikonen und schließlich ostasiatische Kunst. Um das finanzieren zu können, trennte er sich immer wieder von älteren Sammlungsbeständen, deren Marktpreis unterdessen gewachsen war.
Seine dreietagige Wohnung an der Karl-Liebknecht-Straße in Chemnitz war eine faszinierende Wunderkammer. Manchmal war er selbst über Funde von Gegenständen, die er seit Jahren nicht in der Hand hatte, überrascht. Ob er aber jemals wirklich glücklich war, weiß ich nicht.


Charms, Daniil 1905 - 1942, russischer Schriftsteller und Dichter. Sein Werk ohne Kenntnis seiner Lebensumstände nur schwer zu erschließen. Die Mutter aus alteingesessenem Adel leitet 1900 bis 1918 in St. Petersburg ein Frauenasyl für entlassene Strafgefangene, der Vater aus Parkettpoliererfmmilie 1883 als Mitglied der antizaristischen Narodnaja Wolja 1883 verhaftet, Todesstrafe, umgewandelt in 15 Jahre Haft als Zwangsarbeiter auf Sachalin. Unter dem Pseudonym Miroljubow (dt. „der Friedliebende“) veröffentlicht er bis Ende der 1920er Jahre zahlreiche Schriften. Seinem Sohn widmetr er sich mit Erziehungsratschlägen, die seiner strengen und asketischen Lebensweise entsprechen. Schon früh beginnt die russisch-orthodoxe Erziehung der Eltern. In Charms’ Aufzeichnungen und Werk spielt religiöse Symbolik bis hin zur Beschäftigung mit okkulten Themen eine wichtige Rolle.
Die Eltern fördern die sprachliche Entwicklung der Kinder, indem sie englisch- und deutschsprachige Erzieherinnen einstellen und den Besuch der prestigeträchtigen deutschsprachigen St. Petri-Schule ermöglichen. 1924 die Hochschulreife. 1928 Heirat mit der geschiedenen Rusakowa. Scheidung 1933. 1934 Heirat Marina Malitsch. Charms erlebt Umbruch zwischen zaristischer Vergangenheit und sowjetischer Zukunft.
Er sieht nur 2 seiner Gedichte für Erwachsene gedruckt. 1931 verhaftet. 3 Jahre Verbannung nach Kursk. 1941 Gefängnis Kresty. Einweisung in die psychiatrische Anstalt.
Jakow Druskin bewahrt 1944 bis 1978 den Nachlass von Charms auf., überlässt sie kurz vor seinem Tod öffentlichen Einrichtungen.
„Der Umstand, dass das Schaffen von Charms in Rußland und im Ausland erst lange nach seiner staatlichen Ermordung zugänglich war, ist tragisch, aber die positive Beurteilung und der Einfluß seiner Werke Jahrzehnte nach ihrem Entstehen beweisen die Gültigkeit dieser durch so viel Leid erkauften Dichtung.“


Corvalán Lépe, Louis 1916 - 2010, chilenischer Politiker und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles. Als 15-jähriger gegen Ende der Diktatur von Carlos Ibáñez del Campo in die Kommunistischen Partei. Lehrer. Zwischen 1948 und 1958 in Gefangenenlagern inhaftiert. Nach dem Putsch Pinochets 1973 verhaftet, ins KZ „Ritoque“ auf der Insel Dawson. Nach Ermordung Víctor Jaras prominentester politischer Gefangene in Chile. 1976 in Zürich gegen den sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowski ausgetauscht, Asyl in der Sowjetunion.
1988, zum Ende der Pinochet-Diktatur, Rückehr nach Chile. Wohnt bis zu seinem Tod in einem kleinen Haus in Santiago de Chile, Mittelpunkt einer großen Familie. Sein jüngstes Buch "Die Kommunisten und die Demokratie" 2008. Er plädiert darin für eine Gesellschaft auf Grundlage einer neuen sozialen Bewegung und fordert unter anderem die Wiederverstaatlichung der chilenischen Kupferminen.


Doerzbacher, Hedwig
1942 deportieren und ermorden die Nazis in Belzyce die Witwe des Chemnitzer Strumpffabrikanten Max Doerzbacher, geboren 1883 als Hedwig Kohn, die in ihrem Haus Ahornstraße 32, zuletzt ein „Judenhaus“, lebte.






Esche, Herbert Eugen 1874 - 1962 Unternehmer in der Textilindustrie und Kunstmäzen.
Sohn des Chemnitzer Strumpffabrikanten Otto Moritz Eugen Esche, nach dessen Tod zusammen mit seinem Bruder Fritz Eugen Esche Miteigentümer und Geschäftsführer der Strumpfwarenfabrik Moritz Samuel Esche in Chemnitz. Lernt in Paris den Belgier Henry van de Velde kennen und beauftragt ihn mit dem Bau einer Villa an der Parkstraße. Esche lässt ihm dafür „freie Hand“, es entsteht ein großzügiges Einfamilienhaus, das Esche nach Fertigstellung 1903 mit seiner Fammilie bewohnt. Van de Velde übernimmt auch die gesamte Ausstattung des Hauses, neben Mobiliar und Teppichen, Fenstervorhängen und Wandbespannungen entstehen auch die Leuchten, das Geschirr und das Besteck nach seinen Entwürfen.



Heute ist Villa Esche Museum und dient als Begegnungsstätte für Wirtschaft, Kunst und Kultur.
1905 lädt Esche Edvard Munch nach Chemnitz ein, der die Familie in 6 Porträts und ein Landschaftsbild malt.





Siehe auch Edvard Munch
Ende 1945 verlässt Esche Chemnitz und zieht zu seiner Tochter nach Küsnacht/Schweiz.


Flieg, Helmut siehe Stefan Heym


Fuchs, Hugo Chanoch 1878 - 1949. Rabbiner und jüdischer Historiker, Leipzig Dr. phil. 1907 bis 1938 Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Chemnitz.
Zentrale Figur des jüdischen Lebens in Deutschland, nach der Reichspogromnacht 1938 verhaftet und KZ. Von Mitmenschen unter Folter gezwungen, das Niederbrennen seiner Synagoge mit anzusehen. 1939 Erlaubnis zur Ausreise, emigriert nach Buenos Aires. In zweiter Ehe mit Else Flieg verheiratet, deren Sohn Helmut aus erster Ehe ist Stefan Heym. Im Chemnitzer Stadtteil Kapellenberg Straße nach Fuchs benannt.






Gotsche, Otto 1904 - 1985, Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Politiker (KPD, SED), Schriftsteller.
Bis 1960 Ulbrichts persönlicher Referent, bis 1971 Leiter des Staatsratssekretariats. Bekanntestes Werk: Roman "Die Fahne von Kriwoj Rog" (1959).


Günther, Matthias * 1947 Schauspieler und Hochschullehrer.
1973 bis Anfang der 1980er an den Städtischen Bühnen Karl-Marx-Stadt, wo er u. a. Mephisto spielt. Seit Anfang der 1970er im Fernsehen (zumeist in Theateraufzeichnungen) und in DEFA-Spielfilmen. 1986 verlässt Günther die DDR. Seit 2005 an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin Professor







Hermlin, Stephan 1915 - 1997 * Chemnitz, Jude, eigentlich Rudolf Leder, Schriftsteller, Übersetzer, einer der bekanntesten DDR-Schriftsteller. Kommunist, Druckerlehre, 1936 Emigration Palästina, später Frankreich und Schweiz.
Nach Rückkehr 1947 Ost-Berlin, in wichtigen Gremien der sowjetischen Besatzungszone, schnell einflussreichster DDR-Schriftsteller. 1976 Engagement gegen die Ausweisung Wolf Biermanns.
Kritik in der ZEIT 1996, Hermlin habe im autobiographischen Text „Abendlicht“ falsche Tat-sachenbehauptungen aufgestellt, etwa, dass er ein hervorragender Schüler gewesen sei und studiert habe, sein Vater im KZ umgekommen und er aktives Mitglied der französischen Résistance gewesen sei und als Offizier im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft habe. Vorwurf: Hermlin habe es lange Zeit kommentarlos hingenommen, dass Biographen und Philologen das literarische Material für wahr hielten (DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin hat seinen Lebensmythos erlogen. Dichtung in eigener Sache)



Heym, Stefan 1913 - 2001, eigentlich Helmut Flieg, * Chemnitz. Einer der bedeutendsten Schriftsteller der DDR, 1994 bis 1995 Abgeordneter der PDS im 13. Deutschen Bundestag.
Sohn einer jüdischen Chemnitzer Kaufmannsfamilie, 1931 auf Druck der Nazis wegen seines antimilitaristischen Gedichts "Exportgeschäft"


Exportgeschäft

Wir exportieren!
Wir exportieren!
Wir machen Export in Offizieren!
Wir machen Export!
Wir machen Export!
Das Kriegsspiel ist ein gesunder Sport!

Die Herren exportieren deutsches Wesen
zu den Chinesen!
zu den Chinesen!

Gasinstrukteure,
Flammengranaten,
auf arme, kleine gelbe Soldaten -
denn davon wird die Welt genesen.
hoffentlich
lohnt es sich!

China, ein schöner Machtbereich.
Da können sie schnorren und schreien.
Ein neuer Krieg -
sie kommen sogleich,
mit Taktik und Reglement und Plänen
Generale, Majore!
Als ob sie Hyänen der Leichenfelder seien.

Sie haben uns einen Krieg verloren.
Satt haben sie ihn noch nicht -
wie sie am Frieden der Völker bohren!
Aus Deutschland kommt das Licht!
Patrioten!
Zollfrei Fabrikanten von Toten!

wir lehren Mord! Wir speien Mord!
Wir haben in Mördern großen Export!
Ja!
Es freut sich das Kind, es freut sich die Frau.
Von Gas werden die Gesichter blau.
Die Instruktionsoffiziere sind da.

Was tun wir denn Böses?
wir vertreten doch nur die deutsche Kultur.

in der sozialdemokratischen Tageszeitung Volksstimme vom Gymnasium seiner Heimatstadt verwiesen.
Reifeprüfung in Berlin, nach dem Reichstagsbrand 1933 flieht er in die Tschechoslowakei, wo er den Namen Stefan Heym annimmt.
In den Jahren nach der Wiedervereinigung äußert sich Heym sehr kritisch über die Benachteiligung der Ostdeutschen im Verlauf ihrer Integration in die Bundesrepublik und besteht auf einer gerechten sozialistischen Alternative zum nunmehr gesamtdeutschen Kapitalismus. 1992 gehört er zu den Mitbegründern des Komitees für Gerechtigkeit. Er hofft, dass sich daraus eine neue Partei gründen würde, denn „wenn alle anderen Parteien politisch bankrott seien, dann müsse eben eine neue geschaffen werden.“ Seine Rede bei der Gründung des Komitees gipfelt in der Warnung:
"wenn die Leute sich nicht artikulieren können, dann werden sie Häuser anzünden. Und wenn man ihnen nicht eine demokratische Lösung anbieten kann, eine linke Lösung, dann werden sie nach rechts gehen, werden wieder dem Faschismus folgen“
Bei der Bundestagswahl 1994 gewinnt er ein Direktmandat im Wahlkreis Berlin-Mitte-Prenzlauer Berg. Als Alterspräsident hält er die Eröffnungsrede zum 13. Deutschen Bundestag, bei der in einem viel diskutierten Traditionsbruch die Abgeordneten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion - mit Ausnahme der anschließend zur Bundestagspräsidentin wiedergewählten Rita Süssmuth - wegen kurz zuvor aufgekommener Vorwürfe der Zusammenarbeit mit der Stasi (die sich später als unbegründet erweisen) den Schlussapplaus verweigern.
DDR 1974: Die Schmähschrift oder Königin gegen Defoe. Erzählt nach den Aufzeichnungen eines gewissen Josiah Creech. Vom Autor übersetzt aus dem Englischen. Diogenes, Zürich 1970.
Es ist die Zeit, da dem Schriftsteller Stefan Heym im eigenen Lande zum ersten Mal dasselbe Schicksal widerfährt wie dem Historiker Ethan in seinem Roman Der König David Bericht, nämlich totgeschwiegen zu werden, da bringt der Zürcher Verlag Diogenes im Frühjahr 1970 ein Büchlein heraus, das heute als eines der besten Prosawerke Heyms gilt. Die Novelle basiert auf einer Episode aus dem Leben des englischen Schriftstellers Daniel Defoe, Schöpfers des Robinson Crusoe, einer der frühen und leidenschaftlichen Vertreter der Aufklärung im englischen Königreich. In zahlreichen Schriften und Flugblättern setzt er sich für religiöse und politische Freiheiten ein, was ihn immer wieder in ernste Konflikte mit der Obrigkeit und an den Pranger bringt.
Parallelen zu Heyms eigener Situation in der DDR - seit dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1965 gilt er als anscheinend unbelehrbarer Verfechter falscher Sichtweisen auf die Geschichte von Staat und Partei - lassen damals rasch erahnen, dass es ihm in Die Schmähschrift keineswegs nur um die Gestaltung eines historischen Stoffes geht. Vielmehr nutzt er die mehr als zweieinhalb Jahrhunderte zurückreichenden Ereignisse um Defoe zur Bloßstellung der aktuellen Verhältnisse im Lande, namentlich der Unterdrückung von Meinungen, die von den offiziellen Lesarten abweichen.
Um es den Zensoren in der DDR nicht allzu leicht zu machen, das Buch zu verbieten, lässt Stefan Heym sich von einem Gutachter bestätigen, dass seine Novelle ausschließlich auf nachprüfbaren historischen Fakten beruht. Trotzdem kann die Schmähschrift zunächst nur im Westen erscheinen und erst Jahre später auch in der DDR. Die Kritik reagiert überwiegend positiv, zum Teil regelrecht enthusiastisch. „Eines der raffiniertesten literarischen Pamphlete unserer Zeit“, urteilt etwa die Zeitschrift „Deutsche Bücherkommentare“.


Hoffmann, Jan * 1955 Dresden. Eiskunstläufer, der im Einzellauf mit 12 für die DDR startet. Weltmeister 1974 und 1980, Europameister 1974 und 1977 bis 1979. Jan Hoffmanns Trainerin ist zunächst Annemarie Halbach, anschließend trainiert er bei Jutta Müller in Karl-Marx-Stadt.
Studiert nach der Eiskunstlaufbahn Medizin, heute Facharzt für Orthopädie in Radeberg.






Humboldt, Alexander von 1769 - 1859. Forschungsreisender mit einem weit über Europa hinausreichenden Wirkungsfeld. Schafft in seinem Gesamtwerk „einen neuen Wissens- und Reflexionsstand des Wissens von der Welt“, wird zum Mitbegründer der Geographie als empirischer Wissenschaft; sein älterer Bruder Wilhelm von Humboldt.
1791/1792 führt Alexander von Humboldt, einer der bekanntesten Studenten der Bergakademie Freiberg, im „Kuhschacht“ mitten in der heutigen Freiberger Innenstadt Messungen der Gesteinstemperatur durch. In den 8 1/2 Monaten zwischen 1791 und Ende Februar 1792 schließt er seine wissenschaftliche Ausbildung ab. Auch danach besucht Humboldt Freiberg wiederholt. Die Verbindungen zu seiner letzten Studienstätte bleiben Zeit seines Lebens erhalten, sei es durch den Einbezug in sein geophysikalisches Messprogramm, das Aufeinandertreffen mit früheren Kommilitonen oder der hilfreichen Unterstützung für „Gesandte der Bergakademie“ im Ausland, vor allem für Ferdinand Reich während dessen Aufenthalts in Paris.
Der ausgestopfte Vasapapagei Jakob im Berliner Naturkundemuseum ist dessen Aushängeschild. Er gehörte dem Universalgenie Alexander von Humboldt, der von dem Tier fasziniert ist, das er bei sich zu Hause hält und zu dem er eine innige Beziehung pflegt. Als Humboldt am Hof des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach auf Jakob trifft, konnte er nicht ahnen, dass der Vogel ihn die nächsten 30 Jahre seines Lebens begleiten würde. Der Wissenschaftler erfreut sich sehr daran, wie gelehrig der grauschwarze Vasapapagei ist. Der betagte Großherzog wiederum ist beeindruckt von Humboldts Faszination und vermacht ihm den Vogel in seinem Testament.
Keine zwei Jahre nach Humboldts Besuch stirbt der Großherzog. Jakob zieht zu seinem neuen Besitzer nach Berlin. Der Vogel offenbar genug zu hören bekommen, um auch von ihm neue Sätze zu lernen. Jakob unterbricht seinen Besitzer und dessen Besucher immer wieder mit »Viel Zucker, viel Kaffee, Herr Seifert!«: jenen Worten, mit denen Humboldt bei seinem Diener Johann Seifert seinen Kaffee bestellte.
1859 stirbt Jakob. Wie sehr Humboldt trauerte, ist nicht überliefert. Offenbar sollte Jakob aber nach seinem Tod zumindest der Wissenschaft von Nutzen sein, denn Humboldt schenkt den toten Vogel dem Naturkundemuseum. Erst beim Präparieren bemerkt man dort, dass Jakob in Wahrheit eine Jakobine war. Noch heute sieht man dem Vogel die lange Zeit in Gefangenschaft an: Schwielen unter den Zehen, extrem verlängerte und verformte Klauen.
Über Jakobs Lebensgeschichte ist viel bekannt. Darum konnten Wissenschaftler einiges über die Lebensspanne von Vögeln im Allgemeinen und Papageien in Gefangenschaft im Besonderen lernen. Sie schätzen, dass das Tier an die 75 Jahre alt wurde. Dieses hohe Alter entfachte bei Alexander von Humboldt selbst Interesse: Er schreibt 1859 einen verloren gegangenen Aufsatz über den Vogel, bricht 2 Tage später zusammen und stirbt im Alter von 89 Jahren.
Jakob hat eine Sonderrolle im Museum. Er - beziehungsweise sie - ist das ornithologische Objekt, das am engsten mit dem weltberühmten Forscher verbunden ist. Und es hat auch noch nach seinem Tod eine wechselvolle Geschichte. Wie Mitte des 19. Jahrhunderts üblich montierten die Präparatoren den Vogel aufrecht auf einer Stange sitzend, die sie wiederum auf einem hölzernen quaderförmigen Sockel befestigten. Dadurch war er ständig dem Licht ausgesetzt, was den Farben von Schnabel und Federn zugesetzt hat. Doch dieser schleichende Schaden ist nichts gegen das, was das Museum und unzählige Sammlungsstücke während des Zweiten Weltkriegs erlitten haben, in den Saal mit den Standpräparaten ist eine Granate eingeschlagen und hat große Zerstörung angerichtet.
Jakob fehlt nach dem Vorfall ein Flügel, am Kopf hat er kahle Stellen, am Bauch ist die Haut stellenweise ganz weggerissen, seine Schwanzfedern zerbrochen. Hätte Jakob nicht Alexander von Humboldt gehört – man hätte seine Überreste damals wohl auf den Müll geworfen.
1999, 140 Jahre nach Humboldts Tod, erwacht das Interesse an dem Papagei erneut. Die Präparatoren des Naturkundemuseums setzen die Einzelteile, so gut es ging, wieder zusammen. Betrachtet man Jakob von seiner Schokoladenseite, fällt erst mal gar nicht auf, dass mit dem Vogel etwas nicht stimmt.Jakob reist zu zahlreichen Ausstellungen über den Universalgelehrten.


Jähn, Sigmund 1937 - 2019, Jagdflieger, Kosmonaut, Generalmajor der NVA.
Fliegt 1978 in der sowjetischen Raumkapsel Sojus 31 zusammen mit Waleri Fjodorowitsch Bykowski zur sowjetischen Raumstation Saljut 6. 125 Erdumkreisungen. Jähns Weltraumflug in den Medien der DDR ausgiebig behandelt und gefeiert, stellte doch der kleinere deutsche Staat den ersten Deutschen im All. Sonderausgabe des Neuen Deutschland mit der Schlagzeile „Der erste Deutsche im All - ein Bürger der DDR“



Kupferbergs












Lola Leder
Leder, David
Sohn eines galizischen Einwanderers, Hausierer, Kaufmann. Mit Frau Lola nach Chemnitz eingewandert, 3 Kinder. Vater von Stephan Hermlin
Bis zu seiner Internierung als feindlicher Ausländer während des I. Weltkriegs Geschäft für Woll- und Baumwollabfälle. Der staatlich eingesetzte kommisarische Verwalter teilt Lola Leder während der Kriegsjahre so wenig Geld zu, dass sie ihm droht, ins Wasser zu gehen. Ungerührt stellt er ihr frei, dies zu tun.


Leder, Rudolf siehe Stephan Hermlin



Löser, Alfred und Elli
Der Kaufmann aus Joachims-thal (* 1877) und seine Ehefrau Elli (* 1885 als Elli Muhr) gehören zu den am längsten in Chemnitz lebenden Juden. Die Nazis deoportieren sie 1942 in das Ghetto Belzyce bei Lublin, wo die SS bei dessen Räumung im Oktober 1942 etwa 5.300 Menschen ermordet, unter ihnen das Ehepaar Löser




Mendelsohn, Erich 1887 - 1953, bedeutender Architekt des 20. Jahrhunderts, am bekanntesten seine Werke der 1920er, gilt er als einer der Pioniere der Stromlinien-Moderne (Einsteinturm in Potsdam, Mossehaus in Berlin).
Mitglied in der Zionistischen Vereinigung. In den besten Jahren beschäftigt er bis zu 40 Mitarbeiter in seinem Büro, kann sich vor Aufträgen kaum retten. Als Jude sieht er sich 1933 zur Emigration nach England gezwungen. In Israel entwirft er die Villa Schocken (für den Kaufhausbesitzer und Verleger Salman Schocken, für den er bereits in Deutschland eine Reihe von Kaufhäusern projektiert hat), die Schocken-Bibliothek, sein Atelier in einer umgebauten Windmühle, alle drei in Rechavia.


Müller-Rabenstein, Johann „Schong“ schwuler Kunstsammler, siehe Brühl


Pötzsch, Anett * 1960 Karl-Marx-Stadt, deutsche Eiskunstläuferin, im Einzellauf Olympiasiegerin von 1980 und die Weltmeisterin von 1978. Ihre Karrier krönt sie 1980 mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid, vor Linda Fratianne. Es ist der erste olympische Titel für eine deutsche Eiskunstläuferin.





Salgo, Ludwig (Lajos) 1889 - 1942, * Máramarossziget, verlässt seinen Heimatort, um in Budapest zu arbeiten. Dort lernt er Laura Friedrich (* 1894 Sátoraljaújhely) kennen. Sie heiraten 1917 in Budapest, wo Tochter Livia, gen. Lilly 1918 geboren wird. Anfang der 1920er wandert die Familie nach Chemnitz aus (Strumpfwarenherstellung), Wohnsitz Weststraße 24, Fabrik in Talheim, wo Strümpfe unter dem Markennamen "Lilly" produziert werden.
Ludwig Salgo erfolgreicher Geschäftsmann mit abwechslungsreichen und beträchtlichen Beteiligungen, darunter Anteil am "Chemnitzer Hof" und umfangreiche Kunstsammlung. In den 1930ern, als die Judenverfolgungen zunehmen, muss Familie in die Weststraße 55 umziehen. Mitte der 1930er verliert Salgo trotz verzweifelter Anstrengungen sein ganzes Vermögen. Tochter Lilly gelingt es, 1936 nach Berlin und 1938 in die USA zu fliehen. 1939 müssen Laura und Ludwig Salgo in das Judenhaus Annaberger Straße 4 ziehen. 1942 deportieren und ermorden die Nazis beide in Belzyce.


Schaarschmidt, Ronald
Gibt's/gab's den ein Wirklichkeit? Er wohnt in der "Kyffhäuserburg" in der Hübschmannstraße, wo der "Zirkel Schreibender Arbeiter" tagt.


Schickedanz, Grete 1911 - 1994, Leiterin Versandhaus Quelle, "Chefin der Wiratex im Westen".
Die Wiratex, 'Exportgesellschaft für Wirk und Raumtextilien mbH' mit Sitz im Wiratext-Haus in Berlin vertrieb die Bekleidungsprodukte aus den Textilbetrieben der DDR in die gesamte Welt. VEB Berlin errichtet das Bauwerk 1962 - 64, hochmoderner und hochwertiger Bürobau der Zeit, der sich mit der "Berliner Traufhöhe" von 22 m in seine historische Umgebung einpasste.




Schmidt, Walter 1903 - 1962, NSDAP-Funktionär, 1933 bis 1945 Oberbürgermeister Chemnitz, zusätzlich stellvertretender Oberbürgermeister und Stadtkämmerer. Schmidt behält die Ämter bis zu seiner Flucht am 7. Mai 1945.
Um 1934 führt er den so genannten „Judenpranger“ ein, einen amtlichen Aushang, in dem man „Sympatisanten von Juden“ durch eine Meldung öffentlich denunzier konnte. Walter Schmidt treibt als Vorstand des „Amtes für Leibesübungen“ zwei Großprojekte des städtischen Sportbaus voran, die auch heute noch das Stadtbild prägen: das Stadtbad als modernes und architektonisch beeindruckendes Hallenbad (1935) und die „Süd- bzw. Großkampfbahn“ (1938), heute „Sportforum“, als Großstadion und Aufmarschgelände für nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen.
In der SA erreicht Schmidt 1938 den Rang eines SA-Brigadeführers, Mitglied des Aufsichtsrates der Auto Union AG Chemnitz.


Schmidt-Rottluff, Karl 1884 - 1976 * in Rottluff (Stadtteil von Chemnitz). Maler, Grafiker und Plastiker, gilt als ein Klassiker der Moderne und wichtigster Vertreter des Expressionismus.
Schmidts Vater ist der Mühlenbesitzer Friedrich Schmidt. Karl Schmidt wird im Wohngebäude der Mühle in Rottluff geboren und nennt sich seit 1905 Schmidt-Rottluff.
Siehe auch Schmidt-Rottluff



Schocken, Salman
Siehe Salman Schocken


Schocken, Simon 1874 - 1929, gründet mit Bruder Salman Schocken das Kaufhaus Schocken. Sie entstammen einer Posener jüdischen Familie. 1898 übernimmt er Leitung des Warenhauses Leonhard Tietz in Braunschweig. 1904 eröffnen die Brüder ihr erstes Kaufhaus Schocken in Oelsnitz/Erzgebirge und in den Folgejahren viele Filialen.
Als Auftraggeber und Bauherr schafft Simon Schocken mit Erich Mendelsohn die wegweisende Gestaltung von Kaufhausbauten, die u.a. in Chemnitz ihren einzigartigen Ausdruck finden. Als unumstrittener Wortführer der Zwickauer Juden wählt man Simon Schocken 1911 zum Gemeindevorsteher.


Stahlknecht, Johann Friedrich Ist das Haus des Lehrers eines der ersten auf dem Kaßberg? Die Inschrift "Ich habs gewagt", die er gleich vierfach auf die Fassaden aufmalen lässt, entbehrt nicht einer gewissen Theatralik. Zwar ist der Kaßberg zu dieser Zeit noch der Wilde Westen der jungen Industriemetropole, aber keinesfalls völlig unerschlossen und von wilden Tieren durchstreift. Abgesehen von mehreren Verbindungswegen und landwirtschaftlicher Nutzung nicht nur auf Altendorfer Flur gibt es auch schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts Bebauung des Areals von den Rändern her, also entlang der Limbacher Straße im Norden und der Niclasgasse im Süden.
Für das Gebiet der späteren Hohen Straße lassen sich schon auf dem Plan von 1828 mehrere Gebäude finden. Sie stehen links des Kappelbaches, ungefähr dort, wo sich heute die katholische Kirche befindet. Und ein abgewinkelter Weg nimmt schon damals den Verlauf des südwestlichen Teiles der Hohen Straße vorweg. "Hinter Peters Bad" nannte sich der Standort. Also war wohl Stahlknechts Haus doch das erste Gebäude auf dem stadtseitigen Kaßberghang?
Im Jahr 1855 beginnt der Bau des Bürgerschullehrers Stahlknecht. Das Haus befand sich auf dem Gelände, wo sich heute der Anbau des Gerichts erhebt, annähernd quaderförmig bemessen. Unter dem kräftigen Gesims wurde ein flaches Attikageschoß eingeschoben. Nur wenige Jahre nach dem Bau kam ein bescheideneres Gartengebäude hinzu. Nach Stahlknechts Tod kauft der Staat die Immobilie an. Hier befand sich das Baubüro für das Justizgebäude. 1927, mit Baubeginn für den Anbau des Gerichtsgebäudes, wird es weggerissen. Das Dekret der sächsischen Regierung 1868 verfügt die Gründung eines Gymnasiums in Chemnitz. Dei Stadt erwirbt ein Grundstück auf dem Kaßberg. Als Gegenleistung verpflichtet das Land sich, die Hauptkosten für den Ausbau der Hohen Straße zu übernehmen. Gleichzeitig wird die Kaßbergauffahrt als direkte Straßenverbindung zwischen der Innenstadt und dem aufblühenden neuen Stadtteil gebaut. 1908 wird sie verbreitert und verstärkt zur Errichtung einer Straßenbahnlinie entlang der Weststraße. Im Südwesten, nach dem Abzweig von der Reichsstraße folgt die Hohe Straße in einer langgezogenen S-Kurve dem Verlauf des Weges, der dort schon seit langem existierte. Danach nimmt sie die Biegung des Kaßberghanges auf, schneidet die Weststraße, um schließlich nach einer rechtwinklichen Kurve direkt in die Henriettenstraße überzugehen.

PS
Kantor der Schlosskirche war ein anderer, nämlich Andreas Heinrich Stahlknecht 1806 - 1857, Kantor und Musiklehrer in Chemnitz, der 1839 den Opernverein gründet (ab 1843 Singakademie).






Stelzer, Burkhart Spitzname Gonzo. Freund Ulrikes, wohnt Walter-Oertel-Straße 42


Stülpner, Karl der „sächsische Robin Hood“, 1762 - 1841, erzgebirgischer Soldat, Wilderer, Schmuggler, Fabrikant und Lebenskünstler.
Darstellungen seiner Lebensgeschichte in Erzählungen, Romanen, volkstümlichen Theaterstücken und Verfilmungen führen zu umfangreicher Legendenbildung, seine Heimatregion sieht ihn noch heute als Volkshelden an. Es gibt kaum Belegbares in seiner Biografie.
Eine 7-teilige Serie im DDR-Fernsehen von 1973 mit Manfred Krug in der Hauptrolle schildert einige Episoden aus Stülpners Leben.




Tamler, Jette














Thieme, Nachtwächter


Vogel, Hermann 1841 - 1917 Großindustrieller Chemnitz, Geheimrat, Medaillen- und Münzsammler, Mitglied des Verwaltungsrats des Internationalen Arbeitsamtes Genf. Beispiel für die umfangreiche und weltgewandte Ausbildung der Unternehmersöhne des 19. Jahrhunderts.
1837 gründet sein Vater Wilhelm Vogel eine Möbelstoffweberei mit Papierfabrik in Lunzenau und Chemnitz. Hermann Vogel bereitet sich frühzeitig auf die Übernahme des Familienunternehmens vor. Nach Lehre in Mittweida und Ausbildung in der Webschule in Chemnitz sammelt er Erfahrungen im In- und Ausland. Er erwirbt sich praktische Kenntnisse in der Firma von Louis Schönherr in Chemnitz, in Frankreich (Lyoner Webschule), Nordafrika, Spanien und Portugal. 1862 ist er als junger Kaufmann im sächsischen Ausstellungskomitee der Londoner Weltausstellung. Er besucht entsprechende Fabriken in Schlesien, Frankreich und England im Raum Manchester.
Die übernommene Firma führte er zu einem bedeutenden Textilunternehmen. Als Unternehmer selbst war er Mitglied in verschiedenen nationalen und internationalen Gremien.
Die Familie bewohnt bis 1928 die Villa Kaßbergstr. 5 und zieht danach ins Grundstück Beckerstr. 32 um.
Wohl die bedeutendste Privatsammlung an Münzen und Medaillen Deutschlands, ja vielleicht Europas. Bereits als 6-jähriger fängt Hermann Vogel an, Münzen zu sammeln, angeregt durch einen Bediensteten der benachbatien Knabenschule, dessen kleine Münzsammlung er später von der Witwe ersteht. Ab den 1860ern kauft der junge Kaufmann mit seinen Ersparnissen Münzen, vorwiegend Taler. Trotz seiner grossen industriellen Unternehmungen findet er auch später Zeit für seine Sammlung. Nach einem überreichen Tagwerk ist für Vogel die Beschäftigung mit seiner Sammlung, Ordnung, Beschreibung und Kommentierung fast ausschliessliche abendliche Erholung bis in die letzte Zeit seines Lebens. Er verfolgt die numismatische Literatur mit Eifer und auf Reisen begleiten ihn einschlägige Zeitschriften und Kataloge.
Im Juni 1946 wird seine Firma enteignet, seine Kunstsammlung dem Museum zugewiesen. Nach der Restitution schenkt seine Enkelin 1995 die Werke der Kunstsammlung Chemnitz.


Zuer, Wolfgang und Witwe Zuer
Andréstraße 43, Chemnitz




























Stichworte

"Bau"
1886 als königlich-sächsische Gefangenenanstalt in Chemnitz auf dem Kaßberg errichtet, bestehend aus dem Rund- und Verwaltungsbau, Haus A und B und Teilen des Hauses C.
In der Nazizeit dient das Gefängnis der Gestapo zur Inhaftierung politischer Gegner und der Verfolgung Chemnitzer Juden.
Nach 1945 bezieht der sowjetische Geheimdienst dort Quartier.
Ab den 1950ern bis 1989 betreibt das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Untersuchungshaftanstalten (UHA) in allen DDR-Bezirken und hält dort politische Häftlinge bis zur Verurteilung fest. Seit 1950 befindet sich die UHA im Bezirk Karl-Marx-Stadt in der Kaßbergstraße und verfügt zuletzt über 163 Zellen für 329 politische Gefangene. Die Anstalt ist in drei Trakte gegliedert. A: U-Häftlinge, B: für Freikauf vorgesehene Häftlinge, C: Reserve. Der Gebäudekomplex D-Haus entsteht nach dem 2. Weltkrieg.
Als größten der insgesamt 17 UHAs kommt dem Gefängnis in Karl-Marx-Stadt seit den 1960ern eine besondere Funktion als zentrale Durchgangsstation im Rahmen des deutsch-deutschen Häftlingsfreikaufes zu. Von hier aus gelangen etwa 33.000 Menschen in die Bundesrepublik. Im Volksmind wird der die UHA zum "Vogelkäfig" mit zwei Ausgängen: Vor dem einen steht ein Bus nach Bautzen, vor dem anderen ein Anwalt namens Vogel.
In einem Verfahren gegen einen Richter der DDR wegen Rechtsbeugung sagte ein Zeuge, den die Stasi von Cehmnitz nach Bautzen brachte, aus, man habe ihn in den fensterlosen großen nackten Raum des Transporters gesperrt, sei mit hoher Geschwindigkeit wilde Kurven gefahren und habe ihn, der sich nirgends festhalten konnte, umhergeschleudert, wodurch er sich schwere Prellunge am ganzen Körper zuzog.



Für viele von ihnen symbolisiert das Kaßberg-Gefängnis deshalb das „Tor zur Freiheit“.
2010 schließt die Teilanstalt Kaßberg, bis dahin U-Haftanstalt.
Der "Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis" setzt sich seit 2011 für den Bau der Gedenkstätte ein, der 2020 im ehemaligen Hafttrakt B beginnt.




Bitterfelder Weg
1959 veranstaltet der Mitteldeutsche Verlag eine Autorenkonferenz im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld, die klären soll, wie den Werktätigen ein aktiver Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen ist. Die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ und die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ sollte überwunden, die Arbeiterklasse am Aufbau des Sozialismus umfassender beteiligt werden. Dazu sollen Künstler und Schriftsteller in den Fabriken arbeiten und Arbeiter bei deren eigener künstlerischer Tätigkeit unterstützen (Bewegung schreibender Arbeiter). Die im Wesentlichen von Walter Ulbricht ausgegebenen Direktiven stehen unter dem Motto "Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!"
In der Tat kommt es zu einem Aufschwung der Laienkunst, etwa durch regelmäßig veranstaltete Arbeiterfestspiele. Dichter KuBa: „Das wird ein bitterer Feldweg werden.“ Volksmund: „Es seufzt der positive Held - weil ihm der Weg oft bitter fällt!“.
1964 stellt die 2. Bitterfelder Konferenz den Kulturschaffenden die Aufgabe, insbesondere die „Bildung des sozialistischen Bewusstseins“ und der „sozialistischen Persönlichkeit“ zu fördern. Erst nach 1970 betreibt man in allen die Förderung begabter Laienkünstler betrieben, die Zirkelleiter verschiedener Kunstrichtungen leiten sollen. Die Zusammenarbeit von Schriftstellern und Betrieben hält sich in Grenzen; auch die meisten Künstler sind wenig gewillt, durch dauerhafte Mitarbeit in der Produktion ihre lebensweltliche Erfahrung auszuweiten.


Chemnitzer Kunsthütte
1860 gründen 30 Chemnitzer Künstler und Kunstfreunde den Verein, der zu Beginn 30 Mitglieder zählt und 1924 die Höchstzahl von 1291 erreicht. Erklärtes Ziel: Künstler und Kunstliebhaber zusammenzuführen und den Menschen Kunst auf verschiedene Art nahezubringen.
1909 Umzug in das im gleichen Jahr eröffnete König-Albert-Museum. In der Nazizeit wird Wilhelm Rüdiger Museumsdirektor, der das Ziel hat, „alles der deutschen Rassenseele Fremde“ auszutilgen. 1945 Friedrich Schreiber-Weigand wieder Direktor der Städtischen Kunstsammlung, die SMAD löst 1947 die Kunsthütte auf, die Bestände gehen in den Besitz der Städtischen Kunstsammlung Chemnitz über.


Der Mann im Salz
Der junge, ungestüme und beneidete Bergmann Adelwart findet bei einer Sprengung im Salzbergwerk den gut konservierten Leichnam eines Urmenschen. Die abergläubischen Menschen, die der neuen ungewohnten Sprengtechnik mit Argwohn begegnen, vermuten in dem behaarten Entseelten den Teufel. Obwohl der Wahn der Hexenverfolgungen in Berchtesgaden gebrochen schien, flackert nun der religiöse Fanatismus wieder auf, geschürt durch die Hetzpredigten eines Gesandten des Fürsten. Schon bald wird die von Adelwart geliebte Madda als Hexe verleumdet, ihr wird der Prozess gemacht. Um sie zu retten, bleibt dem Liebespaar nur die Flucht. Gegen Ende des Romans, als die beiden einem spanischen Heer auf dem Weg nach Böhmen begegnen, kündigen sich die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges an.








Die Kyffhäuser Burg





DIE-Reihe


Kriminal-Buchreihe im DDR-Verlag Das Neue Berlin, bis zur Wendezeit etwa 130 Titel. Neuerscheinungen, Wiederveröffentlichungen und Übersetzungen zeitgenössischer Schriftsteller der DDR und aus den sozialistischen, osteuropäischen Ländern und dem westlichen Ausland.


Es fährt ein Zug nach nirgendwo



FF-Dabei



Golem
Mittelalterliche Figur der jüdischen Literatur und Mystik: Ein von Weisen mittels Buchstabenmystik aus Lehm gebildetes, stummes, menschenähnliches Wesen, das oft gewaltige Größe und Kraft besitzt und Aufträge ausführt.


Goombay Dance Band



Interhotel Kongreß
1969 bis 1974 in Karl-Marx-Stadt von Rudolf Weißer in der Auffassung der DDR-Moderne geplant und in Gleitbauweise errichtet und zum Teil mit einer Vorhangfassade verkleidet. Heute 3-Sterne-Hotel in Chemnitz zentral in der Innenstadt, mit 97 m und 29 Obergeschossen höchstes Gebäude der Stadt und zur Gruppe der Mercure Hotels gehörig. Im Obergeschoss das Panorama-Restaurant Jaltabar.








Mann mit Goldhelm
Rembrandt


Marilyn
Andy Warhol


Nacht in Saint Cloud
Edvard Munch


Nerudaklub
Die Klubs der Intelligenz sind Einrichtungen innerhalb des Kulturbundes der DDR, der 1954 zur Schaffung und Unterstützung der Klubs Richtlinien herausgibt. Hauptaufgaben als Treffpunkte der Angehörigen der Intelligenz sind vor allem Organisisation interdisziplinärer Gespräche, Durchführung von kulturellen Veranstaltungen und Herausbildung eines regen geselligen Lebens, um die die Schicht der Intelligenz in die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens der DDR einzubinden. Als man in den Klubs mit Entwicklung der „Theorie“ einer gewissen Unabhängigkeit vom Kulturbund und den „Bestrebungen unseres Staates“ feststellt, unterstellt der Zentralrat 1957 die Klubs dem Kulturbund. Das soll die „Geistesschaffenden“ zusammenfassen.
Zum einen sind die Klubs eine gewisse Zone für freie Diskussionen und Begegnungen, zum anderen jedoch begrüßen sie oft in offiziellen Stellungnahmen die Politik der Partei- und Staatsführung der DDR.
1989 bestehen 170 Klubs in allen größeren Städten der DDR mit jeweils zwischen 100 bis über 2000 Mitgliedern. Sie benannten sich meist nach historischen Persönlichkeiten der jeweiligen Stadt und bekamen attraktive Villen oder andere zentrale Gebäude in den Städten zugewiesen.
In Karl-Marx-Stadt/Chemnitz ist der Georgius Agricola Klub, später Pablo Neruda Klub in der Stadthalle ansässig.


Panzer

Schilderung des Bombenanschlags, den Josef Kneifel am 9. März 1980 verübt (sehr nah am Wiki-Beitrag)


Schocken


1930 eröffnet die Filiale des Schocken-Konzerns in Chemnitz. Die Entwürfe stammen vom Architekten Mendelsohn. Es ist vor allem durch seine dynamisch wirkende Fassade, deren Fensterbänder sich nachts als Lichtbahnen präsentieren, berühmt.
1936 übernimmt eine britische Bankengruppe die Mehrheit des Schockenbesitztes, um als „arisiert“ zu gelten. Ende 1938 folgt die vollständige „Arisierung“ des Konzerns durch den Verkauf an eine Bankengruppe unter der Führung der Deutsche Bank AG und damit die faktische Enteignung. Die Schocken AG heißt ab 1939 Merkur AG.
1949 werden die in der amerikanischen Besatzungszone liegenden Teile der Merkur AG an Familie Schocken zurückerstattet.
Der Name Schocken ist bis heute im Sprachgebrauch der Chemnitzer Bevölkerung erhalten. Im Chemnitzer Gebäude eröffnet 2014 das Staatliche Museum für Archäologie, wobei man im Zuge umfangreicher Sanierung die ursprüngliche Fassadengestaltung einschließlich des Schocken-Signets rekonstruiert.
Siehe auch Salman Schocken


Der Schrei
Edvard Munch


Shakin' Stevens



Synagoge
Alte und neue Synagoge Chemnitz
"Auf dem Reißbrett eines tschechischen Architekten entstanden"
Die Alte Synagoge am Stephanplatz in Chemnitz, erbaut 1897 bis 1899 für etwa 300.000 Reichsmaark nach den Plänen des Chemnitzer Architekten Wenzel Bürger (geboren 1869 in Jablonné v Podještedí, deutsch bis 1901 Gabel, ab 1893 Chemnitz). Die mit romanischen und gotischen Stilelementen versehene und für 700 Gottesdienstbesucher gebaute Synagoge ist das erstes jüdische Gotteshaus der Stadt.
Die Nazis verwüsten und stecken den Sakralbau in der Pogromnacht in Brand und beseitigen anschließend die Ruine schnell. Sie sprengen das noch stehengebliebene Mauerwerk und fordern die Jüdische Gemeinde zur Beseitigung dieses „öffentlichen Ärgernisses“ auf. 10 dienstfreie Feuerwehrleute und etwa 45 Helfer beseitigen in 5 Schichten bis 15. November die restlichen Trümmer, wofür die Jüdische Gemeinde 35.905 Reichsmark zahlen muss. Die Stadt kauft das Grundstück 1939 für 500 Reichsmark auf.
Gedenkstein: „An dieser Stelle stand die im Jahr 1899 von Rabbiner Dr. Mühlfelder geweihte Synagoge. Durch faschistische Brandstifter wurde sie in der Pogromnacht am 9. November 1938 in Schutt und Asche gelegt.“


Tietz


Wilhelm Kreis erbaut 1912 - 1913 das Warenhaus der H. & C. Tietz AG, mit seinen drei Lichthöfen für damalige Verhältnisse sehr modern mit aufwändigem Interieur. Zu Spitzenzeiten beschäftigt das Warenhaus bis zu 1200 Angestellte und Arbeiter, 1926 -1927 Erweiterungsbau.
Die Nazis schließen das Warenhaus 1938, da die Eigentümer-Familie Tietz und ihre leitenden Mitarbeiter Juden sind. SA- und SS-Leuten erschießen den Direktor Hermann Fürstenheim während der Novemberpogrome 1938 in seinem Wohnhaus. Das Warenhaus dient Lagerzwecken, in den Kellerräumen befindet sich während des 2. Weltkriegs ein Marinelager der Wehrmacht. Bei den Bombenangriffen 1945 brennt das Gebäude weitgehend aus, die Zivilbevölkerung plündert das Marinelager.
1963 eröffnet das HO-Warenhaus „Zentrum“, das mit der Wende die Kaufhof AG übernimmt. Bis 2004 aufwändig saniert, heute Kulturkaufhaus.


Tunnel




Wismut
Die Wismut AG ist bis 1990 weltweit viertgrößter Produzent von Uran. Das in Sachsen und Thüringen geförderte Uran, 1789 von einem Chemiker entdeckt, ist Rohstoffbasis der sowjetischen Atomindustrie, engstens verknüpft mit dem sächsisch-böhmischen Erzgebirge.
Mit Ende des 2. Weltkriegs kommen sowjetische Experten ins Land, finden mehr als 100 t Uranoxid in Neustadt-Glewe. 1946 beginnt die Wismut (Tarnbezeichnung) mit der Uranförderung. Sitz der AG wird Chemnitz, ab 1952 in der Jagdschänkenstraße.
Den hohen Bedarf an Arbeitskräften decken die Sowjets durch Arbeitsverpflichtungen sowie intensive Werbemaßnahmen. 1946 bis 1947 zwingen sie etwa 44.000 Arbeitskräfte zur Arbeit, ab Anfang der 1950er unter verschärfter Objektbewachung und Überwachung der Belegschaft, was zur Bestrafung hunderter Bergleute wegen kleinerer Vergehen mit drakonischen Strafen führt. Darüber hinaus verschleppen die Sowjets mindestens 70 Wismut-Mitarbeiter allein 1951 bis 1953 als vermeintliche Spione in die Sowjetunion und richten sie hin.
Mitte 1949 dehnt sich das Arbeitsgebiet der Wismut nach Thüringen aus. 1953 erreicht sie Zahl der Arbeiter mit 132.800 ihren Höhepunkt und sinkt bis 1962 auf etwa 45.000. 1990 einigen sich DDR und die UdSSR, die Tätigkeit der SDAG Wismut zum 1. Januar 1991 einzustellen, was die meisten der 10.000 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz kostet. Die Bundesrepublik übernimmt das Unternehmen, deren Ziel es nun ist, eine ökologisch sinnvolle Sanierung der Wismut-Standorte durchzuführen und akzeptable Umweltverhältnisse zu schaffen.



Die Bergarbeiter waren schweren gesundheitlichen Gefährdungen ausgesetzt. Die minderwertige technische Ausstattung sowie mangelnde Erfahrung und Ausbildung der verpflichteten Arbeiter sind Grund für die hohe Zahl von Arbeitsunfällen vor allem in den 1940ern und 1950ern, 772 tödliche Arbeitsunfälle 1946 bis 1990.
Silikose löst feinster Staub aus, der beim Bohren, Transport und bei Bearbeitung des Erzes entsteht. Vor allem die quarzreichen Erze und Gesteine stellen die größte Silikosegefahr dar. Quarzstaub ist an vielen Arbeitsstellen bis zur Produktionseinstellung 1990 ein Gesundheitsrisiko. Bis 1997 werden im Zeitraum 1952 bis 1990 etwa 15.000 Silikosefälle als Berufskrankheit anerkannt.
Strahleninduzierter Lungenkrebs, genannt Schneeberger Krankheit, an zweiter Selle der Berufskrankheiten. Radioaktive Isotopen setzen sich in der Lunge der Bergarbeiter ab und das Gewebe radioaktiver Strahlung aus. Erst ab 1956 führt man Messungen der radioaktiven Belastung durch, stellt aber die Messwerte längere Zeit den für die Anerkennung von Berufskrankheiten zuständigen Ärzten aus Geheimhaltungsgründen nicht zur Verfügung.
Bis 1997 erkennt man aus der Zeit 1952 bis 1990 5.275 Fälle, von 1001 bis 2011 3.700 Fälle von Bronchialkrebs durch ionisierende Strahlung als Berufskrankheit an. Dazu sterben 100 Menschen mit Kehlkopfkrebs. Für Entschädigungen fließen bis 2011 fast eine Milliarde € an ehemalige Wismutmitarbeiter.
Weitere bergbautypische Berufskrankheiten sind Vibrations- und Überlastungsschäden, Gehörschäden, Hauterkrankungen und Erkrankungen durch toxische Stoffe - von den ungeheuren Umweltschäden genz zu schweigen.




Wolgograder Statue



Daten

6. Februar bis 11. April 1945: Einheiten der Royal Air Force (RAF) und United States Army Air Forces (USAAF) fliegen 10 Luftangriffe auf Chemnitz, werfen über 7.700 t Sprengmittel und Brandsätze ab und vernichten die Innenstadt zu 80 %.

Rätsel

im Kapitel "Stefan"

Wer ist S. H., der mit 66 beginnt, seinen Nachruf zu schreiben?
Wer ist der 2 Jahre jüngere S.H., der seinen Nachruf auf 140 Seiten prächtiger und gewichtiger schreibt, als sein Leben tatsächlich war und der sich statt Rudolf Stephan H. nennt?
Welche Orden machen Helmut alias Stefan stutzig?
S.H. alias Stefan alias Helmut Flieg, ist Stefan Heym, geboren am Kaiserplatz in Chemnitz vor den zwei Kriegen, also 1913, steht auf dem aus Hindenburgplatz in Gerhardt-Hauptmann-Platz umbenannten Platz auf dem Kaßberg und beginnt seinen eigenen Nachruf, der 1988 erscheint.



Der jüngere S.H. ist Stephan Hermlin, geboren Chemnitz 1915, alias Rudolf Leder, der 1979 "Abendlicht", autobiografische Texte, schreibt.
Hermlin bezeichnet Heym als seinen ältesten Freund. »Wir kennen uns seit meinem 13. und seinem 15. Lebensjahr“. Er sei zwei Jahre lang zusammen mit Heym auf dem Staatsgymnasium in Chemnitz zur Schule gegangen. Hermlin habe Heym damals schon bewundert, da dieser bereits ein gedruckter Autor gewesen sei - ein antimilitaristisches Gedicht von ihm sei in der berühmten »Weltbühne« erschienen. »Das war für mich etwas Ungeheures, dass ein 15jähriger Junge in einer berühmten Zeitschrift gedruckt wurde.« Diese Freundschaft habe bis heute gehalten. Es habe keine Brüche gegeben, sondern nur Unterbrechungen, »und daran war ein gewisser Adolf Hitler schuld«. Heym habe später die amerikanische Uniform angezogen »und ich die französische«, erinnerte sich Hermlin.
»Ich war übrigens auch der erste, dem er dieses Stasi-Dokument zeigte, das in seinem .Nachruf auch vorkommt und das der Mann in Heyms Garten verloren hatte.« Es war das Notizbuch des Stasi-Mannes mit dessen Aufzeichnungen zur Überwachung Heyms. »Es war grotesk und lächerlich«, erinnert sich Hermlin, der zu Heym sagte: »Gut aufheben!«
1996 ist in der ZEIT zu lesen:
Stephan Hermlin hat seinen Lebensmythos erlogen:
Ein Großteil seines autobiographischen Werks, der Bilanzschrift "Abendlicht" ist die Inszenierung einer großangelegten Lebenslüge.
Das 1979 erschienene Werk wurde immer als Hermlins Autobiographie gelesen.
Wahr ist: Sein Vater heißt David Leder, geboren 1888 in Jassy, Rumänien. 1889 zieht die Familie nach Chemnitz. Seine Mutter ist Lea Laura Bernstein, Jüdin, 1892 in Tarnov, Galizien geboren. Hermlin leugnet ihr Judentum.
So geht Hermlin mit der Rolle seines Vaters während des Ersten Weltkriegs um: "Ich sehe ihn, wie er das Kinderzimmer betritt . . . ich war etwa 6 Jahre alt. Ich solle die Hände aufhalten, sagte er, hier habe er etwas für uns zum Spielen. Es waren zwei kleine metallene Gegenstände, die beiden Orden, die er aus dem Krieg mitgebracht hatte. Wir wussten nicht, was mit ihnen anzufangen war, aber sie lagen noch lange zwischen unseren Stofftieren und kleinen hölzernen Automobilen. Später erfuhr ich, dass mein Vater, der 1914 die wilden nationalistischen Ansichten der großen Mehrheit geteilt hatte, verändert, verwandelt zurückgekommen war."
Ein rumänischer Staatsbürger ist im Deutschen Reich aber nicht wehrpflichtig und konnte deshalb auch schwerlich militärische Orden erringen. Zudem erklärte Rumänien 1916 Österreich-Ungarn den Krieg, David Leder ist plötzlich Angehöriger eines Feindstaates der Mittelmächte und wird wie die übrigen männlichen Familienmitglieder für die letzten Kriegsjahre im Lager Holzminden interniert. Nach dem Ersten Weltkrieg übersiedelt David Leder mit seiner Familie aus Chemnitz nach Berlin. 1925 verlegt Vater David Leder seine Geschäfte wieder von Berlin nach Chemnitz. Sohn Rudolf Leder alis Hermlin muss die Quarta wiederholen, und Vater David geht bankrott.

Im Fragebogen der amerikanischen Militärregierung 1946, gibt Hermlin an, er habe von 1930 bis 1932 das Steglitzer Gymnasium besucht und 1933 am Prinz-Heinrich-Gymnasium zu Berlin das Abitur abgelegt. Schon rein rechnerisch ist das unmöglich. Aufgrund seiner schulischen "Ehrenrunde" in der Quarta zu Chemnitz wäre er frühestens 1935 zum Abitur zugelassen worden, usw. usw. Unglaublich!

Welcher Rotbart des 12. Jahrhunderts droht mit Wiederkehr? Heute Barbarossa-Straße, damals Rudolph-Harlaßstraße, die zum Gerhardt-Hauptmann-Platz führt.

Wer war Helmut Just (1933 - 1952), der der Hartmannstraße den Namen nahm?
Er wird im Dienst der Ost-Berliner Volkspolizei (VP) an der Sektorengrenze zu West-Berlin erschossen. Täter sind nicht zu ermitteln. Die DDR-Propaganda erhöht ihn als einen von „westlichen Terroristen ermordeten Grenzschützer“, auch als 1967 das MfS eher die organisierte Kriminalität in Berliner Boxer- und Schieberkreisen, in denen Just zuvor verkehrte, hinter der Tat sieht.
Vor Tötung Justs findet ein Entführungsversuch von Sowjetsoldaten an der Grenze statt, was den Einsatz eines West-Berliner Funkstreifenwagens zur Folge hat, wobei Sowjetsoldaten Polizeioberwachtmeister Herbert Bauer erschießen. Die Trauerkundgebung vor dem Rathaus Schöneberg und die Fahrt des Leichenwagens zum Friedhof „Am Nordgraben“ ziehen hunderttausende Trauernde an. An diesem Tag hat Just 19 bis 20.00 Uhr Postendienst auf der Behmbrücke. 20.45 Uhr geht er zu Fuß in Richtung Schwedter Straße, um seinen Posten am Gleimtunnel zu erreichen. Ein Polizist findet ihn tot mit einer Blutlache um den Kopf auf dem Bürgersteig, seine Dienstwaffe fehlt.
Die Schule, aus der Helmut wegen seines Gedichts verjagt wird, heißt 1948 Oberschule mit Altsprachenbezug, 1949 wird sie in Friedrich-Engels-Oberschule umbenannt ("der 2. Gesellschaftstheoretiker, der den Staat geprägt und weder das Gebäude, noch die Stadt je betreten hatte!").
" ... die Schulbank gedrück, wie 30 Jahre vor ihnen Karl Schmidt ... ein berühmter Expressionist": Karl Schmidt Rottluff
Goyim oder Gojim: Im Jiddisch Nichtjuden



im Kapitel "Helmut"

1889 aus Rumänien nach Chemnitz gekommen, arbeitet sich Leon Leder, der Großvater Hermlins, vom Hausierer empor zum angesehenen Kaufmann, mit regen Handelsverbindungen zum Balkan. Seine 2 Söhne, David und Max, gehen beide dem väterlichen Geschäft nach, und zur Familie gehört als prominentes Mitglied außerdem ein Vetter, Karl Leder.
Man besitzt ein mehrstöckiges Miethaus und einen feudalen Wohnsitz auf dem Kaßberg. Man betätigt sich als ehrgeiziger und ziemlich erfolgreicher Kunstsammler und ist damit in Chemnitz nicht allein. Zu überregionalem Ruhm bringt es der vom Kaßberg stammende Strumpffabrikant Herbert Esche, der Edvard Munch beherbergt und fördert, der Bilder van Goghs und Signacs besitzt und dessen durch Henry van de Velde errichtetes und ausgestattetes letztes Wohnhaus in der Parkstraße zu einer förmlichen Ikone des europäischen Jugendstils gedeiht und noch heute Besucher anzieht.
Es gibt einen einflussreichen Verein, Kunsthütte geheißen, der wichtige Ausstellungen richtet und in dem die meisten Chemnitzer Sammler Mitglied sind. Die Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz galten bis 1933 als eines der wichtigsten Avantgarde-Museen in Deutschland. Eine Großzahl ihrer Stücke sortieren 1937 die Nazis als entartet, vernichten oder verkaufen sie ins Ausland.
Die Leders sammeln klassische und aktuelle Moderne. David Leders Gattin Lea Laura, genannt Lola, wird bevorzugtes Modell des alten Max Liebermann, der insgesamt 9 große Porträts von ihr verfertigt. Eines der letzten noch im Familienbesitz befindlichen Lola-Leder-Porträts versteigert anfangs der 1990er das Berliner Auktionshaus Villa Griesebach im Auftrage Stephan Hermlins.
"Ich sehe mich, winzig auf dem kleinen, kreisrunden Platz mit seinen Villen, den Kopf im Nacken (so deutlich hat dieser Platz von allen Seiten her sich um mich gelegt), dass ich ihn nach Jahrzehnten augenblicklich wieder erkenne) und eine Stimme neben mir, über mir fragt: 'Siehst du den Aeroplan?' Ich sehe ihn deutlich, er fliegt tief über den Baumwipfeln; deutlich sehe ich auch die geschweiften Eisernen Kreuze unter seinen Tragflächen: Es ist noch Krieg... Ich lebe im Haus meiner Großmutter, das an einer langen, stillen, nach einem ehemaligen Bürgermeister benannten Straße liegt. Diese Straße bildet den größten Teil meines Schulwegs; sie wird in Abständen rechtwinklig von anderen steilen Straßen geschnitten, die von der Stadt her auf den Berg führen. Die Straße erblicke ich nur in einem grüngoldenen Sommerlicht, das nie wechselt. Sie ist erfüllt vom dichten Laubwerk ihrer Bäume, die über Vorgärten schatten, über der Bäckerei, die einem Abgeordneten des Reichstags gehört. Träge Vogellaute erfüllen die Luft, die Glocke an der Tür des Bäckerladens schlägt manchmal an. Wolken zerrinnen über den Dächern."
Die Schule befindet sich nicht weit von der großelterlichen Wohnung entfernt, in der Hohen Straße: das früher Königliche und nunmehrige Staatsgymnasium. Hier hat im Jahre 1931 den jüdischen Primaner Helmut Flieg das consilium abeundi ereilt, da er es gewagt hatte, ein antimilitaristisches Gedicht zu veröffentlichen, in der linken Tageszeitung "Volksstimme". Er bleibt der schönen Literatur treu und legt sich, wie sein späterer Freund Stephan Hermlin, ein Pseudonym zu - Stefan Heym. Geboren und aufgewachsen am Kaßberg, die erste Wohnung der Familie liegt am Kaiserplatz, der später den Namen des Dichters Gerhart Hauptmann erhält, die zweite, größere und vornehmere, an der Hoffmannstraße.
1945 besucht US-Sergeant Stefan Heym die Stätten seiner Kindheit wieder:
"Die Hoffmannstraße. Das Haus, in dessen Parterre die Fliegs einst wohnten, steht noch; der wilde Wein jedoch, der an den Mauern rankte, ist verbrannt, und die Mauern selber sind besät mit Narben, die Kugeln und Granatsplitter in sie rissen. Die Wohnung ist abgeschlossen; er läutet, keine Antwort. Er steigt durch den Keller in den Hintergarten, dann die paar Stufen zur Terrasse hinauf; von dort gelangt er, ein kräftiger Druck genügt, durch die Küchentür in die Wohnung. Aber es ist nichts mehr da von früher..."
Die Texte der jüngeren Autoren erzählen von einem Kaßbergalltag, der keine Geschichte mehr zu kennen scheint, die Schäden der Vergangenheit sind störende Fassadenlöcher, die man kindlich mit Gips zu verschmieren sucht. Der Kappelbach, der südlich am Kaßberg vorüber fließt, führt manchmal Hochwasser, zur Schneeschmelze und nach anhaltenden Regenfällen, dass man genötigt ist, Sandsäcke heranzufahren und zu stapeln. "Hier flammt kein Dornbusch, hier brennen die Müllcontainer. Den Sternen nicht näher, doch der Himmel drückt tiefer manchmal", schreibt Barbara Köhler.
Seit 1990 werden auf dem Kaßberg die erhaltenen Gebäude saniert, manchmal sehr aufwändig, so kehrt etwas vom alten zivilisatorischen Glanz zurück, aber er bleibt gewissermaßen anonym, finanziert und unterhalten von gesichtslosen Immobilienfonds. Das Viertel wird zum Flächendenkmal. Die Preziosen zeigen sich auffälliger, als sie je waren: die so genannte Kyffhäuserburg in der Hübschmannstraße, die Majolikahäuser in der Barbarossastraße, auch die schöne Markthalle an der Kaßbergauffahrt, die, da sie als Markthalle immerhin genutzt wird, dem Ruch des Musealen entkommt. Dazwischen erheben sich kommerzielle Neubauten, wie man sie überall finden kann, mit den üblichen Glas- und Leichtmetallapplikationen der Postmoderne.
Kerstin Hensel beschreibt, was jedem lebendig bleibt, der jemals am Kaßberg lebte, nämlich "diese Straßenbahnen, die sich quälen. Die Kaßbergauffahrt hinauf, quietschend und scheppernd und mondgelb. Manchmal, wenn der Wind ungünstig steht oder wenn Unglück im Anzug ist, kippt die Straßenbahn in der unteren Kurve des Kaßbergs um. Sie fällt müde auf die Seite, und die Fahrgäste entkommen unverletzt dem Notausstieg."
Surreale Mythen. Sie reflektieren die Wirklichkeit, die am Kaßberg wie sonst in der Stadt mit ihren uniformen und allzu breiten realsozialistischen Straßenschneisen, in denen keine Erinnerung mehr ist an die Kleinteiligkeit der im Krieg ausgelöschten Innenstadt. Sie erzählen auch etwas von dem plebejischen Trotz, den es hier gibt. Die gemeinsächsische Neigung zur Larmoyanz ist in Chemnitz deutlich unterentwickelt.
Es scheint sich auszahlen zu wollen. Die mit dem benachbarten Zwickau unterhaltene Technische Universität, eine Nachwende-Gründung, überrascht auch mit geisteswissenschaftlichen Aktivitäten. Die städtischen Kunstsammlungen unternimmt einiges, dass sie jenen Rang zurückgewinnen, den sie vor 1933 hatten. Die Sammlung des Münchner Kunsthändlers Gunzenhausen gilt als eine der größten Privatkollektionen von Arbeiten der klassischen Moderne. Die schütteren Bestände, die nach dem Bildersturm der Nazis in Chemnitz verblieben, werden auf wundersame Weise ergänzt. Der Geist des alten Kaßberg kehrt zurück.


wir

Der Betreiber der Webseite ist 1992 bis 2010 Richter und Staatsanwalt am Landgericht Chemnitz auf der Hohen Straße
Das Buch von Patricia Holland-Moritz vertieft seine Einblicke und die Sympathie für die Kaßbergener, danke!
Besonders interessant waren seine 62 Verfahren gegen Kollegen aus der DDR wegen Rechtsbeugung.
In Kleinolbersdorf hat sich der Richter ein Holzhaus gebaut, seine 2. Frau ist 1969 in Harthau geboren ...

Der Bau (Knast) stand (steht) hinter dem Landgericht. 1992 fanden wir "Wessis" im Keller des Gerichts in den Stasi-Verhörräumen das "Saunabuch", wo sich die Stasi-Leute mit Datum, Uhrzeit (auf die Minute genau) und Dienstgrad eintragen mussten.
Im Bau wurden die "Freigekauften" aus der ganzen DDR gesammelt und beim Menschenhandel mit Westbussen hinausbefördert. Freigekauft hat der Westen nur ab 2 Jahre aufwärts - ob das die DDR-Richter wussten und entsprechend höhere Strafen verhängten, haben wir nie rausgekriegt ...
Ein spektakulärer Fluchtversuch aus dem Bau - die Öffentlichkeit hat davon nichts erfahren - hat sich 1993 zugetragen: Zwei Schwerverbrecher bewältigten sich eines Aufsehers und dessen Waffe, stiegen aufs Dach und drohten, falls man sie nicht freilasse, mit Tötung des Beamten durch Absturz in die Tiefe. Der Polizeipsyschologe beruhigte sie und gewann Zeit, das SEK flog mit einem Helikopter frontal auf die am Dachrand stehenden Täter zu, die sich erschrocken duckten und rückwärts auswichen, Polizisten überraschten sie von hinten: Festnahme.








WELT 9.2.2008:

Aschenputtel Chemnitz

Vieles im ehemaligen "deutschen Manchester" ist seit 1933 untergegangen. Aber der Geist des alten Kaßberg-Viertels kehrt zurück
Unter den drei großen Städten des einstigen Königreichs und nunmehrigen Freistaates Sachsen spielte Chemnitz immerfort die Rolle des Aschenputtels. Das hatte mit der vergleichsweisen historischen Unerheblichkeit zu tun und mit der geopolitischen Lage, unmittelbar am Eingang des Erzgebirges, das, seit der mittelalterliche Silberbergbau zum Erliegen und der darauf basierende Wohlstand abhanden gekommen waren, über Jahrhunderte zur Armeleute-landschaft herabsank, mit einer auffälligen Neigung zur religiösen Sektenbildung. Der ökonomische Aufstieg von Chemnitz begann im späten 19. Jahrhundert, durch eine bald prosperierende Textil- und Maschinenbauindustrie, ein Großteil aller deutschen Lokomotiven wurden hier hergestellt, man nannte die Stadt "deutsches Manchester" oder "Rußchemnitz", was erschöpfende Auskunft erteilt über ihre Funktionalität wie auch über ihre Ästhetik.
Die Industrialisierung schuf ein Proletariat von beträchtlicher Kopfzahl und mehrheitlich radikaler Gesinnung. Fritz Heckert, führendes Mitglied des Spartakusbundes und, später, der KPD, stammte aus Chemnitz. Dies alles konnte nicht verhindern, dass Adolf Hitler, als er deutscher Reichskanzler war, seine erste Ehrenbürgerschaft in Chemnitz erhielt: Die Stadt habe keinen Charakter, hieß es bei Beobachtern, und dies verstehe sich in einem durchaus umfassenden Sinn.
Übertreibung? Realismus? 1945, als die braune Herrschaft vorüber war und alliierte Bombardements ein zu mehr als drei Vierteln zerstörtes Weichbild hinterlassen hatten, schlug das Pendel des politischen Opportunismus zurück und erbrachte neben einer Bautätigkeit, die das einstige Gesicht bis zur Unwiederbringlichkeit entstellte, noch einen neuen Namen, Karl-Marx-Stadt, mitsamt eines entsprechenden Denkmals, wiewohl doch der Gründervater des wissenschaftlichen Sozialismus niemals einen Fuß hierher gesetzt hatte.
Zu solchen düster eingefärbten zivilisatorischen Hintergründen will es wenig stimmen, dass die Stadt Chemnitz eine erstaunlich große Anzahl von einflussreichen Intellektuellen hervorgebracht hat: den Maler Karl Schmidt-Rottluff und die DDR-dissidente Bildkünstlergruppe Clara Mosch, die Publizisten Peter von Zahn und Alexander Gauland, Literaten wie Stefan Heym, Stephan Hermlin, Irmtraud Morgner, Kerstin Hensel und Barbara Köhler.

Auch Walter Janka, Verlagsleiter in Mexiko wie in Ost-Berlin, politischer Häftling unter zwei deutschen Diktaturen und gegen Ende seines Lebens ein viel gelesener Autor, stammte aus Chemnitz.
In seinen Memoiren erinnert er sich dankbar der Humboldt-Schule, das war die erste weltliche Lehranstalt Sachsens, in der es keine Prügelstrafe und keinen Religionsunterricht gab, und er erinnert sich des damaligen Bürgermeisters, eines Austromarxisten, der ihm wie andere Arbeiterkindern zu einer Bildungsreise nach Österreich verhalf. Alles dies muss das herkömmliche Bild von einer Stadt, gemacht aus Industriedreck und feiger Anpassung, erheblich irritieren.
Für die auffällige Massierung von Kunstsinn in Chemnitz existiert eine zentrale Adresse. Sie trägt den Namen Kaßberg. Nicht alle in der Stadt beheimateten Künstler lassen sich auf jenen Stadtteil beziehen, aber sie werden durch ihn begreiflich. Er hat den furchtbaren Luftangriff vom 5. März 1945 leidlich überstanden, mit partiellen Schäden, doch die stadtgeographischen Strukturen blieben erhalten und weiterhin erkennbar. Das Viertel mit seinem etymologisch schwer erklärbaren Namen, westlich der Altstadt gelegen, am linken Ufer des Chemnitzflusses, war Bierkeller und Verteidigungsschanze, ehe im 19. Jahrhundert seine eigentliche Siedlungsgeschichte begann. Sie folgte einer überwiegend am rechteckigen Straßenraster US-amerikanischer Großstädte orientierten Planung, mit einigen zentralen Verkehrsadern, manche Straßennamen erinnerten an Personal und Ereignisse des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Es gab ein deutliches Sozialgefälle der Einwohnerschaft in der Richtung von Süd nach Nord, äußerlich ablesbar an der Qualität der entstandenen Architekturen. Die Häuser südlich der Weststraße waren die eleganteren. Hier lebte ein Gutteil der Chemnitzer Bourgeoisie.
Ihr gehörten zahlreiche jüdische Familien an, Fabrikanten wie Goeritz, Kupferberg, Fürstenberg und Ladewig. Jüdisches Leben in Chemnitz war auf den Kaßberg konzentriert, hier befindet sich der jüdische Friedhof, und hier, am Stephansplatz, stand die 1898 geweihte, im maurischen Stil errichtete Synagoge. Sie verfügte über eine Orgel, war also Tempel einer Reformgemeinde, im Synagogalchor sangen auch Nichtjuden. Das Gebäude wurde am 9. November 1939 niedergebrannt und fortgeräumt. Der Sitz der Chemnitzer Gestapo befand sich nahebei.



Das schreibt die Leipziger Volkszeitung:

Von Karl-Marx-Stadt nach Chemnitz:
Der Roman „Kaßbergen“ zeigt Zeitgeist und Lücken


Der Kaßberg war bis 1945 das Chemnitzer Stadtviertel der besseren Schichten - und ist heute wieder das beliebteste Wohngebiet. Karl-Marx-Stadt hat vor 30 Jahren den übergestülpten Namen wieder abgelegt. Marx hat die Stadt nie betreten.
Beim weiteren Lesen kommt die Ahnung auf, Thema des Romans sei das arrangierte Überleben in einem Staat der Mangelwirtschaft, Zensur und Überwachung. Geschimpft wird viel, doch Ulrike weiß schon früh, was man nicht laut auf der Straße sagen darf. Gesoffen wird auch viel, doch die geballte Faust bleibt in der Hosentasche stecken. Auch Gonzo, der Punker vom Gerhart-Hauptmann-Platz, Ulrikes einziger Freund, aber nicht Geliebter, ist kein Oppositioneller. Dennoch hat ihn die Stasi verhaftet, nachdem ein sowjetischer Denkmal-Panzer gesprengt wurde.
Er kommt frei, aus dem angeblich nicht existenten dritten Ausgang des Gefängnisses auf dem Kaßberg. Der erste führt nach Bautzen, der zweite über Anwalt Vogel in den Westen. Wer den dritten nimmt, ist nun wahrscheinlich „andersrum“, wurde also als Informant angeworben.
Mit etwas Fantasie kann man hinter dem schwulen Kunstsammler Johann „Schong“ Müller-Rabenstein den tatsächlichen Georg „Schorsch“ Brühl vermuten. Wer in der bis heute an Schriftstellern so armen Großstadt dieser Autor Ronald Schaarschmidt sein soll und wer die Künstlergruppe Kljutsch, benötigt noch mehr Vorstellungskraft. Es ist eben Belletristik.
Wer woanders herkommt, weiß mit Begriffen wie Timurhilfe, Natoplane und Scheuerhader vielleicht nichts anzufangen. Sie schaffen Kolorit, so wie Clogs und Nietenhose dem Zeitgeist der 70er entsprechen. Aber auffällig sind handwerkliche Mankos.
Der eingangs trotz seiner Schrullen so liebevoll beschriebene Großvater ist plötzlich tot, wie man nachträglich erfährt. Zwischen der Einschulung der Erzählerin und ihrer Jugend klafft eine unerklärte Lücke. Die schluckt sogar die Mutter, die nach der Scheidung einen Wessi heiraten will, über fast 200 Seiten verschwindet, dann doch wieder nur zwei Straßen weiter wohnt, ihren Geliebten ab und zu in Karlsbad trifft.
Auch die Namensfindung Kaßbergen ist fragwürdig, werden doch alle anderen Ortsnamen und Straßen korrekt benannt, bei Komposita wie Kaßbergauffahrt funktioniert es dann schon nicht mehr.
Am Ende bleibt ein Gefühl des Nichterzählten. Auf die historischen Ausflüge hätte man verzichten können zugunsten einer dichteren jüngsten Vergangenheit – und eines Ausblicks.

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