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(mit Vollbild F11 am schönsten!)






Denis Sarazhin



At the pinnacle
Öl auf Leinwand 2019



Denis Sarazhin ist 1982 in Nikopol/Ukraine geboren. Er macht sein Examen 2008 an der Kharkov Kunst und Design Akadademie. Er spezialisiert sich auf Malerei, die ukrainische Kunstakademie zeichnet ihn mit dem 1. Diplom für herausragende Leistungen in der Malerei aus. Seit 2007 ist er Mitglied der Sektion Kharkov im Verband der ukrainischen Künstlerallianz.
Weitere Bilder Sarazhins
Linda Wehrli erzählt von ihrer Begegnung mit dem Künstler:
Im Dezember 2017 während ihres Besuchs der Galerie in Culver City/Beverly Hills entdeckt sie einen großen, dunkelhaarigen jungen Mann in Jeans und Hoodie, der mit einer Gruppe ukrainisch spricht. Der Galerist bestätigt, es sei der Künstler. Sie will sofort mit dem Künstler sprechen, aber ihr weiser Ehemann überzeugt sie, zuerst seine Werke anzusehen, damit man etwas Sinnvolles mit ihm besprechen könne. Sie ist angenehm überrascht, wie zugänglich und freundlich der Künstler ist. Anfangs etwas schüchtern, aber als sie ihm sagt, Kunstlehrerin zu sein, ist er beruhigt.
Sie hört, dass sie beide die Künstler Sorolla, Zørn und Sargent schätzen und erwähnt, dass sie seine Werke Egon Schiele und Gustav Klimt erinnerten. Er lächelt, das höre er oft. Sie fragen ihn nach den detaillierten Entwürfen. Er verwende Stifte mit japanischer Tinte und trage dann transparente Farbschichten auf.
Steve Diamant, der Galerist erzählt:
"Um mich zu entspannen, bevor ich schlafen gehe, scrolle ich durch Instagram. Eines Nachts erregte ein Bild meine Aufmerksamkeit. Ich konnte es nicht glauben. Es war, als wäre Egon Schiele wiedergeboren worden! Ich habe mich an den Künstler gewandt und er hat sofort geantwortet. Er ist sehr Social-Media-versiert."

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John Singer Sargent



Édouard und Marie-Louise Pailleron
1881

Der bedeutendste US-amerikanische Porträt-Maler (1856 - 1925) seiner Zeit - um die Wende ins 20. Jahrhundert weltweit der am meisten gefragte, gefeiertste und teuerste Maler für Porträts, dessen Lebenswerk ca. 900 Ölgemälde, 2.000 Aquarelle sowie unzählige Skizzen und Kohlezeichnungen umfasst. Darin spiegeln sich auch seine umfangreichen Reisen wider. Nach seiner Ausbildung in Paris lebt er überwiegend in London, bereist aber auch Kontinentaleuropa von Norwegen bis nach Korfu, den Nahen Osten und kehrt mehrmals in die USA zurück.
Seine Eltern leben aus gesundheitlichen Gründen in Europa und bleiben selten länger an einem Ort. Wegen dieser unkonventionellen Lebensweise geniesst Sargent wenig formelle Schulbildung.

Das Porträt der Madame X von 1884 löst einen Skandal aus. Man rühmt Sargent immer wieder für seine technischen Fähigkeiten, besonders mit dem Pinsel zu malen, sie bringt ihm aber auch den Vorwurf der Oberflächlichkeit ein.









Jenny Saville



propped
1993 (aufgebockt)

Stehende, auf den Betrachter starrende dicke Frau, gänzlich nackt, umklammert wütend eine Speckrolle mit der linken Hand - ist sie von sich selbst angeekelt oder stolz auf ihren Umfang? Die andere Hand scheint verkrampft. Saville lenkt den Fokus zuerst auf den starrenden Blick, enorme Brüste, die Frau begegnet uns unerschrocken in ihrer Nacktheit, auf dem Körper angedeutete Wörter: Notizen der französischen Feministentheoretikerin Luce Irigaray in Spiegelschrift (ca. 10 Zeilen)
Ist sie das wirklich?
Oder dies?
Eine der interessantesten, komplexesten, ehrgeizigsten und instinktivsten figurativen Malerinnen, die heute weltweit arbeiten. Zum Preis des Bildes passen die Superlative jedenfalls: Mit ihm hält Saville den Rekord für das teuerst verkaufte Kunstwerk einer lebenden Künstlerin (8,25 Mio. £, mit Aufgeld 9,5 Mio. £), 2018 bei Sotheby`s.

Oder ist sie das?


Selbstbildnis

Oder das?


Cindy, 1993

Savilles Sorge um die Körperlichkeit, ihre fortwährende Beschäftigung mit der Manipulation des Körpers. Bedenken, die aus der Zeit von Savilles Erfahrung, einen kosmetischen Chirurgen bei der Arbeit zu beobachten, herrühren.


Matrix, 1999


Rubens Flap



Erweiterung des Themas

Eine noch gründlichere Verschmelzung von abstrakten und figurativen Elementen beginnt. Saville multipliziert die mehreren Figuren selbst, dank der Transparenz des Zeichnens kann sie mehrere Realitäten gleichzeitig darstellen, was die zunehmende Komplexität ihrer Technik sowie ihre konzeptionelle Vision demonstriert. Die Überlagerung von Formen führt eine Zeitlichkeit in die Arbeit ein, macht die individuelle Figur undeutlich und verwechselt männliche und weibliche Körperteile, so dass sich die Geschlechtsidentität - und in der Tat jedes feste Selbstgefühl - auflöst und fließend wird.

In einer Zeit, in der Facebook derzeit 71 Optionen für die Geschlechtsidentität und Tinder 37 anbietet, könnte Savilles ehrgeizige Entwicklung einer radikalen visuellen Sprache für die Fließfähigkeit der Identität nicht zeitgemäßer erscheinen. Tatsächlich hängen diese Bedenken jedoch direkt mit Ovids Metamorphosen zusammen - diesem großen Handbuch des Wandels, das sich so explizit mit der Mehrdeutigkeit des Geschlechts und der Instabilität des Selbst befasst. In Anlehnung an eine ältere hellenistische Tradition metamorpher Mythen ist der mythische Rahmen für viele der von Ovid erzählten Geschichten Sizilien, ein Land, das die Griechen besiedelten, Schmelztiegel für das Römische Reich und eine der Grundlagen der westlichen Kultur. Saville selbst lebt und arbeitet zwischen 2003 und 2009 in Palermo, wo sie die hybride Kulturbildung durch die Schichtung der Zeit in aufeinanderfolgenden Einwanderungswellen zu schätzen lernt.



Zu ihren weiteren Einflüssen zählen die Kunst Michelangelos und die archaische griechische und klassische Skulptur, die sie hauptsächlich im British Museum und im Archäologischen Museum in Athen kennenlernt. Besonders die Fragmente der antiken Skulptur, die in ihrer kühlen und makellosen Distanz eine in der Kunstgeschichte unerreichte Kraft der Form und Suggestion bewahren, inspirieren Savilles Werk formal und einfallsreich. Saville ist auch vom heutigen Griechenland fasziniert, einem Land, in dem die Gleichzeitigkeit verschiedener Ordnungen von Realität und Erfahrung in der modernen Welt vielleicht unerreicht ist. Durch ihre Auseinandersetzung damit und der griechischen Zivilisation verbindet sich Saville mit dem, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und durch ihre Auseinandersetzung mit seiner Kunst bringt sie die Malerei zu ihrem Ursprung zurück, um sie neu zu machen.
Und: Die walisische Rockband Manic Street Preachers schücken ihre CD's mit Saville-Gemälden:

In einer Gesellschaft, die von physikalischen Erscheinungen besetzt ist, hat Saville eine Nische für übergewichtige Frauen in zeitgenössisch visueller Kultur geschaffen. Mit der Größe will sie Intimität erzeugen. Saville gebraucht eine pastose Malweise und benutzt vorwiegend Rottöne. Sie bedient sich beim Arbeiten vor allem klassischer Ausdrucksformen wie der figürlichen Malerei. Sie spricht selbst von Anlehnung an Peter Paul Rubens. Ebenso bezieht sich die Künstlerin auf medizinische Magazine, die sie studiert, um Details von Fleischfarben, blaue Flecken, Venen etc. zu verinnerlichen. In einer von technischem Fortschritt gekennzeichneten Gesellschaft bleibt sie meist der Ölmalerei treu.
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Alexei Kondratjewitsch Sawrassow



Frühling, Dorfansicht
Öl auf Leinen 1867

Der russische Landschaftsmaler, geboren 1830 als Sohn eines Kaufmannes, beginnt frühzeitig zu zeichnen und zu malen. 1857 Lehrer an der Moskauer Schule für Malerei, Bildhauerei und Architektur. Der avantgardistische Maler Alexei Morgunow ist sein außerehelicher Sohn.
Nach der Heirat mit Sophia Carlovna Hertz, Schwester des Kunsthistorikers K. Hertz, verkehren in seinem Haus viele Künstler und Sammler. In den 1860ern Reise nach England und in die Schweiz. 1870 Mitglied der Peredwischniki. Aufgrund persönlicher und beruflicher Rückschläge Alkoholiker, die letzten Lebensjahre verbringt er in Armut als Obdachloser und stirbt 1897 in Moskau.






Christian Schad



Selbstporträt mit Modell
1927

Sein bekanntestes und am meisten reproduziertes Werk und der Neuen Sachlichkeit überhaupt. Schonungslos setzt Schad sich dem eigenen Blick aus; als „Maler mit dem Skalpell“, der seine Modelle und sich selbst mit kühler Sachlichkeit seziert. Sein Blick ist misstrauisch, die Atmosphäre des Bildes unterkühlt, fast eisig. Die dargestellten Personen haben sich nichts zu sagen. Nach vollzogenem Akt ist jeder mit sich selbst beschäftigt, der Mann im Dreiviertelporträt und die Frau im Profil scheinen sich bewusst voneinander abzuwenden. Ein Bezug besteht lediglich im Körperlichen: die Frau ist fast gänzlich unbekleidet, ein angedeuteter roter Strumpf am linken Bildrand und eine Schleife am Handgelenk bilden die einzigen Akzente. Schad selber kleidet sich in ein grünlich-transparentes Hemd, das über der Brust geschnürt ist – ein stärkerer Eindruck, als säße er vollkommen nackt da. Vor einem bühnenhaft verschleierten Hintergrund mit dunklem Himmel und Schornsteinen steht hell eine einzelne Blüte als Symbol für den Narzissmus der Figuren. Die Frau mit ihrem dunklen Pagenschnitt und Seitenscheitel entspricht einem in den zwanziger Jahren populären Frauentypus: weder besonders schön noch abstoßend, entspringt ihre Physiognomie jenem Authentizitätsanspruch, mit dem speziell die Veristen in dieser Zeit das Porträt neu auffassen. Schad berichtet, das Gesicht der Frau sei das einer Unbekannten, die er als Kundin in einem Schreibwarengeschäft gesehen habe. Der "sfregio", die Gesichtsnarbe, sei eine Art "Liebesbeweis": die Frauen in Neapel hätten voller Stolz solche Narben zur Schau getragen, die ihnen der eifersüchtige Ehemann oder Liebhaber beigebracht hat.
Ich sehe eine Hand, wie zum Beispiel bei dem Schießbudenmädchen auf meinem Selbstporträt, diese Hand, dieses Mädchen, hat mich fasziniert. Mir war ganz gleichgültig, wie das Mädchen aussah, aber die Hand war es, und dahinter diese Schießbude, also eine lebendige Hand neben einer gemachten Sache. Also ich meine, nicht industriell gemacht oder brauchbar gemacht, sondern einfach für das Amüsement der Menschen ist diese Schießbude gemacht und davor diese lebendige Hand mit diesem kleinen Schleifchen daran.

Die Römerin Marcella Arcangeli, die er 1923 heiratet, von der er sich 1928 trennt und ihr 1924 geborener Sohn Nikolaus.
1931 ertrinkt Marcella beim Baden im Meer, Sohn Nikolaus kommt zu den Großeltern.

1947 heiratet Schad die Schauspielerin Bettina Mittelstädt.
"Oh Gott, ein Psychologe!" denkt die junge Schauspielerin, als er sie 1942 in einem Restaurant am Berliner Kurfürstendamm anspricht. Er bittet um eine Porträtsitzung. Im Gespräch wird ihr klar, dass es sich um den Maler von Ufa-Filmstars handelt, dessen Porträts in einer Kunstzeitschrift abgedruckt waren. Im Atelier Lietzenburger Straße entsteht kurz danach das Bildnis Bettinas.
Bettina, 1921 geboren, wächst als Tochter eines Grafikers in der Reformsiedlung Eden bei Oranienburg auf. In Berlin arbeitet sie als Schauspielerin und folgt dem Angebot eines Theaterengagements nach Schlesien. Als Krankenschwester erlebte sei das Kriegsende in Mecklenburg und ist kurz in Ostfriesland interniert. 1945 kommt sie an den bayerischen Untermain. Ihr Leben als aufstrebende Schauspielerin tauscht sie gegen die Beziehung Mit Schad ein. "Das Leben mit ihm und für ihn war und ist mein Lebensinhalt. Es war ein Genuss, mit ihm zu leben. Wir haben uns gut ergänzt. Ich war abgehärteter als er. Was ich am Theater gesucht hatte, die totale Vereinigung von Seele, Geist und Körper, habe ich in ihm gefunden."
Im März 1943 fallen Bomben auf Schads Atelier in Berlin. Bettina kann einges retten. Nach dem Tod des Malers 1982 bewahrt sie das künstlerische Erbe ihres Mannes. Bettina Schad stirbt 2002 und vermacht den gesamten künstlerischen und privaten Nachlass einer Stfitung der Stadt Aschaffenburg. Bis zu seinem Tod 2007 gehört dem Stiftungsbeirat auch Nikloaus Schad an.







Hans Schäufelin

Marien- und Passionsaltar
1537

1513 vollendet ihn der Meister in der Kloserkirche von Auhausen







Egon Schiele



Wally Neuzil
1912

Selbstbildnis mit Lampionfrüchten

Zwei Menschen, einander zugewendet und zugeneigt, dunkel gekleidet vor einer weiß und grau strukturierten Wand neben herbstlichen Blättern mit Fruchtständen. Doch bleibt jeder in seinem Bild, die Köpfe sind oben angeschnitten und die Augen blicken an uns vorbei in weite Ferne. Auch wenn sich ihre Blicke irgendwo kreuzen, wenden sich Arme und Körper voneinander ab. Zuneigung und Abstoßung erzeugen eine psychisch aufgeladene Widersprüchlichkeit. Diese beruht auf der Beziehung der beiden und nicht nur auf dem aufkommenden Expressionismus.
Das kurze Leben der Wally dauert von 1894 bis 1917, die Frau, die von 1911 bis 1915 offenbar Lebensmensch eines Künstlers wird, nachdem sie anfangs nur eines von vielen Modellen aus einer anderen Gesellschaftsschicht ist.
Wally Pfneisl, 1894 in Tattendorf geboren, wenige km südlich Wiens, uneheliche Tochter einer Taglöhnerin und eines böhmischen Unterlehrers, ist seit 1912 Egon Schieles wichtigstes Modell und Lebensgefährtin.

Tod und Mädchen

1915, als Schiele die Einberufung zum Militärdienst erhält, Heirat mit Edith Harms. Er soll Wally den Vorschlag gemacht haben, wenigstens einmal im Jahr gemeinsamen Urlaub zu verbringen - weder für Wally noch Edith akzeptabel. Die folgenden Kriegsjahre in Prag und Neuhaus/Böhmen, später in Kriegsgefangenenlagern in Österreich, Ehefrau Edith muss ihn überallhin begleiten.
Wally lässt sich nach der Trennung zur Hilfskrankenpflegerin ausbilden, meldet sich 1917 nach Dalmatien, arbeitet in Šibenik und Sinj und verstirbt im selben Jahr an Scharlach. Egon Schiele und Frau sterben ein Jahr später an der Spanischen Grippe.
Ist das Rätsel um Wally zu lösen? Mit unserer heutigen Sicht auf sozial schwierige und vor allem frauenfeindliche Zeiten in Wien um 1900?



Wally folgt ihm nach Krumau und Neulengbach, das Experiment, auf dem Land in Ruhe künstlerisch tätig zu sein, geht schief. Dabei ist auch ihre Anwesenheit Teil des bürgerlichen Missverständnisses seiner Umgebung. Sogar seine Familie sieht, bis auf eine Schwester, in Wally eine Prostituierte. Sie werden vertrieben aus dem Gartenhaus in Krumau.
In Neulengbach hält Wally fest zu Schiele, als er wegen Verführung Minderjähriger angeklagt und verurteilt wird. Benesch schreibt ihr noch nach der Trennung und bekommt auf einer Karte "Grüße von der Klapperschlange". Schieles sexuelles Erweckungserlebnis geht sicher auf Wally zurück, gespiegelt auch in der Geschlechterumkehr von "Kardinal und Nonne".



Doch die wilde Ehe und offene Sexualität im Atelier in Hietzing gehen 1915 zu Ende, als er dort Edith Harms trifft und mit Wally als "Anstandsdame" auch näher kennenlernt. Was folgt, ist der Bruch aus gesellschaftlichen Gründen, die zentrale Figur seiner "Seher" wird geopfert am Altar der bürgerlichen Konvention; Schiele heiratet, wird Soldat. "Tod und Mädchen" gilt als Abschiedsbild.






Eduard Schleich d. Ä.



Isartallandschaft


Vor allem mit seinen Landschaftsaufnahmen aus der Umgebung Münchens und des Voralpenlands definiert Eduard Schleich nachhaltig den Münchnern Stimmungslandschaft. In seinen Anfängen orientiert an klassizistisch geprägten Zeitgenossen wie Carl Rottmann, findet er unter dem Einfluss des flämischen und niederländischen Barock schließlich zu einer realistischen Naturschau. Nach Berührung mit den Malern von Barbizon zählt er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den stilbildenden Vermittlern der Paysage intime in Deutschland. Seiner Landschaftsauffassung entsprechend bleiben erzählende Figuren- oder Tierstaffagen für ihn von untergeordneter Bedeutung; wenn er als Konzession an den Publikumsgeschmack dennoch nicht ganz auf sie verzichtet, überließ er die Ausführung nach Möglichkeit spezialisierten Kollegen wie Friedrich Voltz, Carl Spitzweg oder Alois Bach. Schleichs herausragende Bedeutung für die Entwicklung der Landschaftsmalerei in München ist nach wie vor unstrittig, doch bleibt auch die Rezeption seines Œuvres von der schwindenden Wertschätzung der Malerei des 19. Jahrhunderts nicht ausgenommen.




Rudolf Schlichter



Überfall im Bordell

Rudolf Schlichter – Eros und Apokalypse
"Der deutsche Dalì" lebt als Bohemien im Rotlichtmilieu, wird in den 1920er Jahren mit neusachlichen Porträts bekannt und versteigt sich später zu Splatter-Surrealismus. Eigentlich müsste Schlichter berühmt sein: Sein Lebenswerk enthält fast alle Garanten für künstlerischen Erfolg. Brillanter Zeichner; die klaren, farbenfrohen Kompositionen erscheinen leicht verständlich. Seine Stilmittel folgen dem Zeitgeschmack: von schwüler Erotik vor dem 1. Weltkrieg und radikaler Sozialkritik über sachlichen Realismus in den 1920ern und Rückbesinnung auf Traditionelles in den 1930ern bis zu apokalyptischem Surrealismus in Kriegs- und Nachkriegszeit.
Dennoch gilt er nur als Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“: Ein paar seiner Bilder sind Embleme der Blütezeit der Weimarer Republik, etwa sein Porträt von Bertolt Brecht oder des Journalisten Egon Erwin Kisch. Diese Ikonen werfen einen langen Schatten auf ihren Schöpfer.

Auf dem Land hält Schlichter es nicht aus. Er hat homosexuelle wie transsexuelle Neigungen und schwärmt als Schuhfetischist für Knöpfstiefel, ist Karl-May-Fan und bebildert seine Wildwest-Fantasien comic-artig.



Blinde Macht 1932 - 1937: Ein halbnackter Koloss von Legionär hinterlässt Tod und Zerstörung. Mit geschlossenem Helmvisier geht er auf einen Abgrund zu; an ihm saugen abstoßende Lemuren und Mischwesen. Kritik am NS-Regime? Die Umsetzung ist in jeder Hinsicht monströs.

Erst in den 1950ern findet Schlichter zu einer sozialverträglichen Darstellung seiner Fantasien: mit surrealen Endzeit-Landschaften, die von Giorgio de Chirico, Yves Tanguy oder Salvador Dalì inspiriert scheinen. Mit dem schnauzbärtigen Spanier hat er einiges gemeinsam: technische Virtuosität, Hingabe an seine Muse, besessene Beschäftigung mit sexueller Gewalt und wortreiches Sendungsbewusstsein. Doch Schlichter fehlt Dalìs Talent zur Selbstdarstellung und -vermarktung; so bleibt er vor allem Porträtist und Buch-Illustrator.

Speedy (seine Frau)

Worauf ihn der Kunstbetrieb lange reduziert, soweit er ihn überhaupt wahrnimmt; sein Freund Grosz zeichnet ihn als stillen „Träumer“. Schlichter brütet irrwitzige Gruselgebilde aus, die viele Schockeffekte heutiger horror- und science fiction blockbuster vorwegnehmen: eine schillernde Sumpfblüte, die lange nur verborgen in Privatsammlungen blüht.







Jean Schmiedel

Paar
2014

Der New Yorker Galerist Georges Bergès nimmt ihn unter Vertag. Er ht Schmiedel in den sozialen Medien entdeckt. Für Bergès ist Schmiedels Kunst die Reflexion der menschlichen Erfahrung. Kunst solle nicht dekorativ sein und Schmiedels Kunst wäre auch nicht dekorativ. "Manchmal, wenn man seine Arbeiten ansieht, fühlt man sich weniger allein. Manchmal, wenn man einen schlechten Tag hat, ist es nett zu sehen, dass jemand anders auch einen hat", so Bergès. "Ich bin bei Künstlern sehr wählerisch und suche mir die aus, die mich bewegen und die ich spannend finde."



Angesprochen wird er inzwischen oft. Einige Leute seien stolz, dass jemand vom Chemnitzer Sonnenberg es nach New York geschafft habe und dort erfolgreich sei. Doch es gäbe auch Neid. Nach den ersten Berichten über die Gruppenausstellung in New York habe jemand sein Atelierfenster bespuckt.
Schmiedels Werke sind in Chemnitz weder in Museen noch in den großen Galerien zu finden. Allerdings besitzt die Ermitage in Sankt Petersburg einige seiner Bilder. Und in 20 bis 25 Ländern ist er in privaten Kollektionen vertreten.

Die letzte ihres Volkes. 2008







Karl Schmidt-Rottluff

Bildnis Dr. Rosa Schapire 1919

Die Hamburger Kunsthistorikerin Rosa Schapire bittet 1907 den von ihr am höchsten geschätzten Schmidt-Rottluff um Aufnahme als passives Mitglied in der Künstlergruppe 'Die Brücke. Der Maler, Grafiker und Plastiker, ein Klassiker der Moderne und einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus, malt 1911, 1915 und 1919 Porträts von Schapire.
Anfangs ist Schmidt-Rottluffs Werk noch deutlich vom Impressionismus beeinflusst. Als Motive tauchen häufig norddeutsche und skandinavische Landschaften auf. Ab 1911 nehmen geometrische Formen in seinem Werk größeren Raum ein, ab 1923 runde, geschwungene Formen.
Sein 1905 begonnenes Architekturstudium gibt er auf - und malt. Zu seinen wichtigsten Vorbildern gehören Vincent van Gogh, die französischen Pointillisten und Neo-Impressionisten, Edvard Munch und Emil Nolde. Der Künstlergruppe "Die Brücke" geht es um die unmittelbare und unverfälschte Wiedergabe des subjektiv Empfundenen, was sie in Landschaften, Porträts und Figurenbildern auszudrücken versuchen. Er entwickelt seinen Stil: Monumentale, weil vereinfachte Formen mit starken Konturen und eine leuchtende, weil großflächige Farbigkeit.
Auch die Werke Pablo Picassos machen großen Eindruck auf ihn. Er setzt sich mit Kubismus und Futurismus auseinander.
Ich kenne kein neues Kunstprogramm. Ich weiß auch absolut nicht, was das sein könnte. Wenn man überhaupt von etwas derartigem wie einem Kunstprogramm sprechen könnte, so ist das meiner Meinung nach uralt und ewig dasselbe. Nur daß Kunst sich immer wieder in neuen Formen manifestiert, da es immer wieder neue Persönlichkeiten gibt - ihr Wesen kann sich, glaube ich, nie ändern. Möglich, daß ich mich täusche. Aber von mir weiß ich, daß ich kein Programm habe, nur die unerklärliche Sehnsucht, das zu fassen, was ich sehe und fühle, und dafür den reinsten Ausdruck zu finden. Im stillen und ganz privatim bin ich sogar der Meinung, daß sich über Kunst überhaupt nichts sagen läßt.
Das Spätwerk der 1950er und 1960er zeigt weiterhin monumentale Kompositionen, vereinfachte Formgebung und expressionistischen Farbeinsatz. Inhaltlich beschäftigt sich Karl Schmidt-Rottluff weiterhin mit Landschaften, Stillleben und Figurenbildern. Den Weg in die Abstraktion geht er nicht, stattdessen wird er ein später Meister des Aquarells.







Georg Scholz



Selbstproträt

Seine Werke erinnern mitunter an die gesellschaftskritischen Abbilder der Nachkriegsgesellschaft von George Grosz oder Otto Dix, so etwa das Aquarell


Zeitungsträger

von 1921, das einen dicken, monokeltragenden Zigarrenraucher im Fond eines Automobils zeigt, während der Zeitungsträger ausgemergelt und gebeugt vor einer industriellen Kulisse zu Fuß geht.
Noch monströser zeigen sich die


Industriebauern

auf einem Gemälde von 1920. Mit diesem Bild nimmt er an der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin teil.





Martin Schongauer



Maria im Rosenhag




Heiliger Antonius, von Dämonen gepeinigt (Kupferstich) groß

Schongauer verdankt seine Berühmtheit weniger seiner Malerei als seinen Kupferstichen: Michelangelo hat einen seiner Stiche als Vorlage für ein Gemälde benutzt. Erfindung und Entwicklung des Kupferstiches ist für die deutsche Kunst von entscheidender Bedeutung. Zwar sind andere Künstler Schongauer vorausgegangen, aber er ist der erste, dessen in Linienspiel und selbst in ihrem Manierismus bezaubernde Stiche weite Verbreitung fanden. Einzig wirklich gesichertes Werk der Malerei ist Maria im Rosenhark in der Martinskirche von Colmar. Maria trägt ein zinnoberrotes Gewand; ihre überaus feingliedrigen Hände spielen mit dem Kind, dass mit seinem dicken Bäuchlein wie eine Puppe aussieht. Blumen schmücken das Rasenstück, auf dem sich die Szene abspielt. Auf dieser Arbeit findet sich etwas von dem wundervollen Linienspiel wieder, dass die Kupferstiche des "hipsch Martin" auszeichnet.





Georg Schrimpf



Georg Schrimpf und der Kommissar

Immer schon hatte mein Freund, der Maler Georg Schrimpf, den Ausbruch einer Revolution prophezeit. Als sie im November 1918 kam, stürzte er sich in sie etwa wie ein kühner Taucher, der unbedingt vor allen anderen Konkurrenten auf den Grund kommen möchte. Mit erstaunlicher Schnelligkeit wusste er alle radikalen Schlagworte und Lenin-Zitate. Er verschlang alle Broschüren, stellte immer wieder neue politische Prognosen, und jeder "Bürger" kam ihm verdächtig vor.
Jeden und jeden Tag wanderte ich mit ihm durch die bewegten Straßen der Stadt, in die vielen lauten Versammlungen. Er sollte eigentlich gemalt haben. Es ging ihm schon ganz gut, er hatte mit der "Galerie Goltz" einen Vertrag, der ihm ein monatliches Fixum garantierte, und er sollte in einigen Wochen Bilder für eine Ausstellung liefern. Er malte nicht mehr, er rührte keinen Zeichenstift mehr an. Immer aber, wenn er in die Nähe der "Galerie Goltz" kam, drückte er den Hut oder die Mütze etwas tiefer ins Gesicht, duckte sich förmlich und schlich schnell vorüber. Er glaubte ernsthaft, sein Kunsthändler stünde den ganzen Tag hinter einem Fenster oder in der offenen Türe und hielte nach ihm Ausschau.
Wenn er dann diese vermeintliche Gefahrenzone glücklich passiert zu haben schien, rieb er sich diebisch die Hände, und dann fing er an, sich über alle Kunst und Künstler lustig zu machen, die jetzt überhaupt keinen Zweck mehr hätten. Beim Januarstreik 1918 waren wir beide wegen Verbreitung illegaler Literatur verhaftet und vierzehn Tage in Polizeigewahrsam gehalten worden, jetzt, als die siegreiche provisorische Revolutionsregierung Eisner, den wir alle von den geheimen Versammlungen her kannten, ausgerufen war, kam Schrimpf zu mir und wollte den Polizeikommissar, der uns damals stets verhört hatte, aufsuchen.
"Verstehst du, wir gehn hin ... Wir klopfen gar nicht an die Tür", erhitzte er seine Phantasie dabei: "Wir gehn einfach in sein Zimmer ... Pass auf, der wird ja nicht schlecht erschrecken ... So, und dann sagen wir, ah, guten Tag Herr Fuchs, gehn S’ amal weg, wir möchten uns hinsetzen! So, dann hocken wir uns recht breit hin und sagen, wenn er recht verdattert ist, marsch, holen Sie uns eine Maß Bier, aber sofort, marsch! Und wenn er kommt, sagen wir, das ist ja viel zu schlecht eingeschenkt, da haben Sie ja schon was rausgesoffen, Sie – Sie – Dreckschlawiner, Sie windiger! Ja, haha, das sagen wir, und dann muss er noch mal ums Bier laufen ... Grad schwitzen muss er dabei, der Spitzel, der ekelhafte ... Geh weiter, gleich gehn wir hin ... Hahaha, das gibt eine Gaudi.“

Und auf dem ganzen Weg fielen ihm immer phantastischere, unsagbar komische Dinge ein, unter anderem wollte er den Fuchs, der einen roten Spitzbart hatte, ein ganz klein wenig daran zupfen. "Gar nicht grob, bloß so ... Und dann sagen wir zu ihm, lassen Sie sich Ihren blöden Bart wegnehmen, Sie lächerlicher Kerl, Sie ... In der Revolution ist so ein Bart verboten ... Da pass auf, wie klein der wird, wie der lauft ..."
Wir trafen aber auf der Polizei keinen einzigen Beamten mehr, nur Eisnerleute. Das freute Schrimpf zwar, aber er bedauerte sehr, dass er um seinen Spaß gekommen war.
In der Frühe endlich fiel ihm etwas ein.
Um auch etwas ernsthaft Revolutionäres zu tun, beteiligte er sich sehr eifrig an dem damals ins Leben gerufenen "Rat geistiger Arbeiter", der im Landtag seine Sitzung abhielt. Da wurden, um die Künstler zu unterstützen und zu gewinnen, fortwährend Sozialisierungsmaßnahmen irgendwelcher Akademien diskutiert. Man kam aber nie zu einem Resultat, weil meistens alle durch- und gegeneinander redeten. Einmal führte ein junger, energischer Mensch mit blonden Haaren den Vorsitz und sagte sehr bestimmt: "So kommen wir überhaupt nicht weiter ... Ich schlage vor, bis morgen bringt jeder einen schriftlich fixierten Vorschlag." Schrimpf ging heim und zermarterte sich die ganze Nacht das Hirn. Jeher war er außerstande, etwas schriftlich zu formulieren. In der Frühe endlich fiel ihm etwas ein.

"Nymphenburger Schloss", schrieb er auf einen winzigen Zettel, mehr nicht. Dieses Schloss war ehemals königlich bayrischer Besitz, es sollte nach Schrimpfs Meinung den Malern für Atelierzwecke zur Verfügung gestellt werden, aber aufschreiben konnte er diese Gedanken nicht, er schrieb, wie gesagt, nur schlicht hin: "Nymphenburger Schloss." Dieser harmlose Zettel wurde ihm später, als die gegenrevolutionäre "weiße Garde" die Münchner Räterepublik niederschlug, zum Verhängnis. Als er von wildgewordenen Bürgerwehrlern und Polizisten als Roter verhaftet wurde, fand man diesen Zettel. Schrimpf hatte schon fast darauf vergessen, um was es sich bei dieser Notiz handelte, aber der Polizeikommissar, der ihn verhörte, ließ nicht locker.
"Sie wollten also das Nymphenburger Schloss für sich, was? ... Ja, so sind diese Herren Roten ... Professor spielen und gleich das nächstbeste königliche Schloss her, was?" höhnte er und hob triumphierend den winzigen Zettel. "Ich hab überhaupt nichts wollen!" bestritt Schrimpf, aber die Polizei konstruierte aus diesem Titel die schrecklichsten Dinge, einmal, dass es in die Luft gesprengt werden sollte, einmal, dass es den Malern für Heime zur Verfügung gestellt werden sollte. Wochen und Wochen blieb Schrimpf in einer sehr gefährlichen, äußerst üblen Haft, und es drohte ihm obendrein noch als vermeintlichem Mitglied der Sozialisierungskommission für kulturelle Angelegenheiten eine Verurteilung zu mehreren Jahren Gefängnis oder Festung. Doch er blieb ungebeugt, im Gegenteil, von Verhör zu Verhör wurde er kecker. "Also das Nymphenburger Schloss! Das hat Ihnen in die Augen gestochen, was?" stichelte der Kommissar wieder einmal und maß ihn scharf: "Sie brauchen sich gar nicht so dumm stellen! Solche Brüder kennen wir ... Da steht schwarz auf weiß – Nymphenburger Schloss!"

"Nymphenburger Schloss?" erwiderte Schrimpf ungeschickt. "Das sagt doch gar nichts! Ich hätt ja genauso gut hinschreiben können ‚Starnberger See‘ oder ‚Stiller Ozean‘ ... Und wenn Sie schon immer behaupten, ich hätt gern Professor werden wollen – bei einer Revolution gibt’s doch überhaupt keine Titel mehr! Da verstehn Sie eben nichts von der Revolution!
"Aber Sie! Sie ganz bestimmt, ja –" fuhr ihn der Kommissar an.
"Ich hab mich eben informiert darüber", antwortete Schrimpf frech und war sicher erstaunt über seine Schlagfertigkeit.
"Soso, informiert heißt man das, soso! ... Sie geben also zu." Er bezichtigte Schrimpf wiederholt der Verschwörung gegen die Staatsgewalt, der gewaltsamen Amtsanmaßung und der übelsten Bereicherungsabsichten unter dem Schutz der Revolutionsregierung.
"Regierung gibt’s doch bei einer Revolution gar nicht, bloß Volksbeauftragte!" erklärte Schrimpf.
"Erlauben Sie sich keine solchen Frechheiten, Sie! Volksbeauftragter, jaja, wir wissen schon, das haben Sie werden wollen!" keifte der Kommissar.
"Gar nicht! Ich bin ja Kunstmaler! Das ist doch ein Privatberuf!" meinte Schrimpf. Es war nichts mit ihm anzufangen. Kein Verhör führte zu irgendeinem belastenden Ergebnis. Er wurde schließlich ohne Prozessierung entlassen.

Der "Kommissar" ist Oskar Maria Graf, von dem auch die Story stammt


Georg Schrimpf beginnt schon als Kind begeistert zu zeichnen, seine Lieblingsmotive Indianer. Die künstlerische Neigung findet im Elternhaus kein Verständnis, schon gar nicht eine Förderung. Der Stiefvater drängt das Kind 1902 (in diesem Jahr verliert er seinen leiblichen Vater) zu einer Zuckerbäckerlehre in Passau. Georg schließt sie 1905 ab und geht sofort auf Wanderschaft. Sie führte ihn durch viele deutsche Städte, auch durch Belgien und Frankreich. Sein Geld verdient er als Kellner, Kohlenschaufler und Bäcker.
1913 freundet er sich mit dem Schriftsteller Oskar Maria Graf an, ebenfalls ein gelernter Bäcker. Mit ihm zieht er durch die Schweiz und Oberitalien. Einige Monate veringen sie in einer Anarchistenkolonie in Ascona/Tessin, zeitweise bei Karl und Gusto Gräser auf dem Monte Verità. Es entsteht eine lebenslange tiefe Freundschaft und von O. M. Graf stammen die ersten Würdigungen der künstlerischen Tätigkeit Schrimpfs.
1917 Heirat mitz der Malerin und Grafikerin Maria Uhden, mit der ihn auch künstlerisch viel verbindet. Das Paar zieht nach München. Maria Uhden stirbt 1918 an den Folgen der Geburt des Sohnes Markus. Seit dem Jahr 1918 stellte Schrimpf regelmäßig in der Münchner Galerie Neue Kunst aus. Er beteiligt sich aktiv an der Münchner Räterepublik. Bei den Nazis gilt er als Roter und somit automatisch als entartet. 16.000 Bilder als wertlos und entartet aus deutschen Museen entfernt, 33 Werke Schrimpfs darunter. Gleichzeitig zählen einige Nazi-Größen zu den Sammlern von Schrimpf-Gemälden, wie die Reichsminister Heß und Darré.
1995 gab die Deutsche Bundespost im Rahmen der Serie "Deutsche Malerei des 20. Jahrhunderts" zu Ehren Schrimpfs eine Zwei-D-Mark-Sonderbriefmarke heraus, unter Verwendung seines Gemäldes „Stillleben mit Katze“ von 1923.







Thérèse Schwartze

Porträt Königin Emma mit Prinzessin Wilhelmina


Die niederländische Porträtmalerin, Tochter des Porträt-, Landschafts- und Genremalers Johann Georg Schwartze der Düsseldorfer Schule, der auch ihr Lehrer in der Malkunst ist, studiert in München bei Gabriel Max und Franz von Lenbach und in Paris bei Jean Jacques Henner. 1881 porträtiert sie die königliche Familie der Niederlande.

Königin Wilhelmina







Moritz von Schwind



Der Sängerkrieg, Wartburg


Der Wartburgkrieg oder Sängerkrieg auf der Wartburg ist eine Sammlung mittelhochdeutscher Sangspruchgedichte des 13. Jahrhunderts um einen angeblichen Dichterwettstreit auf der thüringischen Wartburg, die die literarische Blüte am Hof des Landgrafen Hermann I. um 1200 reflektiert.
Im Kontext der Wiederentdeckung der Wartburg als Symbolort deutscher Geschichte und ihrer Restaurierung ab 1838 malte Moritz von Schwind im 1856 mehrere Räume mit Fresken aus. Das Sängerstreitfresko ist das größte von ihnen. Es macht den Betrachter glauben, dass er sich am historisch wahren Ort des Geschehens befinde. Die Inschrift vermeldet:

IN DIESEM SAALE WURDE DER SÆNGER=
STREIT GEHALTEN DEN 7ten JULI 1207
DEM GEBURTSTAG DER HEIL. ELISABETH.

Moritz von Schwind findet unter Einfluss von Peter von Cornelius und dessen Monumentalstil zu einem Stil, der durch Großzügigkeit und wenige Figuren gekennzeichnet ist. Neben Carl Spitzweg der bedeutendste und populärste Maler der deutschen Spät-Romantik. Seine Bilder zu Themen aus deutschen Sagen und Märchen sind volkstümlich und poetisch gestaltet. Neben der Ölmalerei schuf er auch Bedeutendes in der Freskomalerei und in der Buchillustration. So schafft er auch viele Vorlagen für die Münchener Bilderbogen. Seine Kunst ist, wie etwa diejenige von Carl Spitzweg, national begrenzt. Bei einem Brand 1931 im Münchener Glaspalast über 3.000 Gemälde während einer Kunstausstellung zerstört, darunter auch Kunstwerke von Schwind.







Kurt Schwitters

Merzz. 53.
1920

Mit Merz bezeichnet Schwitters seine Technik, aus Zeitungsausschnitten, Reklame und Abfall Collagen zu erstellen. Als Gegenprojekt zu dem eher destruktiven Dadaismus sollen diese seit 1919 entstandenen Bilder und Skulpturen für einen Wiederaufbau stehen, was Schwitters in die Nähe des Konstruktivismus rückt. Der Begriff Merz entsteht bei einer Collage aus einer Anzeige der Kommerz und Privatbank und evoziert Assoziationen zu Kommerz, ausmerzen, Scherz, Nerz, Herz und März, der für Frühlingsanfang steht.
Den Merzbau (grottenartige Collage-Raum-Skulptur mit Erinnerungsstücken), an dem Schwitters etwa 20 Jahre hauptsächlich in seiner Wohnung im Haus der Eltern arbeitet, zerstören 1943 - ebenso wie viele seiner Arbeiten - Bombenangriffe 1943. Rekonstruktion im Sprengel Museum Hannover.







Edward Seago



Edward Brian (Ted) Seago RBA ARWS RWS (1910 - 1974) schottischer Künstler, der sowohl in Öl als Aquarell Landschaften, Seestücke, Himmelslandschaften, Straßenszenen, seinen Garten und Porträts malt.
Geboren als Sohn eines Kohlenhändlers in Norwich, Autodidakt. Erfreut sich einer Vielzahl von Bewunderern, von der britischen Königsfamilie über den Aga Khan bis hin zum einfachen Mann. Impressionist oder Postimpressionist.
Mit 18 tritt er Bevins Travelling Show bei und tourt anschließend mit Zirkussen in Großbritannien und ganz Europa.
Herzprobleme verfolgen ihn sein ganzes Leben lang. 1939 beauftragt man ihn mit der Entwicklung von Tarntechniken für Feldmarschall Auchinleck, mit dem ihn lebenslange Freundschaft verbindet.
Seine Popularität ist so groß, dass diejenigen, die eines seiner Gemälde kaufen wollen, sich bei seinen verschiedenen jährlichen Ausstellungen auf der ganzen Welt anstellen müssen.
Die Königinmutter kauft so viele, dass der Künstler ihr schließlich zwei pro Jahr schenkte - an ihrem Geburtstag und zu Weihnachten. Prinz Philip lädt ihn 1956 zu einer Tournee durch die Antarktis ein. Seago schafft auch eine solide silberne Skulptur von St. George, der den Drachen tötet, die als Automaskottchen für jede Staatslimousine dient, in der Königin Elizabeth II. fährt.
Seago stirbt 1974 an einem Gehirntumor. In seinem Testament fordert er die Zerstörung eines Drittels seiner Gemälde, die sich derzeit in seinem Studio in Norwich befinden. Weltweit gibt es noch rund 19.000 Aquarelle und 300 Ölgemälde.







Georges Seurat



Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte
1884

Seurat schreibt in einem Brief, dass er am Himmelfahrtstag sowohl die Studie wie das Bild Grande Jatte begann. Er hält seine Eindrücke auf kleinen Holztafeln fest und überträgt sie im Atelier auf die Leinwand. Doch bis zur endgültigen Fassung ist noch ein langer Weg. Im März 1885 vollendet er das Grande Jatte, an dem er den ganzen Winter über gearbeitet hat. Das Bild hat an Klarheit und exakter Gestaltung gewonnen, dafür fehlt aber jegliche Spontaneität.
Beim ersten Anblick erschrecken die Betrachter. Alles ist neu an diesem riesigen Bild: die kühne Konzeption und die Technik, von der bisher niemand eine Vorstellung hatte. Das also ist der berühmte Pointillismus.
Das Bild zeigt Personen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten unter einem strahlenden Sommerhimmel am Ufer der Seine im Paris des späten 19. Jahrhunderts. Île de la Jatte - eine 2 km lange Seine-Insel im Westen.


Studie zu La Grande Jatte

Seurat vermeidet weitgehend Überschneidungen der Dargestellten, sodass sie wie Silhouetten erscheinen. Aus dem Bild ist jegliche Spontaneität verbannt, sodass die Personen wie steife Puppen wirken. Pierre Courthio bezeichnet Seurat als „Maler der Vertikalen“ und merkt zu seinem Stil an: „Man sagt mit Recht, fast jede Figur in Seurats Bildern sähe so aus, als sei ihr immer wieder gesagt worden: ‚Halte Dich gerade!'
In der Technik des Pointillismus besteht das Bild aus winzigen, wie im Raster gesetzten Punkten. Charles Angrand, der Seurat bei der Arbeit an dem Bild zusah, berichtet über dessen Malweise: „Auf Seurats Palette herrschte immer Ordnung: drei Stränge Weiß neben dem Daumen, jeder für die Mischung mit einer der drei Primärfarben Rot, Gelb, Blau bestimmt.“ Die Farben stimmt er nach Abstufungen von hell-dunkel, warm-kalt und nach den Komplementärfarben ab. Die Mischung, das Gesamtbild, entsteht erst in unserem Auge.
Seurat wendet zum ersten Mal mit wissenschaftlicher Strenge die Theorie der optischen Mischung durch die Zerlegung der Farben an.
Seurat:
„An einem Nachmittag unter flimmerndem Sommerhimmel sehen wir die glitzernde Seine, elegante Villen am gegenüberliegenden Ufer, kleine, auf dem Fluß dahingleitende Dampfschiffe, Segelboote und ein Ruderboot. Unter den Bäumen, ganz in unserer Nähe, gehen Leute spazieren, andere sitzen oder liegen faul im bläulichen Gras. Einige angeln. Wir sehen junge Mädchen, ein Kinderfräulein, eine alte Großmutter unter einem Sonnenschirm, die aussieht wie Dante, einen Bootsmann, der faul hingestreckt seine Pfeife raucht und dessen Hosenbeine von der hellen Sonne regelrecht verschlungen werden. Ein dunkelvioletter Hund schnuppert am Gras, ein roter Schmetterling fliegt umher, eine junge Mutter geht mit ihrer kleinen Tochter spazieren, die ganz in Weiß gekleidet ist und eine lachsfarbene Schärpe trägt. Nahe dem Wasser stehen zwei Kadetten der Militärschule Saint-Cyr. Ein junges Mädchen bindet einen Strauß; ein Kind mit rotem Haar und blauem Kleid sitzt im Gras. Wir sehen ein Ehepaar mit seinem Baby und ganz rechts das hieratische, aufsehenerregende Paar, einen jungen Geck mit seiner eleganten Begleiterin am Arm, die einen purpur-ultramarinfarbenen Affen an der Leine führt.“







Paul Signac



Das Frühstück (das Speisezimmer)
1886/87

Capo di Noli, 1898

1884 trifft Signac Seurat und entwickelt mit ihm die divisionistische Malerei. Für ihre Malerei machen sie sich neue wissenschaftliche Entdeckungen der Farbtheorie zu Nutze und setzen Pigmente der reinen Farbe in zahllosen Pünktchen unvermittelt nebeneinander. Im Unterschied zu den Impressionisten mischen sie die Farbe nicht mehr auf der Palette oder auf der Leinwand, sondern überlassen dies dem Auge des Betrachters. Die Leuchtkraft dieser nicht vermischten, ungetrübten Farbe bleibt dadurch optimal erhalten.









Alfred Sisley



Ufer der Loing bei Moret
1892

Sisleys künstlerische Vorbilder sind anfangs die englischen Landschaftsmaler wie William Turner, John Constable und Richard Parkes Bonington und später die französischen Maler Jean-Baptiste Camille Corot und Gustave Courbet. 1867 erste Ausstellung. Ab 1870 zunehmend dem Impressionismus zugewandt.
Sisleys Schilderungen der Seine und ihrer Brücken in den damaligen Pariser Vorstädten sind berühmt. Im Gegensatz zu Renoir und Monet, die oft die gleichen Motive gemalt haben wie Sisley, sind Landschaften und Orte bei ihm in Momenten der Ruhe dargestellt. Die Landschaft scheint ob ihrer eigenen Schönheit völlig in Trance verfallen zu sein, nur der Himmel und das Wasser sind in Bewegung. Seine Bilder sind bemerkenswert wegen der herrlichen Farbtöne von Grün, Rosa, Violett, Taubenblau und Creme. Im Laufe der Jahre verstärkten sich Kraft, Ausdruck und Farbintensität bei Sisleys Bildern. Bis zu seinem Tode bleibt Sisley dem impressionistischen Stil in seiner ihm eigenen, kraftvollen Malweise treu.







Max Slevogt



Totentanz
1896

Slevogt leitet mit diesem Werk seine mittlere Periode ein. Das Stück von seltsamer Mischung aus leichtester Beweglichkeit und einer fast plumpen Kraft. Es ist eines jener Werke, die beinahe wider Willen ihres Urhebers geschaffen werden und die dadurch den Stempel der inneren Notwendigkeit bekommen, der das beste Akkreditiv für ein Kunstwerk ist. Damals war die etwas nüchterne, aber in ihren Konsequenzen sehr heilsame Anschauung herrschend, dass ein Gemälde nichts als ausschließlich malerische Tendenzen verfolgen dürfe; alles was irgendwie einen Inhalt zu haben scheint, ist verpönt, und Slevogt ist als ausübender Künstler viel zu sehr ein Tatsachenmensch, als dass er nicht in der Theorie wenigstens auch jener Meinung gewesen wäre. Aber der Gestaltungstrieb ist in ihm viel zu groß, als dass er bei jener schließlich doch auch ins Akademische übertriebenen Lehre des neuzeitlichen Realismus stehen geblieben wäre. Er malt den Totentanz in Erinnerung an jene schönen Situationen, die man auf den Immergrün-Redouten, den im Kaimsaal abgehaltenen Künstlerfesten, sehen kann.



Was auch immer der menschliche oder poetische Gehalt des Bildes sein mag, das eine vom Thema nicht unmittelbar gegebene unheimlich drastische Sprache hat, so ist es in der flutenden Behandlung der bewegten Massen charakteristisch für Slevogts Anschauung der Natur. Die Richtigkeit in der Wiedergabe des Gesehenen ist nicht das Wesen der Kunst. Der Totentanz gehört in gewisser Hinsicht an den Schluss der Periode, wo Böcklins Nachwirkung zu spüren ist, aber er leitet auch eine neue Periode ein.

Mädchen vor dem Löwenkäfig









Joaquín Sorolla



Strandspaziergang
1909

Joaquín Sorolla y Bastida, 1863 - 1923, ein spanischer impressionistischer Maler und Grafiker, stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Eltern sterben an Cholera, mit 2 wird er Vollwaise und wächst bei seiner Tante Isabel auf, einer Schwester der Mutter. Der Direktor der Handwerkerschule erkennt das zeichnerische Talent Sorollas und überzeugt die Verwandten, neben der Schlosserausbildung eine künstlerische Ausbildung an der Real Academia de Bellas Artes de San Carlos de Valencia zu erlauben. Mit 15 Jahren besucht er hier den Zeichenunterricht des Bildhauers Cayetano Capuz. Bei einer Reise nach Madrid lernt er 1881 im Prado die Werke von Velázquez und Ribera kennen, deren Gemälde er kopiert.
1885 ermöglicht ihm Stipendium einen längeren Studienaufenthalt in Rom. Im selben Jahr reiste Sorolla er nach Paris und sieht dort impressionistische Gemälde, die seine Malweise nachhaltig beeinflussen. 1888 Heirat mit Clotilde García. Das erste Ehejahr lebt Sorolla mit seiner Frau in Assisi. Aus der Ehe gehen 3 Kinder hervor.
Zurück in seiner spanischen Heimat lässt sich Sorolla in Madrid nieder.

US-Präsident William Howard Taft lässt sich von ihm porträtieren.
Eines seiner Hauptwerke ist die Ausgestaltung der Bibliothek der Hispanic Society of America, wofür er bis 1919 14 großformatige Gemälde erschafft, die verschiedene spanische Regionen darstellen.

Beeinflusst von den französischen Impressionisten arbeitet er unter freiem Himmel und seine dunkle Palette hellt sich auf. Es entstehen Porträts, Genreszenen, Landschaftsbilder und Buchillustrationen. Zu seinen bevorzugten Themen gehören Darstellungen spanischen Volkslebens und Strandbilder seiner Heimatstadt Valencia, beispielsweise "Strandspaziergang".
Die letzten drei Lebensjahre leidet Sorolla unter Hemiparese (unvollständige Lähmung einer Körperhälfte).
Der 2010 errichtete Bahnhof Valencias für Hochgeschwindigkeitszüge trägt den Namen des Künstlers.





Moses Soyer

Ohne Titel


Das Gemälde ist beispielhaft für seine intimen und psychologisch durchdringenden Porträts gewöhnlicher Menschen, für die Moses Soyer (1899 - 1974) am bekanntesten ist.
Der amerikanische sozialrealistische Maler ist in Borisoglebsk/Russland geboren. Der Vater ist hebräischer Gelehrter, Schriftsteller und Lehrer. Die Familie wandert 1912 in die USA aus, zwei seiner Brüder sind ebenfalls Maler. Soyers Frau Ida ist Tänzerin, wiederkehrendes Thema in Soyers Gemälden. Er hat seine erste Einzelausstellung 1926 und unterrichtet an der Contemporary Art School und der New School. Er stirbt im Chelsea Hotel in New York, als er die Tänzerin und Choreografin Phoebe Neville malt.







Austin Osman Spare



The Ascension of the Ego from Ecstasy to Ecstasy

Der Magier, Okkultist und Maler Spare hat einen reichen Fundus an interessanten Werken hinterlassen. Seine Ansätze sind scharf und anspruchsvoll, ungewöhnlich realistisch und bodenständig, und die Art, in der er seine Gedankenwelt zeichnerisch festhält, sucht seinesgleichen.
Es ist wohl so gut wie gar nicht möglich, Spare auf ein Schaffensgebiet zu reduzieren, ohne dabei seine anderen Arbeiten automatisch abzuwerten. Nicht nur wären seine verschiedenen Aktivitäten jeweils einer eigenen Vorstellung wert, sie fließen auch so frei ineinander über, dass man bei jeglicher Berichterstattung nicht umhin kommt, sie als Gesamtkunstwerk zu betrachten.







Stanley Spencer



Last Supper
1920.

Sir Stanley Spencer CBE RA (1891 - 1959), der britische Maler, 6. Sohn von 11 Kindern eines Organisten und Musikpädagogen. Seine ersten Zeichenstunden erhält er von Dorothy Bailey, die ihm eindringlich zur Fortsetzung des Studiums in London rät. Durch ein Stipendium kann er an der renommierten Slade School of Fine Art studieren. Im 1. Weltkrieg meldet sich Spencer als Freiwilliger der Royal Army Medical Corps (RAMC), um dem Dienst an der Waffe zu entgehen. Dezember 1918 kehrt er malariakrank nach Cookham zurück.
1925 Heirat mit der Malerin Hilda Carline, 2 Töchter. 1932 zieht die Familie Spencer nach Lindworth, er verliebt sich in die Malerin Patricia Preece, die die Arbeiten ihrer lesbischen Geliebten, Dorothy Hepworth, unter ihrem eigenen Namen ausstellt. Nach einem Aufenthalt in der Schweiz trennt er sich von seiner Frau. 1937, 4 Tage nach der Scheidung, heiratet er Patricia. Während der Flitterwochen ist auch die Geliebte seiner Frau anwesend.


The Dustman or The Lovers, 1934.

Das Ehepaar lebt nie zusammen und offenbar vollzieht es die Ehe nie. Seine sexuelle Frustration verarbeitet Spencer in seinen Bildern, indem er den weiblichen Akt mit Falten malt. Im Jahr darauf trennt er sich von seiner 2. Frau. In den 1940ern führt Stanley Spencer zusammen mit dem Maler-Ehepaar George und Daphne Charlton eine Ménage à trois.
Während des 2.Weltkriegs arbeitet Spencer als Kriegsmaler. Danach zieht er nach Cliveden, wo er als Einsiedler lebt und arbeitet. Seine späteren Werke haben meist religiöse Themen. Spencer stirbt an Krebs.







Johann Sperl



Kindergarten
ca. 1885 groß


Gäneliesl in Begleitung eines Mädchens mit Puppe

Johann Sperl befasst sich anfangs mit dem typisch gründerzeitlichen Genrebild. In den 1880ern wendet er sich zunehmend der Landschaftsmalerei zu. Thematisch konzentriert er sich auch auf Milieuschilderungen im familiären Bereich, spielende Kinder mit Katzen oder Gänsen zählen zu den bevorzugten Sujets des Künstlers. Dabei bettet er die Szenen häufig in üppige Bauerngärten oder Naturkulissen ein.









Carl Spitzweg



Der arme Poet, Öl, 1839
Frühestes Meisterwerk Spitzwegs - lebendes Vorbild der Dichter Mathias Etenhueber. Von drei Versionen des Bildes befindet sich eine in der Neuen Pinakothek, die 1887 der Neffe Spitzwegs ihr schenkte. Eine weitere Version haben 1989 Kunsträuber (zusammen mit 'Der Liebesbrief') in Schloss Charlottenburg mit Gewalt von der Wand gerissen und gestohlen.
Nachdem Spitzweg das Bild 1839 zur Ausstellung im Münchener Kunstverein freigegeben hat, erhält er scharfe Kritik: stimmungslos und fade. Man nimmt das Bild als befremdlich wahr, lehnt es geschlossen als Verhöhnung der Dichterkunst ab. Die früheste Ölskizze von 1837 hat Sotheby’s 2012 in New York für 542.500 US-$ versteigert!



Er hat kein Bett. Stattdessen liegt eine Matratze auf dem Boden, auf der der arme Poet im Schlafrock, mit einer Schlafmütze auf dem Kopf halb kauert, die Brille verkehrt herum auf. Er fing 'nen Floh!!
In die ärmliche, ungeheizte Dachstube bringt ein kleines Fenster Licht. Titel des aufrecht stehenden Wälzers: „Gradus ad Parnassum“ (Stufen zum Parnass), das 1725 herausgekommene theoretische Hauptwerk des österreichischen Komponisten Johann Joseph Fux.
Die im Ofenloch steckenden Papierblätter gehören wohl zu den Papieren, die vor dem Ofen liegen, betitelt „Operum meorum fasciculum III“ (Das dritte Bündel meiner Werke).
Die verschneiten Häuser drauaßen der Hinweis, dass Kälte herrscht. Der Dichter friert, zum Heizen müsste er seine Werke verschüren, da bleibt er lieber im Bett, um sich wenigstens ein bisschen warm zu halten. Etenhueber, bekanntester deutschsprachiger gescheiterte Schriftsteller lebt 1722 - 1782 in München, dauernd in finanzieller Not.


Mathias Etenhueber, der wahre arme Poet

fleht seinen Kurfürsten an, der ihn zynisch
zum einkommenslosen "Hofpoeten" ernennt ...:

Des Winters kalte Faust klopft wieder an die Thür,
Laß seine Dürftigkeit mit Holz, und Kleid versorgen,
Und mach ihn einmal frey von allen Nahrungs-Sorgen,
Er geht aus Armuth schlecht, er schreibt vor Kummer matt,
Indem sich nirgends zeigt ein Freund, ein Mecenat,
Doch dißmal wirst Du nur, um Holz, und Kleid gebeten,
Wirst Du mit dieser Gnad sein krankes Herz erfreun,
So wird er Dir darum auf ewig dankbar seyn,
Und Deinen Namen einst durch ein geläutert Schreiben,
Wie Du es längst verdient, in Gold, und Marmor treiben.

Die Künstler des expressiven Biedermeier nehmen im Gegensatz zu Spitzweg häufig eine konformistische Haltung des Schweigens ein, um dadurch Repressionen zu entgehen. Den damaligen bundesstaatlichen Strukturen einer angeblichen Gewaltenteilung begegnet er mit Ironie und übt mit verschlüsselten Strategien Kritik an bestehender Ungerechtigkeit. Zahlreiche Werke Spitzwegs offenbaren seine spöttische Haltung gegenüber der Macht des Staates, in Gestalt dessen Vollzugsorganen, wie Zollbeamten, Wachtposten oder Bürgersoldaten. Oft entblöst er diese Protagonisten - wie etwa den


Fliegenfänger (1848)

- in all ihrer Unzulänglichkeit. Bereits eine banale Geste gerät dabei zu unfreiwilliger Komik. Die Beschäftigungslosigkeit der vielen Uniformierten - in den hoch gerüsteten Zeiten, ohne aber konkrete militärische Auseinandersetzungen - ruft bei ihm groteske Darstellungen hervor. Anstelle von Waffen hält der


Wachposten (1850)

Strickzeug in Händen. Militärs gähnen vor Langeweile, vertreiben sich die Zeit mit Fliegenfangen oder sind bei ihrer Wachtaufgabe in seinen Bildern gar als eingeschlafen karikiert. Im Bildwerk


Päpstliche Zollwache (um 1855)

thematisiert er Korruptheit: Während der Beamte das Gepäck untersucht, steckt ihm ein Reisender etwas zu, offensichtlich um ihn über ein beabsichtigtes Zollvergehen hinwegsehen zu lassen.

Das Ölgemälde von 1848 auf einem Holzdeckel einer Zigarrenschachtel zeigt einen Gnom, die damals neue Dampfeisenbahn betrachtend. Die alte Welt der Märchen und Sagengestalten wird der neuen Welt des Wandels und des technischen Fortschritts gegenübergestellt. Florian Illies bezeichnet das Werk als „das vielleicht verrückteste Gemälde von Spitzweg“. Er geht der Frage nach, ob Spitzwegs Gnom gegenüber dem vier Jahre älteren Gemälde



"Regen, Dampf und Geschwindigkeit -

(Zug der „Great Western Railway“) von William Turner ein Rückschritt sei. Illies: Die Kleinbürgerlichkeit von Spitzwegs Gemälden werde sichtbar. Zum anderen aber karikiere dieser meisterhaft seine Gegenwart „als märchenhafte Zwergenwelt, die glaubt, das Kommen und Gehen der Moderne aus ihren sicheren Höhlen beobachten zu können.“ Der Maler sei dabei aber durchaus selbstkritisch - sein Blickwinkel zeige, dass seine Position schließlich noch tiefer in der Höhle liegt, als die des Gnoms. Selbstironisch kommentiere Spitzweg somit „seinen Ruf als biedermeierlicher Sonntagsmaler, der die Zeit anhalten wolle.“









Cornelis Springer

Marktplatz von Bremen

Springer malt im Stil der Romantik viele Städte und Dörfer, oft auch Phantasien mit erkennbaren Motiven. Seine Gemälde weisen topografische Genauigkeit auf. Detail und Licht sind ausgeprägt. Seine Werke sind nicht nur exakt, sondern auch harmonisch in der Farb- und Lichtgestaltung. Sie wurden durch viele Farbdrucke weit verbreitet wie der Marktplatz von Bremen. In den Niederlanden sind die Bilder von Amsterdam, Haarlem, Zwolle, Kampen, Enkhuizen, Monnickendam und Harderwijk sehr bekannt.







Saul Steinberg


1978


Der rumänisch-amerikanische Zeichner und Karikaturist (geboren 1914 in Râmnicu Sarat, gestorben 1999 in New York) wird vor allem bekannt durch Cartoons und Titelbilder für das Magazin

Für diese Zeitschrift entsteht auch das Titelbild von 1976, später beliebtes Postermotiv: eine perspektivisch verzerrte Landkarte, die von der 9ht Avenue in New York ausgehend einen Teil der Welt abbildet, als grafische Idee weltweit für beliebige andere Orte abgewandelt.
Steinberg beginnt ein Studium in Bukarest, siedelt 1932 nach Mailand um und schließt ein Architekturstudium 1940 ab. 1941 emigriert er in die USA, die ihn in die Dominikanische Republik abschieben, 1943 heiratet er die Malerin Hedda Sterne.
Im Zweiten Weltkrieg muss Steinberg in China maoistische Guerillakämpfer im Brückensprengen unterrichten und flieht danach nach Indien. Dann schickt ihn der Office of Strategic Services nach Nordafrika und Italien, wo er Cartoons zeichnen soll, die Nazis und Faschisten lächerlich machen. Das OSS-Blatt Das Neue Deutschland druckt die Karikaturen ab und wirft sie hinter den feindlichen Linien ab.
Nach dem Krieg wird sein Stil mehr abstrakt, philosophisch und symbolisch.


Three Liberties

Ende der 1960er-Jahre wird der Ton seiner Zeichnungen pessimistischer, vor allem in Bezug auf das Stadtleben von New York (Hausfassaden als erschreckende Irrgärten, Micky Maus in Stiefeln als Terrorist).



Er stirbt 1999 in New York.







Tobias Stengel

Die Woge
2006

Der Stadtrat Dresden schreibt einen Wettbewerb aus, Thema "Hochwasser in Sachsen". Stengel greift mit seiner Skulptur sehr direkt das Motiv des Holzschnitts von Katsushika Hokusai auf.

Der konzeptionelle Grundgedanke der Stengelschen „Woge“, die zeitgemäße Neufassung des Holzschnitts mit den dreidimensionalen Mitteln der Skulptur überrascht. Bei Umsetzung des Holzschnittes in die neue, dreidimensionale Fassung auf dem Scheitel der Augustusbrücke in Dresden verzichtet Stengel auf den ursprünglichen Bezugspunkt des Bildgeschehens, den Fujiama, und auch auf die Boote. Er rückt die Ausprägung der einzelnen Elemente des Wogenkamms in den Mittelpunkt. Die Aussage der Stengelschen Woge geht weit über eine Ästhetisierung des Themas Wasser hinaus. Die Ausführung der Arbeit umfasst 8 Platten, die das Gesamtbild der Woge ergeben. Der wechselnde Lichteinfall beeinflusst sehr stark die Wahrnehmung der Woge; die Pulver-beschichtung der dunklen, anthrazitfarbenen Platten hebt sich durch unterschiedliche Lichtverhältnisse jeweils anders von den sandgestrahlten hellen Teile ab.



Stengel legt uns mit dem Text am Fuß der Skulptur „Elbehochwasser 2002 – ein Spiegel der Fluten andernorts“ einen indirekten Verweis auf die globalen Wetterzusammenhänge nahe: Wir dürfen die Umweltkatastrophen nicht als regionales Thema behandeln, sondern international auf allen Ebenen. Stengels Woge mit japanischem Hintergrund - wunderbares Symbol, das auch das Erlebnis Hilfe der damals Betroffenen aus ganz verschiedenen Regionen in sich trägt.
Tobias Stengel, 1959 in Grimma geboren, studiert Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und ist seit 1986 als freiberuflicher Künstler tätig. Er hat Lehraufträge an der TU Dresden für Räumlich-Plastische Grundlagen, lebt und arbeitet in Dresden.







Robert Sterl

Elbebaggerer
1905

Nach dem Kunststudium bis 1890 bleibt er Dresden bis an sein Lebensende verbunden. Beinahe 30 Jahre nimmt er als Professor der Kunstakademie entscheidenden Einfluss auf die sächsische Kunstszene.
Sein realistisches Frühwerk prägen zahlreiche in der Dresdner Umgebung sowie als loses Mitglied der Schwälmer „Willingshäuser Malerkolonie“ in Hessen entstandene Landschaften. Daneben beschäftigt er sich immer wieder eingehend mit dem Thema Arbeit: Er zeigt Schäfer, Ernteszenen, Bauernfamilien oder Kinder bei der Ernte.
Mit dem Elbsandsteingebirge, Steinbrüchen und Steinbrechern ist Sterl als Sohn eines Steinmetzes besonders verbunden und liefert mit seinen Darstellungen Zeugnisse der Arbeits- und Technologiegeschichte.

In In Sterl verbindet sich das große Talent eines Porträtisten mit außergewöhnlichen Können, Atmosphäre und Kraft der jeweiligen Begegnungen einzufangen.







Margarete Stern



There’s no time to lose
Weitere Bilder auf der Webseite der Künstlerin und hier:

Geboren 1952 in Heidelberg, dort Studium 1980 - 1986 an der Päd. Hochschule Heidelberg, Kunststudium. 1988 - 1992 Dozentur an der VHS Heddesheim, Malerei. 1992 - 2015 Tätigkeit als Lehrerin, seit 1998 Atelier in Speyer. Partner: Der Maler Reinhard Adler
Margarete Stern schafft es, mit dem Reiz der Oberflächenstruktur und Ornamentik, mit scheinbar liebevollen Motiven, den Betrachter in einen Wald, eine Landschaft, einen Raum, kurz, in eine Welt zu führen, wo beim näheren Hinsehen, hinter jeder Ecke, jedem Strauch, jedem Porträt etwas lauert, gleichsam der Ahnung vor einem Tier, das im Begriff ist, den ahnungslosen Touristen der Wildnis anzuspringen und mit Haut und Haaren zu fressen.



Auch wenn die Gemälde surreal anmuten, so sind sie doch von einer authentischen Realität und Eindringlichkeit, der wir uns kaum entziehen können.
Die Farbe führt ein regelrechtes Eigenleben, auch wenn sie sich größtenteils an den Bildgegenstand bindet. Sie ist begleitend, überspitzt, realistisch, übersteigert, dynamisch oder sanft, unwirklich, unkonventionell. Es ist eine Farbigkeit, bestehend aus Kontrasten, Melodien, Gleichklang oder Disharmonie. Die teils lässig oder in realistischer Ausführung aufgetragenen Farbschichten werden unterstützt durch Farbfamilien, Tonwerten oder Komplementärkontrasten.


Bambus

Die Malerin geht ihren eigenen Weg, indem sie die Protagonisten ihrer Gemälde, die wie gebannt, schlafend, träumend, scheinbar bewegungslos oder im Moment der Entscheidung wie eingefroren erstarrt zu sein scheinen, durch die Farbe aus diesem Dilemma, aus der Gefahr der Lähmung, herausführt. Die Farbe suggeriert Aufforderung, Dynamik, Aktion: Carpe diem! Pflücke den Tag
Der Genuss, die Fülle, die Pracht, die Schönheit des Lebens, des Moments ist das eine, aber der Rhythmus bestimmt das Lied, das ist das Andere. Die Möglichkeit des Wandels ist gegeben, das Ergebnis offen, nämlich Hoffnung, Befreiung, Loslösung aus der Erstarrung. Realität und Vorstellung, Farbe und Form greifen hier ineinander über.







Nadezhda Stupina



Sommer
2018

"Was kannst du in meinen Arbeiten findest? In meinen Arbeiten findest du mich, meinen Charakter, meine Leidenschaft, meine Seele, meine Lebenseinstellung, meine Vorstellung von Schönheit."
Die 1967 in der russischen Stadt Orel geborene Stupina studiert in Orel und Moskau. Seit 2005 widmet sie sich ganz der Malerei und lebt seit 2010 in Oslo. Sie arbeitet mit einer Vielzahl von Materialien wie Ölfarbe, Acryl, Pastellfarben, Papier, Leinwand, Pappe, Plexiglas und sogar Denim (robuster Baumwoll-/Hanffaserstoff). Ihre Stücke sind optisch auffallende Farbkompositionen, traumhafte Landschaften, Blumenstillleben und Porträts, stimmungsvolle, dekorative Kunstwerke, die Freude bereiten sollen.


Spring evening on Malmøya





Anatoli Swerew

Komposition
1987



Bei den meisten russischen Malern stellt sich aus europäischer Perspektive die ketzerische Frage, was sie nun wirklich Neues gebracht haben. Anatoly Swerew bringt Neues und Einzigartiges. Er gießt zwei Eimer Farbe über eine spontan ausgebreitete Leinwand, springt mitten in die blau-grüne Pfütze, um verzweifelt mit seinem Schrubber darin zu arbeiten. Nach zehn Sekunden lichtete sich zu Füssen der begeisterten Zuschauer ein grosses Frauenportrait, "virtuos gestaltet, raffiniert und mit einem feinfühligen Verständnis". Die Jury der Weltfestspiele unter dem Vorsitz des etablierten mexikanischen Künstlers und Stalinisten David Alfaro Siqueiros verleiht Swerew für seine Arbeiten den ersten Preis. Arbeiten, die notabene in krassem Widerspruch zu dem von Swerew abgelehnten sowjetischen Realismus standen. Drei Jahre später veröffentlichte das amerikanische Life-Magazin ein Selbstbildnis Swerews, dessen Vergleich mit einem konservativen russischen Werk auf derselben Doppelseite dazu beitrug, das kulturelle Tauwetter in der Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow wieder abzukühlen.
Die Werke des Autodidakten Swerew, unter dem sowjetrussischen System nicht anerkannt oder öffentlich gezeigt, sind die russische Antwort auf informelle Tendenzen in der westeuropäischen oder amerikanischen Kunst. Seine geistige Nähe zum französischen Tachisme oder den Werken Jackson Pollocks zeigt sich in späten Werken deutlich.

Sein meist gegenständlicher, im weiteren Sinne expressionistischer Stil gilt auch im globalen Kunstkontext als einzigartig mit hohem Wiedererkennungswert. Er selbst bezeichnete ihn als "touchism", allenfalls noch vergleichbar mit Jackson Pollock, den Swerew jedoch nicht kannte. Nebst dem "dripping"-Effekt - Pollock liess die Farbe aus einem Loch in der Farbdose auf die Leinwand tropfen, Swerew direkt aus der Tube - verbindet beide das Bestreben, während des schöpferischen Prozesses "selbst im Bild zu sein".

Gleichzeitig zeichnet Swerew eine aussergewöhnliche stilistische Vielfalt aus, die sich über unterschiedliche Farb-Materialien und Medien erstreckt, gemäss Zeitzeugen oft spontan aus dem Moment heraus entwickelt und gleich wieder aufgegeben. Zwar nennt Swerew Leonardo da Vinci und van Gogh als seine wichtigsten Vorbilder und begegnet in der Wohnung seines Mentors George Costakis Werken verschiedener russischer Avantgardisten. Trotzdem ist nicht nachvollziehbar, wie er sich im stark normierten sowjetischen Kunstumfeld autodidaktisch Maltechniken vom Kubismus bis zu Pop Art auf hohem Niveau aneignen konnte.
Nicht zuletzt gründet Swerews Einzigartigkeit auf seinen russischen Wurzeln. Es geht hier nicht um eine vermeintliche, von Westeuropäern oft beschworene mystische (und natürlich "unverständliche") russische Seele. Die Russen pflegen ihre kulturelle Identität und ihre weltweit bekannten künstlerischen Koryphäen genauso wie etwa die Deutschen, Franzosen oder Italiener. Hingegen unterscheidet sich Russland durch seine geographische, kulturelle und ästhetische Schnittstelle mit dem Orient. Swerews Werke verkörpern diese "USP" (unique selling proposition) exemplarisch:
Einerseits zeigen sie die Stileigenschaften und technische Qualität europäischer Vorgänger wie van Gogh, Mattisse oder die deutschen Expressionisten.

Andererseits finden sich bei Swerew eine Leichtigkeit und ein kontinuierlicher Fluss in der Ausführung, die wir vor allem von asiatischen Künstlern kennen. Alles scheint immer in Bewegung, nichts statisch oder mühselig "gemacht". Tatsächlich erinnern Swerews Aquarelle und Zeichnungen an Xu Beihongs oder Zhang Daqians Tuschmalereien von Tieren oder Landschaften.
Zeitgenossen berichten, dass Swerew viel und überall gemalt hat: im Zoo, in der Metro, im Kino, mit den im Moment zur Verfügung stehenden Mitteln und Medien wie Salz, Mehl, Zigarettenkippen, unter Einsatz von Mal- oder Rasierpinsel, Zahnbürste, Obstmesser oder blossen Fingern.
Portraits, daneben Tier-, Blumen- und Landschaftsbilder sowie "archetypische" Motive wie Don Quijote.

Swerews Technik und Arbeitsprozesse sind auf ganzheitliches Erfassen des Objekts und letztlich auf Effizienz ausgerichtet. Er benützt seinen breiten Pinsel wie eine Palette, indem er erst alle benötigten Farben an unterschiedlichen Stellen des Pinsels aufträgt. Danach verteilt er die Farben an den "strategischen" Punkten der Malfläche, bevor er damit gestalterisch arbeitet und erst im letzten Moment für den Zuschauer eine erkennbare Gegenständlichkeit schafft.

In stetem Fluss befindet sich auch Swerews Leben. Ungepflegt und schlecht angezogen, auf der Strasse oder opportunistisch bei Freunden lebend, dauerbetrunken und oft im Suff von vermeintlichen Freunden geschlagen und ausgeraubt, im sowjetischen Staat ab und an psychiatrisch versorgt, könnte er eine Art russischen Charles Bukowski verkörpern. Doch statt adoleszenter Bukowski-Plattitüden finden wir bei Swerew tiefsinnige, erschütternde Kunst in Bild und Wort - er schreibt auch Gedichte. Statt oberflächlicher Triebbefriedigung unterhält er eine langjährige platonische Beziehung mit einer hoch kultivierten 30 Jahre älteren Mentorin. Er schreibt eine Abhandlung über das Dame-Spiel, das er meisterhaft beherrscht. Freiheit stellte Swerews höchstes Gut dar, in der Anarchie sieht er die Mutter aller Ordnung. Dieses Credo setzt er konsequent in Kunst und Leben um.
Maler Robert Falk: " ... ich schätze Swerew als Künstler, aber nach meinem heutigen Gespräch bin ich der Meinung, dass sein philosophischer Intellekt noch grösser ist, als seine unbestrittene Meisterschaft als Maler."



Swerew bleibt trotz aller Anläufe und wiederholten Ankündigungen seines unmittelbar bevorstehenden Durchbruchs ein Insidern vorbehaltener Künstler. 2019 sind in Moskau ausserhalb des AZ Museums und einer vom AZ Museum co-kuratierten Performance im "Westwing" der Neuen Tretjakov Galerie keine Bilder von Swerew zu finden. Der Innovator Swerew packt, geht tief, erschüttert und hat schon immer Künstler aller Disziplinen und Länder inspiriert. (nach KUNSTSIGNAL.de)







Stanisław Szukalski

The Incorruptable, 1971