Umberto Eco hat in seinem Foucaultsche Pendel den Plot von Tlön, Uqbar, Orbis Tertius übernommen, wo eine fiktive Welt plötzlich in die Realität eingreift. Und der Wallfahrer an Suffolks Küste findet hier Belege für sein von weit draußen hereingetriebenes, vielgliedriges, doppelköpfiges Seeungeheuer, ein kopulierendes Menschenpaar unter der Klippe am schmalen Strand von Covehithe. Der Häresiarch von Uqbar hätte das - ebenso wie Spiegel - abscheulich gefunden, weil beides die Zahl der Menschen vervielfacht.
Die Erzählung Jorge Luis Borges' aus dem Band 'Fiktionen' spielt im Entstehungsjahr 1940, der Erzählhorizont geht weit zurück bis ins 17. Jahrhundert, der Lebenszeit von Thomas Browne, dem Verfasser von Urn Burial, an dessen Übersetzung der Ich-Erzähler, ohne Absicht einer Veröffentlichung, 1947 unbeirrt arbeitet. Zahlreiche Fußnoten, Anmerkungen und Nachträge sind, wie die Bilder in Sebalds Werk, Bestandteil der literarischen Beglaubigungsstrategie, die das Prinzip der fiktiven Quellenangabe - bestimmendes Element der Erzählung -unterstützt.
„Orbis Tertius“, die massive Verschwörung von Intellektuellen, denkt sich eine Welt namens „Tlön“ aus und dabei verändert sich auch die Erde: im Fortgang der Geschichte begegnen uns mehr mehr Artefakte, am Ende wird die Erde zu Tlön. Wirklichkeit und Fiktion durchdringen sich gegenseitig. Parodie auf den philosophischen Idealismus, Suche nach Manfiestationen von Ideen in der physischen Welt, Kirtik, Angst und Protest gegen Totalitarismus.
Die Detektivgeschichte in einer verrückt gewordenen Welt erinnert an die Schwindel.Gefühle. Sebalds und lebt von Anspielungen auf intellektuelle Positionen in Argentinien und der ganzen Welt, streift Themen der Sprachphilosophie, Epistemologie und Literaturkritik ...









Tlön
(Die Ringe des Saturn S. 86ff)


Borges

In TIön verdoppeln sich die Dinge; sie neigen ebenfalls dazu, undeutlich zu werden und die Einzelheiten einzubüßen, wenn die Leute sie vergessen. Ein klassisches Beispiel ist jene Türschwelle, die andauerte, solange ein Bettler sie besuchte, und die bei seinem Tode den Blicken entschwand. Zuweilen haben ein paar Vögel oder ein Pferd die Ruinen eines Amphitheaters gerettet.
1940 Salto Oriental.

Sebald

Während mir das durch den Kopf ging, sah ich draußen über dem Meer die Schwalben herumschießen. In einem fort ihre winzigen Schreie ausstoßend, durchschnitten sie ihr Flugfeld, geschwinder, als ihnen mit den Augen zu folgen war. Schon früher, in der Kindheit, wenn ich in den Abendstunden vom schattigen Talgrund aus diesen Seglern zuschaute, die zu jener Zeit noch in großer Zahl droben im letzten Licht kreisten, habe ich mir vorgestellt, daß die Welt nur zusammengehalten wird von ihren durch den Luftraum gezogenen Bahnen. Viele Jahre später las ich dann in der 1940 in Salto Oriental in Argentinien verfaßten Schrift Tlön, Uqbar, Orbis Tertius von der Rettung eines ganzen Amphitheaters durch ein paar Vögel.



Ich verdanke der Konjunktion eines Spiegels und einer Enzyklopaedie die Entdeckung Uqbars. Der Spiegel beunruhigte das Ende eines Ganges in einem Landhaus der Calle Gaona in Ramos Mejia; die Enzyklopaedie nennt sich fälschlich The Anglo-American Cyclopaedia (New York, 1917) und ist ein wortgetreuer, wenn auch saumseliger Nachdruck der Encyclopaedia Britannica von 1902. Der Vorfall ereignete sich vor etwa fünf Jahren. Bioy Casares hatte an diesem Abend mit mir zusammen gespeist, und es war zwischen uns zu einem langwierigen Streitgespraech über die Ausarbeitung eines Ich-Romans gekommen, dessen Erzähler Tatsachen auslassen oder entstellen und sich in verschiedenerlei Widersprüche verwickeln sollte, wodurch ein paar wenigen Lesern - ganz wenigen Lesern allerdings - die Ahnung einer grausamen oder trivialen Wirklichkeit aufgehen sollte. Vom entfernten Ende des Ganges her belauerte uns der Spiegel. Wir entdeckten (in tiefer Nacht ist diese Entdeckung unvermeidlich), dass Spiegel etwas Schauerliches an sich haben. Daraufhin erinnerte sich Bioy Casares, dass einer der Häresiarchien von Uqbar erklärt hatte, die Spiegel und die Paarung seien abscheulich, weil sie die Zahl der Menschen vervielfachen. Ich fragte ihn nach der Herkunft dieser denkwürdigen Sentenz, und er antwortete mir, dass The Anglo-American Cyclopaedia sie in ihrem Artikel über Uqbar anführe. In dem Landhaus (das wir möbliert gemietet hatten) befand sich ein Exemplar dieses Werkes. Auf den letzten Seiten von Band XLVI stiessen wir auf einen Artikel über Upsala; auf den ersten Seiten von XLVII auf einen über Ural-Altaic Languages, aber kein Wort über Uqbar. Bioy, ein bisschen bestürzt, sah in den Index-Bänden nach. Vergebens probierte er es mit allen irgend denkbaren Lesarten: Ukbar, Ucbar, Ooqbar, Ookbar, Oukbahr ...Vor dem Weggehen sagte er zu mir, es sei das eine Landschaft im Irak oder in Kleinasien. Ich muss gestehen, dass ich mit leisem Unbehagen zustimmte. Ich mutmasste, dass dieses unbezeugte Land und dieser anonyme Häresiarch eine von dem bescheidenen Bioy improvisierte Fiktion zur Rechtfertigung seines Ausspruchs seien. Die ergebnislose Durchsicht eines der Atlanten von Perthes bestärkte mich in meiner Vermutung.
Am folgenden Tag rief Bioy mich aus Buenos Aires an. Er sagte zu mir, der Artikel über Uqbar liege vor ihm, und zwar stehe er in Band XLVI der Enzyklopaedie. Der Name des Häresiarchen stehe nicht fest, wohl aber sei der Vermerk über seine Lehre fast wortgenau so formuliert, wie er sie wiedergegeben habe, wenn auch - vielleicht - literarisch schwächer. Er hatte sie so im Kopf gehabt: Copulation and mirrors are abominable. Der Wortlaut der Enzyklopaedie besagte: »Für einen dieser Gnostiker war die sichtbare Welt eine Illusion oder (genauer gesagt) ein Sophismus. Der Spiegel und die Vaterschaft sind abscheulich (mirrors and fatherhood are abominable), weil sie jene vervielfältigen und in Umlauf bringen.« Ich sagte ihm, ohne mich an der Wahrheit zu vergehen, dass ich diesen Artikel gern sehen möchte. Innerhalb weniger Tage brachte er ihn her. Das überraschte mich um so mehr, als die gewissenhaften Kartographischen Indices der Erdkunde von Ritter in völliger Unkenntnis des Namens Uqbar befangen waren.
Der Band, den Bioy brachte, war tatsächlich Band XLVI der Anglo-American Cyclopaedia. Die alphabetische Angabe (Tor-Ups) auf dem Schutzumschlag und dem Buchrücken war dieselbe wie bei unserem Exemplar, doch statt aus 917, bestand es aus 921 Seiten. Diese vier zusätzlichen Seiten enthielten den Artikel über Uqbar; in der alphabetischen Angabe (wie der Leser bemerkt haben wird) war er nicht berücksichtigt. Späterhin stellten wir fest, dass zwischen den Bänden sonst kein Unterschied besteht. Beide (wie ich angedeutet zu haben glaube) sind Nachdrucke der zehnten Encyclopaedia Britannica. Bioy hatte sein Exemplar bei einer von zahlreichen Versteigerungen erworben.

Die Erinnerung an die damals verspürte Unsicherheit bringt mich wieder auf die im vorigen schon erwähnte argentinische Schrift, die in der Hauptsache befaßt ist mit unseren Versuchen zur Erfindung von Welten zweiten oder gar dritten Grades. Der Erzähler berichtet, wie er zusammen mit einem gewissen Bioy Casares in einem Landhaus der Calle Gaona in Ramos Mejía an einem Abend des Jahres 1935 beim Nachtessen war und wie sie sich im Anschluß an dieses Nachtessen verloren hatten in einem weit ausschweifenden Gespräch über die Ausarbeitung eines Romans, der gegen offenkundige Tatsachen verstoßen und sich in verschiedene Widersprüche verwickeln sollte in einer Weise, die es wenigen Lesern - sehr wenigen Lesern - ermöglichen sollte, die in dem Erzählten verborgene, einesteils grauenvolle, andernteils gänzlich bedeutungslose Wirklichkeit zu erahnen. Am Ende des Flurganges, der zu dem Zimmer führte, in dem wir damals saßen, so der Verfasser weiter, hing ein ovaler, halbblinder Spiegel, von dem eine Art Beunruhigung ausging. Wir fühlten uns von diesem stummen Zeugen belauert, und also entdeckten wir - in tiefer Nacht sind dergleichen Entdeckungen fast unvermeidlich -, daß Spiegel etwas Entsetzliches haben. Bioy Casares erinnerte demzufolge, einer der Häresiarchen von Uqbar habe erklärt, das Grauenerregende an den Spiegeln, und im übrigen auch an dem Akt der Paarung, bestünde darin, daß sie die Zahl der Menschen vervielfachen. Ich fragte Bioy Casares, so der Verfasser, nach der Herkunft dieser mir denkwürdig scheinenden Sentenz, und er sagte, die Anglo-American Cylopaedia führe sie an in ihrem Artikel über Uqbar. Dieser Artikel aber, so stellt es sich im weiteren Verlauf der Erzählung heraus, ist in der besagten Enzyklopädie nicht aufzufinden, beziehungsweise er findet sich einzig und allein in dem von Bioy Casares vor Jahren erstandenen Exemplar, dessen sechsundzwanzigster Band um vier Seiten mehr aufweist als alle anderen Exemplare der fraglichen, 1917 erschienenen Ausgabe.









Nachschrift von 1947. Ich gebe den vorstehenden Artikel genau so wieder, wie er 1940 in der Antologia de la literatura Jantastica erschien, lediglich mit Streichung einiger Metaphern und einer Art Schlussbetrachtung in spasshaftem Ton, die heute frivol wirkt. Seit jenem Datum sind so viele Dinge geschehen. Ich will mich damit begnügen, an sie zu erinnern.
Handbücher, Anthologien, Kurzfassungen, wortgetreue Abdrucke, autorisierte Neudrucke und Raubdrucke des grössten Werkes der Menschheit überfluteten und überfluten noch immer die Erde. Fast im selben Augenblick gab die Wirklichkeit in mehr als einem Punkt nach, und zwar gelüstete es sie nachzugeben. Noch vor zehn Jahren reichte jede den Anschein von Ordnung erweckende Symmetrie - der dialektische Materialismus, der Antisemitismus, der Nazismus - völlig aus, die Menschen zu betören. Wie sollte man sich nicht Tlön unterwerfen, der minuzioesen und umfassenden Einsicht in einen geordneten Planeten? Überfluessig zu erwidern, dass auch die Wirklichkeit geordnet ist. Mag sein, dass sie es ist, aber in Übereinstimmung mit göttlichen Gesetzen - normal gesagt: mit unmenschlichen Gesetzen -, die niemals in unsere Wahrnehmung eingehen. Tlön mag ein Labyrinth sein, doch ist es ein von Menschen entworfenes Labyrinth, ein Labyrinth, dessen Entzifferung der Menschheit aufgegeben ist. Die Berührung und der Umgang mit Tlön haben diese unsere Welt zersetzt. Bezaubert von seiner strengen Gesetzlichkeit, vergisst die Menschheit ein ums andere Mal, dass es eine Gesetzlichkeit von Schachspielern, nicht von Engeln ist. Schon ist das (erschlossene) »Uridiom« von TIön in die Schulen eingedrungen; schon hat seine harmonische Geschichte (die so voll ist von bewegenden Episoden) die in meiner Jugend herrschende ausgelöscht; schon nimmt in den Memoiren eine fiktive Vergangenheit die Stelle einer anderen ein, von der wir mit Sicherheit nichts wissen - nicht einmal, ob sie falsch ist. Man hat die Numismatik, die Arzneikunde, die Archäologie reformiert. Ich halte für ausgemacht, dass die Biologie und die Mathematik ebenfalls ihrer erneuerten Gestalt harren . . . Eine über die Welt verstreute Dynastie von Einsiedlern hat die Erdoberfläche umgewandelt. Ihre Aufgabe geht weiter. Wenn unsere Prognosen nicht irren, wird in hundert Jahren jemand die hundert Bände der Zweiten Enzyklopaedie von Tlön entdecken.
Englisch, Französisch und sogar Spanisch werden dann vom Planeten verschwunden sein. Die Welt wird TIön sein. Mich kümmert das nicht, ich feile in der stillen Musse des Hotels Adrogué weiter fort an einer tastenden, an Quevedo geschulten Übertragung des Urn Burial von Browne (die ich nicht drucken zu lassen gedenke).

Es bleibt somit ungeklärt, ob es Uqbar je gegeben hat oder ob es bei der Beschreibung dieses unbekannten Landes nicht ähnlich wie bei dem Enzyklopädistenprojekt Tlön, dem der Hauptteil der hier in Rede stehenden Schrift gewidmet ist, darum geht, über das rein Irreale im Laufe der Zeit zu einer neuen Wirklichkeit zu gelangen. Die labyrinthische Konstruktion Tlöns, so merkt ein Nachtrag aus dem Jahr 1947 an, steht im Begriff, die bekannte Welt auszulöschen. Schon ist das bislang von niemand beherrschte Idiom von Tlön in die Schulen eingedrungen, schon überdeckt die Geschichte Tlöns alles, was wir vordem einmal wußten oder zu wissen glaubten, schon zeigen sich in der Historiographie die unbestreitbaren Vorteile einer fiktiven Vergangenheit. Nahezu sämtliche Wissenszweige sind reformiert, und die wenigen unreformierten Disziplinen harren ebenfalls ihrer Erneuerung. Eine verstreute Dynastie von Einsiedlern, die Dynastie der Erfinder, Enzyklopädisten und Lexikographen von Tlön hat das Antlitz der Erde verwandelt. Alle Sprachen, selbst Spanisch, Französisch und Englisch, werden vom Planeten verschwinden. Die Welt wird Tlön sein. Mich aber, so schließt der Erzähler, kümmert das nicht, ich feile in der stillen Muße meines Landhauses weiter an einer tastenden, an Quevedo geschulten Übertragung des Urn Burial von Thomas Browne (die ich nicht drucken zu lassen gedenke).













Die Bilder stammen von
Xul Solar (1887 bis 1963) argentinischer Maler, Bildhauer, Schriftsteller und Erfinder
und
Luigi Serafini (1949) italienischer Künstler, Architekt und Designer

Luis Borges (siehe im Lexikon )Tlön, Uqbar, Orbis Tertius 1944








Jorge Luis Borges

1899 in Buenos Aires geboren und 1986 in Genf gestorben, lässt sich von Kafka, Daoismus, Berkeley, David Hume und Schopenhauer beeinflussen, schlägt die kulturelle Brücke zwischen Lateinamerika und Europa. Ständiges Thema ist die Unendlichkeit, das Phänomen der Zeit, wie der menschliche Verstand und unser Gefühl diese wahrnehmen, interpretieren und damit umgehen.
Bei seinem Lieblingsstilmittel trifft er sich mit Sebald: Täuschung, Spielen mit dem Leser, die Vermischung von Realität und Surrealität.
Regionalismus ist ihm fremd, obgleich viele seiner Werke in Argentinien spielen und er immer wieder Bezug auf Ereignisse und Personen der argentinischen Geschichte nimmt, fordert er, ein Schriftsteller müsse in der Lage sein, sich das gesamte Universum zu erschließen.
Der Vater, Rechtsanwalt, ist Dozent für Philosophie und Psychologie und Schriftsteller (übersetzt Edward Fitzgerald ), die Großmutter stammt aus Staffordshire, die Familie spricht Englisch und Spanisch, die Mutter übersetzt Katherine Mansfield, Herbert Read und William Saroyan ins Spanische. Jorges Schwester Norah Borges ist eine bedeutende Malerin.
Ab 1914 verbringt Borges sieben Jahre in der Schweiz, studiert Deutsch, Latein und Französisch, erblindet mit fünfzig. Seit 1955 ist er Direktor der argentinischen Nationalbibliothek, kurz vor seinem Tod heiratet er in 2. Ehe seine langjährige Sekretärin und Reisebegleiterin, die Autorin María Kodama.
Jorge Luis Borges schreibt phantastische Erzählungen, Gedichte, Essays, auch unter den Pseudonymen B. Suarez Lynch und H. Bustos Domecq.

Viele der Werke Borges' spielen auf politische Geschehnisse in seinem Heimatland an. Borges war Gegner von Juan Perón und unterstützt zunächst den Militärputsch von 1976, der seiner Herrschaft ein Ende setzt. Anlässlich des Falklandkrieges distanziert er sich von der Militärdiktatur.










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