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Schiff

Ex-Edmond de Rothschild ist eine von 7 neuen Prototypen, die VPLP-Verdier für die Vendée Globe Regatta 2020/21 entwirft.
2017 übernimmt Boris Herrmann das Ruder in den Farben des Yacht Club de Monaco und belegt beim Fastnet Race (mit Pierre Casiraghi) Platz 3. Dann bereitet er sich in einer hektischen Saison 2019 auf die Vendée Globe vor. Malizia II überarbeitet man 2020 komplett neu und gibt ihr den Namen "SEAEXPLORER".
Die Verbindung ist nur wenigen Insidern geläufig: Der Schiffsname leitet sich ab von der gleichnamigen Plattform des Schweizer Speditionsriesen Kühne + Nagel, über die der Seelogistiker seine Container verschifft.
Wieviel der Konzern, dessen Mehrheitsaktionär der deutsche Milliardär Klaus-Michael Kühne ist, Herrmanns Team zukommen lässt, hält man geheim. 21 fest angestellte Mitarbeiter beschäftigt die 2016 gegründete Sportfirma Malizia SCP – hinzu kommen Charterraten an Gerhard Senft, den Schiffseigner mit Sitz in Stuttgart. Das Fachmagazin „Yachting World“ schätzt, dass 10 bis 15 Mill. € im Spiel sind, um bei der Regatta vorne mitzusegeln.
K+N nutzt die „Partnerschaft“ anders als andere Sponsoren. Die meisten von ihnen, darunter die französische Banque Populaire, der japanische Maschinenbauer DMG Mori oder der Luxusschneider Hugo Boss, kaufen werbewirksam den Bootsnamen, um die eigene Marke in Szene zu setzen. K+N taucht im Bootsnamen nicht auf. Den Schriftzug „Seaexplorer“ auf dem tennisfeldgroßen Segel verstehen die Schweizer eher als Auftrag an den Einhandsegler – den er wörtlich nehmen darf: An Bord hat man ihm ein automatisiertes Kleinlabor montiert, das in regelmäßigen Abständen den Kohlendioxid-Gehalt des Meerwassers misst und über Funk an eine Datenbank sendet.
„Der Ozean ist der größte CO2-Speicher der Welt“, erklärt Boris Herrmann seine Mission. „Wir können aber die Probleme des Klimawandels nicht lösen, wenn vorher nicht gemessen wird.“


Route/Logbuch



Kurs Boris: weiß


























Bestaven - der König von Kap Hoorn
Am am 2. Januar um 14.42 Uhr deutscher Zeit passiert Yannick Bestaven als Spitzenreiter der 9. Vendée Globe Kap Hoor als Erster passiert. Beim Übergang vom Pazifik in den Atlantik hat der "Maître Coq IV"-Skipper rund 160 Seemeilen Vorsprung vor seinem Verfolger Charlie Dalin ("Apivia"). Vom Starthafen Les Sables-d'Olonne bis zum dritten, letzten und wichtigsten Kap der Weltumsegler benötigt Bestaven 55 Tage und 22 Minuten. Bei seiner Kap-Hoorn-Passage hat der 48-Jährige aus La Rochelle Winde jenseits von 30 kn und starken Seegang zu parieren. Der Blick auf den berühmten grauen Felsen ist ihm aber nicht vergönnt, denn Bestaven passiert die legendäre Landmarke in 85 sm Entfernung, weil das seine beste, sicherste und schnellste Routen-Option in den fordernden Bedingungen war.

Zum Feiern seiner ersehnten Kap-Hoorn-Premiere hat Yannick dennoch viele gute Gründe: Mit ihr endet sein wilder Südmeer-Ritt der vergangenen Wochen. Es beginnt der 7.000-sm-Aufstieg im Atlantik. Zudem schließt die Kap-Hoorn-Passage eine alte Wunde, denn Bestaven hat bei seinem ersten, schmerzlich kurzen Vendée-Globe-Auftritt im Rennen 2008/09 schon in den ersten 24 Stunden in einem furiosen Biskaya-Sturm seinen Mast verloren. Beim aktuellen Rennen sieht es für den Schifffahrtsingenieur nun ganz anders aus. Er dominiert die Flotte nach den ersten beiden Dritteln der Solo-Weltumsegelung mit seiner "Maître Coq IV", der ehemaligen "Safran 2" von 2015, und hat im finalen Drittel zunächst das beste Blatt auf der Hand.

Kurz vor dem Längengrad von Tasmanien hat Bestaven die Führung übernommen. Den Zustand seines verlässlichen VPLP-Verdier-Designs beschreibt er ähnlich wie Boris Herrmann seine "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco": "nahe bei 100 %" Der in Arcachon an der französischen Atlantikküste großgewordene Bestaven hat zuletzt vor allem mit seinen kompromisslosen Kursen dicht an der von der Wettfahrtleitung gesetzten Eisgrenze (AEZ) beeindruckt. Nicht zu vergessen: Wie auch Boris Herrmann war Bestaven Anfang Dezember an der Rettungsmission für Kevin Escoffier beteiligt, der sein Boot hat verlassen müssen, nachdem es auseinandergebrochen ist, und 11 Stunden später von Jean Le Cam gerettet worden war. Entsprechend hat Bestaven noch eine Zeitgutschrift von 10 Stunden und 15 Minuten wie einen kleinen Joker auf dem Konto. Aktuell bräuchte er ihn nicht, doch in Plan- und Gedankenspielen über ein möglicherweise knappes Finale ist er ein hübsches kleines Polster.
Einige Gründe für seinen bisherigen Erfolg hatte Bestaven schon vor dem Rennstart genannt: "Ich bin stur. Das ist einer meiner größten Fehler, aber auch eine meiner Qualitäten. Und ich bin ziemlich widerstandsfähig. Ich habe einen starken Geist in schwierigen Bedingungen." Nach seiner geglückten Kap-Hoorn-Passage: "Ich musste an meine Optionen glauben – ohne zu sehr darauf zu schauen, was die Konkurrenz macht. Ich musste stur sein, insbesondere, als ich nahe an der Eisgrenze blieb. Mir war aber vorher nicht klar, dass man so tief in den menschlichen Körper eindringen kann, dass man mental und physisch diesen ganzen Stress, diese Kälte, diese Nässe und diese Einsamkeit überwinden kann. Es gab magische Momente und auch harte. Beispielsweise bei einem Sonnenschuss, bei dem ich mitten in der Nacht an Deck war und mich fragte, was zur Hölle ich hier mache."
Bestavens famose Bestzeit in diesem Rennen zeigt aber auch, wie anders die Bedingungen bislang waren als bei der achten Auflage vier Jahre zuvor. Dem damals von Sieger Armel Le Cléac'h aufgestellten Rekord segeln Bestaven und die ganze Flotte mit mehr als einer Woche Rückstand deutlich hinterher. Armel Le Cléac'h war 2009 mehr als acht Tage eher bei Kap Hoorn als der jetzige Spitzenreiter.
Boris Herrmann: "Der Wind ist sehr instabil. Ich segele mit einem Reff und kleinem Gennaker. Es ist vor dem Wind nicht einfach in den hohen Wellen. Wir beschleunigen stark. Und foilen. Ich freue mich darauf, wieder im Atlantik anzukommen. In Bedingungen, die ich kenne, in stabileren Winden. Ich hoffe, ich kann da im Klassement wieder aufsteigen. Aber diese Gruppe liegt so eng beeinander. Das ist irre, verrückt. In der vergangenen Nacht habe ich per WhatsApp eine Nachricht rumgeschickt, dass wir aufpassen müssen, um hier draußen nicht eine Kollision zu haben. Ich habe ein Problem mit meinem AIS und bin nicht sehr glücklich darüber, dass wir so eng beieinander liegen. Ich hole gegenüber Louis und Isabelle wieder auf. Es wird interessant, denn ein Zehn-Grad-Winddreher hier und da kann für große Unterschiede sorgen."

(aus "Yacht" online 3.1.2021)


*) Es sind die Diego-Ramírez-Inseln. Auf der zugehörigen Insel Gonzalo, die am weitesten südlich gelegene bewohnte Insel der Welt,
hat die chilenische Marine 1951 auf der Nordostküste eine Wetterstation errichtet.









Hinweis: "nds" bei der Windstärke bedeutet übrigens "Knoten" (frz) - engl. "kts"

Noch ist das Rennen nicht vorbei. Nachdem ein Tiefdrucksystem über die Flotte zog, blieb der Spitze ein kniffliger leichter Windfleck, um durchzukommen. Dies könnte eine Chance für Boris und die um ihn herum sein, einige Meilen aufzuholen. Es könnte eng werden, wenn sie sich den Passatwinden des Südatlantiks nähern
Die vergangene Woche war nicht leicht für Boris Herrmann – dreimal musste er größere Schäden reparieren. Am Dienstagfrüh war es ein Riss im Achterliek seines Großsegels, der sich rasch über die gesamte Breite hätte erstrecken können.
Mit reichlich Sika 291, etwas Gurtband, Tuchstücken, Dyneema-Faden und zwölf Stunden Kraftanstrengung ließ er sich flicken – nicht schön, aber solide. Am Dienstagnachmittag deutscher Zeit konnte der 39-Jährige anschließend wieder Vollzeug setzen.
Zwischenzeitlich nur unter Fock unterwegs und zurückgefallen auf Rang elf, ist Herrmann inzwischen wieder im Angriffsmodus. Am späten Abend loggte er die zweitschnellste Geschwindigkeit in der Führungsgruppe. Von Platz fünf trennen ihn nur 230 Seemeilen; selbst ein Podiumsplatz scheint noch in Reichweite, sagt sein Team-Mitglied und Co-Skipper Will Harris.
Freilich: Boris Herrmann hat arg beißen müssen. Als er am Nachmittag in einer Videokonfernez zwei Dutzend Journalisten Rede und Antwort stand, wirkte er anfangs einsilbig, fast abwesend – so tief ist die Erschöpfung nach dem stürmischen Pannen-Ritt der vergangenen Tage.
Es war die vielleicht beeindruckendste Gesprächsrunde der diesjährigen Vendée, weshalb wir die Antworten im Wortlaut dokumentieren. Der Hamburger wich keiner Frage aus, zeigte sich offen, selbstkritisch – und nach wie vor entschlossen, "noch ein paar Plätze holen zu können".

Das sagt Boris Herrmann über ...

… sein Schlafpensum in den letzten 24 Stunden:
"So zwei oder drei Stunden."

… die Entstehung des Schadens am Groß:
"Wir hatten ziemlich starken Wind. Dann hab ich das dritte Reff eingebunden, und das Segel ist gegen das Want gekommen und am Achterliek eingerissen, auf etwa 15 Zentimeter. Das bedeutet: Jegliche Belastung kann dazu führen, dass das Segel komplett durchreißt. Wenn das passiert wäre, hätte ich nicht genug Material gehabt, um es zu reparieren, so wie das der Japaner (Kojiro Shiraishi) gemacht hat. Ich habe schon zu viel Material und Klebstoff verbraucht. Insofern wäre das das Ende des Rennens gewesen. Das war also sofort größte Alarmstufe. Zum Glück war es keine so großflächige Reparatur, aber eine strukturelle, die ordentlich gemacht sein musste und auch kompliziert war.
Wenn man das Segel so weit refft, dann ist das Dreieck am Want so weit, dass der Großsegelkopf da reinrutschen kann. Das Problem ist eigentlich neu, weil wir früher ein viel weiter ausgestelltes Topp im Groß hatten. Den Kopf haben wir aber verkleinert, als im Vendée-Arctique-Rennen das Kopfbrett die Schiene aus dem Mast gerissen hatte. Die neuen Foiler brauchen eh nicht so viel Fläche im Topp, weil diese bei den hohen Geschwindigkeiten nur Widerstand erzeugen. Das Segel twistet auch besser, wenn es oben schmaler ist; das war die Philosophie von North Sails.
Alles schön und gut, aber bei 40 bis 50 Knoten Wind ein drittes Reff einzubinden ist mir dadurch zum Verhängnis geworden. Wäre ich einfach stumpf vor dem Wind geblieben oder hätte beim Reffen von vornherein komplett angeluvt, wäre das wohl nicht passiert, aber hinterher ist man immer schlauer. Ich habe natürlich schon Hunderte Male gerefft, bei 40 Knoten ins dritte Reff, und es immer hingekriegt, auch eingangs des Indischen Ozeans. Warum mir das jetzt zum Verhängnis geworden ist, weiß ich auch nicht. Ich habe den Verdacht, dass meine Windinstrumente zu wenig anzeigen, dass es also mehr Wind hatte. Aber das Segel ist auch ein bisschen zu leicht gebaut, stelle ich fest."

… die Reparatur des Großsegelrisses:
"Das hat echt lange gedauert. Hab noch im Sturm angefangen, oben an Deck. Das Boot ist immer mal wieder eine Welle runtergesurft, nur unter J3 (der kleinen Fock). Echt raue Bedingungen, bis 45 Konten Wind. Hab da Tuch aufgeklebt und es dann aushärten lassen, ziemlich lange, damit das Sika abbindet. Hat jetzt gut zwölf Stunden getrocknet. Dauert wegen der Kälte deutlich länger. Muss jetzt noch die Werkzeuge wegräumen."
Ist wärmer geworden, der Wind hat abgenommen. Es ist so, wie man sich das wünscht nach Kap Horn: man fährt auf blauen Himmel zu, und ruhige See – ein Glück!"

… seine Aussichten im Atlantik
"Ich habe noch gar nicht Bilanz gezogen, wie viel ich verloren habe. Aber es ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist jetzt, gut zu segeln und zu gucken, was dann passiert. Ein paar Plätze sollte ich noch holen können, hoffentlich (lacht). Es kann noch alles passieren. Es können Leute ausfallen; auch andere haben Probleme.
Ich bin nach wie vor dankbar für jeden Tag, den ich noch auf See bin. Das wird einem erst bewusst, wenn man konfrontiert ist mit Schäden, die einen aus dem Rennen werfen können. Vor zwei Tagen das Problem mit dem Generator, jetzt das Groß – da wird man erinnert, auch ein bisschen dankbar zu sein, wenn es überhaupt weitergeht."



… seine fünfte Kap-Hoorn-Rundung:
"Das war das schwierigste Kap Hoorn, am wenigsten, wie man es sich wünscht. Ich habe all die anderen Male das Horn tatsächlich gesehen. Diesmal war Sturm, es war grau, ich bin im Rennen zurückgefallen – es war die am wenigsten erfreuliche Erfahrung."

… das Gefühl, das Schwerste hinter sich zu haben:
"Das ist total überlagert durch den Schaden am Großsegel. Hätte ich den nicht beheben können, wäre es das Ende des Rennens für mich gewesen. So viel Proviant habe ich nicht dabei. Deshalb habe ich noch gar nicht realisiert, dass ich rund Kap Hoorn gefahren bin. Ich habe jetzt 24 Stunden nur Krisenmodus gehabt, Vollgas gearbeitet, nur geschlafen so viel wie nötig.
Ich werde jetzt hier erst aufräumen, bisschen schlafen, auf die Karte gucken und dann erst richtig realisieren, dass ich rund Kap Hoorn bin. Ich glaube, das ist schon 'ne große Erleichterung. Ich fühle mich im Moment von Druck befreit. Das ist, glaube ich, einfach das Glücksgefühl, dass das Großsegel wieder funktioniert."

… die ausgefallene Feier am Kap:
"Wenn man das Kap nicht sehen kann, dann ist es nicht besonders interessant, Whisky über Bord zu schütten oder zu trinken. Also ich habe das Kap nicht zelebriert. Ich kann ja noch andere Sachen zelebrieren: wenn ich einen Platz aufhole vielleicht, oder den Äquator (passiere) oder so was."

… seine sportliche Ambition:
"Die Vendée Globe ist nicht nur ein Rennen – es ist auch ein Abenteuer. Und das merkt man einfach an solchen Challenges wie gestern und heute, das Groß, der Sturm. Ins Ziel zu kommen ist nicht selbstverständlich. Bei einem Rennen, wo alle sicher ankommen, da gibt es nur den sportlichen Aspekt. Aber hier ist das Ankommen schon so eine große Leistung!
Und das steht nach wie vor ganz oben bei mir auf der Prioritätenliste. Ich will noch rausholen, was geht, ich will so gut segeln, wie ich kann. Und ich habe auch mehr bei diesen atlantischen Bedingungen trainiert und kenne dabei das Boot besser und hoffe, das Potenzial besser ausnutzen zu können und hoffentlich noch ein paar Plätze gutzumachen."

… die Taktik der kommenden Tage:
"Zumindest am Anfang zeigen die Routings alle in die gleiche Richtung, und auch die Flotte. Also westlich der Falkland-Inseln gibt es schon seit ein paar Tagen keine Option mehr. Im Moment steht keine große binäre Entscheidung an."

… die Erleichterung, im Atlantik zu sein:
"Der Atlantik ist einfach eine ganz andere Hausnummer. So 'ne Wettersituation mit brechenden Wellen, Kreuzseen, 50 Knoten Wind – das haben wir hoffentlich nicht mehr bis ins Ziel. Ich hoffe, kein drittes Reff mehr einlegen zu müssen. Vielleicht ist das auch Wunschdenken, aber wenn’s gut läuft, segeln wir jetzt in moderaten Bedingungen bis nach Hause, weichen vielleicht noch einem Tief aus im Nordatlantik.
Klar werden wir auch noch Reaching- und Amwind-Bedingungen haben; in den nächsten zehn Tagen wird’s nochmal hart. Aber es ist der Kurs nach Norden, es wird wärmer, es ist mental 'ne ganz andere Etappe. Vor allem: Du bist wieder in der Zivilisation. In einer Woche sind wir wieder in der Nähe von Schifffahrtslinien. Wenn irgendwas im Südmeer passiert, ist halt immer gleich 'Game over'. Im Atlantik kann man noch mit Rettung rechnen."

… Yannick Bestavens Führung:
"Yannick ist ein Supersegler, und sein Boot ist unserem ähnlich, hat aber noch nicht die neuen, größeren Foils. Insofern hatte ich ihn überhaupt nicht auf meiner Liste vor der Vendée Globe. Das ist wirklich 'ne Überraschung. Natürlich war es mit den kleinen Foils im Southern Ocean viel einfacher. Er konnte einfach viel mehr pushen.
Ich stelle mir auch vor: Wenn ich mit unserem Boot gesegelt wäre, in der alten Konfiguration, hätte ich mit weniger Zweifeln segeln können. Und ich bin ein bisschen in 'ne Spirale gekommen. Wir hatten auch so viele von den für uns ungünstigen Bedingungen, überraschenderweise. Yannick zeigt sich jetzt einfach von einer ganz starken Seite, die wir so von ihm noch nicht kannten."

… seine Lust aufs Segeln, auf noch mehr einsame Meilen:
Also jetzt grade erlebe ich eine Hochstimmung, weil das Großsegel wieder funktioniert und weil es, nachdem alles infrage gestellt war, weitergeht. Das ist, was die Vendée Globe für mich ist: immer wieder die größten Herausforderungen und die schwierigsten Hindernisse zu überwinden. Und das ist keine lusvolle Tätigkeit – aber irgendwo hat es was.
Ich stelle mir die Frage gar nicht (ob er lieber aussteigen würde, wenn er könnte). Ich will natürlich nach Hause segeln und nicht mit dem Flugzeug von Ushuaia fliegen. Wenn man mir sagen würde: Du kriegst den neunten Platz, wenn du jetzt aufhörst, dann würde ich sagen: Nö, ich hole mir einen besseren Platz, und außerdem segele ich lieber weiter. Aber: Es ist verdammt lang. Und die letzten Tage waren so verdammt hart, unglaublich! Da hätte ich vielleicht anders geantwortet.

... seinen Ansporn, auch in schwierigen Situationen Videos zu drehen
"Ich empfinde ja manchmal Einsamkeit, und mit euch zu sprechen tut mir gut. Es hilft auch, diese Dinge zu verarbeiten. Mit jemand zu sprechen, und wenn’s nur die Kamera ist... Da akkumuliert sich schon 'ne ganze Menge Stress und Druck und innere Not. Und die loszuwerden, da hilft es, in die Kamera zu sprechen.
Das ist total Typsache. Für mich ist die Kamera wie ein Freund, dem ich was erzähle. Wenn man das als Pflicht sieht und versucht, immer gut auszusehen, stark zu sein, dann würde ich das auch irgendwann hintan stellen. Ich habe da einfach 'ne grundsätzlich andere Haltung. Ich denke nicht darüber nach, wie ich wahrgenommen werde. Ich erzähle einfach drauflos und filtere nicht. Ein Video hat Holly (Cova, Boris’ Teammanagerin) nicht zeigen wollen; vorgestern ging’s mir so schlecht. Da sagte sie: Das ist nicht gut, wenn du so negativ rüberkommst (lacht). Ansonsten erzähle ich frei von der Seele runter, und das hilft mir einfach."

… die Chance, das Potenzial der neuen Foils jetzt voll auszuschöpfen:
"Es wäre eine große Genugtuung, weil wir total viel Arbeit und Geld in die Foils und den Umbau und die Weiterentwicklung des Schiffes gesteckt haben. Bis jetzt hatte ich nicht das Gefühl, diesem Potenzial gerecht geworden zu sein. Aber wenn’s so bliebe, wär’s auch okay.
Das ganze Jahr des Umbaus war an sich total spannend, und wir haben das Schiff in die richtige Richtung weiterentwickelt. Und auch wenn das (erhoffte) Ergebnis nicht dabei rauskäme, würde ich es nicht bereuen. Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Jetzt muss man einfach sehen, was noch möglich ist. Die Bedingungen müssen stimmen. Bei zu wenig Wind foilt es nicht oder bei Kursen zu hoch am Wind. Muss ich halt auch ein bisschen Glück haben.
Dieser Damien Seguin auf "Groupe Apicil" – wenn wir in der Bretagne unsere Trainings segeln, dann sehen wir so ein Schiff nur die ersten zwei Stunden nach dem Start und dann nie wieder. Das ist total verrückt, wie jetzt ältere Schiffe zum Teil richtig tolle Performance schaffen konnten im Südmeer. Im Atlantik waren wir ja vor denen, da waren wir deutlich schneller, deshalb hoffe ich auch, dass sich jetzt auf dem Rückweg die Normalität wieder einstellt."

… die Möglichkeit, dass das nicht seine letzte Vendée war:
"Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Müssen wir mal nach dem Ziel drüber sprechen."

... die Frage, wie viel Anteil am Erfolg das Boot und wie viel der Segler hat:
"Schwer zu sagen. Es gibt auch eine Wechselwirkung. Wenn du Vertrauen in dein Schiff hast oder wenn es simpler ist, dann kannst du es härter pushen und kommst in einen Flow, kannst dein Potenzial besser abrufen. Wenn du aber merkst, dass es schwierig ist, dein Boot so einzusetzen, wie du möchtest, wie bei mir im gesamten Southern Ocean, dann verliere ich auch ein bisschen dieses Selbstvertrauen und die Routine und Zuversicht. Da kam die holperige Art zu segeln zum Tragen, wo ich dann immer mal wieder Meilen verloren hab. Es ist auch nicht alles schlecht und schwarz. Aber seit Weihnachten wollte ich mich eigentlich behaupten, bin dann aber sehr deutlich zurückgefallen gegenüber diesem Damien, was mich am meisten erstaunt. Es ist ein absolutes Wechselspiel zwischen Mensch und Maschine. Ich würde sagen: 50/50."

(Jochen Rieker aus "Yacht" online vom 6.1.21)













Aus rund 350 Seemeilen Rückstand am frühen Montagmorgen hat Herrmann binnen 24 Stunden 109 Seemeilen Rückstand auf den neuen Spitzenreiter Charlie Dalin gemacht. Etwa querab von Rio de Janeiro wird das lange atlantische Vendée-Globe-Finale beim 22. Breitengrad Süd zum Segel-Thriller.
Die ersten sechs Boote liegen nur noch etwas mehr 100 sm auseinander. Und Boris Herrmann ist dabei. Er hat die vergangenen 24 Stunden in besten Windbedingungen wie entfesselt aufgeholt und rückte auf Platz sechs vor. Das gelingt ihm mit Spitzengeschwindigkeiten bis knapp über 30 kn und den höchsten Durchschnittswerten in der Führungsgruppe. "Das Segeln ist bei solchen Geschwindigkeiten natürlich nicht einfach. Der Preis dafür sind angespannte Nerven und fast kein Schlaf in 24 Stunden. Es sind gute Bedingungen, aber… Der Wind geht hoch und runter und fordert nahezu permanente Aufmerksamkeit. Wir haben die 30 kn für eine Sekunde erreicht. Ich habe mehrfache Segelwechsel hinter mit, aber ich beschwere mich nicht. Ich nehme jede sm, solange sie umsonst ist. Morgen wird der Sprit alle sein."
Die ersten sechs Skipper sind bei abnehmenden Winden mit neun bis 14 kn unterwegs. Langsamster blieb dabei zunächst der entthronte Spitzenreiter Yannick Bestaven ("Maître Coq IV"), den nicht nur Charlie Dalin, sondern auch Thomas Ruyant ("LinkedOut") am Dienstagmorgen nach 17-tägiger Jagd einfangen. Dalins "Apivia" an der Spitze und Damien Seguins "Groupe Apicil" auf Platz vier trennen nur 40 sm. Wenn das kein Versprechen für einen packenden Segelkrimi in den kommenden Tagen ist ...
Charlie Dalin und Thomas Ruyant sitzen zwar auf Top-Foilern, können nach Bruch aber beide nicht ihr Bb-Foil einsetzen. Yannick Bestaven und Louis Burton agieren mit Foils der zweiten Generation. Und der weiter imposant segelnde Paralympics-Sieger Damien Seguin hat gar keine Foils. Auf dem Papier verfügt der erste deutsche Vendée-Globe-Starter im Kampf um die vorderen Plätze über das beste Boot.

Tatjana Pokorny in YACHTam 12.01.2021






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