Eine dunkle,
ins Schwarzfarbene übergehende Wolkendecke
lag über dem ganzen Tannheimer Tal, das
einen niedergedrückten, lichtlosen und gottver-
lassenen Eindruck machte. Nirgends rührte
sich das geringste. Nicht einmal ein einziges
Automobil war zu sehen auf der weit hinten in
der Tiefe des Tals sich verlierenden Strecke.
































Wanderempfehlung

Die Befürchtung, aus den Auslagen der Souvenirläden würden uns Leibchen und Seidel mit Sebaldporträts entgegenschauen, war nicht allzu ausgeprägt gewesen, aber auch die geheime Hoffnung, im Fremdenverkehrsverein bislang nicht gekannte Kostbarkeiten zu entdecken, etwa in der Art einer Sonderausgabe der intensiv mit Wertach beschäftigten Erzählung Ritorno in Patria (SG S. 193) im Vademekumformat, erfüllte sich nicht. Die kleine, dem Fremdenverkehrsverein angeschlossene Leihbibliothek hält das schmale Gesamtwerk parat, darunter auch verschiedene fremdsprachige Ausgaben, die über den bloßen Lesestoff hinaus den in Maßen verehrenden Sinn des Ganzen offenbaren. Einsehbar für den Reisenden ist zudem eine seit dem Tode des Dichters unterhaltene und fortgeführte Mappe mit Zeitungsausschnitten zu Person und Oeuvre. Die eigentliche Dienstleistung freilich besteht in dem Prospekt zum Sebaldweg, der in seiner dezenten Gestaltung als letzter ins Auge fällt.

Der Anfang der Erzählung Ritorno in Patria im Band SG mit der Bernhardesken Schilderung der Ankunft im Bahnhof Innsbruck von Verona und Bruneck her kommend, ganz offenbar eine Verneigung des einen Alpengroßmeisters vor dem anderen, der sich anschließenden Busfahrt von Innsbruck nach Oberjoch und dem Fußabstieg von Oberjoch nach W. zählt ohne Frage zu den tausend schönsten Prosastücken Sebalds und, läßt man die anderen neunhundertneunundneunzig Sebaldstücke beiseite, was die traumwandlerische Wortwahl, die feingliedrige Syntax und die Eleganz und Tiefe der semantischen Bewegung anbelangt, zu den zehn schönsten Prosastücken in der deutschen Sprache. Das Wanderstück von Oberjoch nach W. wurde zum Gedenken an den tödlich verunglückten Dichter zum Sebaldweg deklariert und der Text auf sechs entlang des Weges aufgestellten lichten, knapp mannshohen Stelen aus Leichtmetall und beschriftetem Glas festgehalten.

Die Aufstellung der Stelen folgt dem Erzählrhythmus mit dem Ergebnis, daß sie keineswegs gleichmäßig über die Wegstrecke verteilt sind. Die ersten drei Stationen am alten Zollamt, im Alpsteigtobel und an der Krummenbacher Kapelle drängen sich auf dem ersten der insgesamt gut elf Kilometer, ein günstiges Arrangement für die, denen vordringlich am Angedenken an den Dichter und weniger an einen längeren Wanderstrecke gelegen ist. Wir sind diesen ersten stelenreichen Abschnitt probeweise noch am Ankunftstag abgegangen, die gesamte Strecke dann am zweiten Tag. Die vierte Stele unterhalb der Sorgalp markiert in gehörigem Abstand ungefähr schon die halbe Wegstrecke, die darauf folgende im Engen Plätt ist dann bereits nahe zum Ziel und die letzte an der Starzlachbrücke steht in den Mauern von Wertach.

Sebald ist, nimmt man die Erzählung so weit für wahr, an einem Nachmittag im November 1987 von Oberjoch nach W. abgestiegen bei tropfkaltem Wetter im Schneetreiben, achtzigjährige Fichten an den Abhängen ließen, so erfahren wir, kein Licht auf den Grund des Tobels gelangen. Wir folgen dem Dichter zwanzig Jahre später an einem fast schon unwirklich klaren, sonnigen und warmen Aprilmorgen, und ein Kyrill oder älterer Lothar hat in der Zwischenzeit einen Großteil der Fichten gebrochen oder ausgehoben. Es ist daher fast anzuraten, den Text von Ritorno in Patria mit dem des neunten Teils der Ringe des Saturns und dem dort enthaltenen Bericht über den baumbrechenden Orkan vom 16. Oktober 1987 zu überblenden, um Wort- und Wirklichkeitswahrnehmung einander anzupassen.

In der Krummenbacher Kapelle, die in ihrer gedrungenen Winzigkeit fast schon Gefühle auslösen kann, wie sie Eisbär Knut gerade erst zur allgemeinen Volkshysterie getrieben hat, sind die seinerzeit, wie der Dichter berichtet, bereits zur Hälfte von Schimmel überlaufenen und zerfressenen Kreuzwegminiaturen jetzt, wie die ganze Kapelle auch, frisch restauriert - eher zu ihrem Schaden, möchte man denken, tritt die ungeschickte Hand des Krummenbacher Malers nun doch unkaschiert und in aller Schonungslosigkeit an den Tag, macht damit freilich aber auch das auf der Sorgalpstele festgehaltene Barmen des Dichters nur noch anrührender, der Krummenbacher möchte sich womöglich mit seinen vierzehn Bildwerken nicht weniger gemüht haben als Tiepolo unter der Kuppel der Würzburger Residenz.

In Unterjoch ist der Hirschwirt schon nicht mehr festzustellen, und so bleibt es uns erspart, in nachahmender Pietät einen halben Liter Tirolerwein zu trinken, eine Menge die, selbst auf zwei Personen aufgeteilt, an dem noch recht frühen Morgen dem weiteren Verlauf des Wanderns womöglich nicht förderlich gewesen wäre, und die in der Erzählung ergänzend verzeichnete Brotsuppe hätte man uns in den Gasthöfen des Ortes wohl auch auf Verlangen nicht gereicht. Abweichend von der Erzählung mündet der Sebaldweg nicht kurz vor, sondern einiges nach der Pfeiffermühle auf die Straße, nur zum Vorteil des Wanderers, denn es kann nicht die Rede davon sein, daß uns im weiteren Verlauf kein einziges Fahrzeug überholt hätte und daß uns keins entgegengekommen sei. Vermutlich, so denken wir, hat der Dichter, der sich ja gern Visionen und Wunschbildern einer entvölkerten, mit Hilfe von Feuer oder Wasser vom Menschen befreiten Welt hingegeben hat, bei der Schilderung der Wegstrecke entlang der Straße eine allzu enge Realitätsverpflichtung nicht verspürt.

Das Grabmal für die im April 1945 zu Tode gekommen Soldaten Thiemel, Daimler, Hempel und Leitenstorfer, von dem die Stele im Engen Plätt erzählt, ist weder restauriert noch in der ursprünglichen Fassung mehr vorhanden. Die Stele steht unmittelbar an der Straße von Oberjoch nach Wertach neben einem kleinen Parkplatz, den Fuß in allerlei Unrat und Abfall. Demgegenüber ist für die letzte Stele an der Starzlachbrücke, bereits im Dorf, ein akkurates Steinbett angelegt. Der Text auf dieser Stele ist der kürzeste, es wäre durchaus noch Platz gewesen für die Beschreibung des Zigeunerlagers, das in den Nachkriegsjahren in den Sommermonaten auf einem Schuttanger neben der Brücke immer gewesen war und vielleicht auch noch für die Beschreibungen der Photobilder, auf denen die Zigeuner freundlich durch den Stacheldrahtzaun eines Internierungslagers hinten in der Slowakei schauen, Beschreibungen mit denen im Buch der Weg zurück nach W. erst zu seinem Ende gebracht wird.

Der geographische Sebaldweg endet vor einer am Geburtshaus des Dichters angebrachten Tafel aus mit den Lebensdaten beschriftetem Glas, die nicht ganz leicht zu finden ist, da das Haus versetzt in der zweiten Reihe steht, und die Tafel von allerlei Wirtschaftsgerät verstellt ist. Von dort her ist es ein Sprung zum Engelwirt, der bereits 1987 nicht mehr die übel beleumundete Kaschemme gewesen war, in der das Männervolk, die Bauern und Holzknechte, in stierer Haltung auf den Bänken saß und oft bis zur Besinnungslosigkeit trank, wo der kleine Winfried Georg Maximilian am Abend noch die Zubanzigaretten für den Vater holen mußte, und wo das düstere Geschehen um die schöne Saaltochter Ramona, den Jäger Hans Schlag und den einbeinigen Engelwirt Sallaba seinen Ausgang nahm. Jetzt, weitere zwanzig Jahre später, belastet auch keine wortkarge Dame hinter der Rezeption mehr die Stimmung, der aktuelle Engelwirt, ein noch junger Mensch, hält es aus nur schwer erklärlichen Gründen für notwendig, seinen Dienst in einem Piratenkostüm zu verrichten, tut es aber auf eine so gewinnende Art, daß man schon bald nicht mehr über diese verwegene Kleiderform nachdenkt, zumal der Pirat, wie wir mit Staunen und Beglückung dann erleben dürfen, auf dem Gebiet der Maultasche glatt die Grenzmauer zur Haute Cuisine überwindet.

Sechs helle und leichte, fast schon verfliegende Stelen und eine unauffällige Gedenktafel, das geht sicher schon über die Verankerung des Dichters in den Herzen seiner Landsleute hinaus und ist ein gerechtes Maß für die Bedeutung des Geistes im Leben der Menschen. Unser brandneues Navigationsgerät erweist die angenehm konservative Eigenschaft, in kleineren Ortschaften zumindest, den Kirchturm als Ortsmitte zu bestimmen, und so werden wir bei unserer ersten Einfahrt nach Wertach durch den gesamten Ort hindurch und, wie uns scheint, am anderen Ende aus ihm wieder hinausgetragen einen Hügel hinauf, auf dem die Pfarrkirche Sankt Ulrich und Joseph steht. Am Ende der hohem Friedhofsmauer durchbohrt der heilige Georg auch heute noch wie schon zur Zeit der Schwindelgefühle im Jahre 1987 und auch schon zu der dieser Zeit vorausliegenden erinnerten Zeit ohne Unterlaß mit einem Spieß dem zu seinen Füßen liegenden greifartigen Vogeltier den Rachen.

So wie in der Erzählung Dr. K.s Badereise nach Riva (SG S. 161) von Kafka immer nur als vom Dr. K. die Rede ist, so in der Erzählung Ritorno in Patria von Wertach immer nur als von der Ortschaft W. Sebalds Prosa bewegt sich gemeinhin von einer äußerst konkreten Erfassung und Benennung der Dinge hin zu ihrer ständigen Auflösung in Emotionen und Reflexionen, bei einigen Themen aber, die ihm auf die eine oder andere Art besonders nahe stehen, ist ein Tabu verhängt wie über einen guten oder schlimmen Gott, das die Benennung verwehrt und die Prosaarbeit bei einem Namenlosen beginnen läßt.

Da der Bus zwei Stunden noch würde auf sich warten lassen, gehen wir auch den Weg zurück nach Oberjoch zu Fuß. Völlig zu Recht trägt der Weg in dieser Richtung nicht den Namen Sebalds, denn es wäre ja ein gänzlich anderes Stück Prosa geworden, die nicht vom Ritorno in Patria, sondern vom Parto per l'Estero berichtet hätte. Der Aufbruch aber war einer ganz anderen Route gefolgt.

Peter Oberschelp