Prototyp des Menschen des 19. Jahrhunderts
(Unheimliche Heimat S. 17ff)



déraciné par excellence

Nur ein einziges von einem Solothurner Photographen 1863 aufgenommenes Bild existiert von ihm. Es zeigt einen ziemlich vierkantigen - niederösterreichischen, nicht slawischen - Kopf. Der Gesichtsausdruck ist lebendig und verbittert zugleich. Am auffälligsten ist das riesige abstehende linke Ohr, ein tatsächlich unübersehbarer Defekt, an dem Postl sein Leben lang gelitten haben muß. Wir wissen, daß Postl während seiner letzten Jahre im Solothurner Museum über den Rand der Zeitung spionierend sich gern misanthropischen Betrachtungen überließ und bei einer solchen Gelegenheit einmal die Bemerkung machte: Hüten Sie sich vor allen, welche Gott gezeichnet hat. Nicht ausgeschlossen, daß er damit auch sich selbst meinte und daß er aus einer Art von Selbsthaß heraus seine Existenz derart reduzierte. Wie immer, seine reale wie seine moralische Physiognomie bleibt indefinit, was natürlich auch nach seinem Tod zu fortgesetzten Mutmaßungen Anlaß gab.

Sealsfield erfaßt die Natur als das prinzipiell Fremde, als etwas, das gebrochen werden muß, will man nicht von ihm gebrochen werden. Als Exempel des antagonistischen Verhältnisses zwischen Mensch und Natur, dessen zerstörerische Dynamik durch die kapitalistische Warenwirtschaft erst wirklich virulent wurde, läßt sich auf eine bekannte Sequenz des Cajütenbuchs verweisen, in der der Erzähler in der grenzenlosen Schönheit der Prärie am Jacinto schier um sein Leben kommt. Dieser Sequenz unmittelbar voraus geht eine Beschreibung der brachialen Art, vermittels derer in Texas wilde Pferde gezähmt werden. Dem einmal eingefangenen Tier, heißt es da, werden

die Augen verbunden, das furchtbare, pfundschwere Gebiß in den Mund gelegt, und dann wird es vom Reiter - die nicht minder furchtbaren, sechs Zoll langen Sporen an den Füßen - bestiegen und zum stärksten Galopp angetrieben. Versucht es, sich zu bäumen, so ist ein einziger ... Riß dieses Martergebisses hinreichend, dem Thiere den Mund in Fetzen zu zerreißen, das Blut in Strömen fließen zu machen. Ich habe mit diesem barbarischen Gebiß Zähne wie Zündhölzer zerbrechen gesehen. Das Thier wimmert, stöhnt vor Angst und Schmerzen, und so wimmernd, stöhnend, wird es ein oder mehrere Male aufs schärfste geritten, bis es auf dem Punkte ist, zusammenzubrechen. — Dann erst wird ihm eine Viertelstunde Zeit zum Ausschnaufen gegeben, worauf man es wieder dieselbe Strecke zurücksprengt. Sinkt oder bricht es während dem Ritte zusammen, so wird es als untauglich fortgejagt oder niedergestoßen, im entgegengesetzten Falle aber mit einem glühenden Eisen gezeichnet und dann auf die Prairie entlassen. Von nun an hat das Einfangen keine besonderen Schwierigkeiten mehr; die Wildheit des Pferdes ist gänzlich gebrochen, aber dafür eine Heimtücke, eine Bosheit eingekehrt, von der man sich unmöglich eine Vorstellung machen kann.

Die Passage hat als Indiz für das Verhältnis von Mensch und Natur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wohl nicht leicht ihresgleichen.

Verlockt und berauscht von der Natur kommen noch die gestandensten Männer vom rechten Weg ab und reiten wie Irre im Kreis, so lang, bis sie entkräftet aus dem Sattel sinken. Platens bekannter Vers

Wer die Schönheit angeschaut mit Äugen,
ist dem Tode schon anheimgegeben

paßte als Leitspruch über diese Konstellation, in der der antiweibliche Reflex einer von Gewalttätigkeit bestimmten Männerwelt in die wie die Frauen als feindselig verstandene Natur projiziert wird. Man könnte etwas anders auch sagen, daß dem Menschen des 19. Jahrhunderts, dessen Prototyp Sealsfield in vieler Hinsicht repräsentiert, die Natur, aufgrund seiner eigenen rapide fortschreitenden Integration in die Gesellschaft, immer mehr zum Ausland wird, zum Exil.

Zwar wird die unberührte Natur bei Sealsfield hie und da noch gepriesen als eine von der sündigen Menschenhand unbefleckte Gotteswelt, aber in solchen eher konventionellen Phrasen liegt nicht das Wirkungsgeheimnis der Sealsfieldschen Naturbeschreibungen, auf deren Faszinationskraft so oft verwiesen wurde.



Karl Postl war dreißig, als er 1823 Österreich verließ. Was ihn zu diesem Schritt bewog, läßt sich mit Gewißheit nicht mehr sagen. Postl war im Alter von fünfzehn Jahren als Konventstudent im Prager Kreuzherrenstift aufgenommen worden. Fünf Jahre später trat er als Novize in den Orden ein. Nach weiteren drei Jahren wurde er zum Priester geweiht, und bald darauf schon war er zum jüngsten Sekretär des Ordens avanciert, was eine beträchtliche Verantwortung in geschäftlichen Angelegenheiten mit sich brachte. Es spricht im Grunde alles dafür, daß Postl über diese für einen Weinhauersohn nicht unebene Karriere einige Genugtuung verspürte. Auf seinen Reisen in Sachen des Ordens kam er viel in Kontakt mit den Fürsten des Landes, ein Aspekt seiner Arbeit, der für ihn, dem zeitlebens der Sinn nach höheren Konnexionen stand, nicht unbedeutend gewesen sein dürfte. Um in seinem persönlichen Habitus nicht hinter seinen gesellschaftlichen Aspirationen zurückzubleiben, lernte Postl Englisch, Französisch, Klavierspielen und Reiten. Sämtliche verfügbaren biographischen Informationen weisen ihn, auch für die spätere Zeit, als einen in erster Linie auf die eigenen Interessen bedachten Menschen aus. Es ist also wenig wahrscheinlich, daß der ehrgeizige junge Ordensherr, dem der Posten des General-Großmeisters bereits ins Auge stechen mochte, seine glänzenden Aussichten leichthin aufs Spiel setzte, um sich auf ein ungesichertes und unstetes Leben einzulassen.
Die Zwangspensionierung seines liberaltheologischen Lehrers



Bolzano

wird Postl als Zeichen gewertet haben, daß seine eigenen Aktien in dem sich ausbreitenden Klima des Illiberalismus im Sinken begriffen waren, eine Annahme, die sich ihm vermutlich bestätigte, als er, versehen mit einer Empfehlung eines seiner Gönner, aber ohne Wissen seiner Ordensoberen im Sommer 1823 nach Wien fuhr, um beim Grafen Franz Josef Saurau vorzusprechen, in der Hoffnung auf eine Anstellung bei der Studienhofkommission. Es ist nicht ausgeschlossen, daß gerade diese Unterredung mit



Saurau,

der zu den gefürchtetsten Exponenten der damaligen Reaktion gehörte, Postl vollends davon überzeugte, daß er seine Hoffnungen in Österreich nicht würde realisieren können. Jedenfalls brachte die Konstellation, unter der Postls Entfernung aus seiner Heimat sich vollzog, das Gerücht auf, Postl sei ein bedingungslos freisinniger, ja revolutionärer Geist gewesen, den es in Österreich nicht mehr litt, während ihm in Wirklichkeit wahrscheinlich nur die Akkommodierung mit einem erzreaktionären Regime mißlang.
Wie immer, Postls Lage war nun im höchsten Maße prekär. Eine Rückkehr ins Kloster hätte nach seinem irregulären Abschied mit Gewißheit eine Reduktion seines Status nach sich gezogen, und da ein entlaufener Geistlicher im damaligen Österreich ein rechtloses Subjekt war, blieb Postl keine andere Wahl, als endgültig sich abzusetzen. Sein Fluchtweg führte ihn noch im selben Sommer über Stuttgart, Zürich und Le Havre nach New Orleans, während in Wien zur womöglichen Zustandbringung Postls eine Personalbeschreibung an sämtliche Kreisämter, Badeinspektionen und Polizeidirektionen der deutschen Provinzen ausgegeben wurde, weil, wie es in einem Memorandum der Polizeihofstelle vom 27. Juni 1823 an den Grafen Kolowrat heißt, die Entweichung des Priesters und Secretärs des Ordens der Kreuzherren mit dem rothen Stern zu Prag, Carl Postl... auf dem hiesigen Platz einen höchst unangenehmen Eindruck gemacht hatte, ein recht ominöser Vermerk, der vermuten läßt, daß Postl gut daran tat, das Weite zu suchen.
Daß Postl, der inzwischen einen vom Staat Louisiana ausgestellten und auf den Namen Charles Sealsfield lautenden Paß besaß, im Sommer 1826 wieder nach Europa zurückging, wird jedoch als ein Zeichen gewertet werden können, daß es ihm weder wirtschaftlich noch emotional gelang, in Amerika sich einzurichten. Darauf deuten auch die eher verzweifelten Aktionen hin, vermittels derer der Zurückgekehrte versuchte, mit seinem aufgegebenen Heimatland wieder in eine Art von Einvernehmen zu kommen.
Es gehört zu den erstaunlichsten Wendungen in Postls Biographie, daß der zumindest indirekt von der österreichischen Restaurationspolitik zum Ausländer gemachte vormalige Ordenssekretär im August 1826 von Frankfurt aus einen Brief an den auf Schloß Johannisberg am Rhein weilenden



Kanzler Metternich

richtet, um diesem konterrevolutionäre Agentendienste anzubieten. Der in einem etwas unebenen und an ein, zwei Stellen fehlerhaften Englisch abgefaßte Brief verweist auf aufrührerische, angeblich von englischer Seite dirigierte Umtriebe in Ungarn, über welche der Unterfertigte nähere Angaben zu machen imstande sei.

...obschon der Brief, den er am 8. Oktober 1836 aus New York an den Staatssekretär Poinsett im Weißen Haus richtete, um der amerikanischen Regierung als europäischer Agent sich anzubieten, nie irgendwelche konkreten Folgen gezeitigt hat. Sealsfield erklärt in diesem Brief, er sei im Begriff, nach Europa abzureisen, und willens, von dort, wo er mit führenden Persönlichkeiten in Kontakt stehe und, in Wien und Berlin, Zutritt zu den wichtigsten Koterien habe, genauere Winke zu geben über die geheimen Beweggründe und die politischen Bewegungen, als vielleicht selbst irgendein gut bezahlter Gesandter es tun könnte.
Postl, der vom Lauf der Zeit umgetriebene déraciné par ex cellence, fuhr 1853 von der Schweiz aus nochmals in die Vereinigten Staaten, weniger in der Absicht, in seiner ersten Wahlheimat seinen Lebensabend zu verbringen oder Material für weitere literarische Arbeiten zu sammeln, als aus Sorge um sein vor allem in amerikanischen Aktien angelegtes Kapital, das aufgrund der turbulenten politischen Entwicklung extremen Schwankungen ausgesetzt war.
1858 kehrte er, desillusioniert von den veränderten Verhältnissen in der Union, wieder in die Schweiz zurück, kaufte ein



Haus in der Nähe von Solothurn

und steuerte allmählich auf das Ende zu.
Postl hatte zweimal in seinen späteren Jahren versucht, zu einer Frau zu kommen. Einmal warb er um ein junges Mädchen in Stein am Rhein, das ihm im Geschäft ihres Vaters Zigarren verkaufte, das andere Mal, während des letzten Aufenthalts in New York, um die Witwe eines deutschen Bankiers ...
Daß Postl bis zuletzt an seinem Inkognito festhielt, lag wahrscheinlich auch daran, daß er während der langen Jahre des Exils sich selbst zu einer Abstraktion geworden war und über die Chiffre Charles Sealsfield - Der große Unbekannte hinaus keinen rechten Begriff mehr von sich und seiner wahren Identität hatte. Nach seinem Ableben fand sich fast nichts in seinem Haus, was irgend als persönliche Habe hätte bezeichnet werden können, keine Briefschaften, keine Manuskripte, kaum ein paar Bücher. Nur ein einziges von einem Solothurner Photographen 1863 aufgenommenes Bild existiert von ihm.

Sealsfields keineswegs exzentrischer, sondern vielmehr zeit-typischer Rassismus zeigt sich auch daran, daß er Völker und Nationen nach dem Grad ihrer angeblichen Lebenstüchtigkeit und ihres Zukunftspotentials in ein hierarchisches System einordnet. Auf der alleruntersten Stufe stehen die wirklich Wilden und Unzivilisierten, sodann kommen die halbdomestizierten Neger* und Kreolen und nicht um vieles darüber die Mexikaner.
Oberst Morse, der im Cajütenbuch den Platz des Erzählers einnimmt, beschreibt sie als zwergartige, spindelbeinige Kerlchen ... mit furchtbaren Backen- und Knebel- und Zwickel- und allen Arten von Bärten, auch gräulichen Runzeln, kaum größer als unsere zwölf- und vierzehnjährigen Jungen, inferiore Gestalten also, die ich mir, so Morse, mit einer Reitpeitsche alle davon zu jagen getraut hätte. Den Spaniern mit ihren olivgrünen Gesichtern vermag Sealsfield gleichfalls keinen Kredit einzuräumen, die Franzosen befinden sich auch bereits auf dem absteigenden Ast, und die Engländer sind dabei, ihre große Vergangenheit an einen schäbigen Eigennutz zu verraten. An oberster Stelle in dieser nationalpsychologischen und physiologischen Taxonomie rangieren die Deutschen beziehungsweise die deutschstämmigen Amerikaner.