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... Wind rauscht,
Vogelgezwitscher und
in der Distanz das Brummen des Autoverkehrs.







Aus unruhigen Träumen
von Uwe Schütte



Die Tierkörper am Straßenrand der A11 zeigen, dass ich die Midlands hinter mir habe und im ländlichen East Anglia angekommen bin: ein junges Reh, zwei zerfetzte Füchse und viele Rebhühner. Der aufgeblähte Kadaver hinter dem Kreisverkehr bei Thetford war wohl ein Dachs. Als ich an den Schweineherden vorbeifahre, die auf freiem Feld vor ihren metallenen Koben liegen, muss ich an eine groteske Stelle in W.G. Sebalds Ringe des Saturn denken. Während seiner Fußreise durch Suffolk klettert der Erzähler über den Zaun, um ein Schwein so sanft zu kraulen, dass es wie ein leidgeprüfter Mensch seufzt.

Sebald ist 1970 von Manchester nach Norwich gezogen, weil er dort einen Job an der University of East Anglia gefunden hatte. Im Mittelalter war Norwich noch die zweitgrößte Stadt Englands; dank des Handels mit Stoffen ein ökonomisches wie kulturelles Zentrum. Als ich im Herbst 1992 mit meiner Lebensgefährtin von München in die Provinzhauptstadt von East Anglia kam, hing dem abseits der Touristenströme gelegenen Norwich noch ein gewisser Ruf von Provinzialität an. Uns erschien die Kleinstadt wie ein Stück verträumtes Bilderbuchengland. Ein Ort, an dem man es gut aushalten kann. Zumindest für eine gute Weile. Denn der Plan war, an der Universität ein selbstorganisiertes Auslandsjahr zu verbringen.




Euphorie

Doch dann blieben wir noch einige Jahre länger. Wir beschlossen, in England zu promovieren, weil die Professoren an der University of East Anglia kaum zu vergleichen waren mit ihren Kollegen in München: keine arroganten Parteibuchkarrieristen, verschlagene Elitestiftungsfunktionäre oder einfach gleichgültig vor den Massenseminaren thronende bayerische Berufsbeamten. Sebald war anders. Unsere Tutorien fanden zumeist in Sebalds außerhalb von Norwich gelegenem viktorianischen Pfarrhaus statt. Bei einem Sherry vorm Kaminfeuer, in dem er zuvor nicht selten ganze Manuskripte verbrannt hatte, sprachen wir über meine Dissertation. Meine Zeit als sein Doktorand koinzidierte mit seinem Aufstieg vom Professor of European Writing zum vielleicht bedeutendsten Schriftsteller deutscher Sprache im späten 20. Jahrhundert.

Im Dezember 2001 starb Sebald am Steuer seines Autos durch Herzversagen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Dozentenjob an einer englischen Uni gefunden. In die Wiege gelegt war mir dies als Arbeiterkind nicht unbedingt. Dass sich jedoch Sebalds Warnungen vor einer Karriere als Auslandsgermanist erfüllt haben, habe ich, leider, zwischenzeitlich feststellen müssen. Und nicht zuletzt aus diesem Grund wollte ich nach rund 15 Jahren wieder mal nach Norwich fahren, um mich dort auch etwas in meiner Vergangenheit umzusehen.

Bizarrer hätte meine Zeitreise kaum beginnen können: Das Haus, in dem wir damals wohnten, firmiert heute als Chestnut Grove Guest House, was mich so abrupt bremsen ließ, dass es fast zu einem Unfall gekommen wäre. Ja, ein Zimmer sei kurzfristig frei, sagt die wenig sympathische Hauswirtin, und so stehe ich wenige Augenblicke später in unserer ehemaligen Wohnstube. Umgebaut zu einem Pensionszimmer, ist sie kaum wiederzukennen, aber das ursprüngliche Erscheinungsbild entsteht unweigerlich vor mir. Dort am Fenster, wo jetzt eine hässliche Anrichte steht, war mein Arbeitsplatz. Und hier stand die Stereoanlage.




Melancholie

Unheimlicherweise berichtet Sebald in einer Erzählung, wie er nach langen Jahren erstmals in sein Allgäuer Heimatdorf zurückkehrt und dabei, wie ich, als Pensionsgast in einem Zimmer nächtigt, das früher Teil der elterlichen Wohnung war. Wenn sich dergestalt die Vergangenheit in die Gegenwart schiebt, schreibt er, glaubt man, es sei alles nur kurz her, dabei ist doch ein halbes Leben vergangen. In der Stadt dann ein ähnliches Durcheinander von Neuem und Altbekanntem, wobei der Kettenlädenwahnsinn, der die britischen Innenstädte verwüstet, in Norwich kaum hat Fuß fassen können. Der leicht heruntergekommene Markt mit seinen bunten Ständen brummt wie eh und je, meine alten Plattenläden oder das traditionelle Café auf Elm Hill gibt es unverändert. Ebenso meinen Lieblingsinder, wo es nach wie vor mein Lieblingsgericht auf der Karte gibt, wenngleich ich den ganzen Abend eigenartigerweise der einzige Gast im Lokal bin.

Wieder draußen, auf der Prince of Wales Road, torkeln mir haufenweise besoffene Proleten mit der englischen Mischung aus debiler Fröhlichkeit und lauernder Aggression entgegen. Ganz anders der weiträumige Cathedral Close um die mächtige Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert. Still und menschenleer ist es hier, eine Bastion gegen die Beschleunigung der Zeit. Noch ein kurzer Spaziergang durch die wie viktorianische Filmkulissen wirkenden Pflastersteinstraßen von Tombland, und dann über Unthank und Upton Road zurück „nach Hause“ (wie ich mir ganz natürlich sage), obwohl mich im abendlichen Gastzimmer eine doch eher sehr befremdliche Beklemmung überkommt.

Aus unruhigen Träumen erwacht, fahre ich an das Grab Sebalds auf dem kleinen Friedhof von Framingham Earl, der sich um eine Kirche mit den für Norfolk typischen Rundtürmen erstreckt. Die Ruhestätte liegt vor einer Hecke, die Sonne wirft ein fröhliches Licht auf das üppige Gras, das kaum zu meiner schwermütigen Stimmung passt. Wind rauscht, Vogelgezwitscher und in der Distanz das Brummen des Autoverkehrs. Ich fotografiere den Grabstein, mache Notizen, um mir so den Schrecken, den der Tod verbreitet, vom Leib zu halten. Wann und warum werde ich auch so liegen, irgendwo in Berlin? Mit solch trüben Gedanken sitze ich auf der Holzbank, bis ich plötzlich aufstehe und fortgehe. Irgendwann komme ich wieder. Aber besser nicht allzu bald.

Quelle: "Freitag", 5.8.2016
Uwe Schütte
Literaturwissenschaftler und Autor
der Monografie W. G. Sebald