Jacob Izaakszoon van Ruisdael
Blick auf Haarlem
(Die Ringe des Saturn S.102f)

Ich bin
daher in einer ziemlich schlechten Verfassung gewe-
sen, als ich am nächsten Vormittag im Mauritshuis
vor dem beinahe vier Quadratmeter großen Gruppen-
porträt
Die anatomische Vorlesung des Dr. Nicolaas Tulp
stand. Obzwar ich eigens wegen dieses Bildes, das
mich in den nächsten Jahren noch viel beschäftigte,
nach Den Haag gekommen war, gelang es mir in mei-
nem übernächtigten Zustand auf keine Weise, ange-





sichts des unter den Blicken der Chirurgengilde aus-
gestreckt daliegenden Prosektursubjekts irgendeinen
Gedanken zu fassen. Vielmehr fühlte ich mich, ohne
daß ich genau gewußt hätte warum, von der Darstel-
lung derart angegriffen, daß ich später bald eine
Stunde brauchte, bis ich mich vor Jacob van Ruisdaels
Ansicht von Haarlem mit Bleichfeldern einigermaßen wie-
der beruhigte.
Die gegen Haarlem sich hinziehende
Ebene ist aus der Höhe herunter gesehen, von den
Dünen aus, wie im allgemeinen behauptet wird, doch
ist der Eindruck einer Schau aus der Vogelperspektive
so stark, daß diese Seedünen ein richtiges Hügelland
hätten sein müssen, wenn nicht gar ein kleines Ge-
birge. In Wahrheit ist van Ruisdael beim Malen
natürlich nicht auf den Dünen gestanden, sondern auf
einem künstlichen, ein Stück über der Welt imaginier-
ten Punkt. Nur so konnte er alles zugleich sehen, den
riesigen, zwei Drittel des Bildes einnehmenden Wol-
kenhimmel, die Stadt, die bis auf die alle Häuser über-
ragende St. Bavokathedrale kaum mehr ist als eine
Art Ausfransung des Horizonts, die dunklen Buschen
und Gehölze, das Anwesen im Vordergrund








und das lichte Feld, auf welchem die Bahnen der weißen Lein-
wand auf der Bleiche liegen und wo, soviel ich zählen
konnte, sieben oder acht kaum einen halben Zenti-
meter große Figuren bei ihrer Arbeit sind.









Haarlem
c 1665
Leinwand 43 × 38 cm
Amsterdam, Rijksmuseum.








Oil on canvas 62.2 x 55.2 cm Kunsthaus, Zurich siehe auch Bildschirmschoner.Phantom