< wgsebald.de Deutsches Potpourri






Der

gehörte ja seinerzeit, zusammen mit gewissen Erzeugnissen des Komponisten

und mit der berühmten Arie
zu jenen Stücken, die in dem allsonntäglichen Wunschkonzert des Bayerischen Rundfunks, das auch bei uns zu Hause nach der Kinderstunde regelmäßig gehört wurde, immer an der obersten Stelle rangierten. Höchstens
Die Donkosaken
und
der Soldat am Wolgastrand konnten da noch mithalten oder der
Chor der Gefangenen aus Nabucco.

Was es mit diesem Potpourri auf sich hatte, darüber vermochte ich mir damals nicht Rechenschaft zu geben, heute aber will es mir scheinen, als hätte diese zweifelhafte deutsche Vorliebe etwas zu tun mit der Zeit, in der die Söhne des Vaterlands nach Osten geschickt worden sind. So blendend hell, habe ich unlängst gelesen, seien die riesigen ukrainischen Kornfelder gewesen, daß viele der deutschen Soldaten, als sie sie im Sommer 1942 durchquerten, Sonnen- und Schneebrillen trugen, um nicht Schaden zu nehmen an ihren Augen.



Als am 23. August bei schon abnehmendem Licht die 16. Panzerdivision bei Rynok nördlich von Stalingrad die Wolga erreichte, da sah man hinter dem jenseitigen Ufer ein in tiefgrünen Wiesen und Waldungen anscheinend bis ins Unendliche fortgehendes Land. Einige, das weiß man, träumten davon, hier nach dem Krieg sich ansiedeln zu können, andere wußten vielleicht schon, daß sie aus dieser Ferne nie mehr zurückkehren würden.



Teure Heimat, wann seh' ich dich wieder, die deutschen Worte des Vapensiero, sie sind gewissermaßen die Chiffre gewesen für das dumpfe Gefühl, das nie laut werden durfte, daß die wirklichen Opfer die Deutschen waren. Im Zuge der sogenannten Wiedergutmachung erst ist man auf den Gedanken gekommen, auch den Hebräern ihr Recht werden zu lassen und, wie es beispielsweise bei einer Bregenzer Nabucco-lnszenierung Mitte der neunziger Jahre geschah, aus den anonymen Sklaven richtige Juden in Zebraanzügen zu machen. Bald nach der Eröffnung der fraglichen Saison habe ich, was mich heute noch reut, teilgenommen an einer Veranstaltung des Festspielrahmenprogramms und für meine Mühen nebst einem Honorar auch zwei Karten für die Nabucco-Aufführung am selben Abend erhalten. Mit diesen Karten in der Hand bin ich, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Vorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen; unschlüssig, weil ich den Chor der verkleideten KZ-Häftlinge nicht sehen wollte, und unschlüssig, weil ich hinter dem Pfänder ein großes Gewitter heraufziehen sah und nicht wie die anderen Festspielgäste daran gedacht hatte, einen Knirps mitzubringen. Indem ich nun so dastand, trat eine junge Dame auf mich zu, wahrscheinlich weil ich aussah wie einer, den man versetzt hat, und fragte mich, ob ich nicht zufälligerweise ein übriges Eintrittsbillet hätte. Sie sei von weit hergereist, sagte sie, und sei nun enttäuscht, an der Kassa nichts mehr bekommen zu haben. Als ich ihr meine zwei Karten überreichte und einen schönen Abend wünschte, bedankte sie sich ein wenig entgeistert darüber, daß ich die Bregenzer Nabucco-Aufführung nicht, wie es ja möglich gewesen wäre, miterleben wollte an ihrer Seite.










Quellen:
Arie aus dem Evangelimann Oper 1895 von Wilhelm Kienzl: "Selig sind, die Verfolgung leiden"
Chor der Gefangenen aus Nabucco Oper 1842 von Guiseppe Verdi („Va, pensiero“)
Donkosaken Chor 1921 gegründet: von im Exil lebenden Donkosaken. Repertoire: russische Kirchenmusik, Volksmusik und Folklore. Mehrere Nachfolger
Flotow, Friedrich von komponiert 1847 romantisch-komische Oper "Martha": "Letzte Rose"
Holzschuhtanz Baletttanz aus: Zar und Zimmermann, komische Oper, 1837, von Albert Lortzing
Soldat am Wolgastrand Lied aus: Der Zarewitsch, Operette, 1927, von Franz Lehárs










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