Richard Wagner: Parsifal
(Die Ausgewanderten S. 351 ff.)



Akt 3
(Kundry senkt das Haupt tief zur Erde; sie scheint heftig zu weinen.)
(Parsifal wendet sich um und blickt mit sanfter Entzückung auf Wald und Wiese, welche jetzt im Vormittagslichte leuchten.)
Parsifal
Wie dünkt mich doch die Aue heut' so schön!
Wohl traf ich Wunderblumen an,
die bis zum Haupte süchtig mich umrankten;
doch sah ich nie so mild und zart
die Halme, Blüten und Blumen,
noch duftet' all so kindisch hold
und sprach so lieblich traut zu mir.
Gurnemanz
Das ist... Karfreitagszauber, Herr!
Parsifal
O wehe des höchsten Schmerzentags!
Da sollte, wähn' ich, was da blüht,
was atmet, lebt und wieder lebt,
nur trauern, ach! und weinen.

Mitten in dem zu fortgeschrittener Stunde meist chaotischen Menschen- und Stimmengewoge trat damals mindestens zweimal in der Woche der unter dem Namen Siegfried bekannte, wohl nicht viel mehr als fünf Fuß große Heldentenor auf. Er war Ende Vierzig, trug einen fast bis auf den Boden reichenden Fischgratmantel, hatte einen nach hinten gekippten Borsalino auf dem Kopf und sang O weh, des Höchsten Schmerzenstag oder Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön oder sonst irgendein eindrückliches Arioso, wobei er nicht zögerte, Regieanweisungen wie Parsifal droht ohnmächtig niederzusinken entsprechend schauspielerisch zu untermalen. Und jetzt hörte ich ihn, im fünften Stockwerk des Midland in einer Art Glaskanzel über dem Abgrund sitzend, zum erstenmal seit jener Zeit wieder. So sehr aus der Entfernung kam sein Ton, daß es war, als irre er hinter den Seitenprospekten einer in die unendliche Tiefe sich fortsetzenden Bühne herum. Auf diesen in Wahrheit gar nicht vorhandenen Seitenprospekten aber erschienen eines ums andere die Bilder einer Ausstellung, die ich im Vorjahr in Frankfurt gesehen hatte. Es waren grünblau- beziehungsweise rot-braunstichige Farbaufnahmen aus dem Ghetto Litzmannstadt, das 1940 eingerichtet worden war in der polnischen Industriemetropole Lodź, die einmal polski Manczester geheißen hat. Die Aufnahmen, die 1987 sorgfältig geordnet und beschriftet in einem hölzernen Köfferchen bei einem Wiener Antiquar zum Vorschein gekommen sind, waren zu Erinnerungszwecken gemacht worden von einem in Litzmannstadt tätigen Buchhalter und Finanzfachmann namens Genewein, der aus dem Salzburgischen stammte und den man selber auf einem der Bilder sehen konnte beim Geldzählen hinter seinem Schreibsekretär.