Also, ich habe tatsächlich damals diesen Lehrer auf seiner Klarinette Teile aus diesen Bellini-Opern spielen hören. Es war mir damals allerdings nicht bewußt, um was es sich gehandelt hat; ich war etwa neun Jahre alt zu diesem Zeitpunkt. Ich bin dann mit Bellini näher bekannt geworden, als ich 1966 nach Manchester kam. Und da hatte ich einen Kollegen namens Peter Skrine, dessen Gattin ich gerade zufälligerweise vor einem halben Jahr wiedergetroffen habe. Und bei meiner ersten Einladung in deren Haus wurde I Puritani gespielt. Und dieser Peter Skrine war ein großer Bellini-Fan, und meine Einfuhrung in die Stadt Manchester fiel also zusammen mit der Einführung in die Oper I Puritani, und seitdem bin ich also ein großer Bellini-Bewunderer.

Ich bin den Puritani zum erstenmal begegnet im Alter von zweiundzwanzig Jahren im Hause eines bellinibegeisterten Kollegen in der Fairfield Avenue in Manchester, unweit der Palatine Road, in der 1908 der junge Student der Ingenieurwissenschaften Ludwig Wittgenstein gewohnt hat. Es war ein Tag, gerade so schön wie jener andere, an dem ich mehr als zwanzig Jahre später nach Abschluß einer schon länger sich hinziehenden Arbeit über das Thema der Tortur mit bösem Kopfweh in meinem Garten gesessen bin und durch das offene Fenster dieselbe Oper in einer Übertragung aus Bregenz zum zweitenmal hörte.



Ich weiß heute noch, wie es war, als die Schmerzmittel allmählich zu wirken begannen und ich die Musik Bellinis, die sich mit diesem analgetischen Effekt vermischte, als eine Wohltat und einen Segen empfand.

Daß sie überdies aus Bregenz kam durch den sommerblauen Äther, das vermochte ich fast nicht zu fassen, denn die Bregenzer Festspiele waren in meiner Erinnerung unauflöslich verbunden mit dem auf der Seebühne Jahr für Jahr unentwegt aufgeführten Singspiel Zar und Zimmermann.

Auch mit der Schlußsequenz des
Fitzcarraldo-Films hatte es für mich eine mit besonderen Lebensmomenten verbundene Bewandtnis. Unter unsäglichen Mühen wurde eine Schneise durch den Urwald geschlagen und der Dampfer mit primitiven Seilwinden über das Bergriff zwischen den beiden Flüssen gezogen, bis er sich endlich, nachdem der aberwitzige Plan so gut wie verwirklicht ist, ruhig wieder im Wasser wiegt.

In der Nacht des Festes aber kappen die Jívaros, die eine andere Reise machen wollen, die Taue, und schon dreht sich der Dampfer tallwärts, steuerlos zwischen die Felswände der Pongo des Muertas hinein. Fitzcarraldo und sein holländischer Kapitän sehen vor sich nichts mehr als die unabwendbare Havarie, während die Jívaros, die sich an Deck versammelt haben, stumm nur vorausschauen in dem Glauben, daß es jetzt nicht mehr weit ist in das von ihnen ersehnte bessere Land.
Tatsächlich entkommt das Schiff wie durch ein Wunder den Katarakten des Todes. Etwas angeschlagen zwar und schräg, aber mit der Eleganz einer Primadonna, treibt es in einem großen Bogen aus dem dunklen Dschungel hinaus auf den von einem gleißenden Licht überstrahlten Strom.

Es ist die Stunde der Errettung, in der, ein weiteres Wunder, die Nachricht eintrifft, eine italienische Truppe habe in Manaus eine Oper von Bellini zur Aufführung gebracht, und da kommen sie auch schon in mehreren Kähnen über das Wasser gefahren, steigen an Bord und heben zu spielen an und zu singen. Hinter den spitzen Puritanerhüten ragt die Pappdeckelkulisse der Berge auf, von denen das Libretto behauptet, sie befänden sich in der Gegend von Southampton.





Pausbäckige Indianer blasen das Waldhorn, wie es schöner die Engel nicht können, und Rodolfo und die wahnsinnige Elvira, die durch die glückliche Wendung der Dinge ihren klaren Verstand wiedererlangt hat, vereinigten ihre Stimmen in einem Duett, das die Trennung der Körper in der reinen Seligkeit aufhebt und ausklingt mit den Worten Benedici a tanto amore.

Das Narrenschiff gleitet derweil auf dem silbrigen Strom dahin. So also ist der Traum Fitzcarraldos von einer Oper mitten in der Wildnis zuletzt doch in Erfüllung gegangen. Er selber steht an einen roten Theatersessel gelehnt, raucht eine enorme Zigarre, horcht auf die wundervolle Musik und spürt den leichten Fahrtwind an seiner Stirn.








QUADRO TERZO
CASTELLANI, CASTELLANE
Ad Arturo onore, ad Elvira onore.
Amor unisca beltà e valor!
CASTELLANE
Rosa ell'è di verginelle,
Bella al par di primavera;
Come l'astro della sera
Spira all'alma pace e amor!
CASTELLANI, CASTELLANE
Bello egli è tra cavalieri,
Com'è il cedro alla foresta:
In battaglia egli è tempesta,
È campione in giostra e amor.
ARTURO
A te, o cara, amor talora
Mi guidò furtivo e in pianto;
Or mi guida a te d'accanto
Tra la gioia e l'esultar.
ELVIRA
O contento!
ARTURO
Ah, mio bene!
ELVIRA Ah! mio Arturo! Or son tua!
ARTURO
Ah, Elvira mia, sì, mia tu sei!
GIORGIO, VALTON
Senza occaso quest'aurora
Mai null'ombra, o duol vi dia,
Santa in voi la fiamma sia,
Pace ogno v'allieti il cor!
CASTELLANI, CASTELLANE
Cielo arridi a voti miei,
Benedici a tanto amor.
CHOR DER MÄNNER.
Heil dem edlen Arthur!
DIE FRAUEN.
Rufet Heil Elviren!
ALLE.
Hoch verehrt Schönheit und Mut!
DIE DAMEN.
Alle Jungfrau'n überstrahlet
Sie durch Anmuth, Reiz und Würde,
Und aus jedem Munde schallet
Ihrer hohen Tugend Lob.
DIE RITTER.
Männlich schön und stark im Streite,
Würdig seines Heldenstammes,
Nennet Jeder ihn mit Freude
Zierde uns'rer Ritterschaft.
ARTHUR.
Heißgeliebte! Die reinsten Flammen
Boten uns bisher nur Qualen;
Aber heut, wo Glück und Wonne strahlen,
Reicht der Gatte Dir die Hand!
Fern, o Theure, sind jene Zeiten,
Die das Herz erfüllt mit Bangen!
Dich darf liebend mein Arm umfangen –
Neidet, Götter, meine Lust und Seligkeit!
ELVIRE.
Ach, mein Arthur!
ARTHUR.
Ach, Elvire!
ELVIRE.
Ich bin Dein!
ARTHUR.
Du bist die Meine!
ALLE.
Segne, Gott, der Liebe Flammen,
Segne ihrer Ehe Band!





I Puritani, 1835, Oper von Vincenzo Bellini (1801 - 1835)
1. Akt: Der königstreue Arturo und die Puritanertochter Elvira lieben sich. Auch Riccardo liebt Elvira. Als jedoch Arturo kurz vor der Hochzeit auf Enrichetta, die Frau des hingerichteten Stuartkönigs trifft, ist er entschlossen sie zu retten. Riccardo wird davon Zeuge. Elvira deutet Arturos Verschwinden als Treuebruch und verliert den Verstand.
2. Akt: Arturo wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Elvira will sterben und irrt halb wahnsinnig durch die Puritanerfestung. Sir Giorgio kann Riccardo überreden, nach dem Kampf für die Begnadigung seines Rivalen einzutreten, um so Elvira zu retten.
3. Akt: Arturo kehrt zurück und überzeugt Elvira von seiner Treue, woraufhin diese wieder zu Verstand kommt. Arturo wird festgenommen und sieht keine Hoffnung mehr. Riccardo jedoch bringt das Begnadigungsurteil. Allgemeine Freude.



Bregenzer Festpiele 1985: Edita Gruberova mit der Arie "Deh Vieni al Tempio"











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