Albrecht Dürer: Melencolia I
(Die Ringe des Saturn S. 15ff)










Der Entsetzensschauer, der uns nach dem von niemandem erwarteten Ableben Michael Parkinsons durchlief, erfaßte schlimmer wohl als alle anderen die gleichfalls ledige Romanistikdozentin Tanine Rosalind Dakyns, ja man darf sagen, daß sie den Verlust Michaels, mit dem sie eine Art von Kinderfreundschaft verband, so wenig verschmerzen konnte, daß sie ein paar Wochen nach seinem Tod selber einer ihren Körper in der kürzesten Zeit zerstörenden Krankheit erlag. Janine Dakyns, die in einer kleinen Gasse in unmittelbarer Nähe des Spitals wohnte, hatte wie Michael in Oxford studiert und im Verlauf ihres Lebens eine von jeglicher Intellektuelleneitelkeit freie, stets vom obskuren Detail, nie vom Offenkundigen ausgehende, gewissermaßen private Wissenschaft von der französischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts entwickelt, insbesondere im Hinblick auf den von ihr weitaus am höchsten geschätzten Gustave Flaubert, aus dessen Tausende von Seiten umfassender Korrespondenz sie bei den verschiedensten Gelegenheiten lange, mich jedesmal von neuem in Erstaunen versetzende Passagen zitierte. Im übrigen hat sie, die beim Vortragen ihrer Gedanken oft in Zustände einer fast besorgniserregenden Begeisterung geriet, mit dem größtmöglichen persönlichen Interesse die schriftstellerischen Skrupel Flauberts zu ergründen versucht, eine Angst vor dem Falschen, die ihn, wie sie sagte, manchmal wochen- und monatelang an sein Kanapee fesselte und fürchten ließ, daß er nie mehr auch nur eine halbe Zeile würde zu Papier bringen können, ohne sich auf das peinlichste zu kompromittieren. Zu solchen Zeiten, sagte Janine, schien ihm nicht nur jedes zukünftige Schreiben völlig ausgeschlossen, sondern er war darüber hinaus davon überzeugt, daß alles bisher von ihm Geschriebene nur aus einer Aneinanderreihung der unverzeihlichsten, in ihren Auswirkungen unabsehbaren Fehler und Verlogenheiten bestehe. Janine behauptete, die Skrupel Flauberts seien zurückzuführen auf die von ihm beobachtete, unaufhaltsam fortschreitende und, wie er glaubte, bereits auf seinen eigenen Kopf übergreifende Verdummung. Es sei, soll er einmal gesagt haben, als versinke man im Sand. Wahrscheinlich aus diesem Grunde, meinte Janine, käme dem Sand in sämtlichen Werken Flauberts so viel Bedeutung zu. Der Sand erobere alles. Immer wieder, sagte Janine, seien durch die Tag- und Nachtträume Flauberts ungeheure Staubwolken getrieben, die, aufgewirbelt über den dürren Ebenen des afrikanischen Kontinents, nach Norden zogen, über das Mittelmeer und über die iberische Halbinsel, bis sie irgendwann sich niedersenkten wie Feuerasche, über dem Tuileriengarten, über einem Vorort von Rouen oder einem Landstädtchen in der Normandie, und eindrangen in die winzigsten Zwischenräume. In einem Sandkorn im Saum eines Winterkleides der Emma Bovary, sagte Janine, hat Flaubert die ganze Sahara gesehen, und jedes Stäubchen wog für ihn soviel wie das Atlasgebirge. Oft, zu Ende des Tages, habe ich mich mit Janine über die Weltauffassung Flauberts unterhalten in ihrem Büro, in dem solche Mengen von Vorlesungsnotizen, Briefen und Schriftstücken jeder Art herumlagen, daß man meinte, mitten in einer Papierflut zu stehen. Auf dem Schreibtisch, dem ursprünglichen Ausgangs- beziehungsweise dem Sammelpunkt der wundersamen Papiervermehrung, war im Verlaufe der Zeit eine richtige Papierlandschaft mit Bergen und Tälern entstanden, die inzwischen an den Rändern, so wie ein Gletscher, wenn er das Meer erreicht, abbrach und auf dem Fußboden ringsum neue, ihrerseits unmerklich gegen die Mitte des Raumes sich bewegende Ablagerungen bildete. Vor Jahren bereits war Janine von den immerzu weiterwachsenden Papiermassen auf ihrem Schreibtisch gezwungen gewesen, an andere Tische auszuweichen. Diese Tische, auf denen sich in der Folge ähnliche Akkumulationsprozesse vollzogen hatten, repräsentierten sozusagen spätere Zeitalter in der Entwicklung des Papieruniversums Janines. Auch der Teppich war seit langem schon unter mehreren Lagen Papier verschwunden, ja das Papier hatte angefangen, vom Boden, auf den es fortwährend aus halber Höhe hinabsank, wieder die Wände emporzusteigen, die bis zum oberen Türrand bedeckt waren mit einzelnen, jeweils nur an einer Ecke mit einem Reißnagel befestigten, teilweise dicht übereinandergehefteten Papierbögen und Dokumenten. Auch auf den Büchern in den Regalen lagen, wo es nur ging, Stapel von Papier, und all dieses Papier versammelte auf sich in der Stunde der Dämmerung den Widerschein des vergehenden Lichts, wie vordem, so habe ich mir einmal gedacht, unter dem tintenfarbenen Nachthimmel der Schnee auf den Feldern. Janines letzter Arbeitsplatz ist ein mehr oder weniger in die Mitte ihres Büros gerückter Sessel gewesen, auf dem man sie, wenn man an ihrer stets offenen Tür vorbeikam, sitzen sah, entweder vornübergebeugt kritzelnd auf einer Schreibunterlage, die sie auf den Knien hielt, oder zurückgelehnt und in Gedanken verloren.



Als ich gelegentlich zu ihr sagte, sie gleiche, zwischen ihren Papieren, dem bewegungslos unter den Werkzeugen der Zerstörung verharren den Engel der Dürerschen Melancholie, da antwortete sie mir, daß die scheinbare Unordnung in ihren Dingen in Wahrheit so etwas wie eine vollendete oder doch der Vollendung zustrebende Ordnung darstelle. Und tatsächlich wußte sie, was immer sie in ihren Papieren, in ihren Büchern oder in ihrem Kopf suchte, in der Regel auf Anhieb zu finden.



Albrecht Dürers Melencolia I von 1514, einer - neben Ritter, Tod und Teufel und Der heilige Hieronymus im Gehäus - der drei Meisterstiche, gilt als rätselhaftestes Werk Dürers, ausgezeichnet durch eine komplexe Ikonographie und Symbolik.
Zentralfigur ist eine engelhafte geflügelte Gestalt, der zur Seite ein Putto sitzt (Vermittler zwischen irdischer und himmlischer Sphäre), schreibend oder zeichnend auf einem Mühlstein, das unerbittliche Mahlen der Zeit. Der Hund steht für Treue und ist auch traditionelles Symbol für die Melancholie.
Hammer, Zange, Nägel, Säge und Hobel: Werkzeuge des Künstlers und Handwerkers.


Eine Waage (das Abwägen als Ursache für Melancholie, aber auch das „Messen und Wiegen von Taten”), eine kombinierte Sand- und Sonnenuhr (Tod und Vergänglichkeit) und eine Glocke (Totenglocke, Bezeichnung eines bestimmten Zeitpunktes).
Ein magisches Quadrat auf die Wand graviert.
1514: das Jahr, in dem das Kunstwerk geschaffen wurde, Todesjahr der Mutter
Summe der Zeilen und Summe der Spalten: je 34, gespiegelt 43 Dürers Alter
Beide Diagonalen, oder (16+13+4+1, 5+3+14+12, 5+8+9+12 usw.): je 34
Drachenviereck (z.B. 3+5+11+15): 34. usw. usw.


1514 Kupferstich 50*70cm Dessau-Roßlau - Anhaltische Gemäldegalerie







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