Wortreihen wie
Firn der Schnee das Eis gefriert
oder
Blau.
Die Rote Farbe.
Die Gelbe Farbe.
Die Dunkelgrüne.
Der Himmel ELLENO.
grenzen für mich heute
noch an eine atemlose andere Welt.






Herbecks Bestiarium
(Campo Santo S. 171ff)
(Die Beschreibung des Unglücks S. 131ff)
(Schwindel.Gefühle S. 47ff)




Hell lesen wir am Nebelhimmel
wie dick die Wintertage. Sind.


Die Poesie, ist eine mündliche Form der Prägung der Geschichte in Zeitlupe ... Die Poesie ist auch eine Abneigung zur Wirklichkeit die schwerer ist als diese. Die Poesie ist eine Übertragung der Obrigkeit zum Schüler. Der Schüler lernt die Poesie, und das ist die Geschichte im Buche. Die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet. Berühmte Geschichteschreiber sind die Gazellen.




Der Rabe führt die Frommen an







Die Eule hat die Kinder lieb




Die Treue ist des Hundes Rast


Die Dame ißt nicht.
Und deshalb geht sie spazieren.
Eine Dame macht harte Späße.
Eine Dame sieht wie ein Marienkäfer aus.
Eine Dame huscht wie ein Fasan.
Eine Dame geht allein herum.
Eine Dame spricht viel.


Das Zebra stürmt in weiten Fluren




Das Känguruh stützt sich am Halt




Die Ehe ist vorbildlich f. Mann und Frau in jeder Hinsicht. Sie wird meistens eingegangen und geschlossen. Nach der Verlobung und. Je länger sie dauert desto kürzer und länger oh das Dasein. Eines Hasen oder so.


Der Zauberer zaubert Sachen:
kleine Hasen, Tücher, Eier.
Er zaubert wiederholt.
Er steckt das Tuch in den Zylinder
und zieht es wieder heraus
es ist ein zahmer Hase dabei.






Heil unserer Mutter! Ein werdendes
Kind im Leibe der Mutter. Als ich
ein Empyrum war, hat sie mich
operiert. Ich kann meine Nase
nicht vergessen. Armes Empyrum.


Der Hase !!!!
Der Hase ist ein kühnes Tier!
Er läuft bis ihm die Strappen
fassen. Die Ohren spitzgestellt; er
lauscht. Für ihn - - - - ist
keine Zeit zum rasten. Lauf läuft läuft.
armer Hase!


Je größer das Leid,
desto größer der Dichter.
Umso härter die Arbeit.
Umso tiefer der Sinn.


Wer der Sonne sich gelüstet -
steiget auf den Berg.
Und atmet streng allein
die Luft ein wie ein Zwerg.

Meine erste Begegnung mit den exzentrischen Sprachfiguren Herbecks geht zurück auf das Jahr 1966. Ich entsinne mich, wie ich in der Ryland's Library in Manchester, wo ich an einer Arbeit über den unseligen Carl Sternheim saß, zwischenhinein, zur Erholung des Kopfes sozusagen, immer wieder das dtv-Bändchen Schizophrenie und Sprache zur Hand nahm und staunte über den Glanz, der ausging von den offenbar aufs Geratewohl zusammengefügten Wort- und Rätselbildern dieses ärmsten Poeten.

Stets aufs neue finden sich Stellen, deren leichte Verdrehtheit und sanfte Resignation erinnert an die Art, wie Matthias Claudius manchmal mit einem einzigen Halbtonschritt oder einer Fermate einen Augenblick lang das Gefühl der Levitation in uns auszulösen vermag.

Vollends zum Erstaunen ist es, daß Herbeck über die poetische Praxis hinaus in wenigen grundlegenden Sätzen auch eine Theorie der Poesie geliefert hat.

Gisela Steinlechner hat in ihrem Buch
Die Ver-rückung der Sprache gezeigt, daß das Werk Herbecks durchsetzt ist von anthropomorphen Tierporträts. Das hat seinen Grund zunächst darin, daß dem Patienten von seinem Mentor nicht selten Schreibtitel wie



»Das Zebra«



oder

»Die Giraffe«



vorgelegt wurden. Da sich Herbeck im allgemeinen ziemlich getreu an die ihm gestellten Themen gehalten hat, ist so ein ganzes Bestiarium zusammengekommen - eine Fibel, in der, wenngleich auf durchaus ironische Weise, bestätigt wird, daß es mit der von uns ausgetüftelten taxonomischen Ordnung im großen und ganzen seine Richtigkeit hat.

Jedoch gibt es bei Herbeck auch einige unbekannte, in den zoologischen Kompendien nicht verzeichnete Arten, die vermuten lassen, daß die Tiere so genau voneinander und wir so endgültig nicht von ihnen geschieden sind, wie wir uns das gern einbilden. Ähnlich wie in dem Synagogengebäude des Schriftstellers Franz Kafka begegnet man auch bei Herbeck einem Wesen, das zur einen Hälfte ein Lamm, zur anderen eine Katze ist. Weitaus mysteriöser als diese seltsamen Tiere ist im Werk Herbecks das

Sinnbild des Hasen,

dem der Autor die Frage nach der eigenen Abkunft einbeschrieben hat. Herbeck macht über seine Vorgeschichte nur äußerst kursorische, eigenartige Angaben. Schleierhaft ist ihm anscheinend alles, was mit Familie und Verwandtschaft zu tun hat. »Bitte eine Frage!« schreibt er. »Sind das die Kinder vom Schwiegersohn zum Schwiegervater deren Geschwister? Ich kann mir das nicht zergliedern! Bitte sehr, ich danke.« Das Undurchschaubarste freilich an diesen Verhältnissen ist für den zu lebenslänglichem Junggesel-lentum Herbeck die Einrichtung des Ehelebens, zu der er nur ein paar vage und möglichst unverfängliche Anmerkungen macht.

Was nach dem »und« passiert, das kann oder mag sich der Schreiber nicht ausdenken. Andererseits aber weiß er, daß das Eheleben schlußendlich hinausläuft auf die Hervorbringung eines Hasen. Wie der Zeugungsakt funktioniert, das läßt sich so leicht nicht beschreiben. Möglicherweise handelt es sich dabei weniger um einen Vorgang zwischen den Geschlechtern als um eine Art von spontaner Fortpflanzung oder gar um eine Zauberei.

Der wunderbarerweise aus dem Zylinderhut hervorgeholte Hase ist ohne jeden Zweifel das Totemtier, in dem der Schreiber sich wiedererkennt. Die angeborene, mehrfach operierte Hasenscharte, die als prämorbide Behinderung in der Genese und der besonderen Ausformung von Herbecks Schizophrenie wohl eine entscheidende Rolle spielte,ist ein Identitätsmerkmal; Herbeck denkt diese Verletzung viel weiter noch als bis in die Kindheit zurück.

Gisela Steinlechner hat in ihren Studien zum Werk Ernst Herbecks als erste die präexistentielle Traumatisierung zu beschreiben versucht, die dem geschädigten Subjekt später zum eigenen Mythos wurde. Sie berief sich dabei unter anderem auf eine Passage in der dreiseitigen Selberlebensbeschreibung, die Herbeck um 1970 verfaßt hat und wo er erzählt, wie er im Alter von elf Jahren unter einem Feldherrn namens Meier bei den Pfadfindern war, und zwar bei den Tauben, im Gegensatz zu den anderen, die zu den Adlern und Hirschen gehörten.
Die Pfadfinder sind eine der letzten in Totemgruppen aufgeteilten Vereinigungen von Menschen, doch ist diese kuriose Tatsache an sich wohl weniger wichtig als das von Herbeck in der nur ein paar Zeilen umfassenden Pfadfinderreminiszenz in einen gänzlich agrammatischen Zusammenhang gerückte, überaus merkwürdige Wort »Thierenschaft«, das mit seinem von der Rechtschreibung längst relegierten stummen »h« erinnert an eine vor die Sprachfähigkeit des Menschen zurückgehende Zeit.

Nicht umsonst hat Ernst Herbeck, der wohl weniger das Sendungsbewußtsein des Menschensohns als die Trauer der Verachteten in sich spürte, vier Ausrufezeichen hinter den ihm eines Tages vorgelegten Gedichttitel »Der Hase« gesetzt.

Die dem Hasen im Mythos zugeschriebene ambivalente Verfassung, in der Macht und Ohnmacht, Kühnheit und Angst auf das engste miteinander verbunden sind, bestimmt auch Herbecks Auffassung von der Natur seines Wappentiers.
In seiner Lebensbeschreibung ist ferner die Rede davon,wie die Mutter (und auch darauf hat Gisela Steinlechner bereits hingewiesen) in der vom Autor so genannten Zeit der Revolte und Silbernot »einen Hasen bekam«. Gemeint ist natürlich »gebracht oder geschenkt bekam« zur Aufbesserung der damals nicht eben reichhaltigen Verpflegung. Herbecks kürzere Wendung suggeriert jedoch, daß die Mutter den Hasen bekam, so wie man ein Kind bekommt.
Dieser Hase wird nun im Beisein des Vaters von der Mutter geschlachtet und das Fell ihm über die Ohren gezogen. Den gar nicht mehr erwähnten Hasenbraten betreffend fügt Herbeck zum Beschluß der Episode nur noch das Geständnis an: »Er schmeckte mir zu gut.« Die Moral der ganzen Geschichte ist also in zwei Buchstaben aufgehoben. Denn daß er solchermaßen an dem gemeinsamen Familienverbrechen beteiligt war, nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter, indem er nämlich mithalf bei der Verspeisung seines Ebenbilds und Namensvetters, das ist das wahre Maß seiner Verstrickung in die finsteren Machenschaften unseres gemeinschaftlichen Lebens. Die Legende von dem armen Hasen, die Herbeck als Erklärung für sein schweres Schicksal sich zurechtlegte, ist für den, der zu lesen versteht, eine Leidensgeschichte von exemplarischem Format.

Konrad Lorenz hat darauf verwiesen, daß auch im Bereich der Naturgeschichte die Entstehung neuer Phänomene nie richtig auf den Begriff gebracht wurde, daß Bezeichnungen wie Schöpfung oder Emergenz sprachlogisch falsche Vorstellungen erwecken von dem, was tatsächlich vor sich geht. Lorenz beschreibt den Prozeß, in dem zwei voneinander unabhängige Systeme in einer Art von Kurzschluß unversehens zu einer neuen Verbindung zusammentreten, mit dem Ausdruck Fulguration.

Im Gegensatz zu projektiven und diskursiven Mythologemen wie Gott, Jenseits, Freiheit und Gerechtigkeit, mit denen wir uns über unser existentielles Defizit hinwegtrösten, ließe sich das poetische Bild fast definieren als eine Rückerinnerung an ein entwicklungsgeschichtliches Stadium, in dem solche Erfindungen nicht nötig waren. Herbecks Feststellung »Die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet« umschreibt diese Hypothese mit wunderbarer Präzision. Einem Dichter, der die für einen derartigen poetischen Lernprozeß erforderliche Empathie aufbringen kann, müssen die Veranstaltungen der Kunst wie ein ziemlich lächerliches Unterfangen vorkommen. Herbecks Mißtrauen gegenüber dem Kunstschwindel artikuliert sich exemplarisch in dem Satz »Es werden die Künstler wie Semmeln gebacken. Preis 6gr.«



71 Jahre ist der 1920 geborene Ernst Herbeck bei seinem Tod, seit 45 Jahren in psychiatrischen Anstalten hospitalisiert. 1977 befragt nach dem Sinn des Lebens, erklärt er: "Der Sinn des Lebens? Weiterzuleben! Nach dem Tode auch noch weiterzuleben. In der Gestalt eines Königs . . . einer anderen Welt . . . im Altertum zum Beispiel oder in der Steinzeit." Das soziale Todesurteil in Form der Diganose Schizophrenie stellt die Gesellschaft Herbeck mit 20. Ein Verrückter, der wegzusperren ist. Sollen wir an das Unterdrückte, Verleugnete, Wunderliche in uns selbst nicht erinnert werden? Gewaltfantasien, sexuelle Begierden, quälende Albträume, Liebe zu einem anderen Menschen, fester Glaube an ein transzendentes Wesen oder an Utopien wie den Sozialismus - der Keim der Schizophrenie steckt in jedem Menschen.

Ernst Herbeck ist in Stockerau/Österreich geboren und 1991 in Maria Gugging gestorben. Wegen seiner Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hat er eine Sprechstörung. Nach Haupt- und Handelsschule wird er mit 20 erstmals in die Wiener Psychiatrischen Universitätsklinik aufgenommen. Nach Entlassung arbeitet er in einem Rüstungswerk, wird im Herbst 1944 zum deutschen Militär einberufen, 1945 als untauglich entlassen, ab 1946 hospitalisiert.

Sein Arzt Navratil: "Herbeck hat stets nur auf Wunsch und meist nur nach Angabe eines Titels geschrieben. Änderungen und Korrekturen an seinen Texten nahm er nur während deren Entstehung vor, nachher nicht mehr".

Wolf Biermann vertont und singt drei "März-Gedichte" Herbecks. 2014 schafft Karlheinz Essl junior die Klangperformance "Herbecks Versprechen" mit Aufnahmen von Herbecks Stimme.


















Für Ihre Mithilfe Herr Ober-Arzt
Dankhe ich herzlich
und bitte Sie weiter um ärztliche Hilfe
In innerster Dankbarkeit
einer Ihrer ärmsten Patienten.



Dichter Handke wird nicht mehr
Dichten wenn er trinkt. Und
Schulden macht Handke hat haare
am Kopf und wird sich sie schneiden
lassen wollen. Der Herr Friseur ist
Herr Dr. Navratil bitte.



Der Morgen:
Im Herbst da reiht der Feenwind
da sich im Schnee die Mahnen treffen.
Amseln pfeifen heer im Wind und fressen.



Ein bissen aufpassen. und
langsam scheiden. So ist.
das möchte ich haben. Ja
so schneiden.



Nicht jeder Mensch hat einen Mund
mancher Mund ist disqualifiziert
oder operiert. So wie bei mir ...





[1980]
... den Tag aber noch mit Ernst Herbeck in Klosterneuburg zu verbringen.

Ernst Herbeck leidet seit seinem zwanzigsten Lebensjahr an seelischen Störungen. 1940 wurde er erstmals in eine Klinik eingeliefert. Er war bis zu diesem Zeitpunkt als Hilfsarbeiter in einem Rüstungswerk beschäftigt gewesen. Auf einmal hatte er kaum mehr etwas essen und kaum mehr schlafen können. Nachts war er wach gelegen und hatte vor sich hin gezählt. Es zog ihm den Leib zusammen. Das Familienleben, besonders das scharfe Denken des Vaters, zersetzte ihm, wie er sich ausdrückte, die Nerven. Dadurch verlor er die Herrschaft über sich, haute beim Essen den Teller weg oder schüttete die Suppe unter das Bett. Manchmal besserten sich seine Zustände auf einige Zeit. Im Oktober 1944 wurde er sogar zum Militär eingezogen, im März 1945 allerdings wieder entlassen. Ein Jahr nach Kriegsende kam es zu seiner vierten und endgültigen Einweisung. Er hatte sich nachts in den Straßen von Wien herumgetrieben, durch sein Gehaben Aufsehen erregt und auf dem Polizeiposten verdrehte Auskünfte gegeben. Im Herbst 1980, nach vierunddreißig Jahren Anstaltsleben, während derer er die meiste Zeit von der Kleinheit seiner Gedanken geplagt worden war und die Dinge wie durch ein feines Netz vor seinen Augen wahrgenommen hatte, wurde Ernst Herbeck probeweise aus der Krankheit in den Ruhestand versetzt. Er lebte jetzt in einem Pensionistenheim in der Stadt, unter dessen übrigen Insassen er nicht weiter auffiel. Als ich gegen halb zehn vor dem Heim anlangte, stand er bereits wartend am oberen Ende der zum Eingang hinaufführenden Treppe. Ich machte ihm von der gegenüberliegenden Seite der Gasse ein Zeichen. Sogleich streckte er zur Begrüßung seinen Arm in die Höhe und kam, den Arm weiterhin ausgestreckt, die Stufen herunter. Er trug einen Glencheckanzug mit einem Wanderabzeichen am Revers. Auf dem Kopf hatte er einen kleinen Hut, eine Art Trilby, den er später, als es ihm zu warm wurde, abnahm und neben sich hertrug, genauso wie mein Großvater das beim sommerlichen Spazierengehen oft getan hatte.

Auf meinen Vorschlag fuhren wir mit der Bahn nach Altenberg hinaus, ein paar wenige Kilometer die Donau entlang. Wir waren die einzigen Fahrgäste im Waggon. Draußen im Inundationsgebiet Weiden, Pappeln, Erlen und Eschen, Schrebergärten und Siedlungshäuschen. Ab und zu ein Durchblick aufs Wasser. Ernst ließ das alles wortlos vorbeiziehen. Vom offenen Fenster wehte die Luft ihm um die Stirn. Die Lider hatte er über die großen Augen halb gesenkt. Das seltsame Wort Urlaub fiel mir ein. Urlaubstag, Urlaubswetter. In den Urlaub fahren. Im Urlaub sein. Urlaub. Ein Leben lang. In Altenberg gingen wir die Straße ein Stück zurück und stiegen sodann, rechts abbiegend, den schattigen Weg zur Burg Greifenstein hinauf, einer Festung aus dem Mittelalter, die nicht nur in meiner Phantasie, sondern auch in der der am Fuß des Felsens lebenden Greifensteiner bis auf den heutigen Tag eine bedeutsame Rolle spielt. Ich war Ende der sechziger Jahre zum erstenmal auf dem Greifenstein gewesen und hatte vom Altan des Aussichtslokals hinausgeschaut über den glänzenden Strom und die Donauauen, über die damals die Abendschatten sich senkten.

An dem hellen Oktobertag, an dem Ernst und ich nebeneinander sitzend diesen wundervollen Ausblick genossen, schwebte ein blauer Dunst über dem Laubmeer, das heraufreicht bis an das Gemäuer der Burg. Luftwellen durchliefen die Wipfel der Bäume, und einzelne losgelöste Blätter fanden den Aufwind und stiegen so hoch, daß sie allmählich den Augen entschwanden. Ernst war mitunter sehr weit entfernt. Minutenlang ließ er die Gabel senkrecht in seiner Mehlspeise stecken. Marken, sagte er zwischenhinein einmal, habe er früher gesammelt, österreichische, Schweizer und argentinische. Dann rauchte er stillschweigend noch eine Zigarette und wiederholte, als er sie ausmachte und wie in Verwunderung über sein ganzes vergangenes Leben, das ihm vielleicht allzu ausländisch vorkommende Wort >argentinische<. Viel hätte, glaube ich, an diesem Vormittag nicht gefehlt, und wir hätten beide das Fliegen gelernt, oder ich zumindest, was man braucht für einen anständigen Absturz. Aber die günstigsten Augenblicke versäumen wir immer. Hinzuzufügen bleibt, daß die Aussicht vom Greifenstein inzwischen auch nicht mehr dieselbe ist. Man hat unterhalb der Burg eine Staustufe gebaut. Der Lauf des Stroms wurde dadurch begradigt und bietet jetzt einen Anblick,

dem die Erinnerungskraft nicht mehr lange gewachsen sein wird.

Den Rückweg machten wir zu Fuß. Er wurde uns beiden zu lang. Niedergeschlagen gingen wir in der Herbstsonne nebeneinander her. In Kritzendorf wollten die Häuser kein Ende nehmen. Von den Kritzendorfern war nichts zu sehen. Sie saßen alle am Mittagstisch und klapperten mit ihren Bestecken und Tellern. Ein Hund warf sich an ein grüngestrichenes eisernes Gartentor, völlig außer sich, als sei er um seinen Verstand gekommen. Es war ein großer schwarzer Neufundländer, dessen angeborene Sanftmut durch Mißhandlungen, lange Einsamkeit oder durch das glasklare Wetter zerstört worden war. In der Villa hinter dem Staketenzaun rührte sich nichts. Niemand kam ans Fenster, nicht einmal ein Vorhang bewegte sich. In immer neuen Anläufen rannte das Tier gegen das Gitter. Nur manchmal hielt es inne und richtete seine Augen auf uns, die wir wie festgebannt stehengeblieben waren. Ich warf einen Schilling als Seelenopfer in den am Gartentor angebrachten blechernen Briefkasten. Beim Weitergehen fühlte ich die Kälte des Schreckens in einen Gliedern. Ernst blieb noch einmal stehen und wandte sich um nach dem schwarzen Hund, der nun verstummt war und bewegungslos im Mittagslicht stand. Vielleicht hätten wir ihn einfach auslassen sollen. Er wäre wahrscheinlich dann brav neben uns hergegangen, und sein böser Geist wäre auf der Suche nach einem anderen Wohnsitz in die Kritzendorfer gefahren, in alle Kritzendorfer zugleich, so daß keiner von ihnen mehr einen Löffel oder eine Gabel hätte halten können.

Durch die Albrechtstraße kamen wir schließlich wieder nach Klosterneuburg hinein. An ihrem oberen Ende steht ein wüst aus Hohlblocksteinen und Heraklitplatten zusammengemauertes Gebäude. Die Fenster zu ebener Erde sind mit Brettern vernagelt. Der Dachstuhl fehlt völlig. Dafür ragt ein rostiger Verhau von Eisenverstrebungen in den Himmel. Das ganze machte auf mich den Eindruck eines schweren Verbrechens. Ernst beschleunigte seine Schritte und vermied es, einen Blick auf das furchtbare Denkmal zu werfen. Ein paar Häuser weiter sangen die Kinder in der Volksschule. Am schönsten die, denen es nicht recht gelang, den Bogen der Melodie einzuhalten. Ernst blieb stehen, kehrte sich, als wären wir miteinander in einem Theaterstück, mir zu und sprach in einer Art Bühnendeutsch den, wie es mir schien, vor langer Zeit irgend einmal auswendig gelernten Satz: Es klingt sehr schön durch die Luft und erhebt einem das Herz. —
...
Fußmüde von unserer Wanderung traten Ernst und ich aus der Albrechtstraße auf den auf einer schiefen Ebene angelegten Stadtplatz hinaus. Eine geraume Zeit standen wir in dem blendenden Mittagslicht unschlüssig an der Trottoirkante, ehe wir, zwei Landfremden gleich, versuchten, den infernalischen Kleinstadtverkehr zu durchqueren, wobei wir fast einem Kieslaster unter die Räder geraten wären. Auf der Schattenseite angelangt, retteten wir uns in eine Wirtschaft. Das Dunkel, das uns beim Eintreten umfing, war für die an die Mittagshelligkeit gewohnten Augen zunächst so undurchdringlich, daß wir uns an den erstbesten Tisch setzen mußten. Nur allmählich und nur bis zu einem gewissen Grad kehrte nach der kurzfristigen Erblindung die Sehkraft wieder, traten aus der Dämmerung die anderen Gäste hervor, die teils tief über ihre Teller gebeugt, teils seltsam aufrecht oder zurückgelehnt dasaßen, ausnahmslos alle aber, wie mir auffiel, für sich allein, eine schweigsame Versammlung, durchquert nur vom Schemen der Bedienerin, die geheime Botschaften und gemurmelte Worte zwischen den einzelnen Gästen und zwischen diesen und dem dickleibigen Schankwirt hin und her zu tragen schien. Ernst verzichtete darauf, etwas zu essen, und nahm sich statt dessen lieber eine der Zigaretten, die ich ihm anbot. Ein paarmal wendete er mit einer gewissen Wertschätzung das Päckchen mit der englischen Beschriftung in seiner Hand. Tief und kennerisch zog er den Rauch ein. Die Zigarette, hatte er in einem seiner Gedichte geschrieben,

ist ein Monopol und muß
geraucht werden. Auf Dasssie
in Flammen aufgeht.

Und nachdem er den ersten Zug aus seinem Bierglas getan hatte, sagte er, indem er es absetzte, es habe ihm heute in der Nacht von englischen Pfadfindern geträumt. Was ich ihm, daran anschließend, von England erzählte, von der ostenglischen Grafschaft, in der ich wohne, von den weiten Weizenfeldern, die sich im Herbst in ein unabsehbares braunes Ödland verwandeln, von den Wasserläufen, in die die Flut das Meer hinauftreibt, und von den Überschwemmungen, die dort immer wieder vorkommen, so daß man, wie vormals die Ägypter, im Kahn auf den Feldern herumfahren kann, all das hörte Ernst sich an mit dem geduldigen Desinteresse eines Menschen, dem das, was ihm mitgeteilt wird, die längste Zeit schon bis in die Einzelheiten bekannt ist. Ich bat ihn dann noch, mir irgend etwas in mein Notizbuch zu schreiben, was er auch, die linke Hand auf das aufgeschlagene Blatt gelegt, mit dem Druckkugelschreiber aus seiner Jackentasche ohne das geringste Zögern besorgte. Mit zur Seite geneigtem Kopf, die Stirnhaut streng nach oben gezogen, die Lider gesenkt, schrieb er:

Danach gingen wir. Bis zum Agnesheim war es nicht mehr weit. Beim Abschiednehmen lüftete Ernst seinen Hut und machte, auf den Fußspitzen stehend und leicht vornübergebeugt, eine gezirkelte Bewegung, um im Abgang den Hut wieder aufzusetzen, das Ganze ein Kinderspiel und schweres Kunststück in einem. Es erinnerte mich dies, wie schon die Art, in der er mich am Morgen begrüßt hatte, an jemanden, der lange Jahre beim Zirkus gewesen war.