. W.G. Sebald: Ernst Herbeck



Wortreihen wie
Firn der Schnee das Eis gefriert
oder
Blau.
Die Rote Farbe.
Die Gelbe Farbe.
Die Dunkelgrüne.
Der Himmel ELLENO.
grenzen für mich heute
noch an eine atemlose andere Welt.






Herbecks Bestiarium
(Campo Santo S. 171ff)
(Die Beschreibung des Unglücks S. 131ff)




Hell lesen wir am Nebelhimmel
wie dick die Wintertage. Sind.


Die Poesie, ist eine mündliche Form der Prägung der Geschichte in Zeitlupe ... Die Poesie ist auch eine Abneigung zur Wirklichkeit die schwerer ist als diese. Die Poesie ist eine Übertragung der Obrigkeit zum Schüler. Der Schüler lernt die Poesie, und das ist die Geschichte im Buche. Die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet. Berühmte Geschichteschreiber sind die Gazellen.




Der Rabe führt die Frommen an







Die Eule hat die Kinder lieb




Die Treue ist des Hundes Rast


Die Dame ißt nicht.
Und deshalb geht sie spazieren.
Eine Dame macht harte Späße.
Eine Dame sieht wie ein Marienkäfer aus.
Eine Dame huscht wie ein Fasan.
Eine Dame geht allein herum.
Eine Dame spricht viel.


Das Zebra stürmt in weiten Fluren




Das Känguruh stützt sich am Halt




Die Ehe ist vorbildlich f. Mann und Frau in jeder Hinsicht. Sie wird meistens eingegangen und geschlossen. Nach der Verlobung und. Je länger sie dauert desto kürzer und länger oh das Dasein. Eines Hasen oder so.


Der Zauberer zaubert Sachen:
kleine Hasen, Tücher, Eier.
Er zaubert wiederholt.
Er steckt das Tuch in den Zylinder
und zieht es wieder heraus
es ist ein zahmer Hase dabei.






Heil unserer Mutter! Ein werdendes
Kind im Leibe der Mutter. Als ich
ein Empyrum war, hat sie mich
operiert. Ich kann meine Nase
nicht vergessen. Armes Empyrum.


Der Hase !!!!
Der Hase ist ein kühnes Tier!
Er läuft bis ihm die Strappen
fassen. Die Ohren spitzgestellt; er
lauscht. Für ihn - - - - ist
keine Zeit zum rasten. Lauf läuft läuft.
armer Hase!


Je größer das Leid,
desto größer der Dichter.
Umso härter die Arbeit.
Umso tiefer der Sinn.


Wer der Sonne sich gelüstet -
steiget auf den Berg.
Und atmet streng allein
die Luft ein wie ein Zwerg.

Meine erste Begegnung mit den exzentrischen Sprachfiguren Herbecks geht zurück auf das Jahr 1966. Ich entsinne mich, wie ich in der Ryland's Library in Manchester, wo ich an einer Arbeit über den unseligen Carl Sternheim saß, zwischenhinein, zur Erholung des Kopfes sozusagen, immer wieder das dtv-Bändchen Schizophrenie und Sprache zur Hand nahm und staunte über den Glanz, der ausging von den offenbar aufs Geratewohl zusammengefügten Wort- und Rätselbildern dieses ärmsten Poeten.

Stets aufs neue finden sich Stellen, deren leichte Verdrehtheit und sanfte Resignation erinnert an die Art, wie Matthias Claudius manchmal mit einem einzigen Halbtonschritt oder einer Fermate einen Augenblick lang das Gefühl der Levitation in uns auszulösen vermag.

Vollends zum Erstaunen ist es, daß Herbeck über die poetische Praxis hinaus in wenigen grundlegenden Sätzen auch eine Theorie der Poesie geliefert hat.

Gisela Steinlechner hat in ihrem Buch
Die Ver-rückung der Sprache gezeigt, daß das Werk Herbecks durchsetzt ist von anthropomorphen Tierporträts. Das hat seinen Grund zunächst darin, daß dem Patienten von seinem Mentor nicht selten Schreibtitel wie



»Das Zebra«



oder

»Die Giraffe«



vorgelegt wurden. Da sich Herbeck im allgemeinen ziemlich getreu an die ihm gestellten Themen gehalten hat, ist so ein ganzes Bestiarium zusammengekommen - eine Fibel, in der, wenngleich auf durchaus ironische Weise, bestätigt wird, daß es mit der von uns ausgetüftelten taxonomischen Ordnung im großen und ganzen seine Richtigkeit hat.

Jedoch gibt es bei Herbeck auch einige unbekannte, in den zoologischen Kompendien nicht verzeichnete Arten, die vermuten lassen, daß die Tiere so genau voneinander und wir so endgültig nicht von ihnen geschieden sind, wie wir uns das gern einbilden. Ähnlich wie in dem Synagogengebäude des Schriftstellers Franz Kafka begegnet man auch bei Herbeck einem Wesen, das zur einen Hälfte ein Lamm, zur anderen eine Katze ist. Weitaus mysteriöser als diese seltsamen Tiere ist im Werk Herbecks das

Sinnbild des Hasen,

dem der Autor die Frage nach der eigenen Abkunft einbeschrieben hat. Herbeck macht über seine Vorgeschichte nur äußerst kursorische, eigenartige Angaben. Schleierhaft ist ihm anscheinend alles, was mit Familie und Verwandtschaft zu tun hat. »Bitte eine Frage!« schreibt er. »Sind das die Kinder vom Schwiegersohn zum Schwiegervater deren Geschwister? Ich kann mir das nicht zergliedern! Bitte sehr, ich danke.« Das Undurchschaubarste freilich an diesen Verhältnissen ist für den zu lebenslänglichem Junggesel-lentum Herbeck die Einrichtung des Ehelebens, zu der er nur ein paar vage und möglichst unverfängliche Anmerkungen macht.

Was nach dem »und« passiert, das kann oder mag sich der Schreiber nicht ausdenken. Andererseits aber weiß er, daß das Eheleben schlußendlich hinausläuft auf die Hervorbringung eines Hasen. Wie der Zeugungsakt funktioniert, das läßt sich so leicht nicht beschreiben. Möglicherweise handelt es sich dabei weniger um einen Vorgang zwischen den Geschlechtern als um eine Art von spontaner Fortpflanzung oder gar um eine Zauberei.

Der wunderbarerweise aus dem Zylinderhut hervorgeholte Hase ist ohne jeden Zweifel das Totemtier, in dem der Schreiber sich wiedererkennt. Die angeborene, mehrfach operierte Hasenscharte, die als prämorbide Behinderung in der Genese und der besonderen Ausformung von Herbecks Schizophrenie wohl eine entscheidende Rolle spielte,ist ein Identitätsmerkmal; Herbeck denkt diese Verletzung viel weiter noch als bis in die Kindheit zurück.

Gisela Steinlechner hat in ihren Studien zum Werk Ernst Herbecks als erste die präexistentielle Traumatisierung zu beschreiben versucht, die dem geschädigten Subjekt später zum eigenen Mythos wurde. Sie berief sich dabei unter anderem auf eine Passage in der dreiseitigen Selberlebensbeschreibung, die Herbeck um 1970 verfaßt hat und wo er erzählt, wie er im Alter von elf Jahren unter einem Feldherrn namens Meier bei den Pfadfindern war, und zwar bei den Tauben, im Gegensatz zu den anderen, die zu den Adlern und Hirschen gehörten.
Die Pfadfinder sind eine der letzten in Totemgruppen aufgeteilten Vereinigungen von Menschen, doch ist diese kuriose Tatsache an sich wohl weniger wichtig als das von Herbeck in der nur ein paar Zeilen umfassenden Pfadfinderreminiszenz in einen gänzlich agrammatischen Zusammenhang gerückte, überaus merkwürdige Wort »Thierenschaft«, das mit seinem von der Rechtschreibung längst relegierten stummen »h« erinnert an eine vor die Sprachfähigkeit des Menschen zurückgehende Zeit.

Nicht umsonst hat Ernst Herbeck, der wohl weniger das Sendungsbewußtsein des Menschensohns als die Trauer der Verachteten in sich spürte, vier Ausrufezeichen hinter den ihm eines Tages vorgelegten Gedichttitel »Der Hase« gesetzt.

Die dem Hasen im Mythos zugeschriebene ambivalente Verfassung, in der Macht und Ohnmacht, Kühnheit und Angst auf das engste miteinander verbunden sind, bestimmt auch Herbecks Auffassung von der Natur seines Wappentiers.
In seiner Lebensbeschreibung ist ferner die Rede davon,wie die Mutter (und auch darauf hat Gisela Steinlechner bereits hingewiesen) in der vom Autor so genannten Zeit der Revolte und Silbernot »einen Hasen bekam«. Gemeint ist natürlich »gebracht oder geschenkt bekam« zur Aufbesserung der damals nicht eben reichhaltigen Verpflegung. Herbecks kürzere Wendung suggeriert jedoch, daß die Mutter den Hasen bekam, so wie man ein Kind bekommt.
Dieser Hase wird nun im Beisein des Vaters von der Mutter geschlachtet und das Fell ihm über die Ohren gezogen. Den gar nicht mehr erwähnten Hasenbraten betreffend fügt Herbeck zum Beschluß der Episode nur noch das Geständnis an: »Er schmeckte mir zu gut.« Die Moral der ganzen Geschichte ist also in zwei Buchstaben aufgehoben. Denn daß er solchermaßen an dem gemeinsamen Familienverbrechen beteiligt war, nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter, indem er nämlich mithalf bei der Verspeisung seines Ebenbilds und Namensvetters, das ist das wahre Maß seiner Verstrickung in die finsteren Machenschaften unseres gemeinschaftlichen Lebens. Die Legende von dem armen Hasen, die Herbeck als Erklärung für sein schweres Schicksal sich zurechtlegte, ist für den, der zu lesen versteht, eine Leidensgeschichte von exemplarischem Format.

Konrad Lorenz hat darauf verwiesen, daß auch im Bereich der Naturgeschichte die Entstehung neuer Phänomene nie richtig auf den Begriff gebracht wurde, daß Bezeichnungen wie Schöpfung oder Emergenz sprachlogisch falsche Vorstellungen erwecken von dem, was tatsächlich vor sich geht. Lorenz beschreibt den Prozeß, in dem zwei voneinander unabhängige Systeme in einer Art von Kurzschluß unversehens zu einer neuen Verbindung zusammentreten, mit dem Ausdruck Fulguration.

Im Gegensatz zu projektiven und diskursiven Mythologemen wie Gott, Jenseits, Freiheit und Gerechtigkeit, mit denen wir uns über unser existentielles Defizit hinwegtrösten, ließe sich das poetische Bild fast definieren als eine Rückerinnerung an ein entwicklungsgeschichtliches Stadium, in dem solche Erfindungen nicht nötig waren. Herbecks Feststellung »Die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet« umschreibt diese Hypothese mit wunderbarer Präzision. Einem Dichter, der die für einen derartigen poetischen Lernprozeß erforderliche Empathie aufbringen kann, müssen die Veranstaltungen der Kunst wie ein ziemlich lächerliches Unterfangen vorkommen. Herbecks Mißtrauen gegenüber dem Kunstschwindel artikuliert sich exemplarisch in dem Satz »Es werden die Künstler wie Semmeln gebacken. Preis 6gr.«


















Siehe zu Herbecks Gedichten: