. wgsebald.de Günter Grass: Aus dem Tagebuch einer Schnecke






Fast
hat der Leser den Eindruck,
daß im konkreten Engagement
für eine bessere Politik in Deutschland
der Autor seinen Ablaß findet für das, was ihn,
obschon er sich unbelastet weiß, an der deutschen Vergangenheit
immer noch wurmt






Grass' Häutung
(Campo Santo S. 109ff)



Der Zwiebelhaut steht nichts eingeritzt, dem ein Anzeichen für Schreck oder gar Entsetzen abzulesen wäre. Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils dann zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel wie der von Demjansk aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden mußte. Die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig.


Dem Jungen, der sich als Mann sah, wird vor allem die Waffengattung wichtig gewesen sein: wenn nicht zu den U-Booten, von denen Sondermeldungen kaum noch Bericht gaben, dann als Panzerschütze in einer Division, die, wie man in der Leitstelle Weißer Hirsch wußte, neu aufgestellt werden sollte, und zwar unter dem Namen 'Jörg von Frundsberg'.
Auch ging von der Waffen-SS etwas Europäisches aus: In Divisionen zusammengefasst kämpften freiwillig Franzosen, Wallonen, Flamen und Holländer, viele Norweger, Dänen, sogar neutrale Schweden an der Ostfront in einer Abwehrschlacht, die, so hieß es, das Abendland vor der bolschewistischen Flut retten werde.
Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen. Doch die Last blieb, und niemand konnte sie erleichtern.


Ich verschwieg, daß ich sicher war, Künstler werden zu wollen, und gab eher vage das Studium der Kunstgeschichte als Ziel an, worauf mir fördernde Unterstützung in Aussicht gestellt wurde, wenn ich bereit und befähigt sei, so etwas wie eine Junkerschule für Führungskräfte zu besuchen. Dort, sagte er, bilde man jetzt schon völkisch bewusste Männer für Aufgaben aus, an denen es nach dem Endsieg nicht fehlen werde: auf dem Gebiet der Raumplanung, bei der notwendigen Umsiedlung von fremdvölkischer Population, als Führungskraft in der Wirtschaft, beim Wiederaufbau der Städte, im fiskalischen Sektor, vielleicht sogar im gewünschten Bereich der Kunst... Dann befragte er mich nach bereits vorhandenen Kenntnissen. ...


Ich redete pausenlos und wahrscheinlich großspurig über Dürers Selbstbildnisse, den Isenheimer Altar und Tintorettos 'Wunder des heiligen Markus', indem ich des Apostels Sturzflug von oben herab als Beispiel kühner Perspektive lobte.
Aber wir kamen nur bis Weißwasser, wo jede Zuordnung und mit ihr das Marschgepäck samt Tagebuch und draufgeschnalltem Wintermantel verloren ging. Ab dann reißt der Film. So oft ich ihn flicke und wieder anlaufen lasse, bietet er Bildsalat.
Fest steht, daß ich Mitte April zwei Mal als Teil einer zusammengewürfelten Gruppe hinter die russischen Kampflinien geraten bin. Das geschah in der Hast des Rückzugs. Und jedes Mal war ich Teil eines Spähtrupps mit unklarem Auftrag.


Aus diesem Grund hält auch die das Rückgrat des Tagebuchs bildende Geschichte von Hermann Ott, vermittels derer der Autor der rezeptiven Imagination des Lesers viel Trostreiches beistellt, dem kritischen Blick auf die Dauer nicht stand. Im Gegensatz zu den dokumentarischen Passagen über den Auszug der Juden und über den Wahlkampf,

zu den Berichten aus dem Familienleben des Schreibers und zu den essayistischen Exkursen ist sie, obschon alles sonst auf sie Bezug hat, bloß erfunden. Das wird freilich durch den wiederholten Hinweis, es handle sich hier in etwa um die Erlebnisse des Marcel Reich-Ranicki, zunächst vertuscht.

Hermann Ott alias Zweifel, von Berufs wegen Studien-assessor und Skeptiker, der - seit den jüdischen Kindern Danzigs die staatlichen Schulen verschlossen sind - auf der Rosenbaumschen Privatschule unterrichtet und noch bei jüdischen Händlern seinen Salat einkauft, als ihm die Marktfrauen dafür schon "Pfui Deibel" zurufen, dieser Hermann Ott ist eine retrospektive Wunschfigur des Autors; strukturell nicht viel anders, wenn auch weit weniger fatal, als der erzengelhafte junge Pater Riccardo Fontana, der in Hochhuths 'Stellvertreter' den Beweis führt, daß das Gute auch angesichts der Massenvernichtung noch seinen Bestand hat.
Gelingt es derart in der politischen Arbeit, in der Grass, wie er immer wieder betont, etwas Reelleres sieht als im utopischen Pläneschmieden, die ab und an sich rührende Trostlosigkeit hintanzuhalten, so hat sich doch die Dürersche Melancholia als fellow traveller und Engel des schlechten Gewissens in sein Reisegepäck eingeschlichen.
Diese ungeheure Dame, in der ein Hund begraben liegt und deren Faltenwurf den Gestank des ganzen Landes verhängt, hält »mit klammen Fingern ... den Zirkel und kann den Kreis nicht schließen«; wahrscheinlich deshalb, weil sie - wie der Autor selber - über die aktuelle Aufgabe hinaus dem Problem der Quadratur der Moral nachhängt, das beschlossen ist in der Frage, ob man nicht schreibend, stellvertretend für all die anderen, die das nicht tun, einen Beitrag zu leisten vermag zur Therapie der Nation, etwa in der Art, in der Zweifel seine kalte Lisbeth durchs Ansetzen einer unklassifizierbaren Schnecke kuriert.

Die schwarze Galle, die dieses Kuriosum der Natur in einem magischen Prozeß aus der von Depressionen geplagten Lisbeth schröpft, ist, wie Grass erinnert, im 16. Jahrhundert noch kurrent als Synonym fur die Tinte, mit der der Schriftsteller seine Kreise zieht. Freilich lauft, wer der schwarzen Galle als Medium fur kreative Arbeit sich bedient, Gefahr, die unverstandene Niedergeschlagenheit derer zu erben, denen sein Zuspruch gilt.
Der weitere Verlauf der Geschichte Zweifels illustriert das sehr eingängig. Nachdem er den Beweis erbracht hat, »daß die Schwermut« - vermittels einer Schneckenkur -»heilbar ist«, verordnet ihm der Autor zwolf Jahre in einer geschlossenen Anstalt, wo er, »brabbelnd iiber seinen kraus beschriebenen Papieren«, in der Versenkung lebt, ehe er, man weiß nicht wie, selber gesund wird und in der Bundesrepublik als Kulturreferent in Kassel ein neues Asyl findet.
Ignoriert man diese allzu glückliche Wendung der Geschichte, dann besagt sie wohl, daß im System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung der mit der Quadratur der Moral beauftragte Schriftsteller es ist, den das kollektive Gewissen überkommt und der wie Dürer auf seinem (im Grass'schen Text zitierten) Selbstporträt mit dem rechten Zeigefinger auf den in der Federzeichnung umrissenen Krankheitsherd weisend bedeutet:

»Do der gelb fleck ist vnd mit dem finger drwaff dewt so ist mir we.«
Indem Grass die Dürersche Demonstration des Leids zum Emblem seiner eigenen Philosophie der Trauer wählt, transzendiert er die letzten Endes auch klinisch nicht zu entscheidende Frage, ob die Melancholie ein konstitutioneller oder reaktiver Zustand sei. Wenn es darum wahr ist, daß die Chronik von Grass' deutscher Reise ohne den kontrapunktischen Exkurs in die Trauer ein weit weniger verständiges Buch geworden wäre, so ist nicht minder richtig, daß eben dieser Exkurs etwas mühselig Konstruiertes, etwas von einer historischen Pflichtübung an sich hat.





Aus dem Tagebuch einer Schnecke
Drei Zeitebenen
1969: Tagebuch der Wahlkampfreise
1970/71: Protokoll der Schreibzeit (Grass erklärt dem Publikum der fragenden Kinder sein Engagement - keine Frage nach der Waffen-SS)
3. Reich: Danziger Kindheit, Hermann Ott, genannt Zweifel, Lehrer an der Judenschule, versteckt sich im Keller eines Fahrradhändlers, der ihm Tochter Lisbeth zuführt. Zweifels Zeitvertreib sind Schnecken, die ihm Lisbeth besorgt. Dieses melancholische Mädchen ist bei der Liebe kalt und trocken. Eine Purpurschnecke saugt ihr die schlechten Säfte weg, aus ihr wird eine richtige Frau, deren »Schnäggli« ordnungsgemäß feucht wird.

Beim Häuten der Zwiebel
Schicht für Schicht:
Erinnerungen an Kindheit, Jugend und Mutter, die an Krebs stirbt. Zeit in Uniform, Kriegsgefangenschaft, als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS. Beziehung zur bildenden Kunst, Paris beim Schreiben Die Blechtrommel, Persönlichkeitsentwicklung.

Im November 2007 lässt Grass durch einen Anwalt Unterlassungsklage gegen die Verlagsgruppe Random House erheben. Er geht gegen die Behauptung des Biografen Jürgs vor, sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet zu haben. Der Rechtsstreit wird verglichen.
Siehe auch Grass in Lexikon