Eines der Lieblingsbücher Chatwins waren die Trois Contes Gustave Flauberts und darin besonders die Erzählung vom heiligen Julian, der das blutige Laster seiner Jagdleidenschaft sühnen muß auf einer langen Fahrt durch die heißesten und kältesten Zonen der Erde: Die Glieder frieren ihm fast vom Leib, als er die Eisfelder überquert, und in der Sonnenglut der Wüsten fängt das Haar Feuer auf seinem Kopf. Ich kann keine Seite dieser schreckensvollen, aus der zutiefst hysterischen Disposition ihres Autors entstandenen Geschichte lesen, ohne Chatwin zu sehen, so wie er gewesen ist, ein von panischem Wissens- und Liebesbedürfnis umgetriebener ingénu, der noch mit dreißig Jahren einem Heranwachsenden glich.





Unaufhaltsam fortschreitende Verdummung: Sand
(Die Ringe des Saturn S. 16ff)
(Campo Santo S. 46, 216)
(Aufzeichnungen aus Korsika S. 148, 202f
)



Janine Dakyns, die in einer kleinen Gasse in unmittelbarer Nähe des Spitals wohnte, hatte wie Michael in Oxford studiert und im Verlauf ihres Lebens eine von jeglicher Intellektuelleneitelkeit freie, stets vom obskuren Detail, nie vom Offenkundigen ausgehende, gewissermaßen private Wissenschaft von der französischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts entwickelt, insbesondere im Hinblick auf den von ihr weitaus am höchsten geschätzten


Gustave Flaubert

aus dessen Tausende von Seiten umfassender Korrespondenz sie bei den verschiedensten Gelegenheiten lange, mich jedesmal von neuem in Erstaunen versetzende Passagen zitierte.

All das ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich eines Abends in meinem Hotelzimmer in Piana am Fenster saß & in einem alten Band der Bibliothèque de la Pléiade, den ich am Tag meiner Ankunft in der Nachttischlade gefunden hatte, die mir bis dahin unbekannt gewesene Legende von Sankt Julian dem Gastfreien zu lesen begann, jene seltsame Erzählung, in der eine perverse Jagdleidenschaft & die Berufung zum Heiligenstand an ein & demselben Herzen reissen. Zutiefst fasziniert & verstört zugleich bin ich von dieser mir an sich widerstrebenden Lektüre gewesen. Schon die Schilderung der Ermordung der Kirchenmaus durch den jungen Julian, das plötzliche Ausbrechen der Aggression in dem bis dahin immer brav gewesenen Kind, ging mir auf das grausigste unter die Haut.

Er tat einen leichten Schlag, heißt es da von dem vor dem Mäuseloch lauernden Jungen, & stand verdutzt vor diesem kleinen Körper, der sich nicht mehr regte. Ein Blutstropfen befleckte die Fliese. Und je weiter nun die Geschichte sich entfaltet, desto weiter breitet das Blut sich aus. Mal für mal muß das Verbrechen durch eine neue Todestat überdeckt werden.
Bald hängt eine Taube, die Julian mit einem Stein erlegte, zuckend in einem Ligusterbusch, & indem er sie vollends erdrosselt, fühlt er vor Lust seine Sinne schwinden. Sowie er vom Vater das Waidwerk erlernt hat, zwingt es ihn hinaus in die Wildnis. Ohne Unterlaß ist er jetzt auf der Sauhatz im Wald, bei der Bärenjagd im Gebirg in den Hirschgründen oder auf dem freien Feld. Vor dem Rühren der Trommeln schrecken die Tiere auf, die Hunde stieben über die Abhänge dahin, Falken erheben sich in die Luft, Wölfe & Füchse liegen am Grund einer Grube & wie Steine fallen die Vögel vom Himmel. Beschmiert mit Schlamm & mit Blut kommt der Jäger allabendlich heim, & so geht es mit dem Töten fort & fort, bis Julian an einem eiskalten Wintermorgen auszieht & in einem den ganzen Tag hindurch anhaltenden Rausch rings um sich her alles, was sich regt, niedermacht. Die Pfeile prasselten herab, so heißt es, wie Regenstrahlen in einem Gewitter.

Am Ende zieht die Nacht herauf, rot zwischen den Zweigen des Waldes wie ein blutgetränktes Tuch, & Julian lehnt an einem Baum mit weit aufgerissenen Augen, betrachtet das ungeheure Ausmaß des Gemetzels & weiß nicht, wie er es hat anrichten können. Danach verfällt er in eine Lähmung der Seele & beginnt seine lange Wanderschaft durch die aus dem Stand der Gnade gefallene Welt, in solch sengender Hitze oft, daß die Haare auf seinem Haupt unter der Sonnenglut sich von selber wie Fackeln entzünden, oder, zu anderen Zeiten, in einer Kälte so eisig, daß sie ihm schier die Glieder zerbricht. Der Jagd verwehrt er sich nun, aber im Traum überkommt ihn manchmal noch seine furchtbare Passion, sieht er sich gleich unserem Vater Adam mitten im Paradiesgarten von allen Tieren umgeben & braucht nur den Arm auszustrecken & schon sind sie tot.
Oder er sieht sie der Größe nach paarweise vorbeiziehen vor seinem Aug, angefangen von den Aurochsen & Elefanten bis hinunter zu den Pfauen, Perlhühnern & Hermelinen, wie an jenem Tag, an dem sie die Arche betraten. Aus dem Dunkel einer Höhle heraus schleudert er unfehlbare Spieße, doch kommen immer neue nach & hören nicht auf. Wo er auch geht & wohin er sich wendet, stets sind die Geister der um ihr Leben gebrachten Tiere bei ihm, bis er zuletzt nach vieler Drangsal & Pein von einem Aussätzigen über das Wasser gerudert wird am Ende der Welt.

Drüben auf der anderen Seite muß Julian das Lager des Fährmanns teilen, & dann, indem er das von Schrunden & Schwären bedeckte, teils knotig verhärtete, teils schmierige Fleisch umarmt & Brust an Brust & Mund an Mund mit diesem ekelhaftesten aller Menschen die Nacht verbringt, wird er aus seiner Qual erlöst & darf aufsteigen in die blauen Weiten des Firmaments. Nicht ein einziges mal während des Lesens hatte ich meinen Blick heben können von der mit jeder Zeile tiefer in das Grauen eindringenden, von grundauf perversen Erzählung über die Verruchtheit der Menschengewalt. Erst der Gnadenakt der Transfiguration auf der letzten Seite ließ mich wieder aufschauen


Gustave Flaubert

geboren 1821 in Rouen, Sohn des Chefarztes des städtischen Krankenhauses. Er erlebt von dessen Dienstvilla in der Nachbarschaft des Krankenhauses Leiden und Sterben aus nächster Nähe mit. Der bürgerliche Wohlstand erlaubt eine elitäre Schulausbildung. Gustave ist ein guter Schüler, der sich aber zu Tode langweilt - und ein frühreifer Autor wird. Die Reise durch Frankreich und Korsika, die ihm sein Vater klassengemäß aus Anlass des Abiturs spendet, bringt Abwechslung und Liebeserfahrung. In den Sommerferien 1836 verliebt er sich in Trouville-sur-Mer in Élisa Schlesinger, eine ältere Frau, jahrelang seine große, unerreichbare Liebe und Inspiration seines Schreibens.
Das Jurastudium gibt er 1843 nach einem epileptischen Anfall auf, reist auf den Spuren Chateaubriands, Lamartines oder Nervals in den Vorderen Orient - einschließlich sexualtouristischer Aspekte.
Sein weiteres Leben verbringt er bei seiner verwitweten Mutter, führt mit ihrem und seinem Erbe ein zurückgezogenes Dasein als schriftstellernder Rentier in Croisset bei Rouen. Ab 1846 wird die zehn Jahre ältere Schriftstellerin Louise Colet seine Geliebte.
"Flaubert schreibt als Künstler und beschreibt als Historiker" sagt Michel Winocks in seiner voluminöse Biographie des "Einsiedlers von Croisset" von 2013.
Jeder Roman Flauberts ist mehrmals verfilmt; das weiche, etwas füllige Gesicht, von langem schütteren Haar umrahmt, der "gallische" Schnauzbart, die großen Augen, umrandet von schweren Liedern, die dicken Tränensäcke. Was spiegelt dieser Blick?



Im übrigen hat Janine Dakyns, die beim Vortragen ihrer Gedanken oft in Zustände einer fast besorgniserregenden Begeisterung geriet, mit dem größtmöglichen persönlichen Interesse die schriftstellerischen Skrupel Flauberts zu ergründen versucht, eine Angst vor dem Falschen, die ihn, wie sie sagte, manchmal wochenund monatelang an sein Kanapee fesselte und fürchten ließ, daß er nie mehr auch nur eine halbe Zeile würde zu Papier bringen können, ohne sich auf das peinlichste zu kompromittieren.
Zu solchen Zeiten, sagte Janine, schien ihm nicht nur jedes zukünftige Schreiben völlig ausgeschlossen, sondern er war darüber hinaus davon überzeugt, daß alles bisher von ihm Geschriebene nur aus einer Aneinanderreihung der unverzeihlichsten, in ihren Auswirkungen unabsehbaren Fehler und Verlogenheiten bestehe. Janine behauptete, die Skrupel Flauberts seien zurückzuführen auf die von ihm beobachtete, unaufhaltsam fortschreitende und, wie er glaubte, bereits auf seinen eigenen Kopf übergreifende Verdummung.

Es sei, soll er einmal gesagt haben, als versinke man im Sand. Wahrscheinlich aus diesem Grunde, meinte Janine, käme dem Sand in sämtlichen Werken Flaubcrts so viel Bedeutung zu. Der Sand erobere alles. Immer wieder, sagte Janine, seien durch die Tag- und Nachtträume Flauberts ungeheure Staubwolken getrieben, die, aufgewirbelt über den dürren Ebenen des afrikanischen Kontinents, nach Norden zogen, über das Mittelmeer und über die iberische Halbinsel, bis sie irgendwann sich niedersenkten wie Feuerasche, über dem Tuileriengarten, über einem Vorort von Rouen oder einem Landstädtchen in der Normandie, und eindrangen in die winzigsten Zwischenräume.
In einem Sandkorn im Saum eines Winterkleides der Emma Bovary, sagte Janine, hat Flaubert die ganze Sahara gesehen, und jedes Stäubchen wog für ihn soviel wie das Atlasgebirge. Oft, zu Ende des Tages, habe ich mich mit Janine über die Weltauffassung Flauberts unterhalten in ihrem Büro, in dem solche Mengen von Vorlesungsnorizen, Briefen und Schriftstücken jeder Art herumlagen, daß man meinte, mitten in einer Papierflut zu stehen.








Un cœur simple

Gestern, als es Abend wurde, bin ich am Fenster gesessen & habe in dem Band der Bibliothèque de la Pléiade, den ich mir wegen der Éducation Sentimentale kurz vor der Abfahrt noch in meine Tasche geschoben hatte, die gleichfalls darin enthaltene Geschichte Un cœr simple gelesen.
Hatte ich mich mit der Éducation die letzten Tage über oft ziemlich geplagt, weil ich mich immer wieder verirrte in dem kaleidoskopischen Wortschatz, der in diesem Roman zur Beschreibung der Kostüme & Interieurs & überhaupt der gesamten Pariser Warenwelt aufgeboten wird, so las sich die Geschichte von der armen Félicité beinahe wie von selbst, ja ich hatte nicht selten den Eindruck, als höben sich die Buchstaben & die Bedeutung, zu der sie sich zusammenschlossen, selbst in dem schwindenden Licht, mit vollkommener Klarheit von den Seiten ab & führten mich, wie sonst nur im Traum, innerhalb einer knappen Stunde, durch ein ganzes, in keiner Weise verkürztes Leben.
Un cœur simple entstand in einer Zeit, in der es Flaubert schlechter ging als je zuvor in seinem von tiefem persönlichem Unglück & den Mühen der Schriftstellerei gezeichneten Dasein.
Bisweilen, schrieb er damals an seinen Freund Laporte, überwältigt mich eine Niedergeschlagenheit, in der ich fast zu verenden glaube, derart vernichtet fühle ich mich. Das ist die Folge der bitteren Becher, die ich habe ausleeren müssen im vergangenen Sommer. Zeile um Zeile nun fügte sich im Winter & Frühjahr die Erzählung zusammen, & doch scheint es, als wäre sie niedergeschrieben worden in einem einzigen Zug, mit solcher Präzision greifen die Ereignisse ineinander, werden die Farben von der leichten Hand des Koloristen ins Bild gesetzt, die Seelenzustände der Personen auf die intimste & zugleich diskreteste Weise erkundet, die Alltäglichkeiten mit dem Fabelhaften & Übernatürlichen in Verbindung gebracht & an genau der richtigen Stelle, wenn man schon zu wissen glaubt, wie der Satz schließen wird, die Worte ins Unerwartete gewendet.



Als Mme. Aubain es nach Jahren des Kummers über den Tod ihrer Tochter schließlich fertigbringt, die Türe des Schranks aufzumachen, der in dem Zimmer mit den zwei Betten steht & in dem die kleine Hinterlassenschaft Virginies verwahrt ist, da wird dieser Akt der Selbstüberwindung nicht extra hervorgehoben, sondern es heißt bloß, nach einem von einem Strichpunkt markierten, kurzen syntaktischen Zögern
et des papillons s’envolèrent de l’armoire. Gewiß wirkte die scheinbare Leichtigkeit dieser ganz gewöhnlichen Geschichte nach der schwierigen Lektüre der Éducation auf mich wie eine Offenbarung, & wahr ist auch, daß daß die Umgegend von Pont l'Évêque, Honfleur & Deauville, in der sie spielt, für mich eine besondere Bedeutung hat, aber nicht nur deshalb sind mir die fünf kurzen Kapitel so nahe gegangen. Was mich vor allem berührte, war der unnachahmliche Glanz, der die von Flaubert aus seiner eigenen Knabenzeit heraufgeholten Ereignisse & Dinge umgibt.



Vielleicht erreicht die Literatur ihren größten Genauigkeitsgrad nur dort, wo sie die frühesten Gefühle erinnert über die unbarmherzig sich aneinanderreihenden Jahre hinweg - die Segel in der Ferne, den ganzen Horizont entlang,





vom Schloß von Tancarville bis zum Leuchtturm von Le Havre, die Wiese,
in der Form eines Hippodroms, auf der, kaum ein paar Monate nach der Niederschrift der Erzählung, nachdem Flaubert den Besitz der Familie in Deauville hatte veräußern müssen, tatsächlich die berühmte Rennbahn angelegt wurde. Verborgen in der Topographie der Kindheit ist schon der gesamte Kataster des späteren, aus lauter Verlustgeschäften sich zusammensetzenden Lebens. Wie richtig also, daß die Heraufrufung der versunkenen Welt, der von Flaubert selber so genannten Fantômes de Trouville, ihm zu einem cortège des compagnons du passé, ja zu einem Trauerzug & Leichenbegängnis gerät. Denn es sterben in dieser Geschichte alle, die vorkommen in ihr.



Der Gemahl der Mme Aubains ist, ominöserweise, zu Anbeginn bereits tot, & ihm folgen, in unerbittlicher Ordnung, Victor, der Neffe Félicités, la petite Virginie, Mme Aubain, der Papagei Loulou & Félicité selber, deren mit schauriger Genauigkeit beschriebene Agonie & anschließende Verklärung am Fronleichnamstag die Erzählung auf das Niveau einer Heiligenlegende erhebt. Die Seligsprechung Félicités ist umso überzeugender, als sie, die Hauptfigur in der Kindheitserinnerung ihres Autors, eine eigene Kindheit nie hatte, & sozusagen stets nur aus zweiter Hand lebte.



Aufgrund ihrer Herkunft aus einer vom Unglück heimgesuchten Arbeiterfamilie - der Vater, ein Steinmetz, war vom Gerüst gefallen, gleich darauf die Mutter gestorben & die Schwestern weiß Gott wo verschwunden - hatte man sie früh schon zum Kühehüten aufs Land geschickt. Später war sie als Dienstmagd auf einem anderen Hof & dann, durch eine für ihre Verhältnisse günstige Fügung, über ein halbes Jahrhundert bei Mme Aubain im Haus. Unberührt wie sie ist von jeder Schulbildung & religiösen Erziehung,



absolviert sie eine verspätete Einführung in die Geheimnisse der Christenlehre, als sie ihren Schützling Virginie täglich in die Katechismusstunden begleitet zur Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion & dort zum erstenmal etwas erfährt vom Paradies & der Sintflut, vom Turm von Babel & den vom Feuer vernichteten Städten, von sterbenden Völkerschaften & den falschen, vom Zorn des Allmächtigen zerstörten Göttern. Mit angehaltenem Atem verfolgt sie, als der entscheidende Tag gekommen ist, die Vorgänge in der Kirche, blickt hingerissen von ihrem Platz hinüber auf die zusammengedrängten Mädchen, die, wenn ihre Köpfe sich senken, mit ihren von weißen Kronen gehaltenen Schleiern aussehen wie ein verschneites Feld. Aber trotz ihrer passionierten Anteilnahme an diesem Schauspiel & trotzdem sie nach Abschluß der Messe selber die Kommunion empfängt in der Sakristei, findet sie sich ganz nie zurecht in der Christlichen Ordnung der Dinge, insbesondere nicht in der schwierigen Sache der heiligen Trinität.



Als sie zuletzt, allein in dem zum Verkauf stehenden Haus & krank schon & taub, ihre inständigen Bitten richtet an das in ihrem Zimmer hängende Bild des heiligen Geists, schaut sie immer auch ein wenig hinüber zu ihrem über alles geliebten Papagei. Dieser wunderbare Vogel war ihr bzw. Mme Aubain zum Geschenk gemacht worden durch Mme de Larsonnière, die ihn, den Papagei ebenso wie den Neger, der eines Tages mit dem Käfig vor der Türe stand, aus Amerika mitgebracht hatte & die ihn nun, da ihr Gemahl auf einen hohen Posten versetzt wurde, als ein Erinnerungsstück & zum Zeichen ihres Respekts Mme Aubain überließ. Nach dem Verlust Victors, von dem sie, schon als er in See stach, glaubte, daß er in Havannah in der Tabackswolke verschwinden würde, nach dem Tod Virginies, bei deren im Kloster aufgebahrten Leiche sie zwei Tage & Nächte wacht, hatten sich Félicités tiefste Gefühle diesem bunten Gefährten zugewandt, & als sie auch ihn eines Morgens, nachdem sie ihn ein wenig an die frische Luft gestellt hatte, tot auf dem blechernen Boden seines Gehäuses liegen fand, da konnte sie so wenig sich vorstellen, ohne ihn weiterzuleben, daß sie ihn von einem gewissen Fellacher in Le Havre ausstopfen ließ.



Wenn ihr jetzt, da alle von ihr gegangen waren & sie so einsam war wie zuvor nur als Kind, das gläserne Auge ihres Freundes entgegenblickte, dann war sie fast überzeugt, daß der Herr, um sich der Muttergottes zu verkündigen, nicht eine einfache weiße Taube geschickt hatte, sondern einen der schönen Vorfahren Loulous. Und dementsprechend sieht sie auch in der Stunde ihres Todes, als ihr Herzschlag mal um mal schwächer wird bis er erlischt wie der Strahl einer in sich zusammensinkenden Fontäne, hoch über sich einen gigantischen Papagei seine Kreise ziehen in dem zur Hälfte schon geöffneten Himmel.









"Éducation sentimentale" (Lehrjahre des Herzens 1869): Wie beschreibt Gustave Flaubert die Revolution? Er hat Bilder im Kopf und ergänzt sie wie immer durch eine enorme Dokumentation, viele Parallelen zu Marx.
Die Protagonisten des Romans sind fast alle auf der Barrikadenseite der Repression, selbst Dussardier, der einzige Wahrhafte, der in den Junikämpfen die Republik verteidigen möchte. Voller Ekel beschreibt Flaubert den Terror der Sieger (mit denen er sympathisiert), auch den intellektuellen.
Ein Jahr nach Erscheinen des Romans erklimmt die Dummheit eine neue Höhe. Es ist wieder Krieg. Diesmal gegen die Preußen. Und Flaubert, eben noch in Gedanken über das "materialistische" Zeitalter des Mittelmaßes und der Dummheit versunken, verkündet plötzlich - die Ideen vieler Intellektueller von 1914 vorwegnehmend: Mein Gewehr ist bereit! Er wird tatsächlich Leutnant der Nationalgarde. Entsetzt reagiert er auf die Niederlage und die Proklamation der Commune von 1871. Flaubert schäumt gegen das allgemeine Wahlrecht: "Ich bin doch wohl mehr wert als 20 Wähler von Croisset!"
Er verliert sein Vermögen, stirbt 1880. Bei seiner Beerdigung in Croisset fragen Journalisten einen Kutscher, ob er wisse, wer der Tote sei. "Gewiss, das ist Monsieur Flaubert, der Bruder des Arztes."

Sein Biograf Michel Winock schreibt als Historiker und Künstler der Biographie. Er hilft uns einen Künstler zu verstehen, der "modern" sein konnte, weil er ein "reaktionärer" Rentier war.







Sandbilder: Álvaro Sánchez-Montañés