Dr. med. Alfred Döblin
Dr. phil. Winfried G. Sebald

Die Schriftsteller und das Korsakowsche Syndrom
(Der Mythus der Zerstörung im Werk Döblins )

Als Döblin 1957 in Emmendingen, zwischen Schwarzwald und Kaiserstuhl gelegen, am Morbus Parkinson stirbt, ist Sebald 13 Jahre alt und geht in Sonthofen im Allgäu zur Schule. Mit 29 liefert er seine Dissertation über Döblin ab, Thema: Der Mythus der Zerstörung im Werk Döblins, 1980 als Buch erschienen.



Den Stil des Buchs rechnen Kritiker dem Furor und dem Jargon der siebziger Jahre zu, seinen Inhalt umschreiben sie als ungerecht und wenig infomiert. Sebald lasse kein gutes Haar an Döblin, übernehme unbesehen Legenden, die Klaus Schröter in seiner Monografie über den jüdischen Schriftsteller seit 1978 verbreite; dieser arbeite mit Zitatverfälschungen und anderen Manipulationen.




Wie Sebald ist Döblin Emigrant. 1933 flieht der Arzt und Schriftsteller jüdischer Herkunft vor den Nationalsozialisten zuerst nach Zürich, dann nach Paris und über Lissabon in die USA. Sebald empfindet Nachkriegsdeutschland, die Verdrängung und das Totschweigen des Nazismus in Familie und Gesellschaft als unerträglich, geht nach England. Wie Sebald fühlt sich Familie Döblin (mit vier Kindern) in der fremden Umgebung kulturell isoliert. 1941 tritt Döblin in die katholischen Kirche ein, was Brecht mit dem Gedicht Peinlicher Vorfall kommentiert. Als einer der ersten Exilautoren kehrt er 1945 nach Europa zurück, sammelt eine Gruppe junger Schriftsteller um sich, darunter Günter Grass. Enttäuscht über die politische Restauration der Nachkriegszeit geht er 1953 nach Frankreich zurück (wo der 1915 geborene Sohn Wolfgang, Mathematiker, eine bahnbrechende Studie zur Wahrscheinlichkeits-Rechnung verfasste und der 1926 geborene Sohn Stephan Finanzchef von Renault wurde ).



War Döblin Rassist und Antisemit?

Hat er Judentum und Sozialismus verraten, war er ein Renegat?


Der Ordinarius für Neuere deutsche Sprache und Literatur, Klaus Müller-Salget, breitet folgende Fakten zu Döblins Verhalten aus :
Seine Eltern waren der jüdischen Religion nur oberflächlich verbunden, 1912 heiratet Döblin eine Frau aus noch stärker assimilierter Familie, läßt seinen ersten Sohn protestantisch taufen und tritt selbst aus dem Judentum aus. 1920 äußert er sich in einer Glosse zum Antisemitismus, die jüdische Superiorität in Ökonomie und Intellekt wertet er als Druck- und Verdrängungssymptom, Rassentheorien erteilt er eine Absage, denn natürliche und soziale Umweltbedingungen scheinen ihm prägender als das sogenannte Blut.
In einem Aufsatz von 1921 im "Neuen Merkur" wertet Döblin den westeuropäischen Zionismus als eine Form jüdischer Verärgerung und Nervosität ab; anzustreben sei nicht die Rückkehr nach Palästina, sondern staatliche Autonomie im Osten, z. B. in Galizien. Antisemitismus verhöhnt er als Schwachsinn der Ober- und Mittelschichten.



Als es im Berliner Scheunenviertel, wo eingewanderte Ostjuden sich konzentrieren, zu pogromartigen Ausschreitungen kommt, folgt er der Einladung zu zionistischen Veranstaltungen, nicht aber dem Angebot, Palästina zu besuchen. Palästina ist ihm ideologisch besetztes Ziel, passend nur für rückwärtsgewandte, altreligiös gebundene Juden, zu klein für die Rettung des gesamten Galut-Judentums. 1924 reist er nach Polen. Ihm wird voll bewußt, dass die Juden ein Volk seien. Aus der Erfahrung mit dem vielfältig gedemütigten polnische Volk, das wieder im eigenen Staat lebt, zieht Döblin Hoffnung: Die Polen sitzen in ihren eigenen Häusern. Den Juden kann es nicht entgehen. (Reise in Polen, S. 99).
Juden, jüdische Überlieferung, jüdische Erzählweise spielen auch in seinem berühmtesten Roman, "Berlin Alexanderplatz" von 1929, eine große Rolle.
Die Schrift "Unser Dasein", 1933 erschienen - und umgehend verbrannt -, legt dar, es gehe um die innere Erneuerung des Judentums, die Erhebung aus der demütigenden Exilexistenz und dem schrecklichen und hoffnungslosen Messiasglauben. Unter dem Titel "Wie lange noch, jüdisches Volk - Nichtvolk?" plädiert Döblin für eine Hinwendung der Juden zum vollen Leben, was auch heißt: zu eigenem Land und eigener Verantwortung. Die Bedrohung der Juden fasst er in prophetische Sätze:
Aus der Geschichte müssen die Juden wissen, daß keine Leistung, keine Willfährigkeit und Ergebenheit schützt, sondern nur Kräfte, Macht und ihre kluge Anwendung.
Von Zeit zu Zeit treten Massenbewegungen auf, die auf ihre direkte Vertreibung oder Ausrottung ausgehen; es ist in allen Ländern nur ein kleiner Schritt von der Papierstaatsbürgerschaft zum Pogrom oder neuen Ghetto.
Glaube sich keiner, keiner, der Jude ist, irgendwo seines Bürgerrechts oder auch seines Lebens sicher.
(Unser Dasein. S. 385, 389, 399, 400)
Die Religion, von der hier geredet wurde, ist keine Religion der 'Juden', sondern der Menschen. (S. 413)
Die Juden sollen mit ihrer 'neuen Religion' und mit einer Volkwerdung ohne Nationalismus den abendländischen Völkern ein Beispiel geben.



Kann Sebald behaupten, Döblin habe sich erst im Exil mit den Fragen einer jüdischen Politik beschäftigt (S. 38)?

Döblin nimmt noch in Berlin Kontakt zu Vertretern des Neoterritorialismus auf, einer Wiederbelebung der 1926 aufgelösten territorialistischen Bewegung, wo er sich bis 1937 aktiv engagiert. Sie zielt auf die Schaffung von Siedlungsräumen für die bedrohten europäischen Juden. Vom Zionismus unterscheidet der Territorialismus sich einerseits in der Ausrichtung auf andere Gebiete als Palästina (Angola, Uganda, auch Peru sind im Gespräch), zum anderen in der Absicht, nicht das Neuhebräische zur allgemeinen Sprache zu machen, sondern das Jiddische, weshalb die Territorialisten auch Jiddischisten genannt werden.
Ein umgearbeitetes Kapitel von "Unser Dasein" erscheint 1933 in Klaus Manns Zeitschrift "Die Sammlung" vorab. An seinen Vorbehalten gegen den Zionismus hält Döblin fest, nennt Angola, Peru, Australien als mögliche Siedlungsräume: Es wird, gerade um den Nationalismen zu entgehen, gut sein, sich mehreren Territorien zuzuwenden.



In "Flucht und Sammlung des Judenvolks" von 1935 ist eine deutliche Annäherung an den Zionismus zu erkennen.
In der Zwischenzeit entfaltet er umfangreiche Vortrags- und Organisationstätigkeit, beginnt jiddisch zu lernen, ist aber von Tagungen tief enttäuscht: Statt um Grundsatzdebatten kümmere man sich hauptsächlich um Organisatorisches und Querelen zwischen den verschiedenen Gruppierungen. 1938 macht er seinem Unmut Luft: erbärmliches Intrigantentum, Faulheit, Doppelzüngigkeit und den erschütterndsten Unernst habe er damals erlebt, Ränkeschmiede, Maulhelden, Politikaster, Stellenjäger seien da am Ruder.
Sein Engagement für den Territorialismus stößt bei vielen Mitemigranten auf Unverständnis, wenn nicht gar, wie in der kommunistischen Exilpresse, auf den Vorwurf, er habe sich vom Faschismus anstecken lassen.





Er arbeitet an seiner Südamerika-Trilogie "Das Land ohne Tod", in der er die Geschichte des Abendlandes seit dem Zeitalter der Entdeckungen reflektiert und im Geist des von ihm so genannten 'Promethismus' (in der totalen Autonomisierung des Menschen) und in der Herausbildung eines instrumentellen Denkens die Ursachen für den Absturz in den Faschismus zu entdecken glaubt. Der größte Teil der Trilogie handelt von der Geschichte der Jesuitenrepublik in Paraguay, dem schließlich scheiternden Versuch, ein Gemeinwesen und eine Zufluchtsstätte abseits des hektischen Eroberns, Vertreibens, Ausrottens zu schaffen. Wir haben an den Jesuiten in Paraguay ein Beispiel. Es gibt keine Inseln mehr auf der Erde.
1935 entdeckt er in der Pariser Nationalbibliothek die Schriften Sören Kierkegaards und Johannes Taulers. Der ehemals kämpferische Atheist Döblin wendet sich der Religion zu, warum ausgerechnet dem Katholizismus? Die jüdische Religion in der ihm bekannten Form und der jüdische Ritus blieben ihm innerlich fremd. Die Gestalten der Gottesmutter und des Gekreuzigten haben ihn schon früh fasziniert.
Tief beeindruckt von der polnischen Madonnenverehrung, von der Krakauer Marienkirche und dem Kruzifix des Veit Stoß hoch über dem Mittelschiff, beschwört er die Szenerie in der Südamerika-Trilogie noch einmal.



Als er 1940 auf der Flucht durch Frankreich in einem Flüchtlingslager strandet, erkennt er, der Verzweiflung nahe, vor dem Kruzifix in der Kirche von Mende, dass seine bisherige Weltanschauung ihm nicht weiterhalf. In Los Angeles sucht er das Gespräch mit Jesuiten - ihren Bemühungen um eine behutsame Indiander-Mission hat er in der Südamerika-Trilogie ein Denkmal gesetzt. Der Protestantismus, dem seine Frau und sein ältester Sohn schon angehören, ist ihm zu abstrakt; ihm fehlt der Bilderreichtum, der ihn am Katholizismus fasziniert.
Warum aber hält er den Beitritt zur Kirche geheim?
Wollte Döblin seine Konversion nicht zum Politikum werden lassen, nicht den Eindruck erwecken, er lasse das verfolgte jüdische Volk im Stich?
Zitat aus einem Brief an Juden 1941:
Würde ich, was gar nicht der Fall ist, heute oder morgen katholisch oder protestantisch werden, warum sollte ich es nicht - wofern es 'in meinem Busen' bleibt? Es wird jetzt bekannt, daß der Philosoph Bergson, bekanntlich ein Jude, schon jahrelang Katholik war; er behielt es aber als seine Privatsache bei sich und wußte, daß in dieser Zeit ein Hervortreten damit bedeuten würde dem eigenen Volk in den Rücken zu fallen.
Würde ich mit irgendwelcher christlicher Haltung und entsprechenden Worten an die Öffentlichkeit treten und gar jetzt, so würde das ein 'Verrat' sein, nämlich an dem, was ich ja auch bin, am Jüdischen.




Döblin ist von den Zuwendungen jüdischer Hilfskomitees und jüdischer Privatpersonen abhängig. Elvira Rosin, die auf Gerüchte von Döblins Konversion mit dem Vorwurf des Verrats reagiert, hat sich offensichtlich mit Döblin wieder versöhnt, wie dieser 1948 an sie schreibt: Der gute alte Ton hat mich wirklich sehr gefreut, liebe Frau Elvira: Sie haben wieder so aufrichtig, aber diesmal versöhnt geschrieben.
Und 1950 schreibt er an Martin Buber:
Es ist etwas Schönes und Neues und wahrhaft Gutes, das Sie dort ins Leben gerufen haben, eine Zufluchtsstelle für große Massen schuldloser und gejagter Menschen. Und mehr: Die Sicherung dieser Menschen im Zusammenhang mit einem Boden, der ihnen dann wirklich Heimat wird. ... Dies haben Sie begonnen und dies führen Sie jetzt weiter, und ich freue mich darüber, wie ich mich über Ihren Staat freue, daß er da ist. Mich selbst hat meine Geburt, mein Wachstum, mein Schicksal, auf einen anderen Weg geführt, der auch nicht zufällig und neuartig ist. ... Für mich steht die Frage ... nicht nach Land und Staat und politischer Heimat, sondern nach Religion, nach Diesseits und Jenseits und nach dem ewigen Urgrund, den Sie und ich Gott nennen. Ich kann darum Ihre Haltung und alles, was Sie betreiben, segnen und kann doch für mich selber sagen, hier im Lande: Ich spreche nicht von Staat und nicht von der Heimat, aber so ist es geworden, und hier stehe ich und kann nicht anders.

Fest steht jedenfalls, so Müller-Salget:
"Das Judentum, die jüdische Herkunft, die jüdische Überlieferung und das, was man beschönigend 'das jüdische Schicksal im 20. Jahrhundert' nennt, sind für Döblins Leben und Werk von entscheidender Bedeutung gewesen. Er verdankt dem Judentum Grundmotive seines Fühlens, Denkens und Schreibens, und in den Jahren 1924 bis 1937 hat er es auch an persönlichem Einsatz nicht fehlen lassen (wie immer man über die Richtung dieses Einsatzes denken mag). Dass er dann den Schritt vom Judentum zum Christentum getan hat, einen Schritt, den er als auch objektiv historisch vorgezeichnet empfand, bleibt eine persönliche Entscheidung, die man als solche wohl hinnehmen muss."

Und Verrat am Sozialismus?



Nach intensivem politischem Engagement kann Döblin sich auf Dauer weder mit der SPD noch mit der USPD anfreunden. Rechts-konservative Autoren zählen seit je zu seinen erbitterten Feinden und sorgen für seinen Ausschluss aus der Berliner Akademie. Der kommunistische Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller kritisiert seinen Roman Berlin Alexanderplatz, weil Franz Biberkopf kein klassenbewusster Proletarier sei - Döblin wehrt sich mit der grandiosen Satire Katastrophe in einer Linkskurve und isoliert sich damit, wie später noch oft, völlig.
Döblin hat ein schwieriges Verhältnis zu Institutionen und Funktionären, in einem Brief beschreibt er sich als unauffällige Erscheinung, als vollkommen privaten Menschen. Dennoch treibt es ihn nach 1945 erneut zum Engagement, zur Mitwirkung am Aufbau einer Demokratie, obwohl er immer wieder enttäuscht wird.

Die Weimarer Republik war für ihn beherrscht von unerträglichen sozialen Spannungen und Konflikten. Die krisenhafte Situation ist nicht auf Deutschland beschrankt, sie hat ganz Europa erfasst und wirkt sich weltweit aus. Besondere Aufmerksamkeit verdient Russland, das ein gewagtes Experiment durchführt, einen Umsturz aller Verhältnisse mit dem Ziel, durch die Diktatur des Proletariats eine neue Gesellschaft zu schaffen. Für Döblin stellt sich die Frage, welche Haltung hier der Intellektuelle einzunehmen hat. Bei aller Sympathie mit der russischen Revolution bleibt Döblin kritisch. Ebenso kritisch verhält er sich gegenüber dem westlichen Kapitalismus und seinen Heilsbotschaften. Der Intellektuelle sollte nicht auf der Seite der Besitzenden und der Mächtigen stehen. Döblin übernimmt aber auch nicht die orthodox-marxistische Kapitalismus-Kritik, die Distanzierung vom Kapitalismus wie vom Marxismus ist möglich, weil Döblin für Deutschland einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus sucht.



Zunächst stellt er erbittert fest, dass der entfesselte Kapitalismus mittlerweile die halbe oder ganze Welt infiziere. Schon die Physiognomien der führenden Kapitalisten verraten - nach Döblin - die Berechnung, den Drang nach Expansion, die Rücksichtslosigkeit, gnadenlose Sachlichkeit, die das System prägen. Es geht allein um Machtzuwachs, Geldgewinn.
Die Kritik Döblins an einem wild gewordenen Kapitalismus, d. h. an einem Kapitalismus, der nicht an ein Sozialsystem gekoppelt und dadurch gezügelt ist, seine Forderung, dass sich die Wirtschaft ihrer Pflichten bewusst werde, seine verständnisvolle Analyse der Situation der Arbeitslosen - all das liest sich, wie heute geschrieben und nicht vor 75 Jahren. Es spricht für Döblins Realitätssinn, für seine lebendige, schnörkellose Schreibweise. Es dokumentiert aber auch, in welchem Maße sich in der aktuellen Debatte Positionen von damals wiederholen.



Auffallend ist der enge Zusammenhang von politischem und ästhetischem Denken bei Döblin. Er kämpft an beiden Fronten gegen die jeweils herrschenden Tendenzen. Die Entdeckung des Individuums in der Romantheorie hat ihre Parallelen in der Utopie des neuen Menschen, die er dem klassenbewussten Proletarier marxistischer Provenienz entgegensetzt. Sein Eintreten für eine offene Gesellschaft, die offene Form seiner Romane und seine Auffassung von der Unvollendbarkeit und dem Fragmentcharakter des menschlichen Daseins hängen ebenfalls zusammen. Die Kritik an der Tragödie in dem Essay Kannibalisches wirft ein neues Licht auf befremdliche, archaische Tendenzen in der modernen Gesellschaft, die besonders in Kriegszeiten die Oberhand gewinnen. Das Tragische kultiviert derlei Archaismen. Es fasziniert Döblin, aber er hält es für konservativ und gefährlich. Es wird deshalb von ihm durch das Absurde und Groteske travestiert. Das ist eine weitreichende, die ästhetische Dimension transzendierende Entscheidung. Das Tragische wird nicht geleugnet, aber anders gestaltet. Döblin nimmt hier die Auflösung des Tragischen im Drama des 20. Jahrhunderts vorweg.

Döblins Essays, die zwischen Dichtung, Philosophie und Wissenschaft oszillieren und mindestens ebensoviel über den Autor verraten wie über das jeweilige Thema, lassen sich, was die Resultate betrifft, nur schwer festlegen und einordnen. Das hängt damit zusammen, dass es Diskurse eines Intellektuellen sind, der nach Döblins Auffassung keinem Amt, keiner Partei, keiner Kirche, sondern nur sich selbst verpflichtet ist (Wolfgang Düsing )





1905 verfasst Alfred Döblin eine Dissertation mit dem Titel Gedächtnisstörungen bei der Korsakoff'schen Psychose, in Sebalds Doktorarbeit nicht erwähnt, 2006 als frei verkäufliches Buch wieder aufgelegt. Die literarische Entdeckung verschafft uns tiefen Einblick in das Denken von Alfred Döblin, das sich intensiv mit medizinischen Fragen beschäftigt und den Zusammenhang zwischen literarischem Schreiben und psychotischen Wahnbildern, sogenannten Confabulationen, herstellt. Confabulation - Fabulierlust. Döblin: Der Patient gibt nie erlebte phantastische Dinge für erlebt aus. Abenteuerliche Räubergeschichten, merkwürdige Seefahrten, Begegnungen mit exotischem Getier werden vorgebracht und mit reichem, oft minutiösem Detail ausgeschmückt.



Ein ungewöhnliches Buch über fabelhaftes Fabulieren für alle Bibliomaniker und Freunde der Döblin‘schen Erregungssymptome. Des angehenden Wissenschaftlers 54-jähriger Proband ist ein ehemaliger Landwirt, glücklich verheiratet, Vater von vier Kindern, wie bei vielen Alkoholiker mit vorangegangenem Delirium tremens ("nicht ganz richtig", wie sein ihn einweisender Sohn erklärt). Döblin unternimmt Experimente, läßt ihn rechnen, Zahlen merken, Düfte erkennen ("Kirschwasser wird geleugnet"), Situationen beschreiben. Der Alkoholiker läßt sich durch nichts im Denk- und Fabuliersystem erschüttern.
Das Protokoll der Besuche ("Erkennt den Referent nicht" - meist hält der Patient Döblin für einen Notar, der mit ihm Testamentsdinge o. ä. bespricht) - Wo er sich gerade befinde? Er sei in einem Wirtshaus in Hasel oder in St. Louis in Amerika oder soeben auf der Überfahrt dorthin. Mal befindet er sich im Rathaus - wie das denn sein könne, im Rathaus im Bett zu liegen? Das sei in Hasel Mode, das käme öfters vor, wenn es Not täte, außerdem sei er krank, leide an Knochen- und Gehirntuberkulose. Verlegenheitskonfabulationen, wenn die Scham über das Vergessene sofort durch eine erstaunliche Lebenserfindung abgelöst und vom Patienten selbst absolut geglaubt wird.



Einmal hält er Döblin für einen Tierarzt. Der Patient sei von seinem Dorf nach Amerika zum Viehverkauf geschickt worden, jetzt lägen hier so viele Kranke herum, "die gemessen werden, damit ihre Temperatur mit der des Viehs verglichen werden könne; das geschieht, damit das Vieh die richtige Temperatur behalte".
Alle vergessenen Ereignisse und Zusammenhänge (Die Merkfähigkeitsstörung ist enorm) werden umgehend durch den faszinierenden Reichtum der Fabulation, größere Associationsbreite kompensiert. Die aberwitzigen Geschichten (Beispiel: das Jahr hat fünf Monate: "Die übrigen Monate gehören nicht zum Jahr, sie sind dem ehrwürdigen Fürsten Bismarck zum Geschenk gemacht worden") veranlassen zur Nachfrage: "Und was soll Fürst Bismarck mit den Monaten?" Antwort: "Er verleiht sie an verdiente Bürger."

Im Berliner Programm unterscheidet Döblin zwischen krankhaftem Fabulieren nach Gedächtnisverlust und dem so genannten normalen, poetischen Fabulieren: Der Dichter mit Erregungssymptomen, schwachem contrahierten Puls, bleicher kalter Haut, glühendem Kopfe, glänzenden, blutunterlaufenen Augen, der Kranke in völliger Ruhe, legt mit nüchterner Stimme seine Fabulationen hin. Die gelungene interdisziplinäre Berührung von Medizin und Literatur erklärt den Brückenschlag zwischen psychiatrischer Pathologie und Poetik.
In zwei Texten begegnen sich später der Arzt und der Dichter. Der Arzt über den Dichter: Dieser Herr scheint ja eine große Phantasie zu haben, ich kann da aber nicht mit. Meine Einnahmen erlauben mir weder Reisen nach Indien noch nach China. Und so kann ich gar nicht nachkontrollieren, was er schreibt. Der Dichter über den Nervenarzt: Ich bin überzeugt, ich habe keinen besonderen Eindruck auf meinen Namensvetter gemacht. Einige Male wurde mir ganz bänglich, als er mich ansah mit einem psychotherapeutischen Blick. Ich habe allerlei Defekte, wahrscheinlich Komplexe, und der Routinier da roch wohl so etwas.



Man lerne von der Psychiatrie
- Döblins gleichnamige Schrift wendet sich direkt an Autoren. Und in diesem Sinne offenbart seine Dissertation Döblins poetologische Denkweise, die nicht das erinnernde Gedächtnis, sondern das Vergessen als Grundstruktur schöpferischer Prozesse annimmt.

Der Leser spürt:
Drängt hier Sebalds literarisches - gegenteiliges - Credo herein?
Oder das Vergessen des Autors Sebald?
Hat der Nervenarzt und Schriftsteller Döblin dem Hochschullehrer und Schriftsteller Sebald die klinische Anschauung aus der Praxis und zusätzlich in seiner Eigenschaft als Wissenschafter den theoretischen Hintergrund geliefert und Sebald hat das vergesssen?



Unvermittelt tauchen die Korsakowschen Gedächtnisstörungen samt begleitenden Konfabulationen im "Kornfeld der Tränen" (Sebald hat das Zitat Tichbornes als vorangestelltes Motto abgewandelt: in dessen Elegie ist es ein Kornfeld der leeren Hülsen - eher passend zum Gedächtnisverlust) des Ambors Adelwarth in den Ausgewanderten auf.
Die gesprächige Tante Fini berichtet dem Erzähler die Geschichte ihres Onkels, der nach Amerika auswandert, sich als Kammerdiener, Reisebegleiter und Intimus eines exzentrischen Dandys verdingt und in einer psychiatrischen Anstalt endet, die Patienten mit überdosierten Elektroschocks zu Tode behandelt. Der Tante erscheinen die abenteuerlichen Reiseerinnerungen des Onkels, an die er sich trotz angeblich untrüglichen Gedächtnisses nur mühsam erinnert, wie beim "Korsakowschen Syndrom" (woher kennt Tante Fini diese Diagnose?), bei dem der Erinnerungsverlust durch phantastische Erfindungen ausgeglichen werde. Der Onkel begibt sich wegen zunehmender Depressionen dann selbst freiwillig ins Sanatorium, um sich der gleichen Tortur wie sein einstiger Herr zu unterziehen.
Zur Beglaubigung sind Fotografien aus dem Familienalbum abgebildet, so beliebige allerdings, um alles und nichts zu belegen. Szenen aus Fritz Langs Film «Dr. Mabuse, der Spieler» sind entstellt erzählt, als eigenes Erleben ausgegeben, stummfilmartige Traumsequenzen, Nabokov-Bezüge sind einmontiert, ganz am Schluss taucht ein zweifelhaftes Tagebuch auf, Aufschlüsse über seelisch belastende Ereignisse fehlen.



Aber das Zitat vom "Korsakowschen Syndrom" ist verräterisch. Auf eben diesem Gebiet hat Döblin als Nervenarzt gearbeitet und promoviert, derselbe reitet eine heftigen Attacke gegen die Praktiken der Psychiatrie, klagt sie in «Berlin Alexanderplatz» an: Franz Biberkopf wird einer «Faradisation» unterzogen, der aus der Militärpsychiatrie bekannten Foltermethode mit Starkstrom.
Sebald klammert in seiner kritischen Arbeit über Döblin genau dieses Thema aus, bescheintigt Döblin ein fast pathologisches Interesse an der Gewalt, das sich durchaus mit Gusto in den diversesten Szenarios präsentiere. Und da taucht der übersehene Titel von Döblins psychiatrischem Hauptwerk in der literarischen Arbeit Sebalds auf: aus der «Korsakoff'schen Psychose» wird das Korsakowsche Syndrom.



Man lerne von der Psychiatrie


Alfred Döblin:
Und wenn man mich fragt, zu welcher Nation ich gehöre, so werde ich sagen: weder zu den Deutschen noch zu den Juden, sondern zu den Kindern und zu den Irren.