Bruce Chatwin (1940 - 1989)



(W. G. Sebald Campo Santo S. 216ff)

Chatwin wurde geboren in einen Clan von Bauunternehmern, Architekten, Anwälten und Knopffabrikanten, die sich in der viktorianischen Ära solide Stellungen im gehobenen Mittelstand von Birmingham gesichert hatten, zu denen aber auch, wie das unter Auspizien des Hochkapitalismus kaum anders sein konnte, einige Glücksritter, Gescheiterte und sogar Straffällige gehörten.

Charles, der 1940 zum Marinedienst nach Chatham einberufene Vater, fuhr die Kriegsjahre hindurch als Kapitän eines Zerstörers zur See und trat zu Hause nur gastweise in Erscheinung, weshalb das Kind die erste Zeit seines Lebens mit der Mutter zusammen meist bei den Großeltern, Großonkeln und Tanten verbrachte, zwanglos hin- und herwechselnd in einem weitläufigen, quasi matriarchalischen Verband, der ihm weniger einen strikten Familiensinn als das Gefühl einer gewissen Stammeszugehörigkeit vermittelt haben muß und in dem allenfalls die Brüder der Mutter oder der Großmütter als männliche Leitbilder in Frage kamen. Einer dieser Onkel, der dem blauäugigen Geschwisterkind sehr zugetan war, gab dem Biographen zu Protokoll, daß Bruce von früh an alles bemerkt und mit dem Blick eines Forschers betrachtet habe. And I thought it important, so setzte er noch hinzu, that he should become articulate.

Von einer erstaunlichen Beredtheit und Kraft der Imagination ist Chatwin, den von Shakespeare befragten Personen zufolge, dann auch tatsächlich gewesen. Gleich jedem echten, der mündlichen Überlieferung noch verpflichteten Erzähler konnte er allein vermittels seiner Stimme eine Bühne aufschlagen und teils erlebte, teils erfundene Gestalten auftreten lassen, zwischen denen er herumging geradeso wie der Porzellansammler Utz zwischen seinen Meißener Figurinen. Und trägt nicht auch Chatwin - selbst wenn er durch die Wüste wandert - als der unsichtbare Impresario alles Extravaganten eine Theaterrobe von der Art eines Morgenmantels, der im Badezimmer von Utz hängt, ein Meisterwerk der Haute Couture aus gesteppter, pfirsichfarbener Seide mit Appliquerosen an den Schultern und Straußenfedern um den samtenen Kragen?

Als Schüler am Marlborough College, einer der hervorragendsten Bildungsanstalten des Landes, wo er eine wenig ruhmreiche Karriere durchlief, zeichnete Chatwin, nach eigenem Zeugnis, nur in der Schauspielerei sich aus, brillierte insbesondere in weiblichen Rollen etwa von Noël-Coward-Stücken. Die ihm auf den Leib geschriebene Kunst der Verwandlung, das Bewußtsein, stets auf der Bühne zu stehen, das Gespür für die publikumswirksame Geste, fürs Bizarre und Skandalöse, für das Schreckliche und das Wunderbare waren zweifellos Voraussetzungen der schriftstellerischen Befähigung Chatwins. Kaum weniger wichtig dürfte seine Lehrzeit im Londoner Auktionshaus Sotheby’s gewesen sein, während der er Zugang erhielt zu Jen Schatzkammern der Vergangenheit und die ihm einen Begriff gab von der Singularität der Artefakte, vom Marktwert der Kunst, von der Bedeutung handwerklichen Könnens und der Notwendigkeit genauer, zügig durchgeführter Recherche.

Am entscheidendsten aber waren in der Entwicklung Chatwins zum Schriftsteller sicher die frühen Augenblicke der puren Faszination, wenn der Knabe sich in das Speisezimmer der Großmama Isobel schlich und, durch sein eigenes undeutliches Spiegelbild hindurch, das auf den Etageren der Mahagonivitrine ausgebreitete Sammelsurium von Gegenständen bestaunte, die sämtlich aus der fremdesten Ferne kamen. Von einigen wußte man nicht zu sagen, woher sie stammten oder zu was sie gedient hatten, anderen hafteten apokryphe Geschichten an.

Da war zum Beispiel ein Stück rotbraunen Fells, das, eingewickelt in Seidenpapier, in einer Pillenschachtel aufbewahrt wurde. Nicholas Shakespeare vermerkt, daß dieses surreale Objekt ein Hochzeitsgeschenk war, das die Großmama erhalten hatte kurz nach der Jahrhundertwende von ihrem Vetter Charles Milward, einem Pfarrerssohn, der, einmal zu oft gezüchtigt, von zuhause ausgerückt und auf den Weltmeeren herumgefahren war, bis er Schiffbruch erlitt an der Küste von Patagonien. Nebst anderen unerhörten Unternehmungen sprengte er dort, in Puerto Natales, mit einem deutschen Goldwäscher zusammen eine Höhle, um die Überreste einer prähistorischen Kreatur, des sogenannten Riesenfaultiers oder Mylodons, zutage zu fördern. Von dem schwunghaften Handel, den er in der Folge mit diversen Körperteilen des ausgestorbenen Tieres führte, war die Birminghamer Haut gewissermaßen eine Gratisdonation an die liebe Cousine.

Bei einem Fernsehinterview, das Chatwin nicht lange vor seinem Ende gibt, erblicken wir ihn, abgemagert bereits bis auf die sprichwörtlichen Knochen und mit weit, grausig weit aufgerissenen Augen, wie er mit einer unschuldigen Passioniertheit sondergleichen erzählt von seiner letzten erfundenen Figur, dem Prager Porzellansammler Utz. Es ist dies die erschütterndste Epiphanie einer Schriftstellerperson, die ich kenne.







Wer war Bruce Chatwin?
Wusste er es selbst?
Der begnadete Erzähler verbiegt die Wahrheit bis zur Lüge.
Zahllose Widersprüche ranken sich um sein Leben.
Reiseschriftsteller?

Ruheloser Wanderer, Snob, Geschichtenerzähler. Die Bücher eine Mischung aus Gelehrsamkeit, Klatsch und purer Phantasie, stilistische Meisterwerke, denen Amoralität vorgeworfen wird.

Abenteurer und Universalist, gutaussehend, verkehrt mit dem Geldadel Europas und Amerikas, sucht in armseligen Hütten nach neuen Geschichten. Führt eine glückliche Ehe und hat zahllose Affären mit Männern, stirbt an Aids. Nicholas Shakespeare versucht sich am Phänomen Chatwin, recherchiert acht Jahre lang, bereist 22 Länder und interviewt mehr als 500 Personen.
Sein Lebensweg passt eher zu einem viktorianischen Edelmann, ein Reisender, der seinen literarischen und scholastischen Interessen nachgeht, keine nationalen und intellektuellen Grenzen kennt, zeigt, dass auch zu Zeiten des Massentourismus Entdeckungsreisen möglich sind. Eine zutiefst romantische Figur ...

Geboren in Sheffield, reist seine Mutter mit ihm durch England, um bei Freunden und Verwandten vor den deutschen Luftangriffen Unterschlupf zu finden. Mit 18 Botenjunge für das Auktionshaus Sotheby's, vier Jahre später dort Direktor der Abteilung für impressionistische Kunst. Vorgeblich wegen eines Augenleidens gibt er die Stelle auf und reist in den Sudan, studiert 1 Jahr Archäologie, 1973 Mitarbeiter der Sunday Times, reist für Interviews und Berichte durch die Welt. Halbjährige Reise nach Patagonien, um Überreste des Brontosaurus zu suchen, weiter in zahlreiche andere Länder, beschäftigt sich in Australien mit den Aborigines. In Patagonien und Traumpfade sind Bestseller.

Verfilmungen: Cobra Verde Regie Werner Herzog und Klaus Kinski in der Hauptrolle, Black Hill, Nach Patagonien, Utz.
Seit 1964 mit der Amerikanerin Elizabeth Chanler verheiratet, 1986 an AIDS erkrankt, woran er stirbt.





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