Luisa Lanzberg (1889 - 1941)
(AW 287 ff)



Ferber geht eigentlich auf zwei Personen zurück. Eine ist mein Vermieter in Manchester, D. Die Erzählung von Ferbers Flucht aus München 1939, im Alter von fünfzehn, und was danach seinen Eltern passierte, das ist Ds Geschichte.
Lazarus Frank aus einer angesehenen und alteingesessenen jüdischen Familie aus Steinach, geboren 1862, Viehhändler, verheiratet mit Clara Ansbach aus Leutershausen; das Ehepaar bekommt 6 Kinder. Seit 1896 ist frank Mitglied im Gemeinderat. Er kauft ein Haus in Bad Kissingen, 1905 zieht die Familie um. Zu Beginn der 1930er Jahre zieht sich Frank aus dem Geschäftsleben zurück. Mitbürger denunzieren ihn bei der Gestapo, etwa, weil er weiter Kontakt zu nichtjüdischen Mietern pflegt, sich mit Freunden im Luitpoldpark aufhält, zu dem Juden der Zutritt verboten ist.
1941 zwingen die deutschen Behörden Frank, mit etlichen anderen jüdischen Familien in das „Judenhaus“ in der Maxstraße umzuziehen und sein Haus zu verkaufen. Im Mai 1942 bringt man den 80-Jährigen zusammen mit den letzten 17 noch lebenden Kissinger Juden ins jüdische Altenheim nach Würzburg, von dort Frank, an Krebs erkrankt, nach Theresienstadt, wo er wenige Wochen später stirbt.
Franks Tochter Paula, geboren 1889, deportieren die Deutschen 1941 zusammen mit ihrem Mann Siegfried Jordan von München aus ins Ghetto Kaunas und ermorden sie dort.





W.G.Sebald liest die Einleitung:

Als ich am nächsten Morgen noch einmal ins Studio ging, ...





Die von Ferber an jenem Morgen in Manchester mir übergebenen nachgelassenen Blätter seiner Mutter liegen nun vor mir, und ich will versuchen, auszugsweise wiederzugeben, was die Schreiberin, die mit ihrem Mädchennamen Luisa Lanzberg geheißen hat, in ihnen von ihrem früheren Leben erzählt. Gleich eingangs der Aufzeichnungen berichtet sie, daß nicht nur sie selbst und ihr Bruder Leo in dem Dorf Steinach bei Bad Kissingen auf die Welt gekommen seien, sondern auch bereits der Vater Lazarus und der Großvater Löb vor ihm. Zumindest seit dem Ende des 17. Jahrhunderts war die Familie nachweisbar in dem vormals zum Hoheitsgebiet der Fürstbischöfe von Würzburg gehörigen Ort, dessen Einwohnerschaft zu einem Drittel aus alteingesessenen Juden bestand.





In dem Haus auf der gegenüberliegenden Seite, vor dem der Platz wie Wellen vor dem Bug eines Schiffs in zwei auseinanderlaufende Wege sich teilt und hinter dem der Windheimer Wald emporsteigt, bin ich, so heißt es in den vor mir liegenden Aufzeichnungen, geboren und aufgewachsen und habe gelebt bis in mein sechzehntes Jahr, als wir im Januar 1905 nach Kissingen zogen.





Obzwar die Mutter des längeren zögert, uns aus dem Haus zu geben, werden der Leo und ich mit vier oder fünf Jahren in die christliche Kinderbewahranstalt geschickt. Wir brauchen erst nach dem Morgengebet zu kommen. Es ist alles sehr einfach. Die Schwester steht schon im Hof. Man tritt vor sie hin und sagt: Frau Adelinde, ich bitte um einen Ball. Mit dem Ball geht man dann auf der anderen Seite des Hofs über die Treppe zum Spielplatz hinunter. Der Spielplatz liegt auf dem Grund des breiten Grabens, der um das alte Schloß läuft und jetzt ganz ausgeflüllt ist mit bunten Blumen - und Gemüsegärten.
...
Wir sind seit etlichen Jahren in der Schule. Es ist eine einklassige Schule ausschließlich für die jüdischen Kinder am Ort, aber nicht das, was man unter einer Judenschule versteht. Unser Lehrer Salomon Bein, den die Eltern bei jeder Gelegenheit wegen seiner Vortrefflichkeit preisen, führt ein strenges Regiment und fühlt sich in erster Linie als treuer Diener des Staates.
...
Wiederum ist es Herbst geworden, und der Leo ist jetzt zwei Wegstunden weit von Steinach in Münnerstadt auf dem Gymnasium. Er wohnt dort bei dem Kappenmacher Lindwurm.

Untröstlich darüber, daß ich von nun an allein zur Schule muß, werde ich krank. Jeden zweiten Tag mindestens habe ich Fieber, manchmal ein richtiges Delirium. Der Dr. Homburger verschreibt mir Holundersaft und kalte Wickel. Mein Bett ist auf dem Sofa im gelben Zimmer gemacht. Dort liege ich fast drei Wochen lang. Ein Mal ums andere zähle ich die auf der Marmorplatte des Waschtischs zu einer durchbrochenen Pyramide aufgeschichteten Seifenstückchen. Nie ist das Ergebnis dasselbe. Die kleinen gelben Drachen auf der Tapete verfolgen mich bis tief in meine Träume hinein. Es ist oft ein arges Gewusel. Wenn ich erwache, sehe ich die Gläser mit dem Eingemachten still auf dem Kasten stehen und in den kalten Fächern des Kachelofens. Vergebens bemühe ich mich, mir auszudenken, was sie bedeuten.
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Denke ich heute, heißt es an einer anderen Stelle in den Aufzeichnungen Luisas, an unsere Steinacher Kindheit zurück, so kommt mir oft vor, als hätte sie sich ausgedehnt über eine nach allen Richtungen unbegrenzte Zeit, ja, als währte sie weiter, bis in diese Zeilen, die ich jetzt schreibe, hinein. In Wirklichkeit jedoch ist, wie ich wohl weiß, die Kindheit zu Ende gewesen, als im Januar 1905 das Haus und die Felder in Steinach auktioniert wurden und wir nach Kissingen in den dreistöckigen, soeben fertiggestellten Neubau Ecke Bibra- und Ehrardstraße umgezogen sind, den der Vater eines Tages von dem Baumeister Kiesel um den uns allen sagenhaft dünkenden Preis von 66 000 Goldmark kurzentschlossen und großenteils, worüber die Mama des längeren sich nicht beruhigte, auf eine von einer Frankfurter Bank ausgestellte Hypothek gekauft hatte.
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Ich bin zu jenem Zeitpunkt fast schon sechzehn gewesen und glaubte, in Kissingen würde nun eine vollkommen neue Welt, schöner noch als die der Kindheit, für uns sich auftun. In einiger Hinsicht hat sich das auch bewahrheitet, in anderer Hinsicht aber ist die Kissinger Zeit bis hin zu meiner 1921 erfolgten Vermählung in der Rückschau wie der Anfang einer von Tag zu Tag enger werdenden Bahn, die unweigerlich führen mußte bis auf den Punkt, auf welchem ich mich heute befinde.
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Die von den Kissingern bald so genannte


Lanzberg-Villa

ist mir im Grunde immer unvertraut geblieben.
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Ihre diesbezügliche Äußerung war der erste politische Gedanke, dem ich in meinem Leben begegnet bin, und wie oft habe ich in den letztvergangenen Jahren nicht gewünscht, die Laura möchte wieder zugegen sein und ich könnte mich beratschlagen mit ihr. Mehrere Jahre hintereinander ist sie damals die Sommermonate über zu Gast gewesen bei uns, das letztemal in der besonders schönen Saison, in der wir beide, ich am 17. Mai und sie am 7. Juli, einundzwanzig geworden sind.
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Das allgemeine Staunen hat ein unmittelbar in der Nähe stehender junger Mann — unter größter Selbstüberwindung, wie er mir später verriet — zum Anlaß genommen, uns anzusprechen. Er hieß, wie er sogleich sagte, Fritz Waldhof und war Hornist im Kurorchester, das in erster Linie aus Mitgliedern des Wiener Konzertvereins bestand, die alljährlich während der Sommerpause in Kissingen Anstellung fanden. Der Fritz, den ich sogleich sehr gemocht habe, begleitete uns an diesem Nachmittag bis nach Hause zurück, und in der nächsten Woche machten wir unseren ersten gemeinsamen Ausflug.
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Letzten Endes war es wohl weniger meiner eigenen Bittstellerei als den anhaltenden diplomatischen Bemühungen der am Herkommen weniger hängenden Mutter zuzuschreiben, wenn tatsächlich im Mai des nächsten Jahres, und zwar an meinem und Leos 25. Geburtstag, in kleinem Kreise Verlobung gefeiert werden konnte. Ein paar Monate darauf aber ist der von mir bis heute unvergessene Fritz, nachdem er in ein österreichisches Musikkorps hatte einrücken müssen und mit diesem nach Lemberg abgestellt worden war, mitten im Spielen der Freischützouvertüre vor den höheren Herrschaften der Garnison, von einem Gehirnschlag getroffen, leblos von seinem Sitz gesunken, wie mir nach Ablauf von etlichen Tagen in einem Trauertelegramm aus Wien mitgeteilt wurde, dessen Wörter und Buchstabenfolgen in andauernd wechselnder Zusammensetzung wochenlang vor meinen Augen sich drehten.

Ein Würzburger jüdischer Heiratsvermittler namens Brisacher brachte bald schon meinen jetzigen Gemahl Fritz Ferber ins Haus, der einer Münchner Viehhändlersippe entstammte, selber aber soeben im Begriff stand, im bürgerlichen Kunsthandel eine Existenz sich aufzubauen. Mit dem Fritz Ferber mich zu verloben, zu dem habe ich mich zunächst einzig und allein seines Namens wegen bereit erklärt, wenn ich ihn später auch Tag um Tag mehr schätzen- und liebengelernt habe. Wie der Waldhornist vor ihm machte der Fritz Ferber damals gern lange Spaziergänge aus der Stadt hinaus und hatte wie dieser ein etwas scheues, aber im Grunde unbeschwertes Wesen. Im Sommer 1921, unmittelbar nach der Eheschließung, fuhren wir miteinander ins Allgäu ...





Zu Hause haben die Eltern in meiner Gegenwart nicht oder nur andeutungsweise über die neue Zeit gesprochen. Krampfhaft haben wir uns alle bemüht, den Anschein der Normalität aufrechtzuerhalten, auch nachdem der Vater die Geschäftsleitung seiner vor einem Jahr erst eröffneten, schräg gegenüber vom Haus der Kunst gelegenen Galerie an einen arischen Partner hatte übergeben müssen. Weiterhin machte ich unter der Aufsicht der Mutter meine Schularbeiten, weiterhin fuhren wir im Winter zum Skifahren nach Schliersee und in die Sommervakanz nach Oberstdorf oder ins Walsertal, und worüber wir nicht reden konnten, darüber schwiegen wir eben. So hat man sich auch in der Verwandtschaft weitgehend ausgeschwiegen über die Gründe, aus denen sich meine Großmutter Lily Lanzberg das Leben genommen hat; die Hinterbliebenen kamen einfach irgendwie überein, daß sie zuletzt nicht mehr ganz bei Trost gewesen sei. Einzig den Onkel Leo, den Zwillingsbruder der Mutter, mit dem wir gegen Ende Juli 1936 nach der Beisetzung und Leichenfeier von Bad Kissingen nach Wiirzburg fuhren, hörte ich bisweilen offener über die sogenannte Lage der Dinge sich äußern, was aber zumeist mit einer gewissen Mißbilligung aufgenommen wurde.

Von einer Ausreise aus Deutschland war, jedenfalls in meiner Gegenwart, nicht ein einziges Mal die Rede, auch nicht, nachdem die Nazis bei uns in der Wohnung Bilder, Möbel und Wertgegenstände als uns nicht zustehendes deutsches Kulturgut konfisziert hatten. Ich entsinne mich nur, wie die Eltern besonderen Anstoß nahmen an der ungezogenen Art, mit der sich die niedrigeren Chargen die Taschen mit Zigaretten und Zigarillos vollstopften. Nach der Kristallnacht wurde der Vater in Dachau interniert. Sechs Wochen darauf kam er um einiges magerer und mit kurzgeschorenem Haar wieder nach Hause. Von dem, was er erlebt und gesehen hatte, ließ er mir gegenüber nichts verlauten. Wieviel er der Mutter erzählt hat, weiß ich nicht. Einmal sind wir im Frühjahr 1939 noch zum Skifahren nach Lenggries. Es ist das letzte Mal gewesen für mich, und ich glaube, auch für den Vater. Auf dem Brauneck habe ich noch


ein Foto aufgenommen von ihm.

Es gehört zu den wenigen, sagte Ferber, die aus diesen Jahren erhalten geblieben sind.




Peter Jordan
(Sebalds Vermieter, getarnt als "D."), geboren 1923, mit seinen Eltern 1925 nach München gezogen, 1939 nach London gebracht, später Machester. 1967 ziehen Sebald und Reinbert Tabbert in das Haus Kingston Road 26, Manchester-Didsbury, das den Architekten Peter und Dorothy Jordan gehört.



Klaus Gasseleder, geboren 1945 in Franken, Lehrer, Journalist und Autor, begibt sich auf Spurensuche in Steinach, wird fündig: Fakten, Zitate, Unrichtigkeiten, Zitate, Abwandlungen der Frankschen Familiengeschichte, Identitätsindices, usw. usw. Gasseleder nimmt Einblick in die Berichte von Thea Frank-G. über ihre Kissinger Kindheit und Jugend, vermerkt weitgehende Ähnlichkeiten in Inhalt und Formulierung mit Sebalds Erzählung über die ihm von Ferber/Aurach überlassenen Blätter.
Quintessenz:
"Gerade die genauere Kenntnis von Sebalds Arbeitsweise zeigt dessen einzigartige literarische Leistung. Die Gestaltung einer Erzählung, das Sich-Anverwandeln und das von der eigenen Persönlichkeit geprägte Umformen derselben gibt dem Autor erst die Möglichkeit, seine eigene persönliche Welt und Weitsicht künstlerisch zu entfalten und zugleich die Objektivität von Geschichtserzählungen in Frage zu stellen, ja auch vordergründigen vereinfachten Gleichsetzungen von Personen und Romanfiguren entgegenzutreten, wie sie zeitgemäße 'Enthüllungsstories' nahe legen. Der Blick sollte so allerdings, und das soll die von mir hier verfolgte Absicht (trotz des anfänglichen Detektivspiels) von der eines Literaturdetektivs deutlich unterscheiden, nicht auf dem Was der Vorlage, sondern auf dem Wie der künstlerischen Umformung und Gestaltun liegen."







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