. wgsebald: KAFKA



K. wartete noch ein Weilchen,
sah von seinem Kopfkissen aus die alte Frau,
die ihm gegenüber wohnte
und
die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete,
dann aber,
gleichzeitig befremdet und hungrig,
läutete er.






Kafkas Erheiterung


























In seinem Aufsatz Melancholy Longings: Sebald, Benjamin, and the Image of Kafka im Band Searching for Sebald geht Markus Zisselsberger aus von einem schon berühmten Jugendbildnis Kafkas, in das Benjamin sich wiederholt deutend vertieft und zu dem sich auch Sebald geäußert hat. Das Photo zeigt ein Kind, das, so möchte man meinen, in seinem Leben nicht lachen wird. Das einzige Photo Kafkas, das Sebald in die Schwindel.Gefühle aufgenommen hat, zeigt ihn aber, winzig und undeutlich genug, als einen, der zur eigenen Verwunderung eine Art Lächeln zustande bringt. Vermutlich lächelt er, nachdem er Sebalds Buch schon gelesen hat bis zu der Stelle, an der dieses, ihn lachend zeigende Photo erscheint. Unter den zahlreichen Möglichkeiten, die Schwindel.Gefühle zu lesen ist es nicht die abseitigste, darin eine großangelegte Unternehmung zur Aufheiterung Kafkas zu sehen.
Wenn Kafka auf der Seite hundertundsechzig der Schwindel.Gefühle bereits lächeln kann, wenn auch nur zur eigenen Verwunderung, so hat er zweifelsohne das Beste auf dem Gebiet der Aufheiterung in jeder Hinsicht noch vor sich. Ein wahrer sogenannter Angriff auf seine Lachmuskeln könnte es sein, wenn einige Seiten später beim Anblick eines Bild des Marktplatzes von Desenzano behauptet wird, die dort zu sehende zahlreiche Menschenschar habe sich zum Empfang des Vicesekretärs der Prager Arbeiterversicherung, Kafkas mit anderen Worten, versammelt. Das Lachen wird allenfalls dadurch in Zaum gehalten, daß Kafkas für ihn selbst wenig spaßige Angst, immer seien alle Blicke auf ihn gerichtet und von jedem Blick, der ihn streift, sei er durchschaut, aufgegriffen und therapeutisch gedämpft wird. Alle diese Blicke, die zum Bild herausschauen, sind nicht auf ihn, Kafka gerichtet: ob dieser Erkenntnis können nach einem Augenblick des Erschreckens Kafka und, dann auch, zunächst den Erfolg seines Scherzes abwartend, Selysses herzlich miteinander lachen.
Wenn Selysses später im Graffito Il cacciatore im Bahnhofpissoir von Desenzano einen unzweideutigen Hinweis zu sehen glaubt, Kafka habe Jahrzehnte zuvor an gleicher Stelle gestanden, sorgt das erneut für Erheiterung. Recht wild und übermütig geht es dann schon zu, als Selysses seinem Freund auf die denkbar witzigste Weise erzählt, wie er beim Versuch, im Bus von Desenzano nach Riva, den er geplagt von seiner Scham dann vorzeitig in Limone verläßt, Photographien der beiden geklonten Kafkazwillinge zu erhalten, - bei diesem Versuch also, sich wortwörtlich zum Narren macht und in Verdacht gerät, ein zu seinem sogenannten Vergnügen in Italien herumreisender Päderast zu sein.
Die Verwandlung des Jägers Gracchus in den Jäger Hans Schlag hat Kafka Auf dem Dachboden selbst noch eingeleitet; daß dem um seinen Tod Betrogenen dann aber von einem Slapstickduo auf Motorrädern, dem Dr. Piazolo und dem Pfarrer Wurmser, aus dem Leben geholfen wird, daß bei seiner Leiche ein Dackel namens Waldmann sitzt und die Taschenuhr ein letztes Mal Üb' immer Treu und Redlichkeit spielt, das wird Kafka von der Verwunderung, lachen zu können, endgültig befreit haben. Er lacht.
Mußte Kafka überhaupt aufgeheitert werden? Er soll sich Chaplin verwandt gefühlt, seine eigenen Sachen für lustig gehalten und bei ihrem Vortrag im Freundeskreis gern gelacht haben, als einziger vermutlich. Das hat ihm naturgemäß noch kein leichtes Leben beschert. Selysses seinerseits empfindet ganz ähnliche Ängste und Schwindelgefühle und gleich zu Anfang der Ringe des Saturn verwandelt er sich in Kafkas schrecklichste Erscheinungsform, den armen Gregor, der mit zitternden Beinchen an die Sessellehne sich klammernd aus seinem Kabinett herausblickt in undeutlicher Erinnerung, wie es heißt, an das Befreiende, das früher einmal für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen. Wir haben es nicht mit einem Therapeuten, Selysses, und einem Kranken, Kafka, sondern mit zwei Therapeuten und zwei Kranken zu tun, oder einfach mit zwei sich begleitenden Wanderern auf ähnlichem Lebensweg, zwei, die, bei allem bitteren Ernst, mit dem sie auf die Welt schauten, ernstlich miteinander lachen können. Selbst noch an Kafkas Sterbebett, als von ihm erwartet wird, er solle vor dem Verscheiden Werfels Verdiroman noch lesen, lächeln beide in stillem Einverständnis bei dem Gedanken, das ungelesen gebliebene Buch sei wohl nicht der größte Verlust, den Kafka in seinem Leben verschmerzen mußte.


Orion

Ich war damals ein kleiner, etwa sechsjähriger Junge. Ohne besondere Absicht war ich am Abend durch das hintere Haus hinausgetreten in den Hof. Dort glitzerten um mich her die Kristalle im Schnee, und es glitzerten über mir in ihrer Unzahl die Sterne am Himmel. Der kopflose Riese Orion mit dem kurzen funkelnden Schwert im Gürtel stieg soeben hinter den blauschwarzen Schatten der Berge herauf. Lang bin ich inmitten dieser Winterpracht stehengeblieben und habe gehorcht auf das Klirren der Kälte und das Klingen der Himmelslichter in ihrer langsamen Bahn. Dann dünkte es mich auf einmal, als rührte sich hinter dem Holzschopf ein Schemen. Ein fremder Mann trat hervor, viel Lederzeug hatte er über seinem Kleid, Gürtel, Querriemen, Halter und Taschen. Aus einer Tasche zog er einen Notizblock, notierte etwas und fragte dann: Wo ist der Petent? Der Petent trat vor. Die halbe Bewohnerschaft des Hauses war in großem Halbkreis um ihn versammelt, gesehn und gehört habe ich alles, hätte man es mir aber nicht viel später genau erzählt, wüßte ich kaum etwas davon. Es war zu unverständlich, als daß ich damals sehr aufmerksam hätte sein können, trotzdem hat die fremde Nacherzählung durch die eigene undeutliche Erinnerung an Leben sehr gewonnen.
So sehe ich förmlich noch heute, wie der Fremde den Petenten mit scharfem Blicke maß. Es ist nichts Geringes, was du verlangst, sagte der Fremde, bist du dir dessen bewußt?

Jäger

Die Hütte des Jägers lag nicht weit von der Hütte der Holzarbeiter, wie wir sie kennen aus den Bildern des Kunstmalers Hengge, der, wenn er nach seinem eigenen Kunstsinn sich richten konnte, nichts als Holzerbilder gemalt hat. Die Holzarbeiter, zwölf, wohnten dort, um jetzt, da guter Schnee war, die Stämme vorzubereiten, welche von den Schlitten bei Tag ins Tal geschleift wurden, wie ja auch Hengge nicht von ungefähr vom Tod überrascht wurde, wie es in seinem Nachruf hieß, mitten in einer Arbeit an einem Bild, das, aus einer genauen Kenntnis der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Holzer heraus, einen Holzer auf seinem Holzschlitten in halsbrecherischer Talfahrt darstellte. Es war viel Arbeit, aber den Arbeitern wäre sie nicht zuviel gewesen, wenn man ihnen nur genug Bier gegeben hätte. Sie hatten aber nur ein mittleres Faß und das war für eine Woche einzuteilen, eine unmögliche Aufgabe. Darüber klagten sie immer dem Jäger, wenn er am Abend zu ihnen herüberkam. Ihr habt es schwer, sagte der Jäger zustimmend und sie klagten an seinem Herzen. Freut Euch auf die Zeit, sagte er dann, wenn ihr wieder, wie ich es mir auch ersehne, beim Engelwirt sitzen könnt bei einem Glas, Abend für Abend, ohne mit irgend jemandem ein Wort zu wechseln. Aber wie sollte sein einsames Sehnen das der Zwölf sein.
Die Hütte des Jägers liegt verlassen im Bergwald. Dort bleibt er während des Winters mit seinen fünf Hunden. Wie lang ist aber der Winter in diesem Land! Fast könnte man sagen, er dauere ein Leben lang. I de sidste Dage har jeg taenkt og taenkt paa Nordlandssommeren evige Dag!
Der Jäger ist wohlgemut, es fehlt ihm an nichts Wesentlichem, über Entbehrungen klagt er nicht, er hält sich sogar für allzu gut ausgerüstet.
Manchmal wünschte er sich eine Höhle auszuheben, in der er dann tage- und nächtelang sitzen würde gleich dem heiligen Hieronymus in einer Schneewüste. Käme ein Jäger zu mir, denkt er, und würde er meine Einrichtung und meine Vorräte sehn, es wäre wohl das Ende der Jägerschaft. Aber ist es nicht auch so das Ende? Es gibt keine Jäger, keine Drachentöter, so wie es auch keine Heiligen mehr gibt, Georgius Miles ist über die Schwelle des Rahmens getreten, und niemand, niemand kann nach Indien führen, auf keinen Fall aber gibt es Jäger, die einander besuchen in ihren einsamen Hütten.
Er geht zu den Hunden in die Ecke, wo sie auf Decken und mit Decken zugedeckt schlafen. Der Schlaf der Jagdhunde. Sie schlafen nicht, sie warten nur auf die Jagd und das sieht wie Schlaf aus. Der Traum der Fünf ist ein Traum, dreaming in their sleep to follow again the advice of their nose, to traverse a patch of land in a completely anplottable manner and to invariably find what they are looking for. Ich habe immer Hunde gehabt. The hunter, in his lonely dream, yearns to learn from them how to do this.
Moments musicaux, mit einer Hand nur suchst du am Klavier, ohne viel Hoffnung, die verlorene Melodie.











Reviere

Selysses dem Kind, das noch nichts wußte von Stendhal, Kafka oder Marengo, nichts vom Riva und kaum etwas vom Schwarzwald, war es untersagt, im Haus der Tante Mathild in den Dachboden hinaufzusteigen, wo, wie ihm die Mathild mit der ihr eigenen Überzeugungskraft beigebracht hatte, der graue Jäger logierte, über den sie sonst keine näheren Angaben machte.
In späteren Jahren dann hat Selysses das Verbotene nachgeholt und ist auf den Dachboden hinaufgegangen. Kisten und Körbe waren aufeinandergestellt, Säcke, Lederzeug, Schellen, Stricke, Mausfallen, Honigrahmen und allerhand Futterale hingen von den Balken. Das schräg durch das Dachbodenfenster eindringende Licht gab eine uniformierte Gestalt zu erkennen, eine alte Schneiderpuppe, die mit hechtgrauen Beinkleidern und einem hechtgrauen Rock angetan war. Als ich näher herantrat und an einen der leer herabhängenden Uniformärmel rührte, ist dieser, zu meinem blanken Entsetzen in Staub zerfallen. Aus meinen seither angestellten Nachforschungen ist hervorgegangen, daß es einer jener österreichischen Jäger gewesen ist, die in der furchtbaren Schlacht von Marengo ums Leben gekommen sind.
Die Mathild hatte also in gewissem Sinne die Wahrheit gesagt, allerdings dann doch nur von der aufgezäumten Hinterlassenschaft eines Toten gesprochen. Der bei Marengo gefallene Jäger führt zurück zu Stendhal, dem beim Besuch des Schlachtfeldes angesichts der Differenz zwischen den Bildern der Schlacht, wie er sie in seinem Kopf trug, und dem, was er als Beweis dessen, daß die Schlacht sich wahrhaft ereignet hatte, nun vor sich ausgebreitet sah, ein noch niemals zuvor gespürtes, schwindelartiges Gefühl der Irritation erlebte. Ein ähnliches ganz Gefühl befällt den Selysses auf den Dachboden begleitenden Leser.
Als Knabe hatte Selysses natürlich nicht an Jäger im Sinne einer militärischen Einheit gedacht, sondern an den Heger und Pfleger im Wald, und es spricht für den frühen Durchbruch seines dichterischen Genies, daß sich seine diesbezüglichen Träume und Vorstellungen fast harrgenau entlang der Satzlinien einer der eindringlichsten Prosastellen Kafkas entwickelten: Eine große runde Mütze aus Krimmerpelz saß tief auf seinem Kopf. Ein starker Schurrbart breitete sich steif aus. Gekleidet war er in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhielt. Auf dem Schoß lag ein gebogener kurzer Säbel im mattleuchtender Scheide. Die Füße staken in gespornten Schaftstiefeln, ein Fuß war auf eine umgestürzte Weinflasche gestellt, der andere auf dem Boden war etwas aufgerichtet und mit Ferse und Sporn ins Holz gerammt.
Anders als der Schneiderpuppenjäger auf dem Dachboden des Selysses, ist der Jäger mit der Mütze aus Krimmerpelz auf Kafkas Dachboden, so wie Selysses ihn sich erträumt hat, durchaus am Leben, wenn auch müde, mit einem Gesicht, das weder Schrecken noch Staunen, nur Stumpfheit zeigte, und mit klaren Augen. Seinen Namen gibt er mit Hans Schlag an, aus Koßgarten am Neckar, und so ist es kaum verwunderlich, wenn der Knabe Selysses, nur ein oder vielleicht zwei Jahre älter inzwischen, ihn wiedertrifft, wie er allein und unbeachtet von allen in der Gaststube des Engelwirts in W. sitzt, offenbar erholt inzwischen, ein stattlicher Mann mit dunklem lockigen Haupt- und Barthaar, und ungewöhnlich tiefliegenden, überschatteten Augen. Nach seinem Unfalltod entlarvt ihn eine eintätowierte Barke auf der Schulter als den Jäger Gracchus, den sowohl Stendhal als auch Kafka erlebt hatten, wie er, ganz und gar auf der Höhe der glanzvollen Prosa seines Verweilens auf den Dachböden in der Ortschaft W. im Allgäu und in Böhmen, vor ihnen auftaucht, indem aus den Schatten sich allmählich die Umrisse einer Barke abzeichneten auf dem Gardasee, ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Drei ganze Tage dauert es, bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebte.
Es hat den Anschein, als seien alle Schwindel.Gefühle von zwei berückenden Absätzen Kafkas, betreffend die Jäger Schlag und Gracchus, die vermutlich ein und derselbe sind, auf Dachböden und am Gardasee, ausgelöst und auch wieder beruhigt worden.


Im Engelwirt

Seinerzeit war es ein übel beleumundetes Gasthaus gewesen, in dem die Bauern bis tief in die Nacht hinein hockten und, vor allem im Winter, oft bis zur Bewußtlosigkeit tranken. Die Bauern und Holzknechte saßen fast immer gruppenweise beieinander am oberen beziehungsweise unteren Ende der Gaststube. In der Mitte stand der große eiserne Ofen, der im Winter nicht selten derart geschürt wurde, daß er zu glühen begann. Zunächst, wenn der Alkohol seine verstummende oder aber die Rede auf ein zusammenhangloses Satzstottern oder Grölen hin reduzierende Wirkung noch nicht entfaltet hatte, konnte man Gespräche hören, die einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische hatten, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund aller Dinge, wobei es aber schon bald gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug.
Einer sitzt oft in ihrer Runde und ist doch keiner von ihnen, sie scheinen ihn auch gar nicht zu kennen. Er ist sehr kräftig und wird immer kräftiger. Er scheint auf fremde Kosten zu leben. Man könnte sich ihn als ein Tier in der Wildnis denken, das am Abend allein, langsam, bedächtig, schaukelnd zur Tränke geht. Seine Augen sind trübe, man hat oft nicht den Eindruck, daß er den, auf den er die Augen richtet, auch wirklich sieht. Es ist dann aber nicht Zerstreutheit, Beschäftigtsein, das ihn hindert, sondern eine gewisse Stumpfheit. Es sind trübe Trinkeraugen eines Menschen, der offenbar nicht Trinker ist. Vielleicht geschieht ihm Unrecht, vielleicht hat ihn das so verschlossen gemacht, vielleicht ist ihm immer Unrecht geschehn. Es scheint jene Art von unbestimmtem Unrecht zu sein, das junge Leute so oft auf sich lasten fühlen, das sie aber schließlich abwerfen, solange sie noch die Kraft dazu haben, er freilich ist schon alt, wenn auch vielleicht nicht so alt wie er aussieht mit seiner schwerfälligen Gestalt, den fast aufdringlichen, abwärts ziehenden Furchen in seinem Gesicht und dem Bauch, über dem sich die Weste wölbt.

Schließlich war nur noch einer außer Selysses in der Gaststube des Engelwirts geblieben. Die Wirtin, die, als sei es ihr kalt, mit der Linken ihre Strickjacke zusammenhielt, wollte schließen und bat ihn zu zahlen. Dort sitzt noch einer, sagte er mürrisch, weil er einsah, daß es Zeit wäre, nach oben auf sein Zimmer zu gehn, aber keine Lust hatte, weg- oder überhaupt irgendwo hinzugehn. Das ist die Schwierigkeit, sagte die Wirtin, ich kann mich mit dem Mann nicht verständigen. Wollt Ihr mir helfen? Hallo, rief Selysses zwischen den hohlen Händen durch, aber der Mann, stattlich, mit dunklem, lockigem Haupt- und Barthaar und ungewöhnlich tiefliegenden, überschatteten Augen, rührte sich nicht. Gekleidet war er in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhielt. Er saß schon den Abend über bei seinem Glas, ohne mit irgend jemandem ein Wort zu wechseln. Die Füße staken in gespornten Schaftstiefeln, ein Fuß war jetzt auf eine umgestürzte Flasche gestellt, der andere auf dem Boden war etwas aufgerichtet und mit Ferse und Sporn ins Holz gerammt. Still wie bisher sah er von der Seite in sein Bierglas und nur dann und wann auf die auffallend kostbare goldene Taschenuhr, die er vor sich liegen hatte, als dürfe er irgend einen wichtigen Termin nicht versäumen.


Flucht

Als Beyle und Mme Gherardi wenige Tage später in den kleinen Hafen von Riva einliefen, saßen zwei Knaben auf der Kaimauer zum Würfelspiel. Ein schwerer alter Kahn - verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen – hatte anscheinend auch vor kurzer Zeit erst angelegt. Zwei Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen gerade eine Bahre an Landauf der unter einem großen, blumengemusterten, gefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag. Mme Gherardi fühlte sich von dieser Szene derart ungut berührt, daß sie darauf bestand, ohne jeden weiteren Verzug aus Riva abzureisen, und als Beyle Einwände machte, sprang sie, die ja nichts anderes war als eine Ausgeburt seiner Wünsche und Gedanken und dabei während der ganzen Reise schon seinen Gedanken und Wünschen wenig fügsam und aufgeschlossen, ohne ein weiteres Wort an Land und lief die Landstraße entlang, ich sah sie nicht, erzählte Selysses später, ungläubig noch immer, Zeuge dieses Vorfalls gewesen zu sein und keinesfalls restlos überzeugt, daß sich alles so abgespielt hatte, ich sah sie nicht, ich merkte nur, wie sie im Laufen schwang, wie ihr Schleier flog, wie ihr Fuß sich hob, ich saß am Feldrand und blickte in das Wasser des kleinen Baches. Sie durchlief die Dörfer, Kinder standen in den Türen, sahen ihr entgegen und sahen ihr nach.


Damwild

Ich stand auf dem Balkon meines Zimmers, erzählte Selysses. Es war sehr hoch, ich zählte die Fensterreihen, es war im sechsten Stockwerk. Unten waren Rasenanlagen, es war ein kleiner von drei Seiten geschlossener Platz in Paris. Ich ging ins Zimmer hinein, die Tür ließ ich offen, es schien zwar erst März oder April zu sein, aber der Tag war warm. In einer Ecke stand ein kleiner, sehr leichter Schreibtisch, ich hätte ihn mit einer Hand heben und in der Luft herumschwingen können. Jetzt aber setzte ich mich zu ihm, Tinte und Feder war bereit, ich wollte eine Ansichtskarte schreiben. Ich griff unsicher, ob ich eine Karte hätte, in die Tasche, da hörte ich einen Vogel und bemerkte, als ich herumsah, auf dem Balkon an der Hausmauer einen Vogelbauer. Gleich ging ich wieder hinaus, ich mußte mich auf die Fußspitzen heben, um den Vogel zu sehn, es war ein Kanarienvogel. Dieser Besitz freute mich sehr. Ich drückte ein Stückchen grünen Salats, der zwischen den Gitterstäbchen steckte, tiefer hinein und ließ den Vogel daran knabbern. Dann wandte ich mich wieder dem Platz zu, rieb die Hände und beugte mich flüchtig über das Geländer. Jenseits des Platzes in einem Mansardenzimmer schien mich jemand mit einem Operngucker zu beobachten, wahrscheinlich, weil ich ein neuer Mieter war, das war kleinlich, aber vielleicht war es ein Kranker, dem die Fensteraussicht die Welt ist. Da ich in den Taschen doch eine Karte gefunden hatte, ging ich ins Zimmer, um zu schreiben, auf der Karte war allerdings keine Ansicht von Paris, sondern nur ein Bild, es hieß Abendgebet, man sah einen stillen See, im Vordergrund ganz wenig Schilf, in der Mitte ein Boot und darin eine Frau mit ihrem Kind im Arm.
Weder der Kanarienvogel noch das Bild der Frau kamen mir aus dem Sinn, als Marie, die überdies der Frau auf dem Bild in einer schwer zu fassenden Weise glich, mit mir in den nachfolgenden Wochen und Monaten oft im Luxemburggarten, in den Tuilerien und im Jardin des Plantes spazierengegangen ist, in das Palmenhaus hinein und wieder aus dem Palmenhaus hinaus, über die verschlungenen Wege des Alpengartens oder auch durch das trostlose Zoogelände. Ich entsinne mich mehr noch als an alles andere an eine Damwildfamilie, die in einer graslosen, staubigen Einfriedung und zugleich verängstigt unter einer Heuraufe beieinander stand, und daran, daß die eingesperrten Tiere und wir, ihr menschliches Publikum, uns anblickten à travers une brèche d’incompréhension, wie Marie in einer mir unvergeßlich gebliebenen Weise sagte.


Zimmer 38

Vor dem Morgengrauen noch erwachte er im Zimmer 38, einem großen, geradezu salonartigen Raum des Palace Hotels in Marienbad, mit einem derart abgründigen Gefühl der Zerstörung, daß er sich, ohne Marie auch nur ansehen zu können, wie ein Seekranker aufrichten und an den Bettrand setzen mußte. Sie schläft, dachte er, ich wecke sie nicht. Warum weckst du sie nicht? Es ist mein Unglück und mein Glück. Ich bin unglücklich, daß ich sie nicht wecken kann, daß ich nicht aufsetzen kann den Fuß auf die brennende Türschwelle ihres Hauses, daß ich nicht den Weg kenne zu ihrem Hause, daß ich nicht die Richtung kenne, in welcher der Weg liegt, daß ich mich immer weiter von ihr entferne, kraftlos wie das Blatt im Herbstwind sich von seinem Baume entfernt und überdies: ich war niemals an diesem Baume, im Herbstwind ein Blatt, aber von keinem Baum. – Ich bin glücklich, daß ich sie nicht wecken kann. Was täte ich, wenn sie sich erhöbe, wenn sie aufstehen würde von dem Lager. Er war ans Fenster getreten, sah entlang der noch regennassen Hauptstraße und im Halbrund gegen die Anhöhe hinauf die großen Hotelpaläste Pacifik, Atlantic, Metropol, Polonia und Bohemia mit ihren Balkonrängen, Ecktürmen und Dachaufbauten aus dem Frühnebel auftauchen wie Ozeandampfer auf einem dunklen Meer. Irgendwann in der Vergangenheit, dachte er, habe ich einen Fehler gemacht und bin jetzt in einer falschen Welt.


Tor

Vor dem Stadttor war niemand, in der Torwölbung niemand. Auf rein gekehrtem Kies kam man hin, durch ein viereckiges Mauerloch sah man in die Zelle der Torwache, aber die Zelle war leer. Das war zwar merkwürdig, aber für mich sehr vorteilhaft, denn ich hatte keine Ausweispapiere, mein ganzer Besitz war überhaupt ein Kleid aus Leder, ein weiter brauner Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhält, und der Stock in der Hand. Neun Zehntel des Glanzes der Welt waren einst auf diese prachtvolle Hauptstadt vereint. Kunst und Gewerbe standen in hoher Blüte. Vor den Mauern dehnten sorgsam bebaute Gärten sich aus. Es gab Bäche, Quellen, Fischbrunnen, tiefe Kanäle und überall schattige Kühle. Kein Gedanke, daß die Stadttore nicht gut bewacht gewesen wäre bei Tag und bei Nacht. Aber dann kam die Zeit der Zerstörung, und heute nun über den Dächern kein Laut, kein Lebenszeichen, nichts. Nirgends, soweit das Auge ausschweift, erblickt man ein lebendiges Wesen, ein huschendes Tier oder auch nur den kleinsten Vogel im Flug. On dirait que c’est la terre maudite. Was ist noch zu bewachen.


Staub

In Kafkas Tagebüchern, Heften und Blättern sind zahllose Edelsteine zu finden, nicht selten haben sie den Glanz des Staubs, das Leuchten verlassener und heruntergekommener Orte. Neben Erde, Wasser, Luft und Feuer ist der Staub das fünfte Element des Dichters Sebald, eine Vorliebe zu Ruderalflächen wird ihm nachgesagt. So verwundert es nicht, wenn er zwei der Edelsteine, die Barke des Jägers Gracchus und den Dachboden des Jägers Hans Schlag, hervorgezogen hat, um ihren Glanz in den Schwindel.Gefühlen leuchten zu lassen. Unmöglich hätte er sich alle diese Edelsteine vornehmen und neu fassen können. Bei einigen, die ohne weiteres für seine Sammlung sich zu eignen scheinen, mag man sich fragen, was daraus hätte werden können.
Manchmal geschieht es, die Gründe dessen sind oft kaum zu ahnen, daß der größte Stierkämpfer zu seinem Kampfplatz die verfallene Arena eines abseits gelegenen Städtchens wählt, dessen Namen bisher das Madrider Publikum kaum gekannt hat. Eine Arena, vernachlässigt seit Jahrhunderten, hier wuchernd von Rasen, Spielplatz der Kinder, dort glühend mit kahlen Steinen, Ruheplatz der Schlangen und Eidechsen. Oben an den Rändern längst abgetragen, Steinbruch für alle Häuser in der Runde, jetzt nur ein kleiner Kessel, der kaum fünfhundert Menschen faßt. Keine Nebengebäude, keine Ställe vor allem, aber das Schlimmste, die Eisenbahn ist noch nicht bis hierher ausgebaut, drei Stunden Wagenfahrt, sieben Stunden Fußweg von der nächsten Station.
Offen bleibt, ob überhaupt jemand den Austragungsort der Corrida erreicht. Auch dem glühendsten Aficionado dürften drei Stunden Wagenfahrt, sieben Stunden Fußweg im Anschluß an die Bahnfahrt zu denken geben, und gar der Stier, wo sollte er sich aufhalten, wenn keine Nebengebäude, keine Ställe zu finden sind. Wir sehen lediglich den von ungefähr eingetroffenen Matador inmitten der Kinder, die im schattigen, grasbewachsenen Teil der Arena grad so spielen wie sie gespielt haben auf der Kaimauer in Riva bei der Einfahrt der Barke des Jägers Gracchus; und wir sehen den Matador auf der von der Sonne staubigen Seite, inmitten der Schlangen und Eidechsen, die ihn umschwärmen wie den Major Le Strange das Federvieh; der aber war zuvor Georg Miles gewesen und hatte die große Echse zur Strecke gebracht. Wir nennen den bis dahin namenlosen Matador Jorge oder besser Jordi und erleben ihn in der seiner Herkunft angemessenen Einsiedelei. Dem blutigen Treiben hat er den Rücken gekehrt. Eine Haushälterin stellt er nicht ein, auf geregelte Mahlzeiten legt er keinen Wert. Das Spiel der Kinder, dem er aus einiger Entfernung zuschaut, ist ihm menschliche Wärme genug. Mit ihnen sprechen oder sie gar unterrichten will er nicht, am allerwenigsten in seiner ehemaligen Kunst.

Peter Oberschelp -->