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52 Wochen

Woche 40

Zwei Sammlungen von Gedichten - der erste Teil enthält die Svendborger Gedichte von 1937, der zweite Teil Gedichte, die Brecht 1945 in den USA schreibt.
Brecht beurteilt die Nachkriegsentwicklung im westlichen Europa kritisch-distanziert. Nach seiner Ansicht wurde der Faschismus nicht konsequent genug ausgemerzt und der Arbeiterschaft nicht der ihr gebührende Platz eingeräumt. Und die Amerikaner hat er erlebt ...



Die Amerikaner

Nehmen’s die Amerikaner, ein großes Volk. Zuerst haben sie sich gegen die Übergriffe der Indianer wehren müssen, und jetzt haben sie die Millionäre aufn Hals bekommen. Ständig werdens überfallen von den Nahrungsmittelkönigen, umzingelt von den Öltrusts, gebranntschatzt von den Eisenbahnmagnaten. Der Feind ist lästig und grausam und verschleppt Frauen und Kinder in die Tiefe der Minen oder hält sie in Autofabriken angefangen. Von den Zeitungen werden sie in die Hinterhalte gelockt, und die Banken lauern ihnen beim heilichten Tag am Weg auf. Während sie jeden Augenblick gefeuert werden können, ja, sogar wenn sie gefeuert sind, kämpfen sie wie die Wilden um ihre Freiheit, dafür dass jeder machen kann, was er will, was die Millionäre mit Freude begrüßen.
So ist es: wie die wilden Tiere müssens ständig auf der Höhe sein, sonst werdens überwältigt. Sie möchten vielleicht gar einmal die Köpfe hängen lassen und finster vor sich hinstieren und den Lebensüberdruss ein wenig auskosten nach Herzenslust, aber das geht nicht, das kostet gleich die Existenz, das hab ich aus sicherer Quelle. Ich habe einen Onkel drüben, der war herüben, wie ich ein Junge war, den vergess ich nie. Er war den ganzen Tag optimistisch, der arme Mensch, sein Gesicht hat sich immerfort zu einem zuversichtlich Grinsen vezogen, dass man seine goldenen Stiftzähne gesehen hat, und meinem Vater, der den Rheumatismus gehabt hat, hat er am Tag mehrere Male ermunternc auf die Schulter und auf den Rücken geschlagen, dass er jedes Mal vor Schmerz aufgezuckt hat. Er hat ein Auto mitgebracht von drüben, das war damals noch eine Seltenheit, und einmal haben wir einen Ausflug auf den Kogelberg gemacht, da hat er dauernd davon gesprochen, wie man früher hat zu Fuß auf die Berge kriechen müssen. Das Auto ist bergauf stehen geblieben, wir haben zu Fuß vollends hinauf gehen müssen, und seinen letzten Atem hat er dazu verschwendet, dass er versichert hat, die Autos werden auch noch besser werden.
Gerade bei den Amerikanern ist ein besonders starkes Gerede von Freiheit. Wie ich schon vorher gesagt hab: es ist verdächtig. Damit einer von Freiheit redet, muss ihn der Schuh drücken. Von Menschen, die in gutem Schuhwerk herumgehen, werdens selten erleben, dass sie in einem fort davon reden, wie leicht ihre Schuh sind und wie sie passen und nicht drücken, und dass sie keine Hühneraugen haben und keine dulden würden. Ich hab mich für Amerika begeistert, wie ich das gehört hab, und hab Amerikaner werden wollen oder wenigstens hinkommen in diese Freiheit. Ich bin von Pontius zu Pilatus gelaufen. Der Pontius hat keine Zeit gehabt und der Pilatus war verhindert. Der Konsul hat verlangt, dass ich vier mal um den Häuserblock kriech auf allen Vieren und mir dann von einem Doktor bestätigen lassen, dass ich keine Schwielen gekriegt hab. Dann hab ich eidesstattlich versichern sollen, dass ich keine Ansichten hab. Ich hab ihm blau in die Augen geschaut und es versichert, aber er hat mich durchschaut und verlangt, dass ichs beweis, auch dass ich nie eine gehabt hab und das hab ich nicht können. So bin ich nicht in das Land der Freiheit gelangt. Ich bin nicht sicher, dass meine Freiheitsliebe für das Lamm ausgereicht hätt.



Woche 41

Dann in Kutten schritten zwei
Trugen 'ne Monstranz vorbei.
Wurd die Kutte hochgerafft
Sah hervor ein Stiefelschaft.

Dicht darauf die Nichtvergesser
Die für ihre langen Messer
Stampfend in geschloßnen Reihn
Laut nach einer Freinacht schrein.

Einem impotenten Hahne
Gleichend, stolzt ein Pangermane
Pochend auf das freie Wort.
Es heißt Mord.

Dort die Stürmerredakteure
Sind besorgt, daß man sie höre
Und nicht etwa jetzt vergesse
Auf die Freiheit unsrer Presse.

Einige unsrer besten Bürger
Einst geschätzt als Judenwürger
Jetzt geknebelt, seht ihr schreiten
Für das Recht der Minderheiten.

Früherer Parlamentarier
In den Hitlerzeiten Arier
Bietet sich als Anwalt an:
Schafft dem Tüchtigen freie Bahn!

Und das schwarze Marketier
Sagt, befraget: Ich marschier
Auf Gedeih (und auf Verderb)
Für den freien Wettbewerb.

Und der Richter dort: zur Hetz
Schwenkt er frech ein alt Gesetz.
Mit ihm von der Hitlerei
Spricht es sich und alle frei.

Zitat aus der Springerpresse 2013:
"Für die Demokratie, ... hatte Brecht nur Hohn übrig – also für ein System, in dem politische Entscheidungen von gewählten Repräsentanten gefällt werden, aber auch Minderheitenrechte nicht mit Füßen getreten werden und niemand verteufelt und zur physischen Vernichtung freigegeben werden darf.
Er verabscheute allein schon den Begriff Demokratie so sehr, dass er ihn 1947 in einem seiner allerschlechtesten Gedichte namens „Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy“ durch das englische Wort ersetzte. Wohl auch, weil Democracy so schön nach Krätze klingt und man die Regierungsform gleichzeitig als irgendwie undeutschen Import aus Yankee-Land (im Gegensatz zum Kommunismus, der ja bekanntlich in Deutschland ersonnen wurde) brandmarken konnte.
In dem Gedicht wird nach dem Vorbild von Shelleys „The Mask of Anarchy“ ein Zug politischer Gespenster beschworen, der gerade wieder im Begriff ist, Westdeutschland in Besitz zu nehmen: Alte Nazis, Pfaffen, braune Richter, Menschenversuchs-Mediziner aber natürlich auch „die schnellen grauen Herrn von den Kartellen“ und „das schwarze Marktier“. Daneben schreiten allegorische Gestalten wie „die Unterdrückung“, „der Mord“ und „die Dummheit“, die der Dichter natürlich exklusiv in Westdeutschland zu Hause wähnte.
Man neigt heute ja dazu, Brecht nachträglich zu sentimentalisieren, zu demokratisieren oder zu anarchisieren. Man zitiert die späten nachdenklichen Gedichte aus den „Buckower Elegien“ und vor allem das nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 entstandene Poem „Die Lösung“ mit dem berühmten Satz, die Regierung sollte doch lieber das Volk auflösen und sich ein anderes wählen. Aber Brecht hat eine blutige Gestalt wie Lenin verherrlicht, von der heute nur niemand mehr glaubt, sie wäre irgendwie besser und menschenfreundlicher als Stalin gewesen. Er hat den politischen Mord in seinem Stück „Die Maßnahme“ intellektuell satisfaktionsfähig gemacht. Und er hat ziemlich viel parteifrommes Zeug geschrieben, gesagt und getan. Als Dichter muss man ihn immer bewundern, als Mensch war er doch oft ziemlich zwergenhaft.
Den Wettstreit mit Thilo Sarrazin darüber, wer den größeren politischen Unsinn verzapft, würde Brecht also gewinnen. Man darf allerdings davon ausgehen, dass er manches gar nicht so schlimm meinte, wie es jetzt im Buche steht. Es juckte ihn wohl nur das Bedürfnis, mal gegen die Regeln der politischen Korrektheit zu verstoßen. Nach dem Motto: „Demokratie ist Krätze, das wird man wohl doch noch sagen dürfen.“ Für eine schöne Gutmenschen-Provokation war er bereit, seinen Verstand und sein Mitgefühl kurz auszuschalten – genau wie Sarrazin."

Ein Straßentheater, das in Teilen auf dem Brecht-Gedicht beruht, formiert sich 1980 als "Anachronistischer Zug" für den Wiederaufbau der KPD als Protestbewegung gegen den damaligen Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, Franz Josef Strauß, dem man Geistesverwandtschaft zu den Nazis vorwirft. 1990 zieht der "Anachronistische Zug" von Bonn nach Berlin, politische Stoßrichtung ist Warnung vor nationalistischen Tendenzen in Deutschland nach der Wiedervereinigung.
Der "Anachronistische Zug": Da waren in einem Kübelwagen ein „General“, auf einem Militär-LKW eine Rakete und Militärkapelle, drei schwarze Limousinen (mit Kennzeichen SIE-MENS, FLI-CK, THYS-SEN), ein Wagen mit „Mitgliedern des Volksgerichtshofs“ und ein Wagen mit schwarz uniformierten Angehörigen eines privaten Sicherheitsdienstes.

Die damalige Wahlkampfparole „Freiheit statt Sozialismus“ parodierend führten die Wagen Schilder wie „Freiheit statt Butter“, „Freiheit statt Politik“ und Ähnliches mit sich. Der letzte Wagen des Zugs war dem „Plagenwagen“ nachempfunden: In ihm waren mechanisch bewegbare Puppen mit Masken ehemaliger Nazigrößen untergebracht, die Unterdrückung, Aussatz, Betrug, Dummheit, Mord und Raub symbolisierten. Ein Darsteller trug eine weiße Gesichtsmaske mit den Zügen Franz Josef Strauß's.
Er stellte gegen Darsteller und Veranstalter Strafantrag wegen Beleidigung.
Das Amtsgericht Kempten verurteilte sie antragsgemäß.
Das Bundesverfassungsgericht hob die Entscheidung 1984 wegen Verstoßes gegen die Freiheit der Kunst auf und verwies die Sache ans Amtsgericht Kempten zurück, das die Angeklagten freisprach.

Freunde drängen Brecht, nach Deutschland zurückzukommen und seine Stücke selbst zu inszenieren. Als 1948 in der sowjetischen Besatzungszone mehrere Theater wiederereröffnen, reist nach Berlin - die Einreise in die westlichen Besatzungsgebiete Deutschlands ist ihm nach wie vor untersagt. In Ost-Berlin findet er schnell Kontakt zu maßgeblichen Künstlern und Funktionären.
Das Angebot, am Deutschen Theater eigene Stücke zu inszenieren, nimmt er sofort an. Er inszeniert "Mutter Courage und ihre Kinder." 1950 erhalten Brecht und Weigel während der Arbeit für die Salzburger Festspiele die österreichische Staatsbürgerschaft, was auf große Kritik stößt, da Brecht nicht die Absicht hatte, aus der DDR nach Österreich überzusiedeln.




Film 1958 SWR

Woche 42

Luise Rainer (1910-2014), deutsche und und als solche einzige Schauspielerin, die einen Oscar gewann, erzählt 2009 in einem Interview: "Brecht (sie hatte ihm bei seiner Einreise geholfen) kam in die USA und fragte, ob ich nicht eine Idee für ein Stück für mich hätte.
Ich sagte: ‚Jede Schauspielerin träumt davon, die Johanna von Orléans zu spielen. Die Heilige Johanna der Schlachthöfe haben Sie ja schon geschrieben. Doch es gibt ein Stück, das mich tief beeindruckt hat: Klabunds Kreidekreis.‘ Er riss die Arme hoch und sagte: ‚Ich habe Klabund diese Geschichte damals gegeben. Aber ich werde jetzt meine Version schreiben.‘ Er kam mit dem Skript zurück und wollte, dass ich die Hauptrolle spiele. Ich habe abgelehnt.“

Das Theaterstück - es hat eine lange Vorgeschichte - wird erstmals auf Deutsch 1954 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin aufgeführt. Ruth Berlau arbeitet mit und die Musik stammt von Paul Dessau.

Der weise Richter, der die wahre Mutter an der Liebe zu ihrem Kind erkennt, ist eine sehr alte und weit verbreitete Wanderlegende. Das Motiv findet sich schon im Alten Testament, wo König Salomo einen ähnlichen Fall entscheidet.
Im Vorspiel treffen sich Vertreter zweier Kolchosen nach der Befreiung Georgiens im Jahr 1944, um darüber zu verhandeln, welche Kolchose ein fruchtbares Tal bewirtschaften soll. Die Delegierten der Ziegenzuchtkolchose Galinsk überlassen nach einer Debatte der Obstbau-Kolchose Rosa Luxemburg das Tal, weil diese zum Wohl der Gemeinschaft einen weit besseren Ertrag daraus erzielen wird. Der Entschluss fällt zugunsten der Obstbauern aus, obwohl vor dem Krieg die Ziegenzüchter das Gebiet bewirtschafteten. Zum Dank spielen die Obstbauern im Klubhaus das Stück "Der Kreidekreis", welches aus dem Chinesischen stammt und alte und neue Weisheit vereinen soll.





Woche 43

Herr Puntila und sein Knecht Matti

Das Werk entsteht 1940/1941 Vorlagen sind das Theaterstück seiner Gastgeberin Hella Wuolijoki „Sägemehlprinzessin“, die Erzählung Maxim Gorkis "Der Brotherr" und Denis Diderots Roman "Jacques der Fatalist". Uraufführung ist 1948 im Schauspielhaus Zürich. (1943 nimmt die Polizei Hella Wuolijoki fest, weil sie einer sowjetischen Spionin Unterschlupf gewährt hatte. Sie wird zunächst zum Tode verurteilt, dann zu lebenslanger Haft, und 1944 - nach Ende des im Rahmen des Zweiten Weltkriegs als Fortsetzung des finnisch-sowjetischen Winterkrieges (1939 bis 1940) ab 1941 geführten Fortsetzungskriegs zwischen Finnland und der Sowjetunion) begnadigt.)

Brecht in seinem Tagebuch:

(5. Juli 1940) Mit Hella Wuolijoki nach Gut Marlebäk (Kausala) gefahren. Sie gibt uns eine Villa zwischen schönen Birken. Wir sprechen von der Stille hier heraußen. Aber es ist nicht still; bloß sind die Geräusche viel natürlicher, der Wind in den Bäumen, das Rascheln des Grases, das Gezwitscher und was vom Wasser herkommt. Das Gutshaus, weiß, mit zwei Reihen von je acht großen Fenstern, ist über 100 Jahre alt, im Empirestil gebaut. Die Zimmer sind museumsreif. (5. Juli 1940)

(19. August 1940) Die Sauna des Gutes ist ein kleines viereckiges Holzhaus am Fluß. Durch das Auskleidezimmerchen kommt man in den kleinen, dunklen Baderaum, der von einem riesigen Steinofen beherrscht wird. Man nimmt den Holzdeckel ab und gießt aus einem danebenstehenden großen Eisentopf heißes Wasser über faustgroße runde Steine, die direkt über dem Feuer gehäuft sind. Dann klettert man ein paar Stufen hoch auf eine Holzestrade, wo man sich niederlegt. Wenn der Schweiß ausbricht, peitscht man die offenen Poren mit Birkenwedeln, und dann geht man auf den Steg hinaus und steigt in den Fluß. Klettert man wieder hoch - das kühle Wasser erscheint einem nicht kalt -, lässt man Birkenblätter zurück. Auch nachts, im Bett, findet man einige. "Man schläft mit der Birke", sagt Hella Wuolijoki.

Weiter im "Spiegel-online-Sound" :

Brecht musste nicht nur für sich Sorge tragen: Seine Frau, die Schauspielerin Helene Weigel, die beiden gemeinsamen Kinder Barbara und Stefan begleiteten ihn - und die junge Margarete Steffin, die er 1932 kennengelernt hatte. Diese Liaison hätte seine Ehe beinahe zerstört.

Schließlich war die Steffin von seiner Frau akzeptiert worden, offiziell als seine Mitarbeiterin.
Vor allem trugen die Frauen Sorge um ihn, den Herrn und Meister: Die Gattin kochte zweimal am Tag warm, die Geliebte tippte unaufgefordert jedes Manuskriptblatt ins reine. Im April 1940, deutsche Soldaten hatten Dänemark und Norwegen eingenommen, zog die kleine Brecht-Truppe hastig weiter nach Finnland.

Dort stellte ihr die Unternehmerin und Schriftstellerin Hella Wuolijoki das Gut Marlebäck, rund 120 Kilometer nordöstlich von Helsinki, zur Verfügung. Der Dichter notierte entzückt: "Sie gibt uns eine Villa zwischen schönen Birken."

Der Anhang hatte sich inzwischen vergrößert: Eine zweite Brecht-Freundin, Ruth Berlau, war nun mit von der Partie.

Bis dahin hatten die Damen Weigel und Steffin noch gegen die dynamische Person zusammenhalten können, der Brecht 1933 in Dänemark begegnet und schon bald verfallen war.
Von der Front der Frauen - auch Gutsherrin Wuolijoki zeigte sich über die Anreise empört - ließ sich die Berlau aber keineswegs einschüchtern: Sie schlug im wahrsten Sinne des Wortes ihr Zelt in der Nähe des Hauses auf - und Brecht besuchte sie regelmäßig.
Tatsächlich ließ sich der Exilant von all den um ihn und um ihn herum geführten Schlachten in seiner literarischen Produktivität nicht hemmen. In gemeinsamer Arbeit mit der Kollegin Wuolijoki entstand im Spätsommer 1940 ein "Volksstück", das am Ende den Titel "Herr Puntila und sein Knecht Matti" trug.
Matti:
"Die Chauffeure sind bekannt als renitente Menschen, die keine Achtung vor die besseren Leut haben. Das kommt daher, daß wir die besseren Leut hinter uns im Wagen miteinander reden hören."





Woche 44

Kalendergeschichten



DIE TEPPICHWEBER VON KUJA-BULAK
EHREN LENIN


1

Oftmals wurde geehrt und ausgiebig
Der Genosse Lenin.
Büsten gibt es und Standbilder.
Städte werden nach ihm benannt und Kinder.
Reden werden gehalten in vielerlei Sprachen,
Versammlungen gibt es und Demonstrationen
Von Shanghai bis Chikago, Lenin zu Ehren.
So aber ehrten ihn die Teppichweber von Kujan-Bulak,
Kleiner Ortschaft im südlichen Turkestan:
Zwanzig Teppichweber stehn dort abends
Fiebergeschüttelt auf von dem ärmlichen Webstuhl.
Fieber geht um: die Bahnstation
Ist erfüllt von dem Summen der Stechmücken, dicker Wolke,
Die sich erhebt aus dem Sumpf hinter dem alten Kamelfriedhof.
Aber die Eisenbahn, die
Alle zwei Wochen Wasser und Rauch bringt, bringt
Eines Tages die Nachricht auch,
Daß der Tag der Ehrung des Genossen Lenin bevorsteht,
Und es beschließen die Leute von Kujan-Bulak,
Teppichweber, arme Leute,
Daß dem Genossen Lenin auch in ihrer Ortschaft
Aufgestellt werde eine gipserne Büste.
Als aber das Geld eingesammelt wird für die Büste,
Stehen sie alle Geschüttelt vom Fieber und zahlen
Ihre mühsam erworbenen Kopeken mit fliegenden Händen.
Und der Rotarmist Stepa Gamalew,
Der sorgsam Zählende und genau Schauende,
Sieht die Bereitschaft, Lenin zu ehren, und freut sich,
Aber er sieht auch die unsicheren Hände.
Und er macht plötzlich den Vorschlag,
Mit dem Geld für die Büste Petroleum zu kaufen und
Es auf den Sumpf zu gießen hinter dem Kamelfriedhof,
Von dem her die Stechmücken kommen, welche
Das Fieber erzeugen.
So also das Fieber zu bekämpfen in Kujan-Bulak, und zwar
Zu Ehren des gestorbenen, aber
Nicht zu vergessenden Genossen Lenin.
Sie beschlossen es. An dem Tage der Ehrung trugen sie
Ihre zerbeulten Eimer, gefüllt mit dem schwarzen Petroleum,
Einer hinter dem ändern,
Hinaus und begossen den Sumpf damit.
So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten, und
Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn
Also verstanden.

2

Wir haben gehört, wie die Leute von Kujan-Bulak
Lenin ehrten. Als nun am Abend
Das Petroleum gekauft und ausgegossen über dem
Sumpf war,
Stand ein Mann auf in der Versammlung, und der verlangte,
Daß eine Tafel angebracht würde an der Bahnstation,
Mit dem Bericht dieses Vorgangs, enthaltend
Auch genau den geänderten Plan und den Eintausch der
Leninbüste gegen die fiebervernichtende Tonne Petroleum.
Und dies alles zu Ehren Lenins.
Und sie machten auch das noch
Und setzten die Tafel.

Was will Brecht mit der Parabel von 1929 aus den Kalendergeschichten - den Titel hat er Johann Peter Hebel geklaut - die er anhand eines Presseberichtss verfasst, lehren?
Man muss immer weitersuchen und weiterdenken, diskutieren und verbessern, um so die Zustände zu optimieren.

Anfang 1950 wendet sich Brecht dem Stück "Der Hofmeister" des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz zu, für den er zeit seines Lebens eine große Sympathie empfand. Die Premiere seiner Bearbeitung findet am 15. April 1950 statt, es ist der größte Erfolg des Ensembles zu Lebzeiten Brechts, die Öffentlichkeit nimmt ihn erstmlas als Regisseur wahr.
Mit der Neuinszenierung von "Die Mutter" 1950/1951 bereitet er sein Publikum auf das von ihm gewollte „didaktische Theater“ vor.
1952 bezieht Brecht gemeinsam mit Helene Weigel das Haus in Buckow.

Anlässlich des Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Berlin, schreibt Brecht am selben Tag einen Brief mit drei Sätzen an Walter Ulbricht.
Die große Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus wird zu einer Sichtung und zu einer Sicherung der sozialistischen Errungenschaften führen. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszudrücken.
Weitere kurze Solidaritätsadressen schickt Brecht auch an Wladimir Semjonow („unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion“) und an Otto Grotewohl sowie Gustav Just mit dem Angebot, Beiträge zum aktuellen Radioprogramm zu liefern.

Kurt Barthel, Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes, 3 Tage später im "Neuen Deutschland":

Schämt ihr euch auch so, wie ich mich schäme? Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig sehr klug handeln müssen, ehe euch diese Schmach vergessen wird. Zerstörte Häuser reparieren, das ist leicht. Zerstörtes Vertrauen wieder aufrichten ist sehr, sehr schwer.

Brecht hat

Die Lösung

Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

Leider erfahren wir von Brechts Lösung erst 16 Jahre später, als es "Die Welt" sie 1959 veröffentlicht. Und in der DDR erscheint sie erst 1969 in den "Buckower Elegien".

Sein Biograph Fassmann:
„Damals brach eine Welt für Brecht zusammen. Er war erschüttert und entsetzt. Augenzeugen berichten, sie hätten ihn damals geradezu hilflos gesehen; lange Zeit trug er eine Abschrift des verhängnisvollen Briefes bei sich und zeigte sie Freunden und Bekannten, um sich zu rechtfertigen. Aber es war zu spät. Schlagartig setzten die westdeutschen Bühnen, die treuesten, die er neben seiner eigenen hatte, seine Stücke von den Spielplänen ab, und es dauerte lange, bis sich dieser Boykott wieder lockerte.“
Ronald Gray findet in Brechts Verhalten die Figur des Galileo Galilei wieder: Die chamäleonhafte verbale Anpassung an das Regime habe ihm ermöglicht, seine wirklichen Interessen zu verfolgen.
Walter Muschg: „Der von der Feigheit und Dummheit der Zeit frei Gebliebene führte das Doppelleben, das ‚Der gute Mensch von Sezuan‘ darstellt, und befleckte sich mit Zugeständnissen, um sich halten zu können. Es half ihm nichts, daß seine für offizielle Anlässe gelieferten Verse, absichtlich oder nicht, erstaunlich schlecht waren, Schweyks Schläue im Umgang mit der Diktatur konnte ihn innerlich nicht beruhigen. Er mußte sich als Gespenst seiner selbst vorkommen, weil er, zur Flucht zu stolz, unter der ihm längst fragwürdig gewordenen Fahne ausharrte. Nur ein besseres Ende des Krieges hätte ihn vor dieser Zwangslage bewahren können. Er war kein Verräter, aber ein Gefangener. Er wurde wieder zum Außenseiter, sein Gesicht bekam einen leichenhaften Zug. Der schlimmste Mißbrauch seiner Person war die Unterschlagung seiner kritischen Stellungnahme zur Unterdrückung des Berliner Juniaufstandes von 1953, von der die Öffentlichkeit nur die verbindliche Schlußformel zu sehen bekam. Nach seinem frühen Tod, der wohl mit dem Gram darüber zusammenhängt, kamen Gedichte ans Licht, die zeigen was er litt.“



Woche 45

Kinderhymne

1950 schreibt Brecht die Hymne und Hanns Eisler vertont sie - und Wolf Biermann leitet sie mit der Melodie der BRD-Hymne ein ...



Brecht schreibt seine Hymne bewusst als Gegenstück zum Deutschlandlied, das seiner Meinung nach durch Ersten Weltkrieg und die Nazis korrumpiert war.
Nationalhymne: "Deutschland, Deutschland über alles / über alles in der Welt"
Kinderhymne: "Und nicht über / und nicht unter / andern Völkern wolln wir sein"
Nationalhymne: "Von der Maas bis an die Memel / Von der Etsch bis an den Belt"
Kinderhymne: "Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein"

In der Zeit der Wiedervereinigung 1990 setzten sich einige Bürgerinitiativen und verschiedene Medien für die Kinderhymne als neue deutsche Nationalhymne ein - natürlich vergebens.

Stefan Heym zitierte sie zur Eröffnung des 13. Deutschen Bundestages im November 1994.

So klingt die Hymne, gesungen vom Komponisten





Woche 46

Die Verurteilung des Lukullus

Das Hörspiel "Das Verhör des Lukullus" schreibt Brecht 1939 kurz nach Kriegsausbruch, der Schweizer Sender Beromünser strahlt es 1940 aus.

Im Hades versucht der Feldherr vor dem Jüngsten Gericht sich damit zu rechtfertigen, er habe alles nur für Rom getan. Bilanz des Totenrichters: das wenige Nützliche, das Lukullus vollbracht habe, wiege seine Eroberungen nicht auf, „aber 80.000 schicktest du in den Orkus dafür“.
Deutlich kommt Brechts Ansicht zum Ausdruck, Geschichte sei aus Sicht der arbeitenden, nicht der herrschenden Menschen zu schreiben und zu bewerten.
1949, unter dem Eindruck der Nürnberger Prozesse, ersetzt Brecht die Schlussworte des ursprünglich offenen Endes („Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück“) durch den Urteilsspruch „Ins Nichts mit ihm“.

Paul Dessau komponiert 1951 die gleichnamige Oper auf das Libretto Bertolt Brechts, Uraufführung im selben Jahr, im Westen 1952.



Woche 47

Heißer Tag
Heisser Tag. Auf den Knien die Schreibmappe
Sitze ich im Pavillon. Ein grüner Kahn
Kommt durch die Weide in Sicht. Im Heck
Eine dicke Nonne, dick gekleidet. Vor ihr
Ein ältlicher Mensch im Schwimmanzug,
Wahrscheinlich ein Priester.
An der Ruderbank, aus vollen Kräften rudernd
Ein Kind. Wie in alten Zeiten! denke ich
Wie in alten Zeiten!

Heinrich Breloer, Regisseur des Dokudramas von 2019 über b.b.:
"Es ist in jedem Fall wichtig, dem viel zitierten Brecht auch auf der Bühne seines alltäglichen Lebens zu begegnen. Brecht hat einen Vorhang über sein persönliches Leben gesenkt. Aus den frühen Tagebüchern wurden Arbeitsberichte. Er hielt den Blick auf sich selber als Privatperson für überflüssig und uninteressant. Wichtig sein sollten nur das Werk und die Sache, für die es stand. Dagegen habe ich meine filmische Recherche auf den Zusammenhang von Arbeit und Leben konzentriert. Es hilft zu verstehen, wie Brecht in seiner Zeit zu seinen Ansichten gekommen ist. So kann er auch als kämpfender, leidender, zweifelnder, widersprüchlicher Mensch sichtbar werden."

Der Regisseur: „Ich habe immer wieder mit Brechts Tochter Barbara Brecht-Schall verhandelt, was nicht leicht war. Das Projekt wäre fast daran gescheitert, ich will das hier im Einzelnen nicht erzählen.
Wahrscheinlich wollte die Tochter Barbara das Bild des Vaters, an dem sie sehr hing, vor jeder Kritik beschützen. Das ist ja verständlich. Aber mein Ansatz war: Ein Denkmal wird lebendig, kommt vom Podest und man kann dem Menschen Brecht begegnen. Vielleicht war ihr diese Vorstellung nicht geheuer“
Wer sonst nicht das Geringste über Brecht weiß, hat von den vielen Frauen gehört, die er – je nach Betrachtungsweise – ge- oder missbraucht, ausgebeutet, geschwängert, geheiratet oder zu Grunde gerichtet hat. Ohne die er nicht sein konnte und ohne die es seine Werke nicht gegeben hätte.
Mala Emde: Paula Banholzer "Bi"
Friederike Becht: Marianne Zoff
Leonie Benesch: Elisabeth Hauptmann
Lou Strenger: Helene Weigel
Jede dieser vier Frauen glänzt auf ihre Art, und lustig sind sie auch. Man versteht vollkommen, wieso Brecht sie haben wollte, nur wie er sie herumgekriegt hat, versteht man nicht.
Brecht als Regisseur:
Brecht nimmt einen Vorschlag der jungen Schauspielerin Käthe Reichel auf, die gerade die Gretchenszene "bin weder Fräulein weder schön" probt. Während er ihr vormacht, wie sie nach dem Satz zuerst weggehen, dann, nach ein paar Schritten, plötzlich denken "Da ist was passiert! Das wird mein Leben verändern!" und sich erschrocken zu Faust zurückdrehen soll, weiß man: genau in dieser Sekunde hat Brecht sie verführt. Man sieht aber auch: genauso muss sie die Szene spielen! Er demonstriert ihr, wie das Begehren aufflammen soll: mit Verzögerung, aber dann wie ein Blitz, sie macht es nach, fühlt es, und schon "hat" er sie. Schauspielerin und Frau stecken im selben Körper. Er hat die junge Frau, die ihn gerade noch körperlich abstoßend fand, vor aller Augen dazu gebracht, ihn zu wollen. Und er hat gleichzeitig das, was er da zwischen ihnen angezündet hat, benutzt, um einen magischen Theatermoment zu erschaffen.

Hat Brecht seine Macht missbraucht? Als Mann aber auch als Regisseur? Ist das zu trennen? Waren die Verhältnisse schuld? Hätte ein Einzelner soviel Macht gar nicht haben dürfen? Aber musste er sie nicht haben, er, das Genie, der gegen alle Widerstände eine neue Art des Theaters durchsetzen wollte?
Man erlebt, wie Brecht und Weigel sich durch die entsetzliche Dummheit der Nomenklatura durchlavieren müssen. Erschütternde Szenen: Martin Pohl, einer der Meisterschüler, ist nach zwei Jahren Haft entlassen worden und sitzt nun Brecht gegenüber. Er erzählt, dass er gefoltert wurde und ein falsches Geständnis abgelegt hat. Brecht braust auf, ehrlich erschüttert, will sofort ganz oben intervenieren. Pohl sagt erstaunt, das hätten doch aber alle gewusst. Und es wird klar, dass Brecht es tatsächlich gewusst haben muss, nichts unternommen hat, und es so vollkommen verdrängt hat, dass er jetzt wirklich entsetzt war.
Brechts Verhalten beim Aufstand vom 17. Juni:
Es schnürt einem die Brust ab, zu sehen, wie Brecht und Weigel und alle Mitarbeiter, die nach und nach zu ihnen stoßen, in diesem wahnsinnigen Zwiespalt stecken, beim Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuwirken, einem neuen Theater, das wahrhaftiges Lehrtheater wäre, in dem alle voller Lust herausfinden könnten, wie das Leben der Menschen besser werden könnte – während rundherum das Experiment "real existierender Sozialismus" zur Diktatur verkommt und sie ständig die Augen verschließen müssen, um ihre Position zu halten.
Was hat Brecht getan, um für sich und die Seinen zu erreichen, was er wollte? Man sieht Kompromisse, die er eingegangen ist, zum Teil furchtbare Kompromisse und dass er gewonnen hat. Dass er daran krepiert ist. Soll man ihn verurteilen? Soll man ihn freisprechen? Hätte er besser handeln können? Wie?

An Brecht ist beinahe alles Provozierende vergangen, seine Belehrungswut ebenso wie seine politischen Irrtümer. Vergangen ist, wogegen er provozierte, preußischer Militarismus, deutsches Spießertum, gemütserhebende Kunst. Der real existierende Sozialismus hat sich verflüchtigt, und sogar der Kapitalismus ist nicht mehr wie zu Brechts Zeiten, eher schlimmer.
Nach heutigen Maßstäben ist b.b. der Erotiker und Erotomane, gewissermaßen das prototypische Feindbild der #Me-Too-Bewegung, der den Ur-#aufschrei auslösende weiße alte Mann. Übergriffe in der Aureole der autonomen Kunst gesteht man heute keinem Kiinstler mehr zu. Er hingegen blieb bis zuletzt ein großer baalschet Vernascher - also auf den Index mit ihm?
Breloer arbeitet die Ambivalenzen heraus, es war nicht alles schlecht im Bette Brechts.
Aber der erotische Menschenfresser Brecht erregt heute größeren Anstoß als der zögerliche Mikropolitiker des Theaters in der DDR. Jede Epoche bekommt genau den Brecht, den sie braucht.





Woche 48

Buckower Elegien

Auf seinem Landsitz am Schermützelsee in der Märkischen Schweiz entsteht nach den Ereignissen des 17. Juni 1953 der Gedichtzyklus "Buckower Elegien". Brecht ist der Auffassung, dass der Aufstand von "Gestalten der Nazizeit" und "deklassierten Jugendlichen" aus dem Westen unterwandert gewesen und die Arbeiterklasse vom "Klassenfeind" aufgehetzt worden sei.
Er genießt seine Privilegien, die er gegenüber den arbeitenden Menschen in der DDR hat und beschäftigt sich mit persönlichen Themen und allgemeinen philosophischen Fragen.
Publiziert in der heutigen Form erstmals 1964.



BEIM LESEN DES HORAZ

Selbst die Sintflut
Dauerte nicht ewig.
Einmal verrannen
Die schwarzen Gewässer. Freilich, wie wenige
Dauerten länger!

Horaz Ode I, 2
Iam satis terris niuis atque dirae
grandinis misit Pater et rubente
dextera sacras iaculatus arces
terruit Vrbem,

terruit gentis, graue ne rediret
saeculum Pyrrhae noua monstra questae,
omne cum Proteus pecus egit altos
uisere montis,

piscium et summa genus haesit ulmo,
nota quae sedes fuerat columbis,
aequore dammae.

Vidimus flauom Tiberim retortis
litore Etrusco uiolenter undis
ire deiectum monumenta regis
templaque Vestae,

Ode III, 30.
Exegi monumentum aere perennius ...




Woche 49

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

Brecht schreibt das in Erwartung des "Neuen Kurses" (Radwechsel), den Ulbricht versprochen hat, nachdem er sich geweigert hatte, die Verantwortung zu übernehmen und zurückzutreten, damit der versprochene Sozialismus endlich nicht als der befohlene, sondern als der von unten, mit der „Weisheit des Volkes“, aufgebaut werden könnte. Leere Versprechung? Musste der Sozialismus, der eben nicht aufgebaut wurde, am Ende „real existierend“ genannt werden, weil er nicht real existierte, sondern nur eine Missgeburt war?



Die Kelle

Im Traum stand ich auf einem Bau. Ich war
Ein Maurer. In der Hand
Hielt ich eine Kelle. Aber als ich mich bückte
Nach dem Mörtel, fiel ein Schuss
Der riss mir von meiner Kelle
Das halbe Eisen.

Schildert Brecht hier die Sicht des Bauarbeiters auf die Ereignisse des 17. Juni? Steht der Bau für den Aufbau des Sozialismus? Rührt der Schuss in die Kelle vom Aufstand her, der die Aufbauarbeit durch die Revolte behindert? Oder von den sowjetischen Panzern?
Sieht Brecht sich selbst im Traum als Arbeiter? Soll das Wegreißen nur des halben Eisens bedeuten, dass der Aufbau nur unterbrochen ist? Und Voraussetzung für eine Fortführung des Aufbaus "die so dringliche große Aussprache über die allseitig gemachten Fehler" ist?

Der Einarmige im Gehölz

Schweißtriefend bückt er sich
Nach dem dürren Reisig. Die Stechmücken
Verjagt er durch Kopfschütteln. Zwischen den Knieen
Bündelt er mühsam das Brennholz. Ächzend
Richtet er sich auf, streckt die Hand hoch, zu spüren
Ob es regnet. Die Hand hoch
Der gefürchtete SS-Mann.

Ein offenbar Kriegsversehrter sammelt im Wald Holz für den Winter. Wir haben wegen der Strapazen, die er auf sich nehmen muss, Mitleid. Der letzte Vers aber erzeugt Erschrecken: durch den Hitlergruß enttart er sich als SS-Mann.
Aktueller denn je: Asylantenunterkünfte brennen ...
„Reisig“ und „Brennholz“ werden gesammelt, die Nazis sind seit Reichstagsbrand, Pogromnacht und Bücherverbrennungen Brandstifter. Sammelt der Einarmige Reisig, um wieder zündeln zu können?
Die Furcht vor dem SS-Mann ist keine bloße Wahnvorstellung, sondern reales Problem. Der Mann ist unauffällig (versteckt er sich im Gehölz?), aber seine Hartnäckigkeit und Ausdauer, mit der er zu Werke geht, erregen unsere Besorgnis.





Woche 50

Bei der Lektüre eines sowjetischen Buches

Die Wolga, lese ich, zu bezwingen
Wird keine leichte Aufgabe sein. Sie wird
Ihre Töchter zu Hilfe rufen, die Oka, Kama, Unsha, Wetluga
Und ihre Enkelinnen, die Tschussowaja, die Wjatka.
Alle ihre Kräfte wird sie sammeln, mit den Wassern aus siebentausend Nebenflüssen
Wird sie sich zornerfüllt auf den Stalingrader Staudamm stürzen.
Dieses erfinderische Genie, mit dem teuflischen Spürsinn
Des Griechen Odysseus, wird alle Erdspalten ausnützen
Rechts ausbiegen, links vorbeigehn, unterm Boden
Sich verkriechen - aber, lese ich, die Sowjetmenschen
Die sie lieben, die sie besingen, haben sie
Neuerdings studiert und werden sie
Noch vor dem Jahre 1958
Bezwingen.
Und die schwarzen Gefilde der Kaspischen Niederung
Die dürren, die Stiefkinder
Werden es ihnen mit Brot vergüten.

Technikfeindlichkeit, Kritik, Skepsis. So zornerfüllt die Wolga, so zornerfüllt schon mancher Startbahn-, U-Bahn-, Eisenbahngegner, militante Tierschützer. Brecht verlässt sich auf die im Jahre 1953 neuerdings studierten Sowjetmenschen und deren gesellschaftliche Einflussmöglichkeiten in Angelegenheiten des Umweltschutzes.
Solange man träumen kann stand Brecht im Traum auf einem Bau. Er war ein Maurer. In der Hand hielt er "Die Kelle". "Aber als ich mich bückte / Nach dem Mörtel, fiel ein Schuss / Der riss mir von meiner Kelle / das halbe Eisen." Wie schon bei der Lektüre des sowjetischen Buches oder eines spätgriechischen Dichters - macht Brecht es sich einfach, auch hier im Traum, sich auf eine Art zweite und dritte Ebene zu begeben. Man hat mit der Hauptsache selbst direkt nichts mehr zu tun. Man hat nur davon gehört, gelesen oder geträumt. Spätere Ausreden vorprogrammiert, zumindest leicht möglich.

128 Kilometer lang ist der Moskau-Wolga-Kanal, der die Moskwa mit der Wolga, Europas größtem Strom verbindet.
Die Schiffe fahren über Leichen. Gebaut haben ihn hunderttausende Zwangsarbeiter. Auf ihren sterblichen Überresten stehen heute Wohnanlagen. Wie viele tote Kanalerbauer darunter begraben sind, kann keiner genau sagen. Etwa 22?000 Häftlinge sind beim Bau Wasserwegs und in den Lagern entlang der Strecke ums Leben gekommen.
Den Beschluss für den Kanal fasst das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei 1931. Die Arbeitskräfte sind Häftlinge des damals größten Lagers „Dmitlag“, wo in der Hochphase des Baus 1935/36 dort und in den Außenstellen fast 200?000 Menschen interniert sind.
Schaufeln, graben und hämmern müssen sie selbst bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Ohne Mittagessen, und im Scheinwerferlicht auch nachts. Viele überleben die harten Bedingungen und die schlechte Versorgung nicht. Andere kommen bei Arbeitsunfällen um. Massengräber entstehen in den Wiesen und Wäldern entlang der Strecke.
Erinnerung, die Ausmaße des Projekts und seiner Opfer deutlich machen würde, fehlt.
Dass das Gedenken an die Erbauer so schwerfällt, liegt am tragischen Ende der Arbeiten. Es fällt in die Zeit des Großen Terrors. Damals werden fast die gesamte Leitung des Kanalprojekts und des Lagers sowie ein großer Teil der Häftlinge als „Feinde der Sowjetunion“ erschossen. Und kurz darauf folgt die zweite Katastrophe, der Zweite Weltkrieg, als die Deutschen die Sowjetunion überfallen.





Woche 51

Tannen



In der Frühe
Sind die Tannen kupfern.
So sah ich sie
Vor einem halben Jahrhundert
Vor zwei Weltkriegen
Mit jungen Augen.

Mit 6 hat Brecht sie so gesehen, heute nicht mehr?
Nach zwei Weltkriegen, Exil, Teilung Deutschlands, sieht er im Kupferrot (Blut? Sozialismus?) subjektiv anderes.
Sonnenaufgang (Kindheit, früh, jung), jetzt ein halbes Jahrhundert später: Alter, erwachsen, Erfahrungen ...



Woche 52

Juli bis September 1953 arbeitet Brecht überwiegend an den "Buckower Elegien" und an "Turandot oder der Kongress der Weißwäscher". In dieser Zeit erlebt er mehrere persönliche Krisen im Zusammenhang mit seinen ständig wechselnden Liebschaften.

1954 eröffnet Brecht das Theater am Schiffbauerdamm mit Molières "Don Juan". Brecht in seinen letzten Lebensjahren: Zwei Inszenierungen pro Jahr als Regisseur, Mitarbeit an fast allen Inszenierungen anderer Regisseure des Berliner Ensembles sowie schriftstellerische Arbeiten jeglicher Art. Mit zwei Gastspielen, 1954 mit "Mutter Courage" und 1955 mit "Der kaukasische Kreidekreis" in Paris schafft sein Ensemble nun auch den internationalen Durchbruch.
Am 14. August 1956 Brecht stirbt Brecht.

Der Blumengarten

Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen
Hier, in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit
In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.









Hannah Arendt:
Reflexionen über Bert Brecht


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