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VERITATE [23h 31m +39° 14']
14 Andromedae

Stern Veritate (lat. in Wahrheit) ist Stern 14 im Sternbild Andromeda, ein Roter Riese, 249 Lichtjahre entfernt, unauffällig, aber bei mondlosem Nachthimmel und ohne Lichter gut erkennbar.
Veritate besitzt ein Planetensystem, in dem einer Spe (lat. in Hoffnung) heißt.





Wer Männer verstehen will, muss Bob Dylan hören. Denn Bob Dylan ist, was Männer sein wollen. Unberechenbar, eigen, unabhängig. Forever young. Sie wollen alberne Hüte aufsetzen, wie er, und Hemden mit scheußlichen Kragen tragen. Sie wollen seinen Puffgänger-Bart haben, weil sie den schön finden, klassisch eben. Sie wollen Holz hacken, sie wollen einfach jetzt mal nicht reden müssen.



Sie wollen in romantischen Momenten "Love Sick" hören.
Und nicht "Angel" von Robbie Williams. Sie verachten Cat Stevens irgendwie, obwohl sie ihm nichts vorwerfen können. Aber der ist eben nun mal ein Mädchenmusiker, auch als Muslim.
Männern ist es egal, was nach ihrem Tod passiert. Aber es soll bitte "Knockin' on Heaven's Door" bei der Beerdigung gespielt werden. Und "When the Deal Goes down" und "With God On Our Side" vielleicht, am liebsten unplugged.



Nein, sie würden niemals im Restaurant dem rumänischen Rosenverkäufer Geld für eine Marshall-Nile-Rose geben. Aber wenn sich ein dürrer Mr. Tambourine Man mit Klampfe und Mundharmonika in der Fußgängerzone an "It ain't me, babe" vergreift, dann werden sie weich. Es ist manchmal schwer für eine Frau, Männer zu verstehen. Noch schwerer aber ist es, das Männerphänomen Bob Dylan zu begreifen.
Für viele ist er ein Gott
Bob Dylan fühlt, wie Männer fühlen wollen. Für die ist Dylan der größte "Sänger" aller Zeiten. Und "Sänger" schreiben wir auch nur deshalb, weil uns der Begriff "Pop-Star" im Zusammenhang mit Robert Allen Zimmerman alias Dylan aus Duluth, Minnesota umgehend die Fatwa seiner Jünger einbrächte. Bob Dylan ist schon 1941 geboren, aber es ist ihm egal. Er sieht vollkommen bescheuert aus mit seinen verkrusselten Haaren, aber es ist ihm egal. Dylan ist für viele ein Gott, oder mindestens ein Heiliger. Er ist Kult. Bono von U2 und Wolfgang Niedecken von BAP wollten immer sein wie er - und auch das ist Bob Dylan egal.
Tournee. Auf dass die Gläubigen zu ihm pilgern, die Gefallenen, die Gebrochenen: Die, die eigentlich längst schon den Highway No.1 auf einer alten Harley hatten fahren wollen, es aber bis heute nur mit dem Family-Van auf die A1 geschafft haben. Sie tapern nun in hässliche Hallen und Säle. Es ist ihnen egal, wo der Meister die Lippen verzieht, um Töne, die in ihm wohnen, herauszuquälen. Um durch die Stimmbänder komplizierte Texte zu pressen, die sich jedem Schulenglisch entziehen. Jede Strophe ein neues Gedicht, schwärmen die Pilger. Und jedes Gedicht einen Literaturnobelpreis wert, sagen die, die ihm jedes Jahr aufs neuen diese Ehrung gönnen.

Unvergesslich, als der große Rebell Dylan sich anschließend vor den Zuschauern und danach mit einem tiefen Diener vor dem Nachfolger Petri verbeugte". Ein Treffen der Giganten!

Zionist, Katholik und Dessous-Werber. Motorrad-Fahrer, Weichei und Rebell, Liebhaber und Vater, Genie und Idiot. Bob Dylan war und ist immer alles zugleich. Er ist das männliche Prinzip in seiner ganzen Gen-Bandbreite. Einer, bei dem der liebe Gott dachte: Jetzt rühre ich einmal alles zusammen und gucke, was herauskommt. Vielleicht ist Dylan ja auch ein Zyniker, einer, der sich zeitlebens lustig machte über die Deppen, die versucht haben aus den kryptischen Antworten schlau zu werden, die er Journalisten auf kryptische Fragen gab. Ein Kotzbrocken, der Lust daran verspürte, jene, die ihm zujubelten, immer wieder zu enttäuschen. Er nahm vierzig oder fünfzig Alben auf, manche sollen nach Aussagen der Experten grottenschlecht gewesen sein, schlechter als manche seiner Konzerte. Verkauft wurden sie trotzdem. Er sprach gelegentlich so ami-manieriert, so leidend, so angeekelt von der Welt, dass man sich persönlich bei ihm für alles entschuldigen wollte.

Die Folksängerin Joan Baez, mit der Dylan als sehr junger Bob einst eine Liebesbeziehung hatte, hat seine Masche, dieses schwere, vokale Georgel, in einem Dokumentarfilm von Martin Scorsese wunderbar parodiert. "How does it feel, To be on your own, With no direction home, Like a complete unknown, Like a Rolling stone?" Schmerzgesicht, Stimme quetschen, Wörter in die Länge ziehen. Neulich hat der Schauspieler Sylvester Stallone in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" verraten: "Bob Dylan boxt. Er hat zwischen Santa Monica und Venice ein eigenes Gym - und da boxt er. Ich schwör's!" Das ist doch unfassbar!



Er ist der letzte lebende Held jedes ernst zu nehmenden Mannes. Wer Dylan nicht mag, nicht hört, nicht wenigstens eines seiner eigentlich unsingbaren Stücke nachsingen kann, soll doch wieder zu Mama ziehen, ins alte Kinderzimmer; sollte noch einmal ganz von vorne anfangen. Irgendwo bei der ersten Klassenfahrt, bei "The answer my friend is blowing in the wind" auf der letzten Bank des Reisebusses, der einen in die Jugendherbergen der Eifel, des Sauerlandes oder an die Plöner Seenplatte brachte. Sollte am Lagerfeuer der ersten Freundin "Lay Lady Lay" vorsingen, und in besetzten Häusern "The Times They Are A-Changin'" knödeln. Nur mal so zum Anfang.

Bei der ersten Trennung sollten Dylan-Anfänger dann nach Hause gehen und "Don't think twice, it's all right" auf dem iPod anklicken. Das tröstet über jede verlorene Freundin hinweg. Oder "Shelter from the Storm".



Schön klebriges Songwriter-Karamell: "Plötzlich drehte ich mich um und sie stand da. Mit silbernen Armbändern an den Handgelenken und Blumen in den Haaren. Sie kam so würdevoll auf mich zu, sie nahm mir die Dornenkrone ab, sie sagte: Komm rein, ich beschütze dich vor dem Sturm".
Und später, wenn ihr dann endlich Chefs und richtige Herren geworden seid, ihr Männer aus Pöseldorf, Münster und Köln, dann springt bei der Weihnachtsfeier Eurer kleinen Firma auf die Bühne, schnappt Euch das Mikrophon und ruft in den Saal: "Bitte, bitte, werdet niemals alt, Leute!"

Bob Dylan ist eine Mundharmonika spielende Legende, eine Ikone, der ewige Star. Er ist der letzte große Männer-Mythos. Er bleibt forever young. Wir werden ihn nie, nie ganz begreifen. Aber wir glauben an ihn - ob wir wollen oder nicht.

Ulrike Posche

Und der Gott mal auch noch?







Nachworte:
Wolfgang Niedecken :"Bob Dylan ist der Polarstern"

FAZ: Ist die Welt jetzt verrückt geworden? Der bedeutendste Solokünstler, den die Rockmusik, ja, die Unterhaltungsmusik überhaupt hervorgebracht hat, bekommt den Literaturnobelpreis. Damit ist wenigstens die eine, seit langem gestellte Frage beantwortet: Kann der Autor von Lyrik, die eher nicht fürs leise oder laute Lesen geschrieben, sondern fast immer zusammen mit der ebenfalls von diesem Autor stammenden Musik gehört wird, mit dieser Auszeichnung überhaupt bedacht werden?

Ein Leser: Zum Glück bin ich kein Schüler mehr. Mir tun die armen zukünftigen Gymnasiasten jetzt schon leid, die das pathetische Geschwurbel von Dylan übersetzen und lernen dürfen. Zu meiner Schulzeit (80er Jahre), war es Bertold Brecht, der uns zu den Ohren wieder rauskam. Auch im Musikunterricht (Dreigroschenoper). Er war eine Art fossiler PräDylan, falls es sowas überhaupt gibt, denn Dylan ist natürlich selbst ein Fossil. So hat das Nobelkomittee mal wieder für Nachschub an Langeweile gesorgt.