St. Petersburg
Oktober 2018



St. Petersburg

5 Mill. Einwohner, zweitgrößte Stadt Russlands, viertgrößte Europas

Geschichte

Dass Peter d. Gr. seine zukünftige Hauptstadt in einer unbewohnten und öden Sumpflandschaft an der Newa-Mündung gründen wollte, ist ein Mythos.

Es gab dort die schwedische Festung Nyen, die die Russen eroberten.

1703 legt Peter im Newa-Delta den Grundstein für die Peter-und-Paul-Festung zur strategischen Absicherung der Newa-Mündung. Die äußeren Bedingungen für eine Stadtgründung waren denkbar ungeeignet. Dennoch will Peter hier seine neue Hauptstadt errichten.
Ab 1706 setzt er durch Zwangs- rekrutierung von 30.000, 1707 von 40.000 Leibeigenen seinen Plan mit Nachdruck und unglaublicher Rück- sichtslosigkeit in wenigen Jahren um. Zehntausende von Zwangsarbeitern und Leibeigenen sterben an Sumpffieber, Skorbut, an der Ruhr oder einfach an Hunger und Entkräftung.
Da große Teile der Stadt auf Pfählen im Boden errichtet sind, sprechen viele Leute davon, dass St. Petersburg eigentlich auf Skeletten ruht.
Den russischen Adel beordert Peter nach Sankt Petersburg. Die Familien müssen auf eigene Kosten mit ihrem gesamten Haushalt in die Stadt ziehen.

1712 erklärt Peter der Große Sankt Petersburg anstelle von Moskau zur Hauptstadt seines Kaiserreichs.

Handwerker und Ingenieure aus ganz Europa, insbesondere aus Deutschland und den Niederlanden, machen die neue Hauptstadt von Anfang an zu einem Zentrum europäischer Technik und Wissenschaft.

Katharina d. Gr. (1729–1796) öffnet das Reich weiter verstärkt nach Westen, holt Künstler und Architekten nach St. Petersburg. Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jhts erlebt die Stadt eine Blütezeit, vorerst vor allem auf kulturellem, später auf wissenschaftlich-technischem Gebiet.

Die Aufhebung der Leibeigenschaft durch Kaiser Alexander II. sorgt ab 1861 dafür, dass zahlreiche Menschen in die Stadt einwandern. Die Bevölkerungszahl schnellt innerhalb weniger Jahre empor.

Bis 1918 finden in der Soldaten- und Regierungsstadt alle wichtigen Revolten der russischen Geschichte statt, die langfristig zur Gründung der Sowjetunion führen.

Startsignal für die Oktoberrevolution 1917 gibt ein Schuss des Kreuzers Aurora im Petrograder Hafen.

Lenin erklärt Moskau zur sowjetischen Hauptstadt. Die Bevölkerung sinkt innerhalb weniger Jahre erheblich durch Bürgerkrieg und Statusverlust, die gesamten Regierung und Verwaltung zieht nach Moskau um.

Nach dem Tode Lenins benennt der Rätekongress 1924 die ehemalige Zarenstadt in Leningrad um.

1934 lässt Stalin den Leningrader Parteichef Sergei Kirow in seinem Büro, 1940 Leo Trotzki im mexikanischen Exil ermorden.

Während des Zweiten Weltkrieges belagern deutsche Truppen 871 Tage lang die Stadt, über eine Mill. Zivilisten sterben.
Hitler:
Der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden verschwinden zu lassen. Es besteht nach der Niederwerfung Sowjetrusslands keinerlei Interesse am Fortbestand dieser Großsiedlung.
Die Deutschen vernichten durch Luftan-griffe einen Großteil der Nahrungsmittel-vorräte, zudem bricht der Winter unge-wöhnlich früh ein und der Abwurf gefälschter Lebensmittelbezugsscheine aus Flugzeugen der Wehrmacht tut ein Übriges. Es herrschen Temperaturen von –40°, Heizmaterial ist äußerst knapp. Allein im Dezember 1941 sterben rund 53.000 Menschen - viele von ihnen fallen einfach vor Entkräftung auf der Straße um.

Etwa 150.000 Artilleriegeschosse und 100.000 Fliegerbomben feuern die Deutschen auf die Stadt. Bei Versuchen der Roten Armee, die Belagerung zu sprengen, kommen etwa 500.000 sowjetische Soldaten ums Leben.

Die Behandlung Leningrads nach dem Zweiten Weltkrieg ist widersprüchlich. Einerseits ist die Stadt zum Symbol von Widerstandswillen und Leiden im Krieg geworden – andererseits toben Machtkämpfe zwischen Leningrader und Moskauer Funktionären noch bis in die 1950er-Jahre hinein.

1991 sprechen sich 54 % der Bevölkerung für die Rückkehr zum historischen Namen aus.

2003 weihen Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder das rekonstruierte Bernsteinzimmer ein.

2017 tötet ein Terroranschlag 14 Menschen in einem Zug in der Metro.









Und im Übrigen startet von St. Petersburg aus, wo er sich vier Jahre aufhielt, wie W. G. Sebald in seinem Elementargedicht "Nach der Natur" schreibt, Georg Wilhelm Steller aus Windsheim seine Teilnahme an der berühmten Zweiten Kamtschatka-Expedition, nachdem er in den botanischen Gärten des Marinehospitals den Patriarchen von Novgorod getroffen hat, der ihm berichtet, Gott sei auf einmal und wie aus heiterem Himmel auf einem Lungenkrautblatt entstanden, siehe








































Eremitage

Allein wenn man nur davor steht, ist man schon überwältigt.
Die Eremitage zählt zu den größten und bedeutendsten Museen der Welt. Einen gewaltigen Grundstock legt Katharina d. Gr. mit ihrer Sammel- und Kauftätigkeit, ihre Nachfolger erwerben weiter in der ganzen Welt. Später kommen die Sammlungen des Petersburger Adels hinzu.
Heute besitzt die Eremitage fast 3 Millionen Kunstwerke, von denen nur rund 2 % ausgestellt sind: 60.000 (Louvre etwa 35.000).
Die Rechnung ist einfach: Wenn wir alle gezeigten Werke sehen wollen und vor jedem einzelnen auch nur 1 Sekunde verweilen, dauert unser Besuch knapp 17 Stunden.
"Und all diese Herrlichkeiten nur für mich und die Mäuse des Palastes" soll Katharina d. Gr. angesichts ihrer riesigen Kunst-sammlung kokettiert haben. Vermutlich aber wollte sie die Schätze doch lieber allein genießen, jedenfalls soll sie ein Heer von Katzen eingesetzt haben, um die Mäuse auszuschalten. Angeblich haben die Nachfahren dieser Katzen bis zur Leningrader Blockade den Palast bevölkert, die Blockade überlebten sie nicht.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde auf das bewährte samtpfotige Wachpersonal zurückgegriffen: Heute sollen es wieder über 50 Katzen sein, die in der Eremitage ihren festen Wohnsitz haben und gefüttert werden.

Wir haben uns beschränkt; hier eine kleine Auswahl an Highligts:


Und um gleich mit dem uns am meisten beeindruckendsten Stück anzufangen:
Die Pfauenuhr, ein mechanisches Wunder und handwerkliches Kunstwerk.






Generalstab gegenüber


Alexandersäule




Alles Malachit




Alles Boden


Alles Bücher


Alles Elfenbein















Eherner Reiter

Ein sagenhaftes Denkmal mit unglaublicher Geschichte ...

Das berühmteste Denkmal Peterburgs steht auf einem Felsblock von 16t. Um ihn an Ort und Stelle - über 22km! - zu transportieren, baute man einen Riesenschlitten mit Metallkugeln und zog den Koloss auf Holzschienen Meter für Meter über Land, was 22 Monate dauert ...
Mit dem Reiterdenkmal Peters d. Gr. erweist Katharina d. Gr. dem Stadtgründer ihre Referenz - und ganz beiläufig auch sich selbst und lapidar:

PETRO PRIMO
KATHARINA SECUNDA
MDCCLXXXII

Peter auf dem sich aufbäumenden Pferd zertritt eine Schlange: das besiegte Schwedenreich. Seine Rechte weist auf die Sümpfe im Norden, sein Blick gleitet über die Newa aufs offene Meer.
Der Eherne Reiter ist Genius loci von Petersburg. Peter steht für Heroismus, aber auch für Grausamkeit. Wer sich ihm in den Weg stellt, den zertritt er wie eine Schlange. Mit der Stadtgründung hat er die Natur herausgefordert, aber wird diese sich nicht rächen? Diese Ambivalenz drückt Puschkins berühmtes Gedicht aus, das heute jedes Petersburger Kind auswendig kennt. Es spielt auf die große Überschwemmung von 1824 an.
Der Held, ein kleiner Verwaltungsbeamter, hat bei der Überschwemmung seine Braut verloren und verflucht den hochmütigen Stadtgründer, der keine Dämme gebaut hat. Der eherne Reiter wird lebendig, setzt dem armen Mann zu Pferde nach und treibt ihn in den Wahnsinn.







Brautleute schätzen die Gegend als Hintergrund
für den obligatorischen Kuss



300 Brücken zählt Petersburg. Die Anitschkow-Brücke über die Fontanka, einen Seitenarm der Newa, auf dem Newkij-Prospekt ist wohl die berühmteste. Die vier imposanten, muskulösen bronzenen Rossbändiger an den Brückenköpfen sind ein Werk des deutsch-baltischen Bildhauers Pjotr Klodt.






1941 vergruben die Leningrader die Skulpturengruppe, um sie vor einer möglichen deutschen Zerstörung zu retten. So wichtig war ihnen das Kunstwerk.









Hauptattraktion: Kathedrale











Dreiplattformfregatte БЛАГОДАТЪ Blagodat (Wonne) vom Stapel gelassen unter
Zar Paul I. (1751 - 1801), größtes Schiff der russischen Marine


Peterhof











Alt Piter zuzeiten
reibt den Leuten die Seiten
















Wiktor Wekselberg
geboren 1957 in der Ukraine, Vater Jude, Mutter Russin, lebt in der Schweiz. Der Oligarch mit seinem Vermögen von 13,4 Milliarden US-$ nimmt Rang 99 der reichsten Menschen und Rang 9 der reichsten Russen ein.
Nach Boris Jelzins Wiederwahl beteiligt sich Wekselberg an den Staatsbetriebversteigerungen. Auf Druck Putins muss TNK-BP, an der Wekselberg betetilgt ist, ihren Anteil am Gasfeld Kowytka deutlich unter Wert an Gazprom verkaufen.
RUSAL, dessen Aufsichtsratschef er ist, hat einen globalen Marktanteil von beinahe einem Fünftel, sein Wert wird auf etwa 25 Mrd. US-$ geschätzt.
Seit Anfang September 2016 laufen gegen „T Plus“ (früher TNK) Ermittlungen wegen Bestechung in den Jahren 2007–2014.
2007 kauft Wekselberg „die teuerste Immobilie Kroatiens“ - eine gründerzeitliche Prachtvilla im Zentrum von Dubrovnik. Charles Crane rettete die Glocken des Danilow-Klosters vor dem Einschmelzen durch die Bolschewiken - Wekselberg schenkt 1 Mio. US-$, um ihre Rückführung in das Danilow-Kloster zu finanzieren und Ersatzglocken zu gießen.
Das Eidgenössische Finanzdepartement eröffnet Verwaltungsstrafverfahren gegen Wekselberg und seit 2018 steht er auf der Sanktionsliste der US-Regierung. Seine Vermögenswerte in den USA sind eingefroren, bei Schweizer Banken soll Privatvermögen von zwei Milliarden Schweizer Franken blockiert sein.












Alexander "Newski" (Sieger in der Schlacht an der Newa), von der Kirche heilig gesprochen, soll unverweslich sein.
1922, als die Kommunistische Parteiführung der Stadt im Beisein des orthodoxen Klerus von Journalisten Fotografen und rund 300 weiteren Personen den Reliquienschrein öffnen lässt, zeigt sich die Wahrheit:
Vor laufender ist die Mär ein für alle mal zu Ende: Tatsächlich findet man nur noch Aleanders Gebeine sowie eine schwarze Mönchskutte ...




Und ein interessantes Nachwort aus der ZEIT von 1990:














































Moskau