... a rather obscure German writer called Konrad Bayer, who was one of the young surrealists, as it were-postwar surrealists who'd been kept down by the famous Gruppe 47 - and who subsequently took his own life. He'd only written a number of very slender little things, among them was a book called "The Head of Vitus Bering," and that had in it a footnote referring to an eighteenth-century German botanist and zoologist called Georg Wilhelm Steller, who happens to have the same initials that I have, and who happened to have been born in a place that my mother visited when she was pregnant, in 1943, when she was going from Bamberg, which is in the north of Bavaria, down to the Alps, where her parents were, because the bombers were coming in increasingly. She couldn't go through Nürnberg, which is the normal route, because Nürnberg had just been attacked that night and was in flames. So she had to go around it. And she stayed in Windsheim, as that place is called, where a friend of hers had a house.

(Interview W.G.Sebald, The New Yorker, 3.9.2001)

Solche plötzlichen, beinahe epiphanischen Erkenntnismomente finden sich des Öfteren auch in Sebalds Erzähltexten. In anderen Interviews leitet er seine Bricolage mit Texten, Fotos und sonstigen Dokumenten aus seiner spielzeuglosen Nachkriegskindheit ab oder verortet den Beginn seiner Schriftstellerei so exakt wie abstrus in der fränkischen Kleinstadt Windsheim, in dem sich seine mit ihm schwangere Mutter 1943 während der Bombenangriffe auf Nürnberg aufgehalten habe: Den Anstoß zu seiner ersten größeren literarischen Veröffentlichung Nach der Natur habe dann die Entdeckung gegeben, dass der Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller 1709 in Windsheim geboren sei und zudem die gleichen Initialen wie W. G. Sebald trage. Es ist an solchen Stellen schwer zu entscheiden, ob Sebald sein literarisches Werk noch kommentiert oder es bereits weitererzählt.

(Auf ungeheur dünnem Eis S. 272f.)




Steller entdeckt ihn als erster: Ein Vogel, der nur in Nordamerika beheimatet ist. Der Nebel reißt auf: Backbord voraus eine hohe Insel, Alaska! Amerika!

Sie sind über Land gekommen, Tausende Kilometer durch lichte Wälder, sumpfige Weiten, gequält von Kälte, gezeichnet von Entbehrungen. Von St. Petersburg bis an den Pazifik, 14.000 Kilometer. Bauen Schiffe, segeln los, Kurs Ost.

Steller, 32, der Forscher aus Franken brennt darauf, sofort an Land zu gehen, die Insel mit dem steilen Berg zu erkunden. Kein Europäer vor ihnen hat diese Weltengegend je betreten. Vitus Jonassen Bering, 60, verbietet den Landgang. Der Käpt'n aus Dänemark ist am Ziel, er hat Sibirien erkundet, den Seeweg von Asien nach Amerika entdeckt - Beringstraße heißt die Meerenge heute. Er will nur Trinkwasser bunkern, dann Anker lichten und zurück: "Für ein paar Kräuter an Land gefährden wir nicht das Leben unserer Matrosen". (Und 1736 hat der deutsche Professor Müller dem Dänen Bering streitig gemacht, als erster die Beringstraße durchfahren zu haben: schon 80 Jahre zuvor tat das Semjon Deschnjow, ein russischer Pelztierhändler).

Steller geht doch noch an Land.

49 Jahre später erzählt ein alter Indianer auf der Aleuteninsel Kay Island einem russischen Kapitän: "Ich war ein Junge, als ein Schiff in die westliche Bucht einfuhr. Wir rannten alle fort. Erst als das Schiff wegsegelte, kehrten wir wieder zurück zu unserem Vorratsraum in der Grube."

Der Schwarzkopfhäher, den Steller gesichtet hat, heißt nach ihm: Cyanocitta stelleri, so, wie noch viele andere Tiere und Pflanzen ...






Georg Wilhelm Steller

1709 bis 1746




Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.


Während seiner Forschungsreise legt er mindestens 20.000 km zurück. In Botanik, Zoologie, Mineralogie, Ethnologie und Pflanzenheilkunde ist er seiner Zeit weit voraus. Zahlreiche Tiere sind nach ihm benannt. Universelle Bildung und enormer Fleiß, Unerschrockenheit und Tapferkeit, Genauigkeit und Glaubwürdigkeit des wissenschaftlichen Werks machen ihn zum herausragenden Naturforscher seiner Zeit. Hydrodamalis gigas, das nach ihm benannte Wesen, ist ausgestorben und er fast vergessen, in tragischer Weise der Möglichkeit beraubt, die Früchte seiner übermenschlichen Anstrengung zu ernten. Auch existiert kein Bild von ihm . . .
Am 10. März 1709, einem Sonntag, geboren, erblickt er zunächst nicht das Licht der Welt. Die Hebamme erklärt ihn für tot. Eine Freundin der Mutter nimmt den Säugling vom Leichenbrett, bearbeitet ihn mit warmen Tüchern, nach einer halben Stunde tut er seinen ersten Schrei und erblickt dann doch noch das Licht der Welt.
Am 12. November 1746 in Tjumen/Westsibirien erliegt Steller im Hause zweier deutscher Wundärzte dem hitzigen Fieber. Der Lutheraner wird außerhalb der Friedhofsmauern beerdigt, Räuber legen die Leiche frei, man begräbt ihn zum zweiten Mal; wenig später überschwemmt der Fluss Tura das Grab.
Zwei Mal ist er Hunderte von Kilometern zurückgeschickt worden. Man beschuldigt ihn, die Bevölkerung Kamtschatkas aufgewiegelt zu haben.
Fürsorglichkeit, praktische Vernunft, ärztliches und seelsorgerisches Können des fränkischen Forschers haben der Besatzung der "St. Peter", während eines langen Winters auf einer menschenleeren Insel gestrandet, das Überleben gesichert.



(Nach der Natur S. 35ff)

Der aus Windsheim in Franken
gebürtige Georg Wilhelm Steller
stieß im Verlauf seines Studiums
an der Universität Halle wiederholt
auf die in die Intelligenzblätter eingerückte Nachricht,
daß die russische Zarin Anstalten treffe,
im Zuge der Erweiterung ihres Reichs
eine Expedition von noch nie dagewesenem Ausmaß
unter dem Oberkommando des Vitus Bering,
dessen Kopf zirka zweieinhalb Jahrhunderte später
zu unserem Entsetzen noch einmal
in der Literatur auftaucht,
an die pazifischen Küsten zu entsenden,
damit von dort aus der Seeweg
nach Amerika in Erfahrung gebracht werde.








Georg Wilhelm Steller, eigentlich Stöller, geboren in

Freie Reichsstadt

als viertes Kind des Kantors am Gymnasium und Organisten der Stadtkirche und seiner Frau Loysa Susanna, studiert nach dem Besuch des Windsheimer Gymnasiums als Stipendiat Theologie in Wittenberg. Als Abiturient hat er eine Rede über den Nutzen der Physik nebst Bemerkungen über Donner und Blitz gehalten.

Als seine Heimatstadt nach einem Großbrand das Stipendium streicht, ist Georg Wilhelm die ungeliebte Theologie los, geht nach Leipzig, Jena und Halle, wo er Lehrer an der lateinischen Schule des Waisenhauses wird und Vorlesungen über Botanik hält. 1734 legt er sein Examen als Arzt ab. Da er kaum Chancen auf eine Karriere in Preußen sieht, geht er nach Russland, wird Wundchirurg im russischen Heer - während des Polnischen Erbfolgekriegs ist eine Einheit in Danzig stationiert. Unter der Bedingung der freien Überfahrt übernimmt er die Verpflichtung, einen Transport kranker und verwundeter Russen nach St. Petersburg zu begleiten, gegen Ende des Jahres 1734 läuft das Schiff in den Hafen von St. Petersburg ein. Mit Hilfe des deutschen Inspektors des botanischen Gartens wird er Arzt im Hause des ehemaligen Erzbischofs von Nowgorod, Feofan Procopowitsch.







Bilder von dieser Entdeckungsreise
verdichteten sich in der Phantasie Stellers,
der, als Sohn eines Kantors mit einer schönen
Tenorstimme begabt und einem christlichen
Stipendium versehen, zunächst
in Wittenberg gewesen, dann aber
der Theologie abtrünnig geworden und
zur Naturwissenschaft übergelaufen war,
allmählich derart, daß er während der Disputationen,
die er auf das glänzendste absolvierte,
an nichts anderes zu denken vermochte
als an die Formen der Fauna und Flora
jener Weltgegend, in der Osten
und Westen und Norden Zusammentreffen,
und an die Kunst
ihrer Beschreibung.



Obschon es hieß, daß ihn die Obrigkeit
in kürzester Frist auf den Lehrstuhl
für Botanik berufen und somit
in der bürgerlichen Societät
akkreditieren werde, ging Steller,
mittellos, wie er war, und kaum
mehr als seine Notizbücher in der Tasche,
bereits an dem auf das Rigorosum
folgenden Tag mit der Post
nach der von russischen Truppen
belagerten Stadt Danzig,
wo er sich als medizinischer Assistent
auf einem Packboot anheuern ließ,
das einige hundert Invalide
nach Rußland zurückbringen sollte.

Als das Schiff auslief aus der Danziger Bucht,
stand Steller, der die See
zum erstenmal sah, eine Zeitlang an Deck,
verwunderte sich über die Fahrt
auf dem Wasser, über Gewalt und Gewicht,
über das Salz in der Luft und
das unterm Kiel in die Tiefe
gebannte Dunkel. Zur Linken
den äußersten Punkt der Putziger Nehrung
rechts die dem frischen Haff vorgelagerte Landzunge,
ein leicht grauer Strich, endlos
vergehend in einem noch leichteren Grau.
Dieses dahinter war Deutschland gewesen,
kam es ihn an, seine Kindheit,
die Wälder von Windsheim,
langwierig in der Jugend
das Erlernen der alten Sprachen:
perscrutamini scripturas,
soll das nicht heißen,
perscrutamini naturas rerum?



Kronstadt, Oranienbaum, Peterhof
und zuletzt in der torricellischen Leere
ein vierunddreißigjähriger Bastard,
ausgesetzt im Sumpfdelta der Newa,
St. Petersburg unter der Festung,
die neue russische Hauptstadt,
grauenerregend für einen Fremden,
nichts als ein aufbrechendes Chaos,
im Entstehen schon eingesunkenes
Bauwerk und nirgends ein grader Prospekt.
Die nach dem goldenen Schnitt angelegten
Straßenzüge und Plätze, Quaimauern und Brücken,
Fluchtlinien, Fassaden und Fensterreihen,
diese bewegen sich langsam erst her
aus der hallenden Leere der Zukunft,
den Ewigkeitsplan einzubringen in die aus der Angst
vor der Weite des Raumes geborene Stadt,
übervölkert von Armeniern, Türken, Tataren,
Kalmücken, ausgewanderten Schweden,
Deutschen, Franzosen und den auf den Tod
geschundenen, verstümmelten Körpern
der längs der Allee zur Schau
aufgehängten Verbrecher.



Erst jenseits des Flusses, in den berühmten
botanischen Gärten des Marinespitals,
entgeht Steller dem Umtrieb der Stadt.
Säuberlich wandelt er über die Wege
zwischen den Beeten, bestaunt
die gläsernen Treibhäuser,
die exotischen Pflanzen,
lernt in einem fort neue Namen
und weiß sich vor Hoffnung
kaum mehr zu helfen,
als aus dem halben Schatten
des Senfbaums bei der Voliere
der Patriarch von Novgorod,
Erzbischof Theophon, mit einem ganz kleinen,
gelben Psittig in der Hand auf ihn zutritt
und im Lauf einer lateinischen Konversation
ihm eine Sage aus dem Bezirk Dolji erzählt,
die berichtet, daß Gott auf einmal
und wie aus heiterem Himmel
auf einem Lungenkrautblatt entstand.







Erzbischof Feofan Prokopowitsch

wird Stellers Gönner, führt ihn in die gelehrten Kreise der Stadt ein. 1737 zum Adjunkten der Naturwissenschaften der Petersburger Akademie der Wissenschaften ernannt, wird Steller im gleichen Jahr als Mitglied der Großen Nordischen Expedition Professor Johann Georg Gmelin unterstellt und nach Kamtschatka geschickt. Kurz vor der Abreise aus Sankt Petersburg heiratet er die lebenslustige Witwe des deutschen Sibirienforschers Daniel Gottlieb Messerschmidt Brigitte Helene, geborene Böckler, aber schon auf dem Weg nach Sibirien – in Moskau – trennt sich das Paar wieder. Er schreibt sehnsuchtsvolle Briefe aus Sibirien, und die Frau, umgeben von Verehrern und Liebhabern, bittet um – Geld.
Begleitet vom Maler Johann Christian Berckhan und dem Studenten Alexei Gorlanow setzt Steller Anfang März die Reise fort, erreicht Ende März Irkutsk. Fehlende Transportmöglichkeiten, Proviantmangel und Rückstände in der Soldzahlung verzögern die Weiterreise um ein Jahr. Steller nutzt das zu Exkursionen, bereist Juli bis September 1739 das Baikalgebiet. Seine botanischen Aufzeichnungen stellt er zum Manuskript "Flora Irkutiensis" zusammen, wo er 1152 Pflanzennamen auflistet. Im März 1740 setzt Steller seine Reise auf dem Fluss Lena bis nach Jakutsk und auf dem Landweg bis nach Ochotsk fort. Dort trifft er Vitus Bering, den Kommandeur der 2. Kamtschatkaexpedition, den in russischen Diensten stehenden dänischen Seeoffizier.
Nach mehrwöchiger Schiffsreise treffen Steller und seine Begleiter am 20. September 1740 auf der Halbinsel Kamtschatka ein. Steller nimmt Stepan Krascheninnikow, einen Studenten, den Johann Georg Gmelin und Gerhard Friedrich Müller mit detaillierten Instruktionen von Jakutsk nach Kamtschatka gesandt hat, in seine Gruppe auf. Krascheninnikow hat seine geographischen, naturkundlichen und ethnologischen Beobachtungen aufgezeichnet und regelmäßig berichtet. Steller bereist im Winter 1740/41 den Südteil der Halbinsel Kamtschatka, wo er das Leben der Ureinwohner (Itelmenen und Korjaken) studiert. Im Februar 1741 erreicht Steller ein Schreiben Berings, er möge ihn anstelle des zurückgetretenen Expeditionsarztes auf der geplanten Fahrt nach Amerika zu begleiten, Steller sagt nach anfänglichem Zögern zu.







Vier Jahre blieb Steller
in Petersburg. Der Primas,
schon in der Nähe des Todes,
verschafft ihm die Stellung
eines Adjunkten an der Akademie
und nimmt ihn als Leibarzt zu sich
ins Haus. Unterm Barett der Nacht
der Greis redet mit seinem jüngeren Bruder
vom Geflügel des Endes. Zum Trost
spricht Steller vom Licht der Natur.



Alles aber, sagt Theophon,
alles, mein Sohn, ändert sich in das Alter,
weniger wird das Leben,
alles nimmt ab,
die Proliferation
der Arten ist bloß
eine Illusion, und niemand
weiß, wo es hinausgeht.



Dem Akademiemitglied Daniel Messerschmidt
waren die langen arktischen Reisen
auf die Nerven geschlagen. Steller,
der Messerschmidt in dem Gartenhaus,
das er mit einer Bäckerstochter
aus Sesslach bewohnte,
noch lebend antraf,
hat aus dem schwer
melancholischen Menschen
nichts mehr heraus bringen können.
Dafür studiert er jetzt seinen Nachlaß.
Einen ganzen Sommer verbringt er
über die Zettelwirtschaft gebeugt,
während die zu kurz gekommene Frau
des Naturforschers aufgeschwanzt
hinter ihm sitzt und mit ihrer gespaltenen
Flosse ihm über die wie sein Herz
klopfende Eichel streicht.
Steller spürt, daß die Wissenschaft
auf einen einzigen leicht schmerzhaften
Punkt zusammenschrumpft.
Andererseits sind ihm die Schaumblasen
ein Gleichnis. Komm, flüstert er
ihr in der Verzweiflung
ins Ohr, komm mit mir
nach Sibirien als meine
eigene Frau, und hört schon
die Antwort: Wohin
Du auch gehst,
geh ich mit Dir.
*)

Als Steller 1736 tatsächlich
den ersehnten Auftrag erhielt,
der Beringschen Expedition sich anzuschließen,
war dieses bereits zehn Jahre zuvor
in die Wege geleitete Unternehmen,
das aus einem Heer von Zimmermännern,
Schmieden, Fuhrknechten, Seeleuten,
Schreibern, kommandierenden
Chargen, Wissenschaftlern
und Assistenten bestand
und nicht nur Baumaterial, Werkzeug, Instrumente,
ein Arsenal von Waffen und Aberhunderte
von Büchern, sondern auch endlose
Fouragierzüge, zur Verpflegung der Mannschaft,
Geschirr und Garderobe und kistenweise
Bordeauxwein für die höher gestellten
Envoyés der Akademie vorwärtszubringen hatte,
nicht anders als ein schwere Geröllmassen
mit sich fortbewegender Gletscher,
in Jakutsk auf dem einhundertneunundzwanzigsten
Grad östlicher Länge angelangt.



Steller bewältigte die fünftausend Meilen
im Ablauf der dreieinhalb Jahre,
die Vitus Bering noch brauchte,
um bis auf den letzten Nagel alles
mit kleinen sibirischen Packpferden
über das Jablonoigebirge ans Meer
von Ochotsk zu bringen. Dabei
übte er sich ein in das Ertragen
der Bitternis und der Einsamkeit,
denn die Bäckerstochter,
die er aufgrund seiner Hoffnung,
daß man vielleicht auch in der Ferne
zuhause sein könne, und aufgrund
ihres, wie es schien, bedingungslosen
Versprechens, mit ihm überallhin
fahren zu wollen, geehelicht hatte,
war, naturgemäß, zuletzt doch nicht willens gewesen,
die Reise um die halbe Kugel der Welt
mit ihm zu machen. Statt ihrer
hatte Steller jetzt zwei
junge Raben, die ihm des Abends
ominöse Sprüche diktierten.
Wenn er sie aufschrieb,
war er beruhigt, obgleich er wußte,
daß er auch damit den langsamen Fraß
in seiner Seele nicht
würde aufhalten können.










Am 15. Juni 1741 verlässt die Flottille "St. Peter" (mit Bering und Steller) und "St. Paul" die Awatscha-Bucht. Nach etlichen navigatorischen Problemen erreicht "St. Peter" Alaska, wo es am 30. Juli 1741 vor der St.-Elias-Insel (Kayak) zum Eklat kommt: Bering verweigert Steller an Land zu gehen, Bering will lediglich Frischwasser aufnehmen. Erst als Steller schwört, dafür zu sorgen, dass Bering und seine Offiziere sich nach ihrer Rückkehr an höherer Stelle für diese Verweigerung würden rechtfertigen müssen, gibt der Kommandeur nach und Steller betritt als erster europäischer Naturforscher Alaska - er spottet: "Man sei wohl hergekommen, um amerikanisches Wasser nach Asien zu bringen".
Dennoch bleiben Steller nur 10 Stunden für seine Erkundungen, was immerhin ausreicht, um etwa 160 Pflanzenarten zu dokumentieren. Die Einheimischen verstecken sich aus Furcht vor den Fremden tief im Wald ...

Zu Berings und Stellers Seereise




Am 20. März des Jahres 1741
betritt Steller das langgestreckte
Blockhaus der Kommandantur von Petropawlovsk
an der Ostküste der Halbinsel Kamtschatka.
In einem fensterlosen, nicht mehr als
sechs mal sechs Fuß messenden
Verschlag am hinteren Ende
des sonst auf keine Weise unterteilten
Innenraums dieses Gebäudes
findet er Bering, den Kommandeur-Kapitän,
an einem aus Planken zusammengenagelten,
von weißfleckigen Land- und Seekarten
über und über bedeckten Tisch,
den neunundfünfzigjährigen
Kopf in die Fläche der rechten,
mit einem Flügelpaar
tätowierten Hand gestützt,
einen Stechzirkel in der Linken,
bewegungslos sitzen
bei einem blakenden Licht.
Es braucht eine unheimlich
lange Zeit, denkt Steller,
bis Bering die Augen
aufmacht und hinschaut
zu ihm. Ein Tier
ist der Mensch, in tiefe
Trauer gehüllt,
in einen schwarzen Mantel,
mit schwarzem
Pelzwerk
gefüttert.



Zwei Wochen bei günstigem Wind
waren die nach den Heiligen
Peter und Paul benannten Schiffe
auf dem Nordmeer nach Süden gefahren,
aber das auf der Karte Delisles eingezeichnete
sagenhafte Land Gama tauchte
nirgends aus der Wüste
des Wassers auf. Nur einmal
entdeckte die Wache auf der spiegelnden Fläche voraus
etwas von unzähligen Seevögeln bedecktes Schwarzes.








Die Tiefe auslotend, näherten sie sich,
bis es sich zeigte, daß die Felseninsel
nichts war als ein toter, vom Spiel des Mirage
vielfach vergrößerter, bäuchlings treibender Wal.
Danach wurde Kurs auf Nord-
Nord-Ost gesetzt. In der Nacht
leuchtete manchmal das Meer,
und an den von den Kämmen der Wellen
bespritzten Segeln hafteten
die Funken des Lichts.
In einem zweiten Mirage
zeigte sich eines Abends,
ausgestreckt über den Horizont,
ein Landstrich aus weißem
kristallinischen Marmor,
doch erst am Morgen des 15. Juli,
an die sechs Wochen nach dem Auslauf
aus der Bucht von Avatscha,
sah Steller, der um die frühen
Stunden immer an Deck ging,
zwischen den tief treibenden Wolken
wirklich das schwach ausschraffierte
Bild einer Kette von Bergen.
Am Abend desselben Tages
hob sich vollends der Nebel.
Ein schwarzer Himmel
überhing jetzt das Meer, und
die schneebedeckten, zerrissenen
Zinnen Alaskas prangten,
dünkte Steller das richtige Wort,
in rosaroten und violetten Farben.
Vitus Bering, der die ganze Fahrt über
an die Balkendecke über seinem Kopf
starrend in seiner Koje gelegen hatte,
kam, bewegt von dem unaufhörlichen
Jubeln der Mannschaft, zum erstenmal nach oben
und besah sich auf das allertiefste
deprimiert das Schauspiel.



Unendliche Flüge
von schreienden Vögeln, die niedrig
über dem Wasser schwebten,
glichen von fern niedrig schwimmenden
Inseln. Walfische umkreisten
das Schiff und sprühten
in allen Richtungen des Gesichtskreises
Wasserfontänen hoch in die Luft.



Bei Anbruch des folgenden Tags,
dem Namensfest des hl. Elias,
ging Steller an Land. Zehn Stunden
hatte ihm Bering, dem das Grauen
bereits an die Stirn geschrieben war,
zugestanden für eine wissenschaftliche Exkursion.
Von einer tiefgründigen Bläue
war jetzt das Wasser und waren die Wälder,
die herabwuchsen bis an die Küste
des Meers. Unverstört näherten sich
Steller die Tiere, schwarze und rote
Füchse, auch Elstern, Häher und Krähen
gingen mit ihm auf dem Weg
über den Strand. Im durchsichtigen Dunkel
zwischen den Bäumen bewegte er sich
mit geradezu schwebendem Schritt
über die einen Fuß dicken Polster aus Moos.
Nahe war er daran, bergwärts
immer nur weiterzugehen, hinein
in die kühle Wildnis, aber die Konstruktionen
der Wissenschaft in seinem Kopf,
ausgerichtet auf eine Verringerung
der Unordnung in der Welt,
widersetzten sich diesem Bedürfnis.



Später in einer aus Fichtenstämmen
zusammengefügten Behausung erlebt er
die Wirkung verlassener Dinge
in einem fremden Raum. Ein kreisrundes
Trinkgefäß aus geschälter Rinde,
einen mit Kupfererz durchsprenkelten
Wetzstein, ein fischköpfiges Paddel
und eine Kinderrassel aus gebranntem Ton
sucht er mit Vorsicht sich aus und hinterlegt
statt dessen einen eisernen Kessel, eine Schnur
mit bunt aneinandergereihten Perlen,
ein Fetzchen bucharische Seide,
ein halbes Pfund Tabak und
eine chinesische Pfeife.
An diesen schweigsamen Handel
erinnert sich noch nach einem halben Jahrhundert,
wie aus einem Bericht des Commandeurs Billings hervorgeht,
einer der Bewohner dieser abgesonderten Gegend
mit einem raschelnd nach innen
gekehrten Lachen.




Während der stürmischen Rückreise strandet "St. Peter" am 16. November 1741 auf der (später so genannten) Beringinsel, wo Bering am 8. Dezember 1741 verstirbt. Steller: "Er starb eher an Hunger, Kälte, Durst und Gram als an Skorbut oder einer anderen Krankheit." Bering folgen viele Crewmitglieder nach in den Tod. Steller erweist sich im neunmonatigen Überlebenskampf als Meister improvisierter Überlebenstechniken. Er und der schwedische Leutnant Waxell organisieren ein halbwegs geordnetes Lagerleben. Die 46 Überlebenden bauen endlich aus den Resten der "St. Peter" und angeschwemmtem Treibholz ein neues Fahrzeug, verlassen nach zehnmonatigem Aufenthalt am 14. Aug. 1742 die Insel und erreichen am 6. September 1742 Peter und Pauls Hafen (Petropawlowsk-Kamtschatskij) in Kamtschatka.





So nah dem dreiundfünfzigsten Breitengrad,
wie es anging, den Kurs auf Avatscha zu halten
war, nach einstimmigem Verzicht
auf alle weiteren Entdeckungsvorhaben,
der Rat der Offiziere, eine einfache Rechnung,
die aus nichts als unbekannten Faktoren bestand.
Ein Vierteljahr fast wurde das Schiff
von Orkanen, von einer Gewalt,
wie sie keines der Mitglieder
der Besatzung aus seinem Leben
erinnern konnte, auf dem Berings-Meer,
wo nichts und niemand sonst war,
hin- und hergeworfen. Graufarbig
richtungslos war alles, ohne oben und unten,
die Natur in einem Prozeß
der Zerstörung, in einem Zustand der reinen
Demenz. Zwischenein tagelang
Flauten, bewegungslos und jedesmal
noch mehr zerbrochen das Schiff,
zerfetzter die Taue, fadenscheiniger
das Tuch der vom Salz zerfressenen Segel.
Die Mannschaft, geschlagen
von der Tobsucht der in die Körper
gedrungenen Krankheit, mit Augen,
die in der Erschöpfung versanken,
schwammig geschwollenen Gaumen,
blutunterlaufenen Gelenken,
gedunsener Leber, gedunsener Milz
und mit dicht unter der Haut
schwelenden Geschwüren, warf in Gottes Namen
Tag für Tag die an der Fäule zugrunde gegangenen
Seeleute über Bord, bis zuletzt
kaum ein Unterschied war
zwischen den Lebenden und den Toten.
Im Sterben verlieren die astra
im Leib ihre Eigenschaft, ihre Art, ihre Substanz
und ihr Wesen, denkt Steller, der Arzt,
was tot ist, ist nimmer lebendig.
Was heißt das, physica, fragt er, was
heißt das iusiurandum Hippocratis,
was heißt Chirurgie, was ist die Kunst
und der Grund, wenn das Leben
zerfällt und der Arzt hat nicht
Macht und nicht Mittel? Da -
in der Nacht -, der Mond
steht im Novemberviertel,
treibt eine Wand aus Wasser
das Schiff in die Felsen.
Verkeilt liegt es,
eine Zeit im Gestein ächzend,
als hätte es sich in der Todesnot
noch an Land retten wollen,
bis eine schwere Welle
es hinabschiebt in die Stille
der Lagune hinter dem Riff.
Eine weiße Sichel, biegt sich
im Dunkel der Strand,
grasüberwachsene Dünen, landeinwärts,
bis hinauf auf ein Schattenplateau
unter schneehell phosphoreszierenden Bergen.



Vier Männer brachten Bering, dem das Wasser
nach und nach bis in den Leib gestiegen war,
auf einem aus Stricken gefertigten Sitz an Land,
lehnten ihn im Schatten des Winds an einen Felsen
und machten ein Dach aus den Segeln
des hl. Peter. Gehüllt in Mäntel, Pelze und Roben,
gelbfaltigen Gesichts, der Mund,
zahnlos, eine schwarze Ruine,
von Karbunkeln und Läusen am ganzen
Körper geplagt, besah sich der Kapitän,
voller Zufriedenheit im Angesicht des Todes,
die ersten Arbeiten zur Errichtung
eines Winterquartiers in den in die Dünen
gegrabenen Höhlen der Füchse.



Steller bringt Bering eine aus Tran
und Nasturtiumwurzeln gekochte Suppe,
die Bering jedoch, den Kopf
zur Seite bewegend, ausschlägt
mit einem Blinken der Augen.
Man solle ihn jetzt,
meint er, ruhig in den Sand
sinken lassen. **) Die Zaunkönige
springen bereits auf ihm herum.
Selig seynd die Toten, erinnert sich
Steller. Am 8. Dezember binden sie
den Kapitän auf ein Brett
und schieben ihn in die Grube hinab.
Nicht wollest Du, Herr, übergeben
die Seele derer, die Dich bekennen,
den wilden Thieren. Am Tag des Gerichts
soll vielmehr für die Frommen ein Mahl
bereitet werden aus dem Herz des Leviathans.
Steller, indem er aufblickt, sieht
den graugrünen Widerschein des Ozeans,
den arktischen Wasserhimmel,
unter den Wolken. Ein Zeichen,
wie weit sie noch sind
vom festen Land.



Den 13. August segelt
das aus dem Wrack gebaute Schiff
um die äußerste Spitze der Insel,
die sich mit sanften Hügeln und ruhigen
Linien zum Meer senkt.



In schönem Grün glänzend
wie die Triften der Alpen,
liegt sie im Licht des Spätsommers,
unberührt, wie es scheint, von den Menschen.
Von Bord aus gesehen,
bewegt sich das Land.
Nicht wirklicher
durch die ausgestandenen Leiden
wird die vergangene Zeit.
Unfaßbar auch am Horizont,
über dem blauen,
über dem Land ausgebreiteten Dunst,
nach vier Tagen zur See
die Rauchfahnen der asiatischen Vulkane.



Diesem Bild sich zu nähern,
kreuzen sie unter der Küste,
eine Viertel Seemeile pro Stunde,
südwärts gut eine Woche,
ziehen noch nachts an den Rudern,
erreichen am 25. des Monats
den Hafen von Petropawlovsk,
ihre geplünderten Blockhäuser und Magazine.



Zum Dank für das Wunder ihrer Errettung
machen sie, dem Wunsch Berings entsprechend,
einen silbernen Rahmen,
getrieben aus dem bis zuletzt
aufgehobenen Münzgeld,
um die Ikone des hl. Peter.







Sechs Jahre dauerte es,
bis die Überlebenden der Expedition
Order erhielten,
in die Hauptstadt zurückzukommen.
Steller aber hatte sich wenige Tage
nach Ankunft in der Bucht von Avatscha
vom Korps abgesetzt und war mit dem Kosacken Lepekhin
zu Fuß ins Innere der Halbinsel aufgebrochen.
Wenn Dir die Reise gefällig ist,
sei unser Antrieb beim Gehen,
sprach er bei sich, sei
Trost auf dem Weg, Schatten
im Schwülen des Mittags,
Licht in der Finsternis,
Decke wider Frost und Regen,
Wagen in der Stunde der Müdigkeit,
Hilfe in der Noth, auf daß wir,
unter Deiner Führung, fahrlos dort eintreffen,
wo es uns hinzieht;
trag Du die Sorge, Herr,
damit die Sterne günstig
über uns sich scharen.

Den übrigen Teil des Sommers
sammelt Steller botanisches Material,
füllt getrocknete Samen in Tütchen,
beschreibt, rubriziert, zeichnet,
in seinem schwarzen Reisezeit sitzend,
zum erstenmal glücklich in seinem Leben.
Thoma Lepekhin fängt Lachs,
bringt Pilze, Beeren und Blätter,
macht Feuer und Tee.
Den Winter hindurch
unterrichtet der deutsche Doktor
Koryackenkinder in einer winzigen,
hölzernen Schule, schreibt, als das Eis bricht,
Memoranda zur Verteidigung
der von der Marinekommandantur in Bolscheretsk
malträtierten und in ihrem Recht verkürzten
eingeborenen Stämme, was dazu führt,
daß ein Brief gegen ihn ausgestellt wird,
daß Verhöre stattfmden,
daß sich Mißverständnisse ergeben,
daß Verhaftungen erfolgen und daß Steller
jetzt vollends den Unterschied begreift
zwischen Natur und Gesellschaft.
Westwärts, Strecke um Strecke legt er
fliehend zurück, und es scheint ihm,
als gehe nun alles bergab.
Erst in Tara erreicht ihn die Nachricht,
er könne auf jedem beliebigem Weg
aufbrechen in seine Heimat.
Steller mietet drei Pferde,
fährt nach Tobolsk
und trinkt dort, er, der nie trank,
ganze drei Tage.
Danach kommt das Fieber,
er kriecht in den Schlitten,
heißt den Tataren weiterfahren nach Süden,
die einhundertsiebzig Meilen bis Tyumen.
Das ist infirmitas, die Brechung
der Zeit von Tag zu Tag
und von Stunde zu Stund,
der Rost und das Feuer
und das Salz der Planeten,
die Dunkelheit unter Tags
noch die Lichter am Himmel.

Manuskripte am Ende des Lebens,
geschrieben auf einer Insel im Eismeer,
mit kratzendem Gänsekiel und galliger Tinte,
Verzeichnisse von zweihundertelf
verschiedenen Pflanzen,
Geschichten von weißen Raben,
seltsamen Kormoranen und Seekühen,
eingebracht in den Staub
einer endlosen Registratur,
sein zoologisches Meisterwerk,
de bestiis marinis,
Reiseprogramm für die Jäger,
Leitfaden beim Zählen der Pelze,
nein, nicht hoch genug war der Norden.



In Tyumen holen sie ihn aus dem Schlitten,
schleppen sie seinen zur Hälfte versteinerten Leib
aus dem Eis hinein in das Feuer,
in ein waberndes Haus.
Jetzt fängt Alchimia an,
erkennt Steller den mortem improvisam,
den Schlag und all sein Anhang,
sieht seinen Tod, wie er sich spiegelt,
im Einglas des Feldscher.
Also seid ihr doctores,
verschüttete Lampen,
also prozediert die Natur
mit einem gottlosen
Lutheraner aus Deutschland.

Pallas berichtet, wie sie Steller,
den er verehrte, anderen Tages,
in seinen roten Umhang gehüllt,
ein gutes Stück außerhalb der Raststatt
der Rechtgläubigen in einen engen Graben
hoch über dem Ufer der Tura legten
und einen Hügel aufwarfen
von gefrorenen Wasen.
Auch schreibt Pallas, daß der Tote
noch träumte von den grasenden
Mammuts jenseits des Flusses,
bis in der Nacht einer kam
und seinen Mantel sich holte
und ihn liegen ließ im Schnee
wie einen erschlagenen Fuchs.


Steller, der erste und einzige Wissenschaftler, der jemals dieses nach ihm benannte Tier lebend sah, beschreibt während des Überlebenskampfes auf der Beringinsel die Stellersche Seekuh (Hydrodamalis gigas oder Rhytina stelleri oder borealis). Kurz danach rotten Pelztierjäger sie aus.
Am 14. August 1744 verlässt unser unermüdlicher Forscher mit einer in 16 Kisten verpackten Sammlung Kamtschatka, Ziel St. Petersburg. Im Frühjahr 1745 stellen ihn die Behörden in Irkutsk unter die Anklage, die Völker Ostsibiriens gegen die russische Herrschaft aufgewiegelt und Waffen unter sie verteilt zu haben. Freispruch aus Mangel an Beweisen, Weihnachten 1745 zieht er weiter, mitten hinein in den sibirischen Winter, erkrankt schwer, rettet sich mit letzter Kraft nach Tjumen, wo er am 23. November 1746, erst 37jähring, stirbt.


Und heute? Fast vergessen ist der grandiose Naturforscher ...

In seiner großen Liebe zur Natur und den Menschen, seiner Leidenschaft, sie zu erforschen, hat er ihre Schönheit erkannt, beschrieben, lässt uns in seinen Tagebüchern und Schriften daran teilhaben.

Stellers Diarium: Den 22 Dec 1737. reiste abends um 3 Uhr aus Sankt Peterburg mit meiner Frau Liebsten, unserer kleinen Tochter... auf 3 Schlitten mit 4 Pferden... So beginnen die Aufzeichnungen der neun Jahre dauernden abenteuerlichen Reise, wiederentdeckt in St. Petersburg wiederentdeckt. Auf mehr als 330 Seiten eröffnen sie ganz neue Einblicke in Stellers Charakter, bringen eine Fülle unbekannter Beobachtungen.

Auf der Rückfahrt strandet die "St. Peter" am 4. November 1741 im Sturm auf der später nach Bering benannten Insel nahe Kamtschatka. "... Schlitten, lauffer, fuchsfalle von uns gefunden, ein Stuk von einem flos... und Ruder..., so ohne Zweiffel aus Kamtschatka abgetrieben... ein Stuk von dem Korb wo sie in Kamtschatka fische Verwahren...", schreibt Steller in der jetzt ebenfalls in St. Petersburg aufgefundenen Tagebuchkladde. Es gibt kein Bildnis von ihm. Einzig sein eng beschriebenes Tagebuch, kenntnisreich und mit Ironie geschrieben, sind erhalten. Es sind Zeugnisse eines großartigen Forschers.

Eine ausführliche Biografie Stellers fehlt. Drei Manuskripte gibt es: Catalogus plantarum intra sex horas, Mantissa plantarum minus aut plane incognitarum und Catalogus seminum anno 1741 in America septemtrionale (Der von Gmelin in seiner "Flora Sibirica" erwähnte Catalogus plantarum Americae von Stellers Hand, der mit den genannten Manuskripten nicht identisch sein kann, harrt der Entdeckung)







Steller in Sibirien (ZDF Terra-X)

Stellers Tagebuch



Sie tragen Stellers Namen:


Riesenseeadler
(Steller's Sea Eagle)

Seinen großen, leuchtend gelben Hakenschnabel setzt der Riesenseeadler geschickt bei der Nahrungsbeschaffung ein. Manchmal bedroht er mit seinem Schnabel andere Seeadler, um an deren Beute zu kommen. Seine tödlichste Waffe sind die langen, scharfen Krallen der Fänge. Drei der vier Krallen sind nach vorne und eine nach hinten gerichtet. Auf Jagd kann er so seine Beute wie mit einer Zange ergreifen und festhalten.


Diademhäher
(Cyanocitta stelleri)

Der Wappenvogel der kanadischen Provinz British Columbia, auch Schwarzkopfhäher genannt, dessen Aussehen je nach Verbreitungsgebiet variiert, ist ein amerikanischer Singvogel. Er imitiert den Ruf des Rotschwanzbussards nach, um andere Vögel von Futterplätzen zu vertreiben. Wie die meisten Rabenvögel hält er Futter mit dem Fuß fest und hämmert es mit dem dem Schnabel auf.


Scheckente
(Polysticta stelleri)

Das Männchen dieser Tauchentenart ist farbenreich, das Weibchen dunkelbraun gescheckt, ihre Stimmen sind für gewöhnlich leise. Die Scheckente nistet in der Tundra Sibiriens, in Finnland ist sie meist Winter- und Frühjahrsgast, an der nördlichen Ostsee eher selten. Ihre Nahrung sind wirbellose Tiere. Sie fühlt sich in dichten Schwärmen wohl, in denen alle zur gleichen Zeit dasselbe tun.



Stellerscher Seelöwe
(Eumetopias jubatus)

51 Kolonien dieser Tierart gibt es entlang der asiatischen und nordamerikanischen Pazifikküste, die größten befinden sich auf den Aleuten und den Kurilen. Der Stellersche Seelöwe ist der größte Vertreter der Ohrenrobben. Zwischen Männchen und Weibchen besteht ein ausgesprochener Größenunterschied. Die Bullen erreichen Längen von über 3 m und ein Gewicht von 1100 kg, die Kühe sind 2,4 m lang und maximal 300 kg schwer. Bis zu 180 m tief taucht der Seewöwe und ernährt sich fast ausschließlich von Fischen. Die Bullen suchen sich Plätze entlang der Küste. In erbitterten Kämpfen, die oft schwere Verletzungen zur Folge haben, verteidigen sie diese gegen ihre Geschlechtsgenossen. Sobald die Kühe an Land kommen, entscheidet die Stelle ihres Landgangs, welchem Harem sie angehören werden.


Stellers Seekuh
(Hydrodamalis gigas)

Die ausgestorbene Seekuh des nördlichen Pazifiks beschreibt Steller als erster, zu seiner Zeit gab es noch etwa 2.000 Exemplare. Pelztierjäger erschlagen das vermutlich letzte Tier 1768, heute existieren noch einige Skelette. Die Kenntnisse über die Art beruhen auf den akribischen Beschreibungen Stellers. Das Tier war bis 8 Meter lang und bis zu 10 Tonnen schwer, mit in Anpassung an die weiche Seetang-Nahrung völlig zurückgebildeten Zähnen, das Tier zerrieb die Algensie zwischen zwei hornigen Kauplatten, die den Gaumen auskleideten. Nach Stellers Beschreibungen und heutigen Erkenntnissen scheint die Seekuh eine geringe Reproduktionsrate gehabt zu haben, was ihre rasche Ausrottung begünstigte.
Einst bewohnte sie die Küsten des nördlichen Pazifiks von Mexiko über die Aleuten bis Nordjapan.



Cryptochiton stelleri
(engl: Gumboot chiton)

Cryptochiton stelleri, oder Giant Western Firey Chiton, ist die größte Art der Käferschnecken, bis 36 cm lang und mehr als 2 kg schwer. Er lebt an der Küste des nördlichen Pazifischen Ozeans und der Halbinsel Kamtschatka. Ein Weichtier, bei dem die acht Schalenplatten vom Rücken nach unten verlaufen. Wattwanderer nennen ihn "wandering meatloaf."
Crytopchiton (griechisch) bedeutet 'verborgener Chiton', weil seine Platten, das Merkmal der Käferschnecken, unsichtbar sind. Die Molluske klammert sich an Felsen, kratzt Algen und Riesentang mit einer Raspelzunge und Querreihen durch Magnetit gehärteter Zähne ab. Cryptochiton stelleri wird über 40 Jahre alt und hat kaum natürliche Feinde.



*)

S. 31f.
So sure was Steller that he would be ordered to Siberia that he made it his business to learn all he could of the country, and over the winter he visited frequently at the home of Dr. Daniel Messerschmidt, who had spent seven years exploring the Siberian wilderness. Dr. Messerschmidt was in his late fifties, moody and eccentric; the rigors of arctic travel had ruined his health, and he had fallen victim to a deep melancholia. He refused all offers of further employment when he returned to St. Petersburg, and lived in obscurity and abject poverty with his hot-blooded young wife Brigitte, whom acquaintances described as "a lively wild woman who was quite his opposite."
Brigitte was only a year older than Steller, of German peasant stock, big-boned and buxom and full of animal vitality. Her plump warm body was always moist with perspiration,and patches of damp powder were caked on her neck and between her breasts, brazenly revealed by a low-cut bodice. She was restless and unhappy with her morose husband; she had married him to gain social position and luxuries, and was bored by her cheerless existence. The attractive blond visitor offered a chance for the excitement she craved. While Steller pored over the Doctor’s manuscripts of an evening, she would perch on the arm of the chair beside him, flirting with her eyes above the spread of her painted fan, smoothing his unruly hair with a heavily perfumed hand. Steller’s unkempt appearance had an irresistible appeal for women. He never bothered with wig or powder, his rumpled long coat was unbuttoned, the pockets sagged with notebooks and botanical implements; and Brigitte was determined to possess and tame him. Steller was helpless to resist her seductive appeal, and for the first time in his life he found himself deeply in love. When Dr. Messerschmidt conveniently died the following spring, they talked of matrimony; but Steller could not support a wife on the meager salary of an adjunct, and it was decided to postpone their marriage until he obtained a more lucrative assignment with Bering’s expedition. "Then will you travel with me to Siberia?"
"I’ll follow you wherever you go," Brigitte pledged.

**)

S. 133f.
Recollections of the past ten years flashed through his tortured mind: the heartbreaking six-thousand-mile trek across Siberia, the constant harassment by the Academy, the refusal of the Admiralty to give him proper authority, the endless frustrations and disappointments and delays which had led to this final disaster. He had tried to carry out his assigned duty, but at his advanced age his strength had not been equal to the extra burdens imposed on him. Now he awaited the end "with calmness and earnest preparation for his passing, which came while he was in full possession of his reason and speech."
His bed was a little depression in the floor of his underground shelter, and the loose sand sifted between the uprights and trickled down the sides into the hollow. Bit by bit it covered his feet, then his legs, and finally his thighs, until he lay half-buried like the hulk of the Peter. When Steller sought to remove the sand, the Captain Commander opened his eyes and his voice seemed to come from very far away. "Let me be," he murmured. "The deeper in the ground I lie, the warmer I am; only the part of me that is above ground suffers from the cold." He died two hours before daylight on December eighth, and his body had to be exhumed in order to give him decent burial.

He was buried, with the rites of the Lutheran Church, on a hill overlooking the beach and his wrecked ship. "His corpse was tied fast to a plank," Waxell wrote, "and thrust down into the ground." A crude wooden cross was erected over the grave, and the island was given Bering’s name.



Steller-Denkmal Bad Windsheim











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