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SABIK [17h10m -15°43']
η Ophiuchi



Sabik (arab. vorausgehend) ist Stern η Ophiuchi (lat. des Schlangenträgers) im Sternbild Schlangenträger und 84 Lichtjahre entfernt.



Peggy



Mord ohne Mörder

1. Verschollen

Im Mai 2001 in Lichtenberg weckt Susanne Knobloch an einem Montagmorgen kurz nach sieben ihre Tochter Peggy. Sie kocht ihr einen Kakao, kämmt ihr das Haar und flicht ihr einen Zopf, obwohl sie weiß, dass Peggy ihn öffnen wird, sobald sie um die Ecke ist. Peggy mag keine Zöpfe.
Draußen ist es ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit, kaum über null Grad, es nieselt. Peggy streift ihre schwarze Regenjacke über, gibt ihrer Mutter einen Kuss und sagt: "Ich hab dich lieb."
Wie immer ist sie spät dran, der Kaufmann an der Ecke sieht sie zur Schule rennen. Mathe in der ersten Stunde um 7.50 Uhr, danach Deutsch, Heimat- und Sachkunde, Kunst und Musik. Nachdem der Schulgong um 12.50 Uhr den Unterricht beendet hat, sind Peggy und ihre Freundin Daniela die Letzten, die das Gebäude verlassen. Die beiden schlendern den Sportplatzweg entlang, der in eine unbefestigte Straße mündet. Daniela bittet Peggy um ein 50-Pfennig-Stück, sie möchte sich aus einem der Automaten am Wegesrand einen Flummi ziehen. Peggy hat kein Geld dabei, verspricht ihrer Freundin aber, ihr am nächsten Tag einen zu kaufen.
Peggy begleitet Daniela nach Hause, sie dreht sich noch einmal um und winkt, dann läuft sie am Friedhof vorbei zum Henri-Marteau-Platz. Gegen 13.20 kommt sie dort an, sie ist nur noch 45 Meter von ihrem Zuhause entfernt‚ wo im Kühlschrank Spargel, Kartoffeln und das Putenschnitzel auf sie warten - das Essen, das ihre Mutter gekocht hat, bevor sie zur Arbeit fuhr.

1 Schule
2 Verabschiedung von Daniela
3 Wohnhaus


Als Susanne Knobloch gegen 20 Uhr von ihrer Arbeit als Altenpflegerin heimkommt, ist Peggy nicht da. Die Matter sucht im Haus, sie fragt bei den Nachbarn, bei den Eltern von Peggvs Freundinnen, um 22.05 Uhr ruft sie die Polizei an, kurz danach trifft auch ihr Mann, Peggys Stiefvater, zu Hause ein.



Peggys Mutter Ulvi







4. Freispruch
14. Mai 2014


Ein Tatnachweis ist nicht möglich: Das Landgericht Bayreuth spricht Ulvi Kulaç vom Mordvorwurf frei.
Als der Vorsitzende das Urteil verkündet, klatschen die Zuschauer im Gerichtssaal. "Er ist aus tatsächlichen Gründen freizusprechen; ein Tatnachweis ist nicht möglich", sagt der
Vorsitzende Richter Michael Eckstein.
"Das Geständnis mit Divergenzen und Ungereimtheiten kann keine Grundlage für eine Verurteilung sein", begründet er das Urteil. "Hinzu kommt noch, dass dieses Geständnis mit keinem einzigen Sachbeweis zu belegen ist." Kulač habe unterschiedliche Versionen mit zum Teil lebensfremden Schilderungen abgegeben: Dass Peggy auch nach ihrem angeblichen Sturz mit dem Schulranzen weitergelaufen sein soll, "ist für uns schwer nachvollziehbar".
Der Angeklagte habe möglicherweise Parallel-Erlebnisse in seine Geständnisse eingebaut. Bei seiner psychiatrischen Untersuchung sei seine hohe Phantasiebegabung aufgefallen. "Er war imstande, detailreiche Geschichten zu vorgelegten Bildern zu entwickeln. Und dies sogar an Folgetagen zu wiederholen." Mit dem Freispruch folgte das Gericht den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Beide hatten in ihren Plädoyers am Dienstag einen Freispruch beantragt - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Staatsanwältin Sandra Staade erklärte, der geistig behinderte Angeklagte könne nicht verurteilt werden, weil Zweifel daran aufgetaucht sind, dass sein Geständnis der Wahrheit entspricht. Verteidiger Euler dagegen kam zu dem Ergebnis, dass die Unschuld seines Mandanten zweifelsfrei erwiesen sei. Das ergebe sich allein schon aus der Vielzahl von Zeugen, die Peggy zu einem Zeitpunkt gesehen hätten, zu dem sie, wenn Ulvi Kulaçs Geständnis richtig wäre, schon tot war.
Euler sieht in dem Peggy-Urteil nun einen Freispruch erster Klasse. "Es gibt nichts; es gibt keinen einzigen Beweis, dass Ulvi Kulaç Peggy getötet hat."
Gerichtssprecher Goger betont dagegen, die Kammer habe weder die Schuld noch die Unschuld des Angeklagten eindeutig feststellen können.
Damit handelt es sich im Juristenjargon also um einen "Freispruch zweiter Klasse": mangels Beweises.



5. Leichenfund

Am 2. Juli 2016, gut 15 Jahre nach Peggys Verschwinden, sitzen bei einem Fest in der Kreisstadt Hof wichtige Leute aus der Region beim Bier zusammen, Politiker, Staatsanwälte, Richter. Plötzlich klingeln fast zeitgleich die Handys.
Marco P. ist passionierter Pilzsammler aus Nordhalben, er weiß, dass bei der feuchten Witterung die Gelegenheit zur Schwammerlsuche günstig ist. P. setzt sich ins Auto und fährt wenige Kilometer in ein Waldgebiet an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Ein Fahrweg führt zwischen Bäumen hindurch, nach rund hundert Metern erreicht P. eine Lichtung, nicht zu sehen von der Straße.
Liebespaare kennen diesen Ort, Spaziergänger, Jäger, Pilzsammler.
Marco P. beginnt zu suchen. Da schaut schon ein Pilz aus der Erde! P. bückt sich, greift zu, doch was er da berührt, ist viel zu hart, viel zu trocken, das ist kein Pilz. Es ist - der Schädel eines Kindes.
Am nächsten Tag stellen die Ärzte des Instituts für Rechtsmedizin im thüringischen Jena fest, dass es sich tatsächlich um Peggys Leichnam handelt. Am Kopf zieht sich ein etwa drei Zentimeter langer Riss vom Nasenbein am rechten Auge vorbei. Ansonsten ist der Schädel fast unversehrt, nur einer der Zähne fehlt, direkt neben dem rechten Schneidezahn.
Das Grab ist nur 40 cm tief, der Täter legte die tote Peggy hinein, ihre Schuhe stellte er unter eine Baumwurzel, dort entdecken sie die Ermittler. Für die schwarzen Plateauschuhe hatte Peggy Wochen vor ihrem Tod bei der Mutter gekämpft.
Susanne Knobloch ist jahrelang ganz nah an der Fundstelle vorbeigefahren. Nach dem Verschwinden ihrer Tochter zieht sie nach Nordhalben, von ihrem Mann ist sie da schon getrennt, sie wohnt knapp einen Kilometer vom Haus des Pilzsammlers entfernt. Auf dem Friedhof der Gemeinde hat sie einen Gedenkstein für Peggy errichten lassen, auf Anraten eines Psychologen. Damit es einen Ort der Erinnerung gibt.



6. Spurenfund

Uwe Böhnhardt

Es ist der 13. Oktober 2016.
Die Rechtsmediziner entdecken eine DNA-Spur, die vom NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt stammt. Eine Baumwollfaser, graugrün und kleiner als ein Fingernagel, 0,019g leicht, liegt direkt neben Peggys Schädel.



7. Trugspur

09.03.17

Die Spur bei Peggys Skelett haben Ermittler hingebracht - ein Polizeifehler.
Fünf Monate brauchen sie, um das zu klären.
"Eine Täterschaft Uwe Böhnhardts im Fall Peggy ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen", sagt Staatsanwalt Daniel Götz in Bayreuth. Das Stoffstückchen konnte inzwischen zweifelsfrei einem Kopfhörer zugeordnet werden, der in dem ausgebrannten Wohnwagen gefunden worden ist, in dem Böhnhardts Leiche gelegen hat. "Weder das Baumwollgewebe noch die DNA hätten angesichts der Witterungsverhältnisse einen Zeitraum von 15 Jahren überstehen können", berichtet Kriminaloberrat Uwe Ebner, der Leiter der 30-köpfigen Sonderkommission Peggy.
Der Fund von Böhnhardts DNA ein Paukenschlag. Eine Verunreinigung oder Verwechslung sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen, erklärte der Chef des Bundeskriminalamts damals. Schon zwei Wochen später war die Wahrscheinlichkeit nicht mehr ganz so hoch. Nun steht zweifelsfrei fest, dass Böhnhardts DNA während der Spurensicherung an den Fundort von Peggys Leiche geraten war. Einige der damaligen Einsatzkräfte aus Thüringen seien auch mit dem Fall Böhnhardt befasst gewesen. Vermutlich befand sich das Stoffstück an einem Spurensicherungsgerät – das ist noch nicht vollständig geklärt.



8. Lichtenberg



Diese lähmende Ungewissheit, sie ist jetzt wieder da, wie eine träge, düstere Wolke. Ein paar Monate lang sah es so aus, als sei sie für immer fortgezogen, endlich, aber nun ist sie zurückgekehrt. Schwer hängt sie über Lichtenberg, dem 1000-Seelen-Städtchen im äußersten Norden Bayerns, das seit fast 16 Jahren die Antwort sucht auf diese eine Frage: Wer hat Peggy umgebracht? Wenn in einer Großstadt wie Berlin, Hamburg oder München ein Kind verschwindet, ist für die Familie nichts mehr, wie es war. Für die Stadt aber ändert sich wenig. Ein paar Schlagzeilen, ein Suchtrupp, eine Hotline der Polizei, ansonsten geht das Leben weiter wie bisher. Wenn in einer Kleinstadt wie Lichtenberg ein Kind verschwindet, ändert dies alles, nicht nur für die Eltern, auch für die übrigen Einwohner, für die Gemeinschaft. Den Ort selbst. Aus Freunden werden Verdächtige, aus Gewissheit wird Unsicherheit.
Jener 7. Mai 2001, an dem die neunjährige Peggy Knobloch am helllichten Tag verschwand, er hat Lichtenberg verdunkelt. Wem kam man noch trauen, wenn irgendwo im Ort ein Mörder wohnt? Worauf kann man sich noch verlassen, wenn der eigene Nachbar vielleicht das Monster ist? Böhnhardts DNA? Es war ein Ermittlungsfehler. Der NSU hat mit dem Fall Peggy nichts zu tun. Wer aber war es dann? Lichtenberg liegt mitten in Deutschland und doch am Rande der Welt, auf einer Anhöhe über dem Selbitztal, umgeben von verwunschenen Wäldern, moosigen Pfaden und stillgelegten Bergwerksstollen.

Ganz Lichtenberg hat sich um Peggy gesorgt, die in dem kleinen Ort fast jeder zumindest vom Sehen kannte. Aber es dauert nicht lange, bis sich die Sorge in Misstrauen verwandelt. Misstrauen gegen die Menschen, mit denen man seit Jahren Tür an Tür wohnt. Was, wenn es einer von hier war? Einer von uns? Als Erstes fällt der Verdacht auf Peggys Mutter, die Zugezogene aus Halle an der Saale, aus dem belächelten Osten, eine Frau, die ständig neue Affären hat, wie man sich erzählt. Und war nicht schon länger die Rede davon, dass sie Peggy vernachlässigte? Wollte sie das Kind womöglich loswerden? Als Nächstes gerät der Stiefvater ins Visier. Überall in Lichtenberg ist zu hören, er habe Peggy geschlagen. War die Kleine ihm nicht immer zu wild gewesen? Dann ist es der Dorftrottel. Der Nachbar. Dessen Bruder. Der andere Nachbar. Der leibliche Vater. Der Ex-Liebhaber der Mutter. Der Lebensmittelhändler. Der Schulfreund. Fast ist es so, als gehe in Lichtenberg jede Woche ein anderer Mörder um. Im Laufe der Jahre wird die Polizei mehr als 4000 Spuren auswerten, mehrere Hundert Zeugen befragen, die Ermittlungsakte wird auf über 90 000 Seiten anschwellen. Nur der wirkliche Täter wird nicht gefunden.
Auch Ulvis Vater Erdal Kulaç geriet ins Visier der Ermittler. Während einer Vernehmung schildert der Sohn detailliert, wie sein Vater Peggys Leiche abtransportiert habe, anschließend hätten Vater und Sohn ihren Schulranzen zum Wertstoffhof gebracht. Später widerruft er das. Erdal Kulaç ist eine Beteiligung an Peggys Ermordung nicht nachzuweisen.

Ein fremder Mann, ein anonymer Entführer, womöglich die Sex-Mafia, das sind die Täter. Jedenfalls keiner aus Lichtenberg. Keiner von uns. Es ist der Versuch, das kaum zu Begreifende mit dem Wirken einer geheimnisvollen, dunklen Macht zu erklären. Ein internationaler Mädchenhändlerring hat Peggy verschleppt, so muss es gewesen sein. In Wahrheit werden Gewaltverbrechen an Kindern fast immer von ihnen nahestehenden Personen begangen – den Eltern, Onkeln, Nachbarn, Freunden. Der unbekannte Fremde ist nur sehr selten der Täter.

"Jeder hat hier plötzlich jeden verdächtigt, keiner wollte was Falsches sagen, aus Angst, dass der Nachbar einen bei der Polizei anschwärzt."
Die erste Soko Peggy vermutet den Täter damals im 'Nahfeld des Opfers'. Doch sie findet keine Beweise. Auf Druck des bayerischen Innenministeriums wird im Februar 2002 die Soko Peggy Phase II eingesetzt. Sie braucht nur wenige Monate, bis sie einen Täter präsentiert: Ulvi Kulaç, den geistig zurückgebliebenen Sohn eines Gastwirt-Ehepaars aus Lichtenberg, bei dem Peggy häufiger zum Spielen war. Er soll das Mädchen umgebracht haben, um einen sexuellen Missbrauch an ihr zu vertuschen, der sich vier Tage vor dem Verschwinden zugetragen hat. Gegen den damals 24jährigen läuft zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Monaten ein Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs in 22 Fällen an 15 Lichtenberger Kindern. Der Ulvi gilt als Dorftrottel. Er hat einen IQ von 67, kann mit Mitte 20 kaum lesen, schreiben oder rechnen. Dass er vor kleinen Kindern seinen Penis aus der Hose holt und onaniert, weiß hier jeder.

Dass er manche Kinder auch anfasst, ahnen wenige. Am 7. Mai 2001 habe er Peggy nach der Schule am Henri-Marteau-Platz abgepasst, weil er sich entschuldigen wollte. Doch dann sei sie »weggerennt aus Angst, dass ich sie wieder fick«, wie Kulaç damals in einer Vernehmung angibt. Ulvi Kulaç wird - mit Einverständnis seiner Mutter - von der Polizei mehrfach ohne anwaltlichen Beistand befragt. Er gesteht die Tat. Detailliert erzählt er, wie er dem Mädchen bergauf hinterherhetzte, wie sie über einen Stein stolperte, er ihr aufhalf, sie sich wieder losriss, mit dem Schulranzen unterm Arm weglief, bis er Peggy schließlich am Fuße der Burgruine zu fassen bekam, ihr mit der einen Hand den Mund zuhielt und die andere an den Hinterkopf presste. »Dann hat sie keine Luft mehr gekriegt und die Augen zugemacht.«

Das tote Kind habe er weggeschafft, wohin genau, das sagt er nicht. Mehrfach wiederholt er diese Aussagen. Ulvi Kulaç ist der perfekte Täter: Motiv, Gelegenheit, Geständnis, alles da. Allein, die Polizisten haben ihm lauter Suggestivfragen gestellt. Ausgerechnet als er gesteht, läuft das Tonband nicht mit. Und: Eigentlich hat Ulvi Kulaç ein Alibi. Ein Bekannter aus Lichtenberg sagt aus, Ulvi sei an jenem Nachmittag bei ihm gewesen und habe »beim Holzmachen« geholfen. Die Soko vermutet, der Mann bringe die Tage durcheinander. Das Geständnis ist zu gut, der Erfolgsdruck immens. Beweise gegen Ulvi Kulaç gibt es keine. Kein glaubwürdiger Zeuge, der die kleine Peggy am frühen Nachmittag am Henri-Marteau-Platz gesehen hat, hat dort den stadtbekannten Ulvi Kulaç bemerkt. Die Ermittler finden keine DNA-Spuren - schon gar nicht den Leichnam des Kindes. Trotzdem, endlich ist da einer, der ein Motiv hatte. Und er gibt die Tat sogar zu. Das Landgericht Hof verurteilt Kulaç am 30. April 2004 wegen Mordes an Peggy Knobloch zu lebenslanger Haft, obwohl er sein Geständnis inzwischen widerrufen hat. Die Ermittler hätten ihn unter Druck gesetzt, sagt er, er habe nur gestanden, um seine Ruhe zu haben. Das Gericht ist jedoch von seiner Schuld überzeugt und begründet sein Urteil mit dem Gutachten des renommierten
Berliner Psychiaters Hans-Ludwig Kröber.
Der hält es für äußerst wahrscheinlich, dass Ulvis Angaben »erlebnisbegründet« seien. Ein Mann mit derart geringen intellektuellen Fähigkeiten sei nicht in der Lage, sich einen so komplexen Tatablauf auszudenken, geschweige denn, seine Erzählung mehrfach zu wiederholen. Der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil. Der Kriminalfall Peggy, er scheint gelöst.
Der Verdächtige Kulaç hat die Tat gestanden, aber sagte er die Wahrheit?


Seit eineinhalb Jahren lebt Ulvi Kulaç in einem Wohnheim mit Betreuung, er hat ein kleines Apartment, »mit einem eigenen Schlüssel«, wie er stolz sagt. Von Montag bis Freitag arbeitet er in einer Werkstatt, klebt Dichtungsbänder auf Luftfilter für Lkw, jeden Tag von 7.45 bis 16.30 Uhr. Am Wochenende Darts, Kickern, Billard, mal ein Bier, es geht ihm gut, man merkt es ihm an. Eigentlich wolle er mit dem Thema Peggy nichts mehr zu tun haben, sagt er, aber irgendwie bestimme es immer noch sein Leben. »Ich hab die Peggy nicht weg gemacht«, sagt er. »Der Polizist hat mir gesagt: Wenn du nicht sagst, dass du es warst, sind wir keine Freunde mehr.« Nur deshalb habe er gestanden. Ulvi hatte schon immer große Angst, dass ihm jemand böse sein könnte. Neben ihm sitzt eine kleine ältere Dame, die jeden seiner Sätze kontrolliert. Wenn ihr etwas nicht passt, hakt sie ein und sagt: "Ulvi, da muss ich ein Veto einlegen. Du kannst das ja gar nicht wissen." Die Frau heißt
Gudrun Rödel, und sie ist es, die den Fall Peggy auf den Kopf gestellt hat.
Rödel, 69, ehemalige Anwaltsgehilfin, kommt aus einem kleinen Ort, 30 Kilometer von Lichtenberg entfernt.
"Als ich las, da ist ein geistig behinderter Mensch, der ein Mörder sein soll, da habe ich mich verpflichtet gefühlt."
Sie hatte selbst eine geistig behinderte Tochter, die inzwischen verstorben ist. Gudrun Rödel spricht mit Ulvis Eltern, die ihr die traurige Geschichte des Jungen erzählen. Ein Hirnhautentzündung als Kleinkind, die seine geistige Entwicklung hemmte. Ein schwerer Autounfall wenig später, bei dem seine Schwester ihr Leben verlor. "Das hat mich sehr mitgenommen", sagt Gudrun Rödel. Sie beginnt zu recherchieren. In Lichtenberg trifft sie auf viele Menschen, die nicht glauben wollen, dass der Ulvi ein Mörder sein soll. Gemeinsam gründen sie eine Bürgerinitiative. Finden Zeugen, deren Aussagen die Ermittler übergangen haben. "Und dann saß da plötzlich ein erwachsener Mann vor mir, der bitterlich weinte und sagte: ›Der Ulvi war doch zur Tatzeit bei mir zum Holzmachen.‹"
Das sei ihre Initialzündung gewesen. Rödel findet heraus, dass der renommierte
Münchner Tatortanalytiker Alexander Horn bereits vor Kulaçs Vernehmungen ein Szenario der Tat entworfen hatte. Darin ist die Rede von einer Sexualtat, die dem Mord zugrunde liegen könnte, von einer möglichen Verdeckungsabsicht, von einem Angriff auf den Hals. Diese sogenannte Tathergangshypothese passt in vielen Punkten zu dem von Ulvi geschilderten Ablauf. Hatten die Polizeibeamten Ulvi den Tathergang also tatsächlich nur eingeredet?

Im Wiederaufnahmeverfahren wird der vermeintliche Mörder im Jahr 2014 aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf des Mordes freigesprochen.

Ein alter Mann, der nachweislich Kinder sexuell missbraucht hat, ein junger Mann und ein geistig Behinderter, die sich ebenfalls an Kindern vergingen - als die Ermittler dann auch noch bei Peggys Stiefvater kinderpornografische Bilder auf dem Computer finden, gilt Lichtenberg als Nest der Pädophilen, die hier unbehelligt ihrer Neigung frönen konnten. Zur quälenden Frage, wer Peggy umgebracht hat, kam bei vielen Einwohnern auf einmal die Angst, ob das eigene Kind in dieser Stadt noch sicher ist. Lichtenberg hat seit Peggys Verschwinden rund 15 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Das hat viele Gründe, aber einer davon ist, dass so manche junge Familie mit der permanenten Unsicherheit nicht mehr leben wollte.

Plötzlich war da eine Art Wagenburgmentalität. Wir gegen die. Die Journalisten. Die Polizisten. Die Sensationstouristen.



9. Verdächtige

13 Jahre nach dem Verschwinden von Peggy Knobloch stehen die Ermittler wieder am Anfang. Die dritte Sonderkommission hat bereits im Vorfeld des Wiederaufnahmeverfahrens ihre Arbeit begonnen. Und konzentriert sich auf vier Hauptverdächtige.

1. Robert E.



E., heute 70, sitzt in einem Dachzimmer seines Hauses am Lichtenberger Markplatz, nur 110 Meter von der damaligen Wohnung der Knoblochs entfernt. Neben ihm steht eine große Modelleisenbahn, deren Züge seit Jahren nicht mehr durch die Miniaturlandschaft fahren. Der ganze Raum ist vollgestellt mit Puppen, Heiligenfiguren, alten Möbeln. E. hat drei Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht, weil er seine zehn Jahre alte Patentochter und seine elfjährige Stiefenkelin sexuell missbraucht hatte. Er beging diese Taten erst nach Peggys Verschwinden - ein anonymer Hinweis führte die Soko aber bereits 2001 mit Leichensuchhunden in sein Haus.
Die Beamten bohrten damals sogar den Kellerboden auf. Sie fanden ein Mädchenhemd. Doch das war viel zu klein, um von Peggy zu stammen. 12 Jahre später kam die Polizei wieder. Eine ganze Woche lang gruben und bohrten Spezialisten in E.s Haus und Garten. Sie trieben Löcher in die Wände, um nach Hohlräumen zu suchen, in denen ein Leichnam versteckt sein könnte. Im Keller wurden die Öltanks verschoben, der Estrich wurde abgetragen. "Dabei habe ich den Estrich schon 1993 gelegt" – acht Jahre bevor Peggy verschwand. Die Polizei fand nichts. Den entstandenen Schaden hat Robert E. nie ersetzt bekommen. "Aber wenigstens habe ich jetzt meine Ruhe".

2. Jens B.



Nur wenige Meter entfernt von Robert E. lebt jahrelang der zweite Hauptverdächtige: Jens B., heute 44. Er hat inzwischen Lichtenberg verlassen, er habe es dort nicht mehr ausgehalten. Jetzt lebt er in einer Großstadt. B. hat Angst, dass 'die Hyänen wiederkommen'. Journalisten, die ihn jahrelang bedrängten. Jens B. ist Kurierfahrer, auch am Abend trägt er noch das T-Shirt seiner Firma. Ein kleiner, hagerer Mann mit Glatze. Er war der Nachbar der Knoblochs, Peggy war fast jeden Tag nach der Schule bei ihm und seiner Frau Anke, die sich um das Mädchen kümmerte, wenn Peggys Mutter Dienst im Altenheim hatte. "Ich hatte mit der Peggy eigentlich gar nichts zu tun, das hat alles die Anke gemacht". Peggy sei ein sehr lebendiges Kind gewesen, lustig, frech, ein bisschen nervig auch. Jens B. hat sich im Fall Peggy von Anfang an auf seltsame Weise engagiert gezeigt. Das Mädchen wird noch keine zwei Wochen vermisst, da hat er der Polizei schon vier mögliche Mörder genannt. Peggys Mutter, den Stiefvater, einen Wirt aus der Gegend, schließlich Peggys leiblichen Vater. Auch ein Arbeitskollege des Ex-Liebhabers von Peggys Mutter komme in Frage sowie die 'Schmiedenbrüder', eine Motorradgruppe aus der Gegend.
Will Jens B. damals womöglich nur von sich selbst ablenken? Den Ermittlern kommt sein Verhalten merkwürdig vor, dennoch glauben sie ihm, dass er am Nachmittag des 7. Mai vor dem Computer saß, während seine damalige Frau nebenan Mittagsschlaf hielt. An jenem Tag kommt das Ehepaar B. mittags aus Weiden in der Oberpfalz zurück, von einer medizinisch-psychologischen Untersuchung, der sich B. unterziehen musste, weil er ständig zu schnell fuhr. Er ist sich sicher, durchgefallen zu sein und verzweifelt. Für ihn als Kurierfahrer ist der Führerschein überlebensnotwendig. Also verbringt er angeblich den ganzen Nachmittag am Schreibtisch, um im Internet nach Informationen zu suchen, wie er seinen Führerschein möglichst schnell zurückbekommen könnte. Als Peggy verschwindet, sitzt er am Computer, so hat B. es all die Jahre immer wieder ausgesagt.

Doch das war gelogen. In einer eineinhalb Tage dauernden Vernehmung im Oktober 2013 hält B. zunächst weiter an seiner Geschichte fest. Doch mittlerweile haben die Ermittler seinen Computer erneut ausgewertet - und festgestellt, dass zwischen 13.18 Uhr und 14.06 Uhr keine einzige Taste gedrückt wurde. Also genau in jener Zeit, in der Peggy verschwand. Das Gleiche gilt für einen mehr als dreistündigen Zeitraum nach 15.12 Uhr. Jens B. verstrickt sich bei dieser Vernehmung in Widersprüche. Er sei zwischendurch wohl eingeschlafen, sagt er. Er habe sich etwas zu Essen gemacht. Der Mann, der über die Jahre so viele andere angeschwärzt hat, steht plötzlich selbst im Fokus der Ermittler. Doch warum sollte Jens B. die kleine Peggy getötet haben? Was soll sein Motiv gewesen sein? Die Ermittler vermuten, Peggy sei nach der Schule zu ihm in die Wohnung gekommen und habe ihn damit aufgezogen, dass er seinen Führerschein verloren habe. Sie habe ihn so genervt, dass er ihr etwas antat. Aber bringt ein erwachsener Mann wirklich ein neunjähriges Kind um, nur weil es ihn ärgert?

Den Staatsanwalt, der die Vernehmung mit B. führt, packt die blanke Wut. Er fährt B. mit den Worten an: "Sie werden nicht froh, wenn Sie weiter mit Lügengebäuden hantieren müssen." Dann fügt er hinzu: "Sie kommen von selber irgendwann wieder." B. ist in dieser Vernehmung, in der ihm trotz mehrfacher Nachfrage ein Anwalt verwehrt wird, irgendwann so weit, dass er selbst nicht mehr weiß, ob er Peggy umgebracht hat oder nicht. Er bietet den Ermittlern an, sich hypnotisieren zu lassen, um die Wahrheit herauszufinden (!) - was vor deutschen Gerichten aber als Beweis unzulässig ist. Sicher ist nur: B.s Leben wird bis heute von Peggys Verschwinden bestimmt. Jahrelang hat er in Internetforen mit anderen Menschen darüber diskutiert, wer der Mörder sein könnte. Oft sitzt er ganze Nächte lang vor dem Rechner. Manche, die ihn gut kennen, sagen, seine Familie sei an der Sache kaputtgegangen. Seine Ehe zerbrach, sein damals achtjähriger Sohn nässte plötzlich nachts wieder ein. Immer nur Peggy, Peggy, Peggy. Das Mädchen lässt ihn nicht los. Weil er nicht über ihr Schicksal hinwegkommt? Oder weil er vielleicht doch etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat?

3. Holger E.



Der dritte Hauptverdächtige ist B.s Adoptivbruder Holger E., er ist 17, als Peggy verschwindet. Wie später herauskommt, hat er damals die kleine Tochter von Jens B. sexuell missbraucht. Jahre später muss er für mehrere Jahre ins Gefängnis, weil er sich an seiner eigenen zweijährigen Tochter vergangen hat. Es war Jens B., der ihn anzeigt, mit dem Hinweis, er habe »bei dem Holger wegen der Peggy so ein komisches Bauchgefühl«. Tatsächlich ist der junge Mann schon den beiden ersten Sonderkommissionen aufgefallen, als bekannt wird, dass er ein Amulett mit Peggys Bild um den Hals trug. In Holger E.s Kinderzimmer hängen Dutzende Fotos des Mädchens, mit Fingerfarben hat er ihren Namen an die Wand gemalt. Holger E. gibt im Jahr 2013 gegenüber den Ermittlern zu, mit Peggy Zärtlichkeiten ausgetauscht zu haben. Der 17-Jährige und die Neunjährige hätten mit einander gekuschelt, sich auch geküsst. E. wohnte damals in der Nähe von Halle, hat Peggy kennengelernt, als er seinen Adoptivbruder in den Ferien besucht. Sein Alibi stellt sich als falsch heraus. Jedoch hat ihn zur Tatzeit niemand in Lichtenberg gesehen. E. hat keinen Führerschein, die Ermittler können sich nicht erklären, wie er an jenem 7. Mai von Halle nach Lichtenberg gekommen sein soll. So wird auch Holger E. nie angeklagt.

4. Ulvi Kulaç



Den vierten Hauptverdächtigten benennt einer der Ermittler in seiner Zeugenbefragung im Wiederaufnahmeprozess:
"Das ist und bleibt nach wie vor Ulvi Kulaç. Er war vor Ort, war im Bereich des Marktplatzes, hat wie E. und E. Kinder sexuell missbraucht. Von der Tatmöglichkeit her sind wir der Meinung, dass er genauso der Täter sein kann wie die anderen auch."
Gudrun Rödel lächelt milde, wenn man sie auf Ulvis sexuellen Missbrauch von Kindern anspricht. "Wir waren im Herbst zusammen auf dem Burgfest in Lichtenberg. Da kamen die jungen Männer, die damals angeblich vom Ulvi missbraucht wurden, zu uns, gaben ihm die Hand und sagten: Ja, Ulvi, wir haben damals viel Scheiße gemacht, aber getan haste uns nie was." Was sie nicht erwähnt: Ulvi K. war schon zum Zeitpunkt seiner Verurteilung wegen des vermeintlichen Mordes an Peggy in der Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth untergebracht. Dort blieb er bis vor knapp zwei Jahren. Aufgrund des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Lichtenberg halten ihn die Ärzte für weiterhin gefährlich. Gudrun Rödels Welt ist schwarz und weiß. Ulvi: gut. Alle anderen: böse. "Es ist ja so: Er hat vor Kindern onaniert, und er hat einen Freund gehabt. Die haben sich halt gegenseitig befriedigt. So war das doch, oder, Ulvi?" Er nickt. Dass dieser Freund damals 8 und Ulvi Anfang 20, stört Gudrun Rödel nicht.
"Der Ulvi ist ja von seinen Fähigkeiten her selbst wie ein achtjähriges Kind." Es gab 14 weitere Mädchen und Jungen, die von ihm in unsittlicher Weise angefasst wurden. Unter anderem Peggy. Und jeden dieser sexuellen Missbräuche hat Ulvi K. von sich aus gestanden. Ohne Druck eines Polizisten. Aber sicher ist auch: Alleine wäre Ulvi Kulaç nie in der Lage gewesen, die tote Peggy unbemerkt aus Lichtenberg fortzuschaffen, sie in den Wald zu verfrachten und dort zu verscharren. Er kann nicht Auto fahren. Wenn er doch der Täter war, muss er einen Komplizen gehabt haben, und wer soll das gewesen sein? Sein Vater, der den Sohn schützen wollte? Ein Kumpel? Ulvi hatte viele Kumpel, die Leute mochten ihn, aber wer hätte ihm geholfen, einen Mord zu vertuschen? Und was ist mit seinem Alibi, mit der Aussage, er habe an jenem Nachmittag Holz gesägt?



10. Ulvi

Im Sommer 2000 soll er einen sieben Jahre alten Jungen sexuell missbraucht haben. Seine Mutter zeigt ihn an. Andere Jungen soll er mit Keksen zu Doktorspielen gelockt haben.
Im Ersturteil vom 30.4.2010 spricht das Gericht Ulvi - neben dem Mord an Peggy - in mehreren Fälle des sexuellen Missbrauchs für schuldig, wegen verminderter Schuldfähigkeit erfolgt insoweit Freispruch und Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt.
Nach der Wiederaufnahme und dem Freispruch mangels Beweises im Fall Peggy geht es in der Unterbringungssache wie folgt weiter:

Das Oberlandesgericht Bamberg gibt einer Beschwerde gegen den Unterbringungsbeschluss des Landgerichts Bayreuth - "unverhältnismäßig" - statt. Bis Juli 2016 könnten die Voraussetzungen etwa für eine Heimunterbringung außerhalb der Psychiatrie geschaffen werden, teilt das OLG mit. Ulvi habe sich aus Sicht des Gerichts fortentwickelt und "als gut führbar und integrierbar erwiesen". Dabei habe der Senat insbesondere den bereits 13 Jahre und sechs Monate andauernden Freiheitsentzug von Ulvi berücksichtigt. Auch erachte das Gericht nunmehr "weniger belastende Möglichkeiten wie etwa eine Heimunterbringung" als geeigneter für den 37jährigen . Auch dadurch könne ein womöglich noch bestehendes "Risiko" vermieden werden. Ulvi habe sich etwa auch unter den besonderen Belastungen, die die öffentliche Aufmerksamkeit in seinem Wiederaufnahmeverfahren mit sich gebracht habe, als gut führbar erwiesen.
Nach der Entlassung untersteht er fünf Jahre der Aufsicht eines Bewährungshelfers.

Website für einen Kinderschänder



PS

Wolfgang Geier ist Leiter der Ermittlungskommission Peggy II Februar bis Oktober 2002 .
2005 bis Januar 2008 leitet er die Nürnberger BAO Bosporus, eine der größten deutschen Mordkommissionen, angesetzt auf die 2000 bis 2006 andauernde Mordserie an Migranten - ergebnislos.
Später sind die Taten der rechtsextremen Terrorgruppe NUR zuzuordnen.

Alexander Horn

Das unsichtbare Mädchen

Kommentar von 2014
Wieder ein Justizskandal, wieder Bayern. Das Landgericht Bayreuth hat einen katastrophalen Fehler des Landgerichts Hof korrigiert – nach zehn Jahren, in denen Ulvi Kulaç in Gefangenschaft gehalten worden ist. Jetzt ist der Mann, der wegen des Mordes an der damals neunjährigen Peggy aus Oberfranken 2004 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen worden. Und zwar „aus tatsächlichen Gründen“, so die Bayreuther Richter. Ein Tatnachweis sei nicht möglich.
Das hätten die Richter am Landgericht Hof vor zehn Jahren auch schon so sehen müssen. Es gab keine Leiche – Peggy ist bis heute spurlos verschwunden. Es gab keinen Tatort, keine objektiven Beweise, keine verwertbaren Spuren. Ausgerechnet der geistig behinderte Kulaç soll 2001 im oberfränkischen Lichtenberg den perfekten Mord begangen haben? Ein Mann mit einem Intelligenzquotienten von 67, der kaum lesen und schreiben kann und der auf dem Entwicklungsstand eines reifeverzögerten Zehnjährigen ist?
Mit diesem ersten Urteil im Zweifel gegen Ulvi K. haben die Hofer Richter den bemitleidenswerten Eltern der verschwundenen Peggy einen schlimmen Bärendienst erwiesen und die Justiz in ein denkbar schlechtes Licht gerückt.
Das erste Urteil im Fall Ulvi Kulaç, ein Skandalurteil, erinnert frappierend an den Fall Gustl Mollath.

Bei dem „berühmtesten Psychiatrieinsassen Deutschlands“ hatten die Landgerichte Nürnberg und Regensburg unter Mithilfe des Bundesgerichtshofs Unrecht gesprochen. Haarsträubende Fehlleistungen der Richter und der Staatsanwaltschaft hatten Mollath mehr als sieben Jahre hinter die Mauern der Psychiatrie gezwungen, ehe das Oberlandesgericht Nürnberg das Wiederaufnahmeverfahren anordnete. Es soll im Juli beginnen.
Allerdings ist es völlig unangebracht, mit dem Finger auf die Justiz in Bayern zu zeigen. Der Fall Harry Wörz, 1998 in Karlsruhe zu Unrecht zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, zeigt, dass auch in Baden-Württemberg ebenso wie in bald jedem Bundesland unsägliche Fehlurteile, ja Justizskandale, jederzeit möglich sind. Der Beispiele sind viele, sie aufzuzählen würde den Rahmen sprengen.
Das Dramatische an diesen Urteilen ist, dass es praktisch jeden treffen kann. So schreibt
Ralf Eschelbach, es sei eine Lebenslüge der Justiz, dass es kaum falsche Strafurteile gebe.
Der Verfasser ist keineswegs ein frustrierter Strafverteidiger, der an deutschen Gerichten verzweifelt, sondern Richter am Bundesgerichtshof (BGH). Eschelbach schätzt die Zahl aller Fehlurteile auf 25 Prozent. Eine der Hauptursachen für falsche Urteile sieht Eschelbach in der Vorverurteilung des jeweiligen Angeklagten durch die Richter, weil diese sich zu oft auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften verließen.  
Muss der gesetzestreue Bürger also Angst vor der deutschen Justiz haben? Ganz so ist es sicher nicht. Die allermeisten Gerichte und Staatsanwaltschaften leisten eine schwierige und trotzdem saubere Arbeit. Der Staat sollte sie ihnen nicht auch noch durch immer neue Sparrunden zum Schaden der Gesellschaft erschweren.
Wo Menschen wirken, werden Fehler gemacht. Wo Menschen jedoch sehenden Auges gegen jede Vernunft und gegen den gesunden Menschenverstand wirken, verursachen sie nicht selten verheerende Schäden. Das trifft besonders auf die Menschen zu, die in der Justiz und im Namen des Volkes wirken. Dieser Tatsache müssen sich die Damen und Herren in den schwarzen Roben bewusst sein – bei jedem Urteil.