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NJ 50
BENETNASCH [13h48m +49°19']
η Ursae Majoris

Benetnasch (arab. Anführer der Klageweiber) Stern η im Großen Bären oder Wagen, auch Alkaid genannt, ist 100 Lichtjahre entfernt. Benetnasch bildet die Spitze der Deichsel des Großen Wagens oder das Ende des Bärenschwanzes ...

Göttervater Zeus hat sich in die Nymphe Kallisto verliebt, der Jungfrau in Gestalt von Diana genähert und ihr die Unschuld geraubt. Hera, seine Gemahlin, hörte von Kallisto und deren neugeborenem Sohn Arkas. Aus Eifersucht verwandelte sie Kallisto in einen Bären. Als Kallisto in Bärengestalt später ihrem Sohn Arkas begegnet, versucht er, das Tier zu töten. Um einen Mord an der Mutter zu verhindern, entführt Zeus beide und gibt ihnen einen Platz am Firmament. Als aber Hera die Rivalin unter den Sternen funkeln sieht, packt sie die Wut, wendet sich an Okeanos und Tethys, beiden ihr Leid klagend. Sie erbittet den Gefallen, dass die Bärin niemals das erfrischende Wasser sollte erreichen können; seitdem ist Ursa maior zirkumpolar.


TREMITIS

Wer nachts mit Südkurs auf die Inseln zuläuft, der sieht nichts - außer alle 4 Sekunden 3 Blitze, der Kennung von San Nicola. Er muss, wenn er auf Westkurs geht, um in den Hafen einzulaufen, sich frei halten von den Klippen - und mit einem Mal ist er, entlang der im weiten Bogen zurückweichenden finsteren Steilküste der Insel entlang aus dem Dunkel die Hafenmole rundend, in eine andere Welt versetzt:
Angestrahlt und im diffus-gelben Licht vieler Straßenlaternen zieht das gewaltige Bauwerk der Abtei und fortezza aus hellem Stein den Berg hinauf rund um die Bucht, da und dort nur geben Fundamente den Blick frei auf gewachsenen Fels.
Oben der Giebel der chiesa della Madonna und endlich hoch über allem der Himmel, nachtschwarz, Filmkulisse für mittelalterliche Spektakel.

Die Seelen trojanischer Krieger erzählen die Sagen von Agamemnon und Hektor,
von Helena und Paris, draußen im Wasser ein springender Fisch,
das kaum hörbare Gleiten der Möven die einzigen Laute.
Verlassen die Insel im Monat März. Das Rattern des Außenborders vom
Coast-Guard-Schiff, das anlegt drüben am Ufer von San Domino,
wieder vollkommene Ruhe, kein Mondlicht in der schweigenden Nacht.
Falken schwirren.
Hörst du das Rufen, ihr Schreien, ihr Weinen vom anderen Ufer?
In den Fangleinen der Fischer verreckende Albatrosse.
Diomedes kehrt heim.
Eine Steinfigur wie in Mozarts Oper am Schluss, der Komtur erscheint:
Padre Pio, langsam versinkend zum Grunde des Meeres.
Wir drängen im Traum zu seinen blutigen Händen, er segnet,
heilt alle Gläubigen, hergepilgert aus der weiten Welt.
Uns träumt vom Taka-Tuka-Land, wo die Piraten den Vater von Pippi
gefangen halten, von slawischen Filibustermatrosen und ihrem Plan
abgefeimt wie Odysseus’ Ross aus Holz.
Die Mönche sind überredet, für den Skipper der Feibeuter
das Leichenbegängnis zu richten, die Bösen fromm geworden in Trauer
tragen den Sarg den Berg hinan, am offenen Grab springt
der tote Käptn aus der Kiste, die voller Waffen, das Morden beginnt,
ein Mönch entkommt.
Plötzlich erwacht, starrt der verwesende Beato Tomaso durchs schmutzige Glas
breit grinsend, das Totenschädelgesicht unter dem geistlichen Hut.



Bringt ihn nicht weg von der Insel, die Leiche von fratre Nicolò bringt Sturm!
Nahezu im Zenit steht Benetnasch, der Schlußstern im Schwanz der Bärin,
dalmatinische Seeräuber massakrieren die Zisterzienser, wacht auf!



Überall hinter der Schlucht beim Kloster bedeckt Euphorbia mit Buketten
die Hochebene von St. Niklaus, an dessen jenseitigem Ufer Sonnenstrahlen
bei ihrem Tageslauf die letzte Insel-Ruhestätte morgens früh erwärmen.
Haben alle, Diomedes nach endlosem Wandern, Agrippina die Verbannte,
haben Piraten und Benediktiner, Internierte und Zisterzienser, oder die Sarazenen
sich auch erfreut an der gelben Blüte des kugelig aufsteigenden Wolfsmilchgewächses?



Antonio, mit grauem Bart- und Haupthaar, durch Sterne auf den Schultern
der blauen Uniform sehr offiziell, der erst nach längerem Rufen
uns abfertigt aus dem Fenster im ersten Stock im Eck des Hafens,
erzählt von unvorstellbaren tausend Tagestouristen in der Saison,
suchen das Eiland heim mit Hoovercraft und Helikopter.
Beim Tor der Ritter auf der Rückkehr zum Boot
Begegnung mit der anderen Crew.
Woher wohin, sie waren längsseits gegangen,
nachdem die Yacht sie hertrug von der dalmatinischen Küste.
Visitando la Chiesa soffermiamoci
un attimo in preghiera
rivolgendo lo sguardo
de il pensiero al Signore
ed affidiamoci alla
Sua potenzione

Ablegen, Kurs Dalmatien.

PS
In Anspielung auf die Wortähnlichkeit des Eigennamens Alkaid zu Al Kaida verfasst Frank-Markus Barwasser das Theaterstück Alkaid – Pelzig hat den Staat im Bett, das 2010 im Münchner Residenztheater Premiere hat.
Wenn Erwin Pelzig in den nächtlichen Sternenhimmel blickt, dann sucht er keine Antworten. Er sucht Fragen – und lieber will er nichts begreifen, als sich von schlecht gelüfteten Geheimnissen verwirren zu lassen.
Hoffnungsfroh vom Leben abgewandt, wird Pelzig dennoch in das Leben hineingemischt – als Babysitter für das Kind der Nachbarin, aber vor allem, als sich das Landeskriminalamt in seinem Schlafzimmer einquartiert. Parabel auf die grassierende Paranoia. Angst essen Seele auf. Natürlich. Aber auch die eigene Identität, Freundschaften und Loyalitäten und am Ende den ganzen Staat. Wer kontrolliert da eigentlich wen? Und warum? Und wie lange? Und wo sind wir hingekommen, wenn alles vorbei ist?



Com'è profondo il mare - komponiert von Lucio Dalla auf S. Nicola