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ASELLUS AUSTRALIS [8h45m +19°9']
δ Cancri

Asellus Australis (lat. südlicher Esel) ist Stern δ, zweithellster Stern im Sternbild Krebs und 150 Lichtjahre entfernt.

In der griechischen Mythologie stellen Asellus Borealis (nördlicher Esel) und Asellus Australis die zwei Lasttiere dar, die den Gott Dionysos bei einer seiner Irrfahrten durch Vorderasien über einen Fluss tragen und zum Dank an den Himmel versetzt werden. Sie stehen dort beidseits des schimmernden Sternhaufens der Krippe (Praesepe oder M44) und tun sich am Futter gütlich.






Chemnitzer Kulturpalast

Hellenistisch-sowjetisches Nationaltheater
oder
Fitzcarraldos Traum heute
oder
DDR-Fernsehstudio hinter Stacheldraht


Wer im Südwesten von Chemnitz im Stadtteil Rabenstein die gleichnamige Burg oder das gleichnamige DRK-Krankenhaus, die gleichnamigen Felsendome oder den gleichnamigen Eisenbahnviadukt sucht, wer am Pelzmühlenteich oder Stausee Oberrabenstein spazieren geht, stößt unweigerlich auf ein Objekt, das an



Münchens Königsplatz
erinnert:



der Chemitzer Kulturpalast.

So sieht Fitzcarraldos Traum heute aus. Er, der Exzentriker aus Werner Herzogs Kultfilm, steht 2001 in der F.A.Z. zu lesen, hätte seine Freude gehabt an diesem Bau, dessen Dekor und Dimension an die Nationaltheater des 19. Jahrhunderts erinnern.

Die Gegend, wo der Palast steht, ist - bis heute - beliebtes Feizeitziel der Chemnitzer.

Bis 1945 existiert hier das Ausflugsrestaurant "Pelzmühle" mit Wasserspielen, Tiergehegen, einem Teich mit Gondelbetrieb, sogar ein kleines Dampfschiff zieht seine Runden.
Nach dem Abzug der Amerikaner gemäß Abkommen von Jalta zur Aufteilung Nachkriegsdeutschlands ziehen die sowjetrussischen Truppen als Besatzer ein. Sie requirieren 1948 einen breiten Streifen von Häusern und Grundstücken, die Bewohner müssen ihren Besitz zur Unterbringung des russischen Offizierskorps räumen. In der "Pelzmühle" nimmt das Offizierskasino Quartier.



Noch ahnt keiner, welchen Auftrag die Offiziere mit sich tragen. Nur ausgewählte Geologen, im Gefolge der Roten Armee kennen den Stoff, den sie suchen: Uran für die russische Atombombe. Die sowjetischen Forscher arbeiten fieberhaft daran, das US-Kernwaffenmonopol zu brechen [köstlich geschildert im absolut lesenswerten "Hundertjährigen, der aus dem Fesnster stieg..."]. Aber Uran fehlt, im eigenen Land nicht zu finden. Im Erzgebirge wird es bereits vor dem Krieg in kleinen Mengen abgebaut, u.a. für medizinische Zwecke, das haben russische Geheimdienste in Erfahrung gebracht, und das macht das Erzgebirge zum Strategischen Ziel Nummer Eins.
Sowjetgeneral Michael Malzew, später auch Generaldirektor der Wismut, ist Chef der Aktion, ein Kenner des Bergbaus, er hat schon Arbeitslager im Kohlerevier geleitet.
Unter strengster Geheimhaltung schürfen im Erzgebirge und in Ostthüringen bald zwangsverpflichtete Arbeitskräfte nach Uran unter schlimmen Arbeitsbedingungen in den Schächten. Hitze, Staub, und Strahlung machen die Bergleute krank, viele sollen den Einsatz mit ihrem Leben bezahlen.
Eine - man höre und staune - AG, baut den ersten und einen der größten stalinistischen Kulturpaläste in der Stadt, die man 1953 umtauft in

1947 haben die Sowjets in Moskau die Sowjetische, später Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut gegründet.



Die Schaltzentrale des Bergbauunternehmens errichtet die Besatzungsmacht im Dreieck Siegmar, Rabenstein und Reichenbrand, Chemnitzer Ortsteile.

Zur Verschleierung nennt man den Betrieb harmlos "Wismut" - ein chemisches Element der Ordnungszahl 83 aus der Stickstoffgruppe mit äußerst geringer Radioaktivität, für den praktischen Gebrauch ohne Bedeutung.
200.000 Beschäftigte arbeiten bei der SAG, ab 1954 SDAG Wismut, die sich zu einem der größten Uranproduzenten weltweit entwickelt. Der Arbeitgeber setzt seine Untergebenen hohen gesundheitlichen Gefahren aus, überschüttet sie aber auch mit Privilegien: so sind sie Adressaten des "Kulturpalasts der Bergarbeiter", den nach einjähriger Bauzeit DDR-Ministerpräsident Grotewohl Anfang 1951 eröffnet.

Der Prachtbau beherbergt ein großes Foyer, einen umfangreichen Theatersaal mit ca. 1.000 Plätzen für Varieté, Konzert und politische Inszenierungen, weiter den Rosettensaal, einen Tanzsaal, daneben Räume für Bildung und Unterhaltung: Bibliothek, Musik-, Billard- und Kinderzimmer, Restaurant, Café und Bar auf der Empore des Rosettensaals. Die Architektur des stalinistischen Neoklassizismus und die prunkvolle Inneneinrichtung mit Säulen, Lüstern und kunstvollen Treppengeländern kontrastieren mit den Ruinen im fast völlig zerstörten Chemnitzer Zentrum. Von Volksvergnügen bis zu Theater-Hochkultur reicht ein in der Region konkurrenzloses Programm.

Gegenüber entsteht das Haus für Körperkultur (HfK) mit Schwimm- und Sporthalle, alles umgeben von umfangreichen Parkanlagen mit Wasserspielen, Pergolen und Pavillons. Dazwischen sprudelt der große, nachts beleuchtete Springbrunnen.
Die Straßen, Wege und Teichmauern erhellen dreiarmige Bogenleuchten mit Opalglaskugeln. Im Pelzmühlenteich entsteht ein neues Bootshaus im Stile einer kleinen Seebrücke.



Namenlose Frauen, deren Männer im Krieg gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft sind oder schon unter Tage für die Wismut schuften, errichten den Palast, den die Bergleute mitfinanzieren müssen: sie fahren unbezahlte Sonderschichten oder erbringen Eigenleistungen.
Nach Inbetriebnahme des Kulturpalastes karren Busse die Arbeiter hin, später kommt Chemnitzer Stadtpublikum dazu - die Sowjets wollen ihr bei der deutschen Bevölkerung schlechtes Image verbessern und stellen die neuen Kultur- und Sportstätten schon frühzeitig der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung.









Was die grau-tristen Fassaden des real existierenden Sozialismus' nicht ahnen lassen, in Ulbrichts und Honeckers Stasiland war privates Vergnügen der breiten Bevölkerung lebendig und vielfälig, vom Staat großzügig mit gestützten Gaststätten- und Eintrittspreisen gefördert, um damit gegen Platzangst im eingemauerten Land und wachsenden Unmut über Mangelwirtschaft anzugehen. Die Kneipen sind voll, es darf gefeiert werden, dass das Ganze unpolitisch bleibt, dafür sorgen die IM's der Stasi. Ab Mitte der 80er Jahre wird der Niedergang der sozialistischen Planwirtschaft auch im “Kultur- und Saufsektor” deutlich, eine Einrichtung nach der anderen bricht marode zusammen.
Der Kulturpalast schließt 1967 in seinen besten Jahren, Gründe unklar.

Das DDR-Fernsehen zieht ein, erweitert den Palast an der Rückseite, ein Teil der Inneneinrichtung weicht Aufnahmestudios, das ganze Gelände umschließt ein hoher Stacheldrahtzaun, es gleicht nun eher einer Stasizentrale als einem Kulturpalast.
Alles was an Stars in der DDR Rang und Namen hat, aber auch ausländische Künstler, mit dem Privileg, hier auftreten zu dürfen, gehen im Studio Karl-Marx-Stadt ein und aus. Ein Viel DDR-Fernsehen wird in Rabenstein produziert, etwa die beliebte Quizsendung „Schätzen Sie mal“, oder “Spiel Spaß” und viele der DDR-Silvestershows.

Die friedliche Revolution übersteht der Fernsehstudio-Palast unbeschadet. Ab Ende 1990 sendet das Fernsehen der DDR nicht mehr, 1991 übernimmt der MDR das Studio Chemnitz, 2000 zieht er aus, seitdem steht der Palast leer, verfällt, ist Anziehungspunkt für Vandalen.













Gespenstig muten die leeren Hüllen des monumentalen Gebäudes in dem verwahrlosten Umfeld an. Trotz seines Zustandes stellt es eine Sehenswürdigkeit der besonderen Art dar, Zeitzeuge der Nachkriegsgeschichte Sachsens. Viele Einheimische haben dort so manche schöne Stunde im Kulturzentrum erlebt, Fremde staunen.

Im "Haus für Körperkultur" haben fast alle Kinder der umliegenden Stadtteile und Gemeinden über Jahrzehnte das Schwimmen erlernt. “HfK” war regelmäßiges Ziel, privat oder in Vereinen zum Hallen- oder Schwimmsport. Der Wasserrettungsdienst bildete hier seine Kräfte aus...
Auch dieses Haus verrottet.




Der Eigentümer des Kulturpalastes, eine Haus- und Immobilienverwaltungs-GmbH, stellt zum Entsetzen der Denkmalschützer Abbruchantrag, will Einfamilienhäuser errichten.










Nachträge:



1. Die "Pelzmühle" ist wiederauferstanden und ein wunderbares Restaurant ...







2. admiral übrigens wohnte ab 1992, als er sich in die Neuen Bundesländer abordnen ließ, im heutigen DRK-Schwesternhaus, damals hinter dem MDR. Aber das ist wieder eine andere Sernschnuppe ...