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NJ 61
ANTARES [16h29m -26°26']
α Scorpii

Antares kommt aus dem Griechischen, es bedeutet Gegenmars (Gegenares), seiner roten Farbe wegen. Die im Nautischen Jahrbuch verzeichneten Sterne Antares (NJ 61) und Shaula (NJ 64) stehen im Sternbild Skorpion, der am Südhimmel deutlich seinen Giftstachel nordwärts biegt.
Antares, begleitet von α Scorpii B (schwer auszumachen) ist ein Doppelsternsystem. Antares, der hellste Stern im Sternbild Skorpion, etwa 600 Lichtjahre von der Erde entfernt, hat den unvorstellbaren Duchmesser von etwa 1.000 Millionen Kilometern (Sonne: ca. 1,4 Millionen)!



Nach vorne geht kein Weg.
Könntest du wenigstens
zurück
erwartete dich vielleicht
im alten Garten
ein Spatz
Jannis Ritsos


Wer aus dem Saronischen Golf kommend in die nördliche Ägäis will, ankert am Abend in der Bucht zu Füßen des Tempels auf Kap Sounion, wird zu den Säulen hinaufsteigen und der Sonne zusehen, wie sie im Meer versinkt bei Ägina, um zeitig am Morgen die felsige Steilküste zu runden und einzuschwenken in Stenon Makronisos, wo die Yacht des nördlichen Windes und des Südstromes wegen aufkreuzen muss.

In Lavrion, direkt unterhalb der vor sich hin rostenden Verladebrücke, machen wir fest. Von da gelangt man schnell in die Stadt und zu den Abraumhalden oberhalb. Beim Rundgang am frühen Nachmittag treffe ich eine kleine, schwarz gekleidete Frau, die Platz genommen hat auf einem Brett zwischen Unkraut in einem Schotterhaufen. Sechs lange Jahre ist sie mit dem Sohn jeden Samstag nach Lavrion gefahren, um dort hinüber zu blicken.

Die massige Insel nimmt die ganze Breite des Horizonts von Nord nach Süd hinter der Meerenge ein, auf der unbefangen Segelyachten kreuzen: Ist Makronisos endgültig Geschichte? Ganz weit rechts im Süden ist die Insel zu Ende und links ist undeutlich die Nordspitze zu erkennen. Felsig wasserloser Platz, glühend heiß im Sommer, im Winter umso kälter, sturmumtost. Makronisos, so steht im Hafenhandbuch, ist eine öde unbewohnte Insel, außer ein paar Ziegen gebe es nichts, die Fahrensleute kolporieren, ein Anlegen zu vermeiden, aggressive Ratten bevölkern die Inseln, kommen ohne Zögern an Bord.

Ob ich Jannis Ritsos kenne, den Dichter. Er habe oft bemalte Steine zu seinen Gedichten gelegt und mit ihrem Mann dort im Konzentrationslager, sie sagt KZ, gesessen. Ihr Mann sei, wie Jannis, vor 13 Jahren im gleichen Jahr gestorben. Als Kommunist hat er gegen die Deutschen gekämpft, war bis Anfang der fünfziger Jahre gefangen auf der Insel dort drüben und gefoltert worden.

Wir sagt mir Frau K. zum Abschied, wir kämpfen für ein Griechenland im geeinten Europa, aber ohne EU, ohne imperialistische Kräfte des Großkapitals. Die sollen in den Hades fahren. Und lies du mal Ritsos' Epitaphios!
Heute treffen sie sich einmal im Jahr. Die Fähre bringt sie zur Insel. Steine und Geröll, zerstörte Kasernen.

Diese Landschaft ist hart wie das Schweigen.
Sie presst die Zähne zusammen
Es gibt kein Wasser, nur Licht.
Der Weg verliert sich im Licht,
und der Schatten der Mauer ist wie aus Eisen
Jannis Ritsos

Mikis Theodorakis, jeder kennt ihn, gibt dort ein Konzert. Hellas kennt ihn als Widerstandkämpfer, die Welt als Komponist der Filmmusik Alexis Zorbas.
Mit 18 erstmals gefoltert, als er sich nach dem Abzug der Deutschen gegen die neuen Besatzer, die Engländer, wehrt, auch er kommt nach Makronisos, Folterknechte brechen ihm beide Beine. 1949, nach kurzer Genesungspause in einem Militärhospital muss er zurück auf die Insel.

Als wir uns der Mole näherten, sah ich den Schatten der Insel. Bedrohlich.

Wie eine satte Schlange, die sich ins Meer gelegt hatte, um die Opfer des Tages zu verdauen.
Mikis' Vater auf Kreta gibt seinen Besitz für die Heilung der Glieder. Der Komponist klassischer Musik wendet sich zu den Wurzeln, dem Rembetiko, wird wieder politisch und Leitfigur der griechischen Erneuerung, Parlamentsabgeordneter, 1967 putschen faschistische Obristen, Mikis taucht wieder ab.
Als ein Polizist Königin Friederike, der Deutschen, in der Nacht des 21. August seine Verhaftung meldet, soll sie Endlich! gesagt haben. Künstler in aller Welt solidarisieren sich, wollen wissen, was passiert ist. Außer Gerüchten nichts.
Bis zum 4. September in absoluter Isolation, Vassilis Lambrou, Folterspezialist, befragt ihn, verlegt ihn in eine Zelle genau unter die Terrasse, wo man Schreie Gefolterter hört, das Brüllen komme aus der Rauschgiftabteilung, sagt Lambrou.
Es handele sich um Süchtige, die wir schlagen müssen, weil sie sonst nicht sagen, wo sie das Heroin und das übrige Zeug versteckt haben. Schließlich müssen wir die Gesellschaft schützen. Und er schreibt die Schläge auf Tag für Tag, erinnert sich an die Zeit auf Makronisos, wo er auf dem Bett lag, an das Foltern:
Was reden wir uns und auch den anderen für Lügen ein! Seelisches Leiden! Moralisches Leiden! Geistiges Leiden! Das sind bloß Wörter. In Wirklichkeit gibt es nichts Schlimmeres, nichts Peinvolleres, nichts Realeres als den ganz gewöhnlichen körperlichen Schmerz.
Er schreibt die Musik für den Film Z.
1970 Verbannung, Paris, bereist die Welt mit seiner Musik, setzt sich ein für Demokratie in der Heimat, Symbolfigur für den Widerstand gegen jede Diktatur. 1974 als Volksheld gefeiert, kehrt Theodorakis später dennoch zurück ins Exil, wird Minister nach der korrupten Papandreou-Zeit. Und wird nicht müde, immer dann Partei zu ergreifen, wenn es gegen Macht und ihren Mißbrauch geht.



Viele Konzertbesucher im Armeetheater sind ehemalige Häftlinge, zeigen ihren Verwandten diesen Ort. Eine Frau setzt sich auf einen Felsen:
Mein Vater war ein Jahr hier, er wurde gefoltert; später erschossen. Ich traue mich nicht, den Boden zu betreten, sonst trete ich auf seine Tränen.
Der Weg ist steinig, Schwefel, um Schlangen fernzuhalten. Macchia überwuchert das Land. Nikos erzählt, er habe als Kind Briefe vom Vater vorgelesen bekommen, in denen stand: Es geht mir gut. Nach seiner Rückkehr von Makronisos weinte der Vater im Schlaf, jahrelang. Nikos sagt: Ich wollte mit meinem Vater diesen Ort besuchen, der ihn niemals losgelassen hat.

Den Ertrunkenen haben sie am Kai hingelegt.
Ein schöner junger Mann, nackt.
An seiner linken Hand
ging die Uhr noch immer.

Jannis Ritsos

Siehe auch die Dokumentation Makronisos: