home

ANSER [19h28m +24°40']
α Vulpeculae

Anser ist Stern α im Sternbild Fuchs und 300 Lichtjahre entfernt.
Nach ihm ist der Berg Anseris Mons auf dem Mars benannt.















...ich höre relativ selten Musik. Ich habe also weder einen Plattenspieler noch ein Tonband noch sonstige Geräte zu Hause. Und deshalb hat sie für mich einen relativ hohen epiphanischen Wert, wenn ich sie mal höre. Das ist meistens unvorhergesehen, also wie hier jetzt, sozusagen, im Studio, oder wenn ich im Auto sitze und das Autoradio andrehe und zufällig etwas kommt, was mir sehr nahegeht. Und ich habe dann tatsächlich ein, glaube ich, relativ intensives Hörgefuhl aus dem einfachen Grunde, dass ich es so selten höre. Und wenn man sich das mal überlegt, dann ist das ja auch ein sehr neues Phänomen, daß die Musik ständig und zu jeder Zeit verfügbar ist und die tägliche Tapete des täglichen Lebens darstellt, sozusagen. Ich stelle mir vor, wie schwierig es zum Beispiel noch um die Jahrhundertwende gewesen sein muss, nicht? Also, man hat dann vielleicht eine Brahms-Oper oder ein Brahms-Klavierkonzert vielleicht einmal in seinem Leben gehört, wenn es gerade in Wien aufgeführt worden ist ...






"The Long Road", Die lange Straße, der lange Weg aus dem Film "Cal". Mark Knopfler, ein Gitarrist der sogenannten Rockmusik, wird es spielen, er hat es auch komponiert. Und Sie, Herr Sebald, wollten es hören. Warum?
Warum - ja, das ist eine etwas komplizierte oder auch gar nicht komplizierte Geschichte. Ich habe ja ziemlich spät mit dem literarischen Schreiben angefangen; ich habe zunächst eigentlich nur literaturkritische Monographien und Essays verfaßt. Und dann Mitte der 8oer Jahre stellte sich aus mir nicht ganz begreiflichen Gründen das Bedürfnis ein, auch selbst sogenannte Primärwerke irgendwie zu verfassen. Und das begann damit, daß ich also eine Reihe oder besser gesagt drei sehr lange Gedichte geschrieben habe, von denen sich das erste mit dem Maler Grünewald befaßt, das zweite mit der Alaska-Expedition Berings und das dritte mit einer Art Naturgeschichte der Nachkriegszeit. Und beim Schreiben des Grünewald-Gedichts ... ich glaube, ich habe das etwa kurz vor Ostern 1985 geschrieben, war allein zu Hause und habe mich mehrere Tage eigentlich nur damit beschäftigt (und Nächte hindurch auch). Und als ich damit fertig war, rief mich ein Bekannter an und sagte: Willst Du nicht mit ins Kino gehen? Und dann habe ich gesagt: Na ja, trifft sich ganz gut, ich habe gerade einen sehr langen Schlauch hinter mir; gehen wir. Und ich wußte nicht, um was für einen Film es sich handelt; und es war dieser Film aus dem irischen Bürgerkrieg, Cal, ein sehr, sehr eindringlicher, einem sehr nahegehender Film. Und irgendwo in diesem Film, ich glaube, gegen das Ende zu, besucht der junge Held dieses Films ein abgelegenes Farmhaus in der nordirischen Provinz und geht in den oberen Stock hinauf. Und auf dem Treppenabsatz hängt in diesem Film der Isenheimer Altar.








Franz Schubert, Klaviersonate B-Dur, "Andante sostenuto"
Schubert ist natürlich der Unergründlichste für mich von allen. Es gibt bei Schubert diese seltsame Chromatik, die mich an etwas erinnert, an das ich gar nicht zurückdenken kann, so weit ist das hinter mir. Es hat wahrscheinlich irgend etwas mit alpenländischen Tonfolgen zu tun oder volksmusikhaften Tonfolgen und Halbtonschritten, bei denen man also das Gefühl hat, das ganze Welten aufgehen, von denen man vorher nichts gewußt hat. Und das ist in diesem langsamen Satz — und ich mag vor allem, meiner Grunddisposition entsprechend, die langsamen Sätze in der Musik -, in diesem langsamen Satz, den Schubert kurz vor seinem Ende komponiert hat, deutlicher als in fast allen seinen anderen Musikstücken.





Mit ganzer Hingabe & einem weit in die Ferne gerichteten Blick spielten die korsischen Gaukler, genau wie die von Bohumil Hrabal einmal auf die wunderbarste Weise beschriebenen Böhmerwaldmusikanten, die dereinst durch die mährischen Städtchen zogen in der Sommerszeit. Die Akkorde & Töne, die sie aneinanderreihten, hatten eigenartige Farben, halb aus Afrika, schien es mir, & halb aus dem Alpenland. Manchmal glaubte ich, ein Kirchenlied zu hören oder die Drehung eines Walzers, dann wieder die schleppenden Takte eines Trauermarsches, wo die im letzten Geleit Gehenden bei jedem Schritt den Fuß, eh sie ihn aufsetzen, kaum merklich einhalten in der Luft.
Jedenfalls war es, als klänge diese seltsame Serenade zu uns herüber aus einer um vieles langsameren Welt & als bringe sie einen Trost, von dem fast niemand mehr weiß. Insbesondere bei dem Stück, das die Musiker als Zugabe noch spielten, schien mir das so. Es war wie ein Abgesang auf das ganze Leben & erinnerte mich bis in ihre Einzelheiten an den Andante sostenuto überschriebenen Satz der Klaviersonate in B-Dur, die der im Himmelpfortgrund geborene Franz Schubert kurz vor seinem Ende mit der ihm damals eignen schlafwandlerischen Sicherheit geschrieben hat.

Es ist mir nach wie vor unvorstellbar, daß die korsischen Zirkusleute diese in ihrer Getragenheit unvergleichliche Musik selber noch einmal erfunden haben sollten; wahrscheinlich, so dachte ich mir, hatten sie sie irgendwann einmal gehört &, was man gut verstehen kann, nie mehr vergessen.
Sie verfolgen einen ja bis in den Schlaf, die Baßtöne, die gleich zu Beginn aus dem Untergrund aufsteigen wie Blasen aus einem dunklen Weiher, der Wolkenschatten, der mit dem Wechseln der Tonart auf einmal vorüberzieht, der einzelne Klang des Totenglöckchens, das seitab geläutet wird, die immer höher gehenden, nach Rettung suchenden Griffe der rechten Hand & dann dieser winzige Schritt von x auf y, ein Fehltritt beinahe (über den Rand des Abgrunds hinaus) & doch so wahr & genau, daß man wie der arme Heinrich im Märchen die eisernen Bande von seinem Herzen springen hört. Mir war es an jenem Abend nicht nur, als weitete sich mir zum erstenmal seit langem die Brust wieder aus, sondern als wachse mein Schädel von innen bis an das Firmament, als löste er sich mitsamt meinem nutzlosen, Grad für Grad transparenter werdenden Körper weit draußen zwischen den ausgestreuten Lichtern allmählich auf.
Was die Musikanten selber verspürten beim Spielen der ihnen von weiß Gott woher zugewehten Wiener Musik, kann ich nicht sagen, aber ich weiß, daß ich nicht der einzige im Publikum gewesen bin, dem die Seele aufging, denn mehr als einer der mit ihren Kindern still lauschenden Frauen traten unversehens glänzende Tränen in die Augen, die ich sie verstohlen abwischen sah, Tränen weniger wohl des Glücks als der Trauer über unser eigentlich nur aus falschen Bechnungen & Einbußen bestehendes Leben.
Unerklärlich aber wird einem von grundauf unmusikalischen Menschen, wie ich es bin, immer bleiben, was einen an gewissen Klängen derart ergreift.








Quelle: Sebald 1996 im Gespräch mit Walther Krause, W. G. Sebald "Auf ungeheuer dünnem Eis", Gespräche 1971 bis 2001,