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Stern ALWAID [17h30m +52°18m']
β Draconis

Alwaid ist Stern β Draconis im Sternbild Drache und 360 Lichtjahre entfernt.







Alter Dessauer




Chinesische Partie



Oranienbaum

Wer auf der Oranier-Route nach Oranienbaum in Sachsen-Anhalt (bei St. Petersburg gab es ebenfalls eine Stadt dieses Namens, heute heißt sie


Lomonossow)

dort über den großen Markplatz geht, sieht auf der Platzmitte den Orangenbaum, der goldene Früchte trägt, die 10 fürstliche Kinder symbolisieren.

Die obere, größte Orange

ist der männliche Thronfolger

Leopold, besser bekannt als der "Alte Dessauer".

Nicht nur als Militärmusik



oder als Titel von Band 45 Karl Mays gesammelter Werke oder als

Gedicht Fontanes



- sondern er ist natürlich auch der populärste preußische General ...

1676 in Dessau geboren und 1747 ebenda gestorben, ranken sich um Leopold I. Legenden, Historie und Amüsantens, eine Gestalt aus dem Hause Anhalt-Dessau.
Vater ist Generalfeldmarschall in brandenburgischen Diensten, Mutter Henriette Catharina von Nassau-Oranien Holländerin. Früh verliebt der Prinz sich in


Anna Luise,

Tochter des Dessauer Hofapothekers Föhse, die er später ehelicht.
Das Kind von 12 Jahren (!) übernimmt als Oberst das Infanterieregiment Diepenthal, zehn Jahre später ist Hochzeit.
Als 1693 der Vater stirbt, schickt die Mutter - mit der sich die Schwiegertochter später jedoch bestens versteht - den noch minderjährigen Erbprinzen auf Kavalierstour, damit er Abstand zur nicht standesgemäßen bürgerlichen Geliebten gewinnt. Leopold bereist Italien, wo, da ihn dieser mehr interessiert als der Papst, er lieber den

Vesuv

besteigt und im Hafen von Livorno den Salut britischer und holländischer Schiffe entgegennimmt - durch seine Mutter ist er mit den dort regierenden Majestäten verwandtschaftlich eng verbandelt.
Kaum ein deutsches Fürstengeschlecht ist derart zersplittert und unübersichtlich wie das anhaltinische:
Es entstehen aus Erbteilungen der Askanier - ihr Namen stammt von der lateinischen Form von Aschersleben, ihrer Stammburg - Anhalt-Aschersleben, Anhalt-Bernburg, Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen, Anhalt-Plötzkau, Anhalt-Zerbst usw. usw.



Ab 1698 regiert Leopold I., seine Frau Anna Luise Föhse, die ihm 10 Kinder schenkt (ein paar hat er auch noch von anderen Frauen), erkauft sich mit 92.000 Talern Einlage in die kaiserliche Schatulle den Reichsgräfin-Titel und wenn ihr Mann - wie meist - auf Feldzügen ist, agiert sie als Regentin.



Leopold I. veranlasst in seiner knapp 50jährigen Regierungszeit viele Reformen in der Landwirtschaft und Infrastruktur, bei den Steuern, er siedelt Manufakturen an, bereichert (sein fürstlicher Besitz umfasst 600 ha) sich dabei gnadenlos auch selbst, die meisten Adligen macht er platt, Biograph Varnhagen von Ense fasst das Ergebnis seiner Politik zusammen:
"Am Ende seiner Regierungszeit existiert das historische Kuriosum eines Fürstentums ohne Adel" - den Ausverkauf der Adelsgüter vollendet dann sein Sohn, Leopold II. Maximilian.
Tiefgreifend reformiert Leopold I. das Abgabensystem durch Landvermessung, wandelt Frondienste in Dienstgeld um, ersetzt alle bäuerlicher Einzelabgaben durch die "Gabe" und führt die "Akzise" ein: Sie wird fällig beim Passieren der Stadttore.



Die militärischen Leistungen des alten Dessauers im Einzelnen aufzuführen sprengt den Rahmen.
Higlights sind Einführung des Gleichschritts in der brandenburgisch-preußischen Armee und des eisernen Ladestocks (früher aus Holz), die Belagerungen von Kaiserswerth, Venlo und Bonn, die Schlachten von Höchstädt, Cassano, Turin. Er belagert Tournais und kämpft bei Malplaquet. Er wird Generalfeldmarschall und enger Vertrauter von König Friedrich Wilhelm I. Im Großen Nordischen Krieg gegen Schweden erobert er Rügen und Stralsund, von 1715 bis 1740 reformiert er die Ausbildung des preußischen Heeres: Ihm verdankt Preußen den Ruf als Militärmacht. Im Krieg um die polnische Thronfolge käpft er als Feldmarschall des Reichs gegen Frankreich.
Unter Friedrich II. gelingt ihm der entscheidende Sieg über die kursächisch-österreichische Armee.



Zwei Legenden:
Vor der Schlacht von Kesselsdorf schwört der alte Dessauer, Sachsen mit einem Gestank auszufüllen, der noch jahrelang zu riechen sein sollte und schliesst:
„Lieber Gott, stehe mir heute gnädig bei! Oder willst Du nicht, so hilf wenigstens die Schurken, die Feinde nicht, sondern siehe zu, wie es kommt!“
Die Brüder Grimm verarbeiten die folgende Story im "König Drosselbart":



Eines Abends reitet der Fürst in Dessau die Spittelstraße hinauf. Als die Topfwarenhändlerinnen über ihr schlechtes Geschäft klagen, reitet der Fürst mitten in die Topfwaren hinein, und je mehr die Marktfrauen schreien und heulen, desto ungestümer wird der Landesherr, am Ende ist kein einziges Stück mehr ganz. Später bezahlt er den Schaden nach Heller und Pfennig, so dass die Weiber doch noch einen guten Markt haben.


Die Mutter des alten Dessauers, Henriette Catharina,

verewigt auf einem Liköretikett, erwirbt den Ort Nischwitz, der 1673 zur Erinnerung an ihre Herkunft den Namen Oranienbaum erhält.









Die Stadt Oranienbaum, 12 km östlich der alten Residenzstadt Dessau, inmitten des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs, das die UNESCO 2001 als Weltkulturerbe unter Schutz stellt, nimmt unter den Residenzen ihrer Zeit eine besondere Stellung ein aufgrund der gestalterische Einheit von Stadt-, Schloss- und Parkanlage, die bis heute erhalten ist.
Die 12 rechtwinklig angelegten Stadtquartiere durchziehen gerade Achsen. Die Viertel gruppieren sich um den zentralen, quadratischen Marktplatz. Er bildet innerhalb der strengen Axialität des Ensembles zugleich den Bezugspunkt zwischen den zwei, im rechten Winkel zueinander angeordneten wichtigsten Baudenkmälern der Stadt: Schloss und Stadtkirche.
Henriette Catharina gibt Oranienbaum auch eine wirtschaftliche Struktur, sie lässt eine Glashütte einrichten, siedelt Hopfenbauern und hochfürstliche Tabakspinner an. Den holländischen Architekten Cornelis Ryckwaert beauftragt sie mit der Planung eines musterhaften Ensembles aus Stadt-, Schloss- und Parkanlage, ab 1693 ist Oranienbaum ihr Witwensitz, von wo aus sie das Fürstentum fünf Jahre lang für den unmündigen Sohn Leopold regiert.



Nach ihrem Tod nimmt die Bedeutung der Stadt ab, Sohn Leopold I. und Enkel Dietrich nutzen das Schloss nur für gelegentliche Jagdaufenthalte.





Urenkel Fürst Leopold Friedrich Franz gestaltet den barocken Inselgarten zu einem chinoisen Ensemble im englischen Geschmack um, baut eine der längsten Orangerien Europas, die seither ohne Unterbrechung der Unterbringung eines reichen Bestandes an Zitruspflanzen dient und für Festlichkeiten genutzt wird.
Herzstück der chinsesichen Partie ist das Chinesische Haus, gestaltet 1794 bis 1797, 2013 rekonstruiert, nach einem Handelshaus in Kanton. Die Gestaltung ist so beeindruckend, dass Fürst de Ligne sagt: "Als hätte der Fürst sein Leben in Peking verbracht".



Am Rand des Parks entsteht ab 1812 eine fünfgeschossigen Pagode. Sie geht auf die Bildungsreise des Fürsten zurück, der in den Kew Gardens bei London eine solche sah.





Eine Besonderheit ist die Stadtkirche von 1712.





Sie auf der geraden Sichtachse zum Schloss zu errichten scheitert an an der nahen Landesgrenze zu Kursachsen, man weicht nach Süden aus.



Der elliptische Grundriss bestimmt die äußere und innere Gestalt maßgeblich, ihr Baumeister ist unbekannt. Die charakteristische, in halber Höhe ohne Unterbrechung umlaufende Galerie, getragen von toskansichen Säulen, weist auf hugenottische Vorbilder hin.



Die Stadtkirche ist von Anfang an nur sparsam ausgeschmückt und bemalt - das Rankenwerk auf Emporenfeldern, Altarsäulen und an der Kuppel stammt aus späterer Zeit. Ihre gesamte Ausstattung zeigt eine starke Überformung barocker Gestaltungsprinzipien durch das reformiert-calvinistische Bekenntnis ihrer Erbauer, das zu konsequenter Schlichtheit gemahnt. Doch auch in dieser Zurücknahme entfaltet die Kirche eine über ihre städtische Funktion hinausgehende, repräsentative Pracht und ist die deutlich sichtbare Landmarke für ein Gesamtensemble, weit über sich selbst hinausweisend und zugleich Schlussakt für die neue Ortsgestalt. Zudem zeigt ihre Nutzungsgeschichte als Stadtkirche den Übergang zur bürgerlichen Epoche der Stadt Oranienbaum.
Zum Tabakanbau gesellen sich bürgerliche Manufakturen und erste Fabriken, die im größeren Umfang Tabak weiterverarbeiten, von 1864 bis 1950 stellt die



Likörfabrik Friedrich

Likör aus Orangenblüten her, 1968 geht die Tabakproduktion zu Ende und seit 2011 ist Oranienbaum Teil der neu gebildeten Stadt Oranienbaum-Wörlitz.

Film: Kirche, Park, Chinesisches Haus und Pagode







Und nicht weit von Oranienbaum stehen die Reste des "Schwedenhauses", das aber ist eine andere Sternschnuppe ...



Und:
Oranienbaum ist nicht zu verwechseln mit


Oranienburg in Brandenburg.

1650 schenkt Kurfürst Friedrich Wilhelm seiner Frau Louise Henriette von Oranien, einer Schwester von Henriette Catharina von Nassau-Oranien, Mutter des Alten Dessauers und Namenspatronin von Oranienbaum, die Domäne Bötzow, wo 1652 ein Schloss im holländischen Stil errichtet wird, das den Namen Oranienburg erhält und wo Louise Henriette 1663 das erste europäische Porzellankabinett einrichtet. Der Schlossname wird auch auf die Stadt, etwa 150 km nördlich von Oranienbaum, übertragen. Aber auch das ist eine andere Sternschnuppe ...