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AL THALIMAIN POSTERIOR [19h37m -1°17']
ι Aquilae

Al Thalimain Posterior (arab. lat. der zweite - der Strauße) ist Stern ι im Sternbild Adler, 400 Lichtjahre entfernt.



Rousseau
Françoise-Louise de Warens Thérèse Levasseur



Vater fünfer Findelkinder?
(W. G. Sebald Logis in einem Landhaus S. 43ff.)

Als Roussau sich im Herbst 1765 auf die St. Petersinsel flüchtete, befand er sich bereits am Rand völliger geistiger und körperlicher Erschöpfung. Tausende und Abertausende von Seiten hatte er in seinem fünften Lebensjahrzehnt zwischen 1751 und 1761 zu Papier gebracht, zunächst in Paris und dann in der Eremitage von Montmorency, bei immer schwankender werdender Gesundheit. Der
    Diskurs über die Wissenschaften und die Künste
mit dem er den Preis der Akademie von Dijon errang, die Abhandlung
    Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen
die Oper
    Le Devin du Village,
die Briefe über die französische Musik und über die Vorsehung, an M. Voltaire und M. d'Alembert, das Märchen
    La Reine Fantasque,
das Romanwerk
    La Nouvelle Heloïse,
der
    Émile
und
    Der Gesellschaftsvertrag,
all das und mehr entstand in dieser Zeit, während der Rousseau wie stets auch die umfangreichste Korrespondenz aufrechterhielt. Überblickt man das Ausmaß und die Verzweigtheit dieser Produktion, so kann man nur annehmen, daß Rousseau unausgesetzt über den Schreibtisch gebeugt gewesen sein muß, um die in ihm aufquellenden Gedanken und Gefühle in endlosen Buchstaben- und Zeilenreihen festzuhalten. Der überspannte Zustand, in den Rousseau durch dieses manische Arbeiten geriet, verschärfte sich in der nächsten Zeit vor allem dadurch, daß er, der gerade erst durch den unerhörten Erfolg seines das Naturrecht der Liebenden propagierenden passionierten Briefromans den höchsten Grad literarischen Ruhms erlangt hatte, durch die Verurteilung und Konfiszierung des Émile und des Gesellschaftsvertrags durch das Pariser Parlament zu einem Geächteten gemacht und aus Frankreich unter Androhung der Arretierung ausgewiesen wurde. In seiner Heimatstadt Genf ergeht es Rousseau nicht besser. Auch hier wird er als ein gottloser und aufrührerischer Mensch verdammt und werden seine Schriften ins Feuer geworfen. Im Rückblick auf diese Zeit, in der sein Schicksal zum Schlimmen sich wendete, schreibt Rousseau 1770 am Anfang des letzten Buchs seiner Bekenntnisse:

Hier beginnt nun das Werk der Finsternis, von der ich seit acht Jahren eingehüllt bin, ohne daß ich das schreckliche Dunkel zu durchdringen vermöchte. In dem Abgrund von Elend, in den ich versenkt bin, fühle ich die Schläge, die wider mich geführt werden, nehme das Instrument unmittelbar wahr, kann aber nicht die Hand, durch die es gelenkt, noch die Mittel, durch die es in Bewegung gesetzt wird, erkennen. Schmach und Unglück überfallen mich unversehens.
Ein vorläufiges Unterkommen findet der Verfolgte erst in dem zu Preussen gehörenden, vom Gouverneur Lordmarschall George Keith verwalteten Territorium von Neuchâtel, wo seine Verehrerin, Madame Boy de la Tour ihm ein leerstehendes Bauernhaus in Môtiers, im abgelegenen Tal von Travers zur Wohnung überläßt. Der erste Winter, den Rousseau dort verbringt, ist einer der kältesten des Jahrhunderts. Schon im Oktober fängt es an zu schneien. Trotz des chronischen Unterleibsleidens und der verschiedenen anderen Krankheiten und Zustände, die ihn plagen, wehrt sich Rousseau von diesem unwirtlichen Exil aus gegen die nicht abreißenden Anschuldigungen, mit denen der Genfer Rat und die Geistlichkeit von Neuchâtel ihn bedrängen. Zwischendurch hat es den Anschein, als hellte die verfinsterte Welt sich wieder auf. Rousseau macht Besuche bei seinem Protektor Lord Keith, zu dessen Haushaltung der Kalmücke Stéphan, der Neger Motcho, Ibrahim der Tartar und Emetulla, eine aus Armenien stammende Muslimin gehören. In dieser toleranten Umgebung fällt der verfolgte Philosoph, der um diese Zeit bereits sein berühmtes armenisches Gewand, eine Art Kaftan und eine Pelzhaube trägt, nicht aus dem Rahmen. Im übrigen ist er bemüht, mit Georges de Montmollin, dem Pastor von Môtiers sich zu arrangieren, geht zur Messe und zum Abendmahl, sitzt vor dem Haus in der Sonne, beschäftigt mit dem Knüpfen von Seidenbändern, und botanisiert im Talgrund und auf den Almen.

II me semble, so schreibt er später in den Rêveries, que sous les ombrages d’une forêt je suis oublié, libre et paisible comme si je n’avais plus d’ennemies.
Die Feinde freilich ruhten nicht. Rousseau muß ein Vertei dungsschreiben verfassen an den Erzbischof von Paris und ein Jahr darauf die Streitschrift Lettres de la montagne, in der er darlegt, daß das Vorgehen des Genfer Rats gegen ihn sowohl gegen die Verfassung der Republik als auch gegen ihre freiheitlichen Traditionen verstößt. Auf dieses Sendschreiben antwortete Voltaire, der aus dem Hintergrund die Verhetzungskampagne in unheiliger Allianz mit den selbstgerechten Repräsentanten der classe vénérable dirigierte, mit einem "Le sentiment des citoyens" betitelten Pamphlet, in dem er Rousseau, nachdem es nicht gelungen war, ihn aufs Schafott zu bringen, als einen blasphemischen Lügner und Scharlatan an den Pranger stellt. Und er tut dies nicht etwa unter seinem eigenen Namen, sondern anonym, im Stil eines eifernden calvinistischen Pastors. Voll Scham und Trauer, heißt es da, sei man zu der Feststellung gezwungen, daß man es in der Person Rousseaus zu schaffen habe mit einem Mann, der noch die tödlichen Zeichen seiner Ausschweifungen an sich trage und der im Kostüm eines Schaustellers von Ort zu Ort und von Berg zu Berg das erbärmliche Weib mit sich fortschleppe, deren Mutter er ins Grab gebracht und deren Kinder er ausgesetzt habe am Tor des Findelhauses, durch solche Taten jedem natürlichen Gefühl ebenso abschwörend, wie er sich zugleich entledigte aller Ehre und Religion.

Voltaires öffentliche Ausfälle und sein Intrigieren hinter den Kulissen bewirkten zuletzt, daß Rousseau auch im Tal von Travers nicht bleiben konnte. Als die Marquise von Verdelin ihn Anfang September1765 in Môtiers besuchte und dort in den Sonntagsgottesdienst ging, hielt Montmollin, der zumindest eine Zeitlang Rousseau zugeneigt, inzwischen aber in zunehmendem Maß unter den Einfluß seiner Neuenburger und Genfer Amtsbrüder geraten war, eine Predigt über den im fünfzehnten Kapitel der Sprüche stehenden Satz, daß die Teilnahme eines Gottlosen am Opfer dem Herrn ein Greuel sei. Nicht einmal die einfältigsten unter den an jenem Tag in der Kirche von Môtiers anwesenden Gläubigen können im Zweifel darüber gewesen sein, auf wen diese Brandpredigt gemünzt war.
Wenig verwunderlich also, daß Rousseau, sowie er sich nun auf der Gasse zeigte, von der aufgebrachten Bevölkerung an gepöbelt und beschimpft wurde und daß man ihm in derselben Nacht noch Steine auf den Altan und durch die Scheiben seines Hauses warf. In den Bekenntnissen schreibt Rousseau später, daß man ihn seinerzeit im Tal von Travers behandelt habe wie einen tollwütigen Wolf, und daß er, wenn er an einer der verstreuten Hütten vorbeigegangen sei, bisweilen einen der Häusler habe ausrufen hören: Bringt mir mein Gewehr, damit ich ihn über den Haufen schieße.

Verglichen mit diesen unguten Tagen muß die St. Petersinsel Rousseau, als er am 9. September auf ihr anlangte, tatsächlich wie eine paradiesische Miniaturwelt erschienen sein, in der er glauben durfte, sich sammeln zu können in einer Stille, die, wie er eingangs des fünften Spaziergangs schreibt, unterbrochen wurde nur vom Schrei des Adlers, dem Gesang einzelner Vögel und dem Rauschen der Gießbäche. Versorgt wurde Rousseau während seines Aufenthalts auf der Insel von dem Schaffner Gabriel Engel und seiner Frau Salome, die mit einigem Gesinde den Hof bewirtschafteten und denen der Berner Rat es später verwies, daß sie den Flüchtling ohne weiteres aufgenommen hatten. Allerdings, ganz so solitär, wie der fünfte Spaziergangs uns denken läßt, ist Rousseau auf der Insel im September und Oktober 1765 gewiß nicht gewesen. Wie in Môtiers wurde er auch hier heimgesucht von einem ständigen Strom von Besuchern, denen er sich nicht selten entziehen mußte durch die Falltür, die man heute noch in seinem Zimmer sehen kann. Auch waren die Erntemonate, während derer zahlreiche Leute aus Biel und der Umgebung auf der Insel beschäftigt waren, keine so vollkommen stille Zeit, wie Rousseau nachträglich glauben möchte.
Die Arbeit des Schreibens riß für Rousseau auch auf der Insel nicht ab, wenngleich er im fünften Spaziergangsbehauptete, daß er sich ihr auf jede Weise entzog. Abgesehen von dem immer weitergehenden Briefwechsel war er während dieser Wochen beschäftigt mit der Redaktion seines erst an die hundert Jahre später veröffentlichten Projet de Constitution pour la Corse, das er niederschrieb in zwei kleine Hefte, die heute in der Bibliothek von Genf verwahrt sind. Die von Rousseau im Gesellschaftsvertrag gemachte beiläufige Bemerkung, es möchte ein weiser Mann den in ihrem Freiheitskampf gegen die Genueser stehenden Korsen in einem Verfassungsentwurf zeigen, wie sie ihr Staatswesen einrichten sollten, hatte den



Capitaine Mathieu Buttafoco

veranlaßt, in Môtiers vorzusprechen und den Philosophen zu bitten, selber diese Aufgabe zu übernehmen. Die Begeisterung für die gegen die Fremdherrschaft sich auflehnenden Korsen war damals überall in Europa groß, und der korsische General Pascal Paoli, der Vater des Vaterlands, ein Leitbild für jeden, der ein besseres Regiment sich ersehnte.
Legendäre Züge eignen dem Korsika-Bild von Anfang an auch in der Fantasie Rousseaus, der eine Ahnung zu haben glaubte qu’un jour cette petite ile étonnera l'Europe, wenn er auch nicht wissen konnte, in welch schreckenerregender Weise diese Prophezeiung sich binnen fünfzig Jahren erfüllen würde. Er sah in Korsika die Möglichkeit zur Verwirklichung einer Ordnung, die die Übel der Gesellschaft, in der er sich gefangen fühlte, vermied. Seine Abneigung gegen die städtische Zivilisation bewog ihn, den Korsen den Landbau als die einzige Grundlage für ein wahrhaft gutes und freies Leben vorzustellen. Jegliche Hierarchisierung sollte von vornherein verhindert werden durch eine von Landesgemeinden ausgehende, in allem auf dem Grundsatz der Gleichheit aufbauende Legislative, ähnlich wie in den innerschweizer Kantonen. Darüberhinaus empfahl Rousseau den Korsen (während Paoli in Corte eine eigene Münze schon einrichtete) die Abschaffung der Geldwirtschaft zugunsten des Gütertauschs. Das ganze auf der Petersinsel umrissene Korsikaprojekt ist somit ein Traum, in welchem der immer mehr auf Warenproduktion, Handel und die Akkumulation von Privateigentum sich ausrichtenden bürgerlichen Gesellschaft in Europa die Rückkehr in unschuldigere Zeiten verheißen wird. Weder Rousseau noch seine Nachfolger vermochten den Widerspruch zwischen dieser retrospektiven Utopie und dem unweigerlich an den Rand des Abgrunds führenden Fortschritt je aufzulösen. Die Gespaltenheit unserer Sehnsucht und unseres rationalen Lebenskalküls läßt sich gut ablesen daran, daß Rousseau, dem zu jener Zeit nichts so not gewesen ist wie ein sicheres Asyl, sich nicht entschließen konnte, nach Korsika zu gehen.

Zwar berichtete die Gazette de Berne bereits, daß er den Gouverneursposten auf der Mittelmeerinsel übernehmen werde, doch in Wahrheit lag ihm, dessen Ruhm in den Salons der damaligen vornehmen Welt entstanden war, nichts daran, zurückzukehren in eine von seinem Standpunkt aus gesehen vorzivilisierte Welt, in der es ihm, wie er in den Bekenntnissen vermerkt, an den einfachsten Bequemlichkeiten des Lebens mangeln würde. Es graust ihm geradezu vor dem Prospekt, die Alpen überqueren und zweihundert Meilen weit seinen gesamten Hausstand mit sich führen zu müssen - linge, habits, vaiselle, batterie de cuisine, papier, livres, so schreibt er, il fallait tout porter avec soi.
Der Ort, an dem man ihm Wohnung und Auskommen geboten hatte, war Vescovato, eine kleine, eng zusammengebaute Stadt, hoch an einem der nach Osten steil abfallenden Hänge der Castagniccia. Sie war im 18. Jahrhundert ein nicht unbedeutender Platz, und das Haus der Filippini, das auch das seine geworden wäre, keineswegs so primitiv, wie er vielleicht befürchtete.
Obzwar also der Schriftsteller Rousseau in den wenigen Wochen, die er auf der Petersinsel sein durfte, durchaus nicht unbeschäftigt gewesen ist, sieht er diese Frist in der Rückschau doch als einen Versuch, von den Anforderungen der Literatur sich zu befreien. Er spricht davon, daß er jetzt nach etwas anderem sich sehne als dem literarischen Ruhm, vor dessen Geruch es ihm, wie er sagte, ekelte, kaum daß er ihm in die Nase gestiegen war. Bei dem dégout, den Rousseau nun vor der Literatur verspürte, handelte es sich nicht nur um eine zeitweilige Gefühlsreaktion, sondern er ging bei ihm immer mit dem Schreiben einher. Gemäß seiner Lehre von der einst unverdorben gewesenen Natur sah er im denkenden Menschen ein aus seiner Art geschlagenes Tier, in der Reflexion eine degradierte Form geistiger Energie. Niemand erkannte den pathologischen Aspekt des Denkens in der Ära, als das Bürgertum mit einem enormen philosophischen und literarischen Aufwand seinen Emanzipationsanspruch verkündete, so genau wie Rousseau, der sich selbst nichts so sehr wünschte, als die in seinem Kopf sich drehenden Räder anhalten zu können.

Das Notenkopieren, dem Rousseau in seinen früheren Jahren und auch zuletzt in Paris noch oblag, war für ihn eine der wenigen Möglichkeiten, die wie Gewölk fortwährend in seinem Kopf sich zusammenbrauenden Gedanken zu bannen. Wie schwer es sonst ist, das Denkwerk anzuhalten, das zeigt die Schilderung, die Rousseau gibt von seinen angeblich so glücklichen Tagen auf der Insel im Bieler See. Der Last der Arbeit, sagt er im fünften Spaziergang, habe er sich vorsätzlich entschlagen und das größte Vergnügen sei es ihm gewesen, seine Bücher nicht aus den Kisten zu packen und weder Tintenfaß noch Schreibzeug zur Hand zu haben. Weil aber die freigewordene Zeit doch genutzt werden muß, widmet Rousseau sich jetzt dem Botanisieren, dessen Anfangsgründe er während der Jahre in Môtiers erlernte auf gemeinsamen Exkursionen mit Jean-Antoine d’Ivernois.
Ich machte mich daran, heißt es im fünften Spaziergang, eine Flora Petrinsularis zu schaffen, ausnahmslos alle Pflanzen zu beschreiben und dies mit soviel Einzelheiten, daß ich für den Rest meiner Tage genug damit zu tun haben würde. Ein Deutscher soll ein Buch über eine Zitronenschale geschrieben haben. Ich hätte über jede Gräserart, jedes Moos im Walde, jede Gesteinsflechte eines verfassen können. Kein Halmfäserchen, nicht ein Pflanzenatom sollte sich meiner Beschreibung entziehen. Diesem Vorhaben entsprechend suchte ich jeden Tag nach dem gemeinsamen Frühstück mit der Lupe in der Hand und dem Systema Naturae unter dem Arm einen Abschnitt der Insel ab. Ich hatte diese nämlich für meinen Zweck in kleine Gevierte aufgeteilt, die ich zu jeder Jahreszeit nacheinander zu durchstöbern gedachte.
Das Zentralmotiv dieser Passage ist weniger der unbefangene Blick auf die auf der Seeinsel beheimateten Pflanzen als das der Ordnung, des Klassifizierens und des kompletten Systems. So wird auch die anscheinend unschuldigste Beschäftigung, der bewußte Vorsatz, nichts mehr zu denken und nur die Natur noch anzuschauen, dem von chronischem Denk- und Arbeitsbedürfnis geplagten Literaten zu einem aufwendigen rationalistischen Projekt, in dem es um die Anlegung von Listen, Verzeichnissen und Katalogen geht und um die präzise Beschreibung beispielsweise der langen Staubgefäße der Braunwurz, der Abschnellvorrichtungen der Nesseln und des Mauerkrauts und des Platzens der Balsaminenfrucht und der Buchkapseln.

Immerhin nehmen die Blätter der kleinen Herbarien, die Rousseau später für Madeion und Julie de laTour und andere junge Damen angelegt hat, wie harmlose Bricolagen sich aus verglichen mit dem selbstzerstörerischen Geschäft des Schreibens, dem er sich sonst unterzog. Ein schwacher Abglanz bewußtloser Schönheit liegt noch über diesen Blütensammlungen, in denen Steinflechten, Veronikazweiglein, Maiglöckchen und Herbstzeitlose aus dem 18. Jahrhundert überdauert haben, in gepreßter Form und ein wenig verblaßt.
Den wahren Gegensatz zur Arbeit und zu der Beschäftigung, die auch noch das Botanisieren bedeutet, erfährt Rousseau nur, wenn er an schönen Tagen weit in den stillen See hinausrudert.
Da streckte ich mich dann, so lesen wir im Inselkapitel, in dem Kahne aus, schaute zum Himmel hinauf, ließ mich gehen und langsam vom Wasser abtreiben, oft mehrere Stunden lang. Die helle Klarheit, die ihn dort draußen überwölbt, erinnert an die Beschreibung des Walliser Gebirges am Anfang der Nouvelle Héloïse als einer von den Schleiern der niedrigeren, dichteren Atmosphäre befreiten Landschaft, die etwas Übernatürliches hat,und in der man alles vergißt, auch sich selber, und bald nicht mehr weiß, wo man sich befindet.

Ein Dutzend von Angst und Panik erfüllte Jahre stehen Rousseau noch bevor, als er am 25. Oktober die St. Petersinsel verläßt. Ein paar Tage hält er sich in Biel auf, das zum Herrschaftsgebiet des Fürstbischofs von Basel gehört und wo einige Bürger hoffen, ihm ein Bleiberecht, wenigstens über den Winter erwirken zu können. Die erste Nacht ist er untergebracht in der Croix Blanche, dann bei dem übel beleumundeten Perückenmacher Masel in einem Zimmer, das eine Aussicht auf eine stinkende Gerbergrube hat. Auch sonst sind die Zeichen nicht günstig. Unter dem Einfluß der Berner, die in Biel in Wahrheit den Ton angeben, sprechen sich mehrere Mitglieder des Magistrats dagegen aus, dem staatenlosen Flüchtling eine Bleibe zu gewähren. Bereits am 29. macht Rousseau sich darum wieder auf. Von Basel aus schreibt er an Thérèse La Vasseur, die Frau, die ihn seit zwanzig Jahren versorgt und mit der er die fünf verschollenen Kinder gezeugt hat, er habe Fieber, Halsweh und im Herzen den Tod. Der einzige Trost ist ihm der Hund Sultan, der dreißig Meilen auf der Landstraße vor der Kutsche hergelaufen ist, wie ein Kurier und der jetzt, so Rousseau, auf meinem Mantel unter dem Tisch liegt, auf dem ich schreibe, und schläft. Am 31. Oktober verläßt Rousseau die Stadt Basel und die Schweiz, cette terre homicide, wie es auf der letzten Seite der Autobiographie heißt, für immer.

Er ist nun entschlossen, das Angebot eines Asyls in England anzunehmen. Der ihm ausgestellte Paß erlaubt es ihm, durch Frankreich zu reisen und Station zu machen in Strasburg und Paris, wo alle Welt ihn bestaunen kommt und eine solche Rousseau-Hysterie herrscht, daß David Hume, der sich von seinem Gesandtschaftsposten aus für Rousseau in England verwandte, an Hugh Blair schrieb, er würde sich getrauen, per Subskription in der französischen Hauptstadt binnen zwei Wochen £ 50 000 (was damals eine riesige Summe war) für Rousseau aufzubringen, wenn dieser es ihm nur erlaubte. Dermaßen interessiere man sich in der Gesellschaft für ihn, daß über seine Hausfrau La Vasseur, die doch nur ein ungebildetes Frauenzimmer sei, jetzt mehr geredet werde als über die Prinzessin von Monaco oder die Gräfin Egmont.
»His very dog, who is no better than a coly«, so setzt Hume noch hinzu, »has a name and reputation in the world.«
Anfang Januar 1766 reist Rousseau nach England. Dort, ganz in der Fremde, überwältigt ihn mehr und mehr der immer in ihm latent gewesene und durch die Exilierung akut gewordene Verfolgungswahn. Seine Stimmung schwankt zwischen Niedergeschlagenheit und Exaltation. Ein gewisser J. Cradock berichtet in seinen 1828 in London veröffentlichten Literary and Miscellaneous Memoirs, daß Rousseau, obgleich er das Englische kaum verstand, bei einem Theaterbesuch, zu dem er von Garrick eingeladen war, so über die an diesem Abend gegebene Tragödie geweint und über die sich anschließende Komödie gelacht habe, daß er vollkommen außer sich geriet »and that Mrs. Garrick had to hold the skirt of his caftan to prevent his falling out of the box«.

Hume selber hatte einmal Gelegenheit, diese Stimmungsumschwünge zu beobachten, als Rousseau mit Verdächtigungen zu ihm kam und eine Stunde wortlos und finster in seinem Zimmer hin- und herging, nur um sich ihm dann auf einmal auf den Schoß zu setzen, ihm das Gesicht abzuküssen und ihn unter Tränen seiner ewigen Freundschaft und Dankbarkeit zu versichern. Danach dauerte es nicht mehr lang, bis ihm auch Hume als einer der hinterhältigsten Intriganten erschien, der danach trachtete, ihn um seinen Lebensunterhalt und seine Ehre zu bringen. Die schweigenden Blicke, die in der Nouvelle Héloïse die Harmonie der Seelen bekundeten, empfindet er jetzt als bedrohend. In einer feindlich besetzten Umwelt von seiner Angst in ständige Deutungsarbeit verstrickt, wird ihm die geringste Unebenheit, die er im Verhalten seines jeweiligen Gegenübers entdeckt, zum Indiz, daß dieser beteiligt ist an dem gegen ihn geschmiedeten Komplott.
Mitunter legen sich die Angstzustände ein wenig. In Wootton in Derbyshire, wo er Zuflucht fand in einem Landhaus, das Richard Davenport gehörte, einem noblen alten Herrn, den er in einer Londoner Gesellschaft kennengelernt hatte, erlebte er eine kleine Zeitlang noch Ruhe, ging wieder Botanisieren und schrieb einige der schönsten Seiten seiner Bekenntnisse. Nicht zuletzt aber, weil Davenport selber in diesem Haus nicht anwesend war und also nicht schlichtend in die aufkommenden Mißverständnisse eingreifen konnte, verdrehte sich auch hier bald alles ins Ungute.



Thérèse

verzankte sich mit den Dienstboten, die sich von dieser hergelaufenen Französin nicht gern herumkommandieren ließen, und im Frühjahr gipfelten die Auseinandersetzungen dann darin, daß die Haushälterin Davenports den beiden Gästen eine mit Asche und Schlacke bestreute Suppe auftrug. Immer mehr ist Rousseau davon überzeugt, daß jede seiner Handlungen und jede Veränderung in seinem Leben ohne sein Zutun Wirkungen und weitere Verkettungen von Umständen hervorruft, die sich seiner Kontrolle entziehen und ihn zum Gefangenen seiner allerorten gegen ihn agitierenden Feinde machen.
Als er Anfang Mai 1767 Wootton verläßt, um nach Frankreich zurückzukehren, schreibt er aus Spalding in Lincolnshire, einem gottverlassenen, inmitten von endlosen Kraut- und Rübenfeldern gelegenen Platz, an den Lord Chancellor Camden mit der Bitte, ihm eine Bewachung zur Verfügung zu stellen, so daß er sicher und ohne Verzug nach Dover gelangen könne. Drei Jahre lebt Rousseau mit Thérèse nach der Rückkehr nach Frankreich, oft unter falschem Namen, auf abgelegenen Adelssitzen wie dem Schloß Trye in der Normandie oder an kleinen Orten wie Bourgoin oder Monquin weit drunten im Süden, immer unter dem Schatten der Rechtlosigkeit. Als er 1770, unter der Bedingung, nichts zu veröffentlichen zu politischen oder religiösen Fragen, die Erlaubnis erhält, sein Domizil in der Hauptstadt zu nehmen und versucht, dort mit dem Kopieren von Noten sich zu erhalten, ist das krankhafte Universum, das ihn umgibt, nicht mehr aufzulösen.

Einiges aber bringt Rousseau nichtsdestoweniger noch zustande. Die Bekenntnisse werden abgeschlossen, und ihr Autor liest in verschiedenen Salons aus ihnen vor in Sitzungen, die bis zu siebzehn (!) Stunden dauern und die gewissermaßen den Wunsch Franz Kafkas vorwegnehmen, einem zum Zuhören verurteilten Publikum die gesamte Éducation Sentimentale ohne Unterbrechung vorlesen zu dürfen. Ein paar weitere Schriften folgen über die Botanik und über die Regierung von Polen, sowie die sogenannten Dialogues, in denen Rousseau als Richter auf tritt von Jean-Jacques. In den letzten zwei Jahren macht er sich beim Spazierengehen Notizen auf Spielkarten zu den Rêveries d’un promeneur solitaire, die er im April 1780 zuende bringt.
Danach verläßt er Paris und bezieht im Park von Ermenonville ein kleines Haus, das der Marquis de Girardin ihm zur Verfügung gestellt hat. Fünf Frühsommerwochen lebt er noch dort. Mit Sonnenaufgang erhebt er sich, wandert an seinem Stab durch die schöne Umgegend, sammelt Blüten und Blätter und fährt manchmal ein Stück weit auf den See hinaus. Am 2. Juli - er ist jetzt Sechsundsechzig Jahre alt - kommt er mit einem furchtbaren Kopfweh von einer seiner Promenaden zurück. Thérèse hilft ihm in einen Sessel. Getroffen vom Schlag, sinkt er gleich darauf aus diesem zu Boden, krümmt sich noch ein wenig und stirbt.





Biogafie und Werke siehe