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Durs Grünbein in Oxford



Jenseits der Literatur:
Reden über Deutschland, Schweigen über England

Die brachiale Durchsetzung eines verqueren imperialen Souveränitätsphantasmas durch die britische Regierung in Form des desaströsen Brexit zeigt exemplarisch, wie unverständlich die Engländer vielen Deutschen erscheinen. Freilich gilt dies auch vice versa: Wirklich verstehen vermögen die Briten die Eigenarten der Deutschen nicht, denn ihnen fehlen viele gesellschaftliche Erfahrungen, welche jedem im 20. Jahrhundert geborenen Deutschen nicht nur Selbstverständlichkeit, sondern unabdingbarer Teil der eigenen Identität geworden sind: das Anzetteln und die Katastrophe zweier Weltkriege, die gescheiterte sozialistische Revolution, linke wie rechte Diktatur. Und 40 Jahre Teilung samt der bis heute andauernden Folgen der Gewaltgeschichte: der Boom rechten Populismus und rechtsradikaler Mordterror.

Es kann daher nicht schaden, einem gebildeten britischen Publikum Deutschland zu »erklären«, was nichts weniger heißt, als über die Verwerfungen der deutschen Geschichte und deren Folgen für das Individuum zu sprechen. Und genau dies tat Durs Grünbein so elegant wie kompetent im Rahmen seiner »Oxford Lectures« im Mai 2019. Die vier Vorlesungen sind nun bei Suhrkamp unter dem Titel »Jenseits der Literatur« erschienen, denn wie Grünbein in seiner (von Heiner Müller entlehnten) Schlussbemerkung festhält, geht die deutsche »Gewalt-geschichte durch den einzelnen hindurch und prägt sich mit ihren Daten den Körpern ein. Es gibt etwas jenseits der Literatur, das alles Schreiben in Frage stellt.«

Wie sich das am Beispiel des Sprechers gestaltet, führt Grünbein anhand von vier bestechend treffend ausgewählten Beispielen vor: Zunächst spricht er über die violette Hitlerbriefmarke, die für das rätselhafte Tabu des Faschismus seiner DDR-Kindheit stand, um dann in der zweiten Vorlesung über den Bau der Reichsautobahn zu sprechen. Die perfide Mischung aus ingenieurtechnischer Ästhetik und mörderischer Zwangsarbeit, so verdeutlicht Grünbein jenseits aller Hitler- und Kraftwerk-Klischees, markiert das spezifisch »Deutsche« am (westdeutschen) Nationalsymbol Autobahn, ging deren Bau doch auch mit einer Aufrüstung der deutschen Sprache einher.
In vielerlei Hinsicht bezeichnend für Konstitution des deutschen Nationalgedächtnis war der erinnerungspolitische Umgang mit der Erfahrung des Bombenkriegs, dessen Feuerstürmen nicht nur Grünbeins Heimatstadt Dresden zum Opfer fiel. In den Fokus gerückt wie kein anderer hat das W.G. Sebald in seinen Vorträgen über »Luftkrieg und Literatur«, auf die sich Grünbein dementsprechend ausführlich und weitgehend affirmativ bezieht - freilich ohne zu reflektieren, dass es sich beim Auslandsgermanisten Sebald um einen Kollegen der Oxforder Akademiker handelte, vor denen er sprach.
Den geistig-politischen Ort seiner Vorlesungen markiert Grünbein, indem er zu Beginn seines letzten Vortrags seine Situation als Deutscher vor britischem Publikum thematisiert und sagt, er spreche in einer »friedlichen Universitätsstadt, die vom Bombenkrieg verschont blieb und in der das Völkermorden da draußen seit langem nurmehr als reiner Irrsinn erscheinen muss«. Dies freilich entblößt ein letztlich recht naives, dualistisches Verständnis der Problematik, denn die britische Nation hat - von den ungeheuerlichen Verbrechen des Sklavenhandels, des orchestrierten Massenmords an der irischen Bevölkerung wie den unterjochten Kolonialvölkern eben bis zur sinnlosen Zerstörung von Dresden - ein immenses Maß an Täterschaft auf sich geladen, die im nationalen Bewusstsein allerdings kaum eine Schuldspur hinterlassen hat.
Um Deutschland aus seinem Umgang mit der Vergangenheit zu erklären, bedarf es, so wie Sebald das vorgemacht hat, einer Einordnung der Naziverbrechen in eine umfassende Geschichte europäischer Genozide. Spricht man in Großbritannien über die Aufarbeitung der desaströsen Folgen der Ideologien Faschismus und Kommunismus, darf man nicht über die gegenwärtigen Verheerungen des englischen Neoliberalismus schweigen. Insbesondere und zumal nicht in Oxford, denn das britische Eliteuniversitätssystem repräsentiert nur aus romantisierender deutscher Sicht eine Form kosmopolitischer Gelehrsamkeit. Vielmehr übt »Oxbridge« als Gipfel des undemokratischen Bildungswesens in Großbritannien die Funktion einer Kaderschmiede aus. Selbstverständlich studierte der populistische Premier Boris Johnson in Oxford - wie auch rund die Hälfte seines Kabinetts in Oxford oder Cambridge war.
Der gegen die Interessen der britischen wie der europäischen Bevölkerung rücksichtslos durchgepeitschte Brexit - im Konzert mit restriktiver Migrationspolitik, beständigem Sozial-abbau und verantwortungsloser Umweltzerstörung - ist die gegenwärtige Ausprägung der Gewaltgeschichte, welche eben nicht nur die Literatur, nicht nur das Schreiben, sondern noch ungleich mehr in Frage stellt. Davon aber schwieg Durs Grünbein in Oxford.

Uwe Schütte in Neues Deutschland 28.12.2020