. wgsebald.de Ambros Adelwarth Hintergrund
Ambros Adelwarth
Ich habe kaum eine eigene Erinnerung an meinen Großonkel Adelwarth



Hintergrund Ambros Adelwarth
(Die Ausgewanderten)

Am meisten scheint es Sebalds Biografin Carole Angier ('Speak, Silence' ) zu interessieren, ob Ambros homosexuell war.
Des weiteren stellt sie fest:
Ambros Adelwarth verursachte natürlich wie immer Ärger wie alles, was Sebald schrieb, so dass die Menschen in Wertach und Kempten alle möglichen Unwahrheiten (oder schlimmer noch: Wahrheiten) über den eleganten, distinguierten William Schindele glauben konnten.
William ist 1882 in Gopprechts als jüngstes von 5 Kindern geboren. Er hat 4 ältere Halbgeschwister. Seine Mutter stirbt, als er zwei Jahre alt ist. Die Familie ist sehr arm, und William und seine nächste Schwester Minnie sammeln Nüsse und Beeren (bei Sebald: Pfifferlinge und Preiselbeeren) und verkaufen sie auf dem Markt in Immenstadt, noch bevor sie zur Schule gehen. Mit nur 12 oder 14 findet William Arbeit in der Küche eines Stuttgarter Hotels.
Mit 17 oder 18 geht William nach London und arbeitet wieder in einem Hotel. Hier lernt er einen General der diplomatischen Vertretung Japans kennen, der ihn nach Washington bringt, wo er ein oder zwei Jahre lang bei der Familie des Diplomaten arbeitet. Dann wechselt er für den Rest seines Lebens nach New York, wo er bei den sagenhaft wohlhabend Meinhards, Juden, auf ihrem riesigen Anwesen am Long Island Sound arbeitet. Morton Meinhard war Textilfabrikant.
Er stirbt 1931, William arbeitet noch ein Jahrzehnt für die Witwe, gehnt dann in den Ruhestand, den er genießt.
Der echte Cosmo Solomon hieß Edward Beale McLean, Sohn des Besitzers der Washington Post. Einzelkind, vom Tag seiner Geburt an über unbegrenzten Reichtum verfügend, ein mürrischer Junge, verwöhnt und vernachlässigt von seinen High-Society-Eltern. Schon als Teenager trinkt er so viel, dass seine Hände zittern, wenn er sein Glas hob. Mit 21 oder 22 stellt sein Vater, mit den Nerven am Ende, William als Kammerdiener und Aufpasser ein. 1908 heiratet Ned Evalyn Walsh. Ihr Vater - irischer Bergbaueinwanderer - hatte ein märchenhaftes Goldvorkommen entdeckt und war sogar noch reicher als Neds Vater.
Sie geben drei- oder viermal üppige Banketts pro Woche. Ein Abendessen im Jahr 1912 kostet 40.000 Dollar (heute fast 1 Million Dollar), Orchideen und gelbe Lilien lassen sie aus London schicken. Sie sind beide unverbesserliche Glücksspieler und spielen regelmäßig um Geld. Nachdem Evalyn 70.000 Dollar (etwa 1.800.000 Dollar) gewonnen hat, kauft sie eines der berühmtesten Juwelen der Geschichte, den Hope-Diamanten - der mehr als das Doppelte ihres Gewinns kostet.
William war weder in Vichy noch in Jerusalem mit Ned McLean allein. Im Jahr 1916 stirbt Neds Vater, er wird Eigentümer der Washington Post und vermutlich endet um diese Zeit Williams Anstellung.
Im Oktober 1931 reicht Evalyn die Scheidung ein, die Washington Post wird zwangsversteigert, Ned wird für unzurechnungsfähig und geisteskrank erklärt.

Und Angier führt ein Beispiel für Sebalds Monomanie an:
Wie er ihr gegenüber zugegeben habe, hat Sebald Ambros' abgedrucktes Tagebuch selbst in ein altes italienisches Tagebuch geschrieben. Der Haken war: Die Daten zwischen 1927 und 1913 waren unterschiedlich. Sebald wollte Allerseelen, den 2. und 3. November, in der Geschichte verwenden, aber Allerseelen fiel 1927 auf einen Mittwoch und Donnerstag, im Jahr 1913 aber auf einen Sonntag und Montag. Also schnitt er diese Tage aus fünf oder sechs anderen Monaten aus klebte sie darüber. Dann tippexte und fotokopierte er das Ergebnis immer wieder, damit es so glatt wie möglich aussah. (Es klappte immer noch nicht ganz, also zeichnet er Linien, um die Verbindungsstellen zu verdecken, wie das zweite Bild von Ambros' Tagebuch zeigt.) Wieviel Zeit und Arbeit das gekostet hat, weiß niemand, und wer in aller Welt hätte nachsehen können, welche Wochentage 2. und 3. November im Jahr 1913 waren? Wenn wir ein Beispiel für Sebalds verrückten Perfektionismus suchen, dann ist es dieses.
Eine letzte Frage stellt Angier zu Dr. Abramsky. Er ist sicherlich erfunden, ein Heiliger und Märtyrer für die Schuld Samarias, mit seinem feuerrroten Haar wie die Flammen über den Köpfen der Apostel. Aber das Grauen, für das er die Schuld trägt, obwohl er es zutiefst bereut, die Annihilationsmethode, die so sehr an andere deutsche Vernichtungsmethoden erinnert, ist deutsch. Abramsky aber ist ein jüdischer Name, er ist in der Leopoldstadt aufgewachsen, dem jüdischen Viertel von Wien. Das Sanatorium Samaria hat auch einen jüdischen Namen.
Warum ist Abramsky - Träger der deutschen Schuld - ein Jude?

My field of corn
is but a crop of tears


siehe auch Ambros Adelwarth