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Eine gute Autobiographie zu schreiben,
ist beinahe so schwierig,
wie eine zu leben.





Christian Wirth
Bild-Auto-Biografie

In der stockkatholischen Stadt Amberg mit reinen Knabenklassen müssen Protestanten wie ich, Flüchtinge (auch das waren wir), Mädchen und sonstige Verdächtige in eine extra-Schule:
Ich besuche eine Volksschule nah des Bahnhofs, obwohl in unmittelbarer Nähe unserer neuen Wohnung in der August-Sperl-Straße es eine Schule gegeben hätte! So trabe ich täglich durch ganz Amberg den weiten Weg zur


Pestalozzi-Schule in der Ziegelgasse,

was aber auch immer für einige Abenteuer sorgt - und mir u. a. zu 40.000 Jahren Fegefeuer verhilft ...

Kurzes Intermezzo mit dem überheblichen Motto "Schriftstellerische Anfänge"
Bis zu meinem 4. Lebensjahr kann ich mich nur an sehr wenig erinnern. Von da an aber ist mein ganzes Denken und Handeln von einem großen Märchenbuch gefangen, ich lasse mir die Geschichten von Mutter und Großmutter immer wieder vorlesen. Das Ende jedes Mal frappierend. Bald erwacht das Bedürfnis, selbst sowas zu schreiben. Als einigermaßen schreiben kann, fange ich an.
Mein Vater gibt mir ein dickes Heft – er liebte schon immer Büroartikel aller Art – und ich schreibe in riesigen, unbeholfenen Buchstaben eine Geschichte auf, deren Ende die Leser so frappieren sollte, wie mich die Märchen aus dem Buch.

Fuchs und Gans
Der Fuchs ist abends spazieren gegangen und kam an einem Bauernhof vorbei. Da ging er hinein und sprach zu der Gans: Also Gans, kannst du mir nicht sagen, wo ein Huhn zu sprechen ist? Oh nein, das weiß ich nicht. Wozu brauchst du das Huhn? Ach, ich wollte es gar nicht zum sprechen. Aber warum hast du mich dann gefragt? Ach das ist schon wieder vorbei. Der Fuchs rannte davon. Da stand die Gans allein da. Sie ging in ihren Stall und legte sich schlafen.

In Gedanken verfasse ich eine Unmenge solch kindlich-blöder Geschichten. Die wenigsten schreibe ich auf. In der Schule höre ich vom unerbittlichen Gesetz des Stärkeren in der Natur, sofort beginnt sich meine Fantasie zu regen und im Heft folgen Geschichten zum Thema.
Mir völlig unbewusst beginne ich zu dichten. Eine Geschichte über zwei Mäuse, sie man illustrieren musste.
Einen Klassenkamerad, der gut zeichnete, lade ich ein, er kam öfters, aber leider reichte unsere Energie nicht bis zur Vollendung des bahnbrechenden Werks.
Ich produziere noch viel mehr Lyrik und als Rektor Kupfer nicht glauben will, dass meine Aufsätze selbstständig verfasst sind, schickt Mutter ihm meine dichterischen Ergüsse.
Auch unser Urlaub in Oberbayern 1955 ist Anlass zu neuer, völlig unbewuster Lyrik.
Ein Kasperl gefiel mir ausgezeichnet – aber der Schluss ärgerte mich.
Ich nehme einen Bleistift in die Hand und schreibe mit 11 Jahren die Fortsetzung und illustriere das Werk auch noch.

Geschenk meines Vaters,

und ab da führe ich Tagebuch:




4. September 1952
vor Pestalozzi-Schule Amberg mit Oma und Bruni Baumann


9.9.: Was hat denn Christian in der Hand!?


20.10.: Opa Wilhelm, Oma, Tante Luis, Omi Hannl, Mutter




1. Advent

Ostern


im Bad


August, mit Familie Höcht

Dezember
Advent



1953

21. Juni, Klassenausflug mit Lehrer Pflälzner
Schwere Jugendverfehlung: Ich harmloses Kind erzähle meiner Mutter, Lehrer Pfälzner (ein wirklich toller Pädagoge, der mich geprägt hat) habe gesagt, Eltern könnten zum Ausflug mitkommen.
Klein Christians Mutter (auch noch mit der kleinen Schwester!) ist die einzige, die der Einladung folgt. Pfälzner freute sich sehr, verstand sich mit Mutti bestens, Christian schämte sich in Grund und Boden!
Und hat solche Einladungen nie wieder zuhause überbracht ...



Juli

Wunsiedel

selbst gezogene Sonnenblume

Poppberg

1954





Trachtenschau: das bäuerliche Kleid

Fasching


Spielkameraden August-Sperl-Straße
Chr., Brigitte Männer, Sab., Rosemanrie Tietz, Rainer Männer


Befreiungshalle Kelheim, Tante Butz zu Besuch


Petra Beier, Chr, Rosemanrie Tietz, Rainer Männer, Sabine

Runie Gnadenberg


1955

Meine katholischen Kumpel verhalfen mir durch zwei schwere Straftaten gegen katholisches Kirchenrecht zu 40- beziehungsweise 60.000 Jahren Fegefeuer.
Einmal im Jahr kommt der Regensburger Weihbischof nach Amberg und segnet ein Riesenwasserbecken vor der Martinskiche, aus dem die Tabernakelwanzen ihr Weihwasser fürs Becken am Wohnungseingang holen. Wir übten ab 5 Uhr früh Harnververhaltung und schifften zu viert in das Riesen-Weihwasserbecken.
Alle meine katholischen Kumpel wurden am Freitagnachmittags gebadet und dann zur Ohrenbeichte geschickt.
Ich war neidisch, weil es sowas bei uns Protestanten nicht gab. Ich überredete sie, mir zu sagen, wie das ging und mich mitzunehmen und so zu tun, als wenn auch ich ein katholischer Knabe sei.

Sie erklärten mir (nachdem sie sich auf 60.000 Jahre Fegefeuer als Schuld geeinigt hatten), was jeweils auf die entsprechenden inquisitorischen Fragen des Beichtvaters geantwortet werden musste. Als ich im Beichtstuhl sitze und er mich fragt: "Wie oft hast du gesündigt gegen das Fleische?" (Ich hatte die Frage erwartet, weil wir schon lange gerätselt hatten, was das wohl wäre: Zuviel Braten gegessen oder rohes Hackfleisch oder Selbstverstümmelung oder 25 Blutwürste oder zu viel Sülze oder Gselchtes oder 5 Schnitzel?)
Angtwort - entgegen dem Ratschlag meiner Freunde (höchsten 4-5): "14 Mal"
Hinter dem Gitter im Beichtstuhl stöhnte der Priester auf und bestrafte mich mit 25 Ave Maria.

Sommer

Adelholzen




1. Klasse

1956

Ostern





23. Mai: Fahrt mit Walter Jäschke auf die Haid


Juni: Pfreimdtal-Sperre


St. Sebastian


X = Hum. Gymnasium


Klassleiter Jandl



1958

Juni Haid

August Bayreuth




Mit Rainer Männer, Rainald und Wolfi Weich auf der Haid


Oktober: Wandertag











1959


Erich Kästner




Pfarrer Hemmert

Bad Kissingen (Sebald lässt grüßen)


Konfirmandenausflug Rhön






Schloss Thorstein





Radtour mit Sers nach Bamberg (Sebald lässt grüßen)



1961


Zeltlager Ev. Jugend















Abi bestanden!


Christian war Chefredakteur

Isgard Beier - in sie war Christian mal sehr verliebt

Abitur










Die von Christian redigierte Abi-Zeitung hätte um ein Haar dazu geführt, dass wir "wie die Hunde vor die Tür (des ältesten evangelischen Humanistischen Gymansiums in Deutschland) gejagt" worden wären (wörtliches Zitat von Dekan Max Tratz, Vertreter des Schulträgers).
Nur der Eingriff von "Opas" Vater (Gerd Pöhner), Vorstandsvorsitzender der GHH (Gute-Hoffnungs-Hütte) im Ruhrgebiet, der das lächerlich fand und souverän dem Dekan die Leviten las, ist es zu verdanken, dass doch noch alles in die richtigen Bahnen gelenkt wurde.
Der einschläfernde Unterricht des Direktors - ein verklemmter, wenn auch bemühter Lehrer, aber voller Komplexe - in Deutsch, Geschiche und Sozialkunde führte regelmäßig zum Erfolg: Alle verfielen in den Schlaf der Gerechten ...



Und diese Emnid-Erhebung, speziell die Frage 9 (an einer christlichen Schule!), war der Stein des Anstoßes:

Staatsaffäre Böhmermann lässt grüßen: Unsere Schulleute haben nicht kapiert, dass alles, wie ohne weiteres zu erkennen, nicht ernst gemeint war!





Dem allen ist nichts hinzuzufügen:
Nur - was ist aus unseren Träumen geworden?

Hier ein Besipiel:



Studium

1966/67: Zimmer Freiburg/Br. Moltkestr. 3







Vor Studienbeginn lasse ich Trottel mich von meinem Klassenkameraden Dieter Potzel (hier bewaffnet als Schläger), beschwatzen, ins Corps Bavaria Erlangen einzutreten, aus dem ich sofort wieder aus- und in Freiburg in den SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) eingetreten bin.

Mein Vetter Ulrich Wirth wohnt auch mit in der Wohunung. Er kühlt sein Bier eine Woche lang (er ist weg) unter laufendem Wasserhahn, die Banderole legt sich vor den Überlauf. Die Wohnung unter Wasser, das Haus muss bis zum Parterre abgerissen werden!



Studium Erlangen

Wechsel an die Uni Erlangen-Nürnberg, Prädikatsexamen nach 7 Semestern.

Summer Course of Modern English Law an der Elite-Einrichtung London Scool of Economics, mit einer Franzöisin Lord Dennington zugeordnet - (84jähriger) höchster Richter am High Court of Justice (und Justizminister in einer Person).

Er ritt täglich während der rush hour ins Gericht, dort hoben ihn 2 Bobbies aus dem Sattel. Dann schminkte ihn die Protokollführerin und er ging zur mündlichen Verhandlung in seinen Sitzungssaal, der einer gotischen Kirche glich, nur dass zwischen den hohen Fenstern die gebundenen Urteile vergangener Zeiten in Regalen standen - Case-Law aus Jahrhunderten.
Unfassbar für einen an Verfassung und geschriebenes Gesetz glaubenden Kontinentaleuropäer wie Ann-Marie und mich.
"Continental Law" - mit verächtlicher Betonung vom Prof. in seiner Vorlesung genanntes Recht, sowas gibt es in dem von Richterrecht beherrschten Land nicht. Auch ein Jurastudium nicht, man geht zu einem Anwalt als Apprentice in die Lehre und entscheidet sich anschließend, ob man Solicitor (unseren Anwälten gleichend) oder Barrister werden will.
Nur letztere sind bei Gericht zugelassen. Wenn ein Brite also ein Rechtsproblem (fast nie im Gegensatz zu unserem Staatswesen, ein anständiger Mensch streitet sich nicht) hat und zu keinem Kompromiss kommt (in 90% der Fällle), trägt er den Fall seinem Solicitor vor. Der ruft den Gegensolicitor an und am Telefon regeln sie wieder 90% der Fälle. Falls nicht, hat jeder Solicitor ein für ihn zuständigen Barrister, diese regeln das wieder vice versa zu 90% am Telefon. Der Rest geht zu Gericht.
Dort absolutes Mündlichkeitsprinzip. Wenn ein Barrister in seinem Vortrg eine Entscheidung zitiert (z.B. MacCormic/Hanson aus dem Jahr 1617) schleicht die Protokollführerin mit einer Leiter ans Regal mit den Urteilen von 1617 (alle in Latein!), schlägt die Schwarte auf und legt sie mit einer tiefen Verbeugung Lord Dennington vor. Der schiebt seine Brille vor auf der Nase und schaut - kommentarlos - ins Buch. 90% der Fälle werden auch hier durch Vergleich beendet.
Jedes der gesammelten Urteile stellt letztlich einen Paragarphen dar und der Barrister muss beweisen, ob sein Fall unter ihn passt oder nicht.
Eine ewig in Erinnerung bleibende Erfahrung war auch die Aussprache der Teilnehmer in den Seminaren. Wenn der Prof in feinstem Oxford-Englisch fertig war, meldeten sich meist Ami-Studenten. Der Unterschied des Dialekts von Südstaatenamerikanisch und dem Hochenglisch der Vortragenden, einfach himmelweit! Man muss das gehört haben!
Als wir ein Urteil von Lord Dennigton besprachen und ich abschließend fragte, was geschehe, wenn Berufung eingelegt würde, fiel er fast in Ohnmacht, lehnte sich zurück und fasste sich mit beiden Händen an die Brust und schrie: "Gegen mein Urteil? Gegen mein Urteil?" Er konnte nicht glauben, dass jemand das überhaupt in Erwägung ziehe - alle seine Urteile sind das letzte Wort in der jeweiligen Sache.

Assistent und Doktorand bei Prof. Obermayer (Öffentiches und Kirchenrecht).

Tiefe Erkenntnisse über Intrigen. Unseren Chefassistenten, der kein Wort Französisch sprach, übernimmt die EU dennoch, obwohl sich etwa 50 andere (zweisprachig) auch beworben hatten - Prof. O. (CSU) hatte vorher tagelang mit Gott und der Welt telefoniert ...
Aber ich denke, der Chefassistent hat es sich durch seine Heldentat verdient:
Eines Tages kommt unser Ordinarius während der Frühstückspause mit schmerzverzerrtem, leidendem Antlitz in die Bücherei und schaut verzwefelt an die Decke. Wir ermitteln, dass er sich mit der gesprungenen Clobrille seinen Arsch eingezwickt hat. Sofort springt der Chefassistent auf (seine Frau hat übrigens auch den Haushalt von O. betreut) und kommt nach etwa 40 Minuten mit einer neuen Clobrille unterm Arm in unser Institut.
Die Bundeswehr beauftragt Prof. O. mit einem Gutachten zur Frage, wer das Planungsrecht zum Bau von Kasernen - das ist eindeutig geregelt: Allein die örtliche Kommune (was das Verteidigungsministerium nicht wahrhaben will (es geht um die Errichtung einer Bundeswehr-Hochschule). Ich erarbeite das Gutachten, O. kassiert dafür etwa 15.000 DM. Als wir bei der Abschlussbesprechung meiner Dissertation (über das neue Städtebau-Förderungsgesetz) in einer Frage aneindergeraten und ich mich weigere, eine Stelle zu ändern, zieht er einen 10-DM-Schein aus der Tasche: "Seien Sie doch nicht so eigenwillig, das habe ich ja ganz vergessen, für Ihre Mitarbeit am Bundeswehr-Gutachten". "Den können Sie sich in Ihren Arsch stecken", war Christians Anwort. Und seine: "Dann ist unsere Zusammenarbeit wohl beendet". (Mein Dissertation (320 Seiten - Sie hatte meine Schwägerin Constanze mit unendlicher Geduld mehrfach getippt) knietschte ich in die Tonne und trat meine Stelle als RiLG (Richter am Landgericht) im berühmt-berüchtigten Nürnberger Justizplast an.






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