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September



Mit Vollbild (F11) noch schöner!








1. September

ARNFRIED ASTEL

Natürlich

Carl Timner Vietnam III mit Rudi Dutschke, 1968
Der Frühling gibt jedem recht.
Dieser Dutschke, sagt der Schrebergärtner
und betrachtet seinen Kirschbaum.
Dieser Springer, sage ich
und sehe kopfschüttelnd auf die Baumblüte.






2. September

CHRISTIAN FILIPS

Als ich neulich nachts

an die Wand gedrückt, wieder

(Ich-Taste) wie damals, mit sechs
oder sieben, die Eltern (im Traum

sind im Krieg)
kalt weiß massiv

(im Scheidungskrieg) geblieben
der Eindruck, den die Wand

ihm – wem? –
wieder gut macht:

Zugewandter
wendet die Wand sich

zu.*

Albert Anker: Schlafender Knabe im Heu






3. September

HENDRIK JACKSON

Novemberlicht



was er denkt? sein gespitzter kleiner Mund, schwarz-verschwitzte Haare.
in sich gekehrter Mönch, nichts als heiligen Durst im Sinn. Einfalt unteilbarer
Milch-Ströme. still wie ein Himmelblau, lauter Falten, ein Sturz mitten
durch nebliges, fließendes Licht. Zeitlöcher Klaviermusik ferne Schritte.

Schatten einer Rutsche, vor dem Abend, eine krächzende Saatkrähe
- wechselnde Herbarien, ich lebe, nach Leibniz, nur in einer Welt, zähle
die Stangen der Brücke. das flache Rheinufer, eine Kinderlokomotive
biegt ein in das Grün eines Busches, mir ist, als ob ich wach schliefe.

Stimmen verebben, die Sonne kreist – und rastet im Novemberlicht ein
wir werden dich tragen, wenn du müde wirst. ich steh versonnen, ein Bein
auf der Mauer, erinnere: warmes Vertrauen Vater das Meer, Begebenheiten
von denen ich dir erzähle, während du hinter die Schiffe siehst, ins Weite.

Nichtstun erschien als eine Möglichkeit. der Tag verharrte auf der Stelle
- was war, war wie ausradiert. über den alten Akazien, in der letzten Helle
einige Dohlen. Heimkehr über enge Straßen. Statisches. und unser Warten
dauerte an. auf was? Vorstellungen liefen in den Kinos, in den Theatern.







4. September

DER VON KÜRENBERG

Falkenleid

Ich zôch mir einen valken
mêre danne ein jâr.
Dô ich in gezamete,
als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere
mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe
und vlouc in anderiu lant.

Sît sach ich den valken
schône vliegen:
er vuorte an sînem vuoze
sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere
alrôt guldîn.
Got sende si zesamene,
die geliep wellen gerne sîn.
Ich zog mir einen Falken,
länger als ein Jahr lang.
Als ich ihn gezähmt hatte,
wie ich ihn haben wollte,
und ich sein Gefieder mit
Goldfäden schön umwunden hatte,
hob er sich in die Höhe
und flog in fremde Reviere.

Seither sah ich den Falken
schön dahinfliegen:
er führte an seinem Griff
seidene Riemen,
und sein Gefieder
war ganz rotgolden.
Gott sende sie zusammen,
die einander gerne lieb sein wollen.






5. September

BERT ELSMANN-PAPENFUSS

Es gibt keine Freiheit


Es gibt keine Freiheit
für die Feinde der Freiheit.
Es gibt keine Freiheit
für die Freunde der Freiheit.
Die Freiheit ist eine Schimäre,
schwelgt stets in einer Affäre.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Durch tätige Befreiung abgetrotzt,
in die Fresse der Peiniger gerotzt.

Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur der Bourgeoisie,
Demokratie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur des Proletariats,
Sozialismus genannt. Bestenfalls Toleranz.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Wird Staatsapparaten abgetrotzt,
in die Klos der Büros gekotzt.

Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur der Bourgeoisie,
Demokratie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
unterm Diktat der Militärindustrie,
Faschismus genannt, Sklaverei ist gemeint.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Wird durch militanten Widerstand
mühsam errungen Land für Land.

Es gibt keine Freiheit
unter der Knute des Adels,
Monarchie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
unter der Fuchtel des Häuptlings,
Stammesgesellschaft genannt, Sklaverei ist gemeint.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Der Aufstand der unterdrückten Masse
fegt hinweg die herrschende Klasse.

Es gibt keine Freiheit
unter einem magischen Matronat,
Urgesellschaft genannt. Bestenfalls Toleranz.
Es gibt keine Freiheit
unter der Führung der Stärksten,
Amorphismus genannt. Bestenfalls Toleranz.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Frisch die Schläfrigen geweckt,
und ums Verrecken angeeckt.

Es gibt keine Freiheit
in der keulenschwingenden Horde,
Selbstbezeichnung unbekannt. Guten Appetit.
Es gibt keine Freiheit
im Rudel unter einem Leitwolf,
Selbstbezeichnung unverständlich. Guten Appetit.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Auf die Fuchtel wird geschissen,
und Alpha in die Flucht gebissen.

Es gibt keine Freiheit
im Trott der Herde, den Fürzen
des Leithammels folgend. Toleranz unbekannt.
Es gibt keine Freiheit
im Schatten üppigen Gestrüpps,
das auch nur ans Licht will. Toleranz unbekannt.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Den Hammel in die Schlucht gestürzt,
dem Gestrüpp die Zweige gekürzt.

Es gibt keine Freiheit
unter der Erde, gesetzmäßig bebt
die Lithosphäre. Begriffe sind dort unbekannt.
Es gibt keine Freiheit
im Erdkern, es gibt keine Fragen.
Nickel, Eisen und Kobalt haben das große Sagen.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Stein waren wir doch alle schon mal,
durch Empörung werden wir Metall.

Es gibt keine Freiheit
im Atomkern, dort geht alles
ausnahmsweise seinen geregelten Gang.
Es gibt keine Freiheit
in der Regel – im Trudeln
der Revolte springt die Qualität.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Die richtige Schwingung in Gang,
und schon tanzt Zweck mit Zwang.

Es gibt keine Freiheit
für die Feinde der Freiheit.
Es gibt keine Freiheit
für die Freunde der Freiheit.
Die Freiheit ist eine Schimäre,
schwelgt stets in einer Affäre.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen,
durch tätige Befreiung abgetrotzt,
in die Fresse der Peiniger gerotzt.






6. September

ANNA RHEINSBERG

im Traum

die schöne Jugend
ein Erdbeerfeld ein Luchs
du, Joe + dein Gewehr
ich gehe mit Dallesandro
vorwärts
+ wie immer zu Fuß
ich winke den Pflückern
alle sind tot
eine winzige Spur Gedächtnis
wir ziehen uns falsche Kleider an
der Luchs frißt Holstein
ich sage: Meret? eine kleine kalte Blaupause
die Windläufer werden uns nicht finden



Juliane Duda: Mashup






7. September

ULRIKE ALMUT SANDIG

Alexandre Calame: Gewitter am Handeck


ich habe die namen der großen vögel vergessen.
jeden juni fällt brut vom first einer scheune, die jetzt
leer steht. später im jahr stehen sie steif auf den feldern,
von der straße her flocken die kleider weiß aus, von weitem
riecht nach verscheuerten sträußen + stahl + geborstenem
gut von jenem gewitter am anderen tag: meine heimat.
in der heimat brechen sich namen an der scholle,
im wort: was dort angebaut wird, ist mir fremd.






8. September

SIMON DACH

Officiosus Amor

Nimfe, gieb mir selbst den Mund,
So wird mir dein Hertze kundt,
Reich mir deiner Armen Band,
Der gewünschten Liebe Pfand!

Denn, so lange du noch nicht
Mir gehorchen wirst, mein Liecht,
Wird dein Lieben nur ein Schein
Vnd vor nichts zu achten seyn.

Trewe Lieb' ist jederzeit
Zu gehorsamen bereit,
Hat Ihr Thun gerichtet hinn
Auff des Liebsten Hertz vnd Sinn.

Glut bricht von sich selbst hervor
Vnd stösst jhre Flamm empor,
Wo sich Rauch vnd Dampff nur findt,
Muß vergehn durch Lufft vnd Wind.

Schämst du aber dich vor mir,
So gedencke, meine Zier,
Daß ich das bin, was du bist,
Vnd werd' jetzt nicht erst geküsst!







Wo ich mich, gleich wie du wol
Auch mit andern schämen sol,
Würde nicht die gantze Welt
In gar kurtzer Zeit gefällt?

Venus hat sich, wie bekannt,
Zum Adonis selbst gewandt,
Vnd mit jhm so manche Nacht
In der Liebe zugebracht.

Komm, der Mond am Firmament
Hat sich schon zu vns gewendt,
Komm, die Nacht kömpt auch heran
Da sich küsset was nur kan!

Morgen, hör ich, wilst du fort
Von vns an ein frembdes Orth,
Vnd wer weiß auff welchen Tag
Ich dich wieder sprechen mag;

Darumb Hertz mich ohne schew,
Daß ich deiner Inndenck sey!
Ich bitt' einmal noch jetzund:
Nymfe, gib mir selbst den Mund!






9. September

AUGUST ADOLPH VON HAUGWITZ

Über das heutige Brüderschafft-Sauffen der Deutschen

Es richten Freundschafft auff Soldaten durch Gefahr
Durch Bücher und durch Schrifft der klugen Geister Schaar
Und durch Gewinn pflegt sie der Kauffmann zu erkauffen
Nur unser Deutscher muß dieselbe sich ersauffen.







10. September

THOMAS ROSENLÖCHER

Der Hauskauf



„Jetzt zeig ich Ihnen was Besondres“, sagte
der Makler und fuhr gleich durchs Hoftor, bis unter
den hoch übers eingesunkene Dach
blühenden Birnbaum. Hinterm Küchenfester
ein Teller, in dem der Löffel noch lag,
ein Bündel mit Briefen, die Brille, die jeder
einmal im Leben endgültig vergißt.
Im Schutt am Herd der Ahorn, der, im Tanz
ergrünend, seine durchscheinenden Blätter
zum Küchenschrank vorstreckte. „Wollten sie
nicht etwas Idyllisches?“ fragte der Makler
und gab mir den Schlüssel. Worauf ich prompt mit
der Tür ins Haus fiel. Jedoch je zaghafter
ich, ringsher von Kindheit und Plumpsklo umweht,
auftrat, desto existentieller das harsche
Ächzen der Stiege, nachkrachend quittiert
vom Rummsfuß des Maklers. Oben in der Kammer
Blümchentapete, Waschschüssel, Nachtschrank.



Im Bett lag ein Toter und schaute mich an.
Im kalkweißen Antlitz das imperiale
Kinn wackelte plötzlich, der schrumplige Mund
begann sich zu äußern: „Das wird aber Zeit,
daß ihr mich besucht, Jungs.“ Anhaltendes Rumpeln
als Treppensturz deutbar. Der hinter mir her
hinkende Makler halbierte den Preis.





11. September

BARTHOLD HEINRICH BROCKES

Die Rose

Ich sahe jüngst, mit fast erstaunten Blicken,
Die Sonn' im Garten, nach dem Regen,
Der Bluhmen Heer mit heitern Strahlen schmücken,
Und ihren reinen Glantz in nasse Blätter prägen.

Indem mein Auge nun, durch ihre Zahl verwirrt,
Durch ihren Schmuck entzückt, von der zu jener irrt,
Der spielenden Natur gefärbtes Kleid betrachtet,
Bald die, bald jene, höher achtet;
Sich bald an dieser hier, und bald an der, ergötzet;
Bald beyde gleiche schön, bald die noch schöner, schätzet;
Reisst endlich Augen, Hertz und Sinn
Ein Rosen-Busch auf sich nur eintzig hin.

Ich seh' ihn kaum aufmercksam in der Nähe;
So deucht mich, als ob ich in seiner Zier
Nichts Irdisches, nein, gar aus Edens Lust-Revier
Annoch ein Ueberbleibsel, sähe.

Aria.
Paradises Kind und Bild,
Rose, deiner Blätter Prangen
Hat mit sehnlichem Verlangen,
Durch das Aug', mein Hertz erfüllt,
Die verlohr'nen Edens-Auen
Selig wiederum zu schauen.

Im Geiste stelle man sich ein Gebüsche vor,
Deß Blätter aus Smaragd geschnitten,
Die Stengel aus Türkis, woran aus Hyacinth,
Geschärften Dornen gleich, formir'te Spitzen sind.
Auf solchem Wunder-Strauch, der mannichfaltig grün,
Stünd' ein hell-schimmernd Heer von Bluhmen aus Rubin,
So funckelnd gläntzt und strahl't, in deren Mitten
Ein kleines göld'nes Licht in hellem Schimmer schien;
Ja, daß des Künstlers Hand
Versthied'ne Kügelchen vom reinsten Diamant
Auf ihrer Blätter Pracht, zu gröss'rer Zier, gestreut.
Dann dencke man, wie diese Herrlichkeit
Noch lange nicht dem Schmuck gewachs'ner Rosen gleichet,
Ja ihnen kaum das Wasser reichet.

Aria.
Flammende Rose, Zierde der Erden,
Gläntzender Gärten bezaubernde Pracht!
Augen, die deine Vortrefflichkeit sehen,
Müssen, vor Anmuth erstaunet, gestehen,
Daß dich ein Göttlicher Finger gemacht.

Da Capo.
Sie kam mir für, wie eine Königinn,
Mit Purpur angethan;
Die gelbe Saat schien eine göld'ne Krone;
Der schöne Busch glich einem hohen Throne,
Der Dornen Heer geharnischten Trabanten,
Der Tropfen Ründ' und Glantz geschliffnen Diamanten.
Die nimmer stille Schaar der Bienen,
So öfters murmelnd zu ihr kam,
Und, mit geschwindem Flug, bald wieder Abschied nahm,
Schien, ihrer Majestät zu dienen,
Und gleichsam ihr Verlangen zu erfragen,
Um ihren gnädigen Geheiß,
Mit fröhlichem Gesums' und unverdrossnem Fleiß,
Den lieblich riechenden Vasallen vorzutragen.

Aria.
Rose, Königinn der Bluhmen,
Wenn du Bienen, die du tränck'st,
Honig aus Rubinen schenck'st;
Sollten billig unser' Augen,
Da man deinen Glantz betracht't,
Auch aus deines Purpurs Pracht,
Dem zum Ruhm, der dich gemacht,
Süssen Andachts-Honig saugen.

Wenn sie sich öffnet, sieht in ihr die frohe Seele
Ein' angenehme kleine Höle,
In welche, nebst dem Blick, den Geist
Ein lieblich-rother Wirbel reisst,
Den tausend Blätterchen, die wir daselbst verspüren,
Wie sie sich inwärts drehn, formiren.
Erweg't die Kraft, so man in diesem Wirbel sieht,
Da er, nebst Blick und Geist, die Nas' auch in sich zieht.

Die Bildung ist der bildenden Natur
Vollkommenste Figur.

Ihr Leib ist Circkel-rund, und ihrer Mutter gleich;
Bald sieht man weißlich-roth, bald röthlich-bleich,
Auf ihrer Blätter Sammt sich, ohne Grentzen,
Vereinigen, und süß in weisser Röthe gläntzen.

Es sind die Blätter dicht,
Und doch so dünn und zart,
Daß selbst das Licht
Durch ihr so angenehm gefärbt Gewebe bricht,
Sich mit den röthlichen gelinden Farben paar't,
Und, selber roth gefärbt, die innern Blätter färbet.
So dünn ist jedes Blatt, zumahlen wenn es naß,
Daß es durchsichtig, wie ein Glas.
Man kann in ihnen oft das zärtlichste Gespinnste
Der dünnen Adern sehn,
Woran, durch der Natur uns unbekannte Künste,
Viel kleine klare Bläsgen stehn.
Sie sind, da sie mit rothem Saft erfüllt,
Der Adern recht natürlich Bild.
Ein rother Schatten ohne Schwärtze
Bedeckt das kleine göld'ne Hertze,
Das in dem Mittel-Punct der holden Tiefe sitzt,
Und in der Balsam-reichen Höle
In Purpur-farb'ner Dämm'rung blitzt.
Der rothen Farben süsser Schein
Scheint leiblich nicht, nein, geistig fast, zu seyn,
Da er, nachdem als man die Rose drehet,
Bald von, bald nach dem Licht', entstehet und vergehet,
So daß ihr Roth und Weiß, als wie das Blau und Grün
An einem Tauben-Hals, sich oft zu ändern schien.

Dieß ist der inn're Schmuck, die kühle rothe Gluht,
Die in dem runden Schooß der edlen Rose ruht;
Da gegentheils, was auf den äussern Blättern glühet,
In einer bläulich-weiss- und röthlich-klaren Pracht
Fast einer Fleisch-Farb' ähnlich siehet,
Zumahl wenn unterwärts ein glattes Dunckel-roth,
Das einem rothen Atlaß gleich,
Der andern Blätter röthlichs Bleich
Noch lieblicher, noch sanfter macht.
Ein Auge, das den Schmuck betrachtet, fühlet
Solch einen süssen Reitz, das Hertz so süsse Gluht,
Als wenn ein schönes Blut
Durch eine zarte Haut
Der Rosen-farb'nen Jugend spielet,
Und man auf Armen, Brust, um Mund und Wangen
Ein frisches röthlichs Weiß, in hellem Schimmer, prangen,
Und, voller Liebreitz, gläntzen, schaut.

Aria.
Wenn man schöne Wangen siehet,
Und, von Lieb' entzündet, glühet;
Spricht man: Wie die Rose blühet,
Also blühet dieß Gesicht.
Giebt man also zu verstehn,
Daß auf Erden nichts so schön:
Und dennoch, sie anzusehen,
Um den Schöpfer zu erhöhen,
Würdig't man die Rose nicht.

Theils öffnen ihre Schooß, theils sind noch halb geschlossen,
Und zeigen viel, versprechen doch noch mehr.













John William Waterhouse: Meine schöne Rose

























Der kleinen Knospen zarte Sprossen,
Die recht, wie Kinder, um sie her
Im schönsten Schmuck und grosser Menge sitzen,
Seh'n grünen Sternchen gleich,
Durch deren fünf-getheilte Spitzen,
(Die, wie Smaragd, an grünem Schimmer reich)
Rubinen-rothe Strahlen blitzen,
Aus denen ein gewürtzter Myrrhen-Rauch,
Worin sich Süß und Bitter lieblich mischet,
Unsichtbar aufwärts steigt, und Hirn und Haupt erfrischet.
Die grünen Blätter stützt ein grüner Kelch, der bald
Zu einer rothen Frucht, Ey-förmig von Gestalt,
Zur Hagebutte, wird.
Die grünen Zäser deckt, so wie die Stengel auch,
Ein kleines röthliches unschuldigs Dornen-Heer,
Woran die umgekehrten Spitzen,
Um nicht zu schaden, einwärts sitzen,
Da unten an dem Stiel viel wahre Dornen stehn,
Die sie für manchen Anfall schützen,
An welchem sich, falls man sie nicht gesehn,
Oft unvorsicht'ge Finger ritzen.
Hieraus nun nehm' ich diese Lehre:

Aria.
Der Rosen-Busch zeigt dir, mein Hertz,
Daß, wie bey ihm, so auch auf Erden,
Nicht leicht Vergnügung sonder Schmertz,
Lust sonder Last, gefunden werden;
Indem fast immer Freud' und Pein
Genau verknüpft, ja oft zugleich gebohren, seyn.

Nach diesem nahm mein forschend Aug' in Acht
Den grünen Busch und seiner Blätter Pracht,
Der denn, da er so schön formir't, so lieblich grünet,
Auch unser Lob mehr als zu wohl verdienet.
Der Blätter Menge,
Und mannigfalt'ge Zierlichkeit,
Der Farben Schmuck, der Knospen Unterscheid
Zeigt uns ein schimmerndes erhabenes Gepränge,
So der verworrenen bedornten Stengel Hecken
Mit einem grünen Schatten decken.
Sein Zungen-förmigs Blatt, dem, rings um eingekerbt,
Ein fast Smaragden Grün die glatte Seite färbt,
Erhöht der Rosen Glantz, durch holde Dunckelheit.
Ein bläulich-zarter Duft, der auf der Fläche lieget,
Der, wenn man ihn berührt, verschwindet,
Vermehrt der Farben Lieblichkeit,
Zumahl wenn sich der Thau darauf so lieblich ründet,
Der recht, wie lebend Silber, blitzt,
Wie runde Perlen, rollt, wie Diamanten, spielet,
Und seinen Glantz mit allen Farben mischt,
Daß sich der Blick, den Lust und Luft erhitzt,
Durch solche reine Fluht erfrischt,
In ihren feuchten Kreisen kühlet.

Aria.
Tropfen, die aufs Weisse fallen,
Gleichen gläntzenden Krystallen,
Die aufs Röthliche, Rubin,
Und Smaragden, die auf Grün.
Sieht man also, mit Vergnügen,
Fast den Glantz von Edelsteinen
Mit der Rose sich vereinen,
Und auf ihren Blättern liegen,
Ja sich gleichsam recht bemühen,
Durch die dir so liebe Pracht,
Dem zum Ruhm, der sie gemacht,
Deinen Geist auf sich zu ziehen.

Aufs letzte schien mir gar der Rosen-Blätter Schein
Ein Blätter-reiches Buch zu seyn,
Das, von des grossen Schöpfers Lieben,
Mit balsamir'ter Dint' und rothen Lettern,
Die Hand der wirckenden Natur geschrieben.
Mich deucht, ich könn' auf allen Blättern
Geheimnisse von Gottes Wunder-Wesen,
Von Seiner Macht und heissen Liebe, lesen.
Ach, nehm't es doch in Acht!
Dieß steht auf jedem Blatt recht deutlich, hell und klar:
Wie ist doch Der, Der uns gemacht,
So liebreich, groß und wunderbar!


Arioso.
Der Inhalt dieser Schrift ist deutlich zwar,
Die Sprache der Natur ist allgemein,
So Züg' als Bildungen sind offenbar;
Doch kennen die sie nur allein,
Die, ihre Niedrigkeit erkennend, Gott erheben,

Und Ihm die Ehr' allein von allem Guten geben,
Der, durch so manch Geschöpf, uns, Sein Geschöpf, ergötzt,
Und Seinen Ruhm allein in unsrer Freude setzt.

Zumahlen rühret mir das Innerste der Seelen
Der schmeichelnde Geruch, der aus den Purpur-Hölen
Der holden Rosen fleusst; er lab't mich inniglich;
Das Auge schliesst, das Hertz eröffnet, sich,
Von einer Balsam-Kraft gerühret,
In dessen Süsse sich ein lieblichs Bitter mischt,
So aus den Knospen quillt und unser Hirn erfrischt,
So bald es den Geruch der frischen Rosen spüret.
Es schwimmt in einer See von Lust.
Es scheint die Seele selbst, sich zu bemüh'n,
Um durch die Nas' allein die Anmuth zu geniessen,
Die Augen darum zuzuschliessen,
Mit unzertheilter Kraft sich allem zu entzieh'n,
Um blos allein
Mit dieser Lieblichkeit beschäfftiget zu seyn.
Es scheint, ob könn' es, vor Vergnügen,
Nicht mehr so eng verschrencket liegen.
Drum dehnt sich die gewölbte Brust,
So weit ihr möglich, aus,
Die, durch den holden Duft,
So lieblich balsamirte Luft
Nicht anderwärtig hinzulassen,
Nein sie, wo möglich, gantz zu fassen.

Aria.
Ambra-Bluhme, Balsam-Quelle,
Rose voller Süssigkeit!
Wenn ich mir, zur Frühlings-Zeit,
Ins Geruchs Beschaffenheit,
GOTTES Weisheit, Herrlichkeit,
Lieb' und Macht vor Augen stelle;
Wird so Seel', als Leib, erfreut.

Da Capo.
Zwar lässt die blinde Welt so Zucker-süssen Duft,
Im Athem, acht-los von sich schiessen,
Und wieder in die Luft,
Woraus er stammet, fliessen;
Ich aber schwinge mich, auf Flügeln reiner Triebe,
Zu GOTT, und opfer' Ihm den süssen Hauch,
Von Brunst und Danck entflammt, als einen Opfer-Rauch,
In heissen Seufzern auf; erwege Seine Liebe,
Die im Geruch mein Hertz empfunden;
Bewund're Seine Wunder-Macht,
Die, Bildung und Geruch, zusamt der Farben Pracht,
So unverbesserlich verbunden;
Und endlich, halb entzückt, bricht meine Lippe los:
Was muß der Gott, der in der Erden Schooß
Solch eine Balsam-Kraft und Schmuck vermag zu legen,
Doch wohl für Herrlichkeit in seinem Himmel hegen!


Aria.
Unendlicher Mittel-Punct aller Vollkommenheit,
Entzückender Schönheit Quell, Leben und Licht,
Du Fülle der ewig zufriedenen Seligkeit,
Da solche vergnügende herrliche Wercke
Der mächtigen Gnade, der liebenden Stärcke
Schon sterbliche Sinnen auf Erden empfinden;
Wer kann denn die himmlischen Freuden ergründen,
Die Göttliche Liebe dereinsten verspricht?


12. September



FRIEDRICH ANI

Am Ufer im Gras

Der Bach, an dem ich saß und
weinte, erkennt mich nicht
wieder, hält nicht einmal
inne, murmelt, wie einst,
sein Gebet und wäscht seine
steinernen Fäuste in Unschuld.
Am Ufer im Gras füttert ein
Kind die Fische mit Tränen.





13. September

MEINLOH VON SEVELINGEN

Sô wê den merkaeren



Sô wê den merkaeren! die habent mîn übele gedâht,
sie habent mich âne schulde in eine grôze rede brâht,
si waenent mir in leiden, sô sî sô rûnent under in.
nu wizzen alle gelîche, daz ich sîn vriundin bin.
Âne nâhe bî gelegen, des hân ich weiz got niht getân.
staechen si ûz ir ougen!
mir râtent mîne sinne an deheinen andern man

Mir erwelten mîniu ougen einen kindeschen man.
daz nîdent ander vrowen; ich hân in anders niht getân,
wan ob ich hân gedienet, daz ich diu liebeste bin,
dar an wil ich kêren mîn herze und al den sin.
Swelhiu sînen willen hie bevor hât getân,
verlôs si in von schulden
der wil ich nû niht wîzen, sihe ich si unvroelîchen stân.

Ich hân vernomen ein maere, mîn muot sol aber hôhe stân:
wan er ist komen ze lande, von dem mîn trûren sol zergân.
mîns herzen leide sî ein urloup gegeben.
mich heizent sîne tugende, daz ich vil staeter minne pflege
Ich gelege mir in wol nâhe, den selben kindeschen man.
sô wol mich sînes komens: wie wol er vrowen dienen kan.
Verwünscht seien die Aufpasser! Sie haben mir übel mitgespielt.
Sie haben mich ohne Grund sehr ins Gerede gebracht.
Sie meinen, sie könnten ihn mir verleiden, wenn sie so untereinander tuscheln.
Sollen sie doch alle wissen, dass ich seine Freundin bin!
Ohne mit ihm zu schlafen, das habe ich weiß Gott nicht getan.
Die Augen soll man ihnen ausstechen!
Mir raten Herz und Verstand zu keinem anderen Mann.

Meine Augen erwählten mir einen jungen Mann.
Darauf sind andere Frauen eifersüchtig. Nichts anderes habe ich ihnen getan,
als dass ich erlangt habe, ihm die Liebste zu sein;
darauf will ich mein Herz und allen Sinn richten.
Der Frau, die ihm zuvor zu Willen war
wenn sie ihn nicht ohne Grund verlor,
der will ich es nun nicht vorwerfen, wenn ich sie traurig dastehen sehe.

Ich habe eine Nachricht erhalten, ich werde wieder froh sein!
Denn er ist ins Land gekommen, durch den mein Leid vergehen wird.
So gebe ich meinem Herzenskummer Abschied.
Seine Vortrefflichkeit sagt mir, daß ich ganz treu lieben werde.
Ganz nahe lege ich ihn zu mir, diesen jungen Mann.
Wie freue ich mich, dass er kommt! Und wie wunderbar er höfischen Frauen dienen kann!





14. September

GUNTRAM VESPER



Frohburg

Große Kälte seit Sonntag. So zersprang
heute nacht im Schlafzimmer
während ich las
die Zentralheizung unter dem geöffneten Fenster.

Ihr Aufschrei.

Was
wird aus einem Land, wenn
sein Gedächtnis krank ist
und was bedeutet ein Mensch, der
keine
Erinnerung hat.





15. September

AUGUST FRESENIUS






16. September




17. September

WILHELM HEINRICH WACKENRODER






Wenn die Ankerstricke brechen

Wenn die Ankerstricke brechen,
Denen du zu sehr vertraust,
Oft dein Glück auf ihnen baust,
Zornig nun die Wogen sprechen, -
O so lass das Schiff den Wogen,
Mast und Segel untergehn,
Laß die Winde zornig wehn,
Bleibe dir nur selbst gewogen,
Von den Tönen fortgezogen,
Wirst du schön're Lande sehn:
Sprache hat dich nur betrogen,
Der Gedanke dich belogen,
Bleibe hier am Ufer stehn.





18. September

YEVGENIY BREYGER

seit letztem herbst






seit letztem herbst hat mein haus keine nachbarn.
von beiden seiten wurde abgerissen.
nur wölkchen ausgeatmeten stickstoffs
zeugen von früherem leben.
die wände verkommen, bestehen zur hälfte
aus blätterskeletten, zur hälfte aus gips.
das haus steht im schwemmgebiet, wo soll ich hin?
draußen in die sauren pfützen treten?
die fossilien von schnecken aufsammeln?
das erledigt mein robofreund für mich. bisher.
wir beide sind solarbetrieben,
doch welche sonne, freunde? von sonne
blieb nur o. auf der couch vor dem fernseher
legt mein freund seine handvorrichtung
auf meine schulter, als wären wir ein normales pärchen.
die tage vergehen langsam, manchmal sogar
sehr langsam. wir sitzen, warten auf neue nachbarn.



19. September

BARBARA ZEIZINGER

Man sollte nur noch Elegien schreiben

Freue dich Camille, wir bekommen eine schöne Nacht
(Georg Büchner, Dantons Tod)

Diese Nacht ist nur eine von vielen
mit vergittertem Mond
Liebespaaren an der Seine
dem Aprillicht auf der Place de Grève.
Hell erleuchtet hast du das Schafott
an die Moral der Physik geglaubt
die Revolution mehr geliebt als Lucienne.
Es lebe der König, schrie sie dir nach:
bald werden Menschen wegen weniger sterben.
Für fremde Nachbarn kaufen wir Salz und Brot
ohne Sohn kamen sie übers Meer
was sie gerufen haben wissen wir nicht,
nicht welche Kokarde sie trugen.
Wir Nachgeborenen sind dir nah,
deine Fehler beirrten uns nicht.


Jean-Sébastien Rouillard: Porträt Camille Desmoulins





20. September

NORA BOSSONG

Besuch

Die alte Frau sitzt tagelang am Fenster
und hält ein Taschentuch, zu träg,
hinaus in eine Welt zu winken,
die sie nicht mehr betritt. Das Draußen
ist ein Fernsehbild. Wie es mir glückt,
von dort ihr Zimmer zu betreten,
bleibt ihr ein Rätsel,
sie fragt mich nicht danach,
sagt nur:Es gibt so vieles,
das ich nicht versteh,
ach Mädchen, weißt,
die Klügste bin ich eben nicht.

Und hinter ihrem Schatten klafft
die Wohnung,
die zu große Schale einer Muschel, vergraben
in dem Zeitschlick, der nicht mehr zur Stadt gehört.
Es begann damit, dass sie verzwergte
Jahr um Jahr, nicht mehr zu finden
Ihr mondäner Gang, ihr Blinzeln,
als brenne ihr verrauchte Luft
eines Kasinos in den Augen.
Vielleicht, sagt sie und irgendwann
und will nicht weg von ihrem Fenster,
sie ist so dünn geworden,
dass sie keinen Tag mehr spürt.
Ach Mädchen, sagt sie,
weißt, wir ham ja Zeit.






21. September

JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS

Donnerlied

Schwefel, Wasser, Feuer und Dampf
wollen halten einen Kampf.
Dicker Nebel dringt gedickt,
Licht und Luft ist fast erstickt.

Drauf die starken Winde bald,
sausen, brausen mit Gewalt,
reißen, werfen: Wirbelduft,
Mengen Wasser, Erde, Luft.

Plötzlich blickt der Blitz herein,
macht das Finstre feurig sein;
Schwefelklumpen, Strahlenlicht,
Rauchen und Dampf herein mit bricht.

Hendrik Kobell: Schiffe auf stürmischer See bei Gewitter





22. September

FRIEDRICH GÜLL






23. September

JOACHIM CHRISTIAN BLUM

An Lauren

Henry Ossawa Tanner: The Good Shepherd







Du, deren Armen mich die strenge Pflicht entrißen,
Bey deinen letzten, liebetrunknen Küßen,
Schwör' ich: mein Geist, bist du gleich fern von mir
Mein ganzer Geist ist noch bey dir.

Dir folg' ich ungesehn, mit dir in stillen Hainen,
Vor Sehnsucht meine Tage zu verweinen,
Mein Odem ist die Luft, die dich umspielt,
Und die bethränte Wange kühlt.

Ich wache, wann du schläfst, im Schatten deiner Bäume,
Die Träume, die du träumst, sind meine Träume;
Ich sage jedem Lüftchen: fleuch von hier!
Denn Laura träumt, und träumt von mir.

Und zürnt der Himmel stets: so will ich doch von weiten,
Mein Leben! wie dein Schatten dich begleiten,
Bis ewig uns, wann wir genug geirrt,
Elysium vereinen wird.





24. September

ARTHUR HÄNY








25. September

RUDOLF VON FENIS

Minne gebiutet mir

I
Minne gebiutet mir, daz ich singe
unde will niht, daz mich iemer verdrieze
nu hân ich von ir weder trôst noch gedinge
unde daz ich mînes sanges iht genieze.

Si wil, daz ich iemer diene ûf einen tag
dâ noch mîn dienst ie vil kleine wac,
unde al mîn staete niht gehelfen mac.
nu waere mîn reht, moht ich, daz ich ez lieze.

II
Ez stêt mir niht sô. ich enmac ez niht lâzen,
daz ich daz herze von ir iemer bekêre.
ez ist ein nôt, daz ich mich niht kann mâzen:
ich minne sî, diu mich dâ hazzet sêre,

Und íemer tuon, swie ez doch dar umbe mir ergât.
mîn grôziu staete mich des niht erlât,
unde ez mich leider kleine vervât.
ist ez ir leit, doch diene ich ir iemer mêre.

III
Iemer mêre wil ich ir dienen mit staete
und weiz dóch wol, daz ich sîn niemer lôn gewinne.
ez waere an mir ein sin, ob ich dâ baete
dâ ich lônes mich versaehe von der minne.

Lônes hân ich noch vil kleinen wân
ich diene ie dar, da ez mich kleine kan vervân,
- nu liez ich ez gerne, moht ich es lân -
ez wellent durch daz niht von ir mîne sinne.

IV
Mîne sinne wellent durch daz niht von ir scheiden,
swie si mich bî ir niht will lân belîben.
sî enkan mir doch daz niemer geleiden:
ich diene ir gerne und durch sie allen guoten wîben.

Lîde ich dár under nôt, daz ist an mir niht schîn.
diu nôt ist diu méiste wúnne mîn.
sî sol ir zorne dar umbe lâzen sîn,
wan sie enkan mich niemer von ir vertrîben.


I
Minne gebietet mir, dass ich singe
und will nicht, daß mir dies je verdriese.
Dabei habe ich von ihr weder Trost noch Hoffnung,
dass ich durch meinen Sang irgendeinen Lohn erhalte.

Sie will, daß ich immer diene ein Leben lang,
wo doch mein Dienst sehr wenig wog
und all meine Stetigkeit nicht helfen vermochte.
Nun wäre es mein Recht, so mochte ich, daß ich es ließe

II
Es steht nicht so um mich. Ich vermag es nicht zu lassen,
dass mein Herz sich je von ihr abkehrt.
Es ist eine Not, dass ich mich nicht mäßigen kann:
ich minne sie, die mich da sehr hasst

und immer tun wird, wiewohl es mir dabei auch ergeht.
Meine große Stetigkeit erlässt mich dessen nicht,
obgleich es mir wenig nützt.
Ist es ihr leid, so diene ich ihr doch immer mehr.
III
Immer mehr will ich ihr dienen mit Stetigkeit.
Und weiss doch wohl, daß ich dafür niemals Lohn gewinne.
Es wäre klug von mir, wenn ich dort bäte,
wo ich auf Lohn rechnen dürfte von der Minne.

Auf Lohn habe ich doch nur sehr wenig Hoffnung.
Ich diene dort, wo es mir wenig nützen kann
Nun ließe ich es gerne, mochte ich es lassen.
Es wollen meine Sinne darum doch nicht von ihr lassen.

IV
Meine Sinne wollen trotzdem nicht von ihr scheiden,
wiewohl sie mich bei ihr nicht bleiben lassen will.
Doch wird sie es mir nicht verleiden können:
Ich diene ihr gerne und durch sie allen guten Frauen.

Leide ich dabei unter Not, wird diese an mir nicht offenbar.
Diese Not ist meine größte Wonne.
Sie soll ihren Zorn darüber seinlassen.
denn sie kann mich niemals von ihr vertreiben.






26. September


HERMANN LÖNS

Das Buchenblatt

Nun hat es sich gewendet,
das grüne Buchenblatt,
nun hat es sich geendet,
was mich erfreuet hat.

Die Rose hat verloren
die roten Blüten all,
was du mir hast geschworen,
es war ein leerer Schall.

Das Blatt am Buchenbaume
gibt keinen Schatten mehr,
dem allerschönsten Traume
blüht keine Wiederkehr.






27. September

JOHANN NIKOLAUS GÖTZ

Tizian: Himmlische und irdische Venus

Die himmlische und irdische Venus

Mich ließ Apoll auf Parnaßes Höhen
Die himmlische und ird'sche Venus sehen;
Die ein' umgab von Tugenden ein Thor:
Ich sah bey ihr die Weisheit selber stehen;
Ihr Finger wieß entfernt des Glückes Thor.
Die zwot', umhüpft von Scherzen und von Freuden,
Warf Rosen aus, sang Amorn lächelnd vor.
Wähl', sprach Apoll, die würdigste von beyden! -
Gelehrter Gott, versetzt' ich demuthsvoll:
Gebiete nicht, daß ich sie trennen soll:
Gewähre mir, dann so nur geh' ich sicher!
Die für mich selbst, die dort für meine Bücher.







28. September

ANJA UTLER

– vernehmen: zerfurchen –

nur an den schürfstellen: ausgelöst
stehn, spüren, drifte schon: schlingre dir zu
durchs: zerklüftete höre – du sprichst mir vom
abraum, den halden vom: aufpflanzen,
windrose, -rad vom: rotieren sprichst, glänzendes
rotorblatt sagst du – es: schlingert, ja, schlingre, wie
arm, flügel pflügt: sich den rücken, ja, furcht
durch die erdrauch- die taubnesselfelder
und stumpft: erst am schulterblatt ab







29. September

REINHARD PRIESSNITZ






Die ermüdete Nacht

manchmal hab ich grosse schwere
in der fühle, so in der fühle so,
wenn das leichte etwas wieder und
wieder als etwas leichtet lastet:
mancmal han ic suo bleierne swere
in der fruo und wers niamer fruo
wenn das liachde tsu und tsu leichd
dunkl wigend, etwan als ob ich swere:
manchmal, mit der leichten habe,
und schwer grösser die früh, fühl ich,
wenn wieder das lastende bleit
und bleit und bleibt etwas als etwas:
manchmal hätte ich die leichte grösse
in der schweren fühle, belastet,
das frühe, das etwas, das bleibende,
da blei, als das etwas, das wieder
manchmals; etwas, das wieder als frühe,
als last, schwer bleibt, die wiege,
habe das licht, etwa, das idiotische
licht, wie es sich gross fühlt!
manchmal in dieser grossen fühle
leuchtet leicht etwas als bleibend,
aber sehr dunkel. schwirre schweres!
idiotisch, zu und zu, frühes blei!
manchmal hätte ich das wiegend leichte,
das wieder und wieder als etwas als
etwas schwert, und das licht fühlt, früh,
hätte ich schon gross das blei, manchmal.






30. September

THEODOR DÄUBLER

Ich sah einmal in einen Regenbogen



Ich sah einmal in einen Regenbogen,
Er schien mir aller Stürme stilles Thor,
Dann ward ein Karren plötzlich durchgezogen,
Es zerrten Büffel ihn stets weiter vor.

Es gingen diese Tiere selbst des Weges,
Längst hatte sie der Mensch für sich betäubt,
– Es hieß das noch etwas, – wers kann, erwäges –:
Ich sah hinweg, ins Licht, das nie zerstäubt!

Oh weiße Sonne, Deine goldenen Strahlen
Berauschen und erwecken meinen Geist,
Du bist die Arbeit, und mit heiligen Qualen
Trifft Dein Gebot mich, wenn das Herz vereist.

Was Du bedeutest, Sonne, ist der Seele,
Auf dieser Welt, am innigsten verwandt,
Es ist, als ob die Glut den Kern entschäle,
Denn mein Erbarmen gibt mir selbst Bestand.

Ich bin so bloß wie Du, geliebte Sonne,
Und wo ich nackt bin, herrschst Du über mich,
Und folg ich Dir, so ist das reinste Wonne,
Denn Dein Gebot ist mir ganz wesentlich.

Ja, meine Freiheit sind die Weltgesetze,
Der Geist ist Überkraft ihres Vereins,
Dort bin ich tief wie ungehobene Schätze,
Ein Teil des allerjüngsten Eigenseins.

Es kann mein Geist entsetzlich sich ereifern,
Denn alles, was in ihm sich selbst bestimmt,
Wird durch die Schatten, die ihn blass umgeifern,
Da sie veraltern und zergehn, ergrimmt.

In mir erglimmt die allerreinste Weiße,
Ein Licht, das mich in Sonnentreffen ruft!
Es klirrt beinah: »Was Dich beengt, zerreiße!«
»Ihr Urlichttiefen, schützt, was Ihr erschuft!«

Ich habe jetzt die Welt in mir empfunden
Und langsam überdenk ich, was geschah;
Ich konnte mich, mir selber, klar bekunden,
Ich war als Schöpfer mir Geschöpf ganz nah!

Jetzt weiß ich auch vom Grund der Himmelsdinge,
Die Erde trägt im Kern ihr Sonngebot,
Befiehlt das Licht es, sprengt sie Felsenringe,
Und was verstumpfte zeigt sich goldumloht!

Versucht die Schöpfung in den Raum zu drängen,
Denn zeitlich fasst ihr nicht das Weltenei.
Und wißt, wo Sterne in einander hängen,
Erkennt das Urlicht sich und schöpft uns frei.

Wo sich die erste Weltenweiße spaltet
Und plötzlich in ihr Urereigniß tritt,
Erscheint der Tag, den sie geheim verwaltet,
Und rollt sein Schweigen in die Sphären mit.

Die Sonne wahrt ihr Wesen stets am hehrsten
Und hat es still der Erde anvertraut,
Die schimmert nun am Pol, wo sie im Leersten
Der Einheit helles Urgebot erschaut.

Der weiße Erdenkelch, der dort ersprossen,
Beweist der Welt, daß der Beschluß
Der Dinge, die sich tief in sich ergossen,
Sich unabwendlich ernst ereignen muß.

Wie es vom Licht die Erde überkommen,
So hegt sie ihr Geschick im eigenen Kern,
Und ist im Menschen das Vertraun verglommen,
Wird sie sofort ein goldener Rachestern.

Auf unserer Freiheit, unserm Innerlichte,
Beruht der Erde stille Schaffensglut,
Doch furchtbar geht die Sonne zu Gerichte,
Beherrscht sie nicht ein geistiger Erdtribut.