Christians Webseiten
Oktober



Mit Vollbild (F11) noch schöner!








1. Oktober

FERDINAND FREILIGRATH

Am Kongo



Sultanen, zaudert nicht! es gilt ein Fest zu feiern!
Berauscht mit Palmwein euch aus halben Straußeneiern!
Schmückt euch, wie jenen Tag, an dem des Harems Tor
Sich vor euch öffnete! entfaltet eure besten
Gewande! kleidet euch, wie sonst bei hohen Festen!
Ein großes Glück steht euch bevor.

Die Menge draußen jauchzt, und die Batuken schallen.
Vom vollen Nacken lasst den falt'gen Scharlach wallen!
Hängt die Korallen um, aus denen Feuer sprüht!
Die rote Erde nehmt, die Wangen zu bestreichen!
Lasst euer Angesicht dem Morgenhimmel gleichen,
Wenn er in dunkler Röte glüht!

Singt euer froh'stes Lied! Tanzt durch die Palasttüren
In das Gewühl hinaus! zum Strome lasst euch führen,
Wo um den König sich gelagert hat das Heer.
Er ist zurückgekehrt aus seinen Wüstenschlachten,
Ihr seufztet oft nach ihm; gestillt wird euer Schmachten!
Fortan verlässt er euch nicht mehr!



Ihr seid beneidenswert! zu allen Tageszeiten
Wird er jetzt bei euch sein; er braucht nicht mehr zu streiten;
Das ganze Land ist sein, bis wo der Kongo quillt.
Nichts liegt ihm fürder ob, als unter euch zu weilen;
Für immer wird er jetzt mit euch das Lager teilen -
Dort liegt er auf dem Kupferschild!

Fahrt nicht zurück! er ist's, der Wildeste der Dschaggas!
Wohl gleicht sein Mantel jetzt dem streif'gen Fell des Quagga's;
Blutstreifen zieren ihn! wohl ist sein Auge starr!
Wohl ist sein Arm gelähmt, der uns den Sieg erfochten!
Wohl stehn die Pulse still, die einst so feurig pochten
Bei Tamtamklang und Hufgescharr!

Er hat den Sieg erkauft mit seinem eignen Blute;
Kein Geriot, kein Grisgi und keine Zauberruthe
Erweckt ihn; durch dies Grab will er von hinnen ziehn
In das glücksel'ge Land, wo die Gestorbnen wohnen;
Wo statt des Taues Blut auf Gras und Blumenkronen
Glänzt; - Heil euch, ihr begleitet ihn!

Wohl zög' er zürnend noch empor die finstern Brauen,
Fänd' er im Grabe nicht die dreimal fünfzig Frauen,
Die lebend er umarmt! - wir senden euch ihm nach!
Seht, wie sein Auge zuckt! mit grünen Palmenzweigen
Bedeckt den Harrenden! tanzt, und im wirrsten Reigen
Empfangt Schwertstreich und Keulenschlag!






2. Oktober

MENANTES

Die Höfflichkeit bringt wenig ein

Die Höfflichkeit bringt wenig ein,
Das kann Rosander wohl beweisen,
Er wolte so gefällig seyn,
Und einer Damen Diener heissen:
Allein Monsieur sprach sie hierzu,
Will er sich meinen Diener nennen,
So putz er mir auch meine Schuh,
Das hieß: Er soll sich nicht verbrennen.
Morbleu! Das war ein scharffer Stich,
Drum muß er auf revange dencken,
Theilt sie die Aemter unter sich,
So will er ihr eins wieder schencken,
Damit es nur ein jeder weis,
So putzt er ihr die Schuh und sie putzt ihm den Steiß.







3. Oktober

BERND ERNST

Kosmisches Geflüster

Nichts wussten wir
in einundtausend Nächten
gingen unter demselben Stern-
talergestöber
im Innern Verschüttete Milch-
straßenkinder die nicht lesen konnten
was auf ihren Lippen stand

Du urknallender Schmatz
blüh mir deine Rosen hinter das Aug
Echolote
das pochende Glück








4. Oktober




GEORD FRIEDRICH DAUMER

So stehn wir, ich und meine Weide,
so leider miteinander beide:

Nie kann ich ihr was tun zu Liebe,
nie kann sie mir was tun zu Leide.

Sie kränket es, wenn ich die Stirn
ihr mit einem Diadem bekleide;

ich danke selbst, wie für ein Lächeln der Huld,
für ihre Zornesbescheide.

So stehn wir, ich und meine Weide,
so leider miteinander beide.






5. Oktober

PELLEGRIN

Eisblumen



Vorbei an manchem fremden Strand,
Durch manch ein fremdes Meer
Schifft Alf, der Held von Dänenland,
Mit seinem Dänenheer.

Steht Lethra doch beinah verwaist,
Klagt um den jungen Herrn,
Jedoch der wackre Weigand reist
Nach seinem eignen Stern.

Und fragst Du, wie der Stern geheissen,
Und sagt's Dir nicht Dein Muth?
Du kennst gewiß sein schönes Gleissen,
Bist Du sonst brav und gut.

Ein Fürstenkind, Alvilda, zart,
Erweckt' ihm solch ein Licht.
Und hatte sie auch sich spröd' verwahrt,
Ließ er sein Hoffen nicht.

Sie floh aus ihrem Königshaus
Vor Alf, dem edeln Freier,
Da ging er kühn nach Thaten aus,
Ein beutegier'ger Geier.

Die Flügel waren die Seegel sein,
Die Krallen sein die Speere.
Und was nur gab auf Wassern Schein
Gewann er sich zur Ehre.

Und stand er nun an Feindesbord,
Im Spiel mit Feindesschilden,
Dann sang er: Thaten send' ich fort,
Sind Boten zu Alvilden.

Hoch nordwärts liegt eine schöne Bucht,
Kann viele Schiff' umfahn.
Dort lagen schnelle Seegler;
Der Alf, der schifft' heran.

Die Seegler waren zum Schlagen fertig,
Und kamen im kecken Lauf,
Und Alf, des Sieges schon gewärtig,
Rief: meine Dänen, drauf.

Die Lanzen flogen hin und her,
Ein Däne sprach: fürwahr!
Ich werf' nur ungern meinen Speer
Auf solche schmucke Schaar.

Seht wie sie all so zierlich stehn,
An Kleid und Stellung fein.
Fiel Eins davon in's Wasser,
Ich spräng' ihm hinterdrein.
Und ob's etwa auch Asen sind,
Auf heimliche Fahrt bedacht,
Da würden wir Alle taub und blind,
Und's gäb 'ne böse Schlacht.

Wolln's proben! rief der junge Alf,
Sprang n'über auf's Verdeck,
Vertrauen dem, der sonst ihm half,
Dem Muthe, frisch und keck.

Die andern nach in dicker Schaar
Die Waffen klangen laut,
Es fiel ein Helm, und wallend Haar
Ward unversehn's geschaut.

Und unterm Haar ein Angesicht,
Wie Blumen hübsch und fein,
Und auch zwei blauer Augen Licht,
Wie's haben die Jungfräulein.

Die Dänen lachten und freuten sich,
Und faßten ihren Feind,
Noch Keiner sah zierlichre Feinde,
Seitdem die Sonne scheint.

Und nahmen's Alle freudig wahr,
Wie lacht' erst Alf der Held,
Sah' er Alvilden doch der Schaar
Als Herrin vorangestellt.

Nun Liebchen bist gefangen,
Nun Liebchen bist Du mein,
Nun schau ich klar der Wangen
Bräutlichen Morgenschein.

Fort Helm, mit argen Tücken
Bargst du all meine Lust!
Fort Panzer! Sollst nicht drücken
Die weiße Schwanenbrust.

Stahlbandschuh wollt noch blinken?
Fort! Deckt dies Händchen nicht,
Weil sich's mit zartem Winken
Viel schönern Sieg erficht.

Die Waffen nahm er siegend
Von dem besiegten Weib,
Doch reichen Schmuck, erliegend,
Schenkt' er dem holden Leib.

Nun heimwärt's zog die frohe Schaar,
Alle Bräutigam und Braut,
Und Lethra hat von jedem Paar
Manch Heldenkind geschaut.








6. Oktober

RODJA K. WEIGAND

näbe

graua näbe
wosd hischaugst
graua näbe
wira geschweazte
muich so grau
und durch den
gä i zu dia
mei feia.

i sig koane bleame
und a an rinnstoa net
koit is
und doch gä i
weils feia so brennt
woast
so schmerzhaft brennts.









7. Otober



MICHAEL LENTZ

kaum frühjahr
ist der krokus verblüht
was stellt er an das ganze jahr
soll auch ich einfach verschwinden?
jedes jahr dieses große hallo
als sei weiß gott was geschehen

dein gesicht das in den schatten wächst
wo du fehlst kann ich nicht sein
gesetzt also
etwas käme wieder jedes jahr
und man gewöhnte sich daran
was es käme nicht mehr?
jeden morgen
beobachte ich den krokus
es ist herbst
schau mich an







8. Oktober

CARL FRIEDRICH DROLLINGER

Herbstgedanken

Der schwüle Sommer ist verschwunden.
Die Sonne laüfft der kühlen Wage zu.
Die Erde neiget sich zur Ruh
Nach ihren arbeitsvollen Stunden.
Ihr bunter Schmuck wird blöd und alt,
Und, was sich nächst im Flor befunden;
Verändert Farben und Gestalt.
Der Himmel trübet sich. Es haucht ein frischer Duft
Gleich einer kühlen Abendluft,
Und will des Jahres Abend kühlen.
Der Baume Zierat weicht; die leichten Winde spielen
Mit dem entlaubten Schmuck. O welch ein Unbestand!

Doch nein! ich kenne deine Hand,
Du grosser Schöpfer und Erhalter!
Des Laubes Schirm, die schattenvolle Wand,
Die ihrer Früchte zartes Alter
Vor Hitz und Sturm in Sicherheit beschloß,
Hat nun die treüe Hut vollendet,
Da der verwahrte Schatz gezeitigt und geendet;
Drum fällt sie weg, und stellt ihn frey und bloß.
O reicher Schatz, den wir bewundern müssen!
Schau, wie die süsse Last die schwanken Aeste beügt!
Es scheint, als wollen sie die werte Muter küssen,
Die Muter, welche sie gezeügt.
Der Blätter Schmuck, der allgemach verfleügt
Erscheinet nun noch eins so prächtig.
Die schlanke Rede steht an Frucht und Zierat trächtig.
Schau, wie sie ihre grüne Pracht
Mit Gold und Purpur ausgesticket;
Wie sich ihr sterbend Laub zu guter Letzte schmücket,
Und seinen Abschied herrlich macht.

Wie aber? welch betrübtes Bild
Erblick ich voller Scham und Schanden!
Ich Armer ach! Mein Herbst ist auch vorhanden;
Mein Sommer ist bereits erfüllt.
Wie darf ich, Höchster! vor dir stehn,
Und mein beschämtes Haupt zu deinen Wolken strecken?
Ich bin ein kahler Baum, gleich einer dürren Hecken,
Von keinen Früchten reich, von keiner Zierat schön.
O wehe mir! die Art der Rache blicket schon,
Und draüt mir schnödem Holtz mit dem verdienten Lohn!
Erbarme dich! Erwecke meine Kraft,
Du Wesen voller Huld und Liebe;
Und fülle mich mit neüem Saft,
Mit einem gnadenvollen Triebe,
Eh mich dein Grimm zur Straf und Flamme rafft!
Herr, laß mich noch in dieser Zeit,
Obgleich mit später Frucht, zu deinem Ruhme dienen!
So werd ich dort in Ewigkeit
Bey dir im Paradise grünen.














9. Oktober

LYDIA DAHER

Das Gedicht ist kein Ort,
an dem wir uns treffen


Alles möglichst einfach.
Alles kompliziert.

Hier sprechen wir von der Chronik des Zweifels.
Von zitternden Utopien.
Von Meditationen in Minenfeldern.
Von Wolken im Zimmer
in der Nähe von dir.

Sag, bist du, fiktive Kontaktperson,
verloren auf diesem
Bedeutungshof?

Auf dem einer steht, der die Bäume blau einfärbt.
Auf dem eine steht, der die Sprache beschlägt.
Auf dem nichts genauso gewollt war.

Das Gedicht ist kein Ort,
an dem wir uns treffen.

Doch es kommt, wie du siehst, voran.

Es schaltet alle Lichter aus,
und du musst es glauben:

Das Gedicht und die Rose sind eins.

Nehmen wir an, dass du diese Rose nun isst
und alles vergisst, was du schon weißt.

Nehmen wir an, die letzte Bewegung
im Text ist auch deine.

Tun wir mal so, als sei nichts gewesen.

Du bist bis auf Weiteres frei.







10. Oktober

CHRISTIAN HÖLMANN

An die sterne

Ihr sterne mögt euch in die decken
Der nacht und des gewölcks verstecken.
Ich sag‘ es euch, hüllt ja bey zeiten euren schein
In dunckle schatten ein;
Denn Sylvia wird itzund durch die gassen
Von mir sich führen lassen.
Mein bitten und die nacht
Hat sie zu dieser lust gebracht.
Nun wißt ihr ja, daß ihr nicht könnt bestehen,
So bald die sonn‘ ist willens aufzugehen.





11. Oktober





GÜNTER ULLMANN

Am Fuß des Berges

Am Fuß des Berges
die kleine Kirche
(für Taufe und Hochzeit)
ist leicht zu erreichen.
Ausgetretene Stufen
laden uns ein
höher zu kommen
und sicherer über die
unheimlichen Abgründe.
Auf dem Gipfel bestaunen wir
die stilvollen Reste
einer vergangenen Zeit
- Die Klosterkirche ist eine gotische Kirche -
und stehen selbst
mitten auf dem Friedhof
DAS IST DER OYBIN.
Für Urlauber, Touristen, Kurgäste
der Clou






12. Oktober

JOHANN FRIEDRICH UZ

Das bedrängte Deutschland






13. Oktober

ERIKA KRUMHOLZ






14. Oktober

JOHANN GEORG DANIEL ARNOLD

Herbst


Näher rückt die trübe Zeit
Und ich fühl's mit Beben:
Schwinden muß die Herrlichkeit,
Sterben junges Leben!
Waldesschmuck und Blütenpracht
Sinken bald in Grabesnacht:
Scheiden, das macht Leiden!

Blumen auf der grünen Au'
Still ihr Haupt schon neigen;
Sommerabendlüfte lau
Rauhen Stürmen weichen;
Vöglein auf der Bergeshöh',
Schmetterling am tiefen See
Müssen von uns scheiden!

Blatt sinkt nieder in den Staub,
Wird ein Spiel der Winde;
Traurig schüttelt ab ihr Laub
Auf den Weg die Linde;
Wolke eilt, dem Pfeile gleich,
Stürmend durch der Lüfte Reich,
Scheucht die trauten Sterne!

"Morgen muß ich fort von hier!"
Singt der Fink mit Grämen
Rosen schwindet ihre Zier,
Müssen Abschied nehmen. –
Ach, es macht so bittern Schmerz
Wenn, die innig liebt das Herz,
Alle uns verlassen! –





15. Oktober




ROR WOLF

Der letzte Ball

Mit dem Fuß, so weit, so weit:
dort am Abend fliegt der harte
Ball, dort wo es schreit und schneit,
steigt er auf und schwebt, der zarte
aufgepumpte angestarrte
Ball rasch in die Einsamkeit.

Weit am Tor vorbei, vorbei,
hoch, als ob Papier es wäre,
fliegt er leicht und sorgenfrei
aufwärts in die wolkenschwere
atemlose menschenleere
Luft, hinaus aus dem Geschrei.

Durch den Wind davon, davon,
hoch, so hoch sieht man den weichen
Ball ganz sanft und ohne Ton,
angestrahlt, den mondscheinbleichen
Ball fort in die Ferne streichen:
Weit entfernt von allem schon.





16. Oktober

MANFRED ENZENSPERGER

wie ich dich kannte

wie ich dich kannte aus wald und wald
aus duftenden blumen im mai
und wie du dein herz beschleunigen konntest
in einen insularen zustand.

es gab vierlippige klippen dort
hinter den dünen viel sinn für schräges
unsere genetische korrespondenz
den god of little things den wir england nannten.

und immer sonntags der versuch mir vorzustellen
welche blumen in deinem garten blühen
die blaue herbsttrompete das breitblättrige
knabenkraut oder der gleichgültig vollkommene

frauenschuh und ob ihre tapferkeit wächst
sie zitternd tanzen im wind oder
ob ich womöglich selbst dieser garten bin
und ihn nicht sehen kann
so wie man das eigene herz nicht sieht

mit Ron Winkler und Adam Zagajewski





17. Oktober

GERRIT ENGELKE

Schlummermelodie








Hängt ein Stern in der Nacht,
Irgendwo –
Irrt ein Herz durch die Nacht –
Irgendwo –

Saust Wind im Wald,
Irgendwo –
Eulen-Schuhu hallt
Irgendwo –

Blüht ein Wunderbaum
Irgendwo –
In einem Traum –
Irgendwo –

Hängt ein Stern in der Nacht,
Irgendwo –
Golden ist der Mond erwacht –
Irgendwo –
Irgendwo –





18. Oktober







19. Oktober

Gottfried August Bürger

Das vergnügte Leben

Der Geist muß denken. Ohne Denken gleicht
Der Mensch dem Öchs- und Eselein im Stalle.
Sein Herz muß lieben. Ohne Liebe schleicht
Sein Leben matt und lahm, nach Adams Falle.

Ein Kranz umkränz' ihn, ohne Drang und Zwang,
Ein Kranz von klugen nur nicht stolzen Leuten,
Die sich auf Witz verstehn und Schnurrigkeiten;
Denn sonst währt mancher Abend gar zu lang.

Dabei ist's eine himmlisch schöne Sache
Um Einen rechten braven Herzensfreund,
Der, ist man fröhlich, wacker mit uns lache,
Und ehrlich weine, so man selber weint.

Der Abend muß ein Leckermahl bescheren;
Ein Mahl, erheitert durch Gespräch und Wein.
Da mag das Herz voll guter Dinge sein;
Nur muß der Kopf des Rausches sich erwehren.

Was für ein Wunsch zu guter Nacht sich schickt,
Das brauch' ich nicht erst lang und breit zu sagen.
Ein Weibchen muß man mit zu Bette tragen,
Das jede Nacht, wie eine Braut, entzückt.

Sagt, Freunde, schlendert nicht ein solches Leben
Gar artig und gemächlich seinen Gang?
Seit mir die Lieb' Amalien gegeben,
Besitz' ich alles, was ich eben sang.






20. Oktober

BERD IGEL





Die Bücher stimmen

uns steht nichts zu Buche, uns säumte
jeglicher Verdienst & alles Vergangene
ward Gegenwart; wir haben nichts zu vererben, ha!,
     wir
laufen einer handgekurbelten Uhr nach & zählen
die Schläge, von ihrem Laufwerk ausgeteilt

wir mühen uns mit Träumen, versäumten
Konzerten; weisen Büschel Grauhaar vor in all
     unserer
ewigen Jugendlichkeit, die wir vorzeitig
erkannten, pflanzen es nachmittäglichem Schreibtisch auf
an dessen Stelzen sich unsere Füße reiben

oh, der Wunsch nach Heimat in der Heimat!

doch der Wald nimmt uns nicht auf, gelichtet, er filtert
die Ruhebedürftigen aus im Namen der Städte; wohin
wohin, im dauernden MärzNovember treiben wir, und das
Welken Faulen der Blätter scheint unsere
einzige Genugtuung





21. Otober

FRIEDRICH LEOPOLD GRAF ZU STOLBERG

Ikaros

Daidalos hub sich auf wächsernem Fittich,
Ikaros weinete: Vater, dich bitt' ich,
Lehre mich fliegen! Doch Daidalos sprach:
Hättest du Flügel, so flögst du mir nach!

Aber dem Ikaros braust es und pocht es
Tief in dem Herzen, und saust es und kocht es
Hoch in dem Köpfchen: Du bildetest dir
Flügel, so bilde doch Flügel auch mir!

Nun denn, mein Bübchen, sollst Flügelein haben,
Sagte der Vater zum wimmernden Knaben,
Schritt zu der künstlichen Arbeit, und stracks
Knetete Daidalos Flügel aus Wachs.

Ikaros bebet vor Wonn' und Verlangen,
Als ihm der Vater mit goldenen Spangen
Heftet die Flügel an Schulter und Brust,
Ist sich der Ammenmilch nicht mehr bewußt.

Höre, mein Söhnchen, der Klugheit bedarf es
Oben in Lüften, drum achte mein scharfes
Weises Verbot, und bedenk nicht zu spät,
Daß man aus Wachs nur was wächsernes dreht.

Folge mir nach in den mittleren Lüften,
Wittere nicht nach ätherischen Düften,
Weit ist die Reise nach Welschland und schwer,
Oben die Sonne, und unten das Meer.

Nahest du steigend der Sonne, so schmelzen
Flugs dir die Fittiche; tauchst du, so wälzen
Wogen des Meers dich ins gläserne Haus
Wilder Tritonen, den Hechten zum Schmaus.

Daidalos sprach es, und hub sich; der Junker
Fühlte sich nicht vor Entzücken! Kühn schwung er
Nach sich dem Vater, hoch über ihn hin,
Über die Wolken mit trunkenem Sinn!

Aber die Flügel begannen zu triefen,
Eh er es merkte, die Schwingen entliefen
Sinkend dem Sinkenden, und er entstürzt
Purzelnd dem Flug, nicht zur Seefahrt geschürzt.

Merke sich das der Bescheidneren Tadler,
Keck ist der Käfer, und kühn ist der Adler!
Haben die Götter dir Schwingen versagt,
O so geh nicht auf ätherische Jagd!






22. Oktober

JOHANN JAKOB IHLÉE







23. Oktober

FLORIAN VOSS

Rausch

Ingrid Steeger
hat mich jungfräulich geboren
ihr blondes Haar
verschleiert meine blauen Augen
ihre Kerosinbrüste
nähren mich prächtig
Ingrid Steeger hat Goldkettchen
um meinen Hals gelegt
und jetzt zieht sie zu
Mit all ihrem Blond
will ich meine dunkelsten
Träume auflichten
in denen der Tod mit den
falschen Wimpern klimpert
und die Brüste tanzen läßt
wie meine dunkelblonde Mutter
(Herr Anstaltsleiter, übernehmen sie!)






24. Oktober

GERD CONSTAPEL
Vörloop

Witte Plöttjes up swarte Ackergrund,
Hoog ploogt ut dat Verleden,
Schoon wusken van de
Ewige Dookregen.

Dat un nix anners to gewahren.
Alleen de Seediek, schemerachtig,
In düüster Stillte geen Konturen,
De Röök van Rött in dumpig Lücht.

Swappelvull de Sloten, Flacken,
Nix as Water, swart Gespegel.
Gegalp van Gosen boven uns: Wahrt jo!
Wahrt jo, daar kummt wat na!

Wi weten, wat daar achter schuult.
De Bangigheid bekruppt uns Hart.
Wi proten, beden, ütern Troost.
Uns Stemmen hebben geen Volumen.

Vorzeichen

Weiße Scherben auf schwarzem Ackergrund,
Hoch gepflügt aus vergangenen Tagen,
Rein gewaschen vom
Ewigen Nebelregen.

Das und nichts andres wahrzunehmen.
Allein der Seedeich, nur ein Schemen,
In dunkler Stille keine Konturen.
Geruch von Fäulnis in dumpfer Luft.

Randvoll die Gräben, tiefe Flächen,
Nichts als Wasser, schwarzes Gespiegel.
Geschrei von Gänsen über uns: Hütet euch!
Hütet euch, es kommt was auf euch zu.

Wir wissen, was dahinter steckt.
Die Angst beschleicht die Herzen.
Wir sprechen, beten, äußern Trost.
Unsere Stimmen haben kein Volumen.








25. Oktober

JESSE THOOR

Sonett von der betrüblichen Überlegung

Nun ist der Juli schon dahin – und der September – der Oktober auch.
Es schleicht die Kälte hinter mir und nagt an meinen Schuhn.
Der Nebel rührt mich an und beizt die Kehle wund wie gelber Rauch.
Und keiner gibt mir eine Antwort, frage ich – was soll ich tun.

Da wird die ganze Erde für den bravsten Mann zum Jammertal –
wenn ihn der Winter faßt und schwarze Beulen auf die Füße brennt.
Der Mut sinkt langsam hin wie nichts… und gegen jegliche Moral,
scheint eine Kneipe mir… ist sie geheizt – das allerbeste Argument.

Dort kehr ich ein nach Sonnenuntergang. Dort wetze ich die Zähne.
Das macht mich wieder warm; ich reck’ den Hals und krähe wie ein Hahn.
Das prasselt über meinen Kopf hinweg wie eine feurige Fontäne.
Der Wirt hockt neben mir und schmatzt – und stiert mich öde an.
Nun hefte ich den Wert von dreißig Silberlingen unter seine Sohlen.
Es denkt der Narr, ich habe sie erbettelt. Ach, ich habe sie gestohlen.









26. Oktober

ANDRE RUDOLPH













nocturne für jesse thoor

ich hatte kontakt zu einem heiligen in hohen, fettglänzenden schuhn

er ließ sich von seinen füßen tragen
in würde, er entleerte sich
in der früh iin würde

so war er.

die toten amseln fielen von seinen
schultern, wenn er
sich zuckte

er rieb seinen schwanz an den mauern
der häuser, wenn es
ihn juckte

und roch nach frischem sperma
und rosmarin, wie
ein könig

so war er.

die zahmen häuser peitschten
seinen scheitel auf, bis
er lachte

die schenkel der triangeln glühten,
wenn er es ihnen
machte

so war er.

rasend schnell, und schlaflos, und
expressiv, als er mich
im vorübereilen

segnete und sagte: „iss deine
pizza, herzchen
und stirb!“






27. Oktober


FRIEDRICH VON HAGEDORN

Zu meiner Zeit

Befliß man sich der Heimlichkeit.
Genoß der Jüngling ein Vergnügen,
So war er dankbar und verschwiegen:
Und jetzt entdeckt er's ungescheut.






28. Otober

JOHANN DAVID HARTMANN




Freundschaft

Denn Freundschaft ist die beste Blume,
Die auf Gottes Erde blüht,
Und die sich frisch erhält,
zu unvergeßnem Ruhme,
So viel auch Neid und Stolz
des Giftes um sich sprüht.

Ein Tor daher, wer auf den Wegen
Des kurzen Lebens sie nicht pflückt,
Nicht unter lauten Herzensschlägen
Sie fest an seinen Busen drückt.







29. Oktober

HEINRICH WILHELM VON GERSTENBERG

Der Gott der Eifersucht

Wir waren in Knidos, meine holdselige Chloe und ich.
Auf ewig grünem Laube spielen
Hier Scherz, und Lenz, und Zärtlichkeit.
Die Blumen küssen, Bäume fühlen,
Und Grotten, welche Zephyrs kühlen,
Verbergen manchen holden Streit,
Wenn eine Dryas hier im Thale
Dem jungen Faun zum erstenmale
Mit lautem Zwange Küsse weiht.

Um einen zu furchtsamen Satyr zu ermuntern,
der auf sein eignes Glück argwöhnisch war,
floh eine schalkhafte Napäe lachend in den Lustwald.
Wir eilten ihr nach, um zu erfahren,
ob der Satyr sie erhaschen würde,
als plötzlich die Göttinn Venus aus dem Walde hervortrat.

Mit aufgelöstem Gürtel gingen
Die Grazien leicht vor ihr hin,
Ein Amor fliegt mit regen Schwingen
Schnell auf die Brust, schnell auf das Kinn,
Sucht dort ein Knöspchen anzubringen,
Und tändelt hier ein Grübchen hin:
Mit himmlisch sanften Liebesschlägen
Lohnt ihm die Göttinn seine Müh:
Froh flattert er der Straf entgegen,
Und zur Vergeltung küßt er sie.

Unglücklicher! o daß ich diesen Amor nie gesehen hätte!
Er war der boshafteste unter seinen Brüdern!
der Gott der Eifersucht in seinem betrüglichen Reize.

Er wars, der im Geräusch der Blätter
Untreue Küsse rauschen hört,
Der Sicherheit in Furcht verkehrt,
Die sanftesten mit Wuth bewehrt,
Die Edelsten Neid oder Argwohn lehrt,
Ach! jedes Glück der Liebe stöhrt:
Ach! der gefährlichste der Götter!

Warum mußte der Bösewicht mir
mit seinen heuchlerischen Blicken gefallen?
Warum entfloh er seiner Göttinn, nur mit mir Armen zu spielen,
und von mir gehascht zu werden?
Warum schenkte mir ihn die Königinn der Liebe?
Seitdem sind die güldnen Tage unsrer Liebe
oft durch abwechselnden Kummer umwölkt worden.

Mich nagt bey Chloens besten Küssen
Ein banger schrecklicher Verdacht:
»Wie, wenn bey diesen Nektarküssen
Ein dritter oft mich still verlacht!
O Chloe! sollt ich dieses wissen!«
Dann nenn ich Chloen den Verdacht,
Und Chloe weint; und ich muß reuig flehen:
Denn weinen kann ich sie nicht sehen. –
Ach! Venus, nimm den Gott zurück!
Er bringt mich ewig um mein Glück.






30. Oktober

CHRISTIAN UETZ










ICH LASSE DICH einfallen;
und strahlhartes Licht schwertst mich aus.
Ihr Engel fällt mir ein;
ihr Tierengel, ihr Nacktengel alle;
ihr fällt auf uns über uns herein;
und füllt uns schamlos aus.
Hirnschwanzströme verlichten uns als all

Ein Geschlecht.

IN DIR werde ich ganz ruhig ganz,
und wir kommen rastlos restlos zur Ruhe.
Zur Ruhe kommen wir so heftig,
daß wir ohnmächtig werden,

und ins Todkomische erwachen.

UND VON DIR der Schmerz sternt steinseelig,
damit der Schluss unendlich wird.
Du stummes Sterbelicht,
du zitterndes Nichts,
was will uns noch hinderlich werden?
Schusslicht flußt durch alle Poren,
damit das Ertrinken verschwimmen wird.
Und irrgernwann wird der Traum wahrer als der Raum,
das Erregen stärker als das Leben,
die Zeitlosigkeit tiefer als die Zeit,

und die Wunde barer als die Welt.

ERST wenn wir das Wunder verlieren, sehen wir es.
Erst wenn uns das Leben verlassen, fassen wir es.
Und solange wir etwas erleben wollen,
ist es nicht erfüllt.
Sterbenslust ist die ganze Unsterblichkeit;
jetzt sterben die pathetischste Vollkommenheit;

für dich die pathologischste Liebe.

PASSION ist das Wort,
welches die Neurosen heilt in das Wort Passion.
Passion ist das Wort,
welches das Wort Krankheit und Verstörtheit
und Lächerlichkeit und Peinlichkeit und Obsession erlöst
in das Wort Passion.

Passion ist das Wort,
in welchem das Wort Passion wird.

WIR SEHEN UNSER ENDE,
und schon sind wir Engel;
nicht auf der Welt.
Alles schon verabschiedet,
zum letzten Mal gesehen,
alles beendet,
und alles beginnt.
Wir sehen unser Nichtsein,
und schon sind wir Gegenwart ohne Gegenwart,
Geist ohne Anwesenheit.
Und was uns auch geschieht,
es ist schon erlebt.
Und was wir auch tun,
es ist schon perfekt.
Wir drängen uns nicht ums Leben,
wir dringen in die Ewigkeit.
Wir drängen uns nicht umeinander,

wir dringen ineinander in die Einzigkeit.

ABER DA LIEGT nun mein Engel in meinem Bett.
Reiners echter, ganzer, strahlendster, schönster Engel.
Schläfrig und abwesend und verträumt,

lustern und lüstern und leicht.






31. Oktober

GUSTAV FALKE





Fahre, Schifflein, fahre...

Fahre, Schifflein, fahre,
Sterne über dir,
Früchte mancher Jahre
Trägt mein Schifflein mir.

War ein fröhlich Reifen
In durchsonntem Raum,
War ein fröhlich Greifen
In den vollen Baum.

Lob ich meine Ware,
Wer verdenkt es mir?
Fahre, Schifflein, fahre,
Sterne über dir.