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November



Mit Vollbild (F11) noch schöner!








1. November

RON WINKLER


Fotomahlzeiten

Silbergeschirr war das Zaumzeug
des Sonntags, aus der Küche kamen
dampfende Speisen, aus Liebe
Servietten, nichts war uns so nah
wie der Tisch, der den Fortbestand
sicherte. geschlossene Hände beteten
unter ihm hungrige Magerunser,
echtes Stallfleisch, pure Brust,
zum Abschluss ging es immer
ans Eingemachte, die privaten Pflaumen
nach vorwiegend volkseigenen Kartoffeln:
kein Satz war so sauber
geschält, auch wenn die Gespräche
glänzten wie der Foto-
Vater in seinen besten Jahren;
nie zu verhindern am Ende
der Magenbitter einer Müdigkeit
wie von Eulen gemietet.












2. November

LAURENTIUS VON SCHNÜFFIS


Des Miranten an sein in die Fremmde
Räißfertiges Flötlein Ermahnungslehre








Seh' hin nach fremmdem Land, hell-klingendes Buß-Flötlein
Sey mir ein treues Böttlein, an jeden Sünder-Stand;
Geh' hin mit meinem Gunst zur Welt, die Sünden voll
Und lehre sie die Kunst, Wie man Buß würcken soll.

Dein hallendes Gethön laß aller Orten hören
Und dich gar nicht verstören das Momische Gehön:
Nach grossen Höfen lauff zu der beglückten Schaar
Spiel' ihnen kläglich auff ihr grosse Heyls-Gefahr.

Trag' ihnen lieblich vor das Beyspiel der Clorinden
Wie sie aus schwären Sünden geschwungen sich empor:
Sag ihnen, daß die Freud der Welt sey Rosenart
An wessen Dorn-Gestäud man sich verletze hart.

Biß in die Seel hinein durchdringe ihre Ohren
Auff daß sie nicht verlohren hingehn zur Höllen Pein;
Sag' ihnen daß die Buß Ihr einigs Mittel sey
Sich von dem Sündenruß und Kaht zu machen frey.

Zum Dantz und Freuden-Spiel laß dich bey Leib nicht dingen
Weil in dem eitlen Springen Offt wird gesündigt viel:
Wie manches reines Hertz hat gähling bey dem Dantz
(Wol sicher anderwerts) verlohren seinen Glantz.

Das sey absönderlich und erstlich dir gebotten
Wann deiner man wird spotten, daß du nicht rächest dich:
Geselle dich auch nicht zu der Poetenschaar
Auff daß dir kein Gedicht von ihnen wiederfahr'.

Du weißst wohl, daß du nur ein schlechtes Hirtenflötlein
(Und gar nicht ein Poetlein) Einfältig von Natur
Von einem Hirten her, wessen Poeterey
Nichts, als ein Schaafsgeplär uUnd wilde Waldwchallmey.

Laß' dich mit keinem ein, mit in die Wett zu spielen
Wilst du kein Unglück fühlen und ohne Kummer seyn:
Gedenck' an Marsyas, was er durch solche That
Für Ungunst, Spott und Haß hautloß erlitten hat.

Und solt' es glücken schon, must du doch nicht vergessen
Als eigen dir zumessen den nur entlehnten Thon:
Du bist von schlechtem Holtz und einem dürren Ast
Darumb zu werden stoltz du keine Ursach hast.

Du bist ja ein Gemächt eEines vast immer Krancken
Als wessen Geistsgedancken gar Sinnloß schwach und schlecht;
Bist nur ein Mißgeburt Und armes Findelkind
Drumb, wann man dich anmurrt, so geh' in dich geschwind.

Geh' hin, doch nicht allein GOTT wöll' mit seinem Segen
Auff allen Weg- und Stegen dein treuer Gläitsmann seyn:
Geh' hin mit gutem Glück und halte dich sein wohl
Kehr' aber nicht zurück, wie du geschieden hohl.

Wann du wirst treffen an noch jemand von Bekandten
Die gegen dem Miranten mit Neigung zugethan
So melde meinen Gruß und bitte sie für mich
Zu bätten, auff daß ich mög würcken wahre Buß.






3. November

MICHAEL BASSE


Wir werden immer jünger

Wir werden immer jünger
von jahr zu jahr schwinden die falten
der kummer drückt nicht mehr so ins gesicht
da ist was wie frühling in unsren blicken
etwas wie übermut
uns graut nicht mehr vor gipfeln
die wir früher verschmähten
in hundert jahren werden wir schweben
schwereloser sternenstaub
tanzende eiskristalle
keiner ist vor uns sicher







4. November

WILHELM WAIBLINGER


Rückkunft nach Rom






Seine Beute, die Schätze der Welt, hat der Feldherr, der Cäsar,
Dankbar aufs Kapitol einst im Triumphe gebracht,
Kronen bring' ich dir nicht, mir mangelt selbst noch der Lorbeer,
Nimm meine Lieder dafür, Jupiter Xenius, an






5. November

DIETMAR VON AIST


Slâfest du, friedel ziere

„Slâfest du, friedel ziere?
man wecket uns leider schiere.
ein vogellîn sô wol getân,
daz ist der linden an daz zwî gegân.“

„Ich was vil sanfte entslâfen,
nu rüefest du kint ‚Wâfen‘.
liep âne leit mac niht gesîn.
swaz du gebiutest, daz leiste ich, friundîn mîn.“

Diu frouwe begunde weinen:
„Du rîtest und lâst mich eine.
wenne wilt du wider her zuo mir?
ôwê, du füerest mîn fröude sament dir!“
„Schläfst du, schöner Freund?
Man weckt uns leider bald;
ein Vöglein, ein so schönes,
das hat sich der Linde ins Gezweig gesetzt.“

„Ich war ganz leicht eingeschlafen,
als du, Kind; ‚O weh‘ riefst.
Liebe ohne Leid kann es nicht geben.
Was du befiehlst, Geliebte, das tue ich.“

Die Dame begann zu weinen:
„Du reitest weg und lässt mich alleine.
Wann willst du wieder her zu mir kommen?
Oweh, du führst meine Freude mit dir fort!“






6. November

CHRISTOPH WENZEL


wo genau liegt hartspann






Wo genau liegt hartspann, dieses dorf im gelände?
zwischen zufahrtsstraße, wirbelsäule, schulterblatt,

von hier aus blickt man: auf den schongang
verspannter landschaften, die haltungsschäden
der krüppelkiefern. man grüßt sich auf dem weg
mit einem nicken, einem knacken der sehnen,

eine nackensteife haltung, die man hier findet,
wenn man sie sucht. ansatz, ursprung, was
nicht alles muskel sein kann: ja, herz, zwerch-
fell, aber seele, hirn, das elternhaus

am rande? du hältst den kopf so schief, ein träger
säulenheiliger, der atlas, der sich nach einer
schonung sehnt, eine lichtung, die du siehst,
das nervöse leiden nadelnder bäume,

spaziergänge, die das weichbild massieren,
die flur, den trapezius, die siedlung bis hin
zu den physiotherapeuten, die das dorf einrenken,
gemeindegrenzen überdehnen, psychiatrien

in den oberzentren, orthopäden, die kartieren,
was dir fehlt: die rautenmuskulatur der seiten-
straßen, das skelett der letzten fach-
werkhäuser, alles facharztpraxen jetzt,
von radiologen. kontrastmittel nach feierabend,
die schnäpse, das bier, die relaxation, das
ist hartspann, das dorf, die schlichte diagnose









7. November

ALBRECHT VON JOHANSDORF


Wie sich minne hebt daz weiz ich wol

Wie sich minne hebt daz weiz ich wol;
wie si ende nimt des weiz ich niht.
ist daz ich es inne werden sol
wie dem heræen herzeliep geschiht,
sô bewar mich vor dem scheiden got,
daz wæn bitter ist.
disen kumber fürhte ich âne spot.

Swâ zwei herzeliep gefriundent sich
unde ir beider mmne em triuwe wirt,
die sol niemen scheiden, dunket mich,
al die wîle unz si der tôt verbirt.
wær diu rede mîn, ich tæte alsô:
verlüre ich mînen friunt,
seht, sô wurde ich niemer mêre frô.

Der ich diene und iemer dienen wil,
diu sol mîne rede vil wol verstân.
spræche ich mêre, des wurd alze vil.
ich wil ez allez an ir güete lân.
ir genâden der bedarf ich wol.
und wil si, ich bin vrô;
und wil si, so ist mîn herze leides vol.
Wie Liebe beginnt, das weiß ich gut;
wie sie endet, weiß ich nicht.
Sollte ich erfahren,
wie dem Herzen Herzensliebe zuteil wird,
so bewahre mich Gott vor dem Scheiden,
das gewiss sehr bitter ist.
Diesen Kummer fürchte ich sehr.

Wenn zwei einander von Herzen lieb haben
und ihrer beider Liebe Treue wird,
soll keiner sie scheiden,
bis es der Tod tut.
Beträfe es mich, erginge es mir so:
Wenn ich meine Geliebte verlöre,
sehet, würde ich nie mehr froh werden.

Der ich diene und immer dienen werde,
die wird gut verstehen, was ich meine.
Sagte ich mehr, wäre es allzu viel.
Über all das soll ihre Güte entscheiden.
Ihre Zuneigung brauche ich sehr.
Und will sie, so bin ich froh
und zugleich ist mein Herz voll Leid.






8. November

GÜNTHER ANDERS








9. November

MÖNCH VON SALZBURG


Joseph, liber nefe min

»Joseph, liber nefe min,
hilf mir wiegen min kindelin,
das got musse din loner sin
in himilrich,
der meide kint Maria.«

»Gerne, libe mume min,
ich helfe dir wigen din kindelin,
das got musse min loner sin
in himilrich,
der meide kint Maria.«

Nu frów dich, kristenliche schar,
der himelische konig klar
nam die menschheit offenbar,
den uns gebar
die reine meit Maria.

Is súllen alle menschen zwar
mit gánzen frouden komen dar,
do man fint der selen nar,
di uns gebar
die reine meit Maria.

Uns ist geborn Emanuel,
als uns vorkundigit Gabriel,
des ist geziug Ezechiel,
o fronis el,
dich hot geborn Maria.

O éwigis vátirs éwigis wórt,
wor gót, wor mensche, der togunden ort
in hímil, in érde, hi und dort,
der salden pfort,
di uns gebar Maria.

O sússer Jesu userkorn,
du wéist wol, das wir wor verlorn,
stille uns dines vatirs zorn,
dich hot geborn
die reine meit Maria.

O kléinis kint, o grosser got,
du lidist in der krippen not,
der súnder hi vorhanden hot
der engil brot,
das uns gebar Maria.
Joseph, lieber Joseph mein,
hilf mir wiegen mein Kindelein,
Gott, der wird dein Lohner sein
im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.
Eia! Eia!

Gerne, liebe Maria mein,
helf ich dir wiegen das Kindelein.
Gott, der wird mein Lohner sein
im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.
Eia! Eia!

Freu dich nun, o Christenschar,
der himmlische König klar
nahm die Menschheit offenbar,
den uns gebar die reine Magd Maria.
Eia! Eia!

Süßer Jesu, auserkor’n,
weißt wohl, dass wir war’n verlor’n,
still uns deines Vaters Zorn,
dich hat gebor’n die reine Magd Maria.
Eia! Eia!






10. November

AUGUSTA LAAR













11. November

WILHELM HEY






Vöglein im hohen Baum

Vöglein im hohen Baum,
klein ist's, man sieht es kaum,
singt doch so schön,
dass wohl von nah und fern
alle die Leute gern
horchen und stehn, horchen und stehn.

Blümlein im Wiesengrund
blühen so schön und bunt,
tausend zugleich;
wenn ihr vorübergeht,
wenn ihr die Farben seht,
freuet ihr euch, freuet ihr euch.

Wässerlein fließet fort
immer von Ort zu Ort
nieder ins Tal.
Dürsten nun Mensch und Vieh,
kommen zum Bächlein sie,
trinken zumal, trinken zumal.






12. November

OSWALD VON WOLKENSTEIN


Ich spür ain tier
Ich spür ain tier
mit füssen brait, gar scharpf sind im die horen;
das wil mich tretten in die erd
und stösslichen durch boren.
den slund so hat es gen mir kert,
als ob ich im für hunger sei beschert,
Und nahet schier
dem herzen mein in befündlichem getöte;
dem tier ich nicht geweichen mag.
owe der grossen nöte,
seid all mein jar zu ainem tag
geschübert sein, die ich ie hab verzert.
Ich bin erfordert an den tanz,
do mir geweiset würt
all meiner sünd ain grosser kranz,
der rechnung mir gebürt.
doch wil es got, der ainig man,
so wirt mir pald ain strich da durch getan.

Erst deucht mich wol,
solt ich neur leben aines jares lenge
vernünftiklich in diser welt,
so wolt ich machen enge
mein schuld mit klainem widergelt,
der ich laider gross von stund bezalen müss.
Darumb ist vol
das herzen mein von engestlichen sorgen,
und ist der tod die minst gezalt.
o sel, wo bistu morgen?
wer ist dein tröstlich ufenthalt,
wenn du verraiten solt mit haisser buss?
O kinder, freund, gesellen rain,
wo ist eur hilf und rat?
ir nempt das güt, lat mich allain
hin varen in das bad,
da alle münz hat klainen werd,
neur güte werck, ob ich der hett gemert.

Allmächtikait
an anefangk noch end, bis mein gelaite
durch all dein barmung göttlich gross,
das mich nicht überraite
der lucifer und sein genos,
da mit ich werd enzuckt der helle slauch.
Maria, maid,
erman dein liebes kind des grossen leiden!
seit er all cristan hat erlost,
so well mich ouch nicht meiden,
und durch sein marter werd getrost,
wenn mir die sel fleusst von des leibes drouch.
O welt, nu gib mir deinen lon,
trag hin, vergiss mein bald!
hett ich dem herren für dich schon
gedient in wildem wald,
so für ich wol die rechten far:
got, schepfer, leucht mir Wolkensteiner klar!

Ich spür ein Tier
mit breiten Klauen und scharfen Hörnern,
das will mich in den Boden stampfen
und mit einem Stoß durchbohren.
Es hat seinen Rachen auf mich gerichtet,
als käme ich ihm zum Fressen gerade recht.
Es nähert sich schnell meinem Herzen,
das es offensichtlich töten will;
ich kann ihm nicht entfliehen.
Ach, welch große Not!
Denn alle Jahre, die ich hier vertan habe,
sind zu einem (einzigen) Tag aufgehäuft.
Ich bin zu einem Tanz aufgefordert,
wo man mir einen großen Kranz
all meiner Sünden vorhalten wird.
Die Rechnung muß ich bezahlen.
Aber wenn es Gott, der Eine, will,
dann wird ein Strich dadurch gemacht.

Erst jetzt wird mir bewußt:
Dürfte ich nur ein Jahr lang noch
in dieser Welt vernünftig leben,
dann könnte ich in kleinen Raten
meine Schuld verringern,
die ich leider nun mit einem Mal
in ganzer Größe begleichen muß.
Deshalb ist mein Herz voll drückender Sorgen,
von denen die Angst vor dem Tod
(noch) die kleinste ist.
Wo bist du morgen, Seele?
Wer gibt dir hilfreichen Schutz, wenn du mit heißer Reue
die Abrechnung leisten mußt?
Ihr Kinder, Verwandte, liebe Freunde,
wo ist euer Rat und eure Hilfe?
Ihr nehmt das Erbe in Besitz
und laßt mich allein in das Bad fahren,
in dem keine Münze einen Wert hat
außer den guten Werken,
wenn ich solche nur angesammelt hätte!

Allmächtiger, der du keinen Anfang
und kein Ende hast,
gib mir um deiner großen göttlichen Barmherzigkeit
willen dein Geleit, damit Luzifer und seinesgleichen
mich (bei der Abrechnung) nicht als Schuldner erweisen
und ich dem Rachen der Hölle entrissen werde! Maria,
Jungfrau, erinnere dein liebes Kind an sein großes Leiden!
Der alle Christen erlöst hat,
er möge auch mich nicht verschmähen;
seine Passion komme mir zur Hilfe,
wenn meine Seele die Fesseln des Leibes verliert.
Ach Welt, gibt mir jetzt deinen Lohn,
geh deinen Weg, vergiß mich schnell!
Wenn ich nicht dir,
sondern dem Herrn im abgelegenen Wald (als Einsiedler)
gedient hätte, dann wäre ich auf dem richtigen Weg.
Gott, Schöpfer, gib mir, dem Wolkensteiner, dein helles Licht!






13. November

RAJA LUBINETZKI






Der Tag ein Funke

Zynisumus, der du das Pflaster
auf den Wunden verfaulen läßt,
um deine widersprüchlichen,
mißverstandenen Spiegel
nicht zu sehen,

du, der du im Dunkeln wohnst,
die Sinnflut erwartend
und das Kreuz deiner Sicherheit
kreuzt so beständig deinen Weg,

den du hättest einschlagen können,
hättest du dich nicht erwartet.
Wird es nicht Zeit, dich endlich
selbst auf den Arm zu nehmen?






14. November

NORBERT VAN TIGGELEN


Männertypen

Ein echter Mann ist jemand,
der zu Gesagtem steht -
nicht einer der wie’n Fähnlein
sich mit dem Winde dreht.

Er macht auch schon mal Fehler,
doch gibt er sie auch zu -
auf andre sie zu schieben,
das ist für ihn tabu.

Auch kämpft er für die Ehre
und das mit eignem Mut -
hetzt nicht mit böser Zunge,
bis es ein andrer tut.

Ein Hampelmann ist jemand,
der hinterm Rücken spricht,
dem schon bei kleinsten Sorgen
das Rückgrat gleich zerbricht






15. November

ULRICH VON HUTTEN








Ain new lied herr Ulrichs von Hutten

1
Ich habs gewagt mit sinnen
und trag des noch kain rew,
mag ich nit dran gewinnen,
noch muoß man spüren trew;
dar mit ich main nit aim allain,
wenn man es wolt erkennen:
dem land zuo guot, wie wol man tuot
ain pfaffenfeind mich nennen.

2
Da laß ich ieden liegen
und reden was er wil;
hett warhait ich geschwigen,
mir wären hulder vil:
nun hab ichs gsagt, bin drum verjagt,
das klag ich allen frummen,
wie wol noch ich nit weiter fliech,
villeicht werd wider kummen.

3
Umb gnad wil ich nit bitten,
die weil ich bin on schuld;
ich hett das recht gelitten,
so hindert ungeduld,
daß man mich nit nach altem sit
zuo ghör hat kummen laßen;
villeicht wils got und zwingt sie not
zuo handlen diser maßen.

4
Nun ist oft diser gleichen
geschehen auch hie vor,
daß ainer von den reichen
ain guotes spil verlor,
oft großer flam von fünklin kam,
wer waiß ob ichs werd rechen!
stat schon im lauf, so setz ich drauf:
muoß gan oder brechen!

5
Dar neben mich zuo trösten
mit guotem gwißen hab,
daß kainer von den bösten
mir eer mag brechen ab
noch sagen daß uf ainig maß
ich anders sei gegangen,
dann eren nach, hab dise sach
in guotem angefangen.

6
Wil nun ir selbs nit raten
dis frumme nation,
irs schadens sich ergatten,
als ich vermanet han,
so ist mir laid; hie mit ich schaid,
wil mengen baß die karten,
bin unverzagt, ich habs gewagt
und wil des ends erwarten.

7
Ob dann mir nach tuot denken
der curtisanen list:
ain herz last sich nit krenken,
das rechter mainung ist;
ich waiß noch vil, wöln auch ins spil
und soltens drüber sterben:
auf, landsknecht guot und reuters muot,
last Hutten nit verderben!






16. November

HANS ASSMANN FREIHERR VON ABSCHATZ


Ach

Du fragst / was sagen will diß Ach!
Das ich bey deiner Ankunfft sprach?
Es sprach: Ach! seht die holden Wangen /
Seht die beliebte Fillis an;
Da kommt auff Rosen-voller Bahn
Mein Tod / mein süsser Tod / gegangen.






17. November

RENÉ OBERHOLZER






Annäherungsversuch

Einander gegenübersitzen
Am grossen Esstisch
Und Listen schreiben
Was macht mich glücklich

Einander gegenübersitzen
Auch wegen der Kinder
Und Stichworte vorlesen
Ohne zu unterbrechen

Einander gegenübersitzen
Mit kalten Gesichtern
Und vergeblich hoffen
Den eigenen Namen zu hören






18. November

KARL HEINRICH WACKERNAGEL


An die deutschen Dichter

Setzt vom Munde nun die Flöten,
Legt die Lauten aus der Hand!
Seht ihr nicht den Himmel röthen
Wechselsreitend Blut und Brand?

Fort mit euren Rosenkränzen!
Andre Zierden thun euch Noth:
Denn es streicht zu andern Tänzen
Nun der alte Meister Tod.

Heuer ziemt der Dichtergilde
Schwert zur Hand und Harnisch an,
Dass der Flammenschein vom Schilde
Funkelnd wiederleuchten kann.

Worte ziemen euch, die wettern
Wie ein Schwert im Schlachtengang;
Töne ziemen euch, die schmettern
Wie der Kriegsdrommeten Klang.

Zierlich lispelnd, zärtlich raunend
Gienget ihr so manches Jahr:
Jetzt mit lautem Ruf posaunend
Schreit' einher die Priesterschaar!

Lasst es tönen, laßt es dröhnen!
Blaset, blaset, dass es gellt,
Dass in Schutt ob ihren Söhnen
Jericho zusammenfällt!






19. November

LARS BROZINSKI










Black Shuck
Eine Homage an den Erlkönig


Seine Liebste im Arm, läuft er durch die Nacht
Der Mond, der Nebel, die finstere Macht
Ihr Blut rast durch den Körper schnell
Von Fern tönt des Totenhundes Gebell

Die Frau fröstelnd und zitternd sagt
Das Heulen des Hundes mir Angst einjagt
Der Mann denkt sein Schwarm halluziniert
Kein Hund heult, sie hat sich geirrt

Er eilt schnell Richtung zu Hause
Und nun wird's auch ihm zu Grause
Als sein Alles zu ihm sagt
Lauf schneller, des Hundes Welpe an mir nagt

Er schreitet durch dunkle Gassen
Da die Sinnbilder auch ihn erfassen
Den Mann packt die Angst
Das Tier nun auch ihn umtanzt

Unaufhaltsam trägt er sie weiter
Die Furcht bleibt stetig sein Begleiter
Endlich am Hause, das Licht brennt rot
Er küsst seinen Liebling, doch sie ist tot






20. November

GUIDO MORITZ GÖRRES


Der Morgen am Rhein

Wir strahlt der Himmel helle!
Wie golden pellt die Welle
Im Morgensonnenschein;
Wie wehen frische Lüste
Des Frühlings Blütendüfte
In deinem Tal, o Rhein!

Ein Schifflein kommt geflogen,
Die Segel aufgezogen
Wie Alpenschnee so weiß;
Und die die Ruder schwingen,
Die lachen froh und singen,
Der Becher geht im Kreis.

Der Lahme mit den Krücken,
Der Greis mit krummem Rücken,
Die sitzen vor der Tür;
Es schallt des Küfers Hammer,
Und lachend aus der Kammer
Tritt seine Frau herfür.

Wie flink die Jungfern spinnen!
Wir blendend strahlt ihr Linnen
Auf grüner Bleich am Rhein:
Ein Fuhrmann knallt von ferne,
Er ruft dem Wirt vom Sterne:
Die Pferde stellt mir ein.

Im Baume singt der Finke,
Die Dirne springt, die flinke,
Den Milchkrug auf dem Kopf!
Sie ruft: Spinat und Eier!
Und Butter gar nicht teuer,
Und Rahm im blanken Topf.

Dann heller Pfeifen Gellen,
Kommandowort und Schellen,
Die Knaben spielen Krieg;
Die Mädchen stehn in Gruppen,
Sie tanzen mit den Puppen,
Und rufen neckisch: Sieg!

Jetzt zieht ein Hochzeitreigen,
Geschmückt mit Myrtenzweigen,
Vorbei im Jugendglanz;
In Freude Alle schwimmen,
Die Musikanten stimmen
Die Geigen schon zum Tanz.

So hatte mich umgeben
Mit Licht und Lust und Leben
O Rhein! dein Sonnental:
Da lag im Duft der Reben
Ein Frühlingstraum das Leben
Vor mir im Morgenstrahl!














21. November

ULI BECKER










Wie Dichter das machen

Den Asphalt grau tret ich mit Füßen,
beiß aber grad so gern ins grüne Gras

und kehre heim und spanne den Bogen
in meiner Maschine: Sowohl – als auch,

ist beides mein Stoff, das Rohe wie
das Hartgesottene, und wer bestimmt,

man könne nicht auf zwei Hochzeiten
tanzen, bei zwei Begräbnissen flennen?

Des Dichters Tag- und Nachtwerk ist
die stete Kümmerei, und zwar um dies

genau wie um das, um beides zusammen
mit süßsaurem Lächeln zu verwursten.

Die späte Tagesschau noch und ins Bett
und sehn, was anliegt oder schmiegt –

so funktioniert das: Eine Hand am Puls der Zeit,
die andere am Arsch der Welt.






22. November

JOHANNA ELISABETH VON BADEN-DURLACH


Von der Teutschen Sprach

Wann eine Sprache man mit fremden Worten schmücket,
so scheint sie wie ein Weib, die ihr Gesicht geferbt;
wann man es recht besieht, so ist es ganz verderbt,
so ihrer zarten Hautt nur endlich Schaden bringet.
Die teutsche Sprach ist den andern Sprachen gleich,
und weren sie von Wort und Klange noch so reich,
drum lasst uns unsere Sprach in unserer Sprache reden.






23. November

JOHANNES HADLAUB










Im grünen Klee

In dem grünen Klee
Sah ich die holde gehn;
Ach, wie ward mir wonnevoll!
Aus dem Blütenschnee
Fühlt eine Glut ich wehn,
Die hinein ins Herz mir quoll.
Sie, die Blume,
Und die Blumen klein
Leuchteten einander an mit Ruhme,
Dass die sonne hell aufging -
Nie umfing
Mich so lichter Schein.

Hilf mir, Herrin gut,
Durch deine Würdigkeit,
Dass ich nicht verderbe so.
Deine Kälte tut
Mir an so bittres Leid,
Dass ich niemals werde froh.
Deine Güte
Sinke sonnenklar
Und erwärmend mir in mein Gemüte,
Lass verschwinden deinen Hass!
Tust du das,
Bin ich sorgenbar!






24. November

CAROLINE HARTGE


Eden, Cherub

eden ist ein weißes pferd reiten
eden ist unheimlich schön
eden sind weite netze im fluss

& die fische darin
eden ist das ende der wünsche

das fest anstelle der gaben
eden ist das ende vom warten

die zeit ist JETZT, eden
eden ist das ende der angst

schmerz ist der bruder der freude

eden ist hinter den worten
der schlüssel ist ein dietrich,
das weihwasser schweiß
das Paßwort ist






25. November

CARL IMMERMANN




Das Grab auf Sanct Helena

"Vernimmst du Menschenkind des Kaisers Spruch,
Und wenn du ihn verkündest, sag: ich hätt's gesagt:
Regierte Recht, und gälte heil'ger Ehre Pflicht,
So bleichte nicht in Afrika mein mürb' Gebein.
Vielmehr, es schwärm ein Schiff, gewiegt im Abendwind,
Einst still heran durch purpurdunkle Meeresflut.
Und von dem Gast des Schiffes weht' in ernstem Schwarz
Herab der Trauerflagge Tuch bedeutungsvoll.
Ein schöner Jüngling aber ständ' auf hohem Deck,
Zu vordert, hieher schau'nd mit Blicken, thränenschwer,
Und spring', der Erste, von dem Schiff auf diesen Fels.
Und nach Hudsgate hin wallt stumm die fromme Schaar,
Geführt vom Jüngling; ab vom Grabe fliegt der Stein,
Der Jüngling aber steigt in's Grab, in Vaters Grab,
Und küst des Vaters Sarg, und ruft: Jetzt hebt ihn auf!



Da schwebt der Sarg empor an's Licht! Die Treue trägt,
Und Kindesliebe bringt den Sarg an Schiffes Bord.
Nun steu'rt der Kiel, aus dessen Raum manch Heldenlied
Die Wolken grüßt, zurück zum Land, um das den Zorn
Der Völker einst ich trug, und trage Gottes Zorn;
Zum vielgeliebten Frankreich kehrt das Trauerschiff.
Dort harrt am Ufer allbereits unzählig Volk,
Willkommen! jauchzt die Menge mir, die schluchzende,
Und schluchzend küßt sie, jubelnd doch, des Kaisers Staub.
Da wo der Seine goldne Flut durch Reben wallt,
Im Angesicht des Schlosses, wo ich gern gehaust,
Erhebt ein Hügel sanft gewölbt sein blühend Haupt.

Die Primel stickt, das Veilchen säumt des Hügels Gras,
Und lieblich weht darüber hin der Rosen Glut,
Und in den Rosen singt und klagt die Nachtigall.
Da graben zwölf weißlock'ge Krieger, die mein Stern
Durch Syriens Pest geführt und Moskaus mördrisch Eis,
Mein mir geziemend wohlverdientes Heldengrab.
Den Vater senkt der Sohn zur Ruh; der Greise Rohr
Schickt mir hinab, hinein zur Gruft den Feuergruß.
Und wie die Erde schollernd fällt, und füllt das Grab,
Spricht feierlich ob meinem Rest der Alten Mund:
Seht keinen Stein, kein Denkmal ihm, denn Jeder weiß,
Daß Er hier ruht, und wer ihn nennt, der kennt ihn auch. —

So würde mir Bestattung noch, regierte Recht,
Der Todten heilig, nie zu beugend Todtenrecht.
Nun zehrt das Volk von meines Ruhms Verlassenschaft,
Und jammervoll, jenseit der letzten Menschen Blick
Verwest des Kaisers todter Leib am öden Meer.
Durch alle Zeiten, merke dir's, fordr' ich mein Grab
In meinem Haus. Und von dem Land, das ich verlor,
Gebühren mir in alle Zeit sechs Schuhe doch!"






26. November

RICHARD EXNER


Kurios



Manchmal, besonders später im
Leben verlierst du Atem
und Überblick. In einem
einzigen Lidschlag –

du schwankst, zögerst, hältst an
und wartest, aber dein Körper
hat Ruhe und Gleichgewicht
nicht mehr im Griff –

und hinter und neben dir mitten im
Spätherbst tut es sich auf wie seit jenem
Morgen vor Jahren. Und immer nur links,
aber wie deutlich der Abgrund –

Ein entsetzliches
Unbehagen, wie Eva damals
ihr Sterben beschrieb.

Und dann auf den grausamen
Schock die unvermutete
Gnade –

Du lebst. Der Atem kommt
und geht wieder ruhig und du
gehst wie gewohnt deinem
Tag nach.

Kurios, dachte ich neulich,
dieser Verurteilte lebt ungestört
weiter. Kurios. Wie auf
Bewährung





27. November

JOHANNES SECUNDUS


Der 14. Kuss

Wozu bietest du mir die Flammenlippe?
Nein, ich will dich nicht, will dich nie mehr küssen,
Harte, härter als Marmor hart, Neaera.
So hoch soll ich, du stolze, diese deine
Nichts bedeutenden Küsse schätzen, dass ich,
Mit dem Fleische so oft zu dir erhoben,
Mir und dir das Gewand durchbohre, und von
Nie befriedigter Sehnsucht beinah rasend,
Ach, mit pulsender Vene elend schmelze?
Wohin fliehest du? Bleib! Versage mir nicht
Deine Augen und deine Flammenlippe.
Ja, ich will dich ja, will dich wieder küssen,
Weiche, weicher als weiche Gänsedaunen.






28. November

RICHARD PIETRASS


Die Gewichte

Die Muttermilch und das Vatererbe.
Mein Hunger nach Leben und das Wissen zu sterben.
Der Gang zum Weib, der Hang zum Wort.
Der Keim der Reinheit und wie er langsam verdorrt.
Das Strohfeuer und der glimmende Docht.
Aufruhr, der auf Gesetze pocht.
Die heillose Fahne im bleiernen Rauch.
Galle, verschluckt im Schlemmerbauch.
Die Statuten des exemplarischen Falls.
Mein niemals vollgekriegter Hals.
Der säuernde Rahm, der flüchtige Ruhm.
Die Grube und die Gnade postum.







29. November

JOHANN GEORG JACOB


In der Mitternacht

Todesstille deckt das Tal
Bei des Mondes falbem Strahl;
Winde flüstern dumpf und bang
In des Wächters Nachtgesang.

Leiser, dumpfer tönt es hier
In der bangen Seele mir,
Nimmt das Strahl der Hoffnung fort,
Wie den Mond die Wolke dort.

Hüllt, ihr Wolken, hüllt den Schein
Immer tiefer, tiefer ein!
Vor ihm bergen will mein Herz
Seinen tiefen, tiefen Schmerz.

Nennen soll ihr nicht mein Mund;
Keine Träne mach' ihn kund;
Senken soll man ihn hinab
Einst mit mir in's kühle Grab.

An des Todes milder Hand
Geht der Weg in's Vaterland;
Dort ist Liebe sonder Pein;
Selig, selig werd' ich sein.







30. November

NORBERT STERNMUT


Man hörte deinen Schrei / Nicht.








Im Kreis, Hirnstaub, Poet
Mit der zitternden Lippe,
Atmest leiden, Herzblut
Pulsiert ins Blaue,
Blütenhoffnung,
Abgedeckte Abdeckung.

Beludst die Traumkammer,
Du Phantast
Im sinkenden Schiff,
Fuhrst mit dem Boot
Kirschblüten entlang,

Schriebst noch schnell
Ein paar Worte,
Verfall, SPRACHSCHATTEN,
Beizeiten abgedeckt,

Verloren nicht nur
Die Bäume
Ihre Identität.