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Mai



Mit Vollbild (F11) noch schöner!



1. Mai

Siegfried Kuhlbrodt Tagwerk Kritzelei 007 Nach Claude Lorrain FRIEDRICH VON SCHLEGEL

Lied

Schaff das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, dass ich's vollende.

Will der rote Morgen tagen,
Hoffnung hohe Freude geben,
Rosenlicht am Himmel schweben,
Kühner Mut die Kräfte wagen,
Muss ich sagen:

Schaff das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, dass ich's vollende.

Senkt sich milde Röte nieder,
Wenn die Ruh' am Bache lauschet,
Abend kühl im Walde rauschet,
Dunkel schlagen ferne Lieder,
Seufz' ich wieder:

Schaff das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, dass ich's vollende.




2.Mai

HERMANN HESSE

Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.




Paul Cézanne Kahler Baum und Haus



3.Mai

HEINRICH LERSCH

Ich glaub an Deutschland!

Ich glaub' an Deutschland wie an Gott!
Wie Gott, so lieb ich dich!
Mein großes Volk, wie bitterlich
Trugst du des Schicksals Spott!
Du trotzest, ob das Herz dir springt,
Du fühlst, dass dir dein Kampf gelingt.
Denn, Deutscher, horch! Dein Herz, das singt:
"Ich glaub' an Deutschland wie an Gott!"
Ich glaub' an Deutschland wie an Gott!
Von Deutschland lass ich nicht!
Und naht für uns das Weltgericht:
Gott ist in uns, in uns ist Gott!
Kämpfend erfüll' ich sein Gebot;
Trug Deutschlands Glück, trag Deutschlands Not!
Und dafür geh' ich in den Tod:
"Ich glaub' an Deutschland wie an Gott!"




4.Mai

SLIME

Deutschland verrecke



Wo Faschisten und Multis das Land regieren,
wo Leben und Umwelt keinen interessieren,
wo alle Menschen ihr Ich verlieren,
da kann eigentlich nur noch eins passieren:

Deutschland muß sterben, damit wir leben können!
...

Schwarz ist der Himmel, Rot ist die Erde,
Gold sind die Hände der Bonzenschweine,
doch der Bundesadler stürzt bald ab,
denn, Deutschland: Wir tragen dich zu Grab

Wo Faschisten und Multis das Land regieren,
wo Leben und Umwelt keinen interessieren,
wo alle Menschen ihr Ich verlieren,
da kann eigentlich nur noch eins passieren

Wo Panzer und Raketen den Frieden "sichern",
AKWs und Computer das Leben "verbessern"
Bewaffnete Roboter überall
Doch Deutschland, wir bringen dich zu Fall

Deutschland verrecke, damit wir leben können!
...

Deutschland?!



5.Mai

EDUARD MÖRIKE

An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir.
Was ists, da ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen.
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel klarer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt,
Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht.
Der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?

Ists ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein Werdendes, was ich im Herzen trage?
Hinweg, mein Geist! Hier gilt kein Stillestehen:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!






6.Mai

JAKOB VAN HODDIS

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.



Geschrieben 1909 (nicht 2020
zur Zeit der Corona-Krise!)



7. Mai

LOUISE OTTO

Klöpplerinnen





Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Die Wangen bleich und die Augen rot?
Sie mühen sich ab für einen Bissen,
Für einen Bissen schwarzes Brot!

Großmutter hat sich die Augen erblindet,
Sie wartet, bis sie der Tod befreit –
Im stillen Gebet sie die Hände windet:
Gott schütze uns in der schweren Zeit.

Die Kinder regen die kleinen Hände.
Die Klöppel fliegen hinab, hinauf.
Der Müh und Sorge kein Ende, kein Ende!
Das ist ihr künftiger Lebenslauf.

Die jungen Frauen, dass Gott sich erbarme,
Sie ahnen nimmer der Jugend Lust –
Das Elend schließt sie in seine Arme,
Der Mangel schmiegt sich an ihre Brust.

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen,
Seht Ihr die Spitzen, die sie gewebt:
Ihr Reichen, Großen – hat das Gewissen
Euch nie in der innersten Seele gebebt?

Ihr schwelgt und prasset, wo sie verderben,
Genießt das Leben in Saus und Braus,
Indessen sie vor Hunger sterben,
Gott dankend, dass die Qual nun aus!

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen?
Und fühlt kein Erbarmen in solcher Zeit?
Dann werde Euer Sterbekissen
Der Armut Fluch und all ihr Leid!




8. Mai

JOHANNES BOBROWSKI

Pruzzische Elegie

Dir
Ein Lied zu singen,
Hell von zorniger Liebe -
Dunkel aber, von Klage
Bitter, wie Wiesenkräuter
Nass, wie am Küstenhang die
Kahlen Kiefern, ächzend
Unter dem falben Frühwind,
Brennend vor Abend -

Deinen nie besungnen
Untergang, der uns ins Blut schlug
Einst, als die Tage alle
Vollhingen noch von erhellten
Kinderspielen, traumweiten -

Volk
Der schwarzen Wälder,
Schwer andringender Flüsse,
Kahler Haffe, des Meers!
Volk
Der nächtigen Jagd,
Der Herden und Sommergefilde!
Volk
Perkuns und Pikolls,
Des ährenumkränzten Patrimpe!

All deiner Götter!
Volk,
Wie keines, der Freude!
Wie keines, keines! Des Todes -
Volk,
Vor des fremden Gottes
Mutter im röchelnden Springtanz
Stürzend -
Wie vor ihrer erzenen
Heermacht sie schreitet, aufsteigend
Über dem Wald! wie des Sohnes
Galgen ihr nachfolgt! --

Namen reden von dir,
Zertretenes Volk, Berghänge,
Flüsse, glanzlos, doch oft,
Steine und Wege -
Lieder abends und Sagen,
Das Rascheln der Eidechsen nennt dich
Und, wie Wasser im Moor,
Heut mein Gesang, -


Der böhmische Bischof Adalbert von Prag will die Pruzzen missionieren und findet den Tod.
Die Pruzzen sind ein baltischer Volksstamm, auf den der geografische Name Preußen zurückgeht. Ihr Siedlungsgebiet lag an der Ostsee, etwa zwischen der Weichsel und der Memel, sprachlich und ethnisch bestand zwischen den späteren, überwiegend deutschsprachigen Bewohnern Preußens und den ursprünglichen, rein baltischen Prußen nur teilweise eine Verbindung. Nach Unterwerfung durch den Deutschen Orden im 13. Jahrhundert werden die Pruzzen von den deutschen Zuwanderern assimiliert. Christliche Masowier wandern in die Landesteile ein, die an das Herzogtum Masowien grenzten.
Die Sprache der Pruzzen, das mit dem Litauischen und Lettischen verwandte Altpreußische, stirbt im 17. Jahrhundert aus.




9. Mai

WILHELM KLEMM

An der Front



Das Land ist öde. Die Felder sind wie verweint.
Auf böser Straße fährt ein grauer Wagen.
Von einem Haus ist das Dach herabgerutscht.
Tote Pferde verfaulen in Lachen.

Die braunen Striche dahinten sind Schützengräben.
Am Horizont gemächlich brennt ein Hof.
Schüsse platzen, verhallen – pop, pop, pauuu.
Reiter verschwinden langsam in kahlem Gehölz.

Schrapnellwolken blühen auf und vergehen. Ein Hohlweg
Nimmt uns auf. Dort hält Infanterie, nass und lehmig.
Der Tod ist so gleichgültig wie der Regen, der anhebt.
Wen kümmert das Gestern, das Heute oder das Morgen?

Und durch ganz Europa ziehen die Drahtverhaue,
Die Bunker schlafen leise.
Dörfer und Städte stinken aus schwarzen Ruinen,
Wie Puppen liegen die Toten zwischen den Fronten.





10. Mai

FERDINAND RAIMUND

Das Hobellied



Da streiten sich die Leut herum
Oft um den Wert des Glücks.
Der eine heißt den andern dumm.
Am End weiß keiner nix.
Da ist der allerärmste Mann,
Der andre viel zu reich.
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt sie beide gleich.

Die Jugend will halt stets mit G’walt
In allem glücklich sein.
Doch wird man nur ein bisschen alt,
Da find’t man sich schon drein.

Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut,
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
Und zupft mich: Brüderl, kumm,
Da stell ich mich im Anfang taub
Und schau mich gar nicht um.

Doch sagt er: Lieber Valentin,
Mach keine Umständ, geh!
Da leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt Ade.



11. Mai

BERNICE EHRLICH

Corona-Lied



Hört kurz zu, es ist nun Zeit,
dass jeder von uns zuhause bleibt,
auch wenn wir uns so sehr nach Nähe sehnen
Coronavirus ist kein Fake,
der uns zum Spaß zuhause hält
es ist ernst es geht um uns und unser Leben

HALLELUJAH

Wenn jeder von uns zuhause bleibt
sich ganz allein die Zeit vertreibt
dann können wir die Krankheit auch besiegen
Es geht um dich um mich um uns
um jeden den man schützen muss
Auch wenn die Zeiten schwer sind bleib zuhause

HALLELUJAH

Egal wie gut es dir auch geht
du weißt nicht ob du’s in dir trägst
drum sei nicht dumm wir dürfen nichts riskieren
Sei ein Held und gib nicht auf
sonst hört die Krankheit nie mehr auf
das darf nicht sein, das darf niemals passieren

HALLELUJAH

Eines Tages wird’s vorüber gehen
und uns wird’s wieder besser gehen
Bis dahin müssen wir zusammen halten
Und wenn wir uns dann wieder
Wird alles gleich nochmal so schön
Einer für alle und alle für einen





12. Mai

FERDINAND HARDEKOPF

Melancholie

Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht
Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,
Und mahnte[3 Uhr 2]: »Ein Spuk-Gedicht,
Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!«

Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.
Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.
Da stieg die Dame Angst reell
Auf ihr imaginäres Karusell.

Ein Schneiderkleid umpresste mit Radau
Die Dame Angst: Die Gift- und Gnadenfrau.
Doch das Zitronen-Ei [um 3 Uhr 5 genau]
Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. –

Nachhüstelnd, matt-dosiert: »Macabre-Bar!
Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!
Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!
Ein Gruss: du noctamubules Seminar!«

Sonntag 3 Uhr 10. Wie süß verwirrt ich war!








13. Mai

KAI-UWE HAIN

Osterspaziergang 2020

Wolfgang Mattheuer: Osterspaziergang 1970

Von Plastik und Unrat befreit sind Ströme und Bäche
durch des Frühlings ehrenamtliche Hand.
Der Winter, soweit noch vorhanden,
zieht sich auf die letzten Gletscher ans Land.
Von dort sendet er Bilder vom
schwimmenden Eisbär und des schmelzendes Eises
in Farben auf unseren Monitor,
doch die Sonne weiß nicht, was los ist und wärmt
im Winter den Planeten schon vor.

Aus den Towern das Business bringt
in Schlips und Krawatte die frohe Botschaft
des Kapitales uns dar,
selbst in der letzten Scheiß-Talkshow
wird es den Leuten nicht klar.
Wir sind der Kreislauf!!! Aus den Regalen des Baumarkts,
der Shopping-Tage selbst in finsterster Nacht,
hat uns die Werbung zu miesen Vasallen gemacht.
Sieh nur sieh, wie mit unnützem Unrat
die Menge vom Parkplatz verschwindet,
der Umweltminister mit Audi A8
und Tempo 200 sich bei der nächsten Talkshow hinwendet,
ans Fußvolk!!! Du brauchst dringend
ein Windrad und 'ne Platte aufs Dach,
Klopapier und Nudeln ins bereits volle Ikeafach.
Noch paar Plakate mit Kopf und Parolen
in den nächtlichen Laternenschein.
ICH BIN DER MENSCH, DER ANDRE DAS SCHWEIN!!!





14. Mai

KATHINKA ZITZ

Farbenwechsel

»Warum nur gehst du immer grau gekleidet?«
So sprach der Freund zu einer ernsten Frau.
»Mein Aug sich gern an bunten Farben weidet,
Du aber gehst so lange schon in Grau.«

»Mein treuer Freund, dir will ich wohl es sagen.
Die graue Stimmung herrscht mir im Gemüt,
Und keine bunten Farben kann ich tragen,
Seit mir des Lebens Baum hat abgeblüht.

Das Kind trug Weiß – Der Unschuld Engelfarbe
Umhüllte es so duftig, hell und klar.
Und aus der Ähren aufgehäufter Garbe
Zog es sich Blumen für sein Lockenhaar.

Dann kam die Zeit der aufgewachten Triebe,
Die in dem Lenz des Lebens feurig glühn.
Ich ging im Kleid der rosenroten Liebe
Und in der Hoffnung heilig-schönem Grün.

Dann kam ein Tag, der brachte die Gewänder
Der wilden feuerfarbnen Leidenschaft,
Die mich umschloss mit ihren Glutenbändern,
Mir aufgezehrt des Geistes rege Kraft.

Die Gattin ging einher im blauen Kleide
Der ewig duldenden Ergebenheit.
Und später trug ich violette Seide.
Die Farbe, die dem edlen Zorn geweiht.

Dann sah ich Jahre auf mich niederschweben
Wie Rabenzüge mit dem Unglücks-Flug,
In welchen ich um ein verfehltes Leben.
Das dunkle Schwarz der tiefen Trauer trug.

Allmählich trug ich Braun – Denn die Bestrebung
Des Selbstbewusstseins lichtete den Sinn.
Die braune Farbe deutet auf Ergebung
In ein Geschick, an dem ich schuldlos bin.

Jetzt ist das Grau die Farbe meiner Tage.
Das Sinnbild einer blassen Dämmerzeit,
In der gestorben ist die Freude wie die Klage.
Die graue Farbe zeigt Gleichgültigkeit.«
Édouard Manet: Frauen beim Rennen



15. Mai

MARIE LUISE KASCHNITZ

Hiroshima

Karel Appel: Hiroshima Child



Der den Tod auf Hiroshima warf,
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf,
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf,
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab.
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich.
Auferstandene aus Staub, für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau,
Die neben ihm stand im Blumenkleid,
Das kleine Mädchen an ihrer Hand.
Der Knabe, der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst.
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.




16. Mai

RAPHAEL MÜLLER

Realität

Realität ist etwas sehr Seltsames,
wenn Albert Einstein Recht hat,
dann ist sie gar nicht das,
was sie zu sein scheint.
Wenn Materie nur Materie wäre,
und Energie nur Energie,
dann wäre Realität auch real.
So aber ist Realität fiktiv,
für jeden anders,
entsprechend den Bildern in unseren Köpfen.
So mancher behauptet,
er könne nur Tatsachen glauben,
wissenschaftlich fundiert und bewiesen,
sicht- und greifbar für unsere fünf Sinne.
Doch manche Realität entzieht sich unseren Blicken
sehr real und doch nicht bewiesen,
Wartet sie darauf geglaubt zu werden.
Unglaublich!
Max Liebermann: Albert Einstein 1922


17. Mai

RIA ÜBÜ

Du bist doch zu etwas nutze

Ria Übü








O la la

Caffè corretto*

Über

Makulatur

Macedoine**

Und Leipziger Allerlei

*   Espresso mit Likör
** Leipziger Allerlei, abgeleitet von Makdonien






18. Mai

ERWIN STRITTMATER

Klipper, klapp, Klipper, klapp,
geht mein kleines Pferd.
Zuckeltrab, auf und ab
Geht mein kleines Pferd.
Das Leben ist kurz und der Fuhren sind so viel, so viel.
Das Leben ist kurz und die Fuhren sind so viel.

Eva und Erwin Strittmater







19. Mai

EPHRAIM ROSENSTEIN

Für Victor Jara








Agnus Dei

Sahst
genagelte Stiefel,
deine Gitarre brechen.
Strichst
liebevoll über
ihres Leibes Splitter

Sahst,
dein Auge treffend,
den Dolch
...

Als der Schmerz
denken ließ,
tröstend
die Genossen:
Auch Homer sah
blind...

Man schlug
Dir
die Hände
ab.

Langsam, langsam
verrann
Dein Blut. Deine Stimme
dringt seither
aus allen Quellen.
Bäche, Flüsse
tragen es durchs Land
wie du
deine Lieder.

Hannes Wader erfüllt sein Versprechen:







20. Mai

EMMY BALL-HENNINGS

Im Krankenhause

Alle Herbste gehn an mir vorüber.
Krank lieg ich im weißen Zimmer,
Tanzen möchte ich wohl lieber.
An die Geigen denk ich immer.
Und es flimmern tausend Lichter.
O, wie bin ich heute schön!
Bunt geschminkte Angesichter
Schnell im Tanz vorüberwehn.
O, die vielen welken Rosen,
Die ich nachts nach Haus getragen,
Die zerdrückt vom vielen Kosen
Morgens auf dem Tische lagen.
An die Mädchen denk ich wieder,
Die wie ich die Liebe machen.
Wenn wir sangen Heimatlieder,
Unter Weinen, unter Lachen.
Und jetzt lieg ich ganz verlassen
In dem stillen weißen Raum.
O, ihr Schwestern von den Gassen,
Kommt zu mir des Nachts im Traum!






Ferdinand Hodler: Die kranke Valentine Gode-Dar






21. Mai

KASPAR GOTTLIEB LINDNER










22. Mai

FRIEDRICH WILHELM GOTTER

Raffael: La Fornarina





Wie der Tag mir schleichet,
Ohne dich vollbracht!
Die Natur erbleichet,
Rings um mich wirds Nacht.
Ohne dich hüllt alles
Sich in Schwermut ein,
Und zur öden Wüste
Wird der grünste Hain.
Kommt der Abend endlich
Ohne dich heran,
Lauf ich bang und suche
Dich bergab, bergan.
Hab ich dich verloren,
Bleib ich weinend stehn,
Glaub', in Schmerz versunken,
Langsam zu vergehn.
Wie ich ahnend zittre,
Wenn dein Tritt mir schallt!
Wenn ich dich erblicke,
Wie das Blut mir wallt!
öffnest du die Lippen,
Klopft mein ganzes Herz,
Deiner Hand Berühren
Reißt mich himmelwärts.






23. Mai

WALTER HELMUT FRITZ

Der Wal

Dieser graue, schwarze,
glänzende Kessel
mit seinem Dampfstrahl,
welches Experiment des Lebens,
sagst du, diese Walze,
dieser Felsen in Bewegung
und dann dieser Tanz,
den er mit andern zusammen
aufführt, ehe er wieder wandert,
mit seinen Augen
– blau – von Email,
seinem Gehirn, größer
als das aller anderen Wesen,
seinem Gesang, ohne Stimmband,
seinem Lachen, seinem Gebrüll.
Du kennst seine Arglosigkeit
gegenüber den Menschen,
die ihn besinnungslos jagen.
Dem Wasser verdankt er alles.
Diese Hinfälligkeit,
wenn er strandet und erstickt,
weil seine Kräfte nicht reichen,
den Brustkorb zu dehnen.








24. Mai




SABINE TECHEL

Erinnerungsfoto vom Komparativ

als es noch euphorien gab wie auch
gestern und morgen und überfälle von
ängsten aus den schränken kleiderhaufen
hier und da arme voll kram sagbare dinge
wenn ich dann du vielleicht und weil deshalb
und damit hätte niemand gerechnet gestern noch

konnte ich vergangenheit sagen niemand kann sagen
was so sein muß und ob nicht dieses
lächeln in den ecken immer ist






25. Mai

MAY AYIM

exotik

nachdem sie mich erst anschwärzten
zogen sie mich dann durch den kakao
um mir schließlich weiß machen zu wollen
es sei vollkommen unangebracht
- schwarz zu sehen








26. Mai

ULF STOLTERFOHT

eröffnet lebhaft




eröffnet lebhaft: sätze gibt es. schließt behauptet:
wörter füllen sie auf. das sei dann auch schon alles.
im oberton ein lediglich wie was gewiß gemeinhin ist:
die gute wahrnehmung des obsts - sie mag für
manches andre stehen. die ganze wahrnehmung des
guten obsts - hier wie sie funktioniert:

wie äpfel augen und. von birnen ganz zu schweigen.
vermeint gemäß bekräftens: der apfel sieht sich
selber nicht. darin ist er dem auge gleich. dem
einen ist nicht anzusehen (die bitte dies als satz
zu sehen) daß ihn ein zweites sieht. "die bitte dies als
satz zu sehen" als gleichfalls einen satz zu sehen usw.

"will sagen" findet statt. aspekte satt. man schuldet/
dankt/vermuß. "soll heißen" legt sich quer. auch
"später mehr" gehört hierher. ein starkes glücksgefühl
durch obst. ein neueres. ein besseres. ein heiteres
vielleicht. vielleicht strukturen nur doch dafür grob
und pur. führt von bedarft zu ungefähr. das wort

vom obst im auge des betrachters. der pfahl als
balken oder splitter. der satz vom angestammten
ast. das wort vom stamm ein zwitter. mal so: das
falsche obst am rechten platz. dann so: der baum als
wort - ein guter satz. dann wenn nicht alles täuscht
der ganze baum als stärkster zweig zur linken.






27. Mai

HANS SACHS

Der kranke Esel

Ein Esel lag darnieder
In einem Wald sehr krank.
Ein Wolf der stellt sich bieder,
Nahm für ihn seinen Gang,
Tät ihm schmeichelnd zusprechen:
"Leid ist mir dein Unfall.
Sag, wo ist dein Gebrechen?"
Begriff ihn überall.

Der Esel lag in Sorgen,
Forcht des Wolfes Hinterlist,
Sprach zum Wolf unverborgen:
"Wo du mich greifen bist,
Ist am größten mein Schmerzen.
Ich bitt dich, geh von mir,
So wird Ruh meinem Herzen;
Das fürchtet sich vor dir."

Also wo los Gesellen
Voll allerlei Bosheit
Sich freundlich gen eim stellen,
Der vertrau nit zu weit!
Sorgfältig sei einzogen,
Fürcht seine böse Tück.
Kummt er ab unbetrogen,
So sag er von Glück.






28. Mai

DANIEL FALB

auf dem werksgelände leben. die in sich zurück laufende quelle....... das herz zahlt die leber.
says the infant, ich werde sehr bald sterben.... bringe die stets wieder aufstehenden clowns in den boden ein.
....dieses individuum sei eine herde, die, indem sie weiterzog, auf anderen körpern zu grasen begann. die nach dem schneeballsystem arbeitenden gesellschafter.
wieviele mahlzeiten kannst du heute abend einnehmen........ ohne von den eigenen fortschritten erdrückt zu werden. die hochbegabten unter den opfern.
landschaften aus erwartung,......... einsehbar wie ein vorgarten. wir erkennen darin den waldbrand, darunter das grundwasser.
ihr leuchten ist ihre didaktik........... das nähere regelt ein bundesgesetz. wie häufig kannst du heute abend schlafen gehen. a thousand years.







29. Mai

OLAF VELTE

schon beim Beginn also / die letzten Dinge /wir schwätzen
mein Vater und ich und / die Dorfgeschichte / schichten Heu in die Raufen, / fahren Schubkarren hin und her.
Und dann wird, wie nebenher, ein Schaf geboren, ist sichtbar was folgt /



zwei reine weiße / Klauenspitzen / im Dunkel des winterlichen / Morgens /alles ist gut /
zur Stunde im / zeitlosen Moment.







30. Mai

JAKOB HARINGER

Für euch blöde Schullehrer und verschissne Affen -
Für euch feige Richtertrichinen und Abortbanditen,
Für eure Gerechtigkeit, eure Ehre -
O ihr falschen Hottentotten, bin ich nicht auf der Welt!

Ich hab als Kind zu wenig wohl gespielt,
drum muss das ganze Leben ich verspielen.

Ich bin ein Fremdling geblieben,
Fand keine Ruh, kein Zuhaus,
Ach, ich hab kein Glück gefunden,
O wär dies Leben schon aus.

Ist alles eins,
Was liegt daran,
Der hat sein Glück,
Der seinen Wahn.
Was liegt daran!
Ist alles eins,
Der fand sein Glück!
Und ich fand keins.






31. Mai

GERHARD RÜHM

glaubensbekenntnis

der text wird in
ableierndem
sprechgesang auf
einem ton
vorgetragen;
nur das ‚ja‘ im 20. Satz
ist um einen ganzton
höher, und das ‚ko-‘
des vorletzten wortes
ist um einen ganzton
tiefer zu intonieren.




ich glaube an ein kalb.
ich glaube auch an zwei kälber.
ich glaube, dass jedes kalb ein hirn hat.
ich bin überzeugt, dass man kälber schlachten kann.
ich glaube an eine henne.
ich glaube auch an zwei hennen.
ich glaube, dass jede henne aus einem ei geschlüpft ist.
ich glaube fest, dass hennen eier legen.
ich glaube auch, dass eine henne zwei eier legen kann.
ich bin überzeugt, dass es eine zwiebel gibt.
ich glaube, dass man eine zwiebel teilen kann.
ich halte es für möglich, dass man dabei weinen muss.
ich glaube an die kuh.
ich glaube, dass kühe milch haben.
ich glaube fest, dass man sie melken kann.
ich bin überzeugt, dass man durch stampfen butter gewinnt.
ich glaube an die zeit dabei.
ich glaube an eine menge von 3 dkg butter.
ich glaube, dass man zwei schädel spalten und ihnen das hirn entnehmen kann.
ich glaube, dass man die hirne wäscht, abzieht und hackt, ja hackt.
ich glaube an die geburt des feuers und an die eilige flamme, die wärmt.
ich glaube an den herd, als den geburtsort des feuers, und an die pfanne, die die flamme wärmt und erhitzt.
ich bin überzeugt, dass die butter darin zerinnt und die zwiebel in der flüssigen butter anläuft.
ich glaube fest, dass man die halbe zwiebel zuvor in noch kleinere stücke zerteilen konnte.
es würde mich wundern, wenn man das hirn nicht dazugeben könnte, und
es würde mich wundern, wenn es dabei nicht durchröstete.
ich glaube, dass sich über alles die beiden eier schlagen lassen.
ich glaube auch, dass man die pfanne vom feuer nehmen kann, wenn die eier halb gestockt sind.
ich glaube ferner, dass man das ganze mit schnittlauch bestreuen kann, denn
ich glaube fest, dass es den schnittlauch gibt.
ich bin überzeugt, dass ihnen das gericht bekommen wird.