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Juli



Mit Vollbild (F11) noch schöner!








1. Juli

FRANZ DINGELSTEDT


Welt-Einsamkeit

Ich saß mit ihr im Erkelein,
Entfernt von allen andern,
Sah ihre Augen hell und rein,
Gleich Sternen, ob mir wandern,
Und fühlte ihres Athems Wehn
So warm um meine Wangen,
Daß ohne Worte, ohne Flehn
Ich schier vor Lust vergangen.

Was wollt' ich, was bedurft' ich mehr,
Als diese liebe Stelle?
Der Schwarm von Menschen rund umher,
Musik und Kerzenhelle,
Die ganze, volle, fremde Welt
Verschwand und war vergessen,
Als wir selbander treugesellt
Im Erkelein gesessen.

Und wie wir uns so ganz genung,
So abgeschieden schienen,
In traulich-sich'rer Dämmerung
Versteckt von den Gardinen,
Da kam mir plötzlich doch ein Flehn,
Ach! nimmer zu erfüllen:
Der Vorhang möchte niedergehn
Uns ewig zu verhüllen!












2. Juli

WOLFGANG HILBIG


Episode







im düstern kesselhaus im licht
rußiger lampen plötzlich auf dem brikettberg
saß ein grüner fasan
ein prächtiger clown
silbern und grün den leuchtend roten reif am hals mit
unverwandtem aug mit dem großen gelben schnabel aufmerksam
zielte er auf mich
            so war er herrlicher und schöner
als ein surrealistischer regenschirm auf einer nähmaschine
wie er dort saß genau und furchtlos verirrt
auf seinem schwarzen gipfel

konversation fand nicht statt
ich bewegte mich und er flog davon durch die offene tür
doch von weit her den geruch der sonne den duft
seines farbigen gelächters ließ er hier in der nacht
und ich verwarf alle mühe das leben mythisch zu sehen

und als das kausale grinsen meines kopfes
von energie und frost gefressen in die nacht verschwand
glaubte ich nicht mehr an den untergang
der wahrnehmungen in der finsternis.






3. Juli

ANNEMARIE ZORNACK


friedlicher sonntag

die zerstörer an der tirpitzmole
bis an die zähne bewaffnet
sind so sanft
einwattiert in das grau des himmels
nur vom kriegshafen die segelbootmasten
spiegeln erregte EKG-zacken aufs wasser
der windsack hat potenzschwierigkeiten
an diesem schwülheißen Tag und
die arbeiter drüben auf der howaldt-werft
hämmern ihren frust über die förde













4. Juli

HEINRICH KÄMPEN


Eifelbild







Nicht so öde wie die andern
Schwestern, liegst du im Gebirge;
Kränzt dir doch, was jenen fehlet,
Tannenwald mit Grün die Ufer.

Aber still und weltverloren
Träumst auch du die Schwermutsträume,
Scheinst Äonen nachzusinnen,
Wo hier Feuerstürme rasten.

Lava, glühend heiße Lava,
Hat dein Krater einst gespien
Donnernd aus dem Bauch der Erde,
Und die Eifeltäler dampften.

Längst erloschen sind die Gluten
Und verweht die Donnerstürme, –
Aber schwermutsvolle Trauer
Brütet noch an deinen Ufern.

Ja, mein Maar, so magst du träumen,
Weltverloren, schon wie lange –
Wie auch meine Seele träumet
Von dem dunkeln Daseinsrätsel.






5. Juli



MARIA JANITSCHEK

Ein modernes Weib

Ein Mann beleidigte ein Weib. Es war
Von jenen schnöden Taten eine, die
Kein Weib vergessen und vergeben kann.
Geraume Zeit verstrich. Da, eines Abends
Ward an die Tür des Frevlers laut gepocht.
Er rief: »Herein«, und sah voll tiefen Staunens,
In Trauerkleidern eine Frau vor sich.
Sie schlug den Schleier bald zurück. Er blickte
In ihre großen, stolzerstarrten Augen,
In diese großen, schmerzversengten Augen …
Er lächelte verlegen, denn ein Schauer
Erfasste ihn … Er bot ihr höflich Platz,
Sie aber dankte, und mit ruhiger Stimme
Sprach sie zu ihm: »Du hast mich tief beleidigt,
Es war nur Gott dabei ... Vor diesem Gott,
Vor dir, und mir allein, will ich den Flecken,
Den Makel meiner Ehre, zugefügt
Von deiner Hand, verlöschen … Höre nun!
Um dies zu tun, bleibt mir ein Mittel nur:
Ich kann nicht gehn, um einem fremden Menschen,
Das, was ich selbst mir kaum zu sagen wage,
Zu offenbaren.
Deshalb gibts eins nur:
Hier sind Waffen, wähle!«
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin
Und öffnete den Deckel … Lange standen
Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an,
Sie hielt das glänzend große Aug gerichtet
Fest auf die Waffen. Plötzlich brach er aus
In lautes Lachen. Da durchglühte feurig
Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen
Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort
Dies Lachen wär? Sie hätte schreien mögen
Vor Wut und Elend. Aber sie bezwang sich
Und sagte mild: »Wenn dir ein Unvorsichtiger
Zufällig auf den Fuß getreten wäre,
Du würdest ohne lange Überlegung
Ihm deine Karte in das Antlitz schleudern!
Nichts Lächerliches fändest du dabei.
Nun denk: nicht auf den Fuß trat mir ein Mensch,
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre!
Verlang ich mehr, als du verlangen würdest
Für einen unvorsichtigen Schritt, sag selbst,
Ist das nicht billig?« »Liebes Kind,
Du scheinst es zu vergessen, dass ein Weib
Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne.
Entweder geh zum Richter, liebes Kind,
Gesteh ihm alles, gern unterwerfe
Ich mich seinem Urteil … Nicht? Nun dann bleibt
Dir nur das eine noch: vergesse, was du
Beleidigung und Schmach nennst. Siehst du, Liebe,
Das Weib ist da zum Dulden und Vergeben …«
»Entweder Selbstentehrung? Wenn nicht
Ein ruhiges Tragen meiner Schmach?
Und das, das ist die Antwort, die ein Mann
Zu geben wagt der Frau, die er beleidigt?«
»Eine andere wär gegen den Brauch!«
»So wisse, dass wir Frauen gewachsen sind
Im neunzehnten Jahrhundert!«
Sprach sie mit großem Aug, und schoss ihn nieder












6. Juli

SYLVIA AMSTADT

Allgemeine Beleidigung ohne Selbstmitleid







Junge, mit dir sieht der Tag
einfach zum kotzen aus,
deshalb hole ich jetzt
die Kotztüte raus
und speie übel von mir,

was du da wieder
für einen Müll
von dir gibst.

Mädel,
mit dir sieht die Nacht
leichenblass aus,
deshalb nimm lieber
den Bus um halb 8
und fahr nachhause,

sonst fahr ich
hier gleich
aus der Haut!




7. Juli

LARS RUPPEL

Alter Schwede

alle Bilder: Michaela Utz































Im Wald fiel Schnee auf kaltes Holz,
der tagsüber ein wenig schmolz














und nachts gefror zu langen Zapfen.










Bis auf das schwere Schneeschuhstapfen
des durch die Schneeschicht gehenden Schweden
war es still im Wald, der jeden
Schritt, der seine Stille störte,
durch tausend dunkle Ohren hörte






und tausend dunkle Augen sahen
einen alten Schweden nahen
und vorübergehen.









Er trug bei sich, gut geschliffen,
der Griff vom Greifen abgegriffen,
eine Axt, eine von jenen
Exemplaren, die in Schweden
die grade 13 Jahre alten
Knaben schon vom Staat erhalten.








Und durch den Widerstand des tiefen
Neuschnees der Polarnacht liefen
ein alter Schwede, seine Axt
und währenddessen starb ein Lachs.








Und Schnee fiel aus dem Firmament
auf einen Weg, den der nur kennt,
der ihn zu allererst gegangen.
Der Schwede und die Axt gelangen







schließlich an den Rande einer
Lichtung, auf der sich ein kleiner
Obelisk aus Stein befand.
Und vor dem Obelisken stand,
verziert mit Runen und Propans,
ein Schrein, aus dem der Lichterglanz
von Kerzen, wie schon jahrelang,
die Dunkelheit der Nacht bezwang.
Der Schwede trat zum Schrein heran,
setzte sich davor und dann
zog er sich in aller Ruhe
zuerst die schneeverklebten Schuhe


und dann den Rest der Schwedentracht
aus und stand nun in der Nacht,
so wie – wer ihn schuf
und hob die Axt hoch wie zum Gotteslob
und murmelte auf Schwedisch jenen
Zauberspruch des alten Schweden,
so wie sicher tausendmal
zuvor bei diesem Ritual.
Nach den ersten Versen stand
der Opa aus dem Schwedenland
auf und tanzte wild im Kreise,
wobei er weiterhin ganz leise


und wie von Sinnen Formeln sprach,
um mit der letzten Silbe nach
Norden hin sich zu verneigen,
sich dem Nordstern nackt zu zeigen,
der Götter Augenlicht zu blenden,
mit unrasierten Männerlenden
und einer Axt in seinen Händen
die Zeremonie zu beenden.
Da schwang der mystisch aufgegeilte
Schwede seine Axt und teilte
geradewegs die erste Fichte,



die er vor die Klinge krichte.
Des Schweden Schläge jäh durchdringen
den stolzen Laib aus Jahresringen,
bissen sich durch die Geschichte,
machten Ring für Ring zunichte,
hackten Kleinholz und entzweiten
zu Holz erstarrte, alte Zeiten
als goss aus einem Holzgewitter
ein Wirbelsturm aus Regensplittern
und als der Fichtenstamm hernach
mit lautem Krach zu Boden brach,




schlug der Schwede weiter auf
den ausgeknockten Baumstamm drauf.
Schwere Schwedenschläge bebten,
Sägespäneschwaden schwebten.
Und als der letzte Schlag verklungen,
warn auch die Schwaden ganz verschwunden.
Und da stand allein im Wald
ein Schwede – müde, nackt und alt.





Und dort, wo eben noch so stolz
die Fichte stand, stand nun aus Holz,
formvollendet, praktisch ein
Musterbeispiel für Design,
das schönste Ende einer Fichte,
ein Meilenstein der Schnitzgeschichte,
ein Werk von Schwedenaxt und -hand
und altem Schwedensachverstand,
so ästhetisch, so genial –
ein Regal.



Ein Möbelstück, wie es der Schwede
seit vielen Jahren so wie jede
Nacht zu sich nach hause trug
und dort mit seiner Axt zerschlug,
denn niemand soll die Tradition,
die seines Vaters Vater schon
an seinen Sohne, als er starb,
mit letztem Atem weitergab,
kennen! Jenen Bund der Schweden,
die nur mit einer Axt aus jedem
Baum ein Möbel bauen können
und die sich selbst IKEA nennen.




Eines nachts jedoch geschah,
als grad alles so wie immer war,
etwas Unvorhersehbares.
Neblig, kalt und finster war es,
als der alte Schwede schwitzend,
nackt an einem Tischchen schnitzend,
eine Fee im Wald entdeckte,
die sich dort vor ihm versteckte.




Ertappt schlich sie zum alten Schweden,
um diesen dann zu überreden,
ihr eine Schrankwand zu kreieren,
sie würde grade renovieren.
Dafür hätt‘ er dann auch drei
Wünsche als Belohnung frei.
Doch der alte Schwede blieb
hart, was sie zur Weißglut trieb.
Immer lauter wurd‘ die Fee,
erhöhte erst sein Wunschbudget,
warf sich dann mit aller Kraft
auf den Schweden, der den Schaft


der Axt der Fee entgegenschlug,
die im vollen Feenflug
mit dem Kopf dagegenprallte
und unsanft auf den Boden knallte.
Und wie sie nach dem schweren Schlag
im Sterben vor dem Schweden lag,
hat die Fee es grad geschafft,
bevor sie ward dahingerafft,
im letzten Atemzug den Schweden
mit einem Fluch noch zu belegen:







"So soll’n sein Wirken und sein Tun
und alle seine Möbel nun
sein von niedrer Qualität
und geringer Stabilität,
soll’n beim Anblick schon erzittern,
beim Zusammenbauen splittern,








dass sich sogar die stärksten Mannen
den Inbus in die Beine rammen,










die Bauanleitungen für Thorben,
Sally, Billy, Smörr und Jorben
und wie immer sie auch heißen
in blanker Hysterie zerreißen,
den Nutzer beim Benutzen quälen
und immer sollen Schrauben fehlen!
Es soll das Holz in seinen Händen
zu aus geschützten Waldbeständen
gepressten Spanholzplatten werden
und Lack soll dieses Leid verbergen!





Alle Schubladen sollen klemmen,
die Märkte soll’n sie überschwemmen,
dass das Elend die vier Wände
der armen Kunden weltweit schände,
die beim Kaufen und Vermessen
Köttbullar und Hotdogs fressen!"







Und erlag dann ihren Wunden.
Der Fluch ward an die Welt gebunden
und er wirkt heute noch immer,
wirkt in jedem Kinderzimmer.
Kein Ort bleibt vor ihm verschont,
ob man dort lebt oder dort wohnt.









Jedes Stück aus dem blau-gelben
Katalog wird noch im selben
dunklen Wald am Arsch der Welt
vom alten Schweden hergestellt.
Und auch jetzt grad hebt er die Axt










und irgendwo stirbt noch ein Lachs.






8. Juli

EMANUEL GEIBEL

Wanderlied

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, dass Gott euch behüt!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht;
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein:
»Herr Wirt, mein Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
Ergreife die Fiedel, du lustger Spielmann du,
Von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu!«

O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!
Da wehet Gottes Odem so frisch in die Brust;
Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!





Heinrich Zille



9. Juli

ISOLDE KURZ





Nein, nicht vor mir im Staube knien!
Nicht mir im Arm wie Rohr zerbrechen!
Ist erst der Stunde Rausch dahin,
Ich weiß, du wirst es an mir rächen.

Jetzt ist dein Aug von Tränen naß,
Doch manchmal blinkts wie Mördereisen.
In deiner Liebe grollt der Haß
Und droht mich künftig zu zerreißen.

Wo ist der Held, der frei vereint
Mit mir auf Lebenshöhen stiege?
Der tröstet, wenn das Herz mir weint,
Und mit mir lächelt, wenn ich siege?

Der nicht Gebieter ist noch Knecht,
Der fühlt wie stille Wunden brennen,
Der schonend auch dem zärtern Recht
Sich neigt in willigem Erkennen?

Wo ist der Held? Es tönt von fern
Wie Gruß von ihm an meine Ohren.
Der Held, der meines Lebens Stern,
Wird erst nach meinem Tod geboren.




10. Juli
ADA CHRISTEN

Elend

Hab oft mich nicht zurecht gefunden,
Da draußen im Gedränge.
Und oft auch wieder wurde mir
Die Welt hier fast zu enge.

Dann liebt ich schnell und lebte schnell
Und schürte mein Verderben.
Der Pöbel johlte, und ich lachte
Zu meinem lustigen Sterben.







11. Juli

DETLEV VON LILIENCRON

Tod im Weizenfeld






Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,
Liegt ein Soldat, unaufgefunden.
Zwei Tage schon, zwei Nächte schon,
Mit schweren Wunden, unverbunden.
Durstüberquält und fieberwild,
Im Todeskampf den Kopf erhoben.
Ein letzter Traum, ein letztes Bild,
Sein brechend Auge schlägt nach oben.
Die Sense sirrt im Ährenfeld,
Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden,
Ade, ade, du Heimatwelt –
Und beugt das Haupt und ist verschieden.





12. Juli

OSKAR MARIA GRAF

Ich hab so lang schon nicht mehr deutsch gesprochen.
Ich gehe schweigend durch das fremde Land.
Vom Brot der Sprache blieben nur die Brocken,
Die ich verstreut in meinen Taschen fand.

Verstummt sind sie, die mütterlichen Laute,
Die staunend ich von ihren Lippen las,
Milch, Baum und Bach, die Katze, die miaute,
Mond und Gestirn, das Einmaleins der Nacht.

Es hat der Wald noch nie so fremd gerochen.
Kein Märchen ruft mich, keine gute Fee.
Ich hab so lang schon nicht mehr deutsch gesprochen.
Bald hüllt Vergessenheit mich ein wie Schnee





Georg Schrimpf Staffelsee 1925




13. Juli

ALBERT EHRENSTEIN

Hans Baldung Die drei Lebensalter und der Tod
Wer bin ich? Ich? Ich bin ein Zeitblock,
Der bröckelt ab und fällt zurück ins Meer.
Ich bin ein Winselwind, der Pfützen trübt,
Ich bin der Blitz, der zuckt und der verzuckt,
Ich bin der Schnee, der kommt und der vergeht,
Ich bin die Ruderspur, die sich im Teich verliert,
Ich bin der Samen im der Hure Schoß!

So lass auch Du die purpurne Gebärde,
Du bist der gute Tod,
Ich bin ein Häuflein Erde.
O komme bald und menge mich,
Als Erde in die Erde.





14. Juli

ERNST STADLER

Form ist Wollust

Form und Riegel mussten erst zerspringen,
Welt durch aufgeschlossne Röhren dringen:
Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen,
Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen.
Form will mich verschnüren und verengen,
Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen –
Form ist klare Härte ohn Erbarmen,
Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen.
Und in grenzenlosem Mich-Verschenken
Will mich Leben mit Erfüllung tränken.








15. Juli

GEORG HEYM

Juan de Valdéz Leal




Der Gott der Stadt

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser sich ins Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die große Stadt kniet um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkle seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt






16. Juli

ALFRED LICHTENSTEIN

Erotisches Varieté

Auf offner Straße in der Nacht
Entkleidet sich ein Kneipenwirt.
Ein Ingenieur ist aufgebracht,
Der sich bei seinem Weib verirrt.

Nach gleichgesinnten Viechern schielt
Ein homosexueller Hund.
Ein Greis, der mit sich selber spielt,
Merkt: Allzuviel ist ungesund.

In schmutzig grüner Tunke hockt
Ein blauer Syphilitiker.
Ein Boxer bebt. Ein Baby bockt.
Verstiert fault ein Zylinderherr.

Ein Auto bringt ein Fräulein um.
Ein Junge bricht ein Mädchen an.
Verbittert ist ein Mensch. Warum?
Weil er nicht coitieren kann







Christian Schad





17. Juli

Aristotile da Sangallo

PAUL ZECH

Kleine Katastrophe

Zehn Männer wurden vom Gestein erschlagen,
Vom Rauch verschluckt und wieder ausgespien.
Der Doktor stolperte mit eingesackten Knien
Und ließ die Leichen in das Schauhaus tragen.

Zerstückelt, schwarz verbrannt und rot zerschunden,
So lagen sie in Reih und Glied;
Was in der Früh noch sang sein Morgenlied,
Verblutete aus unverbundenen Wunden.

Schon schwätzten Ahnungen, die blinden Boten,
Sich in das Dorf hinunter und von Haus zu Haus
Und trieben die erschrockenen Frauen hinaus.

Die stürmten das vergitterte Portal
Des Beingebäudes in verbissener Qual
Und schlugen sich verzweifelt um die Toten.







18. Juli

GEORG TRAKL

Blutschuld

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse.
Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?
Noch bebend von verruchter Wollust Süße
Wir beten: Verzeih Maria uns, in deiner Huld!

Aus Blumenschalen steigen gierige Düfte,
Umschmeicheln unsere Stirnen bleich von Schuld.
Ermattend unterm Hauch der schwülen Lüfte
Wir träumen: Verzeih Maria uns, in deiner Huld!

Doch lauter rauscht der Brunnen der Sirenen
Und dunkler ragt die Sphinx vor unsrer Schuld,
Dass unsre Herzen sündiger wieder tönen
Wir schluchzen: Verzeih Maria uns, in deiner Huld!



Andries Cornelis Lens: Zeus und Hera




19. Juli

HUGO BALL

Karawane

Rudolf Hellgrewe: Kamelreiter in der Wüste






20. Juli

HANS ARP

Weißt du, schwarzt du?

sie sehn ein quadrat
einen kreis
einen punkt
und drehn sich auf dem punkt
pünktlich halb um
und wieder halb um
und gehen weiter
und wollen nicht ausratten
auf der rattenmatte
auf der zwölftesten platte
und kürzen das kurze
und verlängern das lange
und verdünnen das dünne
und verdicken das dicke
und bleiben uns vis a vis
ziehen uns mit schuhlöffeln eisblumen an
mauern welken lebendig ein
wir rollen wasserballen auf
und fegen sie
dass allen geholfen ist
und gackern dazu gack gack gack











21. Juli

KUT SCHWITTERS

An Anna Blume







22. Juli

FRANZ WERFEL

John Singer Sargent: Gassed


Fremde sind wir auf der Erde alle

Tötet euch mit Gasen und mit Messern,
Schleudert Schrecken, hohe Heimatworte,
Fluss wird alles, wo wir eingezogen.
Wer zum Sein noch Mein sagt, ist betrogen.

Alle Lande werden zu Gewässern,
Unterm Fuß zerrinnen euch die Orte.
Mütter weinen, dass wir sind entschwunden.
Und das Haus ist, dass es uns zerfalle.

Selge Blicke, dass sie uns entfliehen.
Selbst der Schlag des Herzens ist geliehen,
Und es stirbt, womit wir uns verbunden.
Fremde sind wir auf der Erde alle.








23. Juli

YVAN GOLL

Chor der Proletarier

Picasso: Massengrab






Vergebens in den Kohleschächten
Wollten die Gleichheit wir erfechten.
Vergebens in den Nachtkavernen
Wollten wir Menschenwürde lernen.
Vergebens in zwielichten Schenken
Wollten wir Liebe groß verschenken.

Vergebens in Versammlungsreden
Verlangten wir das Licht für jeden.
Nun sagen sie, beim Brudermorden
Sind wir zu guten Bürgern worden.
Sie gönnen uns den Ruhm der Narren,
Dieweil sie Massengräber scharren.






24. Juli

AUGUST KOPISCH

Das Meeresleuchten

Komm in mein Schiff,
Geliebter, hier her!
Die Nacht ist so still, und
Es leuchtet das Meer!

Doch wo ich auch rudre,
Entbrennet die Flut!
Es schaukelt mein Nachen
In wallender Glut!

Die Glut ist die Liebe
Der Nachen bin ich.
Ich sink in die Flammen.
O rette Du mich!





August von Platen/August Kopisch







25. Juli

(so haben Nazis gedichet:) DIETRICH ECKART

Deutschland erwache










Sturm, Sturm, Sturm!
Läutet die Glocken von Turm zu Turm!
Läutet, dass Funken zu sprühen beginnen,
Judas erscheint, das Reich zu gewinnen,
Läutet, dass blutig die Seile sich röten,
Rings lauter Brennen und Martern und Töten.
Läutet Sturm, dass die Erde sich bäumt,
Unter dem Donner der rettenden Rache.
Wehe dem Volk, das heute noch träumt,
Deutschland, erwache!

Sturm, Sturm, Sturm!
Läutet die Glocken von Turm zu Turm!
Läutet die Männer, die Greise, die Buben,
Läutet die Schläfer aus ihren Stuben,
Läutet die Mädchen herunter die Stiegen,
Läutet die Mütter hinweg von den Wiegen.
Dröhnen soll sie und gellen, die Luft,
Rasen, rasen im Donner der Rache.
Läutet die Toten aus ihrer Gruft,
Deutschland, erwache!





26. Juli

FRIEDRICH ACHLEITNER



um middanocht
auf da friedhofsmau
buddlnogad
woans koed is
und schnaibd
und da wind geht
bfui daifö









27. Juli

SPERVOGEL

Mich hungerte harte

1.
Mich hungerte harte.
ich steic in einen garten.
dâ was obez innen,
des moht ich niht gewinnen.
Daz kom von unheile.
dicke wégt ích den ast.
mir wart des óbezès nie niht ze teile.

2.
Swâ ein gúot bóum stât
und zweier hande obez hât,
beide süez unde sûr,
sô sprichet ein sîn nâchgebûr:
"Wir suln daz obez teilen.
wirt ir einez drunder vûl,
ez bringet uns daz ander ze leide."

3.
Swel man ein gúot wîp hât
unde zeiner ander gât,
der bezeichent daz swîn.
wie möht ez iemer erger sîn?
Ez lât den lûtern brunnen
und leit sich in den trüeben pfuol.
den site hât vil manic man gewunnen.

4.
Ein man sol haben êre
und sol iedoch der sêle
under wîlen wesen guot,
daz in dehein sîn übermuot
Verleite niht ze verre,
Swenne er urloubes ger,
daz ez im an dem wege niht enwerre.

5.
Kórn sâte ein bûman,
dô enwolte ez niht ûf gân.
ime erzornte daz.
ein ander jâr er sich vermaz,
Daz erz ein egerde lieze.
er solde ez ime güetlîche geben,
der dem andern umbe sîn dienest iht gehieze.





mich hungerte sehr

1.
Mich hungerte sehr.
Ich stieg in einen Garten.
Dort gab es Obst;
davon konnte ich nichts haben.
Das bereitete mir Unglück.
Oftmals schüttelte ich den Ast.
Obst erhielt ich nicht.

2.
Wo immer ein fruchtbarer Baum steht
und zwei Sorten Obst trägt,
süßes und saures,
sagt dann der Nachbar:
"Wir sollen das Obst teilen.
Wird eins faul,
steckt es auch noch das andere an."

3.
Wenn ein Mann eine gute Frau hat
und zu einer anderen geht,
so heißt man ihn ein Schwein.
Wie konnte es jemals ärger kommen?
Er geht weg vom klaren Wasser
und legt sich in den trüben Pfuhl.
Viele Männer verhalten sich so.

4.
Ein Mann soll Ansehen und Achtung genießen;
er soll sich jedoch auch rechtzeitig
um sein Seelenheil kümmern,
damit ihn sein Übermut
nicht zu sehr auf Abwege bringt,
wenn er hier auf Erden Abschied nimmt,
damit ihm nicht der rechte Weg versperrt ist.

5.
Ein Bauer säte Korn,
doch es wollte nicht aufgehen.
Das erzürnte ihn.
Im nächsten Jahr hatte er vor,
es brach liegen zu lassen.
Man sollte demjenigen freiwillig geben,
was man ihm für seinen Dienst versprach.




28. Juli

JUDITH ZANDER



darß / mission

wieder führt es neue wellen aus
in schnellen
wasserfarben wogen
die boote des himmels des abgelegenen
lichts am anfang
war nichts
anderes siehe die glühfäden
morgens dies land
ist der haken aller
modernen hagiographie leckt
keinen edison ex weststrande
lux elektrifizierung geschieht
vor jeder zeit aller augen
blicke es wächst
in nördlicher richtung









29. Juli

GERALD ZSCHORSCH











Selbst

Denken im Ruhezustand
Problem die Stunde der Zeit
über Strecken hinweg
Alleingang
und nicht bereit
Plan einer offenen Kammer
Wir leben eben gedacht
und ein Ruf blitzt
Es schien gleich so
als hätte das Ich
gelacht








30. Juli

GERD ADLOFF

Abschied

Als die Wohnung meines toten Vaters
leer war
und fremd
abgenommen
mir
sah ich noch einmal aus dem Fenster.
Da flog ein Reiher über Marzahn
kein Symbol, kein Bild, keine Metapher
nur ein großer schöner Vogel
der mein Herz erfreute.
trotz alledem





31. Juli

MARCEL BEYER









Junge Hunde

Ach, die Gutgebügelten, junge
Luden am Nebentisch, trinken
das Panzerpils und tauschen
Herrenheftchen. Einer wirft beim
Aufstehn die Flasche Bier um,
schmiert dann, nach und nach, ein
ganzes Paket Tempos über den
Plastiksitz. Kurzschnitte, und
Pomade. Totes Büffet. Im Jungsklo,
schöne Teile. Ein alter Glatzkopf
zupft sich etwas von den Lippen.
Humer-Bursche. Geschlipst. Gewienert.
Junge Hunde. Fickriges Blau. Im
Klappergang, Wien West, verschwitzte
Gürteltiere. Rauch schneller, Lude.
Ohneservice. Vielleicht Ein- bis
Zweihundert, in Randbezirken,
Arbeiterbeisln, Siebzehnter. Trotte
im Regen, aus einem offenen Fenster,
obere Etage, Dampf.