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Dezember



Mit Vollbild (F11) noch schöner!








1. Dezember

HOFFMANN VON FALLERSLEBEN


Das Lied der Deutschen

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zum Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt -
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang -
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand -
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland.












2. Dezember

WILLIBALD ALEXIS


Walpurgisnacht



Liebe Mutter, heut' Nacht heulte Regen und Wind.
"Ist heute der erste Mai, liebes Kind."
Liebe Mutter, es donnerte auf dem Brocken droben.
"Liebes Kind, es waren die Hexen oben."
Liebe Mutter, ich möcht keine Hexen sehn.
"Liebes Kind, es ist wohl schon oft geschehn."
Liebe Mutter, ob wohl im Dorf Hexen sind?
"Sie sind dir wohl näher, mein liebes Kind."
Liebe Mutter, worauf fliegen die Hexen zum Berg?
"Liebes Kind, auf dem Rauche von heißem Werg."
Liebe Mutter, worauf reiten die Hexen zum Spiel?
"Liebes Kind, sie reiten auf 'nem Besenstiel."
Liebe Mutter, ich sah gestern im Dorf viel Besen.
"Es sind auch viel Hexen auf'm Brocken gewesen."
Liebe Mutter, 's hat gestern im Schornstein geraucht.
"Liebes Kind, es hat Einer das Werg gebraucht."
Liebe Mutter, in der Nacht war dein Besen nicht zu Haus.
"Liebes Kind, so war er zum Blocksberg hinaus."
Liebe Mutter, dein Bett war leer in der Nacht.
"Deine Mutter hat oben auf dem Blocksberg gewacht."





3. Dezember

LEA SCHNEIDER


ziegen

es gibt sie hier überall, wie einen geruch,
der aus dem boden kommt.
zwischen ihren hörnern verstecken sie je ein schwarzes loch.
an dieser stelle sind sie nicht besonders tief
und können ohne offizielle genehmigung
betrieben werden; man sollte sich ja auch nicht an fakten halten,
wenn es nur so wenige davon gibt.
die lokale bevölkerung weiß, wie man mit lücken umgeht,
kapital aus ihnen schlägt:
die futterbäume in der näheren umgebung
wurden bereits von der vorletzten generation abgeerntet,
daher das ziegenmonopol.
wie jede etablierte ideologie legitimiert es sich
durch das allgemeine vergessen seiner entstehung.
die gegenwärtige situation entspricht
also unveränderlich dem naturzustand,
der eine lücke ist, die man mit ziegen füllt.
einmal im jahr werden alle zusammengetrieben,
ein großes erntefest für die materie,
die sich in ihnen verfangen hat.
und ansonsten denkt man eher wenig darüber nach.














4. Dezember

ANGELUS SILESIUS


Der Mensch

Das größte Wunderding ist doch der Mensch allein:
Er kann, nach dem er's macht, Gott oder Teufel sein.







5. Dezember

MARTIN GANTER


Salamis








Nacht noch! Noch hüllt der Schlaf die Griechen ein.
Noch geht des Hermes Fuß um jedes Haus:
"Schlafet! Schlafet und ruht euch aus!
Ihr alle werdet morgen Sieger sein!"

Aus ihren schweren Kähnen überm Sund
Der Perser Augen spähn und ruhen nicht,
dass nicht ein Griechenboot ins Freie sticht
geheimen Weges durch der Nächte Schlund.

Doch wie der Arktur fällt und an den Strand
Klatschen des Meers unruhvolle Wogen,
und Nebel kommt mit frischem Wind gezogen:

Da stößt der Griechen Schiffsmacht ab vom Land,
den Paian singend bei der Ruder Schlag.
Und über Salamis geht auf der Tag.






6. Dezember

MARKUS BREIDENICH


Landtage

Zur Wahl stand hier nie das Grün.
Jahrhunderte lang sind die Bäume
auch ohne Vogelstimmen gewachsen.

Hin und wieder muss einer mit der
Axt die Krone zum Einlenken bewegen.
Sonntags geht man Blätter durch, die

in Briefkästen flattern. Die Kirche will
an einigen Waldwegen Kreuze
machen. Als sei es nicht

Bürokratie genug, Woche für Woche
etwas in die Urnen zu legen.

Wind geht. Man findet hier, wenn es
nicht so ist, wenig Zerstreuung. Und
kaum jemand merkt, wenn es wächst.

Dieses Wurzelwerk. Beim Aufstellen
der Kandidaten. Man wird sich wohl
ein wenig mehr als bisher einmischen.







7. Dezember



SAFIYE CAN








8. Dezember

FRANZ JOSEF CZERNIN


feuer, sonett

uns zündend selbst, doch wund gescheuert, wild gemacht
durch all dies zeug, so bissig, heiss davon geritten,
schmerzhaft anspannen, -spornen dies, dadurch entfacht,
entfesselt uns, doch stehn auch, sattelfest, inmitten

von flammen, ziehn den kreis: sind stoff, der treibt wie brennt,
brechend die bahn, da brand die rede hoch uns schwingt,
lostreten das, was züngelnd übergreift uns, -rennt
von haupt bis schwanz, doch auch gezäumt, dass dies entringt

einlenkend wie ausschweifend sich; auflodernd gehn
durchs eigne feuer jetzt, versprengt fast ausser band
ja, rand, doch bringen dies zum punkt, die runde drehn:

uns geben, nehmen überkopf, ja -hals wie -hand,
rings übertragen, -springen, doch auch wörtlich im geschehn,
fast zügellos, es halten, hellauf selbst, gebannt.







9. Dezember

MARTIN GREIF


Herbstgefühl

Wie ferne Tritte hörst du's schallen,
Doch weit umher ist nichts zu sehn,
Als wie die Blätter träumend fallen
Und rauschend mit dem Wind verwehn.

Es dringt hervor wie leise Klagen,
Die immer neuem Schmerz entstehn,
Wie Wehruf aus entschwundnen Tagen,
Wie stetes Kommen und Vergehn.

Du hörst, wie durch der Bäume Gipfel
Die Stunden unaufhaltsam gehn,
Der Nebel regnet in die Wipfel,
Du weinst, und kannst es nicht verstehn.







10. Dezember

AXEL KARNER


gwolt I






es wead noch
vül
schiacha sein

se weand da
ols lebendiga
de haut obziagn
aus de zähnd
stana brechn
und mitn fleisch
ziagl brennen

noacha east
treibns di in kotta
und tuand da
liab






11. Dezember

CARL-CHRISTIAN ELZE


sommerfliege

an einem augustabend im jahr 2016: eine sommerfliege
die ihr nachtmahl verzehrt, auf einem baugerüst
am palazzo dario, ohne begleitung von menschen.

mit ihrem spärlich behaarten, vorderen beinpaar
stemmt sie sich gegen den getrockneten kot einer möwe
dirigiert ihren tupfrüssel, der alles befeuchtet, verflüssigt.

zwei venezianische lippenpölsterchen mit einem system
von winzigen rinnen, versteift mit noch winzigeren
spängchen, beginnen lautlos zu saugen – die sonne versinkt.

für sekunden stehn alle fenster in flammen, ist jede scheibe
lodernd orange! – manchmal innehaltend im tupfen
und herabblickend auf die vorbeiziehenden dunklen

gebilde, tausendfach gebrochen im optischen kessel ihrer
glasleuchteraugen, erweckt die speisende den eindruck
einer kleinen touristin

oder dogaressa
oder geisterjägerin
die durch die zeiten irrt.







12. Dezember

ALFRED KOLLERITSCH


Epigramm








Dir gibt das Verweilen Sanftmut,
sie ist die Überraschung der Strenge,
die nichts bleiben lässt.
Du bist, was du verlierst,
was dir niemand bestimmen darf.

Das seit Anbeginn Gelebte,
wir sind es ganz und der Teil davon
Das dunkelgrüne Kamelienblatt
in deiner Hand übersetzt sich selbst:
Das Blatt bist du, vergiss die Blüte.






13. Dezember

HANNLIES TASCHAU


Es geht mir gut schrieb ich

Hauptsache Paris
Ich bewohne eine Schicht Kaffeeluft
zwischen zwei Etagen
in der Rue Cassette
Ohne Stuhl ohne Tisch

Niedrige Betten sind Mode
Tisch brauch ich keinen
Ihr wisst wenn ich schreibe liege
ich auf dem Bauch






14. Dezember

HEINZ PIONTEK




Unablässiges Gedicht

Geschrieben, vergessen -
am Schuh reißt der Bast.
Nichts je besessen,
was du vergeudet hast.
Leuchtspur der Städte,
Orangen im Rock.
Zeit springt wie grüne Glätte
vom Rosenstock.
Vieles verschwiegen:
Wacholderhauch,
das graue Fell der Ziegen
schleift östlichen Rauch.
Da es ersonnen:
Was gilt es dir?
Die Welt bleibt begonnen
auf dünnem Papier.
Papier, schwarz im Feuer,
ein Ruch dann von Leim,
aus Luft bald ein neuer
flüchtiger Reim.
Nichts je besessen -: das
machte dich reich.
Schreiben, vergessen
gilt gleich.






15. Dezember

FREDRIK VAHLE


Gedicht vom Ich

Ich bin ich,
na klar, oder nicht?
Ich bin ich,
kann jeder Mensch sagen
Aber wer oder was
ist denn nun ein 'Ich'?
Schon bin ich mittendrin im Fragen. -
Wo fängt ich an?
Wo hört ich auf?
Ist 'Ich' immer gleich,
ob ich sitz oder lauf?
Ob ich sieben oder siebzig bin?
Ist mein Körper das 'Ich',
oder steckts mittendrin?
In der Brust, im Herz,
oder unten im Bauch,
im Kopf, im Verstand
sitzt es ganz oben drauf?

Oder wohnt es mitten in meinen Gefühlen
vielleicht sitzt es irgendwie zwischen den Stühlen
und weiß selber nicht, was es eigentlich ist,
Wenn's mir fehlt
Von wem wird das Ich dann vermisst?
Steckt mein Ich auch in meinem kleinen Zeh
Ist mein Ich auch in meinem eigenen Haar?
Ich fasse es an na klar ist es da.
Und schneidet mir der Frisuer klipp klapp
einfach von meinem Ich etwas ab?

Und dann der Zaharzt ojeoje
Mein Ich das schrmpft wenn ich zu ihm geh
So ein kleiner Schmerz ja das geht ja noch
Doch findet der in meinem Zahn
dann ein Loch
oder zieht einen Zahn
der kommt niemals zurück.
Fehlt dann vom Ich nicht ein kleines Stück?

Und etwas, was ich auch gern wüsst':
Wenn jemand vor Glück ganz außer sich ist -
'außer sich' heißt doch raus aus dem Ich.
Manchmal versteh ich mich selber nicht.
Jemand ist außer sich vor Wut -
bleibt das Ich dann bei sich
und es geht ihm ganz gut?

Hab ich Sorgen und Angst bis über die Ohren
wird mein Ich so klein als hätt ichs verloren
Und muss ich was tun was ich gar nicht mag,
dann jammert mein Ich den ganzen Tag
Du musst, du sollst, du sollst, du musst
Das Ich verschwindet es hat keine Lust

Und wer viel Geld hat hat der auch viel Ich?
Und wer wenig hat, der hat's eben nicht?

Vielleicht hat das Ich auch was ausgeheckt,
sich als blaues Männchen sich in mir versteckt,
lacht wie's Rumpelstilzchen,
Sagt: Such nur, such!
Kauf dir ein kluges Ich-findungs-buch..
oder auch dreizehn, davon gibts genug,
mach dich auf die Suche nach deinem Ich,
suche und suche,
du findest es nicht.
Es ist kein Persönchen, hat kein Gesicht,
wenn du's finden willst, dann suche es nicht...

Du bist mit allem dein Ich,
was du tust,
wie du gehst, wie du atmest
wachst oder ruhst,
wie du hörst, wie du siehst,
wie du riechst, wie du schmeckst
und dir nach dem Essen die Lippen leckst.

Wie du fühlst was du selbst
und was andere sind
Kalt und warm warm und kalt
Welle Wasser und Wind
Dein Ich brauchst du gar nicht gesondert zu suchen.
Das ist philosophischer Käsekuchen.
Du bist, was du bist in deinem Leben.
Dich kann's auf der ganzen weiten Welt
so, wie du bist
nur einmal geben.
Es ist, wie es ist,
Punkt Komma und Strich:
Viele Grüße von meinem -
an wen?
An dein
Ich.



























16. Dezember

JÜRGEN NENDZA






Wie ein Luftschiff

Wie ein Luftschiff zieht plötzlich Küstengeruch
über das Haus: Eine kleine Verschiebung

in Faltungsvorgänge. Unter uns
Fluten, Sedimente. Darüber verrutscht dein Kleid,

die Stoffbahn gegen die Laufrichtung gespannt,
getrennt unser Raum: jedes Wort

versetzt uns, verallgemeinert,
was du nicht sagen kannst. Aber es bleibt

dieser Geruch: Die Küste gibt nicht auf,
erscheint im Oberlicht über der Tür: erzählt,

daß die Liebe Wanderdüne sei,
vom Wind gezäumt

ins parzellierte
Aber.






17. Dezember

PETER HUCHEL


das Grab des Odysseus

Niemand wird finden
das Grab des Odysseus,
kein Spatenstich den krustigen Helm
im Dunst versteinerter Knochen.

Such nicht die Höhle,
wo unter die Erde hinab
ein wehender Ruß, ein Schatten nur,
vom Pech der Fackel versehrt,
zu seinen toten Gefährten ging,
die Hände hebend waffenlos,
bespritzt mit dem Blut geschlachteter Schafe,

Mein ist alles, sagte der Staub,
das Grab der Sonne hinter der Wüste,
die Riffe voller Wassergetöse,
der endlose Mittag, der immer noch warnt
den Seeräubersohn aus Ithaka,
das Steuerruder, schartig vom Salz,
die Karten und Schiffskataloge
des alten Homer.













18. Dezember

ÖZLEM ÖZGÜL DÜNDAR










19. Dezember

SEBASTIAN UNGER


Gegenseitige Verschlingung
unbelebter, auch teilbelebter Vorgänge


[1]

Ihr Sturz aus der Gewölbedecke
Wellendeckung, eine einstudierte Plötzlichkeit
auf den Waldwegen
als die Kiefer ihrer eigenen Baumhöhe entgegenspringt. Gewahrsam
wie der Fisch dem baugleichen Beutefisch auflauert
bei aufwärtsgerichtetem Blick, bis in diesem Körper
schlagartig das Fremde haust, Höhe
z.B. als umgedrehter Fall
der bucklig zu sich heimkehrt von weiter Strecke

[2]

Dass die Kiefer ohne Auflastung
auf dem Fuß des Betrachters steht, ein reiner Windbaum
der sich nach oben in die Treibnadeln versenkt
das eingelassene Bad eines kilometertiefen Nachmittags
ohne einen Spritzer
lässt sie ihr Tierwappen blitzen
die nur mit Himmelsbläue eingebeizte Haut
der nachgezogenen Flosse: so zu sterben
dressiert auf mittelozeanische Einsamkeit am Ende
sind die Kunststücke da draußen die besten
das Einschlagsecho von Ast und Stamm
bei ruhiger See und ruhigen Händen

[3]

Ein Blendwerk heimisch und monströs:
der Unschuldslatz, den die Pflanzen umhaben, Borke
oder Leinen
dabei bekleckert mit Lichtflecken
von oben bis unten
hier ein Sprengsal trocken vom Kalender geschabter Rotschuppen
in Dörrsimulation die Kiefer, bis ihr Wind hineingreift
mitten ins Gebiss
wie Großstücke aus ganzen Beständen von Tagen verschwinden
im Fangschild die fleißigen Reusen und Tuch
drüber kurzes Knacken: das Junigenick
in der Nähe des Zauns
und beiläufig leises Nachpoltern zwischen den Baumreihen
völlig armlos, strammes Luftanhalten, Niemands-













20. Dezember

GÜNTER EICH


Ausfahrender Zug








Bank und Wand beginnen sich zu rühren,
reiben sich und ächzen pausenlos
und die Griffe in den losen Türen
klappern mit im ersten Schienenstoß.

Ach, als Flocken durch die Ritze treiben
spür ich von der Angst der Welt mein Teil,
rötlich wandert durch verklebte Scheiben
Bogenlampenlicht durch das Abteil,

tastet über Hut und Mantelfalten,
bis es kurz die Gegenwand erhellt.
Manchmal glaub ich noch die Welt zu halten,
wo sie rings schon auseinanderfällt.







21. Dezember

PETER RÜHMKORF


Ach, wär ein Ich
Variationen über Trennungsstriche in Liebe und Lyrik


Ach, wär ein Ich
und nicht nur dieses Äch-
zen von gestanz-
tem und verspanntem Blech,
nicht nur das Quiet-
schen ausgefranster Bowdenzüge,
lieber ein Lied-
chen, das mich außer Landes trüge,
am liebsten Liebe, die
- wie kurz sie sei -
statt hier bei Brunch mit Lie-
und Bi-Bedienerei,
Mundwinkelküssen,
achtlos appliziert,
auf Stehimbissen, wie?
von wem? ich weiß nicht, eingeführt -
Ach, wär ein Ich,
und Ihr, Madame, mit mir zusammen im Gesträuch:
ich e i n m a l rich-
tig in und Ihr gesammelt außer Euch.









22. Dezember

KERSTIN PREIWUSS


Die Windsbraut schläft in mir






Die Windsbraut schläft in mir.
Ein schaukelndes Embryo in jeder Ohrmuschel.
Wie beruhigt mich dass sie sich bewegt.
Ich bin gut aufgehoben egal was in mir tobt.
Die Windsbraut hat sich in mein Ohr gelegt.
Übers Jahr ist es umgekehrt.
Der Wind schläft draußen mit mir.
Der Wind ist draußen.
Ich bin allein.
So klingt Verlassenheit.
Ich weiß dass das ein Mythos ist.
Was in mir tobt bin ich.







23. Dezember

ROBERT REINICK


Christkind

Die Nacht vor dem heiligen Abend,
da liegen die Kinder im Traum;
sie träumen von schönen Sachen
und von dem Weihnachtsbaum.

Und während sie schlafen und träumen,
wird es am Himmel klar,
und durch den Himmel fliegen
drei Engel wunderbar.

Sie tragen ein holdes Kindlein,
das ist der Heil’ge Christ;
es ist so fromm und freundlich,
wie keins auf Erden ist.

Und wie es durch den Himmel
still über die Häuser fliegt,
schaut es in jedes Bettchen,
wo nur ein Kindlein liegt,

und freut sich über alle,
die fromm und freundlich sind;
denn solche liebt von Herzen
das liebe Himmelskind.

Wird sie auch reich bedenken
mit Lust aufs allerbest’
und wird sie schön beschenken
zum lieben Weihnachtsfest.

Heut schlafen noch die Kinder
und sehn es nur im Traum,
doch morgen tanzen und springen
sie um den Weihnachtsbaum.










24. Dezember

ANNA RITTER


Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen







25. Dezember

RONYA OTHMANN


womit soll man beginnen

womit soll man beginnen, wenn man die monde
abgelaufen ist wie ein alphabet. mit diesem weiler, dieser
hofleere, zwischen scheune und wald, nicht mal wind und.
was der nebel hervorwürgt, hängt am morgen in den gräsern.
eine feuchte, eine schwere, dein in der mitte geteiltes haar. es sickert
und ich streiche aus, fades licht. ich schlucke nicht. worauf ich warte,
tritt nicht ein. mit welchem pronomen soll ich dich versehen und
zu welchem ende soll ich atmen. ein zucken in den halmen, bevor ich vergesse,
von welchem tier oder war da eins. in der ferne ein gewitter, das sich in sich
zusammenzieht und wohin. du zählst, ein abgebranntes haus und darin
war nichts außer ein bett, ein stuhl, ein tisch und mein bett, mein stuhl,
mein tisch. mein schlaf ist in eine schieflage geraten. von da an
lässt sich nicht bleiben, nur fragen. wohin trägt man diese gegend.
und womit füttert man den nebel.







26. Dezember

TRISTAN MARQUARDT


beine wie gitter







beine wie gitter, als hätten die bäume zu gehen verlernt.
ritz in die rinde, versuch dich zu erinnern. als der häftling
seinen mund öffnete, begann die naturkunde zu schweigen:
präpariertes laub, das sich auf fassaden ausbreitete, fenster,
feinste mechanismen der luftzufuhr zu einer zoologie der
pflanzen. zellen. oder lichtungen von oben, erogene zonen
des walds, deren umsiedlung zum bleiben verführte. kaum,
dass die gewebe sich im sitzprotest befanden, begann die blatt-
werdung der äußeren schichten: haut der gebäude, häutung,
gezähmtes grün, zog sich fell über, wärmte fortan. schutz ums
schmerzgedächtnis. narben schlossen den geöffneten bereich.







27. Dezember

JÜRGEN THEOBALDY


Vor der Pension
Für Jannis Ritsos


Nachts trocknen die Straßen aus, jede Nacht.
Geröll sammelt sich im Rinnstein, Geröll,
das die Farben übrigließen, der Mittagslärm,
die fettbeschlagenen Scheiben, die Autos, all die Autos...
Kein Wind geht, und doch, etwas strömt um die Häuser,
etwas, das kein Zeitungsblatt im Staub aufwirft,
das nicht stärker rauscht als das Blut in den Ohren.
Starkes Licht steht in der Taverne, und die Mauer
hindert es, auf die Tische vor der Tür zu fallen.
Wie lange ist es her, daß ein Gewehrabzug knackte
und mondgraue Trupps hier um die Ecke drängten, Athen?
Jede Nacht um elf kommen sie an diesen Tisch,
der mächtige Alte im Burnus, mit Fäusten
groß wie der Kopf des Kinds, das ihn mit sich zieht.
Ich sehe die beiden schmausen, immer für sich,
Hammel mit Bohnen und Brot und Wasser.
Und jede Nacht nach zwölf gehen sie davon,
zu welchem Lager hin, er, in Schuhen, ohne Strümpfe,
das Mädchen barfuß? Aus den Fingern
meiner rechten Hand zieht eine schmale Spur Blut
durchs Notizbuch. Ich halte den Atem an.
Weit weg entfernt sich das Rasseln des Panzers.











28. Dezember

TOM BRESEMANN


in tante ilses zimmer

1

wo das dorf der onanisten
träumt sich reinheit, zierde
und zufriedenheit,

das glück zu den linnen,
den schlüpfrigen
stellen der schrift

2

wer war zuletzt
in tante ilses zimmer?
die zornigen zeichen.

das ist verdolmetscht,
die im haus sind
leuchten nachts zum fenster raus,

in tante ilses zimmer mit dem groben
tuch im maul,

und ärgert dich dein rechtes aug,
so reiß es aus und wirfs
in tante ilses zimmer.

3

wo das schweineleder hängt,
in tante ilses zimmer,

stehn die fettkartuschen
schmiere in der dunkelheit.

du liebes herzblatt immertreu,
sie sagen tante ilse

ist schon lange tot,
das schwein.









29. Dezember

GERHARD FALKNER


entwurf einer demolation

ICH BIN ES, der Dichter,
ich bin es nicht wert, daß man mir den Dreck
hinterher wirft, den ich von mir gebe,
ich bin, so steht es auf dem Papier,
die Gestalt,
an der die Sprache sich abwischt,
der Dauergast
in ihren Elendsvierteln
es ist so einfach
meinem Hirn über die Schultern zu gucken
und auf die gestirnte Leere zu blicken
die mein Denken überschattet
was immer ich anschneide
ist allein schon dadurch
blamiert bis auf die Knochen
kaum mache ich den Mund auf
schon schallen mir die glücklichsten Zeiten
entgegen
(glücklich im Sinne von unglücklich)
ich drücke die Türklinke
ich öffne ein Schubfach, Nacht schlägt
mir entgegen aus dem Schubfach,
Apfelduft und Nacht.
Immer wieder entschlüpft etwas Dunkles,
für das ich zu flach bin.
zu unbekannt, zu geboren.
Ich möchte einen schlafen gehen
aber wer bin ich, das zu wollen
Ich greife zum Haar, das Haar brennt
nicht, keine Flammen, kein Nachmittag,
an dem jemand stirbt,
stirbt an seinem bisher, stirbt an der Frage,
warum etwas ist und nicht vielmehr nichts.
(eine Frage, die dasteht, wie gedruckt!)
ich liege im Zimmer
die Welt ist aufgeblasen wie ein Ball
die Augendeckel sind hochgeklappt.
Draußen stehen die Bäume, die grünen Bläser
abgeriegelt von den Geigenklängen
dahinter der große Hintergrund meines Lebens
hell und hohl
da endlich betritt sie das Zimmer
sie, die in jeder Frau sich wiederholt
sie, die dasteht wie gedruckt
sie, die mich sieht und nicht vielmehr nicht sieht.
Zwischen Tür und Angel entdeckt sie ihre Neugierde
sie legt ihre Hände voller Virtuosität
auf ihre Rippen,
Rippen, die sie hungrig und kurzlebig
erscheinen lassen.
Er, der über sich selbst hinaus auch noch ich ist,
sieht das, sieht wie
sie fragt: was geht hier vor?
Er sagt ich sage: halb drei!
und ziehe durch diese Zahl
eine tote Hortensie. Da erzählt sie:
Mein schmaler Gatte kommt auf mich zu
und sagt: sei froh, daß du tot bist.
Für mich, sage ich, sagt sie, bin ich nicht
tot, für mich ist es nur spät, schon
halb drei
die Stunden sterben wie die Fliegen
sie fragt, was geht hier eigentlich vor
ich sage, ich werde gerade selbstbefriedigt!
damit beginnt der Abstieg
aus der Höhe der Reflexion
in die Tiefe der Befleckung.
Aber, sagt sie, das geht nicht
ich bin doch kein Sack,
den man sich in die Tür hängt
ich werde jetzt heiraten gehen
ich geh auf die Straße
und heirate ich aber,
ich kann nur beteuern:
ich habe das Gedicht nicht gewollt,
wie ein Vers liege ich nachts
auf dem Rücken, aufgedeckt, nicht zuende
gedacht, wie ein trockener Teebeutel,
wie das herunterhängende rote Ende
eines nicht mehr dichtbaren Gedankenfadens









30. Dezember

JOACHIM SARTORIUS


Der Kultstein von Kouklia

Es ist ein Meteorit.
Ein Steinbrocken, dessen Feuer
beim Aufprall erlosch. Die dünne
gläserne Schmelzrinde erinnert
an dieses Zusammentreffen
von Himmel und Erde, sie
zieht die Suchenden an.

Er ist unansehnlich, graugrün
statt schwarz, die Kegelform
nicht regelmäßig, ein Idol,
das keinen Reim gibt
auf die schöngestaltige
Schaumgeborene. Es wird
das Geheimnis der Wallfahrt sein.

Die hohen, sich selbst tragenden
Säulen, gekrönt vom Doppelhorn,
sind auf Münzen zu sehen.
Das reine Feuer, das zum Himmel
stieg, müssen wir uns denken.
Wir wandern um den Glassturz.
Vor dem Museum donnern Lastwagen,
beladen mit antikem Marmor,
über die Straßen der Erinnerung.
Der Stein kann nicht berührt,
nicht geküsst werden.









31. Dezember

DAGMAR LEUPOLD


Neu-Englands Töchter
Portsmouth, New Hampshire, im Sommer










Wie aus alten Gemälden schauen
sie uns an: weiß und rot, mit lauem
Fleisch und fahlem Haar, das
geflochten auf schmalen Schultern lastet. Wie Glas

der helle Blick auf ferne Wasser,
den die lange Geschichte nicht trübt.
Die weichen, runden Arme sind blasser,
die Hüften ruhiger, schwer. Es gibt

eine Anmut in ihrer Trägheit
gleich der des Schlafs oder stiller Lügen,
der wir uns wortlos fügen:
als wäre das die Seligkeit.