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April



Mit Vollbild (F11) noch schöner!



1. April

MIRIAM FEUERLEIN/MARTINA WIEMERS

Aprilscherz

Ein Frosch erbittet sich ganz dreist
der Königstochter Hand, das heißt,
er mag wohl eher ihren Mund
und einen Kuss zum Ehebund.
Sie flüstert lächelnd nur: „Ich will“
und lacht dann laut: „April, April!

Was soll ich mit nem Frosch im Bett,
der ist so kalt und gar nicht nett,
nehm lieber König Drosselbart,
und küss ihn leidenschaftlich, zart
auf seinen wunderschönen Mund
jeden Tag zur vollen Stund“

Da sagt der Frosch „April, April!
Königstochter sei mal still
der Drosselbart, der ist zwar cool
doch nichts für dich, denn er ist schwul
er liebt seit langem "Hans im Glück"
nun wein doch nicht, ums Mißgeschick!“








2. April

LOUISE ASTON

Nachtphantasien

Ich liebe die Nacht! Ich liebe die Nacht!
Doch nicht die einsame, trübe!
Nein, die aus seligen Augen lacht,
In flammender Pracht, in Zaubermacht,
Die heilige Nacht der Liebe.

Es mahne der Tod mich, der finstere bleiche,
An das Leben, das lichte, das reiche,
An den heiteren Genius der Welt!
Drum hab ich ein knöchern Beingerippe
Mit Kruzifix und drohender Hippe
In meinem Zimmer aufgestellt.

Fest schau ich es an bei Mondenscheine,
Wenn ich in verzweifeltem Schmerze weine.
Ein kämpfendes Kind der kämpfenden Zeit!
Dann tauml ich empor in wildem Entzücken,
Das Leben noch einmal ans Herz zu drücken,
Bevor es vernichtendem Tode geweiht!

Ja, kühlen in frischen Lebensfluten
Will ich der lodernden Seele Gluten!
Ich will, vor Sünde und Kreuz bewahrt,
Stark durch des eigenen Geistes Ringen,
Mich aus Fesseln und Banden schwingen
Auf zu begeisterter Himmelfahrt!
Albrecht Dürer Memento mei




3. April

AUGUST WILHELM SCHLEGEL

Worte

Conny Niehoff Die Amsel singt am Gartenteich im Apfelbaum ihr Lied









Worte sind nur dumpfe Zeichen,
Die Gemüter zu entziffern,
Und mit Zügen, Linien, Ziffern
lässt sich Wissenschaft erreichen.
Doch seht! Aus des Äthers Reichen
Lässt ein Bild des ewgen Schönen
Nieder zu der Erde Söhnen
Sich in Bild und Ton nun schicken.
Liebe spricht in hellen Blicken,
Liebe denkt in süßen Tönen.

Liebe stammt vom Himmel oben,
Und so lehrte sie der Meister,
Welchen seine hohen Geister
In derselben Sprache loben.
Denn beseelt sind jene Globen.
Strahlend redet Stern mit Stern
Und vernimmt den andern gern,
Wenn die Sphären rein erklingen.
Ihre Wonn ist Schaun und Singen,
Denn Gedanken stehn zu fern.

Stumme Zungen, taube Ohren,
Die des Wohllauts Zauber fliehn,
Wachen auf zu Harmonien,
Wenn die Lieb sie neu geboren.
Angeschienen von Auroren,
Deren Strahlen leis und fern,
Haucht die Lieb aus starrem Kern
Ihre Sehnsucht aus in Liedern.
Und der Sonne Gruß erwidern,
Nur in Tönen mag sie gern.

Töne sind die Kunst der Liebe.
In der tiefsten Seel empfangen,
Aus entflammendem Verlangen
Mit der Demut heilgem Triebe.
Dass die Liebe treu sich bliebe,
Zorn und Hass sich ihr versöhnen,
Mag sie nicht in raschen Tönen,
Nur mit heitrer Jugend scherzen.
Sie kann Tod auch, Trauer, Schmerzen
Alles, was sie will verschönen.



4. April
WOLF BIERMANN

Ermutigung

Du, lass dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Du, lass dich nicht verbittern
in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern
- sitzt du erst hinter Gittern -
doch nicht vor deinem Leid.

Du, lass dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das wolln sie doch bezwecken
dass wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen
in dieser Schweigezeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir wolln das allen zeigen,
dann wissen sie Bescheid


Caravaggio Vocazione di San Matteo




5. April

Hendrick Danckerts König Karl II.

CHRISTIAN FRIEDRICH DANIEL SCHUBART

Der gnädige Löwe

Der Tiere schrecklichstem Despoten
Kam unter Knochenhügeln hingewürgter Toten
Ein Trieb zur Großmut plötzlich an.
Komm, sprach der gnädige Tyrann
Zu allen Tieren, die in Scharen
Vor seiner Majestät voll Angst versammelt waren,
Komm her, beglückter Untertan,
Nimm dieses Beispiel hier von meiner Gnade an!
Seht, diese Knochen schenk ich euch! –
Dir, rief der Tiere sklavisch Reich,
Ist kein Monarch an Gnade gleich! –
Und nur ein Fuchs, der nie den Ränken
Der Schüler Machiavells geglaubt,
Brummt in den Bart: Hm, was man uns geraubt
Und bis aufs Bein verzehrt,
ist leichtlich zu verschenken!




6. April

FRIEDRICH NIETZSCHE

An den Mistral

Mistral-Wind, du Wolken-Jäger,
Trübsal-Mörder, Himmels-Feger,
Brausender, wie lieb ich dich!
Sind wir zwei nicht eines Schoßes
Erstlingsgabe, eines
Loses Vorbestimmte ewiglich?

Hier auf glatten Felsenwegen
Lauf ich tanzend dir entgegen,
Tanzend, wie du pfeifst und singst:
Der du ohne Schiff und Ruder
Als der Freiheit freister Bruder
Über wilde Meere springst.

Kaum erwacht, hört ich dein Rufen,
Stürmte zu den Felsenstufen,
Hin zur gelben Wand am Meer.
Heil! da kamst du schon gleich hellen
Diamantnen Stromesschnellen
Sieghaft von den Bergen her.

Auf den ebnen Himmels-Tennen
Sah ich deine Rosse rennen,
Sah den Wagen, der dich trägt,
Sah die Hand dich selber zücken,
Wie sie auf der Rosse Rücken
Blitzesgleich die Geißel schlägt. –

Sah dich aus dem Wagen springen,
Schneller dich hinabzuschwingen.
Sah dich wie zum Pfeil verkürzt
Senkrecht in die Tiefe stoßen, –
Wie ein Goldstrahl durch die Rosen
Erster Morgenröten stürzt.

Tanze nun auf tausend Rücken,
Wellen-Rücken, Wellen-Tücken –
Heil, wer neue Tänze schafft!
Tanzen wir in tausend Weisen,
Frei – sei unsre Kunst geheißen,
Fröhlich – unsre Wissenschaft!

Claude Monet Cap d'Antibes im Mistral


Eine Blüte uns zum Ruhme
Tanzen wir gleich Troubadouren
Zwischen Heiligen und Huren,
Zwischen Gott und Welt den Tanz!
Wer nicht tanzen kann mit Winden,
Wer sich wickeln muss mit Binden,
Angebunden, Krüppel-Greis,
Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen,
Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen,
Fort aus unsrem Paradeis!

Wirbeln wir den Staub der Straßen
Allen Kranken in die Nasen,
Scheuchen wir die Kranken-Brut!
Lösen wir die ganze Küste
Von dem Odem dürrer Brüste,
Von den Augen ohne Mut!

Jagen wir die Himmels-Trüber,
Welten-Schwärzer, Wolken-Schieber,
Hellen wir das Himmelreich!
Brausen wir ... o aller freien
Geister Geist, mit dir zu zweien
Braust mein Glück dem Sturme gleich. –

Und dass ewig das Gedächtnis
Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis
Nimm den Kranz hier mit hinauf!
Wirf ihn höher, ferner, weiter,
Stürm empor die Himmelsleiter,
Häng ihn - an den Sternen auf!






7. April









NICO BLEUTGE

leichter sommer

als läge noch eine schicht zwischen ihnen
und dem schmalen streif der küste
traten die wolken hervor, scharf ab-
geschnitten an der unteren kante, oben
ein faltiger riemen, in den die möwen kleine
löcher stanzten. beim nächsten aufschauen
hatte dunst die fläche aufgerauht und der wind
verfing sich in den drahtnetzen
knapp unterm wasserspiegel, die vögel
waren längst verschwunden, der himmel
hielt noch ein weilchen jene luft
die unter ihren flügeln rauschte

dann löste sich die hitze langsam
vom balkon und der blick wurde leichter

von den häusern abgelenkt. die weißen
parabolantennen an den fenstern

fingen schon die ersten lichter an
zu glühen blau und grün verkapselt.

als die augen zwischen den reklametafeln
streunen wollten war es eine rote

plastiktüte in der luft weit oben leuchtend
glitt sie vorbei und gab dem blick nach

und nach halt bis er weich und ruhig
hinter den lidern saß

die mit den broten sprechen, mur-
melnd, versunken. die an den straff
gespannten seilen stehen, sich
die köder stecken, bei nacht. algen
im wasser, rost, der auf den pollern
sitzt. ein warten, schauen auf lampen,
auf die haut. ein licht schütten
schuppige knoten. manch einer boje,
manch einer glutrest, spiritus. und
was sie fallen lassen, nachts, was
aus der hand sich löst, im murmeln,
wenn sie mit fremdem griff so rasch
den kork eintauchen, leuchtpunkte
setzen, kleine strömungssonden

und dann die lampengeschäfte, ihr nach-
gebendes summen, mit der umluft darin

dem leichten steppengeruch. ceylan
leuchtete, -latma, ausstehende nacht-

arbeit. nicht schlafen unter den kabeln, nicht
den pflanzen nachwachsen. glasbüschel

dehnten sich, blattwaben, wandernd, reh-
braun glänzende käfer. ihr staunen noch

schwach, vor den glühgeräuschen. nach-
giebig, tastend, rückten sie vor, noch

ohne schlaf, noch in das laufen vertieft
mit ihren kleinen warmen panzern

nicht mehr im dunkeln, nur den fühlern
nach, durch wirbelnde funken von luft


8. April

ULJANA WOLF

aufwachraum I

ach wär ich nur im aufwachraum geblieben
traumverloren tropfgebunden unter weißen

laken neben andern die sich auch nicht fanden
eine herde schafe nah am schlaf noch nah an

gott und trost da waren große schwesterntiere
unsre hirten die sich samten beugten über uns –

und stellten wir einander vor das zahlenrätsel
mensch: von eins bis zehn auf einer skala sag

wie groß ist dein schmerz? – und wäre keine
grenze da in sicht die uns erschließen könnte

aus der tiefe wieder aus dem postnarkotischen
geschniefe – blieben wir ganz nah bei diesem

ich von andern schafen kaum zu unterscheiden
die hier weiden neben sich im aufwachraum

aufwachraum II

ach wär ich nie im aufwachraum gewesen
taub gestrandet schwankend in der weißen

barke neben andern barken angebunden –
ja das ist der letzte hafen ist der klamme

schlafkanal mit schwarzen schwestern die
als strafgericht am ufer stehn und dir mit

strengen fingerspritzen drohen: tropf und
teufel meine liebe können sie mich hören

und hören kannst du nichts nur diese stille
in den schleusen sanitäres fegewasser das

dich tropfenweise aus dem schlauch ernährt –
als unter deinem bett das meer mit raschen

schlägen dich zurückraubt in den traum von
stern und knebel fern vom aufwachraum


Franz Josef Schäffler Operation








9. April

Willi Holtmann Englischer Adel bei Parforce-Jagd

GOTTFRIED AUGUST BÜRGER

Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen

Wer bist du, Fürst, dass ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zertreten darf dein Ross?

Wer bist du, Fürst, dass in mein Fleisch
Dein Freund, der Jagdhund, ungestraft
Darf Klaun und Zähne haun?

Wer bist du, dass, durch Saat und Forst,
Das Waldhorn deiner Jagd mich treibt,
Entkräftet, wie das Wild? –

Die Saat, die deine Jagd zertritt,
Was Pferd und Hund und du verfrisst,
Das alles Fürst, ist mein.

Du hast ja nicht, mit Egg und Pflug,
Den Erntetag durchschwitzt.
Mein ist der Fleiß, das Brot! –

Was? Du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus.
Du raubst! Du nicht von Gott, Tyrann!






10. April

SARAH KIRSCH

Legende über Lilja









Ob sie schön war ist nicht zu verbürgen. Zumal
Die Aussagen der überlebenden Lagerbewohner
Sich widersprechen. Schon die Farbe des Haars
Wird unterschiedlich benannt. In der Kartei
Fand sich kein Bild. Sie soll
Aus Polen geschickt worden sein.

Im Sommer ging Lilja barfuß wie im Winter und schrieb
Sieben Briefe.

Sechs drahtdünne Röllchen wandern
Durch Häftlingskittel übern Appellplatz. Kleben
An müder Haut. Stören den Schlaf. Erreichen,
Den man nicht kennt.

Das siebente nahm einer gegen Brot und verriet.

Lilja in der Schreibstube. Lilja unterwegs. Lilja im Bunker.
Schlag mit der Peitsche. Den Namen. Warum sagt sie nichts?
Wer weiß das.
Warum schweigt sie im August, wenn die Vögel
Singen im Rauch.

Einer mit Uniform, Totenkopf am Kragen, Liebhaber
Alter Theaterstücke (sein Hund mit klassischem Namen),
Er fand, man sollte ihre Augen reden lassen.

Durch die gefangenen Männer wurde eine Straße gemacht.
Eine seltsame Allee geplünderter Bäume tat sich da auf.
Hier sollte sie gehen, und einen verraten.

Nun brauch deine Augen, Lilja. 'Befiehl
Den Muskeln, dem Blut, Sorglosigkeit. Hier bist du oft
Gegangen, kennst jeden Stein, jeden Stein.

Ihr Gesicht ging vorbei,
Sagten die Überlebenden. Sie
Hätten gezittert. Lilja, wie tot, ging. Ging
Bis der Mann, dessen Hund Hamlet hieß,
Brüllte: "genug".

Seitdem wurde sie nicht mehr gesehen.
Andere Zeugen sagten, sie habe auf ihrem Weg
Alle angelächelt. Sich mit den Fingern gekämmt.
Sei gleich ins Gas gekommen. - Das war
Über zwanzig Jahr her.

Alle sprachen lange von Lilja.

Die Richter von Frankfurt ließen im Jahr 65 protokollieren:
"Offensichtlich
Würden Legenden erzählt. Dieser Punkt
Sei aus der Anklage zu streichen."

In dem Brief soll gestanden haben: "Wir
Werden hier nicht rauskommen. Wir haben zu viel gesehn.






11. April

EVA STRITTMATER

Kolo



Soll ich gehen, soll ich nicht?
Ein paar Tage südwärts fliegen,
Unterm makedonschen Licht
Ohne meinen Schatten liegen?

Wird es mir noch mal gelingen,
Deutsche Häute abzustreifen
Und beim Kolo mitzusingen,
Ohne etwas zu begreifen?

Wenn ich in den Spiegel spähe,
Sage ich mir: lass es bleiben!
Schließlich kannst du aus der Nähe
Dichtend in die Ferne treiben.
Du hast alles schon genossen
Und gesehen und geliebt.
Deine Jugend ist verflossen.
Wohl dem, der sich drein ergibt.

Wie ich so vernünftig denke
Und bewusst Entschlüsse fasse,
Tauche ich in meine Schränke
Und probiere, ob er passe,

Den verwegen roten Rock,
Den ich letztes Jahr getragen.
Und ich denke: mit dem Stock
Sollte man dich Alte schlagen.






12. April

HEINZ ERHARDT

Drei Bären

Ein Brombär, froh und heiter, schlich
Durch einen Wald. Da traf es sich,
Dass er ganz unerwartet, wie's
So kommt, auf einen Himbär stieß.

Der Himbär rief - vor Schrecken rot -:
"Der grüne Stachelbär ist tot!
Am eignen Stachel starb er eben!"
"Ja", sprach der Brombär, "das soll's geben!"
Und trottete - nun nicht mehr heiter
Weiter . . .

Doch als den "Toten" er nach Stunden
Gesund und munter vorgefunden,
Kann man wohl zweifelsohne meinen:
Hier hat der andre Bär dem einen
'nen Bären aufgebunden!





Polyglott

Die Katze sitzt vorm Mauseloch,
In das die Maus vor kurzem kroch,
Und denkt: "Da wart nicht lang ich,
Die Maus, die fang ich!"

Die Maus jedoch spricht in dem Bau:
"Ich bin zwar klein, doch bin ich schlau!
Ich rühr mich nicht von hinnen,
Ich bleibe drinnen!"

Da plötzlich hört sie - statt "miau"
Ein laut vernehmliches "wau-wau"
Und lacht: "Die arme Katze,
Der Hund, der hatse!

Jetzt muss sie aber schleunigst flitzen,
Anstatt vor meinem Loch zu sitzen!"
Doch leider - nun, man ahnt's bereits
War das ein Irrtum ihrerseits,

Denn als die Maus vors Loch hintritt
Es war nur ein ganz kleiner Schritt
Wird sie durch Katzenpfotenkraft
Hinweggerafft! --

Danach leckt sich die Katz die Pfote
Und spricht mit der ihr eignen Note:
"Wie nützlich ist es dann und wann,
Wenn man'ne fremde Sprache kann . . . !"

13. April

TOBEDIAS DANGER

Mit dir

Lass uns weitergehen und die Stadt bleibt hinter uns stehen.

Die Stadt macht Jagd.
Stellt ihre Fallen.
Will uns einfangen.

Und wir laufen hinfort.
Wissen nicht wohin.
Hier da oder dort?
Hier da oder dort?

Einfach treiben lassen.

Lass uns weitergehen und die Stadt bleibt hinter uns stehen.

Ich kann es nicht mehr leugnen.
Ich freu mich, ja ich freu mich.
Alle Wälder und alle Wiesen.
Mit dir zu begehen.









14. April

WALTER MOSSMANN

Lied für meine radikalen Freunde

Dieses Lied ist für Ann-Marie,
wir haben zusamm'n demonstriert, als die
Polizei mit Gasgranaten schoss
und wir waren doch waffenlos.
Im Knastwagen saß ich ziemlich allein,
aber sie schlich sich zu mir rein,
dann kamen andere Arm in Arm,
Mensch wurde mir da plötzlich warm!
Zuviel Gefangene war'n zuviel
für's Räuber- und Gendarmenspiel,
ein' Rädelführer hau'n die zu Brei -
für Hundert war kein Kittchen frei!
Dir Ann-Marie dank ich den ersten Schritt,
nur wegen Dir kamen andere mit,
was Du getan hast ist radikal
- ach wär's doch normal!



Dieses Lied ist für Gustaf auch,
er hat ein Holzbein und ein dicken Bauch,
liebt Kaiserstuhlwein noch mehr als ich
drum geht er nicht korrekt auf'm Strich.
Er ist ein Rundfunkredakteur,
ich sage Euch, der Job ist schwer,
jedenfalls wenn's um die Wahrheit geht,
weil die dort im Giftschrank steht.
Gustaf ließ uns an's Mikrofon,
wir war'n zu deutlich, das reichte schon,
also war seine Karriere kaputt
- was kriegte der Mann auf den Hut!
Du Gustaf hast mal was riskiert,
bloß dass der Rundfunk informiert,
was Du getan hast ist radikal
- ach wär's doch normal!

Dieses Lied ist für die Miriam,
die sah damals Fotos aus Vietnam
und wußte, in Hamburg, fern vom Schuss,
was man gegen Krieg machen muss.
Wir brachten Ihr nachts einen Deserteur,
hinter dem war die NATO her,
sie fragte ihn nicht mal, wie er heisst,
hat ihn nach Schweden geschleust.
Ich hoff', sie wurde niemals gefasst,
für solche Taten gab's nämlich Knast,
die Kriegsverbrecher aus Washington
war'n auch am Ruder in Bonn.
Dir Miriam blüht kein Friedenspreis,
den pflückt ein Gangster, der Bomben schmeisst:
Was Du getan hast, ist radikal
- ach wär's doch normal!


Dieses Lied ist für die Barbara,
die war in Whyl von Anfang an da,
muss doch drei Kinder versorgen und hat
ein' Job im Büro in der Stadt.
Als unser Auto samt Megaphon
gesucht wurde wegen Agitation
sagte sie nur: "Ein klarer Fall!
Den Käfer versteck' ich im Stall."
In ihrer Herberge war Platz
trotz aller Terroristenhatz.
Unser VW saß friedlich im Heu
und Esel und Ochs war'n dabei!
Du Barbara hast nicht Worte gemacht,
sondern geholfen und laut gelacht:
was Du getan hast, ist radikal
- ach wär's doch normal!

Dieses Lied ist für Alfred aus
einem gelben Gewerkschaftshaus,
wo mancher heut die Klappe hält,
damit ihn kein Schießhund verbellt.
Ich hab' ihm gesagt, das ist doch Stuss,
der Unvereinbarkeitsbeschluss
und die Atommafia ist kriminell
- trotzdem lädt er mich ein offiziell!
Er ist nicht käuflich, na Gott sei Dank,
weder von Siemens noch der Deutschen Bank,
irgendwann fliegt er aus seinem Büro,
- das ist Berufsrisiko!
Dir, Alfred, verzeih'n sie doch nie,
Deine Lust an der Demokratie,
was Du getan hast ist radikal
- ach tu's doch nochmal!


Dieses Lied ist für George Brassens,
den Liedermacher aus der Provence,
der liebt die Leut' und 's Katzenvieh
und bisschen die Anarchie.
Er hat mich gelehrt, mich umzuseh'n
statt aufzuseh'n zu lichten Höh'n;
wo über uns sitzen Gesässe aus Stein,
Ärsche mit Heiligenschein.
Aber so um uns rum vis-a-vie
Alfred und Gustaf und Ann-Marie,
Miriam oder Barbara,
die brauchen wir und die sind da!
Ich hab' Euch dieses Lied erzählt,
weil sowas leicht auf den Abfall fällt,
was da so klein scheint und normal
- das ist radikal!



nochn Gedicht



15. April

RAINER MARIA RILKE

Obwohl ein jeder von sich strebt

Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt
wie aus dem Kerker, der ihn hasst und hält, -
es ist ein großes Wunder in der Welt:
ich fühle: alles Leben wird gelebt.

Wer lebt es denn? Sind das die Dinge, die
wie eine ungespielte Melodie
im Abend wie in einer Harfe stehn?
Sind das die Winde, die von Wassern wehn,
sind das die Zweige, die sich Zeichen geben,
sind das die Blumen, die die Düfte weben,
sind das die langen alternden Alleen?
Sind das die warmen Tiere, welche gehn,
sind das die Vögel, die sich fremd erheben?

Wer lebt es denn? Lebst du es, Gott, -
das Leben?





16. April









REINHARD MEY

Mein Testament

In Erwartung jener Stunde, die man halt nicht vorher kennt
Nehm' ich mir Papier und Feder und beginn mein Testament
Schreibe meinen letzten Willen, doch ich hoffe sehr dabei
Dass der Wille, den ich schreibe, doch noch nicht mein letzter sei
Aber für den Fall der Fälle halte ich ihn schon bereit
Dabei täte mir der Fall der Fälle ausgesprochen leid

Meinen Nachlass zu verwalten, geb' ich dir allein Vollmacht
So weiß ich, dass mit dem Nachlass keiner keinen Unfug macht
Geh' zunächst zum Biergroßhändler, der schon schluchzt und lamentiert
Weil er mit mir eine Stütze seines Umsatzes verliert
Schenk' ihm all die leeren Flaschen, die bei uns im Keller steh'n
Mit dem schönen Posten Leergut wird es ihm schon besser geh'n

Was danach an guten vollen Flaschen noch im Keller ist
Die vermach' ich Euch, Ihr Freunde, die Ihr sie zu schätzen wisst
Als Dank für die guten Stunden, die Ihr mir gegeben habt
Als Dank dafür, dass Ihr heut' noch hinterm schwarzen Wagen trabt
Ich vermach' Euch Fass und Flaschen, euch zum Wohle, mir zum Trost
Ich hätt' gerne mitgetrunken, leider geht's nicht, na denn Prost

Alles, was ich an irdischen Gütern habe, Hund und Haus
Vermach' ich dir, meine Freundin, mache du das Beste draus
Und erscheinen dir die Räume plötzlich viel zu eng und klein
Öffne den Freunden die Türen, und das Haus wird größer sein
Verschenke, was immer du verschenken willst vom Inventar
Sei mit denen die dich bitten, großzügiger, als ich es war

Meine Träume, meine Ziele, sind bei dir in guter Hand
Die, die ich so gut geliebt hab', wie ich es nun mal verstand
Ich wollte die Welt verbessern, ohne viel Erfolg scheint mir
Mach du, wo ich aufhör', weiter, und vielleicht gelingt es dir
Das wird dich darüber trösten, wenn ich nicht mehr bei dir wohn'
Dann werd' wieder die Glücklichste, die Schönste bist du ja schon

Meine Verse, meine Lieder, gehör'n dir ja ohnehin
Die, die mich so sehr geliebt hat, mehr vielleicht, als ich's verdien'
Denn durch dich hab' ich, wenn heut' schon meine letzte Stunde kommt
Viel mehr als nur jenen Teil vom Glück gehabt, der mir zukommt
So bedaur' ich eine in jener Stunde nur, dass offenbar
Uns das Los von Philemon und Baucis¹ nicht beschieden war

Aber eines freut mich doch, wenn ich heut' sterbe, ungeniert
Hab' ich meine Widersacher doch noch einmal angeschmiert
Denn ich hör' die Lästermäuler Beileid heucheln und sogar
Murmeln, dass ich stets der Beste, Liebste, Allergrößte war
Euch, Ihr Schleimer, hinterlass' ich frohen Herzens den Verdruss
Dass man von dem frisch Gestorb'nen immer Gutes sagen muss

Mein Vermächtnis ist geschrieben, klaren Kopfes bis zuletzt
Ich lass' noch Platz für das Datum, den Rest unterschreib' ich jetzt
Dieses ist mein letzter Wille, doch ich hoffe sehr dabei
Dass der Wille, den ich schreibe, doch noch nicht mein letzter sei
Wär er's doch, schreib' auf den Grabstein, den ich mir noch ausbeding':

„Hier liegt einer, der nicht gerne, aber der zufrieden ging.




17. April

MATTHIAS CLAUDIUS

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen,
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget,
der weisse Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämm'rung Hülle,
so traulich und so hold,
wie einer stillen Kammer,
wo ihr des Tages Jammer,
verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind doch nur arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinnste
Und treiben viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon’ uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!








18. April

WALTER VON DER VOGELWEIDE

Palästinalied





Nû alrêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge sihet
daz hêre lant und ouch die erde,
der man šo vil der êren gihet.
Nû ist geschehen, des ich ie bat:
ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat.

Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûz ir aller êre.
Waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein maget ein kint gebar,
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
Wol dir, sper, kriuze unde dorn!
Wê dir, heiden, daz ist dir zorn!

Dô er sich wolte übr uns erbarmen,
hie leit er den grimmen tôt,
er vil rîche durch uns armen,
daz wir kœmen ûz der nôt.
Daz in dô des niht verdrôz,
dast ein wunder alze grôz,
aller wunder übergenôz.

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, dâ er inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Dô er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
dô fuor er her wider ze lande.
Dô huob sich der juden leit,
daz er herre ir huote brach,
und daz man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc unde stach.

Dar nâch was er in dem lande
vierzic tage: dô fuor er dar,
dannen in sîn vater sande.
Sînen geist, der uns bewar,
den sante er hin wider zehant.
Heilic ist daz selbe lant:
sîn name, der ist vor gote erkant.

In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
und der arme den gewalt,
der dâ wirt an ime gestalt.
Wol ime dort, der hie vergalt!

Unser lantrehtære tihten
fristet dâ niemannes klage;
wan er wil dâ zestunt rihten,
sô ez ist an dem lesten tage:
swer deheine schulde hie lât
unverebenet, wie der stât
dort, dâ er pfant noch bürgen hât!

Kristen, juden unde heiden
jehent, daz diz ir erbe sî:
got müeze ez ze rehte scheiden
durch die sîne namen drî.
Al diu werlt diu strîtet her.
Wir sîn an der rehten ger:
reht ist, daz er uns gewer.

Nû lât iuch des niht verdriezen,
daz ich noch gesprochen hân.
Ich wil iu die rede entsliezen
kurzlîch und iuch wizzen lân,
swaz got mit dem menschen ie
wunders in der werlt begie,
daz huop sich und endet hie.
Nû alrêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge sihet
daz hêre lant und ouch die erde,
der man šo vil der êren gihet.
Nû ist geschehen, des ich ie bat:
ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat.

Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûz ir aller êre.
Waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein maget ein kint gebar,
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
Wol dir, sper, kriuze unde dorn!
Wê dir, heiden, daz ist dir zorn!

Dô er sich wolte übr uns erbarmen,
hie leit er den grimmen tôt,
er vil rîche durch uns armen,
daz wir kœmen ûz der nôt.
Daz in dô des niht verdrôz,
dast ein wunder alze grôz,
aller wunder übergenôz.

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, dâ er inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Dô er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
dô fuor er her wider ze lande.
Dô huob sich der juden leit,
daz er herre ir huote brach,
und daz man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc unde stach.

Dar nâch was er in dem lande
vierzic tage: dô fuor er dar,
dannen in sîn vater sande.
Sînen geist, der uns bewar,
den sante er hin wider zehant.
Heilic ist daz selbe lant:
sîn name, der ist vor gote erkant.

In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
und der arme den gewalt,
der dâ wirt an ime gestalt.
Wol ime dort, der hie vergalt!

Unser lantrehtære tihten
fristet dâ niemannes klage;
wan er wil dâ zestunt rihten,
sô ez ist an dem lesten tage:
swer deheine schulde hie lât
unverebenet, wie der stât
dort, dâ er pfant noch bürgen hât!

Kristen, juden unde heiden
jehent, daz diz ir erbe sî:
got müeze ez ze rehte scheiden
durch die sîne namen drî.
Al diu werlt diu strîtet her.
Wir sîn an der rehten ger:
reht ist, daz er uns gewer.

Nû lât iuch des niht verdriezen,
daz ich noch gesprochen hân.
Ich wil iu die rede entsliezen
kurzlîch und iuch wizzen lân,
swaz got mit dem menschen ie
wunders in der werlt begie,
daz huop sich und endet hie.
Hochdeutsch:



19. April

WOLFGANG BORCHRT

Abschied

Lass mir deinen Rosenmund
noch für einen Kuss.
Draußen weiß ein ferner Hund,
dass ich weiter muss.

Lass mir deinen hellen Schoß
noch für ein Gebet.
Mach mich aller Schmerzen los!
- horch, der Seewind weht.

Lass mir noch dein weiches Haar
schnell für diesen Traum:
Dass dein Lieben Liebe war -
lass mir diesen Traum!




20. April

EVA VARGAS
...du Feine
ich liebe
und hasse dich
schöne Mehrzweckhure
deine Schenkel
die verwöhnten
die bewohnten
den Fluß dazwischen
früher wollte ich mal Schwan sein
fuhren wir bergauf
bis in dein Herz
das nicht käuflich
tausendmal verkauft wurde

...vermutlich
Feine
gehörst du unter den Ruinen der Welt
schon bald zu den best auf geschminkten Toten
touristenattraktiv
einladend
zur Leichenshow mit Feuerwerk

... aber jemand wie ich
wird aufbrechen
aus deinem Sterbebett
um die Liebe zu dir
vor Abbruch zu sichern.



21. April

KARL VALENTIN

Zwei Knaben stiegen auf einen Baum,
sie wollten Äpfel runterhaun;
am Gipfel drobn wurd's ihnen klar;
dass das a Fahnenstange war.



22. April

PETER HACKS

Der Herbst steht auf der Leiter
und malt die Blätter an,
ein lustiger Waldarbeiter,
ein froher Malersmann.

Er kleckst und pinselt fleißig
auf jedes Blattgewächs,
und kommt ein frecher Zeisig,
schwupp, kriegt der auch 'nen Klecks.

Die Tanne spricht zum Herbste:
Das ist ja fürchterlich,
die andern Bäume färbste,
was färbste nicht mal mich?

Die Blätter flattern munter
und finden sich so schön.
Sie werden immer bunter.
Am Ende falln sie runter.





23. April

CAROLINE VON GÜNDERODE

Der Luftschiffer

Gefahren bin ich in schwankendem Kahne
Auf dem blaulichen Ozeane,
Der die leuchtenden Sterne umfließt.
Habe die himmlischen Mächte begrüßt.
War in ihrer Betrachtung versunken,
Habe den ewigen Äther getrunken,
Habe dem Irdischen ganz mich entwandt,
Droben die Schriften der Sterne erkannt,
Und in ihrem Kreisen und Drehen
Bildlich den heiligen Rhythmus gesehen.

Aber ach! Es ziehet mich hernieder,
Nebel überschleiert meinen Blick,
Und der Erde Grenzen seh ich wieder,
Wolken treiben mich zurück.
Wehe! das Gesetz der Schwere
Es behauptet nun sein Recht,
Keiner darf sich ihm entziehen,
Von dem irdischen Geschlecht






24. April

KÄTHE KOLMAR

Ich werde sterben





Ich werde sterben, wie die Vielen sterben;
Durch dieses Leben wird die Harke gehn
Und meinen Namen in die Scholle kerben.
Ich werde leicht und still und ohne Erben
Mit müden Augen kahle Wolken sehn.

In Auschwitz ermorden die Deutschen sie, die nicht bereit ist,
aus Deutschland wegzugehen. Denn ihr alter, kranker Vater,
hochdekoriert als Offizier im 1. Weltkrieg, glaubt, dass
Deutsche sich nicht an einem deutschen Soldaten vergreifen
werden und die Tochter will ihn nicht im Stich lassen. So
gehen sie gemeinsam ins Gas.





25. April

FRITZ BÜGEL

Flüsterlied






Man sieht uns nicht, man kennt uns nicht,
Wir tragen keine Zeichen.
Die List des Feinds verbrennt uns nicht,
Er kann uns nicht erreichen.

Man fängt uns nicht, man hört uns nicht,
Wir leben nicht im Hellen.
Der Hass des Feinds zerstört uns nicht
Das Netz der stummen Zellen.

Wir spinnen unsre Fäden fort,
Das Netz wird immer dichter,
Von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort
Trotz Henker, Kerker, Richter.

Wir sind wie Atem, Luft und Wind,
Der Feind kann uns nicht greifen.
Er starrt sich seine Augen blind
Und fühlt nur, dass wir reifen.

Die heut im Grau des Dämmerlichts
Die schmalen Wege graben:
sie haben nichts, sie haben nichts,
Sie werden alles haben.




26. April

GÜNTHER WEISENBORN

Ahnung
Wer am Tisch sitzt und isst,
Hört schon vor der Tür
Die Schritte derer,
Die ihn hinaustragen werden.

Der die Lampe andreht, weiß
Seine Hand wird kalt
Wie die Klinke sein, Eh der Nächste die Lampe ausdreht.

Wer sich in der Frühe anzieht,
Ahnt, dass er Ostern
Mit diesem Anzug
Unter der Wiese liegt.

Wer den Wein trinkt, weiß,
Dieser Rausch wird
Sein Hirn nicht mehr erreichen,
Sondern auslaufen wie ein Ei.

Leicht ist der Schrei
Der eiligen Schwalben.
Sie sind rasch, aber rascher
Als sie ist das Ende.






27. April

ALFRED KERR

Die Illegalen

Die Welt erfährt kaum, wie sie heißen.
Sie schweben dahin, dunkel und licht.
Man will den Hut vom Kopfe reißen,
Sie tausendmal grüßen - sie sehn es nicht.
Sie schreiten und gleiten; Stürme tosen,
Manchen packt es, er lebt nicht mehr;
Doch lebt der Bund der Namenlosen,
Das unsichtbare Helferheer.
Die Folter droht, die Qual ist bitter -
Der Kampf geht weiter unbeirrt.
Sie sind die Heiligen und die Ritter
Des Menschenreichs, das kommen wird.
Uns ist die Heimat tief entehrt,
Längst hat sich mancher abgekehrt.
Wir sind Verbannte, Leid-Erkorene,
Ein Land erstirbt, ein Traum zerstiebt;
Ihr aber seid das Unverlorene,
Was wir an Deutschland einst geliebt.





28. April

GEORG MANNHEIMER

Ihr fragt

Ihr fragt, warum mein Lied so grau,
Ihr fragt, warum so wenig Blau,
Warum so wenig Sonne fällt,
In meine Lieder, meine Welt?
Ihr fragt, warum so wenig Blau,
Warum so wenig Sonne fällt?
So hört: MEIN VOLK IST MEINE WELT!
Und diese Welt ist grau, nur grau ....


29. April

LOUIS FÜRNBERG

Alt möcht ich werden



Alt möcht ich werden wie ein alter Baum,
mit Jahresringen, längst nicht mehr zu zählen,
mit Rinden, die sich immer wieder schälen,
mit Wurzeln tief, dass sie kein Spaten sticht.









In dieser Zeit, wo alles neu beginnt,
und wo die Saaten alter Träume reifen,
mag wer da will den Tod begreifen -
ich nicht!

Alt möcht ich werden wie ein alter Baum,
zu dem die sommerfrohen Wandrer fänden,
mit meiner Krone Schutz und Schatten spenden
in dieser Zeit, wo alles neu beginnt.

Aus sagenhaften Zeiten möcht ich ragen,
durch die der Schmerz hinging, ein böser Traum,
in eine Zeit, von der die Menschen sagen:
Wie ist sie schön! O wie wir glücklich sind
( Es war ihm nicht vergönnt, Fürnberg starb mit 48)




30. April

ALBRECHT HAUSHOFER

In Fesseln



Für den, der nächtlich in ihr schlafen soll,
So kahl die Zelle schien, doch reich an Leben
Sind ihre Wände, Schuld und Schicksal weben
Mit grauen Schleiern ihr Gewölbe voll.
Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt,
Ist unter Mauerwerk und Eisengittern
Ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern,
Das andrer Menschen tiefe Not enthüllt.
Ich bin der Erste nicht in diesem Raum,
In dessen Handgelenk die Fessel schneidet,
An dessen Gram sich fremder Wille weidet.
Der Schlaf wird Wachen, wie das Wachen Traum.
Indem ich lausche, spür' ich durch die Wände
Das Beben vieler brüderlicher Hände.