. wgsebald Zobel




Chorregent Zobel
(Campo Stanto S. 228ff)

Zu den von einer ersten Verschattung der Gefühle begleiteten moments musicaux, die ich bis heute nicht aus dem Sinn bringen konnte, gehört bezeichnenderweise auch eine stumme Szene. In dem einstöckigen Anbau des halbruinierten und nach dem Krieg aufgelassenen alten Bahnhofs von S. gab der Chorregent Zobel zweimal in der Woche am späten Nachmittag Musikunterricht. Besonders in den Wintermonaten, wenn ringsum alles schon finster war, bin ich auf dem Heimweg oft vor dem ehemaligen kleinen Wartesaal stehengeblieben und habe zugeschaut, wie drinnen in dem hellen Lampenlicht der Chorregent, eine schmale und etwas schief gewachsene Figur, die durch die Doppelfenster beinah bis zur Unhörbarkeit gedämpfte Musik dirigierte oder sich über die Schulter des einen oder anderen seiner Schüler beugte.

Der Musiklehrer und Chorregent Zobel ist übrigens auch Organist in der Pfarrkirche St. Michael gewesen, aus der er, als am Sonntag, dem 29. April 1945, während des Hochamts ein Volltreffer in den Turm einschlug, nur knapp mit dem Leben davonkam. Eine Stunde lang, so habe ich mir erzählen lassen, irrte der Chorregent dann noch zwischen den überall im unteren Ort explodierenden Bomben und einstürzenden Häusern herum, ehe er, von Kopf bis Fuß eingestäubt mit Gipsmehl, gerade beim Aufheulen des Entwarnungssignals als das Schreckgespenst quasi der über S. hereingebrochenen Katastrophe in die Krankenstube seiner seit Monaten schon darniederliegenden Gattin trat.

Ein gutes Jahrzehnt später - die Glocken hingen längst wieder in dem neu aufgemauerten Turm - bin ich während der Sonntagsmesse immer in die obere Empore hinaufgestiegen, um dem Chorregenten beim Orgelspiel zuzusehen.

Der Chorregent, der das vom Geheul der Gemeinde begleitete Abspielen der ewigselben zwei Dutzend Lieder mehr oder weniger im Schlaf absolvierte, kam jedesmal erst am Ende der Messe wieder zu sich, wenn er die Herde der Gläubigen mit einem von ihm in freier Phantasie auf der Orgel entfesselten Sturm gleichsam beim Kirchentor hinausfegte. Indem er in dem bald leeren und also doppelt hallenden Gotteshaus in der kühnsten, ja geradezu rückhaltlosesten Weise ein Motiv aus der Schöpfung Haydns, aus einer Bruckner-Symphonie oder einem anderen seiner Lieblingswerke variierte, bewegte sich sein schmächtiger Oberkörper gleich einem Metronom hin und her und vollführten seine spiegelblanken Lackschuhe, unabhängig vom Rest seiner Person, wie es mir schien, über den Pedalen einen regelrechten Pas de deux. Immer noch ein Register wurde gezogen, bis die von den Orgelpfeifen hervorgebrachten Schallwellen, wie ich manchmal befürchtete, das Weltgebäude selber zum Einsturz zu bringen drohten und, in einer letzten Übersteigerung der Akkorde, der Höhepunkt erreicht war, auf welchem der Chorregent mit einer seltsamen, ihn in diesem Augenblick unwillkürlich erfassenden Versteifung sozusagen schlagartig abbrach, um mit einem glückvollen Ausdruck in seinen Zügen eine Weile noch auf die nun in den zitternden Luftraum zurückflutende Stille zu horchen.















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