Als ich diese Karte,
sowohl des Bahnhofsbilds als auch der rückseitigen Botschaft wegen,
auf einer meiner langen Stadtwanderungen durch Manchester erstand,
war ich selber noch nie in Stuttgart gewesen.



Werkstatt






Meister des Triptychons







WIE DER SCHNEE AUF DEN ALPEN - UND BLIEB ICH AM ÄUSSERSTEN MEER - DIE DUNCKLE NACHT FAHRT AUS

BEYLE ODER DAS MERCKWÜRDIGE FAKTUM DER LIEBE - ALL'ESTERO - IL RITORNO IN PATRIA

THOMAS BROWNE - GEORGE WYNDHAM LE STRANGE - ROGER CASEMENT

CONRAD - EDWARD FITZGERALD - VICOMTE DE CHATEAUBRIAND

DR. HENRY SELWYN - PAUL BEREYTER - AMBROS ADELWARTH

DAFYDD ELIAS - MARIE DE VERNEUIL - AUSTERLITZ

GRÜNEWALD - STELLER - ICH

STENDHAL - ICH - KAFKA




Nach der Natur

Von einer Koinzidenz zweier oder mehrerer Ereignisse auf einen kausalen Zusammenhang zu schließen,
stellt logisch betrachtet einen Fehlschluss dar (cum hoc ergo propter hoc).
Dessen ungeachtet wird der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch manchmal verwendet,
um einen vermuteten kausalen Zusammenhang koinzidenter Ereignisse anzudeuten.
In der physiologischen Wahrnehmung heißen zwei Signale koinzident,
wenn ihr zeitlicher Unterschied geringer als eine vom Sinnesorgan abhängige Zeitspanne ist.






W. G. Sebald in einem Interview (2001):

The New Yorker 3.9.2001



Bayers Selbsttötung 1964 geschah nach einem Besuch bei der Gruppe 47, in der seine präsentierten Werke eine äußerst kritische Aufnahme gefunden hatten.

In Mythus der Zerstörung im Werk Döblins findet sich folgende Umschreibung des Schriftstellers: Denn ihm ist zugefallen in der Welt, in dieser Weltära einer überstolzen, armen und zerkämpften Menschheit, die trübe und tragische Zwischenfigur zu bilden, die er ist. Neben den wahrhaft Wissenden, den Heiligen, neben dem Wissenschaftler eines Wissensgebietes steht er dem Heiligen näher als dem Wissenschaftler, aber nicht nahe genug. (S. 79)
G. W. Steller ist - wenn man den Angaben im New-Yorker-Interview glaubt - Initiator der Schriftstellerei von W. G. Sebald. Der Naturforscher Steller steht - wie der Maler Grünewald im ersten Teil und der Gelehrte Sebald im dritten - im Mittelteil des elementaren Triptychon-Gedichts Nach der Natur im Mittelpunkt.
Grünewald reitet 1525 in die kleine fränkische Stadt Windsheim, wo die Reformation Einzug hält und der Bauernhaufen Florian Geyers und Gregors von Burgbernheim über den Markgrafen Kasimir siegt:





in der Werkstatt Jacob Secklers
ein kleines Gesprenge aus Weinlaub
und verschiedenen Vögeln abzuholen
.

Und hier erblickt 1709 Georg Wilhelm Steller das Licht der Welt, der sich, wie Grünewald, nach dem Studium der Theologie von der Religion ab- und den Naturwissenschaften zuwendet, an der Großen Kamtschatka-Expedition teilnimmt.
Erzbischof Theophon hat ihm sein pantheistisches Weltbild dargelegt, die Idee einer Gottesgenese auf einem Blatt muss den Botaniker Steller ebenso überzeugt haben wie den Schriftsteller Sebald Rousseau, dessen Exil auf der St. Petersinsel er 1965 besucht.

Theophon:
mit einem ganz kleinen,
gelben Psittig in der Hand auf ihn zutritt
und im Lauf einer lateinischen Konversation
ihm eine Sage aus dem Bezirk Dolji erzählt,
die berichtet, daß Gott auf einmal
und wie aus heiterem Himmel
auf einem Lungenkrautblatt entstand.




Rousseau:
Wir wollen die besonderen Endzwecke, die Mittel, die geordneten Verhätnisse aller Art vergleichen und darauf die innere Empindung anhören: Welcher gesunde Geist kann sich ihrem Zeugnis versagen, welchen unvoreingenommenen Augen kündigt die sichtbare Ordnung des Universums nicht ein höchstes intelligentes Wesen an, und was für Trugschlüsse muß man nicht aufeinanderhäufen, um die Harmonie der Wesen und die bewunderungswerte Zusammenstimmung eines jeden Teils zur Erhaltung der anderen zu verkennen?

Grünewald kommt aus Nürnberg, das 1943 in Flammen steht, wo Sebalds Mutter bemerkt, dass sie schwanger geworden ist, wo 1991 Sebald das Grab seines Namenspatrons besucht. Und die brennende Stadt auf dem Bild Altdorfers 'Lot mit seinen Töchtern' bringt ihn fast um seinen Verstand.



In der Nacht auf den 28. flogen
582 Maschinen einen Angriff
auf Nürnberg. Die Mutter,
die am anderen Morgen
nachhause ins Allgäu
zurückfahren wollte,
ist mit der Bahn bloß
bis nach Fürth gekommen.
Von dort aus sah sie
Nürnberg in Flammen stehn,
weiß aber heut nicht mehr,
wie die brennende Stadt aussah
und was für Gefühle sie
bei ihrem Anblick bewegten.
Sie sei, so erzählte sie neulich,
von Fürth aus am selben Tag noch
nach Windsheim zu einer Bekannten
gefahren, wo sie das Schimmste
abgewartet und bemerkt habe, daß
sie schwanger geworden sei.
Was die brennende Stadt betrifft,
so hängt im kunsthistorischen
Museum in Wien ein Bild Altdorfers,
auf dem Lot dargestellt ist
mit seinen Töchtern. Am Horizont
lodert ein furchtbares Feuer,
das eine große Stadt verdirbt.
Rauch steigt auf aus der Gegend,
an den Himmel schlagen die Flammen,
und im blutroten Widerschein
sieht man die dunklen
Fassaden der Häuser.
Im Mittelgrund ist ein Stück
grüne idyllische Landschaft,
und dem Beschauer zunächst
wird das neue Geschlecht
der Moabiter gezeugt.
Als ich dieses Gemälde
im vorvergangenen Jahr
zum erstenmal sah,
war es mir, seltsamerweise,
als hätte ich all das
zuvor schon einmal gesehen,
und wenig später hätte ich
bei einem Gang über
die Friedensbrücke fast
den Verstand verloren.




Schwindel.Gefühle

Ich bin kein Schriftsteller im eigentlichen Sinn des Wortes. Als ich mit einundzwanzig einen Roman geschrieben und ihn meiner Freundin vorgelesen habe, ist sie eingeschlafen; ich gab es also auf. Viele Jahre war ich nur akademisch tätig, allerdings habe ich immer Notizhefte geführt, in die ich sehr chaotische Eintragungen machte. Schwindel.Gefühle entstand dann aus einem Zufall. In einer Buchhandlung in Lausanne erstand ich Stendhals De l'amour, das in meinem Kopf eine Menge Resonanzen auslöste, weil darin viele italienische Ortsnamen vorkamen, die mir von Reisen, die ich als Kind in Italien gemacht hatte, vertraut waren. Kafkas Werk kannte ich gut, Stendhals nicht, und dennoch berührte mich sofort ein merkwürdiges Zusammentreffen: Stendhal wurde 1783 geboren, Kafka 1883; Stendhal hielt sich 1813 in Norditalien auf, Kafka 1913. Daraufhin schrieb ich zwei literarisch-biographische Aufsätze über die beiden Autoren, die ich miteinander konfrontieren wollte. Während ich noch schrieb, fiel mir plötzlich ein, daß ich 1980 ebenfalls durch Norditalien gereist war. Davon berichte ich in der langen Erzählung All'estero, die wie in einem Triptychon zwischen die Erzählungen über Stendhal und Kafka geraten ist. So baut sich das Buch auf. Im vierten und letzten Teil, Il ritorno in patria, beschwöre ich meine Kindheit in Wertach, einem Dorf im Allgäu, herauf. Es ist ein Versuch, ein emotionales Geschehen zu erklären, das ich Ende der 70er Jahre zum ersten Mal sehr bewußt bei mir entdeckte und erlebte: die Krise, die einen in der Mitte des Lebens überfällt. Ich wollte ihren Ursprung ergründen und habe den letzten Teil dann als eine Suche nach meinem Ich geschrieben.






Die Ausgewanderten

B: In allen vier Erzählungen taucht der Schriftsteller Vladimir Nabokov auf. Der Schmetterlingskundler Nabokov erscheint als »butterfly man«, sein Altersruhesitz in Montreux wird genannt, Ithaca (der Ort, an dem Nabokov Literatur lehrte) wird zum Sterbeplatz des Ambros Adelwarth. Stellt Nabokov, der in Sankt Petersburg geboren wurde und nach Berlin und Paris, in die USA und die Schweiz wanderte, für Sie den ideatypischen Ausgewanderten dar?
SEBALD: Er ist nicht deshalb in den Erzählungen, obwohl das natürlich eine naheliegende Vermutung ist. Der Grund liegt vielmehr darin, daß ich ein maßloser Bewunderer seiner Autobiographie bin, vor allem dieser ersten einhundert Seiten der vorrevolutionären Kindheit in Sankt Petersburg. Wie er dort auf dem Terrain der Erinnerung Türen aufmacht, das hatte ich zuvor noch nie gelesen. Die Nabokov-Auftritte haben aber auch mit meinem Literaturverständnis zu tun. Bei den Texten handelt es sich im Grunde um Realismus. Ich glaube allerdings, daß Realismus nur dann wirklich funktioniert, wenn er stellenweise über sich selbst hinausgeht - das heißt, wenn der Text mysteriöse Facetten hat, die in einem realistischen Text eigentlich nichts zu suchen hätten. Zudem glaube ich, daß der realistische Text sich ansatzweise in allegorisches Erzählen vorwagen darf, sich ansatzweise in Allegorien verdichten muß. Daher muß es solche halb greifbaren, halb abstrakten Figuren geben (wie den Schmetterlingsfänger), die eine bestimmte, nicht ganz zu durchschauende Funktion haben.
B: Sie arbeiten mit Quellenmaterial und Dokumenten; wie verläuft der Prozeß von der Recherche bis zum endgültigen Text?
SEBALD: Es ist ein langwieriger Prozeß. Aber mir macht das Recherchieren und das Herumreisen sehr viel Spaß. Man hat mich schon gefragt, ob das denn alles einfach so abgeschrieben sei. Das ist es beileibe nicht. Der Vorgang ist eine ziemlich komplizierte Destillationsarbeit gewesen: Ich brauche ungefähr zwanzig Seiten, um eine herauszuarbeiten. Wenn man dann daran feilt, stellen sich Figuren wie Nabokov von allein ein - die warten am Spielfeldrand und fragen: »Könnten wir nicht auch mal mitspielen?« An diesem Punkt setzt dann das Fiktive ein. Das sind die schönen Momente beim Schreiben, wenn man ein wenig Deus ex machina spielen darf.
B: Die Sprache des Erzählbandes scheint aus der Zeit der Jahrhundertwende zu stammen. Dafür sind Sie auch angefeindet worden. Ihre Sprache betreibe, so lautete der Vorwurf, eine Historisierung des Stoffs, was letztlich dem Vergessen das Wort rede. Wie reagieren Sie auf diese Vorwürfe?
SEBALD: Das ist doch eine etwas einfältige Betrachtung. Am meisten giftet mich an, wenn ich lese, mein Text habe eine »altmeisterliche Abgeklärtheit«. Ich meine: Das Handwerk muß stimmen, das Vokabular und die Sätze müssen möglichst komplex sein. Naiv kann man nicht mehr erzählen. Mit einer solchen Romanmaschine - etwa »sagte er zu ihr« -, bei der man ständig sieht, wie sich die Rädchen drehen, kann ich nicht mehr arbeiten. Da hat Thomas Bernhard mit seinem »periskopischen« Erzählen ein großes Beispiel abgegeben. Das Vokabular ist vielleicht etwas eigenartig - in dem Sinn, daß es regionale Anklänge hat. Das hat sicherlich damit zu tun, daß ich dieses Land mit 21 Jahren verlassen habe und diesen frühen Wortschatz im Gepäck mitgenommen habe.
B: Sie scheinen das 19.Jahrhundert ohnehin sehr zu schätzen.
SEBALD: Da kommen auch die literarischen Vorbilder ins Spiel. Ich will nicht verschweigen, daß ich Johann Peter Hebel und Gottfried Keller für ganz große Erzähler halte.
B: Dennoch gibt es ja die Gefahr, daß die Sprache hinter dem Sujet herhinkt, ein Erzähler sich zu behaglich in seiner schrulligen Sprache einrichtet, dem Grauen gar nicht mehr gerecht werden kann. Denken Sie an Kempowskis »bürgerliche Romane« oder auch an Tilman Spenglers Lenins Hirn.
SEBALD: Diese Gefahr existiert. In meinen Erzählungen entsteht aber die Spannung gerade daraus, daß der Text an der Oberfläche ruhig dahingeht, er jedoch Material transportiert, das dem völlig zuwiderläuft. Wenn Sie also eine Schockbehandlung wie im Falle des Ambros ...
B: ... Ambros Adelwarth, der an seinem Lebensabend in einem Sanatorium in Ithaca mit Elektroschocks behandelt wird und daran zu Tode kommt...
SEBALD: ... in diesem Ton beschreiben, dann ist gerade hier eine Stelle erreicht, an der sich etwas beim Lesen ereignet. Eine hochdramatische Stelle zu einer Elektroschockbehandlung zu schreiben ist keine Kunst.
B: Ihre Texte leben unter anderem davon, daß neben der Sprach- auch eine Bildebene existiert. Wie wichtig sind diese visuellen Elemente?
SEBALD: Ganz wichtig. Jeder Erzähler hat das Bedürfnis, seinen Wissensstand zu beglaubigen. Diesen Legitimationsdrang finden Sie im 19. Jahrhundert immer wieder, wenn der Erzähler darlegt, wo er ein Manuskript gefunden habe und daß alles der Wahrheit entspreche. Zudem haben Fotos, die man zufällig findet, immer etwas von abgeschiedenen Seelen in sich. Der französische Literaturkritiker Roland Barthes hat bei seinen Bemerkungen über die Fotografie Wunderbares darüber geschrieben, wie diese toten Seelen auf den Fotos einen anflehen: »Sag doch mal etwas zu uns!«
B: Dennoch hat man Ihnen gerade diese Abbildungen verübelt.
SEBALD: Ja, da gibt es dann halt solche Männer wie Reich-Ranicki, die überhaupt nicht wissen, was das Ganze soll, weil sie sich nie mit diesen Dingen beschäftigt haben.



Die Ringe des Saturn

Es geht eben um Stationen. Wenn man von hier nach Altötting oder nach Santiago de Compostela pilgert, geht es nicht primär ums Ankommen, sondern darum, einen langen Weg zu machen und dabei gewisse Stationen zu absolvieren, wobei das Ganze eine kontemplative Übung ist. Es hat den Aspekt von pélerinage, daß man geht und zugleich denkt. Es geht also nicht darum, an ein christliches oder in irgendeiner Weise spirituelles Ziel zu gelangen - sondern darum, auf eine bestimmte Weise zu gehen und zu sehen.
...
Es gab in der Tat keine These. Ich hatte auch, als ich da runter nach Suffolk ging, überhaupt nicht die Absicht, etwas zu schreiben. Ich wollte nur eine Zeitlang in einer Umgebung sein, die mit meiner Arbeit, meinem Haus und allem, was daran hängt, nichts zu tun hat. Und dann aber sieht man dieses und sieht jenes, und im Kopf beginnen sich die Räder zu drehen. Landschaft ist heute nicht mehr nur Landschaft, sondern sie trägt an sich schon Zeichen der Zerstörung - durch die Agrikultur, dieses riesige Atomkraftwerk, von dem aus sich die Überlandleitungen wie ein Netz bis in den englischen Westen ziehen. Man sieht also, wohin man sich auch wendet, etwas, was man als beunruhigend empfindet, weil es in eine finstere Vergangenheit weist - oder in eine düstere Zukunft. Das akkumuliert sich dann so nach und nach. Dazu kommt, daß der Geschichtsprozeß, den man ohnehin im Kopf mit sich herumträgt, sowieso eine einzige fortgesetzte Serie von Kalamitäten ist. Geschichte besteht ja aus Schlachten und dem gegenseitigen Sichumbringen. Aber selbst das hätte wahrscheinlich nicht ausgereicht, weil einem das ja bekannt ist. Es kam hinzu, daß es mir persönlich zu der Zeit, zu der sich das Buch in meinem Kopf entwickelte, sehr, sehr schlechtging, daß es vielen Leuten unmittelbar um mich herum sehr schlechtgegangen ist, daß darüber hinaus - wie am Anfang des Buches angedeutet und in zwei Geschichten exemplarisch gezeigt wird - nahe Freunde und Kollegen sterben. Gestern abend habe ich vom letzten erfahren müssen, einem Schulfreund von mir, der für die ARD als
foreign correspondent gearbeitet hat - das ist jetzt, glaube ich, der vierzehnte Tote in etwas mehr als einem Jahr.

Die Heide von Dunwich - Sebalds literarisches Äquivalent zu Hieronymus Boschs Gemälden:

Es war ungewöhnlich dunkel geworden und schwül, als ich am Mittag nach einer Rast am Strand zu der einsam über dem Meer gelegenen Heide von Dunwich hinaufstieg. Die Entstehungsgeschichte dieser traurigen Gegend ist eng verbunden nicht nur mit der Bodenbeschaffenheit und den Einflüssen des ozeanischen Klimas, sondern, in weit entscheidenderem Maße, mit der über viele Jahrhunderte, ja über Millennien fortschreitenden Zurückdrängung und Zerstörung der dichten Wälder, die nach der letzten Eiszeit sich ausgebreitet haben über das gesamte Gebiet der britischen Inseln.
...
Wie zuvor die Wälder in unregelmäßigen Mustern den Erdboden kolonisiert hatten und allmählich zusammenwuchsen, so fraßen sich jetzt in ähnlich unregelmäßiger Weise immer weiter sich ausdehnende Aschenfelder in die grüne Laubwelt hinein.
...
In die unablässig in meinem Kopf sich drehenden Gedanken verloren und wie betäubt von dem wahnsinnigen Blühen, wanderte ich auf der hellen Sandbahn dahin, bis ich zu meinem Erstaunen, um nicht zu sagen zu meinem Entsetzen, mich wiederfand vor demselben verwilderten Wäldchen, aus dem ich vor etwa einer Stunde oder, wie es mir jetzt schien, in irgendeiner fernen Vergangenheit hervorgetreten war. Der einzige Orientierungspunkt auf dieser baumlosen Heide, eine sehr seltsame Villa mit einem rundum verglasten Aussichtsturm, die mich absurderweise an Ostende erinnerte, hatte sich, wie mir nun erst bewußt wurde, während meines achtlosen Dahingehens immer wieder unter einer völlig unerwarteten Perspektive bald in der Nähe, bald weiter entrückt, bald links, bald zu meiner Rechten gezeigt, ja einmal war der Aussichtsturm sogar innerhalb kürzester Frist gleichsam wie durch eine Rochade von der einen Seite des Gebäudes auf die andere geraten, ganz als hätte ich unversehens statt der wirklichen Villa ihr Spiegelbild vor mir. Gesteigert wurde meine Verwirrung im übrigen dadurch, daß die Wegweiser an den Gabelungen und Kreuzungen, wie ich beim Weitergehen mit zunehmender Irritation feststellte, ausnahmslos unbeschriftet waren und daß statt einer Orts- oder Entfernungsangabe immer nur ein stummer Pfeil in diese oder jene Richtung deutete.
...
Monate nach diesem mir bis heute unbegreiflich gebliebenen Erlebnis bin ich in einem Traum abermals auf der Heide von Dunwich gewesen, bin wieder über die unendlich verschlungenen Wege gegangen und habe wieder nicht aus dem, wie ich glaubte, eigens für mich angelegten Irrgarten herausgefunden. Todmüde und schon bereit, mich irgendwo niederzulegen, gelangte ich bei Einbruch der Dämmerung an einen etwas erhöhten Platz, auf dem genau wie in der Mitte des Eibenlabyrinths von Somerleyton ein kleiner chinesischer Pavillon errichtet war. Und als ich von diesem Aussichtsposten hinabblickte, sah ich auch das Labyrinth selber, den hellen Sandboden, die scharf abgezirkelten Linien der mehr als mannshohen, fast schon nachtschwarzen Hecken, ein im Vergleich mit den Irrwegen, die ich zurückgelegt hatte, einfaches Muster, von dem ich im Traum mit absoluter Sicherheit wußte, daß es einen Querschnitt darstellte durch mein Gehirn. Jenseits des Labyrinths zogen die Schatten über den Rauch der Heide, und dann traten nacheinander die Sterne hervor aus der Tiefe des Luftraums.
Night, the astonishing, the stranger to all that is human, over the mountain-tops moumful and gleaming draws on. Es war, als befände ich mich am obersten Punkt der Erde, dort, wo der Winterhimmel immer nur stillsteht und funkelt; als wäre die Heide im Frost erstarrt, und als schlummerten in den Sandkuhlen Kreuzottern, Vipern und Eidechsen aus durchsichtigem Eis. Überall sah ich von dem Ruhebänklein des Pavillons aus hin, weit über die Heide hinaus in die Nacht. Und ich sah, daß von der Küste nach Süden hinunter ganze Landesteile abgebrochen und in den Wellen versunken waren. Die belgische Villa schwankte bereits über dem Abgrund, während in der Glaskanzel des Aussichtsturms ein dickleibiger Mensch in einer Kapitänsuniform noch mit hastigen Bewegungen an einer Scheinwerferapparatur hantierte, deren stark zentrierte, durch die Dunkelheit tastende Lichtkegel mich erinnerten an den Krieg.
...
Auf einer Insel draußen auf dem fahlen Meer zeichnen die Umrisse des einem Mausoleum gleichenden Magnox-Blocks des Kraftwerks von Sizewell sich ab, dort, wo man die Doggerbank vermutet, wo einst die Heringsschwärme laichten, wo früher noch, vor langer Zeit, das Rheinstromdelta war und wo im Schwemmsand grüne Auen wuchsen.





Austerlitz


Manuskript Austerlitz





Rucksack Austerlitz




Illustrationen Austerlitz




Biografie Austerlitz




Fotos Austerlitz



Logis in einem Landhaus





Kleist-Haus auf der Aare-Insel



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